Die Bedeutung von Geschlechterkonstruktionen in Bernhard Schlink's Roman "Der Vorleser"

Versuch einer Analyse und Decodierung


Seminararbeit, 2014
23 Seiten, Note: Sehr Gut (1)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Quellenkritik und Forschungsübersicht

2 Der Vorleser. Eine Betrachtung aus der Genderperspektive
2.1 Inhaltsangabe
2.2 Geschlecht und Analphabetismus als Gestaltungsmittel von Opfer- und Täterschaft
2.2.1 Wissenschaftliche Grundsatzdebatten über den Vorleser. Die Frage einer sympathischen oder unsympathischen Täterin
2.2.2 Geschlechterkonstruktionen und ihre Funktionen im Roman. Versuch einer Decodierung
2.3 Gerichtliche und medial vermittelnde Bilder ehemaliger KZ-Aufseherinnen. Eine Vergleichsstudie zu den Parallelen und Differenzen zwischen den angeklagten Frauen beim Vorleser und den real verurteilten Täterinnen

3 Resümee

4 Quellenverzeichnis
4.1 Primärliteratur
4.2 Filme
4.3 Zeitungsartikel

5 Literaturverzeichnis
5.1 Sekundärliteratur
5.2 Internet

1. Einleitung

Die Bedeutung von Literatur als Vermittlungsmedium von Geschichte ist unumstritten. Neben der Sprach- und Literaturwissenschaft ihre innewohnende Methodologie und Theoriekonzepte, die bereits zum festen Bestandteil der Geschichtswissenschaft wurden (Stichwort: linguistic turn), besitzt die Literatur in Gestalt von Belletristik, Theaterstücken, Dramen und Gedichten eine immense Bedeutung als geschichtsbildendes Medium. Vermischungen von Fakten und Fiktion bilden hierin das große Ganze vereint auf einer Erzählebene, die weitaus spannender, weitaus emotionaler und durch schnellwechselnde Perspektivabläufe erzählender Charaktere geschieht, als das in klassischen Geschichtsschreibung der HistorikerInnen der Fall ist. Die geschichtswissenschaftliche Literatur proklamiert einen Realitätsanspruch, größtmögliche Objektivität und Distanziertheit durch Parteilosigkeit und Standortgebundenheit zum Geschehenen, verbunden mit der kritischen Auseinandersetzung mit Quellen und Literatur zum Thema, womit ein hohes Maß an historischer Glaubwürdigkeit suggerieren werden soll. Der Preis für das Einhalten der wissenschaftlichen Maßstäbe liegt im schwieriger werdenden Verständnis sowie dem Authentizitätsempfinden des Dargestellten, weil eben viele historische Geschehnisse insbesondere jene mit Gewalterfahrungen, mit hoher Emotionalität verbunden sind, was sich etwa in den Bereichen Erinnerungskulturen und Gedächtnislandschaften sowie Identitätskonstruktionen manifestiert. Diese Lücke zu schließen macht sich die Fiktion in Gestalt von Literatur und Filmen zur Aufgabe. Sie erreicht dabei auch ein weitaus größeres Publikum als die Geschichtswissenschaft, aber – und hier kommt der Knackpunkt zum Tragen – ist das überhaupt sinnvoll? Bleibt der Aussagewert der Geschichtsschreibung noch derselbe oder wird er dadurch entscheidend abgeschwächt?

Ein Paradebeispiel für Auseinandersetzung von Fakten und Fiktion und der Bedeutung ihrer Ausdifferenzierung ist Bernhards Schlink's Roman Der Vorleser 1. Ein Buch das die deutsche Nachkriegsgeschichte und den stattfindenden Generationskonflikt zwischen der TäterInnen Generation (folgend nur noch Tätergeneration) und deren Kindern thematisiert und durch eine fiktionale Erzählung von Scham, Schuld und Sühne der deutschen Nachkriegsgesellschaft an den Verbrechen des Nationalsozialismus sowie Sexualität und Verlust der ersten großen Liebe reflektiert. Diese Themenschwerpunkte bieten ein hohes Maß an Emotionalität und erklären vielleicht auch deshalb den großen – internationalen – Erfolg des Buches.2 Inhaltlich geht es im Grunde um eine Liebesgeschichte zwischen dem fünfzehnjährigen Michael Berg und die um zwanzig Jahre ältere Hanna Schmitz. Die Frage nach Geschlechterkonstruktionen, welche in fiktionale Medien generell einen hohen Stellwert besitzen, bekommt somit eine bedeutende Rolle zugewiesen, weshalb sich die Hauptaufgabe dieser Seminararbeit mit der Decodierung der Verknüpfungen von Geschlecht, Nationalsozialismus, TäterInnen- und OpferInnenschaft (folgend nur noch Täter- bzw. Opferschaft) beim Vorleser und der Sichtbarmachung der Trennungsmomente von historischer Faktenbezogenheit und künstlerischer Fiktionalisierung, beschäftigt. Der Fokus liegt dabei vor allem auf der Ergründung der Frage: Inwiefern Bernhard Schlink Geschlechterkonstruktionen und gängige „Charakterbilder“ von KZ-Aufseherinnen verwendet hatte, um ein Täterinnenbild zu entwerfen, dessen Abgrenzung zum Opferstatus verschwommen bzw. aus analytischer Sichtweise nicht eindeutig genug erscheint.

Auf folgende Fragen soll deshalb versucht werden, Antworten zu finden:

-Welche gängigen Bilder von KZ-Aufseherinnen wurden in deutschen Medien und Gerichten konstruiert und inwiefern unterscheidet sich die Figur der Hanna Schmitz davon bzw. passt sich diesen Bildern an?
-Inwiefern waren diese Bilder für die Verteidigungsstrategien in NS-Strafverfolgungsprozessen entscheidend gewesen?
-Welche Bedeutung erhält der Roman durch die Festlegung einer (analphabetischen) Frau als Täterin und eines Jugendlichen als Opfer, vor allem in Anbetracht einer geschlechtsspezifischen Analyse der im Buch vertretenden Generationen?
-Warum fiel die Wahl auf eine Frau als Täterin? Was würde passieren, wenn die Geschlechter- und somit auch Opfer- und Täterrollen vertauscht werden?

Anhand des vorhandenen Quellen- und Literaturmaterials soll versucht werden diese Fragestellungen zu beantworten. Der Aufbau meiner Arbeit gliedert sich dabei wie folgt: Zuerst findet eine kurze Auseinandersetzung über den doch recht umfangreichen wissenschaftlichen Pro und Kontra Diskurs, bezüglich einer positiv konnotierten und damit sympathieerregenden Täterin, statt. Obwohl das primäre Ziel, im Gegensatz zu den meisten DiskursakteurInnen, nicht darin bestehen wird zu einem finalen Urteil zu gelangen, ob Hanna Schmitz eine mehr positive oder mehr negativ besetzte Täterin ist, so bin ich jedoch der Meinung, dass diese Auseinandersetzung wesentlich ist, um die volle Bedeutung der Geschlechterkonstruktionen im Buch erfassen und auch nachvollziehen zu können. Im Anschluss werden die Geschlechterkonstruktionen im Roman und den damit verbundenen Determinierungen und Verschiebungen von Opfer- Täterschaft näher untersucht. Abschließend soll eine vergleichende Gegenüberstellung von den historisch überlieferten und den bei Schlink dargestellten Fällen von „Charakterbildern“ und Sterotypisierungen vormaliger KZ-Aufseherinnen und den sich daraus ergebenden Verteidigungsstrategien bei NS-Kriegsverbrecherprozessen gemacht werden.

Dadurch dass der Vorleser, wie schon erwähnt, ein millionenfach verkaufter Bestseller war, der außerdem durch eine Hollywoodproduktion (The Reader)3 verfilmt wurde, ist dieser mehrfach und unter Anbetracht verschiedener Themenschwerpunkte, Gegenstand von wissenschaftlichen Untersuchungen geworden. Es soll nochmals eindringlich darauf hingewiesen werden, dass in dieser Arbeit der Fokus ausschließlich auf die Darstellungsmuster von Geschlechterkonstruktionen und deren Bedeutung für das Zeichnen von Opfer- und Täterschaft liegen, und daher auf alle anderen viel rezipierten Themenschwerpunkte der Vergangenheitsbewältigung, wie der Frage nach Scham, Schuld und Sühne, sowie des deutschen Generationskonflikts der Nachkriegsgeschichte nicht näher bzw. nur im Zusammenhang mit den vorgegebenen Themenschwerpunktes eingegangen werden kann.4

Einen Überblick zur verwendeten Forschungsliteratur sowie ein kurzer Einblick in das verwendete Quellenmaterial erfolgt, weil etwas ausführlicher, in einem eigenen Abschnitt.

1. 1. Quellenkritik und Forschungsübersicht

Hauptquelle der Arbeit ist naturgemäß der Roman selbst. Darüber hinaus war es notwendig erkenntnisrelevante Texte zu finden (Interviews und Berichte unter anderem), in denen Bernhard Schlink Auskünfte über Ideen, Hintergründe und Ziele seines Werkes gab. Die beiden verwendeten Zeitungsinterviews5 geben dahingehend wichtige Informationen und trennen zudem deutlich zwischen Buch und der späteren Verfilmung.

Die andere wichtige Quellengattung auf die mehrfach, aufgrund ihrer immensen Bedeutung im fiktionalen Bereich, zurückgegriffen wurde, waren Spielfilme. Ein Gutteil der von mir verwendeten Forschungsliteratur, welche den Stellenwert von Geschlechterkonstruktionen in fiktionalen Medien untersuchte, stützt sich auf Filme anstatt Romanen. Filme eignen sich in der Verwendung von Genderstereotypen, aufgrund ihrer zusätzlichen audiovisuellen Komponente, weitaus besser für die Durchführung gewisser funktionaler Aufgaben (z.B. Veranschaulichung von „Gut und Böse“, Täter- Opferschaft, usw.) als schriftliche Werke. Dennoch konnten (können) viele Strategien die in Filmen zur Anwendung kamen (kommen), auch beim Vorleser nachgewiesen werden.

Die übrige Forschungsliteratur lässt sich im Großen und Ganzen in zwei Gruppen unterteilen. Die eine beinhaltet themenbezogene Arbeiten, welche sich explizit mit Schlink's Roman auseinandersetzen und Parallelen zu historischen Prozessen und Entwicklungen ziehen. Die Fülle dieser Arbeiten ist mannigfaltig und konnte unmöglich in ihrem Gesamtvermögen berücksichtigt werden.6 Daneben war es wichtig Arbeiten herauszufiltern, die sich entweder bewusst mit dem Thema Gender im Roman auseinandersetzen, wie im Falle von Joseph Metz,7 oder explizit den Diskurs einer positiv oder negativ konnotierten Täterin thematisieren, wie Cynthia Ozick und Jeffrey Roth.8 Die andere Gattung der Sekundärliteratur beschäftigt sich speziell mit den Wahrnehmungen, Klischees und „Charakterbildern“ von KZ-Aufseherinnen sowie deren Bedeutung und Nutzbarmachung für Verteidigungsstrategien derselben bei Strafverfolgungsprozessen. In diesen Beiträgen ist es wichtig zu berücksichtigen, dass sich der chronologische Verlauf, die Frage von (staatlicher) gerichtlicher Zuständigkeit und die Berücksichtigung des Einzelfalles per se, ständige Veränderungen in den Wahrnehmungs- und Darstellungsmustern der Täterinnen hervorriefen.9

2 Der Vorleser. Eine Betrachtung aus der Genderperspektive

2.1 Inhaltsangabe

Der Vorleser handelt von Michael Bergs retrospektiver Lebensgeschichte, den nie verarbeiteten Verlust seiner Jugendliebe zu der älteren Frau und ehemaligen NS-Kriegsverbrecherin Hanna Schmitz. Der Romanaufbau erfolgt chronologisch und ist in drei periodische Abschnitte unterteilt.

Die Geschichte beginnt als der fünfzehnjährige Michael an Gelbsucht erkrankt ist, und eines Tages nachdem er sich auf der Straße übergeben musste von der Passantin, Hanna Schmitz, Hilfe erhielt. Nachdem er sie später in ihrer Wohnung besuchte und sich für ihre Hilfe bedanken wollte, konnte er sie, im Stile eines Voyeurs, durch eine offene Tür im Flur beim Umziehen beobachten, wodurch er sexuell erregt wurde. Voller Scham rannte er weg. Jedoch als er die Frau erneut besuchte, um sich für sein Verhalten zu entschuldigen, wird er, nachdem er für Hanna Kohlen aus dem Keller geholt hatte, von ihr verführt. Es entwickelt sich nun eine innige Liebesaffäre mit einem ganz besonderen Liebesritual, das aus „Vorlesen, duschen, lieben und noch ein bißchen beieinanderliegen […]“10 bestand. Michael wird immer stärker abhängig von Hanna, doch eines Tages verschwand sie plötzlich.

Jahre später als Michael als Rechtswissenschaftsstudent an einem Seminar teilnahm, in dessen Rahmen die Studenten ein Prozessverfahren gegen ehemalige KZ-Aufseherinnen besuchen und analysieren mussten, sah er Hanna als eine der Angeklagten wieder. Dabei erfährt Michael, dass Hanna als KZ-Aufseherin tätig gewesen war und an den Selektionen der Gefangen, die infolgedessen nach Auschwitz deportiert wurden, mitgewirkt haben soll. Michael entschlüsselte aber gleichzeitig, dass Hanna Analphabetin ist, und deshalb unmöglich in der Lage war, alle gegen sie erhobenen Anklagepunkte begangen zu haben. Hanna gab ihr Geheimnis nicht preis und Michael, der sichtlich im Gefühls- und Gewissenskonflikt mit sich selbst ist, schaffte es letztlich nicht dem Gericht die Wahrheit zu gestehen, sodass Hanna lebenslänglich verurteilt wurde.

Michael konnte auch in der Folgezeit nicht aufhören an Hanna zu denken. Seine Ehe ging kaputt und nie mehr konnte er eine glückliche Beziehung führen. Irgendwann begann er auf Kassetten für Hanna vorzulesen und schickte ihr diese ins Gefängnis. Durch den neuen Kontakt beflügelt, begann Hanna während ihrer Haft lesen und schreiben zu lernen. Einige Jahre später wurde Michael von der Anstaltsleiterin kontaktiert und gebeten, Hanna, die in kürze entlassen werden sollte, bei der gesellschaftlichen Resozialisierung zu unterstützen. Kurz vor Hannas Entlassung besuchte Michael sie zum ersten Mal, und musste feststellen, neben seiner sichtlichen Enttäuschung ihrer physischen Erscheinung, dass sie keine Antworten auf ihre begangenen Taten geben wollte. Am Tag vor ihrer Entlassung erhängte sich Hanna im Gefängnis. Ihre ganze Hinterlassenschaft sollte an die überlebenden Holocaustopfer gelangen, die im Prozess gegen sie ausgesagt hatten. Michael erfuhr, letztlich, dass sich Hanna, nachdem sie während ihrer Haft lesen gelernt, bis zum Schluss mit zahlreicher Literatur zum Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust auseinandergesetzt hatte.

2.2 Geschlecht und Analphabetismus als Gestaltungsmittel von Opfer- und Täterschaft

2.2.1 Wissenschaftliche Grundsatzdebatten über den Vorleser. Die Frage einer sympathischen oder unsympathischen Täterin

In einem Zeitungsinterview mit der Frankfurter Allgemeine(n) im Jahre 2009, erzählte Bernhard Schlink, dass er bereits in der Phase der gedanklichen Niederschrift des Vorlesers, sich festgelegt hatte, eine Frau die Rolle der Täterin zu geben, die darüber hinaus Analphabetin ist.11 Obwohl der Autor im gleichen Interview bekundete, dass er primär über seine Generation, jene der Nachkriegskinder und deren Auseinandersetzung mit ihren Eltern – der NS-Tätergeneration – in (West)Deutschland schreiben wollte, und sich die Liebesgeschichte erst im Laufe des Schreibprozesses entwickelt hätte,12 implizieren diese Aussagen jedoch deutlich, dass der Rechtswissenschaftler bewusst auf Genderstereotype für die Konstruktion von Opfer Täterschaft in seinem Roman zurückgegriffen hatte. Demnach stellt sich umso drängender die Frage, welche Bedeutung besitzt eine attraktiv wirkende und eigenwillig auftretende NS-Täterin, die einen fünfzehnjährigen (!) Jugendlichen verführt, aber gleichzeitig auch unsicher und durch die Verheimlichung ihres Analphabetismus emotional geschädigt erscheint, in Hinblick ihrer Rezeption durch die LeserInnen?

Um diese Frage zu beantworten empfiehlt es sich zuallererst den Roman nicht als Einzelfall, sondern als Teilstück der jüngsten historischen Belletristik zu betrachten und einzuordnen. Richard Crownshaw verwies diesbezüglich auf einen erkennbaren Trendwandel, der schon in den letzten Jahren in diesem Genre stattgefunden hatte, nämlich dem Ansteigen der „einfühlsamen“ bzw. in der Wahrnehmung der LeserInnen, Mitleid hervorrufenden TäterInnencharaktere.13 Genau dieser Effekt ist auch bei der Figur Hanna Schmitz durch ihre Doppelviktimisierung als Frau und Analphabetin erkennbar, wodurch ihr Täterprofil letztendlich eine – vermeintliche14 – Abmilderung erfährt.

Interessant ist auch dass in der Majorität der negativen Kritiken zum Vorleser,15 insbesondere die Darstellung des Analphabetentums und weniger die Personifizierung von Täterschaft durch das weibliche Geschlecht hervorgehoben wurde. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist die amerikanische Schriftstellerin Cynthia Oszick. Sie kritisierte, dass der fundamentale Unterschied zwischen Geschichtswissenschaft und historischen Romanen beim Vorleser, v.a. hinsichtlich der Frage seiner Rezeption durch die LeserInnen, nicht deutlich genug gezogen wurde. Für Oszick sind sowohl Hanna als auch Michael keine Einzelfiguren, sondern Repräsentanten ihrer jeweiligen Genrationen. Daher ist für sie die Darstellung einer ungebildeten KZ-Aufseherin, gleichzeitig eine versuchte Implikation eines ungebildeten und somit für den Nationalsozialismus anfälligen Deutschlands, was aber bei einem Land dessen Nationalbewusstsein (damals wie heute) stark auf dem Kriterium der Kulturnation beruht(e), einem Land das noch vor dem Zweiten Weltkrieg den vermeintlich höchsten Alphabetisierungsgrad Europas besessen hatte, nunmehr einer bizarren Geschichtsauslegung gleichkäme und somit lediglich ein Versuch der Schuldlinderung der NS-TäterInnen deren KomplizInnen und letztlich Deutschlands wären.16 Diese Theorie fand gleich wie Schlinks Roman sowohl Zustimmung als auch deutliche Ablehnung. Der Autor selbst widersprach energisch:

„Es gibt eine Reihe krasser Fehldeutungen [in Bezug auf den Vorleser (Anm. d. A.)]. Als würde ich meinen, weil Hanna Schmitz Analphabetin ist, sei sie nicht schuldig. Als würde ich meinen, wenn man nur gebildet ist, sei man auch moralisch. Als würde ich meinen, indem Hanna Schmitz zu lesen gelernt hat, habe sie ihre Schuld begriffen und sei geläutert. […] Vermutlich wusste Cynthia Ozick nicht, dass es hier [in Deutschland (Anm. d. A)] zum Allgemeinwissen über das Dritte Reich gehört, dass in Einsatzgruppen Akademiker überproportional vertreten waren und dass Hanna vor diesem Hintergrund keine typische Täterin sein kann. [...]“.17

[...]


1 SCHLINK Bernhard, Der Vorleser, Zürich 1995.

2 „Der Vorleser wurde in mehr als 40 Sprachen übersetzt und weltweit millionenfach verkauft. In vielen deutschen Schulen gilt er als Pflicht- und Arbeitslektüre ab der Oberstufe, und genießt somit einen ähnlichen pädagogischen Stellenwert, wie William Golding's Roman „ Lord of the Flies “ in Groß Britannien. Vgl. SCHÄFER Dietmar, Der Vorleser – Bernhard Schlink. Inhalt, Hintergrund, Interpretation. München 2007; Vgl. GOLDING William, Lord of the Flies. Educational Edition. London 2012.

3 The Reader (Der Vorleser). Spielfilm, USA / Deutschland 2008. Regie: DALDRY Stephen, Drehbuch: HARE David, Produktion: MINGHELLA Anthony / GIGLIOTTI Donna / POLLACK Sydney [u..a].

4 Folgende Arbeiten setzen sich insbesondere mit den genannten Themen auseinander. BENTHIEN Claudia, Eine Analyse der Scham- und Schuldproblematik in Bernhard Schlinks Der Vorleser. p. 1-23; http://maikatze.de/grafik/Vorleser.pdf [Abruf: 03.06.2013]; MINDE Richard, Schuld, Scham und die Folgen in Bernhard Schlink’s Der Vorleser. ungedr. Dipl-Arb. Bergen 2011.

5 KILB Andreas, Im Gespräch: Bernhard Schlink. Herr Schlink, ist der Vorleser Geschichte? In: „Die Frankfurter Allgemeine“ vom 20. Februar 2009, w. p; O. A., Gegen die Verlorenheit an sich selbst. In: „Die Welt“ vom 03. April 1999, w. p.

6 Beispiele hierfür sind u.a. Werke die den deutschen Generationskonflikt mit anderen nationalen Generationskonflikten vergleichen (u.a. Südafrikas Umgang mit dem Apartheid Regime). Vgl. SLABBERT Melodie Nöthling, Memory, History and Guilt in Bernhard Schlink's Der Vorleser. p. 1-23; http://uir.unisa.ac.za/bitstream/handle/10500/3941/funda_v15_n2_a6.pdf?sequence=1 [Abruf: 13.06.2013]; oder der Frage wie Schlink mit dem Thema Vergangenheitsbewältigung in seinen restlichen Werken umging; Vgl. MUELLER Agnes C., Forgiving the Jews for Auschwitz? Guilt and gender in Bernhard Schlink's Liebesfluchten. In: The German Quarterly 80. Jg. (2007) H 4, p. 511-530.

7 METZ Joseph, "Truth Is a Woman". Post-Holocaust Narrative, Postmodernism, and the Gender of Fascism in Bernhard Schlink's "Der Vorleser". In: The German Quarterly 77. Jg. (2004) H 3, p. 300-323.

8 OZICK Cynthia, The Rights of History and the Rights of Imagination. w. p;http://www.commentarymagazine.com/article/the-rights-of-history-and-the-rights-of-imagination/ [Abruf: 31.05.2014]; Vgl. ROTH Jeffrey I., Reading and Misreading The Reader. In: Law and Literature Vol. 16. (2004) No. 2, p. 163-177.

9 Eine ausführlichere Beschreibung findet sich im Kapitel 2.3.

10 Zit. n. SCHLINK, 1995, p. 43.

11 KILB, „Frankfurter Allgemeine“ 2009, w. p.

12 ebd.

13 CROWNSHAW Richard, Perpetrator Fictions and Transcultural Memory. In: Parallax Vol. 17. (2011) H 4, p. 75-89, p. 75.

14 ExpertInnen die zu diesem Thema Stellung bezogen haben, argumentieren u.a., dass Hanna – im Roman – nicht als sympathischer Charaktere erscheint. Demnach erzeuge Hannas Analphabetismus keine Schuldlinderung oder Mitleidsgefühl, sondern verstärke letztlich ihren negativen Charakter zusätzlich. Vgl. MINDE, 2001, p. 62-64; Vgl. ROTH, 2004, p. 163-177, p. 171; etwas differenzierter fallen jedoch die Stellungnahmen zur Hollywoodverfilmung mit Kate Winslet in der (Haupt)Rolle der Hanna Schmitz aus. Der Film und insbesondere Winslet erhielten viel Lob für die Umsetzung und schauspielerische Leistung. Dies mag vielleicht auch ein Grund sein, warum v.a. die KritikerInnen des Romans, wiederholt ihre Standpunkte eines Positivcharakters als NS-Täterin in der Geschichte untermauerten. Ähnliche Vorwürfe wurden u.a. auch auf Quentin Tarantinos Film Inglourious Basterds und die Rolle des SS-Chargen Hans Landa, gespielt durch Christoph Waltz, gemacht.

15 Die Anzahl der negativen Kritiken sind zahlreich, recht namhaft und kommen v.a von amerikanischen ExpertInnen (neben Cynthia Ozick u.a. von Joseph Metz und Jeremy Adler, der den Roman sogar als „Kulturponographie“ bezeichnet). Einen recht guten Überblick über die wissenschaftliche und mediale Rezeption des Vorlesers findet sich in der Masterarbeit von Margit Assmann. Vgl. ASSMANN Margit, Authority and Obedience in Bernhard Schlink’s Der Vorleser and Die Heimkehr. ungedr. Dipl-Arb. Tasmania 2010, p. 3-7.

16 Als Stütze dieser These verweist Oszick u.a. darauf, dass Michael Berg im Roman den Beruf eines (Rechts)Historikers ergriffen hatte und somit seiner Geschichte eine Art Legitimität verleiht. Vgl. OZICK, Rights of Imagination 2014, w. p.

17 Zit. n. KILB, 2009, w. p.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung von Geschlechterkonstruktionen in Bernhard Schlink's Roman "Der Vorleser"
Untertitel
Versuch einer Analyse und Decodierung
Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz  (Geschichte)
Veranstaltung
Seminar (Zeitgeschichte)
Note
Sehr Gut (1)
Autor
Jahr
2014
Seiten
23
Katalognummer
V501091
ISBN (eBook)
9783346031204
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bernhard Schlink Vorleser Geschlecht Gender Nationalsozialismus Fakten Fiktion
Arbeit zitieren
Martin Hammer (Autor), 2014, Die Bedeutung von Geschlechterkonstruktionen in Bernhard Schlink's Roman "Der Vorleser", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/501091

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