Identitätsfindung auf der Flucht anhand von Koumaïl Dabaïev bzw. Blaise Fortune im Roman "Die Zeit der Wunder"


Hausarbeit, 2015

15 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Gegenstand und Zielsetzung der Hausarbeit

2. Hauptteil
2.1 Erzähltextanalyse nach dem Ansatz von Martinez und Scheffel
2.1.1 Zeit
2.1.2 Modus
2.1.3 Stimme
2.2 Figurenanalyse
2.2.1 Koumaïl Dabaiev bzw. Blaise Fortune
2.2.2 Gloria
2.3 Raumsemantik

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung: Gegenstand und Zielsetzung der Hausarbeit

Die vorliegende Hausarbeit befasst sich mit der Darstellung der Identitätsfindung des jungen Koumaïls in dem Roman ,,Die Zeit der Wunder“ von Anne-Laure Bondoux, welcher der aktuellen Kriegsliteratur zugeordnet werden kann. Der Adoleszenzroman1 erzählt eine Flüchtlingsgeschichte aus Kindersicht. Koumaïl Dabaïev (sein französischer Name ist Blaise Fortune) flüchtet mit seiner Ziehmutter Gloria, im Verlauf des Romans stellt sich heraus, dass Gloria seine leibliche Mutter ist, aus dem Kriegsgebiet Kaukasus über Umwege nach Frankreich.

Einleitend wird auf Grundlage der von Martinez und Scheffel veröffentlichten ,,Einführung in die Erzähltheorie“ eine Analyse des fiktiven Raums des Romans in Bezug auf die Aspekte ,,Zeit“, ,,Modus“ und ,,Stimme“ durchgeführt.

Im Anschluss daran folgt eine Analyse der beiden Hauptfiguren Koumaïl bzw. Blaise und Gloria. Von besonderer Bedeutung ist dabei, dass der Protagonist sowohl die Person Koumaïl Dabaiev, als auch den Franzosen Blaise Fortune darstellt. Während der Roman damit beginnt, dass er in seiner frühen Kindheit als Koumaïl mit seiner Ziehmutter Gloria im Kaukasus lebt, endet die Erzählung damit, dass er als amtlicher Franzose mit dem Namen Blaise Fortune in Frankreich lebt und erfährt, dass Gloria in Wirklichkeit seine leibliche Mutter ist. Kurz bevor Gloria in einem Krankenhaus in Georgiens Hauptstadt Tiflis stirbt, kann der nun in Frankreich lebende junge Mann sie nach einem Jahr Suche ausfindig machen. Bei ihrem Wiedersehen erzählt Gloria ihrem Sohn die wahre Geschichte über seine Herkunft und die ersten sieben Jahre seiner Kindheit, an die Koumail selbst keine Erinnerung mehr hat2.

Darauffolgend wird der Roman im Hinblick auf Lotmans Raumsemantik, welche der ,,Einführung in die Erzähltheorie“ von Martinez und Scheffel entnommen werden kann, betrachtet. Von besonderer Bedeutung ist dabei, dass sich durch die lange Zeit der Flucht aus dem Kaukasus und die immer wieder neuen Zufluchtsorte von Koumail und Gloria viele verschiedene Teilräume erkennen und beschreiben lassen.

Schlussendlich werden die erarbeiteten Ergebnisse aus der Figuren- und Raumanalyse zusammengefasst.

2. Hauptteil

2.1 Erzähltextanalyse nach dem Ansatz von Martinez und Scheffel

2.1.1 Zeit

Die Erzählzeit im Roman ,,Die Zeit der Wunder“ beträgt 189 Seiten, welche in 49 Kapitel unterteilt sind. Im Gegensatz dazu, kann man bei der erzählten Zeit eine Zeitspanne feststellen, die im Jahr 1992 startet und im Jahr 2005 endet. An die ersten sieben Jahre seiner Kindheit (1985-1992) hat der Protagonist Koumaïl keine Erinnerung, diese setzt erst im Jahr 1992 ein, als er mit Gloria und anderen Flüchtlingsfamilien im Großen Haus wohnt3. Die fortschreitende Zeit im Verlauf des Romans kann man etwa an Formulierungen wie „der Winter kehrt nach Souma-Soula zurück“4, ,,Das Jahr 2000 ging vorüber. Ich wurde fünfzehn. Dann sechzehn und siebzehn.“5 oder ,,so vergehen drei Wochen“6 festmachen. In Bezug auf die Ordnung des Romans lässt sich festhalten, dass es keine Prolepsen als Form von Anachronien gibt, jedoch einige Analepsen7. So finden sich Beispiele für Analepsen, wenn Gloria Koumail in Form von wörtlicher Rede über die Zeit ihrer Kindheit auf der Farm ihrer Eltern erzählt8. Eine weitere Form von Analepsen die im vorliegenden Roman auftreten sind Erzählerkommentare9, so unterbricht Koumail Gloria z.B. häufig während ihrer Erzählungen mit Aussagen wie ,,Lass nichts aus, hörst du? Die Verletzten, die zerfetzten Waggons, das Feuer, alles!“10. Die Reichweite der verwendeten Anachronien, wie die bereits erwähnten Erzählungen von Gloria über die Zeit bei ihrer Familie, geht in die Zeit um Koumaïls Geburt herum im Jahre 1985 zurück. Der Umfang der Analepsen umfasst dabei die Beschreibung von einzelnen Tagen11 und Wochen. Außerdem festzustellen sind Passagen, in denen zeitdeckendes Erzählen in Form von Dialogen zwischen Koumail und Gloria genutzt wird12, oder während eines Telefongespräches zwischen dem nun Blaise genannten Protagonisten und seiner Freundin Prudence13. Hinzu kommt die Verwendung von zeitraffendem Erzählen14, in der die Erzählzeit deutlich kürzer als die erzählte Zeit ist. Formulierungen wie „es ist wieder Winter“15, oder ,,es wird Sommer“16 sind Beispiele dafür. In Bezug auf die vollständige Romanhandlung lässt sich nach Martinez und Scheffel eine überwiegend singulative Erzählung17 feststellen. Eine Ausnahme stellt lediglich die repetitive Erzählung seitens Gloria dar, welche die Geschichte über ihre Kindheit und Koumaïls Herkunft beinhaltet.

2.1.2 Modus

Anne -Laure Bondoux hat die Form des dramatischen Modus in ihrem Roman gewählt. Dies wird besonders durch die Wahrnehmunsperspektive der am Geschehen beteiligten Personen und dem Realitätseffekt, welcher durch ein großes Maß an Detailreichtum18 hervorgerufen wird, deutlich. Hinzu kommt außerdem die Verwendung von wörtlicher Rede, welche ebenfalls dem dramatischen Modus zugeordnet wird. So sprechen z.B. Blaise und Dr. Leonidze bei seiner Ankunft in Tiflis miteinander19. Bei der Fokalisierung handelt es sich im vorliegenden Roman, nach Martinez und Scheffel, um eine interne Fokalisierung20 mit einem aktorialen Erzähler, welcher nicht über mehr Wissen verfügt, als die Hauptfigur Koumail bzw. Blaise. Dies wird dadurch deutlich, dass die bereits beschriebenen Anachronien nicht über Koumaïls/Blaises Erinnerung zurückgehen. Geschehnisse, die etwa nicht mehr in seiner Erinnerung sind, oder vor seiner Geburt liegen, werden von Gloria erzählt. Eine Fixierung der internen Fokalisierung liegt größtenteils vor, da die Geschehnisse der Handlung der Wahrnehmung von Koumail/Blaise entsprechen. Jedoch werden stellenweise auch Glorias Gefühle und deren Wahrnehmung aufgegriffen.21

2.1.3 Stimme

Im Verlauf der Romanhandlung, welche insgesamt aus drei Hauptteilen besteht, findet ein Wechsel der Zeitformen statt. Der Roman startet im ersten Kapitel im Präteritum, wie man an Verbformulierungen wie „fanden“22, „war“23 und „verbrachte“24 erkennen kann. Nach dem ersten Kapitel findet ein Wechsel der Zeitform statt. Die folgenden Kapitel 2-33, welche die erinnerte Fluchtgeschichte Koumaïls erzählen, sind im Präsens geschrieben, was an Formulierungen wie „Ich bin krank“25, oder „Gloria schüttelt den Kopf“26 deutlich wird. Im Anschluss daran folgen die Kapitel 34-40 wieder im Präteritum („zogen“27, „sah“28 ). Kapitel 41-49, welche Koumaïls Wiedersehen mit Gloria in Tiflis thematisieren, sind erneut im Präsens verfasst. Textbeispiele dafür sind „es ist drückend heiß“29 oder „Sie greift nach meinen Händen “30 Die Erzählebene des Romans ist extradiegetisch-homodiegetisch31, da der Erzähler am Geschehen der Handlung beteiligt ist. Der Erzähler erzählt in diesem Fall seine eigene Geschichte, was am Einstieg des Romans zu erkennen ist.

,,Meine ältesten Erinnerungen reichen ins Jahr 1992 zurück, als Gloria und ich mit anderen Flüchtlingsfamilien im Großen Haus wohnen.“32

2.2 Figurenanalyse

2.2.1 Koumaïl Dabaiev bzw. Blaise Fortune

Die Hauptfigur des Romans „Die Zeit der Wunder“ ist der Heranwachsende Koumaïl, welcher mit seiner Mutter Gloria aus dem Kriegsgebiet Kaukasus flieht. Der mittlerweile zwanzigjährige Protagonist und Ich-Erzähler erzählt rückblickend, wie er die letzten acht Jahre als Flüchtling erlebt hat. Dabei berichtet Koumaïl ausführlich von den politischen und emotionalen Leiden, die seine Flucht aus dem Kaukasus begleiten. Immer wieder muss er unvorbereitet und erzwungen seine gewohnten Umgebungen verlassen, was charakteristisch für eine Flucht ist33 Das besondere Merkmal Koumaïls ist es, dass er im Verlauf des Romans den Namen Blaise Fortune annimmt, welcher für seine Verbindung zu Frankreich steht. Seine Familie besteht nur noch aus seiner, wie zunächst angenommen, Ziehmutter Gloria. Seine leiblichen Eltern, so erzählt es ihm Gloria immer wieder, seien bei einem schweren Zugunglück im Kaukasus ums Leben gekommen34. Gloria war es, die den Säugling aus den Trümmern gerettet und schließlich zu sich genommen hat. Koumaïls Erinnerungen an seine eigene Kindheit setzen im Jahr 1992 ein, als der damals Siebenjährige zusammen mit Gloria aus dem Kaukasus flieht35. Während seiner Zeit im Großen Haus besucht Koumaïl die „Universität der Armen“36. Hier werden die Kinder von den verschiedenen Bewohnern des Hauses unterrichtet. Für Koumaïl bedeutet der Unterricht eine willkommene Ablenkung zu dem sonst so tristen Alltag. Auch wenn das hier erworbene Wissen „kunterbunt durcheinander“ zusammengewürfelt ist, saugt Koumaïl alles auf37. Koumail und die anderen hier lebenden Kinder versuchen ihre Tage, die sie ausschließlich im Inneren und im Hofe des großen Hauses verbringen dürfen, trotz des anhaltenden Krieges abwechslungsreich zu gestalten38. Die einzige Person, die Koumail als wirkliche Bezugsperson bezeichnet, ist Gloria. Da die beiden immer wieder ihre Zelte abbrechen und weiterziehen müssen, fällt es dem Jungen schwer, Freundschaften mit Gleichaltrigen zu schließen. S0 bezeichnet Koumaïl die Kinder im großen Haus als seine temporären Spielkameraden39. Er trifft zwar im Verlaufe seiner Flucht immer wieder auf Kinder in seinem Alter, weiß jedoch ganz genau, dass diese Bekanntschaften nur von kurzer Dauer sind. So bleibt ihm nur Gloria als Konstante in seinem Leben. Da sie auch die einzige Person ist, die über Wissen bezüglich seiner ersten Lebensjahre verfügt, nimmt sie für Koumaïl eine besondere Position ein. Obwohl er zur Zeit der Flucht noch nicht weiß, dass Gloria nicht nur seine Ziehmutter, sondern in Wirklichkeit seine leibliche Mutter ist40, vergöttert er diese. So ist es für ihn auch während seiner Zeit in Frankreich das Wichtigste, Gloria endlich wiederzufinden41. Gedanken daran, seine Gloria nicht mehr wiederzusehen, versetzen in jedes Mal in „Angst und Schrecken“42. Einige Jahre, nachdem es dem nun Blaise Fortune heißenden jungen Mann gelungen ist, die französische Staatsbürgerschaft zu erlangen, gelingt es ihm endlich Glorias Spur aufzunehmen. Mit „heftigem Herzklopfen“43 macht er sich auf den Weg nach Tiflis. Seine Entschlossenheit Gloria wiederzufinden, wird endlich belohnt. Er selbst ist von dem einst ängstlichen und oftmals an der Zukunft zweifelndem Kind zu einem entschlossenen, zielstrebigen jungen Mann herangewachsen. Die Suche nach seiner wahren Identität hat Koumail abgeschlossen, nachdem er als Volljähriger offiziell Bürger der Französischen Republik wird und seine Mutter Gloria endlich wiederfindet44. Die Figur Koumaïl bzw. Blaise wird nach Pfister als eine dynamisch konzipierte Figur45 bezeichnet.

[...]


1 Vgl.: Lange: Kinder- und Jugendliteratur, S. 147.

2 Bondoux: Die Zeit der Wunder, S. 8.

3 Bondoux: Die Zeit der Wunder, S. 8.

4 Bondoux: Die Zeit der Wunder, S. 65.

5 Bondoux: Die Zeit der Wunder, S. 149.

6 Bondoux: Die Zeit der Wunder: S. 186.

7 Vgl.: Martinez/Scheffel: Einführung Erzähltheorie, S. 33.

8 Vgl.: Bondoux: Die Zeit der Wunder: S. 20, 21, 24.

9 Vgl.: Lämmert: Bauformen des Erzählens, S. 106.

10 Bondoux: Die Zeit der Wunder: S. 20.

11 Vgl.: Bondoux: Die Zeit der Wunder: S. 16.

12 Vgl.: Bondoux: Die Zeit der Wunder. S. 73

13 Vgl.: Bondoux: Die Zeit der Wunder, S. 179.

14 Vgl.: Martinez/Scheffel: Einführung Erzähltheorie, S. 44.

15 Bondoux: Die Zeit der Wunder, S. 34.

16 Bondoux: Die Zeit der Wunder, S. 119.

17 Vgl.: Martinez/Scheffel: Einführung Erzähltheorie, S. 45.

18 Beispielsweise erkennbar an der Formulierung ,,Es ist drückend heiß.“ (S. 155).

19 Vgl.: Bondoux: Die Zeit der Wunder, S. 157.

20 Vgl.: Martinez/Scheffel: Einführung Erzähltheorie, S. 64.

21 Vgl.: Bondoux: Die Zeit der Wunder, S. 169.

22 Bondoux: Die Zeit der Wunder, S. 5.

23 Bondoux: Die Zeit der Wunder, S. 5.

24 Bondoux: Die Zeit der Wunder, S. 6.

25 Bondoux: Die Zeit der Wunder, S. 58.

26 Bondoux: Die Zeit der Wunder, S. 63.

27 Bondoux: Die Zeit der Wunder, S. 131.

28 Bondoux: Die Zeit der Wunder, S. 137.

29 Bondoux: Die Zeit der Wunder, S. 155.

30 Bondoux: Die Zeit der Wunder, S. 161.

31 Vgl.: Martinez/Scheffel: Einführung Erzähltheorie, S. 81.

32 Bondoux: Die Zeit der Wunder, S. 8.

33 Vgl.: Fritsche: Kinder auf der Flucht, S. 12.

34 Vgl.: Bondoux: Die Zeit der Wunder, S. 22.

35 Vgl.: Bondoux: Die Zeit der Wunder, S. 8.

36 Bondoux: Die Zeit der Wunder, S. 30.

37 Vgl.: Bondoux: Die Zeit der Wunder, S. 30.

38 Vgl.: Bondoux: Die Zeit der Wunder, S.12.

39 Vgl.: Bondoux: Die Zeit der Wunder, S. 12.

40 Vgl.: Bondoux: Die Zeit der Wunder, S. 175.

41 Vgl.: Bondoux: Die Zeit der Wunder, S. 153.

42 Bondoux: Die Zeit der Wunder, S. 143.

43 Bondoux: Die Zeit der Wunder, S. 154.

44 Vgl.: Bondoux: Die Zeit der Wunder, S. 154.

45 Vgl.: Pfister: Drama, S. 242.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Identitätsfindung auf der Flucht anhand von Koumaïl Dabaïev bzw. Blaise Fortune im Roman "Die Zeit der Wunder"
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,0
Jahr
2015
Seiten
15
Katalognummer
V501237
ISBN (eBook)
9783346025876
ISBN (Buch)
9783346025883
Sprache
Deutsch
Schlagworte
identitätsfindung, flucht, koumaïl, dabaïev, blaise, fortune, roman, zeit, wunder
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, Identitätsfindung auf der Flucht anhand von Koumaïl Dabaïev bzw. Blaise Fortune im Roman "Die Zeit der Wunder", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/501237

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