Die geringe Partizipation von Mädchen mit Migrationshintergrund in Fußballvereinen. Wie gelingt die Integration?


Essay, 2019

12 Seiten, Note: bestanden


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Integrierende bzw. exkludierende Faktoren
2.1 Kulturdifferenz
2.2 Sozioökonomische Lebenslagen
2.3 Geschlechtertypische Unterschiede

3. Fazit – Was kann/muss der DFB tun, um die Gruppe der Mädchen mit Migrations- bzw. mit muslimischem Hintergrund zu integrieren?

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund sind weniger in den Sportvereinen unseres Landes vertreten als Kinder und Jugendliche ohne Migrationshintergrund“.

Diese These galt lange Zeit als richtig und ist in vielen Teilen der Bevölkerung anerkannt. Die Realität ist dennoch eine andere. Eine Studie nach Kleindienst-Cachay, Cachay und Bahlke über Inklusion und Integration aus dem Jahr 2012 hat erwiesen, dass gerade Jungen mit Migrationshintergrund mindestens genauso aktiv in Sportvereinen sind wie Jungen ohne Migrationshintergrund. Sport- bzw. Fußballvereine werden häufig als besonders integrationsfördernd beschrieben und werben für ihre Anschlussoffenheit, durch die „dichte“ und „feste“ soziale Beziehungen zwischen Menschen mit bzw. ohne Migrationshintergrund zustande kämen (vgl. Mutz 2009). Als weiteren ausschlaggebenden Punkt für eine Integration durch den Sportverein werden häufig das universelle Regelwerk und die nonverbale Kommunikation genannt, welche die Barriere „Sprache“ überwinden können. Fragwürdig ist dennoch, warum es anderen Sportarten als dem Fußball so schwerfällt, Menschen mit Migrationshintergrund für das Vereinsleben zu motivieren. Die Integrationspotenziale wie universale Regeln oder nonverbale Kommunikation würden demnach in anderen Sportarten weniger zum Tragen kommen als im Fußball. Während das Engagement der Jungen mit Migrationshintergrund am Sportverein, das der Jungen ohne Migrationshintergrund deutlich übersteigt und somit von einer „offenkundigen Anziehungskraft“ der Sportvereine für männliche ausländische Jugendliche gesprochen werden kann, gibt es andere Gruppen mit Migrationshintergrund, die der anfangs aufgestellten These entsprechen und es dementsprechend schwerer haben am Angebot der Sport- bzw. Fußballvereine zu partizipieren.

Insbesondere Mädchen mit Migrationshintergrund nehmen deutlich weniger am Angebot der Sportvereine teil, als Mädchen ohne Migrationshintergrund (vgl. Mutz 2009). Signifikant dabei ist, dass sich ca. 45% der befragten Mädchen mit Migrationshintergrund häufigere Gelegenheiten zum Sport treiben wünschen (vgl. Boos,-Nünning & Karakasoglu, 2005).

Für Mädchen mit Migrationshintergrund scheint es demnach deutlich schwieriger zu sein am Angebot der Sportvereine und insbesondere am Angebot der Fußballvereine zu partizipieren, obwohl das Interesse am Sport größer als bei der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund ist. Während knapp 52% der Jungen mit Migrationshintergrund im Sportverein aktiv sind, beteiligen sich die Mädchen mit Migrationshintergrund nur mit 21% am Vereinssport, wovon die Beteiligung am Sportverein bei den türkischstämmigen Mädchen bei nur 3% liegt (vgl. Mutz 2009). Die Frage die ich am Ende dieses Essays beantworten möchte, lautet demnach: „Wie integrierend wirken Fußballvereine wirklich, welche Rolle spielt die geringe Teilhabe von Mädchen mit Migrationshintergrund am Angebot der Fußballvereine und was muss der DFB tun, um diese Gruppe zu integrieren?“ Dafür gilt es kulturelle und sozioökonomische Faktoren, die für die unterschiedliche Partizipation der männlichen und weiblichen Migrationsbevölkerung verantwortlich sind, herauszustellen und zu hinterfragen.

2. Integrierende bzw. exkludierende Faktoren

2.1 Kulturdifferenz

Der kulturelle Hintergrund scheint auf der Basis bestehender Literatur einen Einfluss auf die Partizipation am Sportverein und die Wahl der Sportart zu nehmen. Besonders in Verbindung mit der religiösen Zugehörigkeit können „gravierende und teilweise unüberbrückbare kulturelle Differenzen (…) zwischen dem islamischen und dem westlichen, christlich geprägten Kulturkreis diagnostiziert (werden)“ (Huntington, 1993). Diese kulturellen Differenzen können sich auch auf die Wahl der Sportart übertragen, welche durch bestimmte Werte, Normen, Gewohnheiten und Traditionen beeinflusst wird (vgl. Bröskamp, 1994). Männliche Migranten tendieren demnach zu härteren, körperlichen Sportarten und Spielauffassungen, welche mit dem kulturellen Verständnis des starken Mannes zusammenhängen. Der Körper soll demnach die eigene Ehrbarkeit verteidigen, was vor allen Dingen auf die muslimischen Ehrvorstellungen zurückzuführen sein soll (vgl. Mutz 2009). Der Fußball scheint auf dieser Basis der Theorie besonders geeignet für Jungen und Männer mit Migrationshintergrund und insbesondere für die Muslime zu sein, da sich die Sportler hier männlich zeigen können und Attribute wie Stärke und Härte ausleben können. Für die Jungen bedarf es demnach keine große Integration bzw. Anpassung an die Werte des Fußballs, da man sich hier als Mann beweisen kann und die Kultur entsprechende Werte vermittelt.

Für die Mädchen mit Migrationshintergrund und insbesondere für Muslima sieht es da ganz anders aus. Sie sollen sich weiblich zeigen, das bedeutet, dass sie eher in „Tanz und Folklore als kulturell legitime Bewegungsformen für Mädchen und Frauen“ aktiv werden (vgl. Kleindienst-Cachay, 2007). Für den Fußball bedeutet dies, dass das Bild der Frau im Islam gegensätzlich zu Inhalten wie Zweikämpfen oder Körperkontakt steht. Die geringen Zahlen an muslimischen Mädchen in den Fußballvereinen zeigen demnach deutlich auf, dass Fußballvereine in erster Linie integrierenden Charakter für die Gruppen aufweisen, für die sich die Normen und Werte in das kulturelle Weltbild einordnen lassen. Mädchen, die sich aufgrund ihrer Kultur und den zu Hause gelebten Werten, weiblich zeigen sollen, werden indirekt aus den Fußballvereinen exkludiert. Inwiefern die kulturellen Differenzen zum Tragen kommen und den Einstieg in den Fußballverein von z.B. Mädchen mit muslimischen Hintergrund verhindern, kann darüber hinaus auch von den sozioökonomischen Lebenslagen der Familien abhängen.

2.2 Sozioökonomische Lebenslagen

Neben den kulturellen Differenzen kann die Tatsache, dass ein Großteil der Migrationsbevölkerung in ungünstigen sozioökonomischen Verhältnissen lebt, die Wahl der Sportart bzw. der Teilhabe am Sportverein beeinflussen. Während US-amerikanische Studien belegen konnten, dass sich das Engagement in Sportvereinen bei Menschen aus niedrigeren sozialen Schichten erhöht, wenn das Familieneinkommen im Rahmen einer Interventionsmaßnahme erhöht wird, lassen sich einige Sportarten dem sozialen Status nach zuordnen (vgl. Bos et al., 1999). Während Sportarten wie Volleyball, Tennis und Ski-fahren von Menschen höherer sozialer Schichten betrieben werden, sind die Menschen unterer Schichten eher in Kontaktsportarten wie Fußball und Boxen aktiv. Dies gilt wie bereits zuvor herausgestellt zum größten Teil für die Jungen aus zuvor besagten Gründen. Der Sport der unteren Schichten zeichnet sich in erster Linie durch das Duell „Mann gegen Mann“ aus und wird geprägt durch die körperliche Härte und den direkten Kampf (vgl. Stempel, 2005).

Inwiefern die sozioökonomischen Lebenslagen eine Rolle für die geringe Teilhabe von Mädchen mit Migrationshintergrund im Fußballverein darstellen, kann darüber hinaus mit der Bildung der Familie und den Einstellungen und Werten begründet werden. Es ist davon auszugehen, dass der soziale Status sich verbessert, wenn die Bildung dementsprechend höher ist. Demnach werden bildungsferne Familien eher konservative Menschenbilder haben und an den eigenen Traditionen und Werten festhalten, die zu einer Abgrenzung von der Mehrheitsbevölkerung führen. Der Eintritt der Mädchen in den Sportverein wird demnach zum Problem, wenn die Angst der Eltern vor dem Verlust der eigenen Traditionen durch das Vereinsleben aufkommt. Je höher die soziale Schicht, desto mehr werden traditionelle Rollenverständnisse reflektiert und kritisch hinterfragt, sodass der Eintritt von Mädchen mit Migrationshintergrund in den Fußballverein stark von dem Rollenverständnis und somit dem sozialen Status der Eltern einhergehen. Auch in diesem Fall hat der Fußball starke Probleme Menschen niedriger Schichten in den Verein zu integrieren, obwohl er sich gerade für diese Eigenschaft lobt und für sich wirbt.

Die Jungen der niedrigeren Schichten bzw. der bildungsfernen Familien können hingegen problemlos integriert werden, da sich das Ideal der Eltern erfüllt. Sie gelten als starke Männer, die die Ehre der Familien aufrechterhalten können.

Der Unterschied zwischen den Geschlechterrollen ist in Familien niedriger sozialer Schichten besonders hoch, sodass die Jungen vermehrt im Fußballverein aktiv sein können und dies sogar häufiger als die Mehrheitsbevölkerung tun, während sich die Mädchen, wenn überhaupt, bei Tanzveranstaltungen beteiligen dürfen.

Es wird demnach deutlich, dass verschiedene Faktoren ausschlaggebend für die Integration bzw. Exklusion von Jugendlichen mit Migrationshintergrund sein können und diese miteinander zusammenhängen können. Dabei gibt es erhebliche Unterschiede innerhalb der Gruppe von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in Bezug auf das Geschlecht.

2.3 Geschlechtertypische Unterschiede

Wie bereits zuvor herausgestellt sind Rollenverständnisse, bzw. geschlechtertypische Verhaltensweisen abhängig von Faktoren wie sozialer Status und Bildung. In großen Teilen der Migrationsbevölkerung herrschen immer noch patriarchalische Familienstrukturen und rigide Erziehungsvorstellungen. Diese konservativen Familienstrukturen spiegeln sich auch in der Teilhabe am Angebot der Sportvereine wieder: „Den eingewanderten Mädchen und Frauen würden sportliche und außerhäusliche Freizeitbetätigungen deshalb verwehrt, weil sie nicht zum klassischen weiblichen „Rollen-Set“ passen“ (Mutz 2009). Darüber hinaus haben Eltern, aus solchen Familien, Angst vor der „Verdeutschung“ ihrer Töchter, die durch das unbekannte Vereinsleben zustande kommen könnte.

Während es das Rollenbild der Jungen bzw. der Männer fast schon einfordert sich in Wettkämpfen zu beweisen und dies auch im Verein zu tun, scheint die Angst vor dem Verlust des Rollenbilds der Mädchen den Eintritt in den Sport- bzw. Fußballverein zu verhindern. Demnach scheinen die Mädchen einen besonders großen Wert für die Ehrerhaltung solch konservativer Familien zu sein, andersherum werden auch wenig Jungen dieser Familien Tanzkurse besuchen. Das Verständnis der Geschlechterrollen spielt demnach eine übergeordnete Rolle für die Partizipation am Angebot der Sportvereine bei Familien, die einen niedrigeren sozialen Status haben bzw. bildungsferner und dementsprechend traditioneller sind.

[...]

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Die geringe Partizipation von Mädchen mit Migrationshintergrund in Fußballvereinen. Wie gelingt die Integration?
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
bestanden
Autor
Jahr
2019
Seiten
12
Katalognummer
V501284
ISBN (eBook)
9783346034885
ISBN (Buch)
9783346034892
Sprache
Deutsch
Schlagworte
partizipation, mädchen, migrationshintergrund, fußballvereinen, integration
Arbeit zitieren
Marc Dyck (Autor), 2019, Die geringe Partizipation von Mädchen mit Migrationshintergrund in Fußballvereinen. Wie gelingt die Integration?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/501284

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