Davide Morosinotto "Die Mississippi-Bande. Wie wir mit drei Dollar reich wurden". Sachanalytische, methodisch - didaktische Aufbereitung und Anregungen zur Umsetzung im Literaturunterricht der Grundschule


Bachelorarbeit, 2019
38 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

A Sachanalyse zum Kinder- und Jugendbuch Die Mississippi Bande - Wie wir mit drei Dollar reich wurden von Davide Morosinotto
1 Sachanalyse
1.1 Inhaltsbeschreibung und Handlungsverlauf
1.2 Besonderheiten der Figurenzeichnung und Fokalisierung
1.2.1 Te Trois
1.2.2 Eddie Brown
1.2.3 Julie Dart
1.2.4 Francis Dart
1.3 Textstruktur
1.4 Genre und Zielgruppe
1.5 Sinnpotentialanalyse
2 Zwischenfazit

B Wissenschaftlicher Teil
3 Zur Entwicklung des aktuellen Literaturunterrichts in der Grundschule
4 Zu den angestrebten Lernzielen der Methodenreihe
5 Zur Auswahl handlungs- und produktionsorientierter Methoden und allgemeiner
Unterrichtsgrundsätze der Literaturdidaktik

C Didaktisch – methodische Umsetzung ausgewählter Teile des Werks im
Literaturunterricht der Grundschule
6 Begründung der Buchauswahl
7 Planungsmomente
7.1 Überlegungen zum Unterrichtsrahmen
7.2 Hinführende Unterrichtsphasen
7.3 Unterrichtssequenz Nr. 1 – Kindheit zur Jahrhundertwende
7.4 Unterrichtssequenz Nr. 2 Reisen im 20. Jahrhundert
7.5 Unterrichtssequenz Nr. 3 – Rassismus
7.6 Unterrichtssequenz Nr. 4 – Führen eines Streitgesprächs bzw. einer Gerichts- verhandlung
8 Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Der Begriff der „Kindheit“ ist aus historischer Sicht relativ jung, denn noch vor wenigen Jahrhunderten wurden Kinder als unfertige Erwachsene angesehen oder als „in der Größe reduzierte Erwachsene“ (vgl. KAMINSKI 1994, S. 9). Erst im Laufe des vergangenen Jahrhunderts hat sich – das ist allgemein bekannt – das moderne Bild vom Kind entwickelt, maßgeblich beeinflusst durch die Pädagogik. Das daher auch eine entsprechende Kinder- und Jugendliteratur1 entstanden ist, dürfte also nicht verwundern. Laut DODERER (1977) ist Kinderliteratur „…diejenige Textsorte, die ausdrücklich für Kinder produziert wird.“ (vgl. ebda., S. 63). KAMINSKI führt dazu weiterhin aus, und das erscheint in diesem Zusammenhang wichtig, dass z.B. auch Sach- und Fachbücher zur KJL zählen. Der Frage, was Kinder davon präferieren, wurde in dieser Arbeit zum Teil nachgegangen.

Das Potential der KJL im Literaturunterricht der Grundschule verdeutlicht folgende Aussage eines Mädchens: „…dass da zuerst nur Buchstaben sind, und wenn man dann liest, ist es eine irre Geschichte. (vgl. PLATH/MANNHAUPT 2008, o. S.). Daher hat sich im Laufe meiner Ausbildung eine Art „Dreifaltigkeit des Lesens“ in mir herausgebildet, die ich folgendermaßen formulieren würde:

Das Lesen im Anfangsunterricht MUSS von Beginn an mit positiven Erlebnissen verbunden sein. Wenn dem so ist, KANN (und wird) Lesen den schulischen Bildungsprozess enorm beeinflussen und daher SOLL das Lesen in allen Altersstufen der Kindheit vertreten sein. Für mich spielt deswegen u.a. die Lesemotivation eine Schlüsselrolle, insofern sind die Positionen und Studien dazu von Karin RICHTER und Monika PLATH für diese Arbeit wegweisend gewesen und haben entsprechend Eingang in sie gefunden.

Kernpunkt der vorliegenden Arbeit ist die sachbezogene und didaktische Analyse des Kinder- und Jugendbuchs von Davide Morosinotto (2017): Die Mississippi – Bande. Wie wir mit drei Dollar reich wurden, sowie, auf dieser Grundlage fußend, eine begrenzte Methodenauswahl für die Umsetzung des Buchs im Deutschunterricht der Grundschule. Dabei wurden aktuelle Methoden aus dem Konzept des handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterricht, u.a. auch deren Entwicklung im historischen Kontext, untersucht.

Bedeutsam hierfür waren insbesondere die Arbeiten von Gerhard HAAS, Wolfgang MENZEL und Kaspar H. SPINNER.

Die Arbeit soll u.a. auch dazu dienen, das Buch hinsichtlich des Sinnpotentials für eine Altersgruppe zu empfehlen.

1 Sachanalyse

1.1 Inhaltsbeschreibung und Handlungsverlauf

Im realitätsnahen Amerika zu Beginn des 20. Jahrhunderts angesiedelt, beschreibt Davide Morosinotto mit seinem Buch „Die Mississippi – Bande“ die abenteuerliche Reise einer loyalen Jugendbande, die der kindlichen Armut ihres Bayou entkommen wollen. Morosinotto erzählt eine Geschichte über das Kindsein während längst vergangener Tage und über die beginnende Pubertät, aber auch – trotz Kinderbuchcharakter – von einer ungleichen Gesellschaft, zeitgenössischen Wert- und Moralurteilen und sogar über das Thema des Todes.

Teil 1 – Der Bayou

Die Jugendbande – das sind Peter Chevalier alias Te Trois, Eddie Brown alias „die Grille“ oder „Schiefauge“, Julie Dart alias Joju und ihr Bruder Francis alias „Petit“ alias Tit – ist eine eingeschworene Gemeinschaft und lebt im Louisiana des beginnenden 20. Jh. Die Bande macht verbringt die meiste Zeit im Sumpf des Bayou. Als sie zufällig eine Dose mit 3 Dollar aus dem Sumpf bergen, beschließen sie heimlich etwas aus dem Versandhaus Walker & Dawn zu bestellen, doch statt des gewünschten Revolvers erhalten die vier eine defekte Eisenbahneruhr. Nachdem sie inzwischen aufgeflogen waren, reitet ein Vertreter des angesehenen Versandhauses in den Bayou, um nach der Uhr zu suchen, da sich offenbar ein Fehler beim Versand eingeschlichen hatte und die Uhr nun zurückgeholt werden soll. Wie sich herausstellt, will der Vertreter den Kindern die Uhr bei einem nächtlichen Treffen im Sumpf gewaltsam abnehmen, doch sie schaffen die Flucht. Der skrupellose Vertreter stirbt im Sumpf durch einen Alligator. Als sie die Habe des Toten durchsuchen, entdecken sie die Anweisungen seiner Firma (das Zurückkaufen der Uhr), sowie knapp 35 Dollar in der Brieftasche. Sie lesen weiterhin, dass das Versandhaus bereit ist, 4000 Dollar für den Rückkauf zu bezahlen. Von der Verheißung solchen Reichtums angetrieben, brechen sie schließlich nach Chicago zum Hauptsitz von Walker & Dawn auf, um die kaputte Uhr gegen die Entschädigungssumme einzutauschen.

Teil 2 – Der Fluss und die Straße

In New Orleans angekommen beschließt die Reisegruppe, dass die Fahrt mit einem Schaufelraddampfer bis St. Louis das Transportmittel der Wahl sei, nachdem Eddie während ihres Aufenthalts in der großen Stadt eine Karte gekauft hatte. An Bord des Dampfers treffen sie auf drei Schiffsjungen und einen blinden Passagier, die ihnen bei der Reise hin und wieder Gesellschaft leisten. Während der Fahrt erfahren die Kinder aus einer Zeitung erstmals etwas über die Morde an der Mitbegründern des bekannten Versandhauses Ms. Dawn und des Privatdetektivs Mr. Darsley, der mit Ms. Dawn gesellschaftlich verkehrte. In Memphis geht der Reisetrupp von Bord, um die Stadt zu erkunden. Dieser Landgang endet beinahe böse, da sich die mittlerweile nicht mehr freundlichen Schiffsjungen mit dem blinden Passagier zusammengetan hatten und die Mississippi – Bande nun ausrauben wollen. Doch glücklicherweise entkommen sie den Wegelagerern und gelangen rechtzeitig zurück an Bord des Dampfers, bevor dieser ablegt. Auf der Weiterfahrt machen sie Bekanntschaft mit dem Falschspieler Berry. Durch erneut 3 Dollar, die den Kindern geblieben waren, kann Berry einen riskanten Einsatz bei einem Pokerspiel mit anderen Gaunern im Salon des Schiffs doch noch erfüllen und somit einen beträchtlichen Gewinn einstreichen, von dem auch die Bande profitiert. Als sie sich mit Berry zurückziehen müssen, da die Verlierer auf Rache sinnen, erzählt dieser die Geschichte von Ms. Dawn, Mr. Walker und Mr. Darsley. Tags darauf kommen die Vier in St. Louis an und entschließen sich, mit dem Zug nach Chicago weiter zu fahren. Zufällig entdecken sie einen Güterzug mit diesem Ziel und springen in einer halsbrecherischen Aktion auf, doch geraten in verschiedene Waggons. Eddie trifft den Landstreicher Alex, der ihn darauf hinweist, dass sie vor dem Stehenbleiben am Abend unbedingt abspringen müssen, wollen sie nicht in den Fängen der Eisenbahner landen, die das Vieh füttern. Eddie muss seine Freunde alarmieren und klettert außen am fahrenden Zug zu ihnen. Der Absprung klappt, abgesehen von einigen Blessuren und die Gruppe kann des Nachts erneut den Zug besteigen.

Teil 3 – Die Stadt

Kurz vor Chicago verpassen sie allerdings den Absprung und werden, nach einer erfolglosen Flucht, von den Eisenbahnern ergriffen und der örtlichen Polizei vorgeführt. Während die Jungen in ein Waisenhaus gebracht werden, schildert Julie ihre Erlebnisse in einer Besserungsanstalt für Mädchen, was eher an ein Arbeitslager erinnert. Bei der sinnlosen Arbeit (das Zusammennähen von alten Zeitungen) kann Julie weitere Einzelheiten zu den Morden aus den Zeitungen ergründen. Einige Tage später erscheint ein elegant gekleideter Mann, der sie aus der Anstalt auf Geheiß eines anderen geheimnisvollen Mannes befreien lässt. Bevor sie zu ihm gebracht wird, kommt sie für eine Nacht in einem Luxushotel der Stadt unter, wo sie wieder mit ihren Freunden vereint wird, denn auch die Jungs wurden von demselben Unbekannten befreit. Wie sich herausstellt, ist dieser Unbekannte Mr. Walker persönlich, einer der Gründer des Versandhauses, den die Vier nun wegen der Uhr treffen sollen. Bei einem Essen in seinem Anwesen allerdings werden sie hintergangen. Nicht weniger skrupellos als der Vertreter Mr. Bolten im Bayou, gelingt es Mr. Walker die Kinder bis auf Eddie zu alkoholisieren und die Uhr an sich zu nehmen. Die Bande befindet sich schon auf halben Wege wieder zurück in die Besserungsanstalten, als Julie einen Autounfall herbeiführen kann, was der Gruppe die Flucht ermöglicht. Ohne Geld und ohne die Uhr beschließen die Kinder nun die Puzzleteile der Morde an Mr. Darsley und Ms. Dawn, die sie auf ihrer Reise zusammengesammelt hatten, mit einer Journalistin zu teilen, die sie zuvor flüchtig kennen gelernt hatten. Ihr Name ist Ellie und sie war, wie sich herausstellte, die Verfasserin der Zeitungsartikel über die Ereignisse um die Personen von Walker & Dawn. In ihrem Büro setzen alle gemeinsam die bekannten Fragmente des Falls zusammen und müssen erkennen, dass Mr. Walker wahrscheinlich der Mörder von sowohl Ms. Dawn als auch Mr. Darsley sein muss, da es um Besitzurkunden der Firma geht. Doch die sind von der cleveren Ms. Dawn irgendwo in Chicago versteckt worden, weswegen sich die Truppe gemeinsam mit Ellie daranmacht, diese zu bergen. Nur einen Tag später wird die Mississippi – Bande durch die Hinweise, die mit der kaputten Uhr zusammenhingen, v.a. aber durch die Hilfe Tits und seines Zahlenverständnisses im Bahnhof von Chicago fündig. In einem Schließfach liegen die Besitzurkunden, welche Te Trois, Eddie, Julie und Tit rechtmäßig zu Besitzern der Firma Walker & Dawn macht. Damit endet die Reise und das Abenteuer der Mississippi – Bande.

Teil 4 – Das große Haus

Viele Jahre später erzählt der nun alt gewordene Francis Dart vom Wiedersehen mit seiner Schwester Julie und Eddie. Bei ihrem gemeinsamen Treffen teilt Eddie ihm mit, dass Peter an einer Krankheit gestorben sei. Die Geschichte endet mit der Übergabe eines Buchs an Francis, welches Peter begonnen hat. Dessen letzter Wunsch war es, dass Francis das letzte Kapitel schreibt, denn seine Freunde haben die vorigen Kapitel aus ihrer Sicht geschrieben. Eddie übergibt Francis also die Geschichte der Mississippi – Bande und wie sie mit drei Dollar reich wurden.

1.2 Besonderheiten der Figurenzeichnung und der Fokalisierung

Das ausfälligste Merkmal des Buchs besteht sicherlich in der besonderen und logischen Fokalisierung. Die Kapitel werden aus den vier unterschiedlichen Sichten der Protagonisten der Mississippi – Bande erzählt, wobei jeder, entsprechend seines Charakters, bestimmte Dinge beschreibt, die dem anderen möglicherweise nicht auffallen mögen (was der Autor aber nicht verrät). Besonders augenscheinlich wird dieses Stilmittel, als Tit aus seiner nunmehr erwachsenen Sicht den vierten Teil erzählt.

Die anderen Kapitel werden ebenfalls aus dem Blickwinkel der internen Fokalisierung erzählt. Die erzählende Figur hat entsprechend ihrer Wesenszüge nur begrenztes Wissen über Ereignisse, Gefühle anderer Personen und weiß nichts über die Metahandlung, bis sie Informationen darüber aufdeckt. In diesem Fall kann die Fokalisierung der Erzählperspektive gleichgesetzt werden, wobei manchmal die Tatsache zum Vorschein kommt, dass die Geschichte von allen Kindern aus der jeweiligen Sicht nacherzählt wird. Daher verwundert es auch nicht, dass ab und an Ereignisse vorgegriffen werden können, da diese bereits bekannt sind (Niemand hätte ahnen können, welcher Schicksalsschlag uns nur allzu bald ereilen würde., vgl. S. 57)2.

1.2.1 Te Trois

Jede Figur erklärt Zusammenhänge und beurteilt Personen aufgrund ihres Charakters und prägt den jeweiligen Abschnitt mit ihrem Verhalten und ihren Gefühle gegenüber ihren Freunden und der Einstellung zum Leben. Te Trois (Peter Chevalier) ist ein mittelgroßer Junge von ca. 10 – 12 Jahren (das genaue Alter wird nicht genannt). Er wird von Julie als stark und wild wie ein Waldgeist (vgl. S. 221). bezeichnet und auch an anderen Stellen wird ersichtlich, dass er risikofreudig und abenteuerlustig ist. Er selbst sieht sich ebenfalls gern in dieser Rolle, doch wenn wichtige Entscheidungen anstehen, einigt sich die Gruppe meist erst nach gemeinsamer Absprache. Oftmals betrachtet er Eddie von oben herab und geringschätzig (schlägt ihn mitunter sogar), andererseits schätzt er sein Wissen und seinen Instinkt. Gegenüber Julie hat er eine neutrale Einstellung, doch ab und an keimt ein vorpubertäres Interesse an ihrer 2 Zur besseren Lesbarkeit wurden alle Textstellen, welche direkt aus Morosinottos Buch entnommen worden sind, lediglich mit Seitenzahl angegeben. Da es keine Zeilenangaben gibt, sind die Textstellen kursiv markiert worden. Alle übrigen (wissenschaftlichen) Quellen sind nach der Harvard – Zitierweise mit Name des Autors und Erscheinungsjahr gekennzeichnet.

Weiblichkeit in ihm auf (Julie […] wischte sich mit dem Rocksaum den Schweiß aus dem Gesicht. Dadurch kamen kurz ihre blassen, muskulösen Beine zum Vorschein und bei dem Anblick wurde mir ganz komisch, […]., vgl. S. 12). Tit hält er für schlau und schätzt darüber hinaus dessen Stille. In besonderen Situationen können sich seine Freunde auf ihn verlassen (z.B., als er dem Barkeeper in Memphis die Stirn bietet, vgl. S. 153 f.). Te Trois erzählt die Ereignisse im Bayou.

1.2.2 Eddie Brown

Dieser Schreibstil lässt sich in den anderen Kapiteln ebenfalls finden, wenn aus einer anderen Sicht erzählt wird. Eddie Brown beispielsweise gibt dem Lesenden einen starken Einblick in sein Gefühlsleben (Ich hatte genau 112 Sorgen., vgl. S. 107) und u.a. auch sein aufkeimendes (präsexuelles) Interesse für Julie (Unwillkürlich fragte ich mich, ob sie ohne ihr Kleid auch genauso aussah wie die Mädchen auf den Fotos., vgl. S. 146). Abgesehen davon ist Eddie ein 11 – 13-jähriger, großgewachsener Junge mit einer Brille. Er ist, als Sohn eines Vaters mit für zu jener Zeit hohen ärztlicher Bildung, das belesene Mitglied der Gruppe. Durch seinen Kontakt mit dem Indianer Joe hat er überdies Wissen über den Sumpf und seine Besonderheiten erlangt, was der Bande immer wieder zu Gute kommt. Sein manchmal als übertrieben empfundener Charakterzug, besonders vorsichtig zu sein, lässt ihn in angespannten Momenten mutlos und zögerlich erscheinen (T e Trois hatte dem Mann die Stirn geboten. Ich dagegen war feige gewesen […]., vgl. S. 155). In Extremsituationen aber überwindet er bisweilen seine Feigheit und klettert z.B. an der Außenseite eines fahrenden Zugs zu seinen Freunden, um sie vor Gefahr zu warnen (vgl. S. 203f.).

1.2.3 Julie Dart

Julie ist vermutlich zwischen 11 und 13 Jahren alt. Sie selbst ist weiß und hat einen kleineren dunkelhäutigen Bruder namens Tit. Aufgrund dieser Tatsache existieren Gerüchte in ihrem Heimatort und ihr Zuhause wird generell als nicht positiv beschrieben. Ihre (ledige) Mutter hat vermutlich des Öfteren Herrenbesuch und keine Zeit für ihre Tochter, weshalb Julie lieber mit ihren Freunden zusammen ist. Dem Leser fällt besonders das innige Verhältnis zu ihrem Bruder auf, den sie beschützt wo sie nur kann.

Julies Erzählung wirkt anfangs fast gefühllos, da sie sich selbst als stark und hart wie einen Panzer beschreibt (Vielleicht würde ich mich „das Mädchen, das nicht weinen kann“ nennen […]., vgl. S. 219). Hin und wieder aber bricht die harte Schale auf und der Leser erfährt etwas von ihren Emotionen. Besonders in Julies Abschnitt werden puberale Anzeichen beschrieben, was mit der generellen Akzeleration von Mädchen einhergehen mag. So versteht ein erwachsener bzw. ein weiblicher jugendlicher Leser, dass sie vielleicht zum ersten Mal ihre Periode hat (Ich hatte mich so furchtbar geschämt., vgl. S. 220). Die Pubertät wird zusätzlich deutlich in der Beschreibung eines Kusses und den folgenden starken Gefühlen (Doch ich konnte nicht antworten, weil ich immer nur an den heimlichen Kuss denken musste und etwas in mir wie Feuer brannte., vgl. S. 273).

1.2.4 Francis Dart

Francis Dart (Tit) ist der jüngste in der Gruppe, also vermutlich 8 – 10 Jahre alt. Er ist der dunkelhäutige Bruder von Julie. Über seine Kindheit erfährt der Lesende nur etwas aus der Erzählung Dritter. So scheint er teilweise merkwürdige Geräusche von sich zu geben, die an ein Maunzen erinnern. Außergewöhnlich scheint auch sein Interesse für Zahlen zu sein und möglicherweise kann er sogar zählen (vgl. S. 43). Deshalb scheint er auch so fasziniert von der kaputten Uhr zu sein, denn die möchte er auf keinen Fall wieder hergeben. Im gesamten Buch spricht er nur in zwei Situationen und zwar sagt er jeweils den folgenden Satz: „Die Sieben und die Neun und ein Viertel und 44 und 27.“ (vgl. S. 144 und S. 335 – 337) Wie eingangs erwähnt, fällt insbesondere das letzte Kapitel durch seine Kürze und den besonderen Blickwinkel von Francis auf. Der Schreibstil ist einfach, weil der Leser Tit zuvor als wortkarg und still erlebt hat. Dementsprechend liest man nur seine Gedanken und keinerlei direkte Rede. Der Autor nutzt hier vorwiegend parataktischen Satzbau. Falls ein Satz mal länger ist, handelt es sich meistens um eine Aufzählung.

1.3 Textstruktur

Abgesehen von den in Punkt 4.2 beschriebenen Besonderheiten, die auf den Perspektivwechsel zurückzuführen sind, ist der Textkörper des Buchs für einen fortgeschrittenen Leser der Grundschule geeignet, wobei wir natürlich schon weit entfernt sind von der Erstleseliteratur des Anfangsunterrichts. Der Autor nutzt sowohl parataktischen, als auch hypotaktischen Satzbau, wobei Letzteres deutlich überwiegt. Ersteres kommt üblicherweise dann vor, wenn Spannung aufgebaut werden soll und/oder die Figur existentielle Ängste beschreibt, aber auch, wenn thematisch von einen zum nächsten Sachverhalt übergeleitet wird. Solche Sätze haben dann mitunter den rudimentärsten Aufbau, also Subjekt und Prädikat bzw. Subjekt – Prädikat – Objekt. Allenfalls kommen noch Präpositionen hinzu. Bei der Beschreibung komplexer Ereignisse und Gefühle wird der Satzbau ebenfalls komplexer. Im Grunde lassen sich alle Formen der Hypotaxe finden, sowohl das einfache HS – NS - Gefüge als auch eingeschobene Sätze der Form HS – NS – HS, bis hin zu Satzreihen der Form HS – NS – NS usw. Diese sind dann durch Konjunktionen miteinander verbunden, wobei sehr häufig dass vorkommt.

Der Roman fällt durch die starke Benutzung der direkten Rede auf. Dadurch werden Geschichte, Handlung und Personen noch lebendiger, fast wie ein Theaterstück. Im Gegensatz dazu fehlt die indirekte Rede gänzlich, was ein szenisches Vorlesen im Unterricht besonders begünstigen könnte.

Manche Abschnitte werden durch die Kursivstellung der Schrift besonders hervorgehoben. Dabei handelt es sich immer um die Erzählung der Metageschichte, also der Handlungsstrang der Morde an Mr. Darsley und Ms. Dawn, sowie die Verwicklung von Mr. Walker. Dies geschieht meist mittels Zeitungsausschnitten, bzw. die Kinder erfahren durch Erzählungen von fremden Personen etwas darüber oder über das Verlesen von Briefen. Die Zeitungsartikel sind dann im vermutlich damals üblichen reißerischen und journalistischen Stil verfasst. Die kursive Schrift findet sich ebenso, wenn Fremdwörter, Firmennamen oder Aufschriften vorkommen.

Die Auswahl des Wortrepertoires ist für meine Begriffe leicht über dem Niveau von Grundschülern, aber noch durchaus im Rahmen. Morosinotto schöpft aus einem reichhaltigen Pool von Adjektiven, um Dinge, Personen und Sachverhalte zu beschreiben. Das gleiche gilt für Verben und Substantive. Als erwachsener Lektor kann man das Buch somit gut lesen, da es nicht zu einfach geschrieben ist und als älteres Schulkind erweitert man nebenbei den eigenen Wortschatz.

1.4 Genre und Zielgruppe

Der Roman lässt sich nicht ganz ohne Diskussion dem komplexen Genre der Abenteuerliteratur zuzuordnen. Nicht ohne Diskussion deshalb, als das es in der Fachwelt nur allzu häufig vorzukommen scheint, dass der Begriff des Abenteuerromans unscharf für Vieles gebraucht wird, was dieses Prädikat augenscheinlich nicht verdient. Bereits KREB/BAUR (1984, S. 125 – 148) haben konstatiert, dass die Gefahr bestehe, jede längere Erzählung als Abenteuerroman zu abzutun. Tatsächlich scheint zumindest ein weiteres Genre nebenher zu existieren, nämlich das der Reiseliteratur. Doch auch hierzu gibt es keine klare Zuordnung von Merkmalen, was daran läge, dass die „[…] Zahl von Forschungsbeiträgen inzwischen fast schon bedenkliche Ausmaße angenommen hat […]“ (vgl. BRENNER 1990, S. 3). Da es für diese Arbeit nicht zielführend erscheint, einen weitreichenden gattungsspezifischen Diskurs zu analysieren, soll die Zuordnung des Buchs also sowohl zur Abenteuer-, als auch zur fiktiven Reiseliteratur erfolgen.

Eines der Merkmale von Abenteuerromanen sei, so MAIER (1993, S. 160), eine gesteigerte dynamische Erzählstruktur der Handlung. Die Geschichte ist geprägt von Agonisten und Antagonisten, womit beim Leser eine erregende Bewegtheit und Spannung erzeugt wird. Weiterhin ist es in Abenteuerromanen üblich, dass der Held oder die Gruppe großartige Leistungen erbringen muss, welche z. T. lebensbedrohlich sind, doch am Ende werden diese durch Mut und Geschick überwunden und sorgen für einen positiven Ausgang. Oftmals verfügen die Protagonisten nicht über übernatürliche Fähigkeiten, wohl aber über besondere Talente. Im Fall der Mississippi – Bande wird z.B. Te Trois als außergewöhnlich stark, waghalsig und risikobereit beschrieben. Dadurch ist er oftmals der „Mann fürs Grobe“, also der Mutige, der ernstzunehmende Widersacher bei Raufereien usw. Demgegenüber wird Eddie als „Sumpfschamane“ bezeichnet, was mit besonderen navigatorischen Fähigkeiten und weitreichendem geographischen Wissen einhergeht. Das Abenteuer spielt zwar in einem realistischen Setting, doch eilen den Helden so mancher Zufall zur Hilfe, wie z.B. der Fund der Dose mit den drei Dollar oder der kaputte Eisenbahnchronometer, der zufällig an die Bande geliefert wird usf. Das Eingreifen fremder Kräfte gilt ebenfalls als Merkmal, so geschehen, als Berry der Falschspieler den vier Freunden an seinem Gewinn teilhaben lässt, als der Landstreicher Jack Eddie in den Zug verhilft oder als der Adjutant von Mr. Walker Julie aus der Besserungsanstalt befreit. Zusammengefasst nennt das Lexikon der Kinder- und Jugendliteratur (1984, o. S.) folgende Merkmale eines Abenteuerromans:

„[…] [Abenteuer, d. Verf.] sind durch Handlungsreichtum, Ereignis-(Abenteuer)- Reihung und durch die spannende Darstellung von Gefahrensituationen und ihre Überwindung gekennzeichnet. Im Mittelpunkt des [Abenteuers, d. Verf.], das seinen Schauplatz in der Regel in geographische, zeitliche oder soziale Ferne verlagert, steht der Held, der sich mit Hilfe seiner überragenden Eigenschaften (Geistesgegenwart, Klugheit, Spürsinn, Kaltblütigkeit u.a.) bewährt, oft heimat- und bindungslos ist und 'ewige' Jugend ausstrahlt.“ (vgl. DODERER 1984, o. S.) Da sich alle Elemente im Buch von Morosinotto wiederfinden, halte ich diese Erklärung für besonders zutreffend.

Eine Alters- bzw. Zielgruppenempfehlung ist unter der Betrachtung des Aspekts eines klassischen Kinderbuchs als schwierig anzusehen. Das Buch enthält viele Themen, die einer umso umfassenderen Reflexion durch die Lehrkraft bedürfen, je früher es im Unterricht behandelt wird. So werden die Kinder im Buch Zeuge nicht nur eines, sondern gleich mehrerer Tode, wenn auch z.T. lediglich in Erzählungen. Des weiteren konsumieren die Protagonisten Tabak und Alkohol, bis hin zum Erlebnis eines verkaterten Besäufnis. Die Themenfelder schwanken von dem (möglicherweise bereits kindlichem) Wunsch von zuhause wegzulaufen und eine Abenteuerreise zu unternehmen oder dem Bau eines Einbaums, bis hin zu offenem Rassismus oder dem Entdecken der weiblichen Sexualität, was eher für ältere Jugendliche bzw. junge Erwachsene geeignet erscheint. Unproblematischer wäre es somit, das Buch als Jugendbuch zu klassifizieren und dementsprechend frühestens ab Klassenstufe 4 und darüber hinaus anzubieten.

1.5 Sinnpotentialanalyse

Beginnende Pubertät: Wie bereits mehrfach angegeben finden sich hier und da Belege, dass sich die Figuren entweder bereits in der Pubertät befinden oder gerade in diesen Lebensabschnitt einsteigen. Zum einen wird das sexuelle Interesse von Eddie erwähnt (siehe Kap. 4.2.2), da dieser ja auch ein Jahr älter als alle anderen ist. Dies geschieht zum anderen auch als vorpubertäres Gefühl bei Te Trois (siehe Kap. 4.2.1), oder als Darstellung der Menstruation bei Julie (siehe Kap. 4.2.3). Auch wenn es sich letztlich nur um kurze Textstellen handelt, werden Kinder sicherlich Fragen dazu haben, weshalb ein offener Umgang mit der Thematik sinnvoll erscheint, insbesondere, da in Thüringen in der 3. und 4. Klassenstufe die körperliche Entwicklung und die Veränderung von Mädchen und Jungen in der Vorpubertät einen Unterrichtsgegenstand darstellt (vgl. BZGA 2004, S. 158).

Kindsein um 1900 und Kindesarmut: Morosinotto versucht eine Darstellung der Kindheit im eingeläuteten 20. Jh. Nordamerikas. Dazu zählen, neben den Lebensumständen, schulische, werktätige und freizeitliche Tätigkeiten von Kindern jener Zeit. Da der Autor sich für ein ländliches Gebiet als Herkunftsort der Mitglieder der Mississippi – Bande entschied, kommt hier v.a. das Thema der Kindesarmut zur Sprache, was wiederum mit dem sozialen Status der Eltern zusammenhängt. Daher fällt es den Kindern auch so leicht, ihr Zuhause ohne Abschied zu verlassen, was nach heutigem Verständnis fragwürdig wäre. Durch das Fehlen moderner Medien wie Mobiltelefon oder Computer, ja sogar die spärliche Verfügbarkeit von Printmedien, gestaltet sich Kindheit und Kindsein zu jener Zeit vollkommen andersartig. Im Unterricht böte sich somit klar eine Thematisierung der entsprechenden Verhältnisse an. Im Laufe der Reise entdecken die Kinder auch neue Möglichkeiten und Tätigkeitsfelder, die ihnen die Stadt bietet. Den sozialkritischen Hintergrund außen vor gelassen, skizziert Morosinotto Kindheit aber auch eingebettet in einem allgemeinen historischen Kontext, was somit interessant für Kinder der heutigen Zeit sein könnte.

[...]


1 Für einen besseren Lesefluss wird im Laufe der Arbeit der Begriff der Kinder- und Jugendliteratur mit KJL abgekürzt

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Davide Morosinotto "Die Mississippi-Bande. Wie wir mit drei Dollar reich wurden". Sachanalytische, methodisch - didaktische Aufbereitung und Anregungen zur Umsetzung im Literaturunterricht der Grundschule
Hochschule
Universität Erfurt
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
38
Katalognummer
V501320
ISBN (eBook)
9783346026200
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Grunschule, Grundschulpädagogik, Pädagogik, Leseerziehung, Fachdidaktik Deutsch, Deutschdidaktik, Bachelorarbeit, Sachanalyse, Buchanalyse, Kinderbuch
Arbeit zitieren
Paul Linstedt (Autor), 2019, Davide Morosinotto "Die Mississippi-Bande. Wie wir mit drei Dollar reich wurden". Sachanalytische, methodisch - didaktische Aufbereitung und Anregungen zur Umsetzung im Literaturunterricht der Grundschule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/501320

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