Ist Grundschullehrer ein reiner Frauenberuf? Über den Mangel von männlichen Lehrern an Grundschulen

Eine Bestandsaufnahme


Bachelorarbeit, 2019

45 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Männliche Lehrkräfte an Grundschulen aus empirischer Perspektive
2.1 Methodisches Vorgehen
2.2 Statistische Analyse der Geschlechterstrukturen nach Schulformen
2.2.1 Verteilung der Geschlechter im Ländervergleich
2.2.2 Männliche Lehrkräfte in Deutschland nach Schulform
2.3 Bestandsaufnahme empirischer Studien
2.3.1 Persönlichkeitsmerkmale männlicher Grundschullehrkräfte im Vergleich
2.3.2 Berufsvererbung – Eine Studienübersicht im Vergleich
2.3.3 Milieuzugehörigkeit - Einfluss auf den Lehrerberuf

3. Modelle zur Gewinnung männlicher Lehrkräfte
3.1 Hamburg: „Männer und Grundschule – Erhöhung des Anteils männlicher Studierender ()“
3.2 Bremen: „Rent a teacherman“
3.3 Niedersachsen: „Männer und Grundschullehramt“
3.4 Begründungsmuster der Initiativen
3.4.1 Begründung Initiative Hamburg: „Männer und Grundschule“
3.4.2 Begründung Initiative Bremen: „Rent a teacherman“
3.4.3 Begründung Initiative Niedersachen: „Männer und Grundschule“
3.5 Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Inhalts- und Begründungsmuster

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Danksagung

Das breite Themengebiet „Männliche Lehrkräfte an Grundschulen“ hat mich schon mehrere Jahre beschäftigt, da ich selbst den so selten von Männern eingeschlagenen Weg gewählt habe und Grundschullehrer werde. Es ist mir daher persönlich viel daran gelegen, sowohl das Berufsbild als Mann an einer Grundschule mitzugestalten, als auch aktiv daran mitzu- wirken den Kindern ein männliches Vorbild zu sein, welches auch Verständnis für jungen- spezifisches Verhalten einbringen kann.

Zuerst möchte ich meinem Erstprüfer und Sinnstifter Prof. Dr. Reintjes danken, der mir durch seine freundliche und offene Art und immerwährende Hilfestellung diese Arbeit erst ermöglicht hat. Auch Herrn Richard Sandig sei für die Übernahme der Zweitkorrektur herz- lich gedankt. Weiter möchte ich meiner Freundin danken, die mir stets mit Rat und Tat zur Seite stand und mir dabei half den Fokus nicht zu verlieren. Auch meiner Mutter danke ich für die besondere Unterstützung bei der Themenfindung.

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Jährlicher Einstellungsbedarf (eigene Darstellung nach Bertelsmann- Stiftung, 2018)

Abbildung 2 Geschlechterverteilung im Ländervergleich 2017/ 2018 (eigene Darstellung nach Statistisches Bundesamt Deutschland, 2019, S. 725)

Abbildung 3 Männliche Lehrkräfte Deutschlands nach Schulform 2017/ 2018 (eigene Darstellung nach Statistisches Bundesamt Deutschland, 2019, S. 725)

Abbildung 4 Persönlichkeitsfaktoren im Geschlechtervergleich (eigene Darstellung nach Rothland, et al., 2014, S. 148)

Abbildung 5 Primärfaktoren AVEM im Vergleich (eigene Darstellung nach Rothlandet al. 2014, S. 149)

Abbildung 6 AVE-Muster im Vergleich der Lehrämter (eigene Darstellung nach Rothland, König, Darge, Lünnemann, & Tachtsoglou, 2014, S. 151)

Abbildung 7 Anteilige Berufsvererbung (eigene Darstellung nach Herzog et al., 2007)

Abbildung 8 Soziale Herkunft Lehramtsstudierende Universität (eigene Darstellung nach Schmidt & Schuchart, 2002, S. 60)

Abbildung 9 Soziale Herkunft – Lehramt und andere Studiengänge (eigene Darstellung nach Kerstet al., 2008, S. 53)

1. Einleitung

Wenn sich Holger Vierke nach Männlichkeit sehnt, geht er gerne mal in den Keller. Dort, im Untergeschoss der Elbe-Grundschule in Berlin-Neukölln, wohnt der Hausmeister […]. Dann trinken sie zusammen Kaffee und reden. Außer dem Hausmeister hat Vierke nicht viele männliche Kollegen. Kein Wunder, Holger Vierke ist Grundschullehrer (Janke, 2013, S. 1).

Dieses Zitat beschreibt die Situation in Deutschland treffend, da viele Grundschulen oft- mals nicht einmal eine männliche Lehrkraft im Kollegium haben. So sind beispielsweise 17 von 76 Grundschulen in Bremen komplett ohne männliche Lehrkraft besetzt (vgl.Hasemann, 2019). Im Rahmen dieser Arbeit wird anhand einer Bestandsanalyse ver- sucht, durch Einblicke in diverse Studienergebnisse, Statistiken und aktuelle Artikel den Forschungsstand zum Mangel männlicher Lehrkräfte an Grundschulen zu umreißen.

Doch was sind die Gründe für den bestehenden Mangel männlicher Lehrkräfte an Grund- schulen? Anhand wissenschaftlicher Beiträge, Statistiken und Trends werden die Ein- flussfaktoren, die zum Männermangel an Grundschulen führen, gesammelt und mit den vorherrschenden Bedingungen in Bezug gesetzt. Dabei werden einige Fragen rund um das Thema behandelt.

Anhand einer statistischen Analyse in Kapitel 2.2 wird die Beschaffenheit des Mangels männlicher Lehrkräfte an deutschen Grundschulen dargestellt. Es wird auf die Verteilung der Lehrkräfte an deutschen Schulen eingegangen, sowie der Anteil männlicher Lehr- kräfte an weiterführenden Schulformen aufgezeigt, um einen Überblick über die Ge- schlechterverhältnisse von Lehrkräften aller Schulformen zu ermöglichen.

Dass es an Deutschlands Grundschulen an Männern mangelt, steht fest (vgl.Bertelsmann- Stiftung, 2018), jedoch sind die Gründe für diesen Mangel nicht ganz klar bzw. bekannt. Daher wird unter anderem auf Einflüsse der Berufswahl eingegangen, die sich in Dimen- sionen der Milieuzugehörigkeit, Persönlichkeitsmerkmale und Berufsvererbung bewe- gen. Dies wird in Kapitel 2.3 anhand von empirischen Studien in den zugehörigen Berei- chen betrachtet. Die Betrachtung männlicher Lehrkräfte aus empirischer Sicht soll es er- möglichen, die Gründe für den Männermangel differenziert zu überblicken.

Das Problem des Mangels männlicher Grundschullehrkräfte besteht bereits seit vielen Jahren und die Forschung dazu ist reichhaltig. Doch was wurde nach dem Bekanntwerden der Problematik unternommen, um dem Problem entgegenzuwirken? In Kapitel 3 werden zur Klärung dieser Frage exemplarisch Initiativen vorgestellt, die sich der Problematik auf verschiedene Art und Weise angenommen haben. Dabei werden auch zwei von drei Stadtstaaten Deutschlands auf ihre Stellung hin untersucht. Es wird geprüft, ob diese eine Sonderrolle in Bezug auf die Initiativen zur Gewinnung männlicher Lehrkräfte einneh- men, oder ob diese dem Angebot andere Initiativen Deutschlands entsprechen. Auch sta- tistisch werden die Stadtstaaten in Kapitel 2.2 explizit aufgeführt und anhand ihres An- teils männlicher Lehrkräfte an Grundschulen und weiterführenden Schulformen mit dem Trend Deutschlands verglichen.

2. Männliche Lehrkräfte an Grundschulen aus empirischer Perspektive

An Deutschlands Grundschulen sind im Vergleich zu weiterführenden Schulformen deut- lich weniger männliche Lehrkräfte vorhanden. Im Schuljahr 2017/2018 wurden folgende Daten zum Anteil männlicher Lehrkräfte an Schulen erhoben: Grundschulen 10,5%, Hauptschulen 34,6%, Realschulen 34,1%, Gymnasien 39,9%, Berufsbildende Schulen 47,4% (vgl.Destatis, 2018).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Jährlicher Einstellungsbedarf (eigene Darstellung nach Bertelsmann-Stiftung, 2018)

Wie die Daten zeigen, überwiegt die Anzahl weiblicher Lehrkräfte in allen Schulformen und -formen, jedoch ist der Anteil männlicher Lehrkräfte an Grundschulen von 10,5% auffällig gering. Neben dem Mangel männlicher Lehrkräfte an Grundschulen, wird aktu- ell auch der generelle Lehrkräftemangel an Grundschulen thematisiert. Eine aktuelle Prognose der Bertelsmann-Stiftung bestätigt die bereits heute spürbare Personalnot (siehe Abb.1).

Dieses ist nicht generell dem Personalmangel geschuldet, sondern auch der aktuell stark ansteigenden Schülerzahl. Die aktuelle Prognose zeigt, dass bis zum Jahr 2025 35.000 reguläre Lehrkräfte an Grundschulen fehlen werden. Zusätzlich muss bedacht werden, dass der durch ausscheidende Lehrkräfte entstehende Bedarf mit etwa 60.000 Lehrkräften ebenfalls gedeckt werden muss. Der steigende Schülerzahl muss mit weiteren 26.000 Lehrkräften begegnet werden. Zudem werden für den Ausbau von Ganztagsschulen wei- tere 19.000 Lehrkräfte benötig werden. Zurzeit absolvieren jedoch nur 70.000 Studie- rende ihr Lehramtsstudium. Aus Abbildung 1 wird ersichtlich, dass erst ab dem Jahr 2026 der Anteil ausgebildeter Lehrkräfte dem Bedarf wieder näherkommt und dadurch der jährliche Einstellungsbedarf um fast die Hälfte reduziert wird (vgl.Bertelsmann-Stiftung, 2018).

Wie diese Untersuchungen zeigen, stehen im Bereich der Primarstufe große Änderungen, bzw. großer Handlungsbedarf hinsichtlich der personellen Situation bevor. Im Rahmen dieser Arbeit wird jedoch verstärkt auf den geringen Anteil männlicher Lehrkräfte einge- gangen und weniger auf den absoluten Personalmangel an Grundschulen.

Ein entscheidender Einflussfaktor sich für den Lehrerberuf zu entscheiden, ist die Moti- vation, gerade diesen Beruf auszuüben. Die Berufswahl wird maßgeblich von drei Deter- minanten beeinflusst: Den biografisch/ psychischen Bedürfnissen, den sozial vermittelten Einstellungen und den rationalen Erwägungen. Hier ist noch zu erwähnen, dass die Be- weggründe für die Berufswahl der jeweiligen Person nur teilweise bewusst sind (vgl.Möller, 2009, S. 30-31).

Die Lehrertypologie nach Caselmann 1980 unterscheidet nach zwei Lehrertypen: dem paidotropen und dem logotropen Lehrertyp. Der paidotrope ist der „kindzugewandte“ und der logotrope ist der „sachzugewandte“ Lehrertyp. Aus heutiger Sicht wäre der Gymna- siallehrer (größter Männeranteil) als logotrop veranlagt zu sehen, während der Grund- schullehrer (primär Frauen) als paidotropen Typus anzusehen wäre. Die stereotype Sicht, dass Frauen das Lehramt aus pädagogischen und sozialen Motiven heraus anstreben und Männer aus materiellen Motiven, ist nicht haltbar, da die Zusammenarbeit mit Kindern für Männer zunehmend wichtiger geworden ist. Hinzu kommt, dass Frauen größeren Wert auf eine eigens gesicherte Existenz legen (vgl.Möller, 2009, S. 31).

Vorliegende Studien zur Berufswahlmotivation werden oftmals dahingehend kritisiert, dass sie sozial erwünschte Antworttendenzen und kein authentisches Bild eben dieser Berufswahlmotivationen darstellen. Dies ist mit dem beruflichen Ethos zu begründen, den man mit dem Lehrerberuf in Verbindung bringt. Dieser beinhaltet hohe idealisierte Erwartungen an die lehrende Person (ebd.). Enzelberger (2001) hat in ihrem Buch Die Sozialgeschichte des Lehrerberufs diverse Studien zur Berufswahlmotivation der Lehrer von 1950-1998 untersucht. Sie stellte fest, dass „die an den Inhalten der Arbeit orientier- ten Interessen gegenüber den auf die äußeren Rahmenbedingungen und die Gratifikatio- nen der Arbeit bezogenen Berufswahlgründe stets einen deutlich höheren Stellenwert“ einnehmen (Enzelberger, 2001, S. 241). Daraus lässt sich erschließen, dass die Berufs- wahl von Lehrkräften Mitte bis Ende des letzten Jahrhunderts weniger durch Interessen an den Inhalten der Arbeit und mehr durch die Bezahlung und Rahmenbedingungen ge- leitet waren. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit werden weitere Einflussgrößen auf die Berufswahl erläutert.

2.1 Methodisches Vorgehen

Das methodische Vorgehen dieser Arbeit bestand ausschließlich aus Literaturrecherche und der daraus resultierenden Bestandsaufnahme. Nach einem groben Überblick über die diesen Themenbereich betreffende Literatur, wurde die vorhandene Forschung gesichtet. Dabei wurde schnell deutlich, dass es ein sowohl qualitativ als auch quantitativ reichhal- tiges Literaturangebot zum übergeordneten Thema „Männer an Grundschulen“ gibt. Auf- grund der vielfältigen Menge an Literatur musste stark selektiert werden, was zum einen nach Forschungsgegenstand geschah, d.h. dass vor allem die Forschung berücksichtigt wurde, die verhältnismäßig große Stichproben aufwies, um so einen landesweiten Über- blick/ Vergleich zu ermöglichen. Zum anderen wurde nach passenden Themen selektiert, d.h. ich habe mich auf die Literatur beschränkt, die sich ausschließlich mit dem Mangel an Lehrern an Grundschulen auseinandersetzt und nicht mit der, die den Mangel männli- cher Fachkräfte allgemein im vorschulischen (Kita u.a.), wie auch grundschulischen Be- reich behandelt. Diese Literatur ist für die Thematik des allgemeinen Mangels männlicher Fachkräfte in den genannten Bereichen durchaus notwendig und wichtig, jedoch im Rah- men dieser Arbeit zu unspezifisch für den Bereich der Grundschule.

Auch auf internationaler Ebene gibt es zahlreiche Quellen, die sich mit dem „Männer- mangel“ im Primarbereich auseinandersetzen, auf die jedoch ebenfalls weitestgehend verzichtet wurde, da sich diese Arbeit schwerpunktmäßig auf die Situation in Deutsch- land beschränkt und Vergleiche auch nur innerhalb der deutschen Bundesländer vorge- nommen wurden.

2.2 Statistische Analyse der Geschlechterstrukturen nach Schulformen

Im Folgenden wird der thematische Hintergrund der vorliegenden Arbeit statistisch ge- rahmt. Es wird ein bundes- sowie deutschlandweites Bild von männlichen Lehrkräften im Vergleich, sowie im zeitlichen Trend skizziert. Noch in den 60er Jahren wurde in keiner Weise von Männermangel oder einer nötigen Männerquoten an Grundschulen ge- sprochen, da die Grund- und Hauptschulen zu dem Zeitpunkt noch von ca. 60% männli- cher Lehrkräfte besetzt waren (vgl.Rohrmann, 2006, S. 5). Aktuell ist ein anderes Bild zu verzeichnen. So liegt der Anteil männlicher Lehrkräfte an Grundschulen, wie eingangs in Kapitel 2 erläutert, nur noch bei 10,5% im Schuljahr 2017/2018. Dieser Trend ist nicht nur in Grundschulen spürbar, auch andere Schulformen erfahren einen Anstieg des Frau- enanteils, jedoch nicht in diesem Ausmaß. Aktuelle Schlagzeilen lauten: „[…] Lehrer ist ein Frauenberuf! Die letzte Männerbastion – das Gymnasium – ist gefallen“ (vgl.News4teachers - Das Bildungsmagazin, 2016). Dies zeigt, dass auch andere Schul- formen einen Wandel erfahren, der in den Medien diskutiert wird.

2.2.1 Verteilung der Geschlechter im Ländervergleich

Abbildung 2 zeigt die Geschlechterverteilung von Lehrkräften in ausgesuchten Bundes- ländern. Es ist ersichtlich, dass der Männeranteil an Grundschulen stets nur annährend halb so hoch ist, wie der Männeranteil an allen Schulen (im Durchschnitt). Dabei ist an- zumerken, dass in der Bewertung aller Schulformen (gesamt) auch die geringen Männer- quoten der Grundschulen mitberechnet sind, somit ist eine direkte Gegenüberstellung nicht uneingeschränkt durchführbar. Die Trends sind klar erkennbar, da die Grundschule nur eine von 16 ausgewerteten Schulformen darstellt (vgl.Statistisches Bundesamt Deutschland, 2019).

In der Abbildung 2 sind Hamburg und Bremen als Stadtstaaten explizit aufgeführt, um diese auf eine Sonderstellung in Bezug auf den Männeranteil zu untersuchen. Der Ver- gleich mit Niedersachsen sowie der deutschlandweiten Verteilung zeigt jedoch, dass es keine signifikanten Sonderstellungen der Stadtstaaten gibt. Beide haben eine maximale Abweichung von 2% im Vergleich zur deutschlandweiten Verteilung. Dennoch hat Ham- burg im Vergleich den höchsten Anteil männlicher Grundschullehrkräfte (13%). Dies zeigt erneut auf, wie gering der Anteil männlicher Lehrkräfte an Grundschulen ist. Weiter fällt auf, dass der Anteil männlicher Lehrkräfte an allen anderen Schulformen ebenfalls sehr gering ist, da er nur einen durchschnittlichen Anteil von knapp einem Drittel aus- macht. Dabei kommt zum Tragen, dass neben dem „feminisierten“ Berufsfeld der Grund- schule auch das ebenfalls stark frauendominierte Berufsfeld der Schulkindergärten mit- berücksichtigt wird. Doch auch hier ist zu erwähnen, dass es sich nur um einen geringen Einfluss durch die breit vertreten Schulformenauswertung handelt (vgl. ebd.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 Geschlechterverteilung im Ländervergleich 2017/ 2018 (eigene Darstellung nach Statistisches Bundesamt Deutschland, 2019, S. 725)

Aus der Publikation des Statistischen Bundesamtes geht des Weiteren hervor, dass das angestellte und verbeamtete Personal in Personenzahlen eine dominante Rolle im Grund- schulbereich hat. So sind die meisten Lehrer deutschlandweit Grundschullehrkräfte (vgl.Statistisches Bundesamt Deutschland, 2019, S. 725). Der Aktionsrat Bildung hat in seiner Dokumentation zur Geschlechterverteilung der Bundesländer abschließend festge- stellt: „Kein Bundesland kann als Vorbild für alle erscheinen, denn kein Land kann in allen Untersuchungsfeldern geringe Geschlechterdifferenzen vorweisen“ (Blossfeld, et al., 2009, S. 54) . Auch auf die Stadtstaaten wird explizit eingegangen:

Anhand der Ergebnisse im Überblick lassen sich die Stadtstaaten Hamburg und Berlin als positive Beispiele – zumindest in einigen Teilbereichen – her- vorheben. So ist in Berlin die Geschlechteraufteilung des Lehrerpersonals in den Berufsschulen fast ausgeglichen, ebenso wie der Anteil an Studentinnen und Studenten in Hamburg (ebd.).

Dies zeigt, dass die Stadtstaaten in Bezug auf die Geschlechterverteilung an Grundschu- len nicht positiv hervorstechen. Bremen wird dabei nicht erwähnt. Dass Berlin eine fast ausgeglichene Geschlechterverteilung an Berufsschulen hat, ist natürlich positiv zu be- werten, jedoch ist die Berufsschule auch im deutschlandweiten Durchschnitt die Schul- form mit der ausgeglichensten Geschlechterverteilung von 40,9% Männern und 59,1% Frauen (vgl.Statistisches Bundesamt Deutschland, 2019, S. 725).

2.2.2 Männliche Lehrkräfte in Deutschland nach Schulform

Eine Übersicht über die absoluten Zahlen sowie die Verteilung männlicher Lehrkräfte in Deutschland nach Schulform ist Abbildung 3 zu entnehmen. Die Grafik zeigt, dass der größte Anteil männlicher Lehrkräfte mit Abstand an Gymnasien zu finden ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3 Männliche Lehrkräfte Deutschlands nach Schulform 2017/ 2018 (eigene Darstellung nach Statistisches Bundesamt Deutschland, 2019, S. 725)

So arbeiten im Schuljahr 2017/ 2018 70.253 männliche Lehrkräfte an Gymnasien und nur 20.766 an Grundschulen. Dabei ist anzumerken, dass in Deutschland deutlich mehr Lehr- kräfte an Grundschulen arbeiten als an Gymnasien. Die Differenz zwischen den beiden Schulformen beträgt ca. 20.000 Lehrkräfte. Dies verdeutlicht die Kluft der Geschlechter- verteilung dieser Schulformen zusätzlich (vgl.Statistisches Bundesamt Deutschland, 2019, S. 725). Abbildung 3 lässt vermuten, dass weniger Männer an Haupt- und Förder- schulen in Deutschland beschäftigt sind als an Grundschulen. Dies ist in absoluten Zahlen formuliert auch korrekt, jedoch anteilig im Geschlechterverhältnis betrachtet nicht der Fall, wie man Abbildung 3 nur unschwer entnehmen kann. Der Anteil männlicher Lehr- kräfte an Deutschlands Hauptschulen betrug im Schuljahr 2017/ 2018 beispielsweise 34,57% und weist damit einen fast dreimal so hohen Anteil männlicher Lehrkräfte auf wie an Grundschulen (ebd.).

2.3 Bestandsaufnahme empirischer Studien

Der Bedarf männlicher Lehrkräfte, insbesondere an Grundschulen, wird besonders nach den Ergebnissen der PISA 2000-Untersuchung stark debattiert, da diese eine mögliche Bildungsbenachteiligung von Jungen herausstellte (vlg.Baumer et al., 2001, S. 16). Durch das große Interesse kam es im Anschluss zu zahlreichen Erhebungen. Im Folgenden wer- den einige dieser Studien exemplarisch dargestellt.

2.3.1 Persönlichkeitsmerkmale männlicher Grundschullehrkräfte im Vergleich

Die von Martin Rothland et al . (2014) durchgeführte explorative Studie „‵Mit männlicher Wucht′“ in das 'weibliche Biotop ′“ versucht Männer, die das Grundschullehramt anstre- ben vergleichend mit Frauen zu charakterisieren. Dies soll der Frage Aufschluss bringen,

ob Männer, die Grundschullehrer werden wollen, sich aufgrund ihres Ge- schlechts in ihren ausbildungs- und berufsrelevanten Persönlichkeitseigen- schaften, motivationalen sowie kognitiven Ausgangslagen von den angehen- den Grundschullehrerinnen unterscheiden, wie es die Begründungen für die Forderung von mehr Männern für das Grundschullehramt suggerieren (Rothland et al., 2014, S. 141).

Diese Studie geht davon aus, dass männliche Studierende des Grundschullehramts beson- dere charakterliche Merkmale aufweisen, die sie sowohl von ihren weiblichen Kommili- toninnen als auch von anderen männlichen Mitstreitern anderer Lehrämter unterscheiden und diese in ihrer Berufswahl motivational bestärken. Klischeehaft anmutende Männlich- keitskonstruktionen werden kritisch hinterfragt. Jenseits der vielfach geführten Debatten über Geschlechterstereotype, wird empirisch der Frage nachgegangen, ob gerade solche Männer Grundschullehrer werden sollten, die sich in vielerlei Hinsicht von angehenden Grundschullehrerinnen unterscheiden (vgl.Rothland et al., 2014, S. 143). Rothland (2014) konstatiert weiter, dass das Bild eines idealtypischen Mannes vorherrscht, der jede schwierige Situation meistert und dabei männlich-markant und souverän wirkt. So sollen die Jungen ihn als Vorbild akzeptieren. Es wird deutlich, dass von männlichen Grund- schullehrkräften erwartet wird, eine Form der „idealen Männlichkeit“ zu verkörpern (ebd.). Weiterführend wird kritisiert, dass besonders in englischsprachigen Studien (zum Beispiel: Brookhart und Loadman 1996; Montecinos und Nielsen 1997; Carrington 2002; Thornton et al. 2002; Mulholland und Hansen 2003) die Berufswahlmotivation, sowie berufsbezogene Wahrnehmungen und Überzeugungen von männlichen Grundschullehr- kräften und Lehramtsstudenten erfasst und untersucht wurden. In diesen bisherigen For- schungen (Stand 2014) finden sich jedoch keine Schriften, die

männliche Eigenschaften und Persönlichkeitsmerkmale von Grundschulleh- rern als notwendige Rollenvorbilder und alternative Orientierungsangebote in der Grundschule, die personalen Ausgangslagen und Charakteristika (an- gehender) männlicher Grundschullehrkräfte in den Blick (Rothland et al., 2014, S. 144) genommen haben.

Wie aus Abbildung 4 hervorgeht, unterscheiden sich männliche Studierende signifikant von anderen männlichen Studierenden, die ein anderes Lehramt anstreben. Die fünf ge- messenen Persönlichkeitsmerkmale („big five“1 ) wurden anhand von 13 Fragen mit 42 Items gemessen. Daraus resultiert eine maximale Übereinstimmung (100%), wenn 42 Punkte erreicht werden. Männliche Anwärter des Grundschullehramtes weisen eine deut- lich höhere Verträglichkeit auf (5,19∆) als die Männer der Normstichprobe. Des Weiteren unterscheiden sich beide Gruppen in dem Merkmal „Offenheit“. Dieses Merkmal ist bei männlichen Studierenden, die das Grundschullehramt anstreben, weniger stark ausge- prägt (2,69∆). Weiter ist das Merkmal „Neurotizismus“ bei den angehenden Grundschul- lehrern geringer ausgeprägt als bei anderen Lehrämtern (2,91∆).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4 Persönlichkeitsfaktoren im Geschlechtervergleich (eigene Darstellung nach Rothland et al., 2014, S. 148)

Dem lässt sich entnehmen, dass Studenten des Grundschullehramts eine höhere Verletz- lichkeit und emotionale Labilität aufweisen als andere männliche Lehramtsstudenten gleichen Geschlechts (vgl. Rothland et al., 2014).

Die Abbildung 5 zeigt die von Rothland et al. durchgeführte Studie zum arbeitsbezogenen Verhalten und Erleben im Vergleich zwischen männlichen und weiblichen Studierenden. Männliche und weibliche Studierende mit dem Ziel des Grundschullehramts wurden an- hand von elf Dimensionen arbeitsbezogenen Verhaltens und Erlebens verglichen.

[...]


1 Bei den „Big Five“ (auch Fünf-Faktoren-Modell, FFM) handelt es sich um ein Modell der Persönlich- keitspsychologie. Diesem Modell zufolge existieren fünf Hauptdimensionen der Persönlichkeit (Offen- heit, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Neurotizismus). Die Big Five wurden durch zahlreiche Studien belegt und sind heute international anerkannt (Asendorp & Neyer, 2012).

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Ist Grundschullehrer ein reiner Frauenberuf? Über den Mangel von männlichen Lehrern an Grundschulen
Untertitel
Eine Bestandsaufnahme
Hochschule
Universität Osnabrück  (Erziehungswissenschaften)
Note
2,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
45
Katalognummer
V501325
ISBN (eBook)
9783346031969
ISBN (Buch)
9783346031976
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Grundschule, Männermangel, Männliche Vorbilder, Lehrermangel
Arbeit zitieren
Janosch Winkelmann (Autor), 2019, Ist Grundschullehrer ein reiner Frauenberuf? Über den Mangel von männlichen Lehrern an Grundschulen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/501325

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