Der zeitliche Rahmen dieser Analyse umfasst im wesentlichen die Jahre 1919 bis 1934, also den Zeitraum zwischen Entstehung der ersten Fassung und dem Erscheinen der vierten Fassung. Weitere Änderungen des Buches 1961 und 1978 finden hier keine weitere Beachtung, da sie in erster Linie stilistischer Natur sind und keinen unmittelbaren Bezug zur politischen Situation der Jahre haben. Hingegen wird man nicht umhin kommen einige Aspekte aus Jüngers Biographie bis 1919 zu skizzieren, da sein Verhältnis zu Elternhaus und Schule, und insbesondere natürlich das Kriegserlebnis selbst, entscheidenden Einfluss auf sein literarisches und politisches Wirken in der Weimarer Zeit hatte.
Schwierig erscheint eine brauchbare Begriffsfindung um Jünger genauer einer Ideenrichtung bzw. einer geistigen Gruppierung zuzuordnen. Der Überbegriff Nationalismus bedarf in Bezug auf Ernst Jüngers spezieller Ausprägung in den 20er Jahren einer stärkeren Differenzierung. Eine einheitliche Terminologie hat sich hier bislang nicht durchgesetzt. Der Begriff „Soldatischer Nationalismus“ erscheint am brauchbarsten um Jüngers frühe Kriegsliteratur zu charakterisieren. Er bezeichnet eine Form des Nationalismus, also des Bewusstseins, welches die Größe und Macht der eigenen Nation als höchsten Wert erachtet, dessen entscheidender Ausgangspunkt und bindendes Element das Kriegserlebnis darstellt, aus dem fast alle politischen und gesellschaftlichen Ideallösungen abgeleitet werden. Hauptgegner war die Weimarer Republik und Ziel die Errichtung einer totalitären Diktatur. In der Literatur werden auch die Begriffe „Neuer Nationalismus“ und „Revolutionärer Nationalismus“ nahezu austauschbar verwendet. Aus solchen Einordnung ergeben sich aber erhebliche Schwierigkeiten hinsichtlich der Definition und Abgrenzung relativ homogener Gruppierungen und Strömungen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ernst Jünger bis 1918
2.1. Kindheit und Jugend
2.2. Im Krieg
3. „In Stahlgewittern“ I und II 1919 – 1922
3.1. Ernst Jünger um 1919
3.2. Die erste Fassung 1920
3.3. Die zweite Fassung 1922
3.4. Fazit
4. „In Stahlgewittern“ III 1923 – 1924
4.1. Das Jahr 1923
4.2. Die dritte Fassung 1924
4.3. Fazit
5. „In Stahlgewittern“ IV 1925 – 1934
5.1. Ernst Jüngers Entwicklung bis 1933
5.2. Die vierte Fassung 1934
5.3. Fazit
6. Schlussbetrachtung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die verschiedenen Fassungen von Ernst Jüngers Kriegstagebuch „In Stahlgewittern“ im Zeitraum von 1919 bis 1934. Das primäre Ziel ist es, die textlichen Änderungen vor dem Hintergrund der biographischen Entwicklung Jüngers und der politischen Umstände der Weimarer Republik zu analysieren, um so Jüngers Haltung zum Nationalsozialismus und seine literarische Selbststilisierung besser einordnen zu können.
- Biographischer Hintergrund von Ernst Jünger (1919–1934)
- Analyse der Fassungsänderungen von „In Stahlgewittern“ (1920, 1922, 1924, 1934)
- Der Einfluss politischer Radikalisierung auf die Werkgenese
- Verhältnis von Soldatischem Nationalismus zur literarischen Objektivität
- Auseinandersetzung mit den Thesen der Jünger-Forschung (Finalitätsthese vs. Opportunitätsthese)
Auszug aus dem Buch
3.2. Die erste Fassung 1920
„Und doch hat dieser Krieg seine Männer und seine Romantik gehabt! Helden, wenn das Wort nicht so wohlfeil geworden wäre. Draufgänger, unbekannte, eherne Gesellen [...] Ihr seid nicht umsonst gefallen. Wenn auch vielleicht das Ziel ein anderes, größeres ist, als ihr erträumet. Der Krieg ist der Vater aller Dinge. [...] Wir haben viel, vielleicht alles, auch die Ehre verloren. Eins bleibt uns: die ehrenvolle Erinnerung an euch, an die herrlichste Armee, die je die Waffen trug und an den gewaltigsten Kampf, der je gefochten wurde. Sie hochzuhalten inmitten dieser Zeit des weichlichen Gewinsels, der moralischen Verkümmerung und des Renegatentums ist die stolzeste Pflicht eines jeden, [...]“
Das Vorwort zeigt deutlich Jüngers Sinndeutungsambitionen hinsichtlich des Krieges, die er mit diesem Werk verknüpfte. Jünger erhebt dabei einen gewissen Repräsentanzanspruch, für die gesamte Frontkämpfergeneration zu sprechen. Er beschreibt den Krieg als Abenteuer und Möglichkeit zur Selbstentfaltung und versucht durch ästhetisierende Beschreibungen dem Krieg eine gewisse Romantik und den Soldaten, und hier insbesondere sich selbst, Heldencharakter zu verleihen. Auffällig dabei ist, insbesondere auch bei der Schilderung grausamer Details, die absolute Distanziertheit der Darstellung und das Fehlen jeglicher moralischer Stellungnahme. Die soziale Dimension des Krieges, also Aspekte wie Kameradschaft und Freundschaft, bleiben ausgeklammert. Jünger zieht sich auf eine elitäre Position des objektiven, emotionslosen Beobachters zurück, wobei er seinen subjektiven Standpunkt nicht verlässt. Es tritt eine gewisse Spannung zwischen distanziert sachlicher Realitätsprosa und ästhetisierenden Beschreibungen, zwischen Beobachtung und Reflexion, hervor. Der Schwerpunkt liegt nach Jüngers Überzeugung eindeutig auf der Objektivität: “Der Grad der Sachlichkeit eines solchen Buches ist der Maßstab seines inneren Wertes”.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt Ernst Jünger als kontroversen Schriftsteller dar und erläutert den Analyseansatz, die Fassungen von „In Stahlgewittern“ als Reaktion auf biographische und politische Entwicklungen zu begreifen.
2. Ernst Jünger bis 1918: Dieses Kapitel skizziert die Jugend und das entscheidende Kriegserlebnis Jüngers, welches das Fundament für sein späteres Weltbild und seine literarische Arbeit bildet.
3. „In Stahlgewittern“ I und II 1919 – 1922: Es wird analysiert, wie Jünger in den ersten Fassungen den Krieg als unpolitisches Abenteuer darstellt und eine elitäre, distanzierte Beobachterrolle einnimmt.
4. „In Stahlgewittern“ III 1923 – 1924: Das Kapitel beleuchtet die Phase der Radikalisierung Jüngers, in der er versucht, seinem Kriegstagebuch eine völkisch-nationalistische Deutung aufzuerlegen.
5. „In Stahlgewittern“ IV 1925 – 1934: Hier wird der Wandel Jüngers zum Schriftsteller nachgezeichnet, der mit der Tilgung nationalistischer Passagen aus dem Werk einhergeht.
6. Schlussbetrachtung: Die Arbeit resümiert, dass Jünger als politischer Mensch gescheitert ist, seine Werkänderungen jedoch primär dem Anspruch an literarische Reife und der Abkehr vom radikalen politischen Engagement geschuldet sind.
Schlüsselwörter
Ernst Jünger, In Stahlgewittern, Kriegstagebuch, Weimarer Republik, Nationalismus, Soldatischer Nationalismus, Werkgenese, Textänderungen, Frontkämpfer, Autorenschaft, Radikalisierung, Ideologie, Literaturgeschichte, Weimarer Demokratie, Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die textliche Entwicklung des Kriegstagebuchs „In Stahlgewittern“ von Ernst Jünger zwischen 1919 und 1934.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentral sind der biographische Wandel Jüngers, die Entstehung der verschiedenen Fassungen seines Hauptwerkes und deren Bezug zu den politischen Strömungen der Weimarer Zeit.
Welches Ziel verfolgt der Autor mit dieser Analyse?
Das Ziel ist es, Jüngers Entwicklung vom Frontoffizier zum politischen Radikalen und schließlich zum Schriftsteller anhand der textlichen Modifikationen an seinem Kriegstagebuch nachzuvollziehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird hier angewendet?
Es wird eine chronologische Analyse der Werkgenese durchgeführt, die auf der Auswertung von Primärtexten und der Einbeziehung literaturwissenschaftlicher Forschungspositionen basiert.
Welche inhaltlichen Schwerpunkte liegen auf dem Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil behandelt die vier zentralen Fassungen (1920, 1922, 1924, 1934) und verknüpft diese mit Jüngers jeweiliger Lebensphase und politischen Einstellung.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie soldatischer Nationalismus, Werkgenese, Ideologiekritik und die Entwicklung eines Autors im Kontext der Weimarer Republik beschreiben.
Warum spielt die dritte Fassung von 1924 eine besondere Rolle?
Sie dokumentiert Jüngers stärkste politische Radikalisierung, da er hier versucht, sein Kriegserlebnis ideologisch im Sinne des völkischen Nationalismus zu deuten.
Wie lässt sich die Streichung nationalistischer Passagen in der vierten Fassung erklären?
Dies ist einerseits durch Jüngers Wandel zur reinen Schriftstellerexistenz und die Abkehr vom Nationalsozialismus begründet, sowie durch den Anspruch, sein Werk in den Rang zeitloser Weltliteratur zu erheben.
- Quote paper
- Robert Hanulak (Author), 2003, Ernst Jünger und sein Kriegstagebuch "In Stahlgewittern" - eine Untersuchung der verschiedenen Fassungen vor dem Hintergrund der Jahre 1919-1934, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50135