Die Basis dieser Arbeit bildet eine Literaturrecherche. Um die Frage zu beantworten, ob die Widerspruchslösung bei der Organspende ethisch vertretbar ist, werden diese und die derzeit geltende Zustimmungslösung zunächst beschrieben und danach die ethischen Grundprinzipien und Theorien, die für die Untersuchung herangezogen werden, erläutert. In der darauffolgenden Diskussion wird dann die Widerspruchslösung anhand dieser Konzepte bewertet. In dieser Arbeit wird nur die Widerspruchslösung untersucht, weitere (beispielsweise organisatorische) Möglichkeiten zur Erhöhung der Anzahl der verfügbaren Organe werden nicht beleuchtet.
Der gravierende Mangel an Spenderorganen führt unter anderem dazu, dass jedes Jahr fast 1.000 Personen, die sich auf der Warteliste befinden, sterben. Um die Zahl der Organtransplantationen zu erhöhen wurde im Februar 2019 vom Deutschen Bundestag eine Änderung des Transplantationsgesetzes (TPG), das die Organspende in Deutschland seit 1997 regelt, beschlossen. Diese Änderungen sollen vor allem organisatorische und finanzielle Missstände beheben. So sollen Hindernisse in den Kliniken beseitigt werden: Transplantationsexperten in Krankenhäusern sollen mehr Zeit bekommen und der Prozess der Organentnahme soll besser vergütet werden.
Es gibt allerdings auch Anhaltspunkte dafür, dass die Gründe für die niedrigen Spendenzahlen nicht nur in organisatorischen Defiziten des Gesundheitssystems liegen, sondern auch in der gesetzlichen Regelung, die für eine postmortale Organspende eine ausdrückliche Zustimmungserklärung des Spenders bzw. seiner Angehörigen vorsieht. Ein Indiz dafür kann sein, dass nur 36 Prozent der Deutschen über einen Organspendeausweis verfügen, obwohl 84 Prozent dem Thema aufgeschlossen gegenüberstehen würden.
Im Vorschlag zur Änderung des TPG hatte Gesundheitsminister Jens Spahn auch eine doppelte Widerspruchsregelung – weder der Spender noch seine Angehörigen lehnen die Organspende ab – vorgesehen, welche allerdings nicht übernommen wurde. Diese Arbeit soll beleuchten, ob diese Alternative zur derzeitigen Regelung aus ethischer Sicht vertretbar wäre.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Methodik und Abgrenzungen
3 Grundlagen
3.1 Formen der Zustimmungs – und Widerspruchsregelung
3.2 Situation in Deutschland
3.2.1 Gesetzliche Regelungen
3.2.2 Gründe für den Organmangel
3.3 Theorien der Ethik
3.3.1 Utilitarismus
3.3.2 Kategorischer Imperativ
3.4 Betroffene Menschenrechte
4 Diskussion
4.1 Utilitarismus
4.2 Kategorischer Imperativ
5 Fazit und Kritische Würdigung
Zielsetzung & Themen
Das primäre Ziel der Arbeit ist die Untersuchung der ethischen Vertretbarkeit der Widerspruchslösung bei der postmortalen Organspende als Alternative zur derzeit in Deutschland geltenden Zustimmungslösung. Die Forschungsfrage fokussiert dabei auf die ethische Legitimation unter Anwendung deontologischer und teleologischer Ethiktheorien.
- Analyse der verschiedenen Modelle der Organspenderegelungen
- Evaluierung der aktuellen Situation in Deutschland und der Ursachen des Organmangels
- Ethische Bewertung der Widerspruchslösung anhand des Utilitarismus
- Ethische Bewertung der Widerspruchslösung anhand des Kategorischen Imperativs
- Betrachtung relevanter Grundrechte und Menschenrechte im Kontext der Organspende
Auszug aus dem Buch
4.2 KATEGORISCHER IMPERATIV
Die Betrachtung der Widerspruchslösung nach dem Kategorischen Imperativ ist etwas komplexer.
Der Kategorische Imperativ besagt, dass man nur nach derjenigen Maxime handeln soll, durch die man zugleich wollen kann, dass sie ein allgemeines Gesetz werde. Nun ist die Widerspruchslösung allerdings in einigen Ländern bereits allgemeines Gesetz. Durch diese Tatsache muss hier die Analyse invertiert und die Frage untersucht werden, ob das allgemeine Gesetz vom Einzelnen diese Handlung verlangen kann.
Um dies zu beantworten, wird die einfache Widerspruchsregelung in ihre zwei Kernaussagen aufgeteilt:
a) Jeder muss seine Organe spenden.
b) Jeder kann der Organentnahme widersprechen.
Die erste Aussage ist zwar denkbar, kann aber nicht gewollt sein, da sie dem Konzept, nach dem eigenen Willen zu handeln, widerspricht. So werden zum Beispiel religiöse Wünsche nach einer Bestattung des unversehrten Leichnams missachtet.
Auch die zweite Aussage ist denkbar. Durch sie ist das Selbstbestimmungsrecht zum Teil wieder gegeben. Allerdings zwingt der Staat den Menschen dadurch sich mit dem Thema Organspende und somit mit dem eigenen Ableben zu beschäftigen. Würde der Mensch dies nämlich nicht tun und würde er die Entscheidung aufschieben, stünden seine Organe theoretisch zur Entnahme zur Verfügung. Der Staat, der den Menschen eigentlich in seiner physischen und psychischen Unversehrtheit über den Tod hinaus schützen sollte, vernachlässigt dann diese Pflicht. Ist dies nach Kant noch ethisch vertretbar?
Ein Organspender kann bis zu acht Menschenleben retten. Jedes Jahr sterben ungefähr tausend Menschen auf der Warteliste (vgl. (Breyer & et.al. 2006). Nach dem Kategorischen Imperativ kann es sowohl denkbar als auch gewollt sein, dass der Schutz der Lebenden über dem Schutz der Toten steht. Damit wäre die einfache Widerspruchsregelung ethisch vertretbar.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Darstellung der aktuellen statistischen Unterversorgung mit Spenderorganen in Deutschland und Begründung der Relevanz einer ethischen Auseinandersetzung mit der Widerspruchslösung.
2 Methodik und Abgrenzungen: Erläuterung der Literaturrecherche als Basis und Abgrenzung gegenüber anderen Lösungsansätzen sowie der Lebendorganspende.
3 Grundlagen: Systematische Einführung in verschiedene Regelungsmodelle, die deutsche Gesetzeslage, zentrale ethische Theorien und die betroffenen Grundrechte.
4 Diskussion: Anwendung des Utilitarismus und des Kategorischen Imperativs auf die Widerspruchslösung, um deren ethische Vertretbarkeit zu bewerten.
5 Fazit und Kritische Würdigung: Synthese der Ergebnisse, die eine grundsätzliche Vertretbarkeit der (engen) Widerspruchslösung unter Begleitung durch Informationskampagnen nahelegt.
Schlüsselwörter
Organspende, Widerspruchslösung, Zustimmungslösung, Transplantationsgesetz, Organspendeausweis, Utilitarismus, Kategorischer Imperativ, Medizinethik, Organspender, Warteliste, Selbstbestimmungsrecht, Menschenwürde, Hirntod, Transplantationsmedizin, Ethik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die ethische Rechtfertigung der Einführung einer Widerspruchslösung für die postmortale Organspende in Deutschland.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Transplantationsgesetz, ethische Theorien (Utilitarismus, Kategorischer Imperativ) und die Abwägung zwischen dem Schutz der Lebenden und dem Selbstbestimmungsrecht Verstorbener.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu beleuchten, ob eine Widerspruchslösung zur Erhöhung der Spenderzahlen ethisch vertretbar ist.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturrecherche und einer ethischen Argumentationsanalyse.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Grundlagen der Spendenregelungen, die ethischen Theorien nach Kant und Utilitarismus sowie deren Anwendung auf die Widerspruchslösung diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Organspende, Widerspruchslösung, Transplantationsgesetz, Ethik, Selbstbestimmungsrecht.
Warum wird die Vertragstheorie für diese Untersuchung ausgeschlossen?
Die Autorin verwirft die Vertragstheorie, da sie bei bloßer gesetzlicher Vorgabe jede Lösung als ethisch vertretbar einstufen würde, was für die spezifische ethische Analyse der Forschungsfrage ungeeignet erscheint.
Wie bewertet der Utilitarismus die Widerspruchslösung?
Der Utilitarismus sieht die Lösung aufgrund der positiven Konsequenzen – der Rettung von bis zu acht Menschenleben pro Spender – als ethisch vertretbar an.
Welches Problem ergibt sich bei der erweiterten Widerspruchslösung laut Immanuel Kant?
Kant betonte, dass kein Mensch einen Verfügungsanspruch über einen anderen hat; Angehörige dürften nach seiner Lehre daher nur über eine Spende entscheiden, wenn sie den tatsächlichen Willen des Verstorbenen kennen.
- Citar trabajo
- Marion Obrist (Autor), 2019, Postmortale Organspende. Ist die Widerspruchslösung ethisch vertretbar?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/501552