Das Leib-Seele-Problem nach Thomas Nagel. Die Unzulänglichkeit reduktionistischer Lösungen


Essay, 2017

8 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

1. Einleitung

In diesem Essay werde ich mich mit Thomas Nagels (T.N.) Text „Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?“ und dazu mit folgender Fragestellung auseinandersetzen: „Wie begründet T.N., dass jede bisherige reduktionistische Lösung des Leib-Seele-Problems unzulänglich ist?“

Im Hauptteil werde ich zuerst zentrale Begriffe klären, die Hauptthese erläutern und mich dann mit seiner Argumentation auseinandersetzen. Dabei zeige ich auf, dass bisherige reduk- tionistische Theorien etwas ausgelassen haben und wieso das Ausgelassene für eine Konzep- tion zur Lösung des Leib-Seele-Problems (L.-S.-P.) unmittelbar relevant und notwendig ist. Für den Autor ist das als Argument gegen Reduktion jedoch nicht ausreichend, da sich unsere Wirklichkeit und somit die Gültigkeit der Aussagen fortwährend ändern kann. Um Nagels Ar- gument zu stützen, erläutere ich deswegen anschließend, wieso schlüssige Reduktion zurzeit nicht nur unmöglich, sondern sogar kontraproduktiv ist.

Im Schlussteil meines Essays werde ich die aus dem Hauptteil gewonnenen Erkenntnisse noch einmal kurz zusammenfassen und daraus ein Fazit ziehen.

2. Hauptteil

Ich möchte mit der Klärung einiger zentraler Begriffe beginnen:

Das L.-S.-P., auch Körper-Geist-Problem genannt, beschäftigt sich grundsätzlich mit der Frage nach dem Verhältnis zwischen mentalen und physischen Zuständen: Sind Leib und Seele zwei Substanzen, oder letztlich doch eins? „Die endgültige Aufhebung des Leib-Seele- Dualismus wäre […] der Nachweis, dass alle Vermögen, die traditionell der Seele zugeschrieben werden, als chemische und elektrische Prozesse beschrieben werden können.“ 1, sodass wir Leib und Seele als eine Substanz bezeichnen könnten.

Um das L.-S.-P. zu lösen werden häufig reduktionistische Theorien gebraucht, die sich vornehmlich auf die Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaft gründen. Reduktion „bezeichnet ganz allgemein die Zerlegung eines komplexen Tatbestandes in einfachere Be- standteile und damit Zurückführung auf diese Bestandteile.“ 2 Es wird also versucht, das L.- S.-P. zu lösen, indem von einem „Beispiel(e) erfolgreicher Reduktion [auf] die Beziehung zwischen dem Mentalen und dem Gehirn“ 3 geschlossen wird. Zu den Beispielen gehören unter anderem das Wasser/H2O-Problem, das Turingmaschinen/IBM-Problem und das Gen/

DNS-Problem, auf die ich jetzt nicht weiter eingehen werde. Dabei müsse „jedes reduktionis- tische Programm […] auf einer Analyse dessen beruhen, was reduziert werden soll.“ 4 Das bedeutet, dass die Analyse alles umfassen muss, da es sich sonst schlichtweg um ein anderes Thema handelt. Darauf werde ich in Kürze zurückkommen, wenn ich die „Reduktive Analyse des Mentalen“ 5 erläutere.

Genau hier knüpft Nagels Hauptthese an, denn er ist der Meinung, dass jedes dieser Beispiele etwas Wesentliches auslässt und somit als Grundlage für eine Lösung des L.-S.-P. un- zulänglich ist. Dies werde ich nun kurz erläutern:

Grundsätzlich geht er davon aus, dass Menschen und Tiere bewusste Erfahrung machen, also auch bewusste mentale Zustände haben. Dies impliziere notwendigerweise, dass es irgendwie ist, dieser Organismus zu sein 6 , was ich im Folgenden den „subjektiven Charakter von Er- fahrung“ 7 (s. C. v. E.) nennen werde. Er ist seiner Meinung nach das wichtigste Merkmal be- wusster Erfahrung.

Um Nagels Verständnis von Subjektivem und Objektivem nachzuvollziehen ist es wichtig zu wissen, dass er einen Realismus vertritt, „es [also] unabhängig von unseren geistigen Vorgängen, wie dem Denken, Vorstellen oder Sprechen, äußerliche Dinge gibt, auf die wir Bezug nehmen“. 8

Wie oben zitiert, müsse eine gültige Reduktion auf der Analyse dessen beruhen, was reduziert wer den soll. Wer eine reduktionistische Theorie entwickelt, die das Verhältnis zwischen den mentalen und physischen Prozessen erklären soll, müsse also auch das Bewusstsein und somit den s. C. v. E. als wesentlichen Bestandteil dessen erklären. Keine der bisherigen reduktionis- tischen Theorien tue das.

Um das zu zeigen bedient er sich anfänglich eines Beispiels: Ginge man davon aus, dass Roboter keine bewussten Erfahrungen machten und man ihnen aber mentale Zustände zuschreiben könne, dann folge daraus, dass die Analyse mentaler Zustände nicht ausreiche, um den s. C. v. E. vollständig zu erfassen. Dies sei also ein Beispiel für eine Reduktive Analyse des Mentalen, bei dem nicht alles Notwendige erfasst würde und die Analyse somit zwangsläufig das Thema verfehle.

T.N. geht davon aus, dass jedes subjektive Phänomen mit einer einzelnen Perspektive verbun- den ist. Das bedeutet, dass die Perspektive des zu verstehenden Objekts eingenommen werden muss, um eine vollständige Konzeption von dessen s. C. v. E. entwickeln zu können.

Um den Begriff der Perspektive nach T.N. richtig zu verstehen ist hierbei anzumerken, dass eine Perspektive nicht zwangsläufig „privat“ sein müsse. Es ginge vielmehr darum, ob man dem Objekt der Zuschreibung ähnlich genug sei, um dessen Perspektive einnehmen zu kön- nen. Dieser Fall sei oft möglich. „Es handelt sich [also] eher um einen Typus“ 9 . Ist dies der Fall, so könne man die Qualität des Erlebnisses verstehen, also die Perspektive des Anderen einnehmen und somit objektive Aussagen über dessen Erleben treffen. Doch auch diese Tat- sachen genügen den Ansprüchen einer objektiven physikalischen Theorie nicht, denn „sie sind in dem Sinne subjektiv, daß diese objektive Zuschreibung von Erlebnissen nur für jeman- den möglich ist, der dem Objekt der Zuschreibung ähnlich genug ist.“ 10 , sie also nur von Angehörigen des gleichen Typus verstanden werden könnten. Wenn es sich um einen anderen Typus handelt, so hätten wir Schwierigkeiten, die Erlebnisse wirklich zu verstehen.

Wir müssen also auch fragen, ob es möglich ist, die Perspektive eines anderen Typus voll- ständig einzunehmen.

Um dies zu ergründen, bedient sich T.N. des Beispiels einer Fledermaus, wobei er davon aus- geht, dass sie, genau wie wir, bewusste Erfahrungen macht. Es muss also irgendwie sein, eine Fledermaus zu sein. Das Beispiel scheint ihm sinnvoll, da sie uns Menschen auf dem phylo- genetischen Stammbaum näher verwandt ist als viele andere Arten, jedoch über eine Form der Wahrnehmung verfügt, genannt das „Fledermaus-Radar“, mit der sie sich ein Bild von ihrer Umgebung macht. Auch uns ist es möglich ein Bild von unserer Umgebung zu machen, trotz-dem „gibt es keinen Grund zu der Annahme, dass es subjektiv wie irgendetwas ist, das wir erleben oder das wir uns vorstellen.“ 11 können, wie wir durch die folgenden Betrachtungen unserer eigenen geistigen Ressourcen erkennen.

Die Frage lautet: Können wir die Perspektive einer Fledermaus vollständig erfassen?

Der Versuch, dieses Vorhaben zu verwirklichen, bedürfe unserer Phantasie. Die grundlegen- den Bestandteile der Phantasie bilde unsere persönliche Erfahrung, weswegen sie beschränkt sei. 12 Da sich T.N. in seinem Denken weder mit Hinzufügen, noch mit Wegnehmen seiner Er- fahrung vorstellen kann, wie es ist eine Fledermaus zu sein, schließt er daraus, dass die zugänglichen Ressourcen unseres Bewusstseins uns lediglich zeigen können, wie es für uns wäre die Erlebnisse einer Fledermaus zu machen, jedoch nicht, wie es ist, eine Fledermaus zu sein. Unsere Phantasie reiche nur aus, um „einem Tier auf der Grundlage seiner Struktur und seines Verhaltens allgemeine Arten von Erfahrung [zu]zuschreiben“ 13 , nicht jedoch, um die Perspektive vollständig zu erfassen.

Wenn wir die Perspektive nicht vollständig einnehmen können, können wir den s. C. v. E. nicht erfassen und eine zugehörige reduktionistische Konzeption kann lediglich abstrahieren und den Anspruch der Objektivität nicht erfüllen. Das L.-S.-P. wird also nicht wirklich gelöst.

Es wäre jedoch die „plumpste Form gedanklicher Unstimmigkeit […], die Wirklichkeit dessen, was wir niemals beschreiben können, oder den Sinn dessen, was wir niemals verste- hen können, zu leugnen.“ 14 Nur weil T.N. mit unserem bisherigen Wissensstand darauf schließt, dass wir den s. C. v. E. nicht vollständig erklären können, heißt es nicht, dass das in Zukunft zwangsläufig auch der Fall sein wird.

Um deswegen in Bezug auf das L.-S.-P. sein Argument gegen Reduktion zu vervollständigen, geht T.N. nun noch einen Schritt darüber hinaus, um zu zeigen, warum Reduktion auf dem Weg zu mehr Verständnis des Innenlebens, in der der s. C. v. E. ja zu finden ist, nicht nur un- möglich, sondern sogar kontraproduktiv sei.

Er erkennt an, dass Reduktion in vielen Bereichen mit einem Schritt hin zu größerer Objektiv- ität und somit tieferem Verständnis einhergehe.

Hierfür bedient er sich des Beispiels eines Blitzes: „Ein Blitz hat einen objektiven Charakter, der sich nicht in seiner visuellen Erscheinung erschöpft“ 15 . Weil das Phänomen nicht an eine bestimmte Perspektive gebunden sei, könne seine objektive Natur auch von einer anderen Perspektive aus erfasst werden.

[...]


1 siehe Link 1

2 siehe Link 2

3 Seite 261

4 S. 262

5 S. 262

6 vgl. S. 262

7 S. 262

8 siehe Link 3

9 S. 266

10 S. 266

11 S. 263

12 S. 264

13 S. 264

14 S 265

15 S. 267

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Das Leib-Seele-Problem nach Thomas Nagel. Die Unzulänglichkeit reduktionistischer Lösungen
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Philosophie)
Veranstaltung
Philosophisches Arbeiten
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
8
Katalognummer
V501781
ISBN (eBook)
9783346057020
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thomas Nagel, Reduktionismus, Leib-Seele, Leib-Seele-Problem
Arbeit zitieren
Nicolas Guérin (Autor), 2017, Das Leib-Seele-Problem nach Thomas Nagel. Die Unzulänglichkeit reduktionistischer Lösungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/501781

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Das Leib-Seele-Problem nach Thomas Nagel. Die Unzulänglichkeit reduktionistischer Lösungen



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden