"Identität" in der logisch-semantischen Propädeutik von Ernst Tugendhat und Ursula Wolf


Hausarbeit, 2019
8 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

In einer singulären prädikativen Aussage erfüllt der singuläre Terminus die Funktion, den Gegenstand, der durch den generellen Terminus klassifiziert wird, zu identifizieren, d.h. ihn als diesen einen im Unterschied zu allen ande- ren herauszugreifen.1 Der singulärer Satz ist wahr, wenn der durch den singu- lären Terminus identifizierte Gegenstand unter den durch den generellen Ter-

minus ausgedrückten Begriff fällt, also der Gegenstand die Eigenschaft hat, der durch den generellen Terminus ausgedrückt wird. In Kapitel 10 interes- siert uns nun die Bedeutung des Identitätsausdrucks. Dazu betrachten wir zwei verschiedene Bedeutungen: erstens die qualitative Identität und zwei- tens die numerische Identität. Während wir qualitative Identität klar verstehen können, ist dies im Falle der numerischen Identität nicht ganz so einfach. Im Folgenden sollen diese Probleme genauer untersucht werden.

„Qualitative Identität“, auch zu übersetzen als „Gleichheit“, ist wesentlich auf Eigenschaften von Gegenständen bezogen. Dass sich zwei Gegenstände a und b hinsichtlich einer bestimmten Eigenschaft gleichen, bedeutet, dass beide unter den Begriff fallen, für den der generelle Terminus steht. Einen wichtigen Fall der qualitativen Identität stellen Gegenstände desselben Typus dar, wie beispielsweise zwei seriell hergestellte Metallkugeln. Lassen sich möglicherweise zwei Gegenstände finden, die absolut qualitativ identisch sind? Letztlich können wir diese Frage aufgrund der Komplexität der Welt niemals beantworten und der Begriff der „absoluten qualitativen Gleichheit“ bleibt, jedenfalls in der Logik, ein Grenzbegriff.2

Numerische Identität liegt dann vor, „[w]enn a und b der Zahl nach ein einzi- ges Ding sind, wenn sie […] ein und dieselbe materielle Einheit sind […]“3. Leibniz hatte versucht über den Grenzbegriff der „absoluten qualitativen Identität“ numerische Identität zu definieren. Er drückt diese Relation mit sei- nem bekannten „Grundsatz von der Identität des Nicht-Unterscheidbaren (principium identitatis indiscernibilium)“4, auch „Leibnizsches Gesetz“ ge- nannt, aus: „a = b“ bedeutet „(F) (Fa = Fb)“. Die Gegenstände a und b glei- chen sich in allen ihren Eigenschaften und sind deswegen numerisch iden- tisch. Dies ist jedoch nicht möglich, da sich zwei ansonsten identische Ge- genstände in jedem Fall durch ihre raumzeitliche Lokalisierung unterscheiden müssen. Außerdem kommt hinzu, dass Leibniz in seinem Gesetz eine Logik zweiter Stufe nutzt und über Eigenschaften bzw. Klassen und nicht über die Gegenstände des Bereichs quantifiziert. Die Begriffsklärung bleibt dann kein logisches Problem mehr, sondern steht zusätzlich vor einem ontologischen Problem. Das Leibnizsche Gesetz eignet sich also in unserem Kontext nicht als Erklärung für den Begriff der numerischen Identität.

Numerische Identität kann sich auf zwei Gegenstände oder auf einen Gegen- stand beziehen. Wir unterscheiden deshalb zwischen Identitätsaussagen der Form „a = a“, welche hinsichtlich ihres Informationsgehalts trivial erscheinen und jenen der Form „a = b“, welche informativ zu sein scheinen. Die Frage ist nun: Was wird hier behauptet und wie können wir eine sinnvolle Erklärung in- formativer Identitätsaussagen geben?

Frege versucht dieses Dilemma in seinem Aufsatz „Über Sinn und Bedeu- tung“ zu lösen und bietet dem Leser dazu zunächst zwei Auffassungen von informativen Identitätsaussagen an, die er dann sofort wieder verwirft:

1) Können wir die Aussage „a = b“ als „eine Beziehung zwischen dem, was die Zeichen „a“ und „b“ bezeichnen, d.h. [sie als] eine Beziehung eines Ge- genstandes zu sich selbst [verstehen]“5? Diese Auffassung ist zwar richtig, wird aber verworfen, da sie nicht erfassen kann, wieso solche Aussagen möglich und informativ sein können.
2) Handelt es sich bei informativen Identitätsaussagen um eine Beziehung zwischen den Zeichen? Diese Auffassung scheint wenig aufschlussreich, da solche Aussagen dann „nicht mehr die Sache selbst, sondern nur noch unse- re Bezeichnungsweise betreffen“6 und darin wenig bis keine Erkenntnis aus- gedrückt wird. Somit fällt diese Auffassung auch weg.

Um diesen Problemen aus dem Weg zu gehen und seine Hypothese zu bele- gen, dass Identitätsaussagen mit verschiedenen Zeichen informativ sein können, führt Frege eine dritte Auffassung ein und interpretiert die Verschie- denheit der Zeichen als einen Unterschied in der „Art des Gegebenseins“7 des durch „a“ und „b“ bezeichneten. Er führt hier die Unterscheidung zwi- schen Sinn und Bedeutung ein: Ein sprachliches Zeichen bezeichnet einen Gegenstand (Freges Bedeutung) und tut dies dadurch, dass es sich in einer bestimmten Gegebenheitsweise auf den Gegenstand bezieht (Freges Sinn). Der Informationsgehalt einer Identitätsaussage mit verschiedenen Zeichen lässt sich dann also dadurch erklären, dass zwei Zeichen die gleiche Bedeu- tung und zugleich einen unterschiedlichen Sinn haben können und somit un- terschiedliche Informationen transportieren.

Für Frege sind die Individuenkonstanten bzw. Eigennamen „a“ und „b“ hier- bei gleichbedeutend mit Kennzeichnungen. Nach seiner Auffassung, auch „Beschreibungstheorie der Eigennamen“ genannt, identifizieren Eigennamen den Gegenstand, für den sie stehen, so, dass mit ihnen eine Kennzeichnung bzw. ein Bündel von Kennzeichnungen verbunden sind. Dieses Bündel an Kennzeichnungen gibt die Bedeutung des Eigennamens an. Sie stehen also sowohl für einen Gegenstand (Denotation) und haben zugleich eine Bedeu- tung (Sinn /Konnotation). Kripke hat jedoch darauf aufmerksam gemacht, dass keine bestimmte Beschreibung oder Kennzeichnung für die Verwen- dung eines Eigennamens wesentlich ist und vertritt in diesem Zuge die tradi- tionelle These, dass Eigennamen keinerlei Bedeutung haben, sondern ein- fach für einen Gegenstand stehen. D.h. Eigennamen haben keine Konnotati- on, sondern sind einem Gegenstand direkt zugeordnet. Das tun sie ab dem Zeitpunkt ihrer Taufe, also ab dem Zeitpunkt der eindeutigen Zuordnung ei- nes Eigennamens zu einem Gegenstand. Die Verwendungsweise ist zwar ab- hängig von kennzeichnenden und deiktischen singulären Termini, hierin lässt sich jedoch nicht die Bedeutung eines Eigennamens finden. Diese Auffas- sung wird „historische oder kausale Theorie der Eigennamen“ genannt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
"Identität" in der logisch-semantischen Propädeutik von Ernst Tugendhat und Ursula Wolf
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Philosophie)
Veranstaltung
Logische Grammatik
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
8
Katalognummer
V501785
ISBN (eBook)
9783346028143
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Identität, Logik, logisch-semantische Propädeutik, Tugendhat, Wolf, Ernst Tugendhat, Ursula Wolf
Arbeit zitieren
Nicolas Guérin (Autor), 2019, "Identität" in der logisch-semantischen Propädeutik von Ernst Tugendhat und Ursula Wolf, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/501785

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