Inwieweit bestimmen Körper und Umwelt die Form und den Inhalt kognitiver Prozesse?

Zur These des verkörperten Geistes


Essay, 2019
5 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inwieweit bestimmen Körper und Umwelt die Form und den Inhalt kognitiver Prozesse?

Wir können beobachten: Ein Mensch sieht einen Unfall und greift im Folgenden zum Telefon, wählt eine Rufnummer und kontaktiert einen Notarzt. Doch was geschieht zwischen diesen beiden Ereignissen? Das klassische „Sandwich-Modell“ der Kognition beschreibt diesen Prozess folgendermaßen: Auf einen perzeptuellen Input (jemand sieht einen Unfall) folgt die computationale Manipulation interner, mentaler Repräsentationen (Kognition), woraufhin ein motorischer Output folgt (das Rufen des Notarztes).

Nach klassischer Auffassung sind die kognitiven Prozesse im Gehirn lokalisiert und werden als Aktivitäten des neuronalen Systems im Gehirn verstanden. Die Ergebnisse neuerer Forschung zeigen jedoch: kognitive Systeme sind nicht auf die neuronale Maschinerie im Gehirn beschränkt, sondern sind wesentlich von nicht- neuronalen Prozessen und Umwelteinflüssen abhängig. Demzufolge sind sie auch nicht einfach auf einer abstrakten, informationsverarbeitenden Ebene charakterisierbar, sondern werden von der konkret gegebenen Körperlichkeit und Situiertheit mitbestimmt. Wo wir also die Grenzen eines kognitiven Systems ziehen können, zwischen dem, was sich im Geist und dem, was sich außerhalb des Geistes abspielt, ist nicht so klar, wie angenommen. Auch die Frage, ob der Inhalt kognitiver Prozesse nur von internen Zuständen des kognitiven Systems, oder aber auch von externen Faktoren abhängt, ist unklar.

Im Folgenden werden wir einige Beispiele für Evidenzen betrachten, die dafür sprechen, dass kognitive Systeme nicht nur auf das Gehirn und seine neuronalen Prozesse beschränkt sind, sondern sich auch in den Körper erstrecken und sogar situiert verstanden werden sollten.

Die klassische, akademische Psychologie versteht Kognition als separat und unabhängig von dem, was wir mit unseren Körpern tun (Wahrnehmung, Bewegung etc.) Im Unterschied dazu zeigen uns neuere kognitionswissenschaftliche Erkenntnisse, dass diese vermeintliche Unabhängigkeit und Getrenntheit nicht haltbar ist, sondern Kognition fundamental verkörpert ist.

Lakoff und Johnson (1998) z.B. gehen davon aus, dass jedes lebendige Wesen kategorisiert, da dieser Prozess eine unumgängliche Konsequenz unserer biologischen Gegebenheiten darstellt: wir sind neuronale Wesen, die Informationen aufnehmen, weiterleiten bzw. verarbeiten. Währenddessen wird der hochkomplexe Input in jedem Schritt der Weiterleitung „zusammengefasst“ bzw. gruppiert, bis letztlich ein einzelner Output in Form einer Handlung entsteht. Hier findet also neuronale Kategorisierung statt. Auch schon ein simples Lebewesen, wie die Amöbe, muss z.B. unterscheiden zwischen Essen und Nicht-Essen. Schon hier wird also kategorisiert.

Wie wir kategorisieren, hängt davon ab, wie wir verkörpert sind: Wie ist der sensomotorische Apparat geschaffen? Welche Möglichkeiten und Fähigkeiten der Bewegung und Objektmanipulierung sind gegeben? Stellen wir uns vor, dass ein Hund und ein Mensch gemeinsam in einem Raum sind und einen Gegenstand mit folgender Form betrachten: Vier „beinförmige“ Gegenstände, verbunden mit einem „plattenförmigen“ Gegenstand. Der Mensch wird in dem Gegenstand vermutlich einen „Tisch“ erkennen. Der Hund erkennt wahrscheinlich etwas anderes, wie beispielsweise etwa einen Unterschlupf.

Auch unser heutiges Verständnis von Farbe verdeutlicht, dass Konzepte nicht bloße Reflektion einer externen Realität sind, sondern maßgeblich von der Interaktion zwischen Körper, neuronalen Prozessen, den reflektierenden Eigenschaften der Objekte, sowie der elektromagnetischen Strahlung geformt werden und unser Körper sich mit der Evolution erst dahingehend entwickelt hat, Farben in einer gegebenen Welt so wahrzunehmen, wie wir es heute tun. (Lakoff & Johnson 1998)

Wir können also erkennen: die physische Realisierung oder Form unseres Körpers und unserer neuronalen Netze bestimmt, welche Kategorien und Konzepte wir entwickeln.

Ein weiteres Beispiel dafür, dass körperliche und kognitive Prozesse eng miteinander verbunden sind, ist das Merken einer PIN-Nummer: Fragt man Menschen nach ihrer PIN-Nummer, ist oft folgendes der Fall: Der Befragte kann die Zahlenkombination nicht aussprechen, ist jedoch in der Lage das Bewegungsmuster auf einem Tastenfeld anzugeben. Die Nummer ist in dem kognitiven Systems des Menschen nicht arithmetisch abgespeichert, sondern auf verkörperlichte Art und Weise. Daraus lässt sich schließen, dass das interne repräsentationale Datenformat anhand der Körper-Umwelt-Gegebenheiten geformt ist und nicht in Form eines rein propositionalen Datenformats, welches nur aufgrund der neuronalen Gegebenheiten besteht.

[...]

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Inwieweit bestimmen Körper und Umwelt die Form und den Inhalt kognitiver Prozesse?
Untertitel
Zur These des verkörperten Geistes
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Philosophie)
Veranstaltung
Verkörperter Geist
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
5
Katalognummer
V501787
ISBN (eBook)
9783346028105
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verkörperter Geist, Emodied, Cognition, Situiertheit, Embodiment, situatedness, Lakoff, Brooks, The Embodied Mind, Kognition
Arbeit zitieren
Nicolas Guérin (Autor), 2019, Inwieweit bestimmen Körper und Umwelt die Form und den Inhalt kognitiver Prozesse?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/501787

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