The Extended Mind. Zum Problem der "inflationären Erweiterung" ("cognitive bloat") in der Theorie des erweiterten Geistes und wie es aus dem Paritätsprinzip folgt


Hausarbeit, 2019
13 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Die These der erweiterten Kognition (EC-These)
2.2. Paritätsprinzip und das Problem „inflationärer Erweiterung“

3. Schluss

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wir können beobachten: Ein Mensch sieht einen Unfall und greift im Folgenden zum Telefon, wählt eine Rufnummer und kontaktiert einen Notarzt. Doch was geschieht zwischen diesen beiden Ereignissen? Das klassische „ Sandwich-Modell“ der Kognition beschreibt diesen Prozess folgendermaßen: Auf einen perzeptuellen Input (jemand sieht einen Unfall) folgt die computationale Manipulation interner, mentaler Repräsentationen (Kognition), woraufhin ein motorischer Output folgt (das Rufen des Notarztes).

Nach klassischer Auffassung sind die kognitiven Prozesse im Gehirn lokalisiert und werden als Aktivitäten des neuronalen Systems im Gehirn verstanden. Die Ergebnisse neuerer Forschung zeigen jedoch: kognitive Systeme sind nicht auf die neuronale Maschinerie im Gehirn beschränkt, sondern sind wesentlich von nicht-neuronalen Prozessen und Umwelteinflüssen abhängig. Demzufolge sind sie auch nicht einfach auf einer abstrakten, informationsverarbeitenden Ebene charakterisierbar, sondern werden von der konkret gegebenen Körperlichkeit und Situiertheit mitbestimmt. Wo wir also die Grenzen eines kognitiven Systems ziehen können, zwischen dem, was sich im Geist und dem, was sich außerhalb des Geistes abspielt, ist nicht so klar, wie angenommen. Auch die Frage, ob der Inhalt kognitiver Prozesse nur von internen Zuständen des kognitiven Systems, oder aber auch von externen Faktoren abhängt, ist unklar.

Wenn also gilt, dass die Umwelt nicht nur eine kausal aktive Rolle bei der Steuerung kognitiver Prozesse spielt, sondern für einige Prozesse gilt, dass sie durch kausal aktive Merkmale der Umwelt konstituiert werden, dann sind kognitive Prozesse nicht nur auf die neuronale Maschinerie bzw. die Grenzen unseres Körpers beschränkt, sondern erstrecken sich über diese Grenze hinaus in die Welt. Dies ist der These der erweiterten Kognition („extended cognition“) und wurde erstmals durch den Aufsatz „The Extended Mind“1 von Andy Clark und David Chalmers bekannt.

Diese Hausarbeit wird zuerst zu einem tieferen Verständnis für die Theorie der erweiterten Kognition verhelfen, anschließend aufzeigen, wie aus dem Paritätsprinzip, welches im Aufsatz von Clark und Chalmers zu finden ist, das Problem der inflationären Erweiterung folgt und dieses Problem aus verschiedenen Perspektiven beleuchten.

2. Hauptteil

2.1. Die These der erweiterten Kognition (EC-These)

Eine präzisierte Version der EC-These könnte wie folgt lauten: „Kognitive Systeme umfassen über das interne neuronale System hinaus all diejenigen Teile des Körpers, der Umgebung, externer kognitiver Hilfsmittel und Werkzeuge sowie sozialer Gemeinschaften, die zur Durchführung, Aufrechterhaltung und Stabilisierung kognitiver Fähigkeiten und Aktivitäten benötigt werden.“2 Ihr Grundgedanke lässt sich an simplen Alltagsbeispielen erkennen, wenn wir z.B. daran denken, dass wir für komplizierte Mathematikaufgaben häufig Stift und Papier oder einen Taschenrechner zur Hilfe nehmen und dabei einige Operationen im Gehirn ausführen und andere an den Gebrauch externer Hilfsmittel delegieren. Oder auch, wenn wir an Menschen denken, die ihre PIN-Nummern nicht auswendig nennen können, sondern sich erst anhand des Bewegungsmusters des Eingabefelds erinnern. Die Nummer ist in dem kognitiven Systems des Menschen nicht arithmetisch abgespeichert, sondern auf verkörperlichte Art und Weise. Daraus lässt sich schließen, dass das interne repräsentationale Datenformat anhand der Körper-Umwelt-Gegebenheiten geformt ist und nicht in Form eines rein propositionalen Datenformats, welches nur aufgrund der neuronalen Gegebenheiten besteht.

Ein ähnliches Beispiel finden wir bei Clark und Chalmers: Beim Tetris-Spiel müssen die Spieler unter Zeitdruck zweidimensionale geometrische Formen an einem Bildschirm so drehen, dass sie in einem vorgegebenen Feld unterhalb der Formen möglichst dicht gestapelt werden können. In Fall 1) dreht der Spieler die Form mental und gibt anschließend seine Antwort am Bildschirm ein. In Fall 2) hat der Spieler die zusätzliche Möglichkeit, die Proberotation mithilfe der Tastatur durchzuführen. Fall 3) stellt einen fiktiven Fall dar, in dem der Spieler mit einem neuronalen Implantat ausgestattet ist, welche seine geometrische Denkfähigkeit steigert. Clark & Chalmers schlagen nun vor, dass diese drei Fälle hinsichtlich ihrer „Menge an Kognition“ eine ähnliche Bewertung erfahren sollten. Daran, dass in Fall 1) und Fall 3) eine kognitive Leistung erbracht wurde, wird kaum jemand zweifeln. Clark und Chalmers argumentieren nun, dass Fall 2) dieselbe Art von rechnerischer Struktur [computational structure] aufweist und als kognitives Gesamtgeschehen anerkannt werden sollte. In diesem Gesamtgeschehen erweitert sich die kognitive Aktivität über die körperlichen Grenzen des Spielers hinaus in die innige Verbindung zwischen ihm und dem Computer. Mit anderen Worten: ein Beispiel erweiterter Kognition, bei dem interne Rechenprozesse ausgelagert werden. Vertreter der EC-These gehen einen Schritt weiter und sagen , dass die „ epistemischen Handlungen“ (Handlungen, die die Welt so verändern, dass kognitive Prozesse, wie Erkennen und Suchen, unterstützt und erweitert werden) des Tetris-Spielers „[…] nicht nur dazu dienen, interne Rechenprozesse auszulagern, sondern dass diese unweigerlich dem kognitiven Gesamtgeschehen zuschlägig sind, von ihm also in keiner natürlichen Weise abgetrennt werden können. Die kognitive Schleife umfasst Prozesse und Zustände sowohl des Gehirns, des Körpers, als auch der physischen Umgebung.“3 In diesem Fall also das Tetris-Spiel.

2.2. Paritätsprinzip und das Problem „inflationärer Erweiterung“

In der Debatte über die EC-These sind zwei Themen besonders relevant: 1. Das Paritätsprinzip, 2. inflationäre Erweiterungen. Diese wollen wir nun genauer betrachten.

1 . Die zentrale Frageist : „ Wie lassen sich kognitive Erweiterungskomponenten identifizieren und individuieren?“ Als zentrales Kriterium gilt das sogenannte „ Paritätsprinzip “ („parity principle“), welches, wenn auch noch nicht unter diesem Namen, bei Clark und Chalmers zu finden ist: „Wenn, sobald wir einer Aufgabe gegenüberstehen, ein Teil der Welt wie ein Prozess funktioniert, und wenn dieser Prozess - würde er im Kopf vollzogen - von uns ohne zu zögern als kognitiver Prozess anerkannt würde, dann ist (so behaupten wir) dieser Teil der Welt tatsächlich ein Teil des kognitiven Prozesses.“4 Anders ausgedrückt besagt das Paritätsprinzip, dass alle Komponenten und Prozesse, die wir, würden sie im Kopf von statten gehen, als „kognitiv“ bezeichnen würden, unabhängig davon, dass wir sie alleinstehend nicht als „kognitiv“ bezeichnen würden, im gekoppelten System als kognitiv betrachtet werden sollten.

Das Paritätsprinzip ist ein funktionalistisches Prinzip insofern, als dass funktionale Äquivalenz zwischen den externen Komponenten oder Prozessen und ihren „gedachten internen Pendants“ vorausgesetzt wird.

Um das Prinzip besser zu verstehen, möchte ich an dieser Stelle ein vielfach zitiertes Gedankenexperiment einbringen, das auch bei Clark und Chalmers untersucht wird: Inga erfährt von einem Freund, dass das MoMa (The Museum of Modern Arts in New York) sich in der 53. Straße befindet. Sie möchte dort heute eine Ausstellung besuchen, erinnert sich nach kurzem Überlegen an die ihr genannte Adresse, und geht dorthin. Otto leidet an Alzheimer in einem mittelschweren Stadium. Ihm ist es nahezu unmöglich sich neue Informationen zu merken. Deshalb nutzt er ein Notizbuch, um darin Namen, Adressen und jedwede andere Information, die er zu einem späteren Zeitpunkt gebrauchen könnte, einzutragen. Dieses Notizbuch trägt er stets bei sich und nutzt die enthaltene Information mehrmals täglich. Er kann sich insofern auf die Einträge verlassen, als dass er sie selber verfasst hat. Auch Otto möchte die aktuelle Ausstellung im MoMA besuchen. Nachdem er sein Notizbuch konsultiert hat, weiß Otto, wo sich das Museum befindet, und macht sich auf den Weg dorthin.

[...]


1 Clark, A. & Chalmers, D. „Der erweiterte Geist“, in: Thomas Metzger (Hrsg.): Grundkurs Philosophie des Geistes Band 3: Intentionalität und mentale Repräsentation. Paderborn: Mentis 2010.

2 Lyre, H. „Liegen die Grenzen des Geistes im Kopf? Zur These der erweiterten Kognition“, in: Tanja Baudson et al. (Hrsg.): Grenzen des Geistes. Stuttgart: Hirzel 2010, S. 2.

3 Lyre, H. „Sozial erweiterte Kognition und geteilte Intentionalität“ in Michel, J. & Boström, K. & Pohl, M. (Hrsg.): Ist der Geist im Kopf? Beiträge zur These des erweiterten Geistes. Münster: Mentis 2016, S.190f.

4 Clark, A. & Chalmers, D. „Der erweiterte Geist“, in: Thomas Metzger (Hrsg.): Grundkurs Philosophie des Geistes Band 3: Intentionalität und mentale Repräsentation. Paderborn: Mentis 2010, S. 503.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
The Extended Mind. Zum Problem der "inflationären Erweiterung" ("cognitive bloat") in der Theorie des erweiterten Geistes und wie es aus dem Paritätsprinzip folgt
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Philosophie)
Veranstaltung
Verkörperter Geist
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
13
Katalognummer
V501789
ISBN (eBook)
9783346028150
Sprache
Deutsch
Schlagworte
The Extended Mind, Verkörperter Geist, cognitive bloat, inflationäre Erweiterung, Kognition, Paritätsprinzip, Clark, Chalmers, 1998
Arbeit zitieren
Nicolas Guérin (Autor), 2019, The Extended Mind. Zum Problem der "inflationären Erweiterung" ("cognitive bloat") in der Theorie des erweiterten Geistes und wie es aus dem Paritätsprinzip folgt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/501789

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