Stress in der mittleren Kindheit. Nimmt sie Einfluss auf die Entwicklung depressiver Symptome?

Wissenschaftliche Analyse einer empirischen Studie von Dujardin et al. (2016)


Hausarbeit, 2019

32 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Theoretischer Hintergrund
1.1 Bindungstheorie
1.2 Stress
1.3 Depression
1.4 Risiko- und Schutzfaktoren

2 Methode
2.1 Versuchspersonen
2.2 Versuchsablauf
2.3 Erhebung

3 Ergebnisse

4 Diskussion

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Theoretischer Hintergrund

Die vorliegende Arbeit folgt einer dreigliedrigen Struktur: Vor dem Hintergrund der anschließend vorgestellten Studie, werden zunächst die theoretischen Grundlagen (Kap. 1) zum Verständnis der Bindungstheorie nach Bowlby und damit einhergehende Konzepte definiert und erörtert (Kap. 1.1). An diesen zentralen theoretischen Korpus dieser Arbeit schließen bündig theoretische Aspekte und empirische Belege hinsichtlich des korrelativen und prädiktiven Einflusses der Bindungsqualität auf die Stressregulation (Kap. 1.2) und die psychische Störung Depression an (Kap. 1.3). Sodann münden die ausgearbeiteten Ergebnisse in der Einbettung des Modells der Risiko- und Schutzfaktoren nach Rutter und werden mit der Bindungstheorie verknüpft (Kap. 1.4). Im zweiten Teil der Arbeit wird die längsschnittliche Korrelationsstudie „Middle childhood support-seeking behavior during stress: Links with self-reported attachment and future depressive symptoms“ von Dujardin et al. (2016) vorgestellt (Kap. 2), die in Versuchspersonen (Kap 2.1), Versuchsablauf (Kap. 2.2) und Erhebung (Kap. 2.3) untergliedert ist. Inhaltlich wird einerseits das Bindungsmuster von Kindern zwischen acht und zwölf Jahren und die Suche nach Unterstützung untersucht. Dabei bilden ausschließlich Kinder (und ihre Mütter) die Stichprobe, die mit einem Selbstauskunftsverfahren das damit erhobene sichere, unsicher-ambivalente oder unsicher-vermeidende Bindungsmuster abbilden. Zudem geht die Studie der Fragestellung nach, wie sich Stress auf die Suche nach Unterstützung auswirkt und wie sich dies wiederum auf die Entwicklung depressiver Symptome auswirkt. Im Anschluss der Vorstellung der Studie folgt die Darstellung der Ergebnisse (Kap. 3), dessen zentrale Befunde nachgezeichnet und vor dem Hintergrund zukünftiger Implikationen kritisch diskutiert werden (Kap. 4). Final werden im Fazit unter Einbezug des theoretischen Hintergrunds und der herausgearbeiteten Befundlage die zwei leitenden Fragestellungen beantwortet: Welchen Einfluss hat das Bindungsmuster und die Suche nach Unterstützung in Stresssituationen in forschungshistorisch bisher wenig untersuchter mittlerer Kindheit? Wie wirkt sich Stress umgekehrt auf die Suche nach Unterstützung aus und nimmt dies prädiktiv Einfluss auf die Entwicklung depressiver Symptome? (Kap. 5).

1.1 Bindungstheorie

Menschen wie Tiere sind soziale Wesen, die ohne soziale Beziehungen Kindheit und Jugend nicht überleben. Es ist nicht nur entscheidend, dass strukturell ein soziales Umfeld besteht, sondern auch wie sich die Beziehungen innerhalb dieses Systems qualitativ gestalten. Dabei fungiert die Familie als primärer Sozialisationskontext, wodurch die soziale und emotionale Eltern-Kind-Beziehung die erste seiner Art und maßgebend für das Kind ist. Inwiefern die enge Beziehung zu einer Bezugsperson in der frühen Kindheit Auswirkungen auf die Art und Weise hat, wie ein Kind sich selbst und andere wahrnimmt, und wie die Qualität dieser Beziehung den Menschen im Laufe seiner Entwicklung beeinflusst und unter Umständen stärkt, kann durch die Bindungstheorie nach Bowlby (1969/1982, 1973, 1980) erklärt werden.

Mit der Grundidee, dass Menschen ein angeborenes Bedürfnis nach Nähe und Unterstützung durch Andere haben (Bowlby, 1969/1982; Sameroff, 2009), bezeichnet Bindung eine enge, emotionale, dyadische Beziehung, die im interaktiven Wechselspiel der Bindungsperson und des Kindes ein unterschiedliches Bindungsmuster annimmt (Ainsworth, 1969; Ainsworth, Bell & Stayton, 1969; Bowlby, 1969/1982, 1988). Dabei bilden das evolutionsbedingt angenommene Bindungs- und Fürsorgesystem zwei dependente Systeme (Bowlby, 1969/1982, 1988). Das Bindungssystem veranlasst das Kind, im Falle objektiv vorhandener oder subjektiv erlebter Gefahr (z. B. Angst), Schutz und Beruhigung bei seinen Bindungspersonen (i. d. R. den Eltern) zu suchen (Ainsworth et al., 1969; Bowlby, 1969/1982). Dieses bindungssuchende Verhalten löst bei der Bindungsperson im Fürsorgesystem Nähe und emotionale Verfügbarkeit aus (George & Solomon, 1999; Sroufe, 1979), dessen Ausprägungsgrad sich wiederum auf das Aufrechterhalten der distinkten bindungssuchenden Verhaltensweisen als positiver Verstärker (Ainsworth, 1969) und somit dem Bindungsmuster des Kindes auswirkt. Folglich dient Bindung vornehmlich dem Zweck der Emotionsregulation und kann auch nur in solchen Situationen beobachtet werden, die intensive negative Affekte oder Zustände, d. h. Stress, hervorrufen. Dabei umfasst das Konstrukt Emotionsregulation in der Entwicklungspsychologie Prozesse der Überwachung, Bewertung und Veränderung von Emotionen hinsichtlich ihrer Qualität, Intensität, Dauer, Schwelle der Auslösung und Ausdruck (Zimmermann & Pinquart, 2011). In diesem adaptiven Vorgang werden emotionale Reaktionsmuster individuell geprüft und bewertet. Dabei dient Emotionsregulation vornehmlich dem Zweck, das eigene Erleben und Verhalten an die Anforderungen der jeweiligen Umwelt anzupassen, um somit die eigenen Ziele erreichen zu können (Zimmermann & Pinquart, 2011). Dies kann sich wiederum maladaptiv (Ignorieren von Alternativen) oder adaptiv (Orientierung an Gruppe) gestalten. Die Effektivität der Emotionsregulation ergibt sich demnach aus der Passung zwischen Strategie und Situation, also individuellen und sozialen Prozessen, sodass ineffektive Regulationsbemühungen dysregulierend wirken.

In der Bindungsforschung werden zur Erfassung der Qualität der Bindung vier Bindungsmuster differenziert, welche sich hinsichtlich der Stressregulation(-effektivität) durch die Bezugs- bzw. Bindungsperson unterscheiden: sicher, unsicher-ambivalent, unsicher-vermeidend und desorganisiert gebundene Kinder; auf letzteres soll in der vorliegenden Arbeit jedoch nicht näher eingegangen werden. Querschnitts- und Längsschnittuntersuchungen mit Mutter-Kind-Dyaden im Säuglingsalter von 18 Monaten und von zwei bis 18 Monaten konnten mittels der stressinduzierenden Ainsworth Fremde Situation (Ainsworth et al., 1969) zeigen, dass im Vergleich zu sicher gebundenen Kindern, der Cortisolspiegel (als physiologischer Parameter für Stress) bei (retrospektiv) unsicher-ambivalent als auch unsicher-vermeidend gebundenen Kindern höher ist und dass Mütter unsicher gebundener Kinder weniger responsiv reagieren (Bernard & Dozier, 2011; Gunnar, Brodersen, Nachmias, Buss & Rigatuso, 1995; Nachmias, Gunnar, Mangelsdorf, Parritz & Buss, 1996). Wenn 15-Monate alte Säuglinge in Anwesenheit eines Elternteils einer neuen und angstinduzierenden Situation ausgesetzt werden, kann die sichere Bindung des Säuglings insofern vor einem Anstieg von Cortisol schützen, dass die Emotion und somit der Stress reguliert werden, sodass der Cortisolspiegel grundsätzlich nicht ansteigt. Hingegen steigt der Cortisolspiegel bei unsicher-ambivalenten und unsicher-vermeidenden Kinder, da sie nicht (effektiv) reguliert werden (Nachmias et al., 1996; van Bakel & Riksen-Walraven, 2003). Diese Ergebnisse untermauern, dass hinsichtlich physiologischem Arousal wie auch verhaltenstechnisch, Stresssituationen unterschiedlich (erfolgreich) bewältigt werden. Die von der Bezugsperson initiierte Emotionsregulation bei Stressaussetzung kann dabei funktional oder dysfunktional sein. Dies wird u. a. vom Bindungsmuster mediiert. Es wird auch deutlich, dass über etwaige Zusammenhänge jedoch nur wenig bisweilen in der mittleren Kindheit erforscht wurde, was zum Anlass der vorgestellten Studie genommen wird (vgl. Kap. 2, Kap. 3).

Das Bindungsmuster gestaltet sich im Wechselspiel von bindungssuchendem Verhalten seitens des Kindes sowie Verfügbarkeit und Regulationsfähigkeit seitens der Bindungsperson ab, d. h. das Bindungsmuster nimmt starken Einfluss auf die individuelle Emotionsregulation des Kindes. Der Grad des Einflusses hängt wiederum von den dadurch entstehenden kumulativen Bindungserfahrungen der parentalen Unterstützung in Stresssituationen ab (Bowlby, 1969/1982, 1973; Cassidy, 1994; Davies & Cummings, 1994). Diese führen zu bindungsspezifischen Erwartungen beim Kind gegenüber der Bindungsperson, die in einem internalen Arbeitsmodell (IAM) gespeichert werden (Bowlby 1973). Die Erwartungen beeinflussen fortwährend, ob das Kind Unterstützung durch die Bindungsperson in zukünftigen Stresssituationen sucht und diese als hilfreiche Regulationsstrategie erlebt und somit beibehält (Bowlby 1969/1982; Davies & Cumings, 1994). D. h. Stress aktiviert das Bindungssystem, wodurch Kinder Nähe zu ihrer Bindungsperson suchen. Sobald sich das Kind durch die Regulation der Bindungsperson hinreichend sicher in einer Stresssituation fühlt, deaktiviert sich das Bindungssystem und zugehörige unterstützungssuchende Verhaltensweisen stoppen (Bowlby, 1969/1982, 1988; George & Solomon, 1999). Demnach sind bindungsgebundene Prozesse als dynamische und situationsübergreifende adaptive Passung zwischen Kind und Bindungsperson zu betrachten.

Um emotional verfügbar sein zu können, muss sich die Bindungsperson über die emotionalen Bedürfnisse des Kindes sowie potenziellen Gefahren bewusst sein (George & Solomon, 1999). Sicher gebundene Kinder erfahren in Stresssituationen kontinuierlich, dass Unterstützungssuche zu parentaler Responsivität führt und erfolgreich ein Gefühl von Sicherheit vermittelt (Ainsworth, Blehar, Waters & Wall, 1978; Bowlby 1969/1982, 1988; Sroufe, 1979). Auf diese Weise verankert das Kind im IAM, dass Unterstützungssuche eine hilfreiche Stressregulationsstrategie ist neben positiven Überzeugungen über seinen Selbstwert, wodurch ihre angeborene Tendenz, Unterstützung bei ihrer Bindungsperson bei Stress zu suchen, selbstverstärkend wirkt (Ainsworth, 1969; Bowlby 1969/1982; Davies & Cumings, 1994). Dem gegenüber erfahren unsicher-vermeidend gebundene Kinder, dass Unterstützungssuche kontinuierlich in Passivität oder Ablehnung durch die Bindungsperson mündet (Ainsworth et al., 1978; Bowlby, 1969/1982, 1973; Grossmann, Grossmann, Spangler, Suess & Unzner, 1985). Dadurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind die Bedeutsamkeit der Bindungsperson als Unterstützungsressource reduziert, und somit auch ihr fortbestehendes Bedürfnis nach Nähe und Unterstützung durch diese kontraintuitiv minimiert (Ainsworth et al., 1978; Bowlby 1969/1982, 1988; Cassidy, 1994; Dewitte, de Houwer, Buysse & Koster, 2008). Während unsicher-vermeidende Kinder ein IAM mit negativen Überzeugungen über andere entwickeln, entwickeln unsicher-ambivalente ein negatives IAM über sich selbst (Malik, Wells & Wittkowski, 2015). Unsicher-ambivalent gebundene Kinder, die nicht kontinuierlich parentale Responsivität erfahren (Ainsworth et al., 1978; Grossmann et al., 1985) reagieren auf ambivalente Weise, d. h. im Prinzip identisch zur Bindungsperson. Typischerweise zeigen diese Kinder einerseits ein erhöhtes und anhaltendes Bedürfnis nach Nähe, jedoch ebenso übermäßigen Ärger und Feindseligkeit oder Vermeidung ihrer Mutter gegenüber (Ainsworth et al., 1978; Cassidy, 1994; Dewitte et al., 2008). Dies spiegelt sich insofern in dem Verhalten der Bindungsperson wieder, dass diese vom Kind nicht kontinuierlich als sowohl regulierend, als auch stressinduzierend wahrgenommen wird.

Das Bindungsmuster zeigt nachhaltige Wirkung auf diverse Entwicklungsbereiche. Das Bindungsmuster zeigt Einfluss auf die Entwicklung der Emotionsregulation (Al-Yagon, 2011; Granot & Mayseless, 2001; Shields, Cicchetti & Ryan, 1994), die soziale und kognitive Entwicklung (Al-Yagon, 2011; Granot & Mayseless, 2001; Stams, Juffer & IJzendoorn, 2002; Urban, Carlson, Egeland & Sroufe, 1991; van Bakel & Riksen-Walraven, 2003), die Persönlichkeit (Urban et al., 1991), den Selbstwert (Lee & Hankin, 2009) und die Vulnerabilität gegenüber der Entwicklung psychischer Störungen des Kindes (Allen, Porter, McFarland, McElhaney & Marsh, 2007; Brenning, Soenens, Braet & Bosmans, 2012; Bowlby, 1973; Carnelly, Otway & Rowe, 2016; Ingram, 2003; Lee & Hankin, 2009; Mezulis, Hyde & Abramson, 2006) und fungiert bis ins Erwachsenenalter als Orientierungsmodell bei Stressregulation (Bowlby, 1973; Sroufe, 1979; Thompson, 1994). Diese Einflüsse wirken altersübergreifend vorteilig für das sichere und nachteilig für das unsicher-ambivalente und unsicher-vermeidende Bindungsmuster. Dieser umfassende und nachhaltige Einfluss durch Bindung verdeutlicht die Bedeutsamkeit und Relevanz der hier geprüften Studie.

1.2 Stress

Stress wird allgemein als intensiver, unangenehmer Spannungszustand in einer aversiven Situation verstanden, dessen Vermeidung als subjektiv wünschenswert erlebt wird. Vor dem Hintergrund des Verständnisses von Stress der Studie, wird im Folgenden die psychologische Definition der kognitiv-transaktionalen Stresstheorie von Lazarus und Folkman (1987) herangezogen. Demnach wird Stress näher als die Inkongruenz zwischen den Anforderungen der Umwelt und den Ressourcen des Individuums verstanden (Lazarus & Folkman, 1987) und der daraus folgenden kognitiven Dissonanz. Für die Stressreaktion ist hierbei, anstelle der objektiven Beschaffenheit von Stressoren, die subjektive (kognitive) Bewertung durch den Betroffenen von Bedeutung. Vor dem Hintergrund der Bindungstheorie kann dies an die bindungsspezifische Erwartungshaltung insofern anknüpfen, dass die Bewertung in Abhängigkeit der bisherigen bindungsgebundenen Erfahrungen erfolgt.

Stress ist ein signifikanter Risikofaktor für eine pathologische Entwicklung in Kindheit und Jugend, besonders dann, wenn dieser nicht adäquat reguliert wird (Compas, Connor-Smith, Saltzman, Thomsen & Wadsworth, 2001; Hankin, 2008), wie bei unsicher-ambivalenter und unsicher-vermeidender Bindung zu erwarten. Mütterliche Inadäquatheit Stress des Kindes in mittlerer Kindheit zu regulieren, erhöht das Risiko des Kindes, eine Depression ab der Jugend zu entwickeln (Mezulis et al., 2006). Gleichzeitig berichten junge Jugendliche mit gering effektiver Emotionsregulation mehr depressive Symptomatik (Silk, Steinberg & Morris, 2003), was einen möglichen Zusammenhang zwischen mütterlicher und kindlicher Inadäquatheit Emotionen zu regulieren intuitiv nahelegt. Kleinkinder zeigen korrelative sowie Sieben- und Achtklässler prädiktive Zusammenhänge zwischen Bindungsunsicherheit und erhöhten und zeitlich stabileren depressiven Symptomen, bei erhöhter Suszeptibilität gegenüber Stress, verminderter Hilfesuche und ansteigendem externalisierendem Verhalten (Allen et al., 2007; Maunder & Hunter, 2001). Verminderte Hilfesuche in Stresssituationen kann einerseits das Produkt von unsicher-vermeidender Bindung durch die bindungsspezifischen Erfahrungen und damit einhergehender Erwartungshaltung gegenüber der Emotionsregulationseffektivität sein. Andererseits kann Bindungsunsicherheit aufgrund der Bindungserfahrungen wiederum selbstverstärkend zu weniger Hilfesuche führen. Damit stünden dem Kind sozial gerichtete Emotionsregulationsstrategien nicht zur Verfügung, da sie mit geringer Effektivität assoziiert sind. Dies soll in der vorgestellten Studie durch die Aktivation von Emotionsregulation mittels Stressinduktion bei der Untersuchung von Bindungsqualität und Depression geprüft werden.

1.3 Depression

Personen ohne ein (stabiles) soziales Umfeld, wie z. B. bei emotional früh vernachlässigten oder aus Pflegefamilien stammenden Kindern früher und mittlerer Kindheit der Fall, weisen mit erhöhter Wahrscheinlichkeit psychopathologische Emotions- und Aufmerksamkeitsregulationsstörungen auf (Rutter, 1998; Shields et al., 1994; Stams et al., 2002; Stevens et al., 2008), die mit fließendem Übergang bis ins Spektrum psychischer Störungen reichen können, wie z. B. bei Depression (Brenning et al., 2012; Carnelly et al., 2016; Malik et al., 2015). Dies deutet an, dass die emotionsregulatorische Komponente durch das soziale Umfeld einschneidenden Charakter erhält. Auch Studien mit Kindern und Studenten aus scheinbar intakten Familiensystemen bestätigen korrelative und prädiktive Zusammenhänge zwischen unsicher-ambivalentem, sowie unsicher-vermeidendem Bindungsmuster und depressiven Symptomen (Bosmans, Braet, Heylen & de Raedt, 2015; Carnelly et al., 2016; Wei, Heppner & Mallinckrodt, 2003; Wei, Heppner, Russell & Young, 2006) (vgl. Kap. 3).

In diesem Zusammenhang wird Depression häufig als eine Störung betrachtet, die aufgrund von einer Dysfunktion von Emotionsregulationsstrategien auftritt (Allen et al., 2007; Brenning et al., 2012; Kullik & Petermann, 2013; Malik et al., 2015; Silk et al., 2003). Daneben zeigen diverse Studien, dass die Bindungsqualität korrelativ wie prädiktiv mit depressiven Störungen und kognitiver Vulnerabilität gegenüber der Entwicklung einer Depression assoziiert ist (Allen et al., 2007; Brenning et al., 2012; Carnelly et al., 2016; Duchesne & Ratelle, 2014; Ingram, 2003; Rose, Abramson, Hodulik, Halberstadt & Leff, 1994; Wei et al., 2003, 2006). Da die Bindungstheorie als Emotionsregulationstheorie konzeptualisiert ist, liegt es nahe Emotionsregulation als Mediator zwischen Bindung und Depression zu untersuchen, was grundlegend bestätigt werden konnte (Brenning et al., 2012; Kullik & Petermann, 2013; Malik et al., 2015; Randolph & Dykman, 1998, Wei et al., 2006).

Hinsichtlich Emotionsregulation stellen Eltern dem Kind wichtiges Feedback über Gründe, Konsequenzen und die Bedeutung negativer Ereignisse zur Verfügung (Hankin, 2008; Ingram, 2003; George & Solomon, 1999; Mezulis et al., 2006). Parentale Ablehnung und geringe Zuneigung, wie bei unsicher-ambivalenten und unsicher-vermeidenden Kindern anzunehmen, wird mit mehr depressiven Glauben in Jugend und Erwachsenalter assoziiert (Randolph & Dykman, 1998; Rose et al., 1994). Wiederum führen negative Attributionsstile in Interaktion mit negativen Ereignissen (Alloy et al., 2000; Mezulis et al., 2006; Rose et al., 1994) oder mit Stress (Hankin, 2008) zu erhöhter Vulnerabilität gegenüber der Ausbildung einer Depression (Vgl. Kap. 1.4). Ebenso erhöhen die unsicheren Bindungsmuster an sich die Vulnerabilität des Kindes gegenüber der Entwicklung einer psychischen Störung. Somit untermauern diese Ergebnisse deutlich den indirekten Einfluss von Bindungsqualität auf die Entwicklung depressiver Symptomatik.

1.4 Risiko- und Schutzfaktoren

Aus den bislang herausgestellten empirischen Befunden wird deutlich, dass die Entstehung und Aufrechterhaltung von Stress und weiterführend von psychischen Störungen von einer Vielzahl verschiedener Faktoren bedingt wird. Ob und inwiefern kritische Lebensereignisse oder die Bewältigung von Entwicklungsaufgaben zu Stressoren werden, hängt neben den verfügbaren Emotionsregulationsstrategien davon ab, wie sich diverse entwicklungshemmende, d. h. Risikofaktoren, bzw. entwicklungsfördernde Mechanismen, d. h. Schutzfaktoren, auswirken. Dabei steigern Risikofaktoren (z. B. perinatale Komplikationen, Armut) bei kumulativer Aussetzung die Wahrscheinlichkeit psychische Entwicklungsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten zu entwickeln (Appleyard, Egeland & van Dulmen, 2005, Rutter, 1990). Antagonistisch hierzu gewährleisten Schutzfaktoren eine günstige Entwicklung und psychische Gesundheit und können bei Risikofaktoren neutralisierend wirken (Rutter, 1990). Der Vollständigkeit halber soll daneben das Konstrukt der Resilienz erwähnt werden, welches die Fähigkeit definiert, sich zu einem gesunden und widerstandsfähigen Erwachsenen zu entwickeln trotz potentieller Entwicklungsgefährdung durch Risikofaktoren (Rutter, 1990).

Aus Sicht der Entwicklungspsychopathologie wird Bindung eine zentrale Bedeutung im weiteren Entwicklungsverlauf zugeschrieben. Dabei kann sichere Bindung einerseits als Schutzfaktor (Al-Yagon, 2011; Duchesne & Ratelle, 2014; Sroufe, 2005; Zimmermann, 2000), unsichere Bindung andererseits als Vulnerabilität gegenüber Risikofaktor fungieren. Die Wirkung von Risikofaktoren wird dabei wiederum durch die Vulnerabilität, d. h. Verletzlichkeit, eines Individuums mitbeeinflusst. Rutter et al. (1997) postuliert die zentrale Bedeutung der Umwelt, die sich in erster Linie in der Bindung wiederspiegelt. International adoptierte Kinder, die im Alter von jünger als sechs Monaten adoptiert worden sind, wurden längsschnittlich vom Säuglings- bis Kindesalter untersucht. Es zeigte sich, dass selbst für adoptierte Kinder, und demnach biologisch nicht-Verwandte der Adoptiveltern, frühe Mutter-Säugling-Interaktionen und Bindung die spätere sozioemotionale und kognitive Entwicklung prognostizierte, und dies zum Vorteil sicher gebundener Kinder (analog für Jugendliche: Al-Yagon, 2011; Rutter, 1998; Stams et al., 2002) (vgl. Kap. 1.1).

Hingegen stehen die unsicheren Bindungsmuster in negativem Zusammenhang mit Vulnerabilität, d. h. durch unsicher-ambivalente und unsicher-vermeidende Bindung sind Kinder und Jugendliche vulnerabler gegenüber Risikofaktoren, was wiederum die Wahrscheinlichkeit der Entwicklung psychopathologischer Störungen erhöht. Unsicher-ambivalente Bindung korreliert primär mit Dysregulation, während die unsicher-vermeidende Bindung vorrangig mit Unterdrückung von Emotionen zusammenhängt (Bosmans, Poiana et al., 2015; Brenning et al., 2012; Lee & Hankin, 2009; Wei et al., 2006). Die damit einhergehenden Gefühle von Sorge um die Verfügbarkeit Anderer und den Eigenwert für Andere (unsicher-ambivalent) oder Unbehagen mit Nähe und Abhängigkeit von Anderen (unsicher-vermeidend) (Brenning, Soenens, Braet & Bosmans, 2011; Brenning et al., 2012; Geroge & Solomon, 1999) könnten bereits an sich zu potentiellen oder tatsächlichen depressiven Gefühlen führen, sodass Bindung indirekt über die Emotionsregulation und der damit einhergehenden generalisierten Erfahrungen im IAM, auf die Entwicklung von Depression wirken kann. Dabei scheinen besonders (negative) Lebensereignisse, z. B. Trennung/ Konflikte der Eltern, kritischen Einfluss auf diese Mediation zunehmen (Bosmans, Poiana, et al., 2015; Hankin, 2008; Ingram, 2003; Maunder & Hunter, 2001; Mezulis et al., 2006; Rose et al., 1994), aber nicht immer (Stams et al., 2002).

Das Risiko- und Schutzfaktorenmodell basiert auf der Grundidee, dass soziale Erfahrungen von Kindern durch die Art und Weise, wie sie mit sozialen Interaktionen umgehen und wie sie diese kognitiv verarbeiten, beeinflusst werden. Sobald negative Kettenreaktionen unterbrochen werden, markiert dies den Wendepunkt für einen anderen Entwicklungspfad (Rutter, 1990; Zimmermann, 2000). In der Entwicklungspsychopathologie beschreiben Entwicklungspfade allgemein die individuelle Entwicklung über die Zeit hinweg, die funktional oder dysfunktional sein können, und die im Zuge dessen die Wirkrichtung von Ausgangssituation und Endergebnis zweifach unterschieden. Einerseits führen unterschiedliche Rand- und Entwicklungsbedingungen zu einem vergleichbaren Ergebnis (mal-)adaptiven Verhaltens (Äquifinalität) (Cicchetti & Rogosch, 1996). Andererseits können sich deutlich unterschiedliche Muster von (Mal-)Adaption trotz ähnlicher Ausgangsbedingungen entwickeln (Multifinalität) (Cicchetti & Rogosch, 1996). Letztere spielt dabei auf das Konstrukt Resilienz an, da diese Fähigkeit es Kindern ermöglicht sich zu einem adäquaten Erwachsenen trotz potentieller Entwicklungsgefährdung durch Risikofaktoren zu entwickeln.

Abbildung 1

Wirkmodell von Bindung auf Bewältigungsfähigkeit (übernommen aus Zimmermann, 2000)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Obgleich Bindung gegenüber dem Risiko- und Schutzfaktorenmodell entwicklungsthematisch als generelle Kompetenzentwicklung verstanden wird (Zimmermann, 2000; vgl. Abb. 1), zeigt dies eine Schnittstelle zur Bindungstheorie, da die Art und Weise, wie Kinder mit Interaktionen umgehen vom Bindungsmuster moderiert wird, d. h. konkret von bindungsspezifischen Erfahrungen. IAMs sind generell so konzeptualisiert, dass sie die kognitive Repräsentation von Beziehungen reflektieren und durch Interaktionen mit wichtigen Bindungspersonen im frühen Kindesalter generalisiert werden. Sodann beeinflusst das IAM die Gedanken und Vorstellungen über die individuellen Erfahrungen mit wichtigen Beziehungen, den Umgang mit negativen Gefühlen und die Gestaltung enger Beziehungen. Bei unsicherer Bindung führt die Organisation und Struktur des IAM zu einer verzerrten Wahrnehmung der Beziehungen mit Bindungspersonen (Bowlby, 1988). Bindung nimmt folglich wesentlichen Einfluss auf den weiteren Kompetenzaufbau bis zum Jugendalter. Dysfunktionale Beziehungen bieten jedoch wiederum, die durch maladaptive kognitive Verarbeitungsprozesse verursacht werden, die Basis für Vulnerabilität gegenüber Depression. Denn Bindungserfahrungen wirken vermittelt über IAMs auf die Bewältigung von Anforderungen, die durch Risikofaktoren entstehen. Diese beeinflussen die Art und die Bewusstheit der emotionalen Bewertung der Anforderung und die Art des Umgangs mit auftretenden belastenden Gefühlen (Zimmermann, 2000). Demnach nimmt Bindung einen förderlichen oder schützenden Einfluss auf die Entwicklung psychischer Störungen.

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Details

Titel
Stress in der mittleren Kindheit. Nimmt sie Einfluss auf die Entwicklung depressiver Symptome?
Untertitel
Wissenschaftliche Analyse einer empirischen Studie von Dujardin et al. (2016)
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal  (Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
32
Katalognummer
V501952
ISBN (eBook)
9783346044594
ISBN (Buch)
9783346044600
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bindung, Suche nach Unterstützung, Depression, mütterliche Depression, Stress, Kinder, Familientherapie, Entwicklungspsychopathologie, Bindungstheorie, Bindungsqualität, Prädiktion, mittlere Kindheit, Längsschnittstudie, unsicher-ambivalent, unsicher-vermeidend, sicher, ABFT, IAM, Psychopathologie, Risikofaktoren, Schutzfaktoren
Arbeit zitieren
Nathalie Neuberger (Autor), 2019, Stress in der mittleren Kindheit. Nimmt sie Einfluss auf die Entwicklung depressiver Symptome?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/501952

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