Sport in der Militärdiktatur. Die Fußball-Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien

Die diktatorische Instrumentalisierung des Fußballs


Seminararbeit, 2019
20 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die argentinische Militärdiktatur und die Fußball-Weltmeisterschaft

3. Diktatur und Sport: Die Instrumentalisierung der argentinischen Nationalmannschaft

4. Bedeutung und Ausblick: Zur Erinnerungskultur in Argentinien

Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Vor 41 Jahren, am 25. Juli 1978, wurde die argentinische Fußball-Nationalmannschaft durch ein 3:1-Sieg nach Verlängerung gegen die Niederlande Weltmeister im eigenen Land. Der Titel, den das zweitgrößte Land Lateinamerikas vier Jahre zuvor noch im Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft 1974 im Endspiel gegen Deutschland verspielte, sorgte für besondere Freude. Schließlich war den Argentiniern der Titel des Fußball-Weltmeisters – im Gegensatz zu den Nachbarländern Uruguay und Brasilien – bis zu diesem Zeitpunkt verwehrt gewesen. So erfüllte sich in lang gehegter Traum. (Vgl. Ahlers 2014: 89f.) Im Gegensatz zu den Ereignissen dieses weltweit verfolgten Fußballfestes steht die Machtübernahme des argentinischen Militärs im März 1976 und ihre Politik. Bis zum Ende des verlorenen Falklandkrieges 1983 konnte sich die Militärdiktatur durch eine gewaltsame Politik an der Macht halten. In der Geschichte Argentiniens kamen bereits zuvor immer wieder Militärdiktaturen an die Macht: Oppositionelle, Gegner und potenzielle Umstürzler1 wurden eingesperrt. Die Militärdiktatur, die Thema der vorliegenden Arbeit ist, verfolgte einen anderen Ansatz: Die körperliche Vernichtung ihrer Gegner. (Vgl. Winner 2010: o.S.) Exakte Zahlen über die Opfer der Militärdiktatur gibt es nicht, allerdings wird in der geschichts- und politikwissenschaftlichen Literatur im Allgemeinen von rund 30.000 ermordeten oder verschwundenen Menschen berichtet (Vgl. u. a. Willmann/Müller 2015: 87; Weitbrecht 2016: 125; Ahlers 2014: 91).

Die vorliegende Arbeit thematisieret die im Juni 1978 vom argentinischen Staatspräsidenten und Diktator Jorge Rafael Videla eröffnete Fußball-Weltmeisterschaft in Verbindung mit der diktatorischen Instrumentalisierung des Fußballfestes.2 Nach der Einleitung folgt zunächst eine genauere Betrachtung der argentinischen Militärdiktatur und der Fußball- Weltmeisterschaft 1978. Anschließend wird zunächst die allgemeine Instrumentalisierung des Sports und von Großsportereignissen genauer betrachtet. Die Erkenntnisse dieser Betrachtung werden anschließend in Verbindung zur Fußball-Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien gesetzt und besprochen. Das Ziel ist es dabei, die wesentlichen Merkmale der Instrumentalisierung des Fußballs durch die Militärdiktatur 1978 darzustellen. Im Anschluss findet ein Ausblick auf die Bedeutung der aktuellen Erinnerungskultur – bezogen auf die

Militärdiktatur im Allgemeinen und auf die Fußball-Weltmeisterschaft 1978 im Speziellen – in Argentinien statt. Am Ende der vorliegenden Arbeit findet sich eine Zusammenfassung wesentlicher Aspekte im Fazit.

2. Die argentinische Militärdiktatur und die Fußball-Weltmeisterschaft 1978

Bereits seit dem frühen 20. Jahrhundert war der Fußballsport in der Einwanderungs- gesellschaft Argentiniens von besonderer Bedeutung für die nationale Identitäts- konstruktion. Doch im internationalen Wettbewerb spielte die argentinische Fußball- Nationalmannschaft – abgesehen von Zweitplatzierungen beim Olympischen Fußballturnier 1928 und der Fußball-Weltmeisterschaft 1930 – lediglich eine untergeordnete Rolle. (Vgl. Koller 2018: o.S.)

In den Jahrzehnten bis zum Triumph bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land 1978 wechselten sich auf politischer Ebene „demokratische [bzw. zivile] Regierungen, Militärregime (mit neun Putschen zwischen 1930 und 1976) und zwei Präsidentschaften [...] Juan Perón[s] (1946 bis 1955 und 1973 bis 1974) ab“ (Koller: o.S.). Nach dem Tod Peróns im Juli 1974 übernahm seine Witwe Isabel de Perón (eigentlich María Estela Martínez de Perón) die Regierungsgeschäfte – das Land wurde jedoch zunehmend unregierbar (Vgl. Hasgall 2016: 103). „Paramilitärische Gruppen, vor allem aufseiten der Rechten, entführten, folterten und ermordeten vermeintliche Gegner. Gleichzeitig kam es zu immer mehr Anschlägen seitens der Guerillaorganisationen“ (Hasgall 2016: 103).3 Isabel de Perón, die durch die Anweisung der Operaciòn Independencia zu einer wesentlichen Stärkung des Militärs beitrug, erschien in dieser Situation weitestgehend überfordert mit der eskalierenden Gewalt. In der angesprochenen Militäroperation sollte die Guerilla in der Provinz Tucumán im Norden des Landes durch das Militär gewaltsam zerschlagen werden. (Vgl. Hasgall 2016: 103) Dabei wurde den Streitkräften eine „Blankovollmacht verliehen, die fast jedes Mittel rechtfertigte“ (Hasgall 2016: 103).4 Ende 1975 waren die linken Guerillas größtenteils5 zerschlagen (Vgl. Weiss Fagen 1992: 48), wobei die Operación Independencia auch als eine Art Experiment diente und die Verfolgung politischer Gegner nach dem Putsch von 1978 erprobt wurde (Vgl. Hasgall 2016: 103f.).

Neben der Eskalation der Gewalt bereitete auch die wirtschaftliche Entwicklung zunehmende Probleme für die Regierung Isabel de Perón: 1975 befand sich die argentinische Wirtschaft in einem schlechten Zustand. Durch eine Hyperinflation erhöhten sich die Preise in einem Jahr (von März 1975 bis März 1976) um 566%, die Prognose für das folgende Jahr stellte eine weitere Preisehöhung von 800% in Aussicht. Auch das öffentliche Defizit von 12,6% des Bruttoinlandsprodukt verschärfte diese wirtschaftliche Schieflage. (Vgl. Novaro/Palermo 2003: 17)

Bereits am 25. Dezember 1975 stellte der Oberbefehlshaber des Heeres General Jorge Videla der Regierung um Isabel de Perón ein Ultimatum von 90 Tagen: Er forderte, Recht und Ordnung wiederherzustellen und drohte mit einem Eingreifen des Militärs. Am 24. März 1976 wurden Isabel de Perón sowie ihre Minister verhaftet und eine Militärdiktatur6 unter dem neuen Präsidenten Videla gebildet. Die Ziele der zukünftigen Politik der Militärdiktatur beschränkten sich nunmehr allerdings nicht auf linke Guerillaorganisationen, sondern hatten die argentinische Nation im Gesamten im Blick. (Vgl. Hasgall 2016: 105ff.) Ebenfalls am 24. März 1978 wurde die Acta para el Proceso de Reorganización Nacional veröffentlicht (Akte für den Prozess der Nationalen Reorganisation), der die Absetzung des obersten Gerichts, die Auflösung der Parlaments und das Verbot von Gewerkschaften und Parteien folgten und die eine „totale Kontrolle der Junta über das Land sicherstellen“ (Hasgall 2016: 107) sollte. Ferner schlug die neue Führung einen wirtschaftsliberalen Kurs ein, öffnete die Märkte des Landes – zuvor waren wesentliche Wirtschaftsbereiche Argentiniens protektionistisch vom internationalen Markt abgeschirmt (Vgl. Hasgall 2016: 113).

Nach Hasgall konnte jeder, der das Regime weder aktiv noch überzeugend unterstützte, zum Feind werden (Vgl. 2016: 112).7 Bereits kurz nach der Machtübernahme kündigte Videla an, so viele Menschen wie nötig zu töten, um die nationale Sicherheit wiederherzustellen und zu gewährleisten (Vgl. Ackermann 2011: 280).

1976 wurden laut Dokumenten und Zeugenbefragungen 3525 Menschen verschleppt, 1977 waren es 2746. Im Jahr der WM hatte die Junta die meisten Kritiker bereits aus dem Weg geräumt, 797 Menschen wurden noch inhaftiert, 63 während des Turniers. (Blaschke 2018a: o.S.)

Schon im Juli 1966 hatte Argentinien – damals noch unter Führung einer eher als gemäßigt geltenden Militärdiktatur – den Zuschlag für die Weltmeisterschaft 1978 durch das Exekutivkomitee der Fédération Internationale de Football Association (FIFA) erhalten (Vgl. Reichhold 2012: 34f.). Zunächst wurde der argentinische Fußballverband Asociación del Fútbol Argentino (AFA) mit den Vorbereitungen betraut, später wurde die Organisation der Fußball-Weltmeisterschaft durch die Militärdiktatur zur „nationalen Chefasche“ (Ahlers 2014: 90) erklärt. Ziel war es dabei auch, sowohl politische Kritik als auch Kritik an der Ausrichtung des Großsportereignisses durch Opposition und Gesellschaft zu verhindern und ein friedliches und geeintes Argentinien zu präsentieren. Daher wurden zahlreiche geheime Haft- und Folteranlagen geschaffen, die Militärdiktatur führte ferner die Methode des Entführens und Verschwindenlassens ein. (Vgl. Weitbrecht 2016: 76; Schindel 2009: 79) Um Berichten über Menschenrechtsverletzungen im Vorfeld und während der Fußball- Weltmeisterschaft entgegenzuwirken, wurde zudem eine weitreichende PR-Kampagne bestellt. Durch konkrete Vorgaben an Journalisten, die etwa nur unter strenger Beobachtung ausgewählte Personen interviewen durften und in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt wurden, sollten allzu kritische Presseberichte verhindert werden. Zu den öffentlichkeits- wirksamsten Maßnahmen der argentinischen Führung gehörte der Besuch des ehemaligen US-amerikanischen Außenministers Henry Kissinger, den Weitbrecht als bedeutenden „PR- Coup der Junta“ (2016: 114) bezeichnet. Trotz dieser Bemühungen kam bereits im Vorfeld der Weltmeisterschaft zu Protesten gegen Argentinien als Ausrichter – insbesondere in Frankreich wurde zum Boykott aufgerufen, der allerdings nicht vollzogen wurde. (Vgl. Weitbrecht 2016: 112ff.)

Auch war die argentinische Gesellschaft tief gespalten: Die Militärdiktatur verfolgte den langfristigen Plan, die argentinische Gesellschaft grundlegend zu verändern. Dabei gerieten nicht nur politisch Engagierte ins Visier der Militärdiktatur, auch gewerkschaftliche Arbeit und christliche Gemeinden und Pfarrer spürten die veränderte Politik. Proteste gegen diese Politik, etwa durch die Madres de Plaza de Mayo (Mütter des Platzes der Mairevolution), wurden gewaltsam niedergeschlagen. Auf der anderen Seite gab es einen Teil der Gesellschaft, die das Spiel Videlas mitspielte und Argentinien als friedliches Land präsentieren wollten. (Vgl. Weitbrecht 2016: 115) Angst und Propaganda um die Weltmeisterschaft ließen Teile der argentinischen Gesellschaft zunehmend desinteressiert an den innenpolitischen Veränderungen werden (Vgl. Archetti 2004: 192).

Die Popularität des Fu[ß]balls in Lateinamerika, lange neben Europa das zweite Epizentrum des Weltfu[ß]balls, und die im 20. Jahrhundert in dieser Weltregion weite Verbreitung von Militärdiktaturen haben verschiedentlich zu unschönen Szenen geführt. Das seit dem frühen 20. Jahrhundert permanent ad absurdum geführte, aber gleichwohl bis heute hochgehaltene Dogma der Trennung von Sport und Politik erlebte auch in diesem Zusammenhang zahlreiche Verstö[ß]e. (Koller 2018: o.S.)

3. Diktatur und Sport: Die Instrumentalisierung der argentinischen Nationalmannschaft

Was genau versprach sich die argentinische Führung um Videla von der Austragung der Fußball-Weltmeisterschaft 1978? Ein Blick in die Sportgeschichte zeigt, dass es häufig zur politischen Instrumentalisierung des Sports und insbesondere von Großsportereignissen kam. Als Beispiele seien an dieser Stelle nur kurz die Olympischen Spiele 1936 in Berlin und der Staatssport des ehemaligen Ostblocks genannt. (Vgl. Filzmaier 2004: 5)

Filzmaier ist der Meinung, dass Sport der Politik grundlegend als Machtfaktor erscheine: Demnach spiele Sport eine wesentliche Rolle in der Bildung, Festigung und Erhöhung eines kollektiven Bewusstseins. Ferner seien Identifikations- und Integrationseffekte, aber auch die Stärkung des gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalts an dieser Stelle zu nennen und in ihrer positiven Wirkung zu begrüßen. (Vgl. 2004: 5) Wendet man sich der Instrumentalisierung des Sports – also der Fremdbestimmung des Sports für politische Ziele– zu, so wird eine Tendenz sichtbar: „Sport führt zur Stabilisierung politischer Herrschaft bzw. des Herrschaftssystems, weil (fast) immer Regierende politisch profitieren und selten oppositionelle Artikulation stattfinden kann“ (Filzmaier 2004: 5).

Kein Zweifel: Sport und Politik haben etwas miteinander zu tun, sie sind aufeinander bezogen, auch wenn im Zentrum der Politikwissenschaften nicht der Sport, im Zentrum der Sportwissenschaft nicht die Politik steht. [...] Man könnte sogar formulieren, da[ss] es den unpolitischen Sport – eigentlich – nicht gibt. (Lösche 2001: 45) Die argentinische Militärdiktatur versprach sich von der Fußball-Weltmeisterschaft und ein erfolgreiches Abschneiden der argentinischen Nationalmannschaft im eigenen Land eine beruhigende Wirkung auf die Argentinier (Vgl. Ackermann 2011: 283), da sportliche Erfolge „abgekoppelt von der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Realität“ (Ahlers 2014: 94) verlaufen. Die argentinische Führung um Videla wusste im die Außen- und Innenwirkung von Großsportereignissen.

[...]


1 Zwecks Vereinfachung wird in der vorliegenden Arbeit nur die männliche Form genutzt.

2 Dabei ist auffällig, dass das Thema insbesondere zur Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland in der Literatur wieder häufiger besprochen wird, was der der vorliegenden Arbeit in Verbindung mit einer möglichen Ausrichtung der Fußball-Weltmeisterschaft 2030 durch Argentinien (Vgl. Blaschke 2018b: o.S) eine zusätzliche Relevanz verleiht.

3 So zählte die Tageszeitung La Opinión im März 1976 alle fünf Stunden einen politischen Mord sowie alle drei Stunden einen Bombenanschlag (Vgl. Hasgall: 103).

4 Siehe dazu auch das Dekret 261/75 vom 5. Februar 1975, abrufbar unter http://www.desaparecidos.org/nuncamas/web/document/decreto_261_75.htm [zuletzt abgerufen am 19. Juli 2019].

5 Hasgall zählt unterschiedliche Gründe für die Niederlage der Guerilla auf (Vgl. 2016: 103), auf die im Sinne der Beantwortung der Forschungsfrage der vorliegenden Arbeit nicht näher eingegangen wird.

6 Mit Videla (Heer), Emilio Massera (Marine) und Orlando Agosti (Luftwaffe) bestand die Militärdiktatur aus Führungskräften der drei argentinischen Teilstreitkräfte (Vgl. Hasgall 2016: 106).

7 Die Beschreibungen sind an dieser Stelle bewusst verkürzt worden, da eine detaillierte Zusammenfassung den Rahmen der vorliegenden Arbeit sprengen würde. Für weiterführende Informationen zur Geschichte und Politik der Militärdiktatur in Argentinien wird insbesondere auf die Kapitel 4 und 5 in Hasgalls „Regime der Anerkennung“ (2016) verwiesen.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Sport in der Militärdiktatur. Die Fußball-Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien
Untertitel
Die diktatorische Instrumentalisierung des Fußballs
Hochschule
Universität Erfurt  (Staatswissenschaftliche Fakultät)
Veranstaltung
Lateinamerika: Akteure und Perspektiven
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
20
Katalognummer
V501987
ISBN (eBook)
9783346044952
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sport, Militärdiktatur, Weltmeisterschaft 1978, Fußball-Weltmeisterschaft 1978, Junta, Instrumentalisierung, Politik, Geschichte, Sportgeschichte, Erinnerungskultur, Südamerika, Argentinien
Arbeit zitieren
Benedikt Meyer (Autor), 2019, Sport in der Militärdiktatur. Die Fußball-Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/501987

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