Mobile Learning und Nachhaltigkeit. Eine kritische Betrachtung der digitalen Entwicklung in deutschen Schulen


Masterarbeit, 2019

91 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Auswirkungen digitaler Medien auf die Umwelt
2.1. Ökologischer Fußabdruck
2.2. Materialvielfalt
2.3. Lebenszyklus mobiler Geräte
2.3.1. Rohstoffgewinnung
2.3.2. Produktionsprozess
2.3.3. Nutzungsphase
2.3.4. Entsorgung

3. Digitalisierung in der Bildung
3.1. Lerntheorien und Lernmedien
3.2. Digitale Medien und Lernerfolg
3.2.1. Studien
3.2.2. Erklärungsversuche
3.3. Bildungspolitik
3.3.1. Bildungsauftrag
3.2.2. Internationaler Druck
3.3.3. Digital Pakt #D
3.4. Nutzung mobiler Lernmedien im Unterricht: Visionen und Kritik
3.5. Digitale Bildung: ein Konjunkturpaket

4. Nachhaltiger Einsatz von mobilen Lernmedien in den Schulen
4.1. Kosten und ökologische Fußabdrücke
4.1.1. Anzahl der benötigten Geräte
4.1.2. Vergleich zu Papier
4.1.3. Stromverbrauch und ökologische Folgen des digitalen Unterrichts
4.1.4. Amortisationszeit
4.1.5. Lebensdauer und Bedarf nach Neuanschaffungen
4.2. Systemfehler
4.3. Oxymoron: BNE und digitale Schule
4.4 Digitale Schule - Perspektive auf die Lebenswelt

5. Handlungsempfehlungen
5.1. Schulische Aufgabenbereiche
5.2. Außerschulische Aufgabenbereiche

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In einer Welt, die von Globalisierung und Klimawandel getrieben wird, versuchen viele ihren ökologischen Fußabdruck zu verkleinern und mit ihrem Lebensstil einen möglichst kleinen Beitrag zum Treibhauseffekt zu leisten. Viele Menschen sind gerne bereit ein paar Cent mehr auszugeben, damit bspw. beim Essen der fair produzierten Schokolade oder beim Trinken des nachhaltig produzierten Kaffees ein gutes Gefühl entsteht. Des Weiteren besteht die Möglichkeit, beim Reisen einen CO2 Ausgleich zu bezahlen oder Post CO2-neutral zu verschicken. Insofern bewegt sich die Gesellschaft zunehmend auf einen bewussteren und nachhaltigeren Konsum zu als es noch vor wenigen Jahren der Fall war. Festzumachen ist dies an dem extremen ,Boom‘, den der Markt für faire und damit nachhaltige Produkte1 gemacht hat: Lag in den 90er-Jahren der Umsatz noch bei 29 Millionen Euro, wuchsen die Zahlen ab 2005 stetig an, sodass die Fairtrade-Branche im Jahr 2017 in Deutschland 1,33 Milliarden Euro umsetzen konnte.2 Global betrachtet werden gut sechs Milliarden Euro durch den Verkauf von Fairtrade-Produkten erzielt.3 Dies zeigt besonders deutlich, wie stark das gesellschaftliche Interesse an Produkten aus nachhaltiger und fairer Produktion gestiegen ist. Laut Statistik werden fair produzierte Lebensmittel wie Bananen, (Rohr-) Zucker, Kaffee und Kakao weltweit im Fairtrade-Segment am meisten nachgefragt und sind daher die wichtigsten und umsatzstärksten Produkte.4 Die Verknüpfung zwischen unserem Konsumverhalten und dessen Auswirkungen auf die Umwelt scheint in vielen Lebenslagen in der Gesellschaft zu gelingen.

Allerdings gilt das nicht in allen Bereichen: Kaum jemand verknüpft die immer schneller voranschreitende Technik mit dem Thema Nachhaltigkeit. Das Interesse für nachhaltig und fair produzierte Smartphones, Tablets oder Laptops ist klein. Die Verbindung zwischen voranschreitender Technik und Nachhaltigkeit scheint schlichtweg nicht zu bestehen, was gerade in einem der wohl größten Absatzmärkten auf der Welt fatal ist.

In der Schule ist ein Wandel hingehend zum elektronischen Lernmedium deutlich zu spüren: Es gibt Tablet-PCs, Laptop-Klassen und Lernsoftwares wie z.B. Vokabellernprogramme. In der öffentlichen Diskussion entsteht ein wachsendes Interesse für digitalisierten Unterricht. In den Medien wird immer wieder davon berichtet, dass Deutschland die Digitalisierung verschläft. Das Interesse am digitalen Unterricht ist verständlich, denn auch die Unternehmen verlangen immer häufiger nach Medienkompetenz. Nahezu jeder Job erfordert den Umgang mit moderner Technik. Diese Entwicklung nimmt mehr an Fahrt auf; daraus entsteht ein steigender Erwartungsdruck an die Schulen.

Darüber hinaus stellen Schulen einen riesigen potenziellen Absatzmarkt dar. Nicht nur Laptops werden gebraucht: Beamer, Tablets, Smartboards und zum Teil auch Virtual Reality Brillen werden im Unterricht benutzt, um die Schülerinnen und Schüler (im folgenden SuS genannt) auf ihre spätere Lebenswelt vorzubereiten.

Wie wird diese Lebenswelt jedoch aussehen? Aus der erhöhten Nachfrage von mobilen Endgeräten in der Schule resultiert eine steigende Produktion und Abnahme von Endgeräten. Es bedarf einer differenzierten Betrachtung in der die Nachteile der mobilen Lernmedien nicht vernachlässigt werden dürfen, da diese erhebliche ökologische Auswirkungen auf die Umwelt haben. Ist ein Unterricht zu verantworten, der für die Vorbereitung von Schülern auf die zukünftige Lebenswelt eine steigende Anzahl von mobilen Lernmedien involviert, gleichzeitig damit aber die zukünftige Lebenswelt stark beeinflusst und das Leben darin potentiell stark beeinträchtigt? Vor einem Einsatz dieser Art sind ökologische Folgen zu diskutieren bzw. eine Lösung anzustreben, bei der eine ökologisch nachhaltige Umsetzung von digitalem Unterricht in deutschen Schulen verfolgt wird. Ziel der Bildung sollte sein, die SuS zu befähigen, sich in der späteren Lebenswelt zurechtzufinden. Mit einem unreflektierten Investitionsverhalten könnte digitale Bildung negative Auswirkungen auf die Lebenswelt der SuS haben.

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der nachhaltigen Gestaltung von digitalem Unterricht. Die Thematik wird in drei Kapiteln erläutert und wie folgt diskutiert:

- Auswirkungen digitaler Medien auf die Umwelt
- Digitalisierung in der Bildung
- Nachhaltiger Einsatz von mobilen Lernmedien in den Schulen

Die Darstellungen beginnen nach der Einleitung mit dem Kapitel 2. Auswirkungen digitaler Medien auf die Umwelt. Es werden die ökologischen Folgen der Produktion und Nutzung von mobilen Endgeräten erläutert. Dabei wird zunächst das Konzept des ökologischen Fußabdrucks beschrieben, welches Aufschluss darüber gibt, wie hoch die Belastung der Natur während der Produktion eines Produktes ist. Des Weiteren wird die Komplexität verschiedener technischer Geräte erläutert, die Materialvielfalt von digitalen Medien dargestellt und die Herkunft dieser thematisiert. Danach erfolgt eine detaillierte Aufschlüsselung der ökologischen Auswirkungen mobiler Geräte anhand der einzelnen Lebenszyklusphasen.

In dem darauffolgenden 3. Kapitel Digitalisierung in der Bildung werden die digitalen Medien in der Schule betrachtet. Für diese Betrachtung wird das Kapitel in fünf Unterkapitel aufgeteilt. Im Unterkapitel 3.1. Lerntheorien und Lernmedien, werden zunächst verschiedene Lerntheorien vorgestellt und mit digitalem Lernen in Verbindung gebracht. Der Sinn dieses Unterkapitels ist es zu verstehen, wie digitale Medien im Unterricht funktionieren und ob sie sich im Unterricht bewähren können. Dabei werden drei Lerntheorien dargestellt und die Entwicklungen im Bereich maschinellen bzw. elektronischen Lernen erläutert und eingeordnet. Es soll deutlich gemacht werden, wie mit digitalen Medien gelernt wird und was für den Lernprozess maßgeblich ist. Das Unterkapitel 3.2. Digitale Lernmedien und Lernerfolg, hat in dieser Arbeit einen bewusst gewählten kritischen Blickwinkel. Entgegen der positiven Studienergebnissen, die häufig in den Diskussionen um digitales Lernen zitiert werden, werden hier negativ Beispiele präsentiert, die häufig in der Debatte nicht berücksichtigt werden. Es soll deutlich gemacht werden, dass das Lernen mit digitalen Medien auch ambivalente Züge aufweist und insofern nicht universell einsetzbar ist. Daran schließen einige Erklärungsversuche für die Studienergebnisse an, die jedoch nur exemplarisch und kurz dargestellt werden. Anschließend wird im Kapitel 3.3. ein Augenmerk auf die Bildungspolitik in Deutschland geworfen. Dabei wird als erstes der Bildungsauftrag der Schulen anhand des bayerischen und niedersächsischen Schulgesetzes dargestellt um zu verdeutlichen, was genau die Bildung beabsichtigen sollte um später vergleichen zu können ob digitale Bildung dem Bildungsauftrag gerecht werden kann. Es folgt Kapitel 3.3.2. in dem ein internationaler Vergleich Deutschlands anhand verschiedener Studien erfolgt; es soll herausgestellt werden, warum in Deutschland derzeit ein großer Handlungsdrang hinsichtlich digitaler Bildung besteht. Dieser Drang wird im darauffolgenden Kapitel

3.3.3. Digital Pakt #D verdeutlicht. Der sog. Digital Pakt #D wird vorgestellt und darüber hinaus werden einige bildungspolitische Maßnahmen im Bereich digitaler Unterricht erläutert. Im Unterkapitel 3.4. Nutzung mobiler Lernmedien im Unterricht: Visionen und Kritik werden verschiedene Argumente aus der Debatte in der Literatur aufgegriffen und widerlegt. Dabei liegt der Fokus deutlich auf Argumenten, die digitales Lernen positiv darstellen. Sinn ist es auch hier einen differenzierteren Blickwinkel für die Forschungslage zu entwickeln. Dabei kann eine Vollständigkeit bei einem so großen Forschungsfeld nicht gewährleistet werden. Demnach wurden die Argumente nach Relevanz und Häufigkeit im Forschungsfeld selektiert. Im letzten Unterkapitel 3.5. Digitale Bildung: ein Konjunkturpaket werden schließlich Gründe für einige stark einseitige, äußerst positive Studienergebnisse zur digitalen Bildung vorgebracht, indem die Studien-Auftraggeber analysiert werden und mit den wirtschaftlichen Interessen in diesem Bereich verknüpft werden.

In dem darauffolgenden 4. Kapitel wird der nachhaltige Einsatz von digitalen Medien in den Schulen betrachtet, indem die zuvor vorgebrachten Forschungsstränge zusammengeführt werden. Im Unterkapitel 4.1. Kosten und ökologische Fußabdrücke wird die Nachhaltigkeit der flächendeckenden Einführung von digitalen Medien in den Schulen, der Einsatz von digitalen Lernmedien gegenüber Papier sowie die digitale Schule als potenzielle Gefahrenquelle für die Lebenswelt der SuS thematisiert. Ziel dieses Kapitels ist es hervorzuheben, welchen Effekt digitale Bildung auf die Umwelt hat.

Im 5. Kapitel werden Handlungsempfehlungen ausgesprochen, die es ermöglichen sollen, digitalen Unterricht so ökologisch nachhaltig wie nur möglich umzusetzen. Dabei wird der Fokus weniger auf wissenschaftliche Literatur, sondern primär auf die Aufgabenbereiche gelegt, die sowohl in das Handlungsspektrum der Schulen selbst fallen, sowie in Aufgabenbereiche außerhalb der Schule, in denen andere Akteure handeln müssen.

In der vorliegenden Arbeit werden insbesondere mobile Lernmedien behandelt. Aufgrund des Umfangs dieser Arbeit werden im Folgenden weitere digitale, in der Schule eingesetzte Technologien nicht betrachtet. Dabei ist den jeweiligen Kapiteln ein mobiles Lernmedium - entweder ein Tablet-PC oder Laptop - exemplarisch ausgewählt, um die präsentierten Inhalte zu verdeutlichen. Aufgrund der geringen Datenlage wird im Verlauf der Arbeit häufig auf Daten zum Smartphone zurückgegriffen. Diese sind stark mit den Daten vom Tablet-PC vergleichbar.5 Des Weiteren wird in den Kapiteln meist ein mobiles Lernmedium als Beispiel angeführt. Aufgrund des Umfangs der Arbeit ist es nicht immer möglich auf beide Geräte einzugehen. Darüber hinaus ist es auch nicht immer nötig beide mobile Lernmedien anzuführen um die Standpunkte zu verdeutlichen, da sich Tablets und Laptops in vielen Bereichen ähneln. Ist dies nicht der Fall wird werden jedoch beide Lernmedien als Beispiel angeführt. Des Weiteren sei angemerkt, dass wenn im Verlauf der Arbeit von digitalen Medien die Rede ist, generell die mobilen Lernmedien im Fokus stehen.

Darüber hinaus ist an dieser Stelle anzumerken, dass die vorliegende Arbeit betont kritisch ist. Dabei zweifelt sie jedoch nicht die Wichtigkeit von Medienkompetenzen im 21 Jahrhundert an. Digitale Medien sind längst Bestandteil der heutigen Lebenswelt von SuS. Um die SuS zu mündigen Menschen zu formen, und die zu befähigen sich in die Gesellschaft zu integrieren, steht es außer Frage einen verantwortungsvollen Umgang mit den digitalen Medien zu erlernen. Im Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 8. März 2012 Medienbildung in der Schule wurde dieses Vorhaben einheitlich für die Schulen in Deutschland beschlossen.6 Medienkompetenz wird darin als „unverzichtbare Schlüsselqualifikation”7 bezeichnet. Davon geht auch diese Arbeit aus. Jedoch wird im Folgenden die Art und Weise, wie diese erlangt werden soll, kritisch betrachtet, da insbesondere in der Praxis in Bezug auf die ökologischen Folgen ein unreflektiertes Investitionsverhalten zu beobachten ist.

2. Auswirkungen digitaler Medien auf die Umwelt

Im folgenden Kapitel werden die ökologischen Auswirkungen von mobilen Endgeräten erläutert. Dabei wird zunächst das Konzept des ökologischen Fußabdrucks erläutert, welches Aufschluss darüber gibt, wie hoch die Belastung der Natur während der Produktion eines Produktes ist. Dieses Instrument visualisiert alle natürlichen Materialien die bis zu dem Zeitpunkt des Verkaufes bewegt wurden. Des Weiteren wird die Materialvielfalt von digitalen Medien dargestellt und die Herkunft dieser thematisiert. Danach erfolgt eine detaillierte Aufschlüsselung der ökologischen Auswirkungen mobiler Geräte anhand der einzelnen Lebenszyklusphasen: Rohstoffgewinnung, Produktionsprozess, Nutzungsphase sowie Entsorgung.

2.1. Ökologischer Fußabdruck

Für gewöhnlich sieht ein durchschnittlicher Tagesablauf wie folgt aus: Vom Klingeln des Weckers wachen wir morgens auf. Anschließend stehen wir auf, gehen ins Badezimmer, um uns dort zu duschen oder zu waschen, uns anzuziehen, uns die Zähne zu putzen und uns für den Tag mit unterschiedlichen Styling-Produkten herzurichten. Daraufhin folgt i.d.R. das Frühstücken mit bspw. einer Tasse Kaffee und einer Banane in unserem Schoko-Müsli. Sodann fahren wir entweder mit dem Auto, dem Fahrrad oder den ÖPNV zur Arbeit, wo für uns Gegenstände wie etwa Computer, Handys, Papier und (Schreib-)Werkzeuge unverzichtbar geworden sind. Mittags essen wir in einer Kantine oder ein selbst mitgebrachtes, in Papier eingewickeltes Butterbrot. Nach Feierabend wird zu Hause entweder frisch gekocht oder ein Fertiggericht in die Mikrowelle gestellt. Häufig folgt das in vielen Haushalten obligatorische Feierabendbier, das zuvor im Kühlschrank kühl gelagert wurde. Der Abend klingt sodann mit Fernsehen, Bücher lesen, Musik hören oder Telefonieren bzw. Chatten langsam aus.

Ein solcher Tagesablauf, der hier als typisches Exempel in Deutschland für die heutige Zeit statuiert wird, bedarf einer großen Menge an Rohstoffen. So stecken etwa im Wecker - auch wenn dieser durch das Smartphone ersetzt wird - Metalle, Erdöl und Kohle; in den Produkten im Badezimmer lassen sich nicht selten Palmöle, Baumwolle und pflanzliche Wirkstoffe wiederfinden; im Frühstück verbergen sich unter anderem Kakao- und Kaffeebohnen, Südfrüchte sowie Zucker.8 Diese Aufzählung von Rohstoffen lässt sich durch den gesamten Tagesablauf hindurch aufführen. Martin Luther King Jr. sagte nicht umsonst:

,,Noch ehe du am Morgen dein Frühstück beendet hast, warst du auf die halbe Welt angewiesen“ - Martin Luther King Jr.

Wir konsumieren also rund um die Uhr Rohstoffe aus aller Welt. Jedoch verraten die Produkte die wir täglich konsumieren oder der Preis zu welchem wir diese kaufen nichts über ihren Herstellungsprozess. Für die Konsumentinnen und Konsumenten sind die Herstellungsprozesse und Vertriebswege der meisten Produkte absolut undurchschaubar. Auch die Medien und die Werbung tragen nicht zur Transparenz bei. Selbst wenn sich ein Verbraucher für die Herkunft eines Produktes, die Bedingungen unter denen es produziert wurde oder den ökologischen Fußabdruck des Produktes interessiert und diese Faktoren in seine Kaufentscheidung einbeziehen möchte, so wären diese potentiellen Käufer doch immer auf die Herstellerinformationen oder Medien angewiesen. Diese bringen aber zumeist andere Verkaufsargumente an, wie bspw. die Eigenschaften des Produktes, die Qualität oder den Preis.

Allerdings gibt es ein Modell, welches dieses Problem löst. Entwickelt wurde es von dem deutschen Chemiker und Umweltforscher Friedrich Schmidt-Bleek 1994: Er nannte es das MIPS-Konzept.9 Der Materialinput ist die Summe all derjenigen natürlichen Materialien, die in irgendeiner Form bewegt wurden, während der Rohstoffgewinnung, Produktion, Vertrieb, Nutzung und Entsorgung des Produktes. Diese Summe wird in Kilogramm erfasst.10

Der jeweilige Materialinput wird, geteilt in fünf verschiedenen Input-Kategorien, wie folgt erfasst:

- „biotische Stoffe: pflanzliche Biomasse aus Bewirtschaftung, Biomasse aus nicht bewirtschafteten Bereichen (Pflanzen, Tiere etc.)
- abiotische (nicht erneuerbare) Rohmaterialien: mineralische Rohstoffe, fossile
Energieträger, nicht verwertete Rohförderung (z. B. Abraum) bewegte Erde (Aushub)
- Bodenbewegung in der Land- und Forstwirtschaft: mechanische Bodenbearbeitung, Erosion
- Wasser: Oberflächenwasser, Grundwasser, Tiefengrundwasser (unterschieden nach Prozess- und Kühlwasser)
- Luft: Verbrennung, chemische Umwandlung, physikalische Veränderung (Aggregatzustand)“

Es wird deutlich, dass hier die klassische Trennung zwischen Boden, Wasser und Luft berücksichtigt wurde. Dabei wird der Boden als Ressource noch einmal in die folgenden drei Kategorien aufgeteilt, um eine bessere Aussagekraft zu erreichen: biotische Rohstoffe, abiotische Rohstoffe und Bodenbewegungen.11 12 Die Kategorie Bodenbewegung in der Land- und Forstwirtschaft wird deshalb extra aufgeführt, um sowohl den Verbrauch (Erosion), als auch die Veränderung des Bodens, der durch mechanische Bodenbearbeitung durch Ackerbau und Forstwirtschaft verursacht wird, aufzeigen zu können.13 Laut des Bundesministeriums für Bildung und Forschung sind die Erosionsraten heute i.d.R. bekannt bzw. ermittelbar und erreichen zum Teil erhebliche Größenordnungen.14 Aktive Bodenbewegungen die durch bspw. den Ackerbau (z. B. das Pflügen des Ackerbodens) verursacht werden, ,,lassen sich derzeit aber noch schwer abschätzen bzw. zurechnen (obwohl sie nicht ,umweltneutral‘ sind).“15

Daraus wurde das Konzept des ökologischen Rucksacks geschaffen, welches als Vermittlungs- und Visualisierung Instrument fungiert. Sämtliche natürliche Materialien, die bis zum Zeitpunkt des Verkaufes eines Produktes oder zum Zeitpunkt der Dienstleistungsfähigkeit eines Produktes bewegt werden, werden berechnet und das Gewicht des finalen Produktes wird von der Summe subtrahiert.

So kann festgestellt werden, wie viele natürliche Materialien bewegt werden mussten, um das jeweilige Produkt herzustellen. Es fließt „alles ein, was an natürlichen Rohmaterialien bewegt und eingesetzt wird, um Sachgüter herzustellen, zu gebrauchen, zu transportieren und auch zu entsorgen: Sand, Wasser, Kohle, Erze, Raps und Bäume, eben alles, was wir von der Ökosphäre brauchen“16

Um diese Berechnungen zu vereinfachen wurden sogenannte ,Rucksack-Faktoren‘ entwickelt. Dabei wird schließlich das Gewicht des Produktes mit Faktoren multipliziert, die für den geschätzten Naturverbrauch stehen. Gold hat bspw. einen Faktor von 540.000 Tonnen Naturverbrauch pro Kilogramm. Demnach muss für ein Gramm Gold 540 Kilogramm an natürlichen Materialien bewegt werden.17 Dabei ist allerdings das virtuelle Wasser nicht mitgerechnet, dieses würde diese Zahlen erheblich erhöhen. Sogenannte ,,Wasserrucksäcke“ sind laut Schmidt-Bleek bis zu 5- bis 20 mal größer als biotische und abiotische Rucksäcke zusammen.18

Ein einfaches Beispiel zur Berechnung eines gängigen Bestandteiles von Mobiltelefonen ist Kupfer. Kupfer, anteilsmäßig eines der am meisten verbauten Metallen in Mobiltelefonen,19 wird bspw. für Kabel und elektronische Bestandteile wie die Leiterplatten genutzt.20 Der ökologische Rucksack von 1 kg Kupfer beträgt 348 kg an abiotischen Rohstoffen. Wird davon ausgegangen, dass in einem durchschnittlichen Mobiltelefon ca. 10 Gramm Kupfer verbaut werden, dann beträgt ökologische Rucksack für das verbaute Kupfer 3,48 kg nur an abiotischen Stoffen. Faktoren wie Luft etc. wurden nicht mitgerechnet. Um den Ökologischen Rucksack im Gesamten auszurechnen, würde der gleiche Prozess für jedes Bestandteil des Mobiltelefons vollzogen werden. Insgesamt braucht es 70 kg natürliche Ressourcen um ein Smartphone herzustellen.21

2.2. Materialvielfalt

Der ökologische Rucksack erfasst den Materialaufwand derjenigen Stoffe, der innerhalb des Lebenszyklus eines Produktes, aufgewendet wurde. Wie bereits erwähnt, ist dies besonders im Hinblick auf technische Geräte interessant, die bisher kaum bis gar nicht mit Nachhaltigkeit und fairer Produktion in Verbindung gebracht werden. Der Produktionsprozess dieser Geräte kann durchaus sehr kompliziert sein, da moderne Wertschöpfungsprozesse sich sehr komplex und energie- und materialintensiv gestalten. Im Laufe der Technikgeschichte hat die Materialvielfalt deutlich zugenommen:22

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Zunehmende Materialvielfalt im Laufe der Technikgeschichte

(Zepf V, Reller A, Rennie C, AshfieldM, Simmons J (2014)Materials critical to the energy industry. An introduction,2. Aufl. BP, London aus: Exner S.276)

In modernen technischen Geräten befindet sich eine große Anzahl an „Funktionsmaterialien, die aus unterschiedlichen Metallen, Legierungen, Keramiken und Polymeren [...] bestehen.”23 Ein Mobiltelefon besteht aus bis zu 60 verschiedenen Stoffen.24 Dazu gehören Metalle, welche rund ein Drittel des gesamten Mobiltelefons ausmachen. Für die Zusammensetzung des Displays, wird bspw. Indium aus Japan und für dessen Hintergrundbeleuchtung sowie für den Blitz der Kamera Leuchtdioden - auch LED genannt - Gallium benutzt, welches wiederum aus Ländern wie Kasachstan stammen. Kobalt wird u.a. für den Akku gebraucht und wird in Ländern wie dem Kongo oder auch China gefördert. Weitere Stoffe sind u.a. seltene Erden für die Produktion von Lautsprechern, Tanal für den Bau von Kondensatoren, Kupfer für Leiterbahnen oder Flachkabel, Silizium für den Mikroprozessorchip, Zinn für die Lötstellen, Gold für die Kontakte im Telefon und Kunststoff für die Verkleidung.25 Dies ist nur ein Ausschnitt der Materialien, die in einem Smartphone, aber auch in Geräten wie Tablets oder Notebooks verbaut werden. Diese Auswahl verdeutlicht die Komplexität und das geografische Ausmaß, mit welchem die Stoffe für ein Mobiltelefon zusammengetragen werden. Die Rohstoffe, die in verschiedenen Ländern abgebaut, über weite Strecken transportiert und dann in einem Mobiltelefon verbaut werden, stammen zumeist nicht direkt aus den Minen der eigentlichen Produktionsstätten, sondern werden zumeist von zahlreichen Zulieferern bezogen, die selbst wiederum von etlichen Zulieferern versorgt werden.26

Diesen Prozess transparent und nachhaltig zu gestalten ist aufgrund der heterogenen Herkunft und vielen verschiedenen Händlern aus verschiedenen Nationen eine große Herausforderung.

2.3. Lebenszyklus mobiler Geräte

In der Literatur gibt es verschiedene Herangehensweisen um Lebenszyklen zu beschreiben. Zum einen gibt es das ,Konzept der Stoffgeschichten‘ von Huppenbauer und Reller (1996)27, in welchem die Stoffe eine Art Lebensweg abschreiten: Dabei wird nacherzählt, wie diese durch Raum und Zeit ge- und verbraucht werden. Dieses Konzept ist jedoch sehr umfangreich und wird deswegen im Rahmen der vorliegenden Masterarbeit nicht aufgegriffen.

Stattdessen wird zur Veranschaulichung auf das Lebenszyklusmodell des Wuppertaler Instituts für Klima, Umwelt und Energie zurückgegriffen. Generell wird, um einen ,ökologischen Rucksack‘ zu berechnen, das Produkt gedanklich in seine einzelnen Bestandteile zerlegt, welche wiederum in ihre Rohstoffe und Materialien usw. zerlegt werden. Anschließend wird betrachtet, wie viel von welchem Rohstoff oder Material im Produkt vorzufinden ist und wie diese hergestellt wurden. Somit kann zum einen zurückverfolgt werden, welche Stationen der Gegenstand durchlaufen hat, und zum anderen aufgezeigt werden, welcher Bestandteil wie viele Rohstoffe, Energie oder Transport verbraucht hat.28 Darüber hinaus betrachtet das vorliegende Modell zusätzlich die Nutzung und Entsorgung der Produkte, da diese bei der Errechnung des MIPS oder ökologischen Rucksacks nicht berücksichtigt wird.

Zwar bezieht sich das Modell in der nachfolgenden Abbildung auf herkömmliche Mobiltelefone und nicht auf die, heute zum größten Teil verwendeten Smartphones, Tablet-PC’s oder Laptops, jedoch ist der Wertschöpfungs- und Herstellungsprozess durchaus vergleichbar.29 Deshalb kann diese Grafik problemlos auf Tablets oder Notebooks übertragen werden. Der Lebenszyklus ist dabei in die folgenden vier Phasen eingeteilt: Rohstoffgewinnung, Produktion, Nutzung und Entsorgung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Der Lebenszyklus eines Mobiltelefons

(http://wupperinst.org/uploads/tx_wupperinst/Mobiltelefone_Factsheets.pdf, (Factsheet 3, Seite 4))

In der ersten Phase wird die Rohstoffgewinnung begutachtet. Es wird unterschieden zwischen der Rohstoffgewinnung der Metalle und die der Kunststoffe, da die Gewinnung der Rohstoffe sehr unterschiedlich abläuft und somit unterschiedliche Faktoren mit einbezogen werden müssen. Im Rohstoffabbau der Metalle handelt es sich nicht nur um den Abbau selbst, sondern auch um die Verhüttung also das Abstrahieren des Rohstoffes aus der Erde, sowie die Aufbereitung des abgetragenen Bodens welcher die Edelmetalle enthält. Der Rohstoffabbau für die Kunststoffproduktion wird ebenfalls betrachtet. Dabei geht es um die Rohölgewinnung sowie dessen Transport und die Raffination in petrochemischen Prozessen. Die zweite Phase des Lebenszyklus ist die Produktion der Mobilgeräte. Dabei werden die Herstellungsprozesse der einzelnen Komponenten sowie der finale Zusammenbau der Mobiltelefone begutachtet. Zusätzlich fließen in diesen Punkt die Herstellung der Verpackung und alle nötigen Transportwege wie bspw. den Vertrieb mit ein. Die dritte Phase, die Nutzungsphase, schließt alle Tätigkeiten mit ein, die mit dem Telefon ausgeübt werden. Dazu gehören: Das Telefonieren, Nachrichten schreiben, mobiles Surfen im Internet, Videos und/oder Serien Streaming sowie das Spielen von Spielen. Ein weiterer relevanter Aspekt sind die Mobilfunkdienstleistungen. Hier sind sämtliche Serviceleistungen inbegriffen, die es möglich machen das Telefon auch zu benutzen, wie z. B. die Bereitstellung des Mobilfunknetzes sowie des mobilen Internets. Außerdem wird die Fahrt zum Geschäft oder die Lieferung des Gerätes nach Hause sowie etwaige Reparaturen mit einbezogen. Der letzte Schritt im Lebenszyklus stellt die Entsorgung dar. Die meisten Geräte enden häufig nicht - so wie in dem Diagramm dargestellt - in einem Recyclingprozess, sondern verschwinden in den Schubladen der Verbraucher. Laut einer Umfrage des Digital Verbandes BITKOM im März 2018 liegen derzeit rund 124 Millionen alte Mobiltelefone ungenutzt herum.30 Die Handys, die nicht in Schubladen landen, werden entweder in EU Recycling Anlagen aufbereitet oder in Schwellenländern unsachgemäß recycelt. Häufig landen die Handys aber auch einfach im Hausmüll.31

2.3.1. Rohstoffgewinnung

Die Rohstoffgewinnung für mobile Endgeräte ist energieintensiv. Wird der Lebenszyklus eines Mobiltelefons betrachtet, zeigt sich, dass während der Rohstoffgewinnung der höchste Ressourcenverbrauch stattfindet (47 %).32 Außerdem bringt der Ressourcenabbau Umweltschäden sowie viele soziale Missstände mit sich.33 In den folgenden Erläuterungen werden besonders die ökologischen Auswirkungen betrachtet und dargestellt. Nicht eingegangen wird auf den Ablauf und die einzelnen Prozessschritte der Rohstoffgewinnung, da dies zur Darstellung der ökologischen Auswirkungen nicht relevant ist.

Der Rohstoffabbau fordert erhebliche Eingriffe in die Natur, die wiederum Folgen für die biologische Vielfalt haben.34 Das Schema ,,Materialinput pro Serviceeinheit“ (MIPS) erlaubt es dem Betrachter zwar nachzuvollziehen, wie viel Natur für jeden einzelnen Bestandteil des Endproduktes bewegt wurde, und lässt eine grobe Einschätzung zu, wie aufwendig die Produktion des jeweiligen Produktes ist, jedoch lässt dieses Schema keinen Rückschluss auf die Umwelteinflüsse zu.

Aufgrund des Rohstoffabbaus entstehen zusätzliche Umweltbelastungen durch Emissionen von Schadstoffen in Wasser, Boden und Luft sowohl in den Minen als auch durch die Ablagerung von Bergbauabfällen.35 Im Prozess der Erzgewinnung werden eine Reihe an verschiedenen physikalischen und chemischen Prozessen durchlaufen. Fast immer werden dazu toxische Chemikalien eingesetzt, welche sich auf die Umwelt auswirken.36 Häufig werden hierfür Substanzen wie Quecksilber oder Zyanid eingesetzt, um das Erz aus der Erde zu trennen.37 Dies belastet wiederum die nicht nur das Ökosystem, sondern auch Arbeiter und die umliegende Bevölkerung, deren Lebensgrundlage und Gesundheit durch diese Umstände bedroht sind. Trinkwasser wird verschmutzt und ist folglich nicht trinkbar, Ackerböden werden unbrauchbar und zahlreiche chronische Krankheiten treten auf.38 Dies liegt nicht zuletzt auch daran, dass die Erzgewinnung zum Großteil in Ländern mit niedrigen Umweltauflagen erfolgt.39

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Die Umweltauswirkungen beim Bergbau

(Quelle: Dießenbacher nach Oertel 2002; Young 1992 aus Exner Kritische Metalle S.280)

2.3.2. Produktionsprozess

Die einzelnen Komponenten für ein Mobiltelefon werden auf der ganzen Welt abgebaut, hergestellt und schließlich in Länder mit niedrigen Löhnen importiert.40 Die Produktion von Mobiltelefonen wird deshalb in fast allen Fällen nach Asien verlagert. Dazu gehört auch die Produktion von Chips, Gehäusen, Akkus und Displays. Insgesamt kamen bereits 2010 etwa 50 % der Mobiltelefone aus China.41 Aktuellere Zahlen liegen leider nicht vor. Im Folgenden werden die ökologischen Auswirkungen dieser Produktionsstätten aufgezeigt und erläutert.

Produktionsstätten in Asien werden häufig mit Niedriglöhnen und schlechten Arbeitsbedingungen in Verbindung gebracht, jedoch hat die Produktion von mobilen Endgeräten auch einen großen Einfluss auf die Umwelt. Dazu gehört bspw. der Bau von riesigen Produktionsstandorten. Die Dimensionen der Fabriken und Produktionsgeländen steigen immer weiter an und zerstörten so beim Bau die Natur und damit den Lebensraum von Flora und Fauna.

Des Weiteren wird das umliegende Gebiet unmittelbar durch die bei der Produktion entstehenden Abgase verschmutzt und belastet. Der Smog ist in vielen Gebieten Asiens ein Problem und wird durch die immer weiter steigende Nachfrage und damit auch höheren Produktionszahlen weiter verschärft.42 Das lässt sich unter anderem auch auf die benötigte Menge an Energie zurückführen, die bei der Verarbeitung von Rohstoffen nötig ist. Besonders energieintensiv gestaltet sich die Herstellung von Mikrochips, welche in jedem mobilen Endgerät vorzufinden sind.43 Leiterplatten und Chips sind gemeinsam mit 40-50 % für die Umweltbelastungen in der Produktion verantwortlich.44 Dabei kommt zum CO2 Ausstoß noch der Ressourcenverbrauch sowie Abfall und Abwasser hinzu, welche bei der Produktion entstehen. Durch den Einsatz von Chemikalien und großen Mengen an Wasser trägt die Phase der Produktion deutlich zum ökologischen Rucksack bei. Das Abwasser sowie die eingesetzten Chemikalien stellen eine Gefahr für die Umwelt dar, weil häufig für eine sachgemäße Entsorgung nicht Sorge getragen wird. Zwar gibt es immer häufiger Berichterstattungen, in welchen nachzulesen ist, dass China seine Umweltauflagen verschärfen möchte, jedoch machen die Umweltschäden 8 bis 13 % des chinesischen Bruttoinlandsproduktes aus.45

Zuletzt darf auch die Belastung der Ökosysteme durch die langen Transportwege nicht vergessen werden. Die Herstellung von technischen Endgeräten ist ein globaler Prozess. Durch die weltweite Produktion von Rohstoffen - von der Einzelproduktion bis hin zur Zusammensetzung des Endgerätes - fallen hohe Emissionen durch die langen Transportwege an. Auch die Verpackung und das Verschiffen in die Verkaufsstätten dürfen nicht in Vergessenheit geraten.46 Dass die Produktionsstätten zumeist in Asien liegen, ist durch Kostensparmaßnahmen bedingt, da es durch steigende Löhne in verschiedenen Ländern günstiger ist, Produktion und Zusammensetzung der verschiedenen Artikeln Bestandteile geografisch zu trennen, anstatt alles an einem Ort herzustellen.47 Allerdings findet dieses Verfahren über die Technikbranche hinausgehend in vielen Branchen Anwendung.

2.3.3. Nutzungsphase

Die Nutzungsphase der mobilen Endgeräte fällt aus der ökologischen Perspektive nicht so sehr ins Gewicht. Dennoch ist nicht zu vergessen, dass auch die Nutzung mobiler Endgeräte ökologische Auswirkungen hat. Dabei stellt der Stromverbrauch den größten Faktor dar. Dieser sollte jedoch in den indirekten Stromverbrauch durch die Nutzung verschiedenen Dienste im Internet, welches 24 Stunden am Tag zur Verfügung gestellt wird, sowie dem direkten Stromverbrauch, bspw. beim Aufladen des Gerätes unterteilt werden.48 Durch jede Aktivität im Internet wird Strom verbraucht und dadurch zumeist auch CO2 produziert. So verbrauchen 100 Google Suchen 30 Watt Stunden und produzieren 20g CO2.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Energieverbrauch verschiedener Internetaktivitäten

(Quelle: Fischer M: Green IT & Schule Mit ICT Umwelt und Ressourcen schonen. educa.ch, Bern 2013)

Hinzu kommt der Stromverbrauch des Gerätes selbst. Die Häufigkeit des Aufladens hängt dabei komplett vom Nutzungsverhalten ab. Bspw. verbraucht ein Ladegerät, welches nach dem Aufladen nicht gezogen wird, weiterhin Strom.49 Generell ist festzuhalten: Je größer und besser ausgestattet die Geräte, desto mehr Strom wird letztendlich verbraucht.50 Damit zusammenhängend ist zu erwähnen, dass die Stromgewinnung eine große Belastung für die Umwelt darstellt, sofern dieser nicht aus erneuerbaren Energien gewonnen wird. Darauf genau einzugehen, würde zu weit führen. Dennoch sollen die hohen CO2 Werte durch den Braunkohleabbau und Kohlekraftwerke, sowie radioaktive Strahlungen von Atommüll und die davon ausgehenden großen umweltlichen Belastungen nicht unbenannt bleiben.

Ein weitaus größeres Problem, welches erst in der Nutzungsphase auftritt, ist die Wartung und Reparatur der Geräte. Hersteller verbauen immer wieder sogenannte Sollbruchstellen oder wichtige Einzelteile im Gerät so, dass sie nur unter sehr hohem Aufwand zugänglich sind. Ist ein Austausch eines Bestandteils notwendig, wird dieser Prozess dadurch erschwert, dass zumeist die benötigten Ersatzteile nur für eine kurze Zeit produziert und erhältlich sind. In vielen mobilen Geräten sind wichtige Teile wie der Akku teilweise sogar fest verbaut. U.a. auch im MacBook Pro von Apple (2016). In dem zunächst hochwertig erscheinenden Produkt, wurden viele Hardware-Komponenten fest verbaut, verlötet oder verklebt, was eine anstehende Reparatur erschweren!51 Ähnliches ist auch über das Surface Pro 6 Tablet von Windows zu lesen.52 Reparaturen sind aufgrund dieser Produktdesigns häufig Zeitintensiv und kostspielig. Aufgrund dessen werden mobile Endgeräte häufig neu gekauft, anstatt den aufwändig und hochpreisigen Prozess einer Reparatur zu durchlaufen.53 Unterstützt wird dies auch durch den Konsumdruck, welcher durch immer wieder neue und weiterentwickelte Geräte auf die Verbraucher einwirkt.

2.3.4. Entsorgung

Die Entsorgung von alten oder kaputten digitalen Endgeräten findet zumeist nicht statt. Ein Wertstoffkreislauf, in welchem mobile Endgeräte zentral gesammelt werden und die enthaltenen Materialien extrahiert und wiederverwertet werden, ist momentan ein herbeigesehnter Idealzustand. In deutschen Haushalten liegen rund 124 Millionen alte Mobiltelefone ungenutzt herum, fast 80 % der Deutschen ab 14 Jahren haben mindestens ein unbenutztes Handy oder Smartphone zu Hause.54 Ein ähnliches Bild zeichnet sich bei Laptops ab. Gut 20 Millionen ungenutzte, kaputte oder alte Geräte befinden sich in deutschen Haushalten. Fast jeder dritte Deutsche hat zu Hause einen alten PC oder ein altes Notebook.55 Mit diesem Verhalten ist eine geschlossene Wertschöpfungskette kaum denkbar. Dies ist besonders deswegen interessant, da diese Geräte die bereits oben aufgeführten Metalle und seltenen Erden enthalten, welche dazu beitragen können, neue Geräte herzustellen. Die Goldkonzentration aus gebrauchten Handys ist 50 mal so hoch wie das Golderz aus einer Mine.56 Allein in Deutschland gehen jährlich 400 Kilogramm Gold durch die illegale Entsorgung von Mobiltelefonen über den Hausmüll verloren.57 In dieser Statistik sind Laptops oder Tablets und alle sonstigen mobilen Endgeräte nicht mit erfasst. Dabei stecken in diesen Geräten sogar noch mehr Sekundärrohstoffe als in Smartphones.58

Zwar ist 2016 ein Gesetz in Kraft getreten, welches besagt, dass alle Elektrohändler mit einer Verkaufsfläche von über 400 m2 alte Elektrogeräte kostenlos zurücknehmen und recyceln müssen, ebenso wie Online-Händler mit einer entsprechenden Lagerfläche.59 Dennoch wird davon nur selten Gebrauch gemacht. Laut einer Umfrage des Digital Verbandes BITKOM haben nur 11 Prozent derjenigen, die sich schon einmal von einem Mobiltelefon getrennt haben, ihr Mobiltelefon zu einem Händler gebracht.60 An diesem Verhalten wird deutlich, wie bewusst die Bürgerinnen und Bürger mit dem von ihnen produzierten Elektroschrott umgehen. Es wäre denkbar, dass sich dieses Verhalten auch auf das Recycling von Laptops oder Tablets übertragen lässt, auch wenn es hierfür keine Zahlen gibt.

Wo aber landen die restlichen Geräte, die nicht in den Müll geworfen, in Schubladen liegen oder legal recycelt werden? Sie werden häufig in Entwicklungsländer transportiert, wo sie teilweise als Gebrauchtgeräte verwendet oder recycelt werden,61 obwohl es gesetzliche Regelungen und Exportverbote gibt.

Dort werden sie entweder als Second-Hand-Ware verkauft oder auf Deponien recycelt und dann entsorgt.62 Das Geschäft ist lukrativ; der Wert der aus Deutschland exportierten Ware wird auf neun Millionen Euro geschätzt.63

Das Problem dieser Exporte ist jedoch, dass die Länder, in die exportiert wird geringe Umweltauflagen haben. Dies wirkt sich auf die Verarbeitung und den Recyclingprozess aus. Eines der wohl bekanntesten Beispiele ist der Elektroschrott-Deponie in dem Stadtteil Agbogbloshie der Hauptstadt Accras in Ghana. In Ghana gibt es kein Recyclingsystem und keine Regelungen der Regierung, die das Elektroschrott-Recycling regulieren, definieren oder verbieten.64 Diese Situation bietet den Menschen in der Umgebung die Möglichkeit Geld zu verdienen. Dabei gibt es kaum Arbeitswerkzeuge oder Schutzvorrichtungen. Arbeiter zerbrechen Geräte mit ihren Händen in Einzelteile, um diese dann in Flammen von Feuerzeugen zu halten.65 Durch den entstehenden Geruch können die Einzelteile eingeordnet und sortiert werden. Anschließend wird je nach Kategorie anders vorgegangen. Kabel, die mit Plastik ummantelt sind, werden auf offenem Feuer verbrannt um an das Kupfer in ihnen zu gelangen.66 Das Gleiche passiert mit anderen Einzelteilen, die Kupfer oder andere wertvolle Metalle enthalten. Um die Flammen anzuheizen, werden Schaumstücke aus alten Kühlschränken benutzt, welche wiederum das extrem klimaschädliche Gas FCKW absondern.67 Außerdem setzt das Verbrennen, neben CO2, auch Stoffe wie Blei frei, welche in Luft, Boden oder Wasser gelangen. Alle Metalle können jedoch nicht durch Verbrennen zurückgewonnen werden. So werden kleine Goldmengen zum Beispiel durch das Eintauchen in Säurebäder herausgelöst. Am Ende des Prozesses werden die übrigen Stoffe, mitsamt Säure in Flüsse oder Seen gegossen und vergiften so das Grundwasser und die umliegende Umwelt. Durch die sehr einfachen Mittel und Methoden im Recyclingprozess, werden aber längst nicht alle Metalle zurückgewonnen und lagern sich somit in Luft, Boden, Wasser und ultimativ auch in Tieren und Menschen an.

[...]


1 Vgl. Lexikon der Nachhaltigkeit

2 Vgl. Umsatz mit Fairtrade-Produkten in Deutschland bis 2017

3 Vgl. Umsatz mit Fairtrade-Produkten weltweit bis 2017

4 Vgl. ebd

5 Vgl. Humbsch S.15

6 Vgl. Kultusministerkonferenz 2012

7 ebd. S.4

8 Vgl. Voge A. (2015): Rohstoffe aus dem Globalen Süden.

9 MIPS = Materialinput pro Serviceeinheit

10 Vgl. Schmidt-Bleek 2004 S.22

11 Schmidt-Bleek 2004 S. 23

12 Vgl. Welfens Factsheet Nr. 3 S.1

13 Vgl. ebd. S.2

14 Vgl. ebd.

15 Ebd.

16 Schmidt-Bleek 2007 S. 52

17 Vgl. Schmidt-Bleek 2009 S. 44

18 Vgl. Schmidt-Bleek 2004 S.23

19 Vgl. Deutsche Umwelthilfe 2011

20 Vgl. Welfens Factsheet Nr.3 S.3

21 Vgl. Deutsche Umwelthilfe e.V.: Altes Handy - zu schade für den Müll!

22 Vgl. Exner S.276

23 Ebd.

24 Vgl. Welfens Factsheet Nr. 10 S.1

25 Vgl. Welcher Rohstoff steckt in welchem Bauteil? - Verbraucherzentrale NRW

26 Vgl. Welfens Factsheet Nr. 3 S.4

27 Vgl. Exner S.274

28 Vgl. Welfens Factsheet Nr. 3 S.3

29 Vgl. Humbsch S.15

30 Vgl. 124 Millionen Alt-Handys liegen ungenutzt herum

31 Vgl. Welfens Factsheet Nr. 3 S.5

32 Vgl. Welfens Factsheet Nr. 4 S.3

33 Vgl. Exner S. 279

34 Vgl. Exner S. 22

35 Vgl. ebd.

36 Vgl. ebd S. 280

37 Vgl. Nordmann et al. S. 67

38 Vgl. Welfens Factsheet 5 S.1

39 Vgl. ebd

40 Vgl. Hagemann S.33

41 Vgl. Nordmann et al. S.73

42 Vgl. Grüter S.64

43 Vgl. Welfens Factsheet Nr.6 S.3

44 Vgl. Nordmann et al. S. 72

45 Vgl. Chinas Probleme, Chinas Potentiale, WWF

46 Vgl. Nordmann et al. S.72

47 Vgl. Denker, Ökobilanz von Handy und Co.

48 Vgl. Nordmann et al. S. 94

49 Vgl. Nordmann et al. S. 94

50 Vgl. Fischer S. 19

51 Vgl. Becker, iFixit: 2016er MacBook Pro mit Touch Bar praktisch nicht zu reparieren

52 Vgl. Microsoft Surface Laptop 2 ist unmöglich zu reparieren

53 Vgl. Hagemann S.54

54 Vgl. 124 Millionen Alt-Handys liegen ungenutzt herum BITKOM

55 Vgl. 20 Millionen alte Computer in deutschen Haushalten BITKOM

56 Vgl. Elektroaltgeräte Umweltbundesamt

57 Vgl. Alte Handys und PCs - zu wertvoll für die Tonne Germanwatch

58 Vgl. Exner S.278

59 Vgl. Alte Handys und PCs - zu wertvoll für die Tonne Germanwatch

60 Vgl. 124 Millionen Alt-Handys liegen ungenutzt herum BITKOM

61 Vgl. Ottaviani Expedition ÜberMorgen: Die Elektroschrott-Republik

62 Vgl. Hagemann S.58

63 Vgl. ebd. S.59

64 Vgl. ebd. S.61

65 Vgl. ebd. S.59

66 Vgl. ebd. S.59

67 Vgl. ebd. S.60

Ende der Leseprobe aus 91 Seiten

Details

Titel
Mobile Learning und Nachhaltigkeit. Eine kritische Betrachtung der digitalen Entwicklung in deutschen Schulen
Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
91
Katalognummer
V501996
ISBN (eBook)
9783346072610
ISBN (Buch)
9783346072627
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nachhaltigkeit, Digitalisierung, Schule, Mobile Learning, Digital Learning, Ressourcen, digitale Entwicklung, Ökologie
Arbeit zitieren
Lena Höster (Autor), 2019, Mobile Learning und Nachhaltigkeit. Eine kritische Betrachtung der digitalen Entwicklung in deutschen Schulen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/501996

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