Inwiefern übernimmt weil tatsächlich die Funktion von denn?

Funktionen und Unterschiede von weil (Verb-Zweitstellung) und weil (Verb-Letztstellung)


Hausarbeit, 2013
13 Seiten, Note: 1,0
Barbara Lampert (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wegeners These: Die Funktionsübernahme von denn durch weil
2.1 Diachrone Betrachtung von weil und denn

3. Unterschiede zwischen weil -VL und weil -V2
3.1 Syntax
3.2 Informationsstruktur
3.3 Prosodie
3.4 Sprechakt

4. Funktionen von weil -VL und weil -V2
4.1 Faktische Leseart
4.2 Epistemische Leseart
4.3 Sprechaktbezogene Leseart

5. Austauschbarkeit von weil -VL und weil -V2

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

In der gesprochenen Sprache wird zunehmend eine unübliche Konstruktion der Verbstellung in subordinierenden Kausalsätzen sichtbar. Weil ist eine Subjunktion, die untergeordnete Kausalsätze einleitet und in der Regel eine Verb-Letztstellung (fortan: VL) fordert. Wie kommt es nun dazu, dass sich in der gesprochenen Sprache immer häufiger eine Verb-Zweitstellung (fortan: V2) aufweisen lässt? „Er ist nach Hause gegangen, weil ich sehe sein Auto nicht mehr.“ (Keller 1993: 224) oder „Gib mir mal bitte das Buch, weil du stehst grad am Regal“ (Wegener 1999: 19). Beispiele dieser Art lassen sich auffallend häufig finden. Doch was bedeutet diese Zunahme von weil -VL zu weil -V2? Schwindet etwa die Nebensatzsyntax in kausalen Relationen? Der Sprachwissenschaftler Christoph Küper (1991: 134 aus Wegener 1999: 5) spricht hier von einer „dramatischen Umbruchstimmung“, die seiner Meinung nach offenbar schwerwiegende Folgen mit sich trage. Heide Wegener hingegen postuliert für eine andere These. Sie veranschaulicht in ihrer 2000 erschienenen Arbeit „ Da, denn und weil – der Kampf der Konjunktionen. Zur Grammatikalisierung im kausalen Bereich“, drei Hypothesen, die momentan in den Sprachwissenschaften aufgeführt werden, um eine Erklärung für die zunehmende weil -V2 zu liefern.

1) Es handelt sich um einen lexikalischen Wandel: Einer semantischen Veränderung der Konjunktion weil.
2) Es handelt sich um einen syntaktischen Wandel: Einer Zunahme der Hauptsatzsyntax in Kausalsätzen.
3) Es handelt sich um einen lexikalischen Wandel: Einer geänderten Gebrauchsbedingung von weil, das die Funktion von denn übernimmt.

Wegener (2000: 1) widerlegt sowohl These 1) als auch 2) und postuliert für die letzte These, dass weil zunehmend denn verdrängt und somit die Funktion dessen übernimmt. In dieser Arbeit soll die Auslegung Wegeners kurz kritisch beleuchtet werden und untersucht werden, ob der Ursprung der zunehmenden weil -V2-Konstruktion tatsächlich in der Verdrängungen von denn besteht. Ebenso sollen Argumente für die 1) These geliefert werden, dass weil zwar ebenso einen lexikalischen Wandel erfährt, dieser sich aber auch im Bereich der Semantik widerspiegelt und weil -V2 tatsächlich neue Funktionen ausbildet, die sich gegenüber denen von weil -VL unterscheiden. Dafür werden Funktionsunterschiede von weil -VL und weil -V2 verdeutlicht. Daraufhin soll folgender Vorschlag deutlich gemacht werden: Je leichter eine kausale Relation rekonstruierbar ist, desto häufiger tritt weil -VL auf, bei schwer rekonstruierbaren Kausalsätzen wird zunehmend weil -V2 verwendet, um die kausale Beziehung zweier Teilsätze zu verdeutlichen, da weil eine eindeutigere kausale Funktion erfüllt, als seine Partner denn und da. Die These 2) soll in dieser Arbeit weitestgehend unberücksichtigt bleiben.

2. Wegeners These: Die Funktionsübernahme von denn durch weil

Wegener (1999) vertritt im Allgemeinen 2 Thesen.

1) Weil verdrängt denn, somit sind sie funktionsidentisch.
2) Weil -V2 leistet nichts, was nicht auch denn -Sätze leisten.

Wegener behauptet also, weil verdrängt denn und übernimmt seine Funktion, Parataxe einzuleiten. Dabei stellt Wegener (1999: 8f.) anhand eigener Untersuchungen heraus, dass die denn -Sätze norddeutscher Sprecher funktionsidentisch mit den weil -Sätzen süddeutscher Sprecher sind und zieht daraus den Schluss, dass sich weil -V2 keineswegs auf den Kosten von weil -VL ausbreitet, sondern auf den Kosten von denn. Somit habe sich nicht die Syntax geändert, sondern nur der Konnektor Wegener (1999: 9). Die Frage, die sich auf Wegeners These daraufhin aufbaut ist, weshalb sich Sprecher also zunehmend für die weil -V2 entscheiden, gegenüber dem üblichen Gebrauch von denn. Was genau zeichne nun weil vor denn aus? Vorerst geht Wegener (2000: 4f.) davon aus, weil sei weniger diffus und habe eine eindeutige kausale Rolle, welche sie gegenüber der beiden anderen Kausalkonjunktionen denn und da auszeichnet. Denn käme beispielsweise neben seiner kausalen Funktion auch als Modalpartikel und Adverb vor. Sie begründet die Zunahme der Verwendung von weil gegenüber von denn in der Präferenz der Sprecher für weil als ein Streben nach Eindeutigkeit. Allerdings lassen sich auch noch vereinzelt Belege für die alte temporale Bedeutung von weil auffinden, sodass weil keineswegs eine völlig eindeutige kausale Funktion ausweise.

(1) Geh du zur Post, ich geh derweil zum Bäcker (Wegener 2000: 6).

Eindeutigkeit könne demnach kein Kriterium für die Übernahme von denn durch weil -V2 sein. Die zweite These Wegeners lautet: Weil -V2-Sätze leisten nichts, was nicht auch denn -Sätze leisten können. Dafür untersucht Wegener (1999: 14) weil -V2-Sätze, die einen epistemischen und sprechaktbezogenen Gebrauch anzeigen und führt Beispiele auf, in denen dieselbe kausale Äußerungsbeziehung, jedoch mit einem denn -Satz, angezeigt wird. In der Tat lassen sich Beispiele finden, in denen denn dasselbe ausdrückt wie die weil -V2-Sätze. Wie später deutlich gemacht werden soll, kommen weil -V2 äußerungsverknüpfende Funktionen zu, welche denn -Sätze durch ihre V2 ohnehin leisten (Miyashita 2001: 19), sodass Wegeners These plausibel erscheint.1 Nehmen wir also an, weil übernimmt tatsächlich die neuen Funktionen von denn, so kommen weil offenbar auch diese neuen äußerungsbezogenen Funktionen zu, d.h. in Abhängigkeit des Verdrängungsprozesses von denn erfährt weil neue Verwendungsbereiche, die es ursprünglich, als es noch in seiner alten Form in der VL blieb, nicht hatte. Worin liegt nun jedoch der Grund für die Sprecher, weil -V2 vorzuziehen?

2.1 Diachrone Betrachtung von weil und denn

Wegener (2000: 7ff.) untersucht hierauf weil und denn unter diachronen Gesichtspunkten, um eine Lösung für die Präferenz der Sprecher für weil -V2 herauszufinden. Im Mhd. haben sich kausale Haupt- und Nebensätze nur nach der Verbstellung, nicht aber nach dem Konnektor unterschieden. Weil hatte jedoch einen syntaktischen Vorteil. Es stamme von der temporalen Adverbialphrase diu wile daz ab und durch die subordinierende Konjunktion daz forderte es eine VL. Die indogermanische Wurzel von denn sei *to und trage keine subordinierende Konjunktion bei sich und verlange somit nicht nach einer VL. Nun konnte weil, auf Kosten der Ökonomie, eine differenzierende Funktion ausbilden2, die es ermöglichte, neben denn zu treten. Wäre weil von Anfang an mit einer V2 konstruiert worden, hätte dies zu einer Entwicklung zweier funktionsgleicher Konjunktionen geführt, beide hätten Parataxe eingeleitet. Dies sei jedoch dysfunktional und verliefe entgegen dem Verständnis von Sprachwandel als Optimierung. Erst allmählich fand aufgrund eines alltagslogischen Fehlschlusses die Interpretation ihrer temporalen Bedeutung über in eine kausale Funktion. Dieser Übergang brachte jedoch noch weitere mögliche Implikationen mit sich. Weil konnte nicht nur kausal und temporal verwendet werden, sondern ebenso auch adversativ und konnte durch folgende Konjunktionen ersetzt werden: als, indem, während, obwohl, nachdem, wenn.

(2) a. als: In der Zeit, dieweil die Polen vor Braunschweig lagen (Arndt 1959: 398).
b. wenn: Die...Lieder sollen nur gelten, weil der Tag 12 Stunden lang ist (ebd.).
c. temporales während: Weyl die paten das Kind noch hallten in der Tauffe, sol yhm der Priester die Hauben aufsetzen (Luther XII, 46; Behaghel 1928: 340).
d. adversatives während: Weil nämlich die Alten zuleich konnten, so bleiben die Neuern noch bei der Sprache ihrer Vorgänger (Gottsched) (alles aus Wegener 2000: 8).

In der diachronen Betrachtungsweise wird also deutlich, dass weil zuvor auch keine klare Eindeutigkeit in seiner Funktion aufwies. Dies stelle jedoch nicht einen Nachteil, sondern ganz im Gegenteil ein Vorteil für weil heraus, wie Arndt (1959: 406; Wegener 2000: 8) verdeutlicht. Gerade die temporale Bedeutung erlaube es, „ein abstrakt-begriffliches Kausalverhältnis im anschaulich- faßbaren Bilde eines zeitlichen Zueinanders einzufangen.“ (Ebd.). Demnach müsste die Zunahme der weil -V2, sofern der These 1) Recht gegeben wird, erklären, weshalb ihr Auftreten so populär ist. Durch die V2 ist es möglich, neue Bedeutungen und Äußerungen in einem kausalen Verhältnis zu veranschaulichen, die zuvor nicht möglich waren.

Nun behauptet Wegener (2000: 3) jedoch, dass die neuartigen Funktionen von weil nicht Vorteile von weil-V2 sind, sondern Vorteile von denn und weil diese lediglich übernimmt und daraufhin

verdrängt. Indem Sprecher zunehmend weil -V2 verwenden vermeiden diese Skopusambiguitäten3, und nutzen den Vorteil, Nicht-Subjekte an die Satzspitze zu stellen. Dies erkläre jedoch noch nicht, weshalb Sprecher eher zu weil tendieren. Die Vorteile, die sich mit weil -V2 ergeben seinen nicht Vorteile von weil -V2, sondern Vorteile der Hauptsatzsyntax. Diese stehe dem Sprecher ohnehin mit denn zur Verfügung. Letztlich führt Wegener (2000: 10) die Ökonomie als Grund auf. „Mit der Konzentration auf nur eine Konjunktion reduziert die gesprochene Sprache den Aufwand.“ (Ebd.). Die Frage, die Wegener zu beantworten hatte war: Weshalb bevorzugen Sprecher weil vor denn? Allerdings gelingt es Wegener nicht, diese Frage hinreichend zu beantworten. Viel mehr noch, es scheint, als wäre Wegener Argumentation hinsichtlich der Ausbreitung von weil -V2 auf denn, zirkulär. Weshalb sollte nun ein rückläufiger Sprachprozess entstehen, wenn zuvor ein Prozess entstand, um gerade nebengeordnete und subordinierende Kausalsätze eindeutig zu markieren. Nun nimmt eine einzige Konjunktion die differenzierenden Funktionen anderer Konjunktionen an. Dies wäre ebenso dysfunktional und verliefe, wie Wegener selbst äußerte, entgegen dem Verständnis von Sprachwandelprozessen. Die Präferenz der Sprecher zu weil zu tendieren, ließe sich nach Wegener (2000: 11) demnach nicht zwingend erklären, da sie Eindeutigkeit als Kriterium ausschließt. “Wenn auch der Sieg der Konjunktion weil über denn und da nicht zwingend erklärt, d.h. nicht als notwendig nachgewiesen werden kann, was, da es sich um lexikalischen Wandel handelt, nicht verwunderlich ist, so ist das Ersetzen von mehreren Konjunktionen durch eine [...] durchaus erklärbar. [Es folgt dem Prozess des] 'Streben[s] des Menschen nach Optimierung'.“ (Wegener 2000: 11). Der „Prozess des Strebens des Menschen nach Optimierung“ steht allerdings im Gegensatz dazu, dass die eindeutigste Kausalkonjunktion weil ebenso als Diskursmarker desemantisiert wird und keineswegs mehr die Funktion erfülle, Teilsätze kausal zu verknüpfen, sondern als Einleitung zusätzlicher Informationen diene. (Szczepaniak 2011: 182). Die einzige Erklärung ließe sich darin finden, dass die Konzentration auf nur eine Konjunktion den Aufwand der gesprochenen Sprache reduziert. Eroms (1998: 127) verdeutlicht, weil werde in der gesprochenen Sprache dann verwendet, wenn eigentlich denn zu erwarten wäre und erklärt dies mit dem sprechsprachlichen Phänomen der sprachlichen Redundanz. „Die gesprochene Sprache ist direkter, kürzer und ökonomischer und baut Redundanzen ab.“ (Ebd.). Deswegen orientiere sich die gesprochene Sprache an der Ökonomie.

Momentan bestehen jedoch zwei weil -Konstruktionen und die entscheidende Frage ist, ob die Koexistenz der neuen weil -Konstruktion überhaupt legitim ist. Dafür muss eine Untersuchung innerhalb der weil -Konstruktionen selbst erfolgen.

3.Unterschiede zwischenweil-VL undweil-V2

Grundsätzlich wird die weil -Konstruktion mit V2 immer noch als falsch verstanden, obwohl viele sie bereits im alltäglichen Sprachgebrauch verwenden. Einige Sprachwissenschaftler (z.B. Miyashita 2001: 3) behaupten jedoch, dass es für ihre Koexistenz durchaus Gründe gibt und sie allein deswegen schon nicht als falsch, sondern allenfalls als noch neu und unbekannt betrachtet werden kann. Um diese These zu vertreten ist es notwendig, die beiden weil -Konstruktionen miteinander zu vergleichen und sie auf ihre möglichen Unterschiede zu untersuchen. Miyashita (2001: 4) weist darauf hin, dass es Unterschiede in der syntaktischen, infomationsstrukturellen, prosodischen und illokutionären Ebene gibt.

[...]


1 Ferner kritisiert Wegener (1999: 12), dass nur die Zunahme der weil -V2-Sätze wahrgenommen wurde, die gleichzeitige Abnahme der denn -Sätze allerdings unberücksichtigt blieb.

2 Der Grund liege dafür zugleich darin, Disambiguierung zu vermeiden. (z.B. Wolf 1981: 200ff.; Wegener 2000: 9).

3 'Erst ist nicht nach Hause gefahren, weil er Kopfweh hatte' vs.' Er ist nicht nach Hause gefahren, weil er hatte Kopfweh.' Je nach Intonation ist der Satz mit weil-VL ambig, der weil-V2-Satz hingegen nicht (Wegener 1999: 5).

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Inwiefern übernimmt weil tatsächlich die Funktion von denn?
Untertitel
Funktionen und Unterschiede von weil (Verb-Zweitstellung) und weil (Verb-Letztstellung)
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
13
Katalognummer
V502101
ISBN (eBook)
9783346029898
Sprache
Deutsch
Schlagworte
weil, denn, Konjunktion, Sprachwandel, V2, VL, Verbletztsstellung
Arbeit zitieren
Barbara Lampert (Autor), 2013, Inwiefern übernimmt weil tatsächlich die Funktion von denn?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/502101

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