Zur Inszenierung des Traumas. Eine Untersuchung zu Jurek Beckers "Bronsteins Kinder" und Thomas Bernards "Heldenplatz"


Masterarbeit, 2018

161 Seiten, Note: 15


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

WIDMUNG

VORWORT

RESUME

ABSTRACT

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Einleitung

TEIL A: TRAUMA UND LITERATUR: ZUR FUNKTION EINER VERGANGENHEITSBEARBEITUNG IN DER ZEITGENÖSSISCHEN WELT

KAPITEL 1: DAS TRAUMA IM VERHÄLTNIS ZUR ERINNERUNGSARBEIT UND ZUR IDENTITÄTSSTIFTUNG
1.1. Vom Wesen des Traumas
1.1.1. Trauma: Zur Begriffsbestimmung
1.1.2. Die Formen des Traumas
1.1.2.1. Das individuelle Trauma
1.1.2.2. Das kollektive Trauma
1.1.2.3. Das kulturelle Trauma
1.1.3. Zu den Symptomen vom Trauma
1.2. Der Trauma-Begriff in der Gedächtnisforschung
1.2.1. Trauma und Erinnerung
Exkurs: Zur „kalten“ und „heißen“ Erinnerung
1.2.2. Trauma und Identität
1.2.3. Trauma und Geschichte
1.3. Von der Notwendigkeit der Vergangenheit

KAPITEL 2:ZUM LEISTUNGSVERMÖGEN DER LITERATUR IM PROZESS DER GESCHICHTSVERARBEITUNG UND GEDÄCHTNISBILDUNG
2.1. Literatur als Verarbeitungsmedium der Geschichte
2.1.1. Literatur als Ort der Geschichtsinszenierung
2.1.2. Literatur als Bewahrungsmedium der Geschichte
2.2. Zum Begriff „Gedächtnis“: ein neuer Forschungsrahmen?
2.2.1. Zur Begriffsbestimmung
2.2.2. Das kommunikative und das kulturelle Gedächtnis
2.2.2.1. Das kommunikative Gedächtnis
2.2.2.2. Das kulturelle Gedächtnis
2.3. Literatur als Medium des Gedächtnisses
2.3.1. Kulturelle und kollektive Texte
2.3.2. Zum Mythos in der Literatur

TEIL B: TRAUMA-INSZENIERUNG ALS WEG ZUR GEDÄCHTNISBILDUNG UND ZUM GESCHICHTSBEWUSSTSEIN

KAPITEL 3: DIE HOLOCAUSTLITERATUR: ZUM SCHREIBEN IM KONTEXT DER ERINNERUNG
3.1. Bronsteins Kinder von Jurek Becker
3.1.1. Zum Autor und dessen Werk
3.1.1.1. Zum Autor Jurek Becker
3.1.1.2. Zum Text „Bronsteins Kinder“
3.1.1.2.1. Zur Handlung im Werk
3.1.1.2.2. Zur Figurendarstellung
3.1.1.2.2.1. Hans
3.1.1.2.2.2. Arno
3.1.1.2.2.3. Gordon Kwart und Rotstein
3.1.1.2.2.4. Arnold Heppner
3.1.1.2.2.5. Elle
3.1.1.2.2.6. Hugo, Rahel und Martha Lepschitz
3.1.2. Jurek Becker und die Familienvergangenheitsverarbeitung
3.1.2.1. Hans und die Familienvergangenheit
3.1.2.2. Hans und die Identitätssuche
3.1.2.3. Hans: zur Erzählung nach der Erinnerung
3.1.3. Zur Analyse des Makrouniversums im Werk
3.1.3.1. Das Häuschen
3.1.3.2. Die Heilklinik
3.1.3.3. Das Filmprojekt
3.2. Heldenplatz von Thomas Bernhard
3.2.1. Zum Autor und dessen Werk
3.2.1.1. Zum Autor Thomas Bernhard
3.2.1.2. Zum Werk Heldenplatz
3.2.1.2.1. Heldenplatz als Postdramatisches Theater
3.2.1.2.1.1. Die formalen Eigenarten des Werkes
3.2.1.2.1.2. Die Ritualisierung in Bernhards Werk
3.2.1.3. Zur Handlung im Werk
3.2.2. Figuren und Figurenkonstellation
3.2.2.1. Zur Figurencharakterisierung
3.2.2.1.1. Josef Schuster
3.2.2.1.2. Robert Schuster
3.2.2.1.3. Hedwig Schuster
3.2.2.1.4. Frau Zittel
3.2.2.1.5. Anna und Olga
3.2.2.2. Zur Figurenkonstellation
3.2.3. Thomas Bernhard und die österreichische Gesellschaftskritik
3.2.3.1. Das Gedenkjahr 1988 in Österreich
3.2.3.2. Die Dekonstruktion des sogenannten Opfermythos
3.2.3.3. Die Fortsetzung von faschistischen Gedanken in der österreichischen Gesellschaft

KAPITEL 4: DIE INSZENIERUNG DES TRAUMAS IN JUREK BECKERS UND THOMAS BERNHARDS KUNSTWERKEN
4.1. Trauma-Inszenierung in Beckers Bronsteins Kinder
4.1.1. Die Auslösung des Traumas von Figuren
4.1.2. Die Inszenierung vom Trauma im Werk
4.1.2.1. Arno und Hans: eine fehlende Kommunikation zwischen Generationen
4.1.2.1.1. Arno und die Wunden der Nazizeit
4.1.2.1.2. Die fehlende Kommunikation zwischen Arno und Hans
4.1.2.1.3. Zur Aggressivität ehemaliger Opfer
4.1.2.1.4. Elles Geisteskrankheit
4.2. Trauma-Inszenierung in Bernhards Heldenplatz
4.2.1. Die Auslösung vom Trauma der Figuren im Drama
4.2.1.1. Die Einrichtung einer Wohnung neben Heldenplatz
4.2.1.2. Die Beständigkeit des Judenhasses in Wien
4.2.2. Zur Inszenierung des Traumas im Stück
4.2.2.1. Selbstmord als Antwort auf den gesellschaftlichen Druck
4.2.2.2. Die Halluzinationen und das Nicht-Vergessen-Können
4.2.2.3. Robert Schuster und die Verwundbarkeit

KAPITEL 5: ZUR ZWECKBESTIMMTHEIT DER TRAUMA-INSZENIERUNG IN DEN KUNSTWERKEN
5. 1. Trauma-Inszenierung im Kontext der Gedächtnisbildung Exkurs: Geschichte, Gedächtnis und Identität
5.1.1. Bronsteins Kinder und Heldenplatz: kulturelle und kollektive Texte
5.1.1.1. Zum jüdischen Bewusstsein in den Werken
5.1.1.1.1. Diskriminierung und Ausgeschlossenheit
5.1.1.1.2. Verfolgung und Vernichtung
5.1.1.1.3. Angst und Flucht
5.1.1.2. Zur Aufklärung eines Vergangenheitsstücks in der jeweiligen Gesellschaft
5.1.2. Zu mythischen Erzählungen in beiden Kunstwerken
5.1.3. Zu Erinnerungsorten in den Kunstwerken
5.2. Trauma-Inszenierung im Kontext des Geschichtsbewusstseins
5.2.1. Beckers und Bernhards Literatur als soziales Engagement
5.2.1.1. Jurek Beckers Auseinandersetzung mit der DDR-Gesellschaft
5.2.1.2. Thomas Bernhards Kritik der österreichischen Gesellschaft
5.2.2. Wege nach einer richtigen Vergangenheitsbewältigung
5.2.2.1. Nationalsozialismus: eine noch zu bewältigende Vergangenheit?
5.2.2.2. Zur Sonderstellung von „heißen“ Gesellschaften

Schlussbemerkungen

Literaturverzeichnis

VORWORT

Im Rahmen einer Lehrveranstaltung im dritten Jahrgang an der Universität Yaoundé I habe ich mich bei einem Referat für das erste Mal mit dem Text Heldenplatz von Thomas Bernhard vertraut gemacht. Daher wurde ich besonders durch den kritischen Umgang des Autors mit seiner Heimat einesteils und die Verhaltensweisen von Figuren, die mit dieser Satire einhergehen, andernteils beeindruckt. Bei der näheren Beschäftigung mit dem traumatischen Zustand von Figuren in diesem Theaterstück habe ich ebenfalls den Roman Bronsteins Kinder von Jurek Becker kennengelernt. Dass die Autoren mit ihren Kunstwerken eine Erinnerungsarbeit geleistet haben, die durch die Inszenierung vom Trauma auf die Bildung eines kollektiven Gedächtnisses und eines echten Geschichtsbewusstseins für die nationale Identität und Einheit in der zeitgenössischen Gesellschaft abzielt, entsprach meinem eigenen Hang zur Gedächtnisforschung. Genau deshalb fasste ich den Entschluss, die Zweckbestimmtheit der Trauma-Inszenierung im Zusammenhang mit der Vergangenheitsverarbeitung in diesen Kunstwerken im Rahmen meiner Masterarbeit zu erforschen.

Bei dem Verfassen der vorliegenden Arbeit bin ich auf bestimmte Schwierigkeiten gestoßen. Mit meiner Versetzung in einem entfernten Ort war ich überwiegend mit Problemen des Internetanschlusses und des Stromausfalls konfrontiert. Daher war es nicht leicht, die einschlägige Fachliteratur zu meinem Thema in der Hand zu haben. Außerdem hatte ich methodische Probleme und ich sollte mich auch akribisch mit der Bewertung und Auswertung von Literatur beschäftigen. Glücklicherweise habe ich diese Arbeit mit dem erheblichen Beistand vieler Personen zustande gebracht, denen ich gerade Dank sagen will.

Zuallererst statte ich meinem Betreuer Dr. Jean Bertrand Miguoué, der unter der Führung von Prof. Dr. David Simo diese Arbeit hingebungsvoll geleitet hat, für seine kritischen Lektüren und seine vollständige Bereitschaft meinen Dank ab. Er hat die für das Zustandekommen dieser Arbeit unabdingbaren Materialien zu meiner Verfügung gestellt. In derselben Blickrichtung bin ich allen Lehrenden am Studiengang Germanistik von der Universität Yaoundé I für meine effiziente Ausbildung zum Dank verpflichtet.

Im Besonderen bedanke ich mich bei meiner ganzen Familie, zuerst meinem verstorbenen Vater Takougang Pierre und meinen Müttern Noubibou Madeleine und Mazujou Julienne, dann Laurent Nkemene. Den Familien Tchoffo und Tazou und insbesondere Frau Tazou geb. Ngouéta Louise sage ich auch Dank. Für das Korrekturlesen dieser Arbeit bedanke ich mich ganz herzlich bei Ariane Djuitsa, Laurent Ndassi und Leonel Nanga. Des Weiteren gilt ein besonderer Dank meinen Freunden Mathias Donfouet, Buhhrus Njanjo, Quentin Tsangue, Ariane Kamta, Aurelie Ngouffo, Joel Ngameleu, und Floriant Soh. All denen, die ich hier namentlich nicht erwähnen kann, bin ich für ihre allerlei Unterstützung dankbar.

Giresse Macaire TEIKEU TAKOUGANG Yaoundé, im Februar 2018

RESUME

Le présent travail de recherche s’intitule : « Littérature et souvenir : de la mise en scène du traumatisme. Une analyse de Bronsteins Kinder de Jurek Becker et de Heldenplatz de Thomas Bernhard. ». Il a pour but de montrer comment les auteurs dans leur production littéraire participent activement aux débats politiques et socio-historiques en relation avec le passé national-socialiste. Ce faisant, ils effectuent un travail de souvenir qui s’inscrit principalement dans le cadre de la prise de conscience du passé. Ce travail constitue ainsi le fondement de la construction mémorielle d’une part et de la conscience historique d’autre part, lesquelles sont gages de l’identité et de l’unité nationale dans la société contemporaine. A travers les catégories d’analyse de la production esthétique de Jürgen Schutte, de la théorie de narration de Matias Martinez et Michael Scheffel, et s’appuyant sur les concepts de la mémoire, le mythe, et le lieu de souvenir d’Astrid Erll et d’Aleida Assmann, le présent travail démontre en deux principales parties, réparties en cinq chapitres, que la reconstruction du passé est un processus sélectif visant la construction d’une mémoire collective et d’une véritable conscience historique. En effet, en tant que victimes secondaires de la politique nazie, Jurek Becker et Thomas Bernhard militent pour une parfaite reconnaissance du passé respectivement dans leurs sociétés. Il s’agit des sociétés dans lesquelles la continuité des idées nazies et le silence sur ledit passé sévissent encore sur la minorité juive ayant survécue. C’est ainsi que dans leur travail de réminiscence, ils mettent en exergue certains aspects précis de ce passé, qui jusque-là seraient refoulés de la conscience collective. Les textes Bronsteins Kinder et Heldenplatz apparaissent de ce fait pour les lecteurs allemands et autrichiens (juifs et non-juifs) comme un média non seulement pour l’analyse et la compréhension des constatations sociales dans ces milieux, mais également pour la construction d’une conscience historique et mémorielle. Ils constituent de plus des textes collectifs qui transmettent à ces derniers un autre aspect de leur passé nécessaire pour leur identité et leur cohésion sociale.

Mots clés : traumatisme, mémoire, maitrise du passé

ABSTRACT

This research work is entitled: “literature and memory: of the staging of trauma. An analysis of Bronsteins Kinder by Jurek Becker and Heldenplatz by Thomas Bernhard.” It aims at showing how the authors in their literary productions actively participate in political and socio-historical debates related to the national-socialist past. Hence, they trace the lame of memories which falls within the framework of gaining consciousness of the past and thus constitute on the one hand the foundation of memory construction, and on the other hand that of the historical consciousness; all of which are the bases of national unity and identity in the contemporary society. Through the categories of esthetical production analysis by Jürgen Schutte, the narration theory by Matias Martinez and Michael Scheffel and focusing on the concepts of the memory, the myth and the place of memory by Astrid Erll and Aleida Assmann, this work shows in two main parts divided into five chapters that the reconstruction of the past is a selective process aiming at the construction of a collective memory and consequently of a real historical consciousness. As a matter of fact, as secondary victims of the Nazi policy, Jurek Becker and Thomas Bernhard campaign for a perfect acknowledgement of the past in their respective societies. These are societies in which the continuation of Nazi ideas and the silence on the given past penalizes or weighs again over the minority of Jews that survived. This is why in their work of memory, they put forth some specific aspects of the concerned past, which up-till-then have remained hidden in the collective consciousness. The texts Bronsteins Kinder and Heldenplatz seem therefore for the Austrian and German readers (Jews and non-Jews) like a medium not only for the analysis and comprehension of social happenings in those places but also for the construction of an historical memorial consciousness. They are greatly made up of more collective texts that give to these latters another aspect of their past which is necessary for their national identity and social cohesion.

Keywords: trauma, memory, mastery of the past

Abbildungsverzeichnis

Schema 1: Die Formen der Identität bei Jan Assmann

Schema 2: Darstellung der zwei Modi der Erinnerung bei Aleida Assmann

Schema 3: Figurenkonstellation nach dem Aktantenmodell von Julien Greimas

Schema 4: Tabellarische Darstellung der Figurenkonstellation im Werk

Schema 5: Grafische Darstellung der Figurenkonstellation im Werk

Schema 6: Träger des gelben Sterns nach der Verordnung von 15.9.1941

„Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren.“

(Richard von Weizsäcker)

Einleitung

0.1. Forschungsthema

Im Zentrum der vorliegenden Arbeit steht das Trauma. Die Auseinandersetzung mit diesem Phänomen ist seit dem Ende des zwanzigsten Jahrhunderts einer Erwägung wert und hat Interesse ebenso gut in vielen Gebieten gefunden. In dem zeitgenössischen Leben erweist sich das Trauma für die Beschäftigung mit dem Vergangenen als wirksam. Aus dieser Vergangenheitsbearbeitung lässen sich sowohl das Gedächtnis und die Identität als auch die Geschichte von einzelnen Erinnerungsgemeinschaften leicht bilden und revidieren. Anhand von zwei aus unterschiedlichen Gesellschaften – nämlich Deutschland und Österreich – stammenden Literaturen von den achtziger Jahren wird es hierher zu zeigen versucht, wie es den Schriftstellern geglückt ist, sich auf besondere historische Begebenheiten beziehend, das Trauma bei den jüdischen Figuren inszeniert zu haben, um ganz nach bestimmten Zielsetzungen in Bezug auf ihre eigenen Kontexte zu gelangen. Es wird demzufolge untersucht werden, welches Verhältnis zwischen dem Trauma und dem Geschichtsbewusstsein zum einen und der Gedächtnisbildung zum anderen vorhanden ist. Die Erforschung des Traumas wird im Rahmen dieser Arbeit mittels der zentralen Zielrichtung der Figurenforschung im Zusammenhang mit dem Entstehungskontext von Werken unternommen, sodass aus der Figurenkonstellation sich der Inszenierungsprozess und –zweck des Traumas und dessen Bekundungen ablesen lassen. Diesbezüglich habe ich das Thema dieser Arbeit folgendermaßen formuliert: „Literatur und Erinnerung: Zur Inszenierung des Traumas. Eine Untersuchung zu Jurek Beckers Bronsteins Kinder und Thomas Bernhards Heldenplatz.“

Meine Studie stützt sich – wie bereits bei der Themaformulierung angekündigt – auf den Roman „Bronsteins Kinder“ (1986) des DDR-Schriftstellers Jurek Becker und das Stück „Heldenplatz“ (1988) des österreichischen Dramatikers Thomas Bernhard.

In Bronsteins Kinder ist der junge Erzähler Hans, Sohn des ehemaligen KZ–Häftlings Arno, mit dem Tod seines Vaters konfrontiert und lebt noch bei der Familie seiner Freundin Martha Leipschitz. An die Umstände dieses Todes erinnernd ist er mit der Vergangenheit von seinem Vater insbesondere und der ganzen Familie vor allem gestoßen, die er kaum beherrscht. Im Grunde genommen erwischt Hans eines Tages beim Besuch in dem Wochenendhaus seinen Vater, der zusammen mit zwei Altersfreunden einen unbekannten Mann gefesselt hat, um ihn zu foltern. Mit solcher Entscheidung ist das einfältige Kind überhaupt nicht einverstanden und stellt erfolglos seinen Vater zur Rede. Mit der Überzeugung, dass Hans das Geschehene nicht verstehen kann, antwortet Letzterer auf die Sorge seines Sohnes mit dem Schweigen. Der Roman schildert also das Trauma der jüdischen Überlebenden von den Nazi-Verbrechen und deren Strategien zum Überleben.

In Heldenplatz kehrt die Familie Schuster, die wegen der Nazi-Invasion in Österreich zum Exil in Oxford gezwungen war, nach Wien zurück. Mit der Hoffnung, dass der Staat sich bereits von der Ideologie des Nationalsozialismus und dessen Spuren befreit hat, richtet sie eine Wohnung neben dem Heldenplatz ein. Die neu eingerichtete Wohnung wird aber der Familie ein anderes Schicksal aufdrängen. Der Familie Schuster wird es sofort deutlich sein, dass sie sich geirrt hat; denn das Land trägt noch Spuren des geerbten Antisemitismus. Mit dieser großen Enttäuschung hat der Familienchef Josef Schuster, der nicht mehr in der Lage war, nicht nur die Feindseligkeiten seiner ‚Mitbürger‘ sondern auch die nachträglichen Halluzinationen und das Trauma seiner Frau ertragen kann, Selbstmord begangen. Robert Schuster, der todkrank ist, teilt den Hass, die Ängste und Antipathien mit seinem toten Bruder und äußert sich sarkastisch über die Zustände in seiner Umgebung. Das Stück endet sich mit dem tragischen Tod von Hedwig Schuster, Frau des Verstorbenen. Das Werk beschäftigt sich mit dem Trauma der jüdischen Hinterbliebenen bei der Rückkehr vom gezwungenen Exil in die ehemalige Heimat.

0.2. Motivation

In der modernen Welt bzw. heutigen Gesellschaft hat sich die Gedächtnis- bzw. Erinnerungsforschung als unerlässlich sogar unumgänglich erwiesen. Dieser Trend zur starken Auseinandersetzung mit dem Gedächtnis und der Erinnerung beruht auf der Grundannahme, dass die Geschichte oder die Vergangenheit – besonders des 20. Jahrhunderts – dem Bewusstsein des Menschen seinen Stempel so aufgedrückt hat, dass sie zum großen Teil das Handeln und das Denken Letzteren in der Gegenwart festlegt. Durch das Erinnerungsvermögen werden historische Vorkommnisse in den Menschen lebendig. Über diesen gewinnbringenden Blickpunkt der Vergangenheit oder der Geschichte schreibt Reinhart Koselleck: „ohne Geschichten keine Erinnerung, keine Gemeinsamkeit, keine Selbstbestimmung sozialer Gruppen oder politischer Handlungseinheiten […]. 1 Damit meint Koselleck, dass die Erinnerung, welche die Identität und die Eigenart einzelner gesellschaftlicher Gruppen stiftet, auf historische Ereignisse, kurzum auf die Vergangenheit zurückgreift. Da dieses Vergangene in enger Verbindung mit dem Gegenwärtigen eher dem Zukünftigen steht, liefert es Schlüsselzüge zur Erschließung und Verständigung des gegenwärtigen Lebens und folglich zur sinnreichen Verhandlung des Zukünftigen.

Das Trauma, das diese dauerhafte Wirkung des Vergangenen in der heutigen Lebenszeit des Menschen symbolisiert, bildet den Kern von Arbeiten zahlreicher Schriftsteller. Letztgenannte leisten diesbezüglich eine Erinnerungsarbeit, die in der Vergangenheitsbewältigung eine entscheidende Rolle spielt, zumal diese Arbeiten wenigstens zur Berücksichtigung aller Aspekte des Vergangenen beitragen. Dass Koselleck auf „Geschichten“ anspielt, entspricht den verschiedenen über die Vergangenheit aufgrund vom bestimmten Hintergrund und Interesse bestehenden Stellungnahmen. Diese Stellungnahmen zielen hierher nicht darauf ab, die Vergangenheit zu verleugnen, sondern sie zumindest in aller Ausführlichkeit innerlich anzunehmen und daher sie als Stützpunkt zu betrachten, um ein richtiges historisches Bewusstsein über das Vergangene zu bilden, das eine sichere Gegenwart und erfolgreiche Zukunft gewährleistet. Aus diesem Bewusstsein wird auch das kollektive Gedächtnis gebaut, das sowohl die nationale Identität und Einheit als auch die Eigenart und das friedliche Zusammenleben aller Gesellschaftsmitglieder stiftet. Dieses Anstreben steht eben nahebei in enger Beziehung mit einigen afrikanischen Ländern, deren Vergangenheit ebenso zum Teil aus traumatischen Erlebnissen besteht, aber die schlicht diese als Tabus betrachten; mit der Begründung, dass die Auseinandersetzung mit Letzteren darin liege, Erinnerungen heraufzubeschwören und alte Wunden wieder aufzureißen. Dieser Diskurs über eigenes Vergangene führt zur dessen Verewigung im restlichen Leben ein und hält den Betroffenen auf derselben Stellung fest, und zwar, der des ewigen Opfers, Dominierten oder Ausgeschlossenen. Die kritische Beschäftigung mit der Geschichte ist meines Erachtens der Weg zur Bewertung und Legitimation der eigenen Existenz. Die Konstruktion des kollektiven Gedächtnisses, die aus dieser Erinnerungsarbeit resultiert, sei folgerichtig ein sicheres Mittel zur Selbstbestimmung und –wahrnehmung in einer aggressiv globalisierten Welt. Es solle in unserem (afrikanischen) Kontext damit eingestellt werden, Vergangenheit als Missgeschick zu betrachten, sondern als Teil der eigenen Kultur und daher als Medium der Selbstreflexion. Dabei wird von der Feststellung ausgegangen, dass es bis dahin bestimmte (ferne oder kürzlich erfolgte) Ereignisse gibt, die völlig ausgetilgt worden sind, als ob Letzteren sich nicht ereignet hätten. Solcher Umgang mit der Vergangenheit sei ein Hemmschuh für die sogenannte „nationale Einheit“, wonach viele afrikanische Länder heutzutage streben. Festzuhalten ist aber, dass eine im engeren Sinne vereinte Nation in ihrer Geschichte tief verankert ist; d. h., sie muss von allen bekannt, bewältigt und gedächtnisbedürftig sein.

0.3. Ziel und Erkenntnisinteresse

Einige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg standen im ganzen Europa Vergangenheitsfragen zu Diskussionen. Diese heftige Befassung mit der Vergangenheit zielte von vornherein darauf ab, das Fazit aus diesem Krieg zu ziehen. Sich auch die Ursachen dieses unheilvollen Ereignisses durch den Kopf gehen lassend, lohnte es sich, nicht nur Überlegungen über das nationalsozialistische Regime und dessen Folgen anzustellen, sondern den Streit über „Opfer und Täter“ dieser Weltanschauung zu klären. Obendrein kam die Vergangenheitsbewältigung in Frage, in der gewünschten Absicht, einen Schlussstrich unter die großen Leiden des Krieges zum Zwecke des neuen Beginns zu ziehen. Nichtsdestotrotz lässt es sich herausstellen, dass diese gesamten Bemühungen um die Überwindung des Vergangenen bis dahin teils nicht zustande gekommen sind. Diesen Zustand bringt Hermann Glaser folgendermaßen zum Ausdruck:

Einer die Verbrechen der Nationalsozialisten leugnende oder verdrängende Mehrheit sei es gelungen, mit dieser großen Lebenslüge einen Teil der nachwachsenden […] Gesellschaft dahingehend zu beeinflussen, dass sie insgesamt so lebe, denke, fühle und handle, als habe sich Ausschwitz nicht ereignet. 2

Zur Verfälschung der Geschichte und der Selbstidentität des Menschen führt diese Haltung dem Vergangenen gegenüber. Dass bis in den 80er Jahren Spuren der schrecklichen Nazi-Verbrechen noch wahrnehmbar sind, zeugt tatsächlich sowohl von dem Vorhandensein des Nationalsozialismus zuzüglich des Holocausts bzw. der Shoah als auch von der nachhaltigen Rückwirkung der Ereignisse dieser Zeit auf das Bewusstsein des Menschen. Durch ihre Erinnerungsarbeit ist es Jurek Becker und Thomas Bernhard gelungen, das Trauma einzelner überlebender Figuren in ihren jeweiligen Kunstwerken zu inszenieren. Auf Anhieb erweist sich die Auseinandersetzung mit dem Phänomen vom Trauma im Rahmen der Literaturwissenschaft als aufschlussreich oder ansprechend. Das Interesse der vorliegenden Arbeit liegt gewissermaßen in dem Beitrag der Literatur zur politischen, sozialen, geschichtlichen und kulturellen Erörterung über das Trauma. Daher zielt sie darauf hin, dem Inszenierungsprozess und –zweck des betroffenen Phänomens auf den Grund zu gehen. An dieser Stelle wird es die Rede davon sein, wie sich die beiden Autoren von ihrer gesellschaftlichen Wirklichkeit ausgehend das Trauma angeeignet und bearbeitet haben, um auf ihre jeweiligen Lebenskontexte einzuwirken. Es wird infolgedessen untersucht, welche Grundlagen des Traumas von Figuren in beiden Werken zugrunde liegen. Darüber hinaus wird es am Ende dieser Forschung zu zeigen versucht, das Verhältnis zwischen Erinnerung, Gedächtnis und Identität zu eruieren. Letztens Endes gilt es anzumerken, dass mein Anliegen im Rahmen dieser Arbeit darin besteht, den Umstand groß herauszubringen, wie dasselbe Ereignis verschieden rezipiert und ästhetisch verarbeitet wird, um auf bestimmte gesellschaftliche Besorgnisse zu erwidern.

0.4. Forschungsstand

Das von den Verfassern inszenierte nachhaltige Trauma von den jüdischen Gestalten bildet das Hauptproblem meiner Forschung. Die Arbeit widmet sich jenen Figuren, die bis in den achtziger Jahren unter den äußersten Grässlichkeiten und Wunden der nationalsozialistischen Ära leiden. Dieser psychisch kritische Zustand hat dazu geführt, dass bestimmte jüdische Persönlichkeiten – wie den Fall in den zu analysierenden Werken – selbst ihrem Leben bzw. Überleben ein Ende gesetzt haben. Als Beispiel können Primo Levi und Jean Améry in diesem Blickwinkel hingestellt werden, die wegen ihrer fruchtlosen Überwindung von diesen entsetzlichen Erlebnissen einfach „ihrem Leben, ihrem Überleben ein Ende gesetzt haben.“ 3 Der Gewaltgrad der Verbrechen ist Anlass für ein „psychisches Trauma“ bei den Opfern bzw. den Überlebenden gewesen. Letzteren Begriff bezeichnet Birgit Neumann als eine „Erfahrung von extremer Intensität, die die individuellen Bewältigungsmöglichkeiten überfordert und das Selbstverständnis nachhaltig erschüttert.“ 4 Das Phänomen des Traumas hat bereits zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten zugrunde gelegen, deren Besprechung einiger nun wert ist.

In ihrer Magisterarbeit betitelt „ Trauma and the narrative structure of the contemporary South African novel“ 5 befasst sich Michaela Pöschl anhand von drei südafrikanischen Novellen mit dem Zusammenhang zwischen dem Trauma und dem Literaturschaffen. Dabei geht Pöschl von der Feststellung aus, dass die Erlebnisse der Besiedelung vom Lande durch die ehemaligen europäischen Mächte und des Apartheidsystems der südafrikanischen Bevölkerung Spuren in Form vom Trauma hinterlassen haben, „so that content and form oft the contemporary South African novel are frequently reminiscent of traumatic experience.“ 6 Im Blickpunkt der postkolonialen und der Trauma-Literatur, und sich auf der produktionsästhetischen Vorgehensweise beruhend, ist sie zur Schlussfolgerung gelangt, dass die Erfahrung mit dem Trauma die grundlegenden Erzählkategorien – etwa die Zeit, den Raum, die Erzählperspektive, usw. – der südafrikanischen Novellen in beträchtlicher Weise abgeändert hat. Den das Trauma bearbeitenden oder behandelnden südafrikanischen Novellen wird überdies eine therapeutische Funktion sowohl vonseiten des einzelnen Schreibenden als auch des südafrikanischen Adressaten, die diese literarischen Texte als Medium der Reflexion über Eigenes lesen.

Während sich Pöschl in ihrer Arbeit mit der Einwirkung des Traumas im Schreibprozess befasst hat, unternimmt Julia Herzog7 in ihrer Arbeit derselben Art und in demselben südafrikanischen Kontext eine sich auf der fortwährenden Wesensart des Traumas beruhende Forschung. Die Arbeit Herzogs stützt sich auf die Grundannahme, dass „trauma can live on and affect subsequent generations“. 8 Hierin geht sie von dem nichterzählbaren bzw. unsagbaren Wesen des Traumas und den schrecklichen Erlebnissen des Apartheidregimes aus, um den Umstand ans Licht zu bringen, dass die Literatur im Allgemeinen und die südafrikanischen Novellen im Besonderen sich als das geeignete Mittel erwiesen hat, um sich mit dem Phänomen des Traumas bei den Südafrikanern auseinanderzusetzen. Dabei wird das Interesse auf die Art und Weise gelegt, wie sich das transgenerationelle Trauma im literarischen südafrikanischen Kontext bearbeiten lässt, und wie dies die theoretischen Betrachtungen über den Begriff ‚Trauma‘ spiegelt. Der Verfasserin ist es zu zeigen gelungen, wie sich das Trauma der Überlebenden, durch deren Schweigen als Auslöser, auf die nachfolgenden Generationen überträgt.

Simone Nachbaur in ihrer Magisterarbeit, mit dem Titel: „Die Kommunikation von Holocaust-Traumata in Jurek Beckers Romanen ‚Jakob der Lügner‘, ‚Der Boxer‘ und ‚Bronsteins Kinder‘“ 9, widmet sich einer rezeptionsästhetischen Untersuchung vom Trauma in drei Werken des DDR-Autors Jurek Becker. Im Vordergrund dieser Arbeit steht die „Kommunikation erlebter Holocausttraumata von Überlebenden“. 10 Von der Gleichartigkeit bzw. Ähnlichkeit zwischen den Hauptfiguren in den drei Romanen Beckers ausgehend, hat Nachbaur zu zeigen versucht, wie die Überlebenden, noch unter den traumatischen Erlebnissen des Holocausts leidend, außer Stande sind, sich gut und mühelos über ihr Vergangene zu artikulieren. Sie sind ihrer Vergangenheit gegenüber ausdruckleer, und dieser Zustand geht selbstverständlich mit Folgen einher. Sowohl in Jakob der Lügner als auch in Der Boxer und in Bronsteins Kinder stößt man, so Simone Nachbaur, auf das Fehlen einer Verständnis schaffenden Kommunikation zwischen der Vater- und Sohn-Generation. Die Herabwürdigung der familiären Beziehung bewirkt diese Nicht-Kommunikation, und hiernach wird der Identitätskonstruktionsprozess der nachwachsenden Generation, der sich in diesem Kontext auf den der Vatergeneration zurückgreift, aufs Spiel gesetzt.

„Gedächtnis und Trauma im zeitgenössischen österreichischen Familienroman“ 11, so lautet der Überschrift von Martina Katrin Hamidouches Dissertation, im deren Mittelpunkt die Beschäftigung mit der Familiengeschichte bzw. –vergangenheit durch die drei verschiedenen Generationen angehörenden Familienmitglieder steht. Ausgangspunkt von Hamidouches Forschung war die These, dass „the lack of communication about the family’s past has a negative impact on the intergenerational relationships, and thus affects the current lives of all characters.“ 12 Von dieser Hypothese aus und sich auf Gedächtnistheorien und Begriffe wie „Trauma“ und „Postgedächtnis“ stützend, ist sie am Ausgang ihrer Untersuchung zu der Erkenntnis gelangt, dass die Schriftsteller, deren Werke analysiert worden sind, durch ihre Erinnerungsarbeit, so Martina Hamidouche, das Leben verschiedener Individuen in ihrem familiären Kontext dargestellt haben, und diese Werke bilden zugleich ein Stück österreichischer Nationalgeschichte ab. Dass einerseits eine fehlende Bereitschaft bei den Tätern und Mitläufern beachtenswert ist, ihr vergangenes Verhalten zu reflektieren, und andererseits eine Flucht vor der Aufarbeitung der Vergangenheit bei den Opfern zu beobachten ist, beeinflusst nachteilig die intergenerationellen Beziehungen und damit das gegenwärtige Leben aller Familienmitglieder. Die Hervorhebung dieses traumatischen Zustandes der Familienmitglieder lässt sich durch die Abänderung der Innenstruktur der literarischen Kunstwerke spüren. Letztere sollten, der Verfasserin zufolge, bei den Lesern des 21. Jahrhunderts das Bedürfnis wecken, sich selbst auf die Suche nach einem neuen Zugang zur eigenen Familienvergangenheit zu begeben.

In der vorliegenden Forschung nehme ich mich vor, dem Inszenierungsprozess und -zweck des Traumas in den beiden bereits erwähnten Kunstwerken auf den Grund zu gehen. Hierher möchte ich den Umstand eruieren, wie es dem DDR-Autor Jurek Becker und dem österreichischen Schriftsteller Thomas Bernhard gelungen ist, das rätselhafte Phänomen des Traumas kritisch und kontextgebunden aufzuarbeiten. Mehr noch – und was auch die Eigenart dieser Arbeit ausmacht – wird der Nachdruck auf die Weise gelegt, wie das(selbe) Vergangene in den beiden erdkundlichen Milieus, nämlich Deutschland und Österreich, wahrgenommen, besprochen und erinnert wird. Von dem Verhältnis zwischen Literatur und Gesellschaft aus wird außerdem aufgeklärt, wie diese Kunstwerke sich jeweils an politischen, sozialen und kulturellen Diskussionen über die Vergangenheit und deren Traumatisierungen in ihrem Entstehungskontext und -ort beteiligen. Damit wird die Rolle der Literatur einesteils bei dem Gedächtnisbildungsprozess und anderenteils bei der historischen Bewusstseinsbildung geschätzt, die in der heutigen Welt als Unterpfand für die Essenz der Menschheit und folglich seiner Identität anzusehen sind.

0.5. Problemstellung

Das Trauma, wie bereits angekündigt, lässt sich als symptomatisch für die Bestimmung des zeitgenössischen Handelns und Denkens, kurzum des Lebens vom Menschen durch die Vergangenheit begreifen. Die Bearbeitung des vorliegenden Themas wirft folgende Frage auf: wie und wozu wird das Trauma in der Literatur inszeniert? Zu dieser Leitungsfrage überlagern eben bestimmte Nebenfragen, und zwar, Was ist eigentlich das Trauma im Grunde? welche Begebenheiten liegen dem Trauma in den Werken zugrunde? Wie wird das Trauma ästhetisch inszeniert, anders ausgedrückt, welches Verfahren bedienen sich die Autoren, um das Phänomen „Trauma“ literarisch zu bearbeiten? Wie lässt sich das Trauma der Figuren in beiden Kunstwerken kundtun? Wozu wird das Trauma inszeniert, mit anderen Worten, was bezwecken die Schriftsteller mit der Inszenierung vom Trauma? Wie trägt die Literatur durch die Inszenierung vom Trauma zur Gedächtnis- und zur historischen Bewusstseinsbildung bei? Mein gesamtes Streben im Rahmen dieser Arbeit besteht darin, mich überwiegend mit den oben aufgeworfenen Fragen abzugeben.

0.6. Methodisches Vorgehen

Der Inszenierungsprozess und -zweck des Traumas von den jüdischen Gestalten in der Literatur der achtziger Jahre bilden den Schwerpunkt dieser Arbeit. Will man sich mit dem Aneignungs- und Bearbeitungsziel der Wirklichkeit durch die Schriftsteller auseinandersetzen, dann erweist sich die produktionsästhetische Verfahrensweise auf Anhieb als notwendig. Über das Wesen bzw. die Erzeugung des (literarischen) Textes reflektierend, fasst Jean Paul Sartre die Kerngedanken dieses analytischen Verfahrens in folgender Frage zusammen: „wovon reden die Bücher, wer schreibt sie, warum?“ 13 Bei der Bearbeitung dieses Kerngedanken von dem schon angegebenen Analyseverfahren für die pragmatische Annäherung an dem literarischen Text, entwirft Jürgen Schutte folgende Fragen, um die Mitteilungsfunktion von Literatur zu betonen:

Was sagt der Autor eigentlich, von welchen Sachverhalten ist aus welcher Perspektive und in welcher spezifischen Form die Rede? Warum wird gesprochen, warum so und nicht anders? An wen ist die Äußerung gerichtet; aus welchem Anlass und zu welchem Ende wird gesprochen? 14

Diese Fragestellung, so Schutte, lässt sich unter dem Grundbegriff „Textstrategie“ einordnen, wenn Letzterer von dem Gegenstand, dem Verfahren und der Wirkungsabsicht redet. Der Gegenstand verweist auf den „vom Autor angeeigneten Ausschnitt der Wirklichkeit, beschreibbar als Sachverhalt, Erlebnis, Ereignis, Problem“.15 Das Verfahren ist die besondere Weise der Aneignung und Mitteilung des Gegenstandes, beschreibbar als Darstellungs-, Deutungs-, und Wertungsmuster des Textes16 ; und die Wirkungsabsicht bedeutet die im Text erkennbaren Wirkungsabsichten, bezogen auf einen Adressaten und beschreibbar als Appel, Parteinahme, Tendenz.17 Von großem Belang wird daher dieser Ansatz für die vorliegende Arbeit, indem sie das Kunstwerk mit dessen Entstehungsbedingungen im Zusammenhang mit der Schriftstellerabsicht zu analysieren versucht. In dieser Blickrichtung könnte man davon nicht nur Kenntnis über das haben, was der Entstehung beider Werke zugrunde liegen, sondern auch was die betroffenen Autoren mit ihrem Schaffensprodukt bezwecken. Denn kein Kunstwerk entsteht aus nichts.

Eine weitere Herangehensweise im Rahmen dieser Arbeit ist die psychoanalytische Methode. In der Literaturwissenschaft hat Letztere ihren Ausweg durch die Arbeiten ihres Urhebers Sigmund Freud gefunden, und wird durch seine Nachfolger für die pragmatische Deutung literarischer Kunstwerke entwickelt. Im Zentrum der psychoanalytischen Literaturinterpretation steht „die Aufdeckung latenter Inhalte eines Textes, die aus dessen manifesten Strukturen abgeleitet werden müssen.“ 18 Damit wird von der Einsicht ausgegangen, dass bestimmte verborgene Informationen dem literarischen Produkt zugrunde liegen, die analysebedürftig, und auch für das tiefgründige Verstehen literarischen Textes von großem Belang, sind. Dies lässt sich dadurch rechtfertigen, dass das hier betroffene Verfahren nicht nur nach dem Zusammenhang zwischen dem literarischen Werk und seinem Urheber, sondern auch nach dessen Prägung durch die Zeitgeschichte, durch Kultur und Gesellschaft seiner Zeit fragt.19 Da die Figurenforschung – d. h., textorientiertes bzw. –zentriertes Analyseverfahren – eine der zentralen Achsen der psychoanalytischen Literaturwissenschaft zu sein vermag, werden darüber hinaus sowohl das Trauma der Figuren als auch dessen Inszenierungsprozess und Bekundungen in Texten eruiert.

Noch für die Durchführung folgender Studie erweisen sich die von Jan und Aleida Assmann eingeführten und von Astrid Erll für die praktische Annäherung an literarische Texte ausgearbeiteten Gedächtnistheorien als hilfsbereit. Die Erinnerungskultur wird heutzutage in der Konstituierung einzelner Gesellschaften und für die Bewahrung einer authentischen Nation mit deren authentischer Identität von ihren Menschen im Vordergrund gerückt. Bedeutend hier ist aber, den Umstand nicht zu übersehen, dass das Gedächtnis nicht unbedingt auf einen Speicher verweist, der alle Ereignisse der Vergangenheit bewahrt. Das Gedächtnis lässt sich also durch diese Geschehnisse konstituieren, die für die Erinnerungsgemeinschaft bestimmend sind. Ein Ereignis kann daher zum Gedächtnis einer Gemeinschaft gehören, wenn es im engen Zusammenhang mit ihrer Gegenwart und Zukunft steht. Davon ausgehend besteht Ansgar Nünning darauf,

dass das Gedächtnis kein Speicher ist, der die Vergangenheit selbst bewahrt, sondern dass die Gesellschaft von ihrer jeweils gegenwärtigen Situation aus ihre(n) Geschichte(n) unter wechselnden Bezugsrahmen neu konstruiert. 20

Daher wird deutlich, dass die Vergangenheit aufgrund der herrschenden Lage in den einzelnen Gemeinschaften jeweils multiperspektivisch erinnert und bearbeitet werden kann. Somit wird in die Tatsache Einsicht genommen, wie literarische Texte „als Dokumente neben anderen erscheinen, die gemeinsam einen >Erinnerungsraum< aufspannen.“ 21 Dieser Erinnerungsraum liegt dem Gedächtnisbildungsprozess und infolgedessen der Identitätsbildung einzelner Individuen oder Gesellschaften zugrunde. Denn „Gedächtnis und Erinnern spielen eine entscheidende Rolle beim Aufbau und dem Erhalt individueller wie gesellschaftlicher Identität.“ 22 Das Gedächtnis erfüllt die Funktion des Speichers historischer Ereignisse und Erfahrungen, worauf sich das Individuum beruht, um ständig seine Identität zu bestimmen. Die Erinnerung ist die Instanz, mit deren Hilfe man sich Zugang zu diesen gespeicherten Gegebenheiten verschafft. Hier wird – so Ibrahima Diagne – Erinnern demzufolge als performativer Prozess verstanden, der seinen Gegenstand konstituiert, (re-)inszeniert und ständig modifiziert, wobei die Identität neu gebildet und bewahrt wird.23

0.7. Aufbau der Arbeit

Die vorliegende Forschung besteht überwiegend aus zwei Hauptteilen. Im Ersteren, der aus zwei Kapiteln besteht, geht es darum, theoretische Grundlagen zum Konzept des Traumas und zur Hervorhebung des Verhältnisses zwischen Geschichte, Literatur und Gedächtnis zu besprechen. Damit wird eben untersucht, warum die Vergangenheit heutzutage für die Identität einzelner Gesellschaften unentbehrlich geworden ist. In dem zweiten Teil der vorliegenden Arbeit, welcher in drei Kapitel gegliedert ist, handelt es sich von vornherein darum, die Hintergründe vom Trauma in jeweiligen Entstehungskontexten herauszuarbeiten. Es soll hier das ans Licht gebracht werden, was das Trauma bei dem Individuum ausgelöst hat und warum. Dies wird Anstoß zur Analyse des historischen Hintergrunds geben, der dem Trauma der jüdischen Minderheit in hier zu untersuchenden Werken unterliegt. In dieser Hinsicht wird die Bearbeitung der Lage der Juden während der Periode des Nationalsozialismus und am Besonderen die Ereignisse der Jahre 1938 – 1945 von großer Bedeutung. Dabei wird die Einsicht klar, dass diese historischen Hintergründe an die Hitlers „Vernichtungspolitik“ mit den damit verbundenen Gräueltaten und Folgen anknüpfen, deren Ziel darin bestand, eine Nation mit Menschen „arischer“ Rasse zu gründen. Alsdann wird die Inszenierung des Traumas in den Kunstwerken in den Vordergrund gerückt. Wie es den Autoren gelungen ist, das Unsagbare sogar das „Unbeschreibbare“ und dessen Manifestationen bzw. Folgen ästhetisch zu verarbeiten, gilt als Leitlinie des folgenden Kapitels. Dabei geht es darum, bestimmte Verhaltensweisen von Figuren und deren spezifische Handlungen zu analysieren und zu verstehen. Letzten Endes wird nachgeforscht, wozu – also die Zweckbestimmtheiten – sich die Schriftsteller mit dem Phänomen des Traumas in eigener Gesellschaft auseinandergesetzt haben.

TEIL A: TRAUMA UND LITERATUR: ZUR FUNKTION EINER VERGANGENHEITSBEARBEITUNG IN DER ZEITGENÖSSISCHEN WELT.

KAPITEL 1: DAS TRAUMA IM VERHÄLTNIS ZUR ERINNERUNGSARBEIT UND ZUR IDENTITÄTSSTIFTUNG

Ziel dieses Kapitels besteht darin, sich mit dem Begriff des Traumas im Zusammenhang mit anderen gesellschaftlichen Phänomenen vertraut zu machen. Dabei wird versucht, nicht nur den Begriff zu fassen, sondern auch einige Formen und Symptomen ans Licht zu bringen. Zudem wird zu zeigen versucht, wie das Trauma in enger Verbindung mit der Erinnerung und der Identität im Rahmen der Gedächtnisforschung steht, wobei die Vergangenheit eine eminente Rolle spielt.

1.1. Vom Wesen des Traumas

1.1.1. Trauma: Zur Begriffsbestimmung

Seit den achtziger Jahren hat sich das Phänomen des Traumas als Kernpunkt zahlreicher wissenschaftlicher Untersuchungen konstituiert – sowohl im Rahmen der Psychoanalyse als auch im Rahmen der Literaturwissenschaft und der Geschichtsschreibung, wobei sich Menschen in neuer Weise der eigenen Selbstbilder und Identitäten durch Rückgriff auf die Vergangenheit und die Archivierung von Erinnerungen zu versichern suchen.24 Dieser Trend steht im engen Zusammenhang mit frühen erlebten Ereignissen, die stets in der Gegenwart fortwirken. So stammt das Wort „Trauma“ von vornherein aus dem Griechischen und bedeutet “Wunde“. Unter diesem Begriff versteht Cathy Caruth „ an overwhelming experience of sudden or catastrophic events in which the response to the event occurs in the often delayed, uncontrolled repetitive appearance of hallucinations and other intrusive phenomena.25 Neben der Literaturwissenschaftlerin bestimmt Gottfried Fischer dieses Konzept als ein

vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen der Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung im Selbst- und Weltverständnis bewirkt. 26

Aus diesen Begriffsbestimmungen lässt es sich klar herausstellen, dass das Trauma eine unkontrollierbare Erfahrung zu sein scheint, die ohne den eigenen Willen des Traumatisierten zum Vorschein kommt. Sowohl bei Caruths als auch bei Fischers Definition wird klar, dass das Trauma seelische Störungen mit sich bringt, wobei das Erlebte wieder bei dem Individuum in Form von gezwungener Erinnerung erscheint. Das Trauma wird also durch erlebte Ereignisse hervorgerufen, die wegen ihrer Intensität nicht einfach aus dem Gedächtnis gestrichen werden können. Diese traumatischen Ereignisse sind für das traumatisierte Individuum kaum vergangen, sondern erschüttern bleibend durch Halluzinationen und Träume seinen psychischen Apparat. Genau deshalb schreibt Birgit Neumann Folgendes: „ als traumatisch gilt nicht das Ereignis selbst, sondern die sich nachträglich einstellende Erfahrung seines beharrlichen Wiedererlebens in Träumen, Flashbacks oder Halluzinationen.27 Diese nachträgliche Eigenschaft vom Trauma besitzt in der Trauma-Theorie von Caruth eine Sonderstellung. Im Grunde genommen lässt sich das Trauma – so Cathy Caruth – durch sein „ belatedness “ kennzeichnen. Es äußert sich nicht unbedingt unmittelbar nach der Erfahrung der Ereignisse, sondern kehrt später durch jeglichen Auslöser wieder, der das traumatisierte Individuum mit der trübsinnigen Erfahrung verbindet, und zwingt letzteren demzufolge zur Wiedererfahrung. Es soll betont werden, dass es sich unter diesem Gesichtswinkel um Ereignisse von großer Entsetzlichkeit handelt, die den Verstand und die Wahrnehmungsfähigkeit des betroffenen Traumatisierten überfordern. Daher ist das Einzelne nicht im Stande, sein Trauma zu lokalisieren, und bleibt folgerichtig verwundbar. In dieser Hinsicht behauptet Cathy Caruth bekräftigend, dass sich das Trauma außerhalb der Grenzen von einem bestimmten Ort bzw. einer bestimmten Zeit äußert: „ the impact of the traumatic event lies precisely in its belatedness, in its refusal to be simply located, in its insistent appearance outside the boundaries of any single place or time.“28

Die Eigentümlichkeit des Phänomens ‚Trauma‘ liegt also nicht nur in seiner Nachträglichkeit und seiner Nichtlokalisierbarkeit, sondern eben in seiner Wiederkehrbarkeit und seiner Unbekanntheit. Da das Trauma jenseits des Verständnisses des Menschen ist – das heißt zum Unbewussten gehört –, so lassen sich traumatische Ereignisse bei dem Betroffenen wiederholen. Diese Wiederholung wird von Sigmund Freud als unabsichtliche Wiederherstellung von diesen Geschehnissen interpretiert, die nicht bloß beiseitegeschoben werden. Damit wird mit Caruth in Anschluss an Freud deutlich, dass „ the experience of a trauma repeats itself, exactly and unremittingly, through the unknowing acts of the survivor and against his very will.29 Dass das Trauma zum Umtreiben des Überlebenden wiederkehrt, lässt sich dadurch begründen, dass der Gewaltgrad der Vorkommnisse bis dahin dem Opfer unbekannt bleibt. Zwar sind die meisten Opfer Augenzeugen der Geschehnisse, aber sind nicht in der Lage, die Gewaltstärke bei ihrem Verlauf zu erfahren. Nur später erfahren sie diesen Grad, wenn die Ereignisse traumatisch geworden sind. Im Folgenden bringt Cathy Caruth diesen Gedanken hervorhebend zum Ausdruck: „ What returns to haunt the victim […] is not only the reality of the violent event but also the reality of the way that its violence has not yet been fully known.“ 30 So ist beispielsweise die Behandlung im Konzentrationslager – durch Gasvergiftung und blutige Metzelei – für den überlebenden Juden später traumatischer als der Ort in sich selbst.

1.1.2. Die Formen des Traumas

Will man sich mit den Formen vom Trauma auseinandersetzen, so wird überhaupt zwischen individuellem und kollektivem Trauma unterscheiden. Daher soll eben angekündigt werden, dass beide Formen nicht als Gegensätze anzusehen sind, sondern hängen bestimmt voneinander ab.

1.1.2.1. Das individuelle Trauma

Vom individuellen Trauma wird gesprochen, wenn der Überlebende eines scheußlichen Ereignisses andauernd unter der Erfahrung dieses Geschehnisses leidet. Das Individuum ist wegen seiner Überforderung stets dazu gezwungen, sich wieder erinnernd, dem Geschehenen zu trotzen. Dieser Prozess der unwillkürlichen Wieder -Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit, der sich durch Trauma verdeutlicht, hängt von dem einzelnen Traumatisierten ab. Dies würde nicht bedeuten, dass in den meisten Fällen die traumatisierte Person einzeln die Erfahrung gemacht hat, zumal alleinerlebte Geschehnisse selten seien. In dieser Hinsicht gilt nach wie vor als bewiesen, dass ein und dasselbe Erlebnis bei einem Individuum aufgrund seiner Wahrnehmungs- und Verarbeitungsmöglichkeit traumatisierender als bei einem Anderen sein kann. Elena Schmidt ist derselben Meinung, wenn sie schreibt: „Individuen reagieren unterschiedlich in der gleichen Situation, abhängig von ihrem persönlichen Entwicklungshintergrund, der sich auf die Organisation ihrer Bewältigungs- und Verarbeitungsmöglichkeiten auswirkt.“ 31 Davon ausgehend wird der Umstand herausgestellt, dass die Opfer des Holocausts, um ein Exempel zu statuieren, je ihre eigene Art und Weise haben, dieses historische Vorkommnis zu verspüren. Einerseits gibt es einige, die von der traumatischen Lage so heimgesucht werden, dass es ihnen nicht gelungen ist, das Ereignis weder in ihrem Gedächtnis zu ertragen noch darüber zu sprechen und einfach die Entscheidung getroffen haben, sich ihrem Überleben ein Ende zu setzen. Andere im Gegensatz verfügten über die Fähigkeit, mit ihrem geschwächten Zustand weiterzuleben. Daraus wird deutlich, dass das individuelle Trauma dasjenige ist, das das Einzelne mit seiner eigenen Persönlichkeit direkt angeht. An dieser Stelle soll es nicht davon abgesehen werden, dass das individuelle Trauma immer sozial verankert ist; d.h., es ist erst in einem Kollektiv vorstellbar, wobei das Trauma in der Gesellschaft erwägungsbedürftiger wird. Dies würde aber nicht heißen, dass das individuelle Trauma von dem kollektiven unabhängig vorhanden sein kann: erst durch individuelle Erinnerung und Traumatisierung wird ein kollektives Bild des Traumatischen festgelegt. Hiermit wird also vielmehr darauf bestanden, dass sich das Trauma des Individuums im Falle von Kollektiverfahrungen – etwa den Kriegs- oder den Holocausterlebnissen – an jenem von anderen befestigt ist, mit denen es Zeugen dieser Erfahrungen war. Erst in der Wechselwirkung mit anderen Traumatisierten kann sich das Einzelne über das eigene Trauma klar werden.

1.1.2.2. Das kollektive Trauma

Mit dem Begriff des kollektiven Traumas wird auf Anhieb jenes Trauma bezeichnet, das nicht mehr das Einzelne, sondern eine gesellschaftliche oder kulturelle Gruppe sogar eine Nation anbelangt. Es handelt sich um eine Menge von Individuen, die gemeinsam Erfahrungen mit einem grausamen Geschehnis gemacht haben, und die unter dessen Auswirkungen leiden. Was die Eigenart des Traumas hier ausmacht, ist genau die Verbindung der traumatischen Erfahrungen von den Überlebenden. Im Grunde genommen weicht der Traumatisierungsgrad von einem Traumatisierten zu einem anderen ab, aber ihr Trauma geht öfters von derselben Erfahrung aus. Spezifisch hierzu ist

the way in which one’s trauma is tied up with the trauma of another, the way in which trauma may lead, therefore, to the encounter with another, through the very possibility and surprise of listening to another’s wound. 32

Das Trauma ist daher kollektiv bedingt, und hängt nicht mehr von dem Empfindungsvermögen jeglicher Überlebenden, sondern eher von dem Interesse der Gruppe und dem daraus erwünschten Bild.

In ihrer Reportage über „kollektive Traumata“ hat sich Angela Kühner grundsätzlich mit dem Begriff des kollektiven Traumas kritisch auseinandergesetzt. In ihrer Untersuchung wirft sie diesem Begriff die Tatsache vor, dass er erst für die Bezeichnung der Opfer von den Gewaltaktionen eines politischen Systems sei. Mit „kollektivem Trauma“ gilt – so Kühner – die Aufmerksamkeit endlich den Opfern. Kühner geht von der Annahme aus, dass es eben gerade dadurch schwierig ist, die Tatsache in dieses Konzept einzubeziehen, dass in sehr vielen Fällen von „kollektivem Trauma“ Täter und Opfer gemeinsam in einer und derselben Gesellschaft weiterleben. Daher kann dasselbe Ereignis sowohl für die Täter als auch für die Opfer als Ausgangspunkt oder als Medium zur Selbstreflexion in Betracht gezogen werden, obwohl sie bei dem Verlauf dieses Ereignisses ganz unterschiedliche Stellungen gehabt haben. Die Vernichtungslager und die Pogromnacht waren beispielsweise sowohl für die Juden als auch für die Anhänger bzw. Mörder des Nationalsozialismus traumatisierend. Deshalb bevorzugt Kühner das Konzept der „kollektiven Gewalt“ an Stelle von dem des „kollektiven Traumas“, wenn der Nachdruck auf die Täter gelegt werden will. Von dieser begrifflichen Sackgasse ausgehend unterscheidet sie unter dem Konzept des kollektiven Traumas zwischen „ kollektiviertem Trauma“ und „kollektivem symbolvermitteltem Trauma“.33 Mit dem kollektivierten Trauma bezeichnet sie den Prozess, mit dem ein geteiltes traumatisches Ereignis zum Teil der kollektiven Identität einer Gruppe wird. Der Ausdruck „Kollektives symbolvermitteltes Trauma“ dagegen rückt den Teil des Kollektivs in den Blick, der nicht an Trauma-Symptomen im engeren Sinne leidet, sondern durch Nähe zu und in partieller Identifikation mit den Opfern – „symbolvermittelt“ – schwer erschüttert ist.34 So gibt es zum Beispiel bestimmte Figuren in Werken, die wegen ihres beständigen Umgangs mit den Traumatisierten unter seelischen Störungen leiden. Diese für das Konzept „kollektives Trauma“ gemachte Deutlichkeit – und die eben für die vorliegende Arbeit von großer Notwendigkeit ist – besteht darin, Bedeutungsverschiebung bei der Bearbeitung der Traumata der Überlebenden im Zusammenhang mit ihrer Vergangenheit zu vermeiden. Im Rahmen dieser Arbeit wird also das Konzept „kollektives Trauma“ als Oberbegriff für die beiden anderen verwendet, zumal erst die Opfer überwiegend hier mitberücksichtigt werden. Eine andere Form vom Trauma, die dem ganz gerade Erläuterten nah ist; und die für diese Arbeit besprechungswert ist, lautet das kulturelle Trauma.

1.1.2.3. Das kulturelle Trauma

In seinem Buch über „cultural Trauma“ bestimmt Ron Eyerman den Begriff des „kulturellen Traumas“ im Gegensatz zu dem psychologischen Trauma, das eine Wunde und sogar eine Erfahrung von extremer emotionaler Angst bei dem Individuum verursacht. Unter kulturellem Trauma versteht er „a dramatic loss of identity and meaning, a tear in the social fabric, affecting a group of people that has achieved some degree of cohesion.“ 35 Von dieser Bestimmung aus lässt sich die Tatsache ans Licht bringen, dass das kulturelle Trauma jenes ist, das die Identität und den Zusammenhalt einer bestimmten kulturellen Gruppe beeinträchtigt. Daher sind die Mitglieder der betroffenen Gruppe mit einer neuen Herausforderung gestoßen, nämlich von ihren traumatischen Erfahrungen auszugehen, um ihre Identität wieder zu gewährleisten. So soll der hohe Stellenwert der kulturellen Identität in der Gesellschaft in Acht genommen werden, deren Ziel darin besteht, nicht nur die Eigenartigkeit jeder Gruppe zu bewahren, sondern auch eine bestimmte kulturelle Gruppe von einer anderen zu unterscheiden. In dieser Hinsicht ist das Konzept des Traumas nicht mehr auf ihren subjektiven Charakter – nämlich auf die individuelle Ebene – hingewiesen, sondern eher als einen kulturellen Prozess betrachtet, der als Ausgangspunkt zur Auseinandersetzung mit der kulturellen Identität und sogar dem kulturellen Gedächtnis gilt bzw. dient. Genau deswegen schreibt Ron Eyerman bekräftigend: „As cultural process, trauma is mediated through various forms of representation and linked to the reformation of collective identity and the reworking of collective memory.“ 36 Der Maßstab, der die Besonderheit des kulturellen Traumas ausmacht, ist seine Übertragung auf die nachkommenden Generationen. Damit wird das Kulturerbe beibehalten und soll noch weitergegeben werden. Über diesen Übertragungscharakter des kulturellen Traumas weist Rochelle V. Suri zu Recht darauf hin:

The group is affected by the experience in some form or another, and the residual effect of the experience may be passed on to several generations, thus resulting in future generations experiencing an innate sense of trauma even though it was not directly inflicted on them. 37

Von dieser Erläuterung Suris ausgehend lässt sich der Unterschied zwischen kollektivem und kulturellem Trauma deutlich feststellen. Während das kollektive Trauma seine Lebendigkeit bei den Zeitzeugen der traumatischen Ereignisse findet, erweist sich das kulturelle Trauma als Teil der Identität, der bewahrt und daher weitergegeben werden soll. Das kulturelle Trauma zielt überwiegend auf die Selbstlegitimation und –bestimmung der Gruppe und deren Gedächtnis, und das kollektive auf die Erhellung von Vergangenheitsversionen. So wird in folgender Arbeit auf beide Formen Bezug genommen.

1.1.3. Zu den Symptomen vom Trauma

Will man sich mit den Symptomen des Traumas beschäftigen, dann erweist sich die folgende Frage als erforderlich: woran erkennt man das Trauma bei einem Individuum? Oder wodurch wird das Trauma des Einzelnen38 offenbar? Es soll daher klargestellt werden, dass diese Symptome bei den Traumatisierten nicht immer identisch sind. Denn „what is perceived as a traumatic experience for one person may not necessarily be the same for someone else.“ 39 Jedes Individuum, das eine schreckliche Erfahrung erlebt hat, bringt auf eigene Weise sein Trauma zum Ausdruck.

Unter den Symptomen, die das Trauma eines Individuums zum Vorschein bringen, unterscheidet man zwischen dem Kontrollverlust, der Rache, und dem Schweigen oder dem Aussprechen.40 Das erste Symptom, das auf das Trauma bei einem Überlebenden hinweist, ist der Kontrollverlust bzw. „the loss of control“, wie Rochelle Suri schreibt. Mit dem Kontrollverlust hat der Traumatisierte keine Macht über sich selbst. Dies lässt sich dadurch begründen, dass wegen seiner Nichtlokalisierbarkeit

the traumatic experience is unexpected and sudden, individuals, more often than not, are unprepared for the situation. This can then result in a sense of feeling overwhelmed and helpless, leaving the individual feeling extremely vulnerable. 41

Dass sich das Individuum in diesem Gesichtspunkt durch seine Ohnmacht und seine Verwundbarkeit ausgezeichnet ist, geht mit der Tatsache einher, dass es nicht mehr imstande ist, seiner eigenen Handlung Herr zu werden. Der Traumatisierte handelt nun unbewusst und kann infolgedessen unerwünschte und sogar sinnlose Handlungen vollziehen.

Als offenbare Anwesenheit des Kontrollverlustes bei dem traumatisierten Individuum gilt die Rache oder die Rachephantasie als zweites Symptom des Traumas. Das Rachegefühl bei einem Traumatisierten ist für ihn ein Mittel, seinen Traumatisierungsgrad zum Vorschein kommen zu lassen. Im Falle einer Traumatisierungssituation besteht der Versuch des traumatisierten Menschen auf Anhieb darin, sein Trauma auf andere – und nämlich auf die Täter – zu übertragen. Daher drückt sich Martin Bergmann folgendermaßen aus:

Ob es uns gefällt oder nicht, die natürliche Reaktion auf ein Trauma ist der Wunsch, anderen dasselbe zuzufügen – nach Möglichkeit natürlich den Tätern, aber wenn dies nicht möglich ist, dann eben anderen. 42

Durch die Rache tritt der Traumatisierte mit seinem Selbstbild stets in Konflikt, in der Absicht, mit seinem Zustand des Dominierten, der Ohnmacht und des Leidenden Schluss zu machen. Dabei kann man schnell zu der Erkenntnis gelangen, dass dieses Rachegefühl bisweilen mit der Aggressivität oder der Rücksichtslosigkeit vom traumatisierten Einzelnen einhergeht.

Darüber hinaus ist das Begriffspaar Schweigen / Aussprechen als weiteres Symptom des Traumas nicht zu vernachlässigen. Judith Herman in ihrem Buch „Die Narben der Gewalt“ stellt Folgendes fest: „Der Konflikt zwischen dem Wunsch, schreckliche Ereignisse zu verleugnen, und dem Wunsch, sie laut auszusprechen, ist die zentrale Dialektik des Traumas.“ 43 Diese Dialektik, die in Hermans Feststellung hervorgehoben wird, spielt geradezu auf das Aussprechen und das Schweigen des Traumas an. Am Ende des zweiten Weltkrieges im Allgemeinen und des Nationalsozialismus im Besonderen – mit den damit verbundenen Begriffen wie Holocaust, Konzentrations- und Vernichtungslager, Auschwitz und Shoah – hat man zwischen zwei Gruppen von traumatisierten Überlebenden der Nazi-Gräueltaten unterschieden. Einesteils hat man mit diesen Traumatisierten zu tun, die wegen des Wahrheitsgrades ihrer Erlebnisse nicht fähig waren, sich zu Letzteren zu äußern. Sie verdrängen einfach diese Ereignisse und entscheiden darüber, sich in Schweigen zu hüllen. Paradoxerweise ist diese Verdrängung – Jean-François Lyotard zufolge – „bekanntlich keine Form des Vergessens, sondern im Gegenteil eine besondere hartnäckige Form der Konservierung.“ 44 Daher wird die Tatsache unterstrichen, dass sich das Individuum nicht so bloß seinen traumatischen Ereignissen entledigen kann. Dieses Schweigen ist für das Einzelne noch traumatisierender als die Erlebnisse selbst, indem das Trauma nicht nur das alltägliche Leben der traumatisierten Person schmerzlich berührt, sondern reißt auch den Verlust der menschlichen Beziehungen und den Wechsel der eigenen Weltauffassung mit sich fort. Im nachstehenden Zitat hebt Dori Laub diese zerstörerische Eigenschaft des Schweigens hervor:

Survivors who do not tell their story become victims of a distorted memory, that is, of a forcibly imposed “external evil”, which causes an endless struggle with and over a delusion. The “not telling” of the story serves as a perpetuation of its tyranny. The events become more and more distorted in their silent retention and pervasively invade and contaminate the survivor’s daily life. The longer the story remains untold, the more distorted it becomes in the survivor’s conception of it, so much so that the survivor doubts the reality of the actual events. 45

Daraus wird festgestellt, dass das Schweigen für den Überlebenden etwas Gefährliches ist, obwohl dieses Phänomen meistens ohne seinen eigenen Willen geschieht. Trotzdem soll die Aufmerksamkeit darauf gelenkt werden, dass dieses Schweigen in meisten Fällen ein Mittel für den Traumatisierten sei, sich persönlich mit eigenem Trauma bzw. eigenem Schicksal auseinanderzusetzen. Daher geht er von dem Umstand aus, dass die Hörenden nicht imstande seien, das wahrhaftig zu verstehen oder zu spüren, was er eigentlich erlebt hat, und was diese selbstgemachte Erfahrung für ihn bedeutet.

Anderenteils gibt es diese Gruppe von Traumatisierten, die sich durch ihre Fähigkeit zum Aussprechen auszeichnen. Das Aussprechen erscheint als Gegensatz zu dem Schweigen und beschreibt also das Vermögen der Traumatisierten, ausdrücklich ihre traumatischen Erlebnisse zu bearbeiten. Den meisten Überlebenden, die ihre traumatischen Ereignisse mehr oder weniger bewältigt haben, bleibt es nichts Anderes übrig, als ihre Erlebnisse zwischen einander und mit anderen zu teilen. Ziel dieses Aussprechens besteht für diese Traumatisierten darin, nicht nur die eigene Geschichte weltweit bekannt zu machen, um nach Mitleid zum einen und nach Überzeugungskraft zum anderen zu streben. Damit wird auch die aktive Funktion der Hörenden im Erzählprozess in den Vordergrund gestellt. Es ist meistens von ihnen erwartet und sogar verlangt, dass sie nicht nur den Individuen gegenüber mitleidig sind, die am Trauma leiden und über ihre erschütternden Erfahrungen sprechen, sondern auch, dass sie Verständnis für sie haben. Obendrein zielen die Traumatisierten mit ihrem Aussprechen zwischen einander darauf ab, ihre Schmerzen zu teilen. Diese Schmerzteilung ist für ihr Überleben von großem Belang, weil sie sich über den Umstand im Klaren sind, dass sie das Schreckliche nicht allein erlebt haben. Erst durch das Aussprechen stößt sich der Traumatisierte an der unvorstellbaren Wahrheit, die hinfort als Stützpunkt des eigenen Lebens und als Medium zur Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensgeschichte gilt. Indem sie diesen wichtigen Charakter des Aussprechens hervorhebt, schreibt Dori Laub:

The survivors did not only need to survive so that they could tell their stories; they also needed to tell their stories in order to survive. There is, in each survivor, an imperative need to tell and thus to come to know one’s story, unimpeded by ghosts from the past against which one has to protect oneself. One has to know one’s buried truth in order to be able to live one’s life. 46

Daraus kommt man zur Feststellung, dass das Aussprechen in der Trauma-Theorie Laubs eine Heilfunktion bei den Traumatisierten erfüllt. Mit dem Akt des Aussprechens tragen sie zur eigenen Stabilität bei. In dieser Hinsicht schreibt Sigmund Freud:

Ein starkes aktuelles Erlebnis weckt im Dichter die Erinnerung an ein früheres, meist der Kindheit angehöriges Erlebnis auf, von welchem nun der Wunsch ausgeht, der sich in der Dichtung seine Erfüllung schafft; die Dichtung selbst lässt sowohl Elemente des frischen Anlasses als auch der alten Erinnerung erkennen. 47

Damit wird der Umstand unterstrichen, dass die Dichtung für das einzelne Schreibende das geeignete Mittel ist, um sich von seinen gezwungenen Erinnerungen zu befreien. Mit dem Schreiben bzw. Aussprechen ist das Individuum ständig mit seinem Trauma vertraut und daher ihm bewusst. So gilt die Versprachlichung als Verarbeitungs- und Überwältigungsmittel des Traumas.

1.2. Der Trauma-Begriff in der Gedächtnisforschung

Aufgrund der in dem 20. Jahrhundert erlebten katastrophalen Ereignisse hat die Forschung über Erinnerung, Gedächtnis und Geschichtsschreibung in unterschiedlichen Disziplinen an Boden gewonnen. Da diese Ereignisse zur psychischen menschlichen Vernichtung, das heißt zum Trauma, geführt haben, sind die Interessen im Rahmen der Gedächtnis- bzw. Erinnerungsforschung inzwischen auf den Zusammenhang von Trauma, Erinnerung bzw. Gedächtnis und Identität gelenkt. Es geht darum zu zeigen, wie und mit welcher Intensität ein eigentlich in der Vergangenheit verursachtes Trauma in der Gegenwart fortwirken kann, indem es das gegenwärtige Erleben eines Individuums sehr stark beeinflusst, wenn nicht beeinträchtigt.48 Der Akt des Erinnerns kann also nicht nur vergangene traumatische Ereignisse im gegenwärtigen Leben des Opfers hervorrufen und ihm diesbezüglich den Weg zur ständigen Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit ebnen, sondern auch einen Einfluss auf dessen Identitätsauffassung üben.

1.2.1. Trauma und Erinnerung

Der Begriff „Erinnerung“ wird im Rahmen der Gedächtnisforschung im Zusammenhang mit dem des Gedächtnisses verwendet. Dies heißt überhaupt nicht, dass beide gleichbedeutend sind. Siegfried Schmidt bestimmt die Erinnerung als „eine kognitiv-psychische Konstruktion, die bewusst werden muss und dann sprachlich formuliert werden kann.“ 49 Die Erinnerung ist diesbezüglich eine geistige Tätigkeit, deren Ziel darin besteht, Zugang zu bestimmten vergangenen Ereignissen zu haben. Diese Erinnerungsfunktion lässt sich in dieser durch Astrid Erll entworfenen Bestimmung des Begriffs „Erinnern“ spüren: „Erinnern ist eine sich in der Gegenwart vollziehende Operation des Zusammenstellens (re-member) verfügbarer Daten.“ 50 Die Erinnerung, die auf das Ergebnis des Prozesses „Erinnern“ verweist, hängt immer mit der Gegenwart zusammen, denn die Gegenwart oder die gegenwärtige Lage ist für die zu erinnernden Teile der Erlebnisse ausschlaggebend. Dass Schmidt und Erll jeweils von „Konstruktion“ und „Verfügbarkeit“ sprechen, zeugt genau von der Trennschärfe von Geschehnissen. Daher soll der Eindruck nicht vermieden werden, dass beim Erinnern nicht nur schreckliche und grausame, sondern auch oft glückliche Erfahrungen mitberücksichtigt sind. Der Sieg bei einer Schlacht kann zum Beispiel auch einer Erinnerungskultur gehören.

Auf Grund von dem Gewaltgrad können frühere bzw. vergangene Ereignisse einfach weder vergessen noch verdrängt werden. Die Erfahrungen mit dem Holocaust waren für das jüdische Volk der Höhepunkt der Verbrechenshandlungen, die bis dahin mit dem Akt des Erinnerns traumatisierend geblieben sind. In dieser Hinsicht bringt Cathy Caruth die Tatsache zum Ausdruck, dass die Erfahrung mit dem Trauma „emerges as the unwitting reenactment of an event that one cannot simply leave behind.“ 51 Die Schreckensdeportationen, die Verfolgungen, die Ermordungen, die Vernichtungen, um nur diese zu erwähnen, verweisen also auf die historischen Grausamkeiten, die dem Trauma der Juden bis dahin unterliegen. Diese Grausamkeiten sind nicht spurlos an ihnen vorübergegangen, insoweit als sie inzwischen Teil ihres historisch kulturellen Bewusstseins geworden sind. Sie sind zwar in der Vergangenheit geschehen, aber bleiben bei dem Individuum merklich. Diese traumatischen Erlebnisse bedingen das gegenwärtige Leben der jüdischen Überlebenden und sind auch Teil ihrer Kultur. Davon ausgehend wird klar, „dass die jüdische Vergangenheit zumindest auf individueller Ebene noch nicht vergangen ist.“ 52 Als Bestandteil des jüdischen Gedächtnisses sollen diese traumatischen Erlebnisse durch die Erinnerung von Generationen zu Generationen weiter tradiert werden. In diesem Gesichtspunkt besteht der Zweck des Erinnerns darin, nicht nur das Vergangene vor dem Druck des Vergessens zu retten, sondern auch in der Selbstrettung von Beteiligten.

Dass die Erinnerung ein individueller Prozess ist, geht mit der Subjektivität des sich erinnernden Menschen und daher dem zu erinnernden Ereignis einher. Zwar haben die Traumatisierten die Geschehnisse gemeinsam erlebt, aber der Erinnerungsprozess bleibt subjektiv und selektiv. Astrid Erll weist darauf zu Recht, dass der „ Gegenwartsbezug“ und der „ konstruktive Charakter“ die beiden Hauptmerkmale sind, die die Eigenart der Erinnerung ausmachen. Durch Erinnerungen wird die Vergangenheit nicht abgebildet, sondern rekonstruiert. Diese Rekonstruktion hängt auch, wie bereits angedeutet, vom Gegenwärtigen des Überlebenden ab. Deshalb sind im Erinnerungsprozess bestimmte Ereignisse, die zum Nachteil von Anderen vorgezogen sind:

Erinnerungen sind keine objektiven Abbilder vergangener Wahrnehmungen, geschweige denn einer vergangenen Realität. Es sind subjektive, hochgradig selektive und von der Abrufsituation abhängige Rekonstruktionen. […] Vergangenheitsversionen ändern sich mit jedem Abruf, gemäß den veränderten Gegenwarten. 53

Was in dieser Äußerung Erlls bedeutend und für die vorliegende Arbeit aussagekräftig ist, ist der Umstand, dass die Aufmerksamkeit bei der Auseinandersetzung mit den traumatischen Erinnerungen nicht vorwiegend auf die Ereignisse selber, sondern eher auf die gegenwärtigen Verhältnisse gelenkt ist, die diese Erinnerungen bedingen oder hervorrufen. So wird im Rahmen dieser Arbeit untersucht, was die Figuren dazu bringen, sich an ihre traumatische Vergangenheit wieder zu erinnern.

Exkurs: Zur „kalten“ und „heißen“ Erinnerung

Das Ziel des folgenden Exkurses liegt darin, den Eventualfall sichtbar anzubringen, dass die Erinnerung an vergangene Ereignisse in meisten Fällen durch das politische System geregelt ist. Zudem werde ich auch von diesem Exkurs ausgehen, um genau die Zweckbestimmtheit der Trauma-Inszenierung in den beiden schon erwähnten Kontexten bzw. Gesellschaften untersuchen zu können.

In seinem Buch Das wilde Denken (1962) unterscheidet der französische Ethnologe Claude Gustave Levi-Strauss zwischen zwei Formen von Gesellschaften, die wieder von Jan Assmann in seiner weiteren oder tiefen Auseinandersetzung mit dem Begriff „Erinnerung“ aufgenommen werden. Aufgrund ihres politischen Interesses und ihrer Stellungnahme der Vergangenheit gegenüber unterscheidet Levi-Strauss zwischen „kalten“ und „heißen“ Gesellschaften. Unter dem Begriff „kalte Gesellschaften“ versteht er solche Gesellschaften, die danach streben, „Kraft der Institutionen, die sie sich geben, auf quasi automatische Weise die Auswirkungen zum Verschwinden zu bringen, die die geschichtlichen Faktoren auf ihr Gleichgewicht und ihre Kontinuität haben könnten.“ 54 Die kalten Gesellschaften zeichnen sich also durch ihren Konservatismus aus. Sie sind gegen den Wandel, die Innovation und plädieren für die Bewahrung der eigenen Grundsätze; und widersetzen sich jenem Veränderungsgedanken, der von der Geschichte hervorgerufen werden kann und folglich derer Stabilität und Stetigkeit Abbruch tun kann. Daher kann auch von der Passivität der Individuen bzw. Mitglieder dieser Gesellschaften ihrer Vergangenheit gegenüber gesprochen werden. In solchen Gesellschaften ist die Geschichte bzw. die Vergangenheit als Missgeschick angesehen und ganz einfach beseitigt oder außer Acht gelassen. In diesem Blickwinkel gehört die Vergangenheit manchmal zum Tabu, vor allem, wenn Letztere das von der politischen Kultur festgelegte Selbstbild der ganzen Gesellschaft oder Nation wahrscheinlich abwandeln kann. Davon ausgehend spricht der Ägyptologe Jan Assmann in seinem Buch „das kulturelle Gedächtnis“ von der kalten Erinnerung. Im Zusammenhang mit kalten Gesellschaften versteht Assmann unter kalter Erinnerung jene Erinnerung, bei der die Mitberücksichtigung von Geschichte in bestimmten politischen Diskursen und Anschauungen verhindert werden muss. In kalten Gesellschaften ist die Erinnerung folgerichtig von dem politischen System und dessen Leitgedanken bedingt. Wie bereits vermerkt, wird in dieser Blickrichtung nur an solche Ereignisse erinnert, die ein Bild der Kontinuität und der Bewahrung der politischen Interessen in der Gesellschaft gewährleisten. Selbstverständlich ist es also, dass es bestimmte Vorkommnisse gibt, die bei der Auseinandersetzung mit der Nationalgeschichte oder -vergangenheit stets in Betracht gezogen werden sollen. Diesbezüglich schreibt Jan Assmann: „Der Sinn, der hier erinnert wird, liegt im Wiederkehrenden, Regelmäßigen, nicht im Einmaligen, Außerordentlichen. Er liegt in der Kontinuität, nicht in Bruch, Umschwung, und Veränderung.“ 55

Als Gegensatz zu kalten stehen heiße Gesellschaften. Mit diesem Begriff werden solche Gesellschaften – so J. Assmann im Anschluss an C. Lévi-Stauss – beschrieben, die durch ein „gieriges Bedürfnis nach Veränderung“ gekennzeichnet sind und die ihre Geschichte verinnerlicht haben, um sie zum Motor ihrer Entwicklung zu machen.56 Von hervorragender Bedeutung hier ist nicht nur die Funktion oder die Rolle, die der Geschichte in solchen Gesellschaften zugeschrieben wird, nämlich die der Grundbasis der Entwicklung; sondern auch den Umstand, dass das gierige Bedürfnis nach Veränderung das unabdingbare Mittel dieser Entwicklung ist. Die Geschichte, die in dieser Hinsicht als Stützpunkt zur Selbstbestimmung und –wahrnehmung gilt, erscheint für die betroffenen Gesellschaften nicht mehr als Geschick, sondern als Chance. Zuwider den kalten Gesellschaften, die sich durch ihre „Geschichtslosigkeit“ und „fehlendes Geschichtsbewusstsein“ auszeichnen würden, dient die Vergangenheit in den heißen Gesellschaften der ständigen Überholung der eigenen Identität und der Legitimation von diesen Letzteren. Denn ohne Geschichte kann ein Volk zum Beispiel weder über seine Herkunft Bescheid wissen, noch seine Eigenart festlegen. Mit der „heißen“ Erinnerung wird gewissermaßen jene bezeichnet, bei der beständig sowohl glückliche als auch traumatische Erfahrungen oder Erlebnisse im Erinnerungsprozess Rücksicht genommen wird. Am wichtigsten hierhin ist der Trend zur Veränderung und Entwicklung einerseits und zur Herausbildung eines richtigen Geschichtsbewusstseins andererseits. Den Mitgliedern der heißen Gesellschaften liegt es am Herzen, von ihren Schattenseiten bzw. Schwächen der Vergangenheit auszugehen, um dem Gegenwärtigen Wert zu verleihen und die Zukunft richtig in Aussicht zu nehmen. Für Assmann gelten Sinn, Bedeutsamkeit und Erinnerungswürdigkeit als die Besonderheiten dieser Gesellschaften.

Aus diesem Exkurs lässt sich herausstellen, dass sich Gesellschaften aufgrund persönlicher Interessen und kollektiver Selbstbilder heiße oder kalte Erinnerung leisten können. Meines Erachtens lohnt es sich hier, sich mit dem Ausdruck „heiße bzw. kalte Gesellschaften“ kritisch auseinanderzusetzen. Dabei gehe ich von dem Umstand aus, dass die Bezeichnung ‚heiß‘ oder ‚kalt‘ vielmehr als eine Zuschreibung zu erwägen ist, und nicht tastbare Eigenschaften bestimmter Gesellschaften. Deshalb würde ich das Wort „Einstellung“ anstelle von „Gesellschaften“ bevorzugen bzw. begünstigen, nämlich heiße oder kalte Einstellung, in Beziehung zur Geschichtsauffassung in einzelnen jeweiligen Gesellschaften. Wichtig aber bleibt die Tatsache, dass es in Anlehnung an Jan Assmann nicht unbedingt notwendig ist, eine Wahl zwischen den beiden Optionen zu treffen; denn sie sollen nicht als Gegensätze betrachtet werden. Vielmehr soll eine gewissenhafte Gesellschaft eine heiße und eine kalte Einstellung haben, was die Auseinandersetzung mit eigener Vergangenheit anbelangt. Erst durch die ständige Bearbeitung dieser Vergangenheit kann sich eine Gesellschaft wirklich einem echten Geschichtsbewusstsein über eigene Vergangenheit und einer wahren Identität über sich selbst gönnen.

1.2.2. Trauma und Identität

Das Wort „Identität“ kommt aus dem Lateinischen identitas und besagt ‚Wesenseinheit‘. Die Identität verweist auf die Fähigkeit des Sich-Bestimmens, des Sich-Begreifens, oder noch der Selbstbeherrschung. Das Gegenteil wird oft als ‚Identitätskrise‘ bezeichnet. In ihrem Buch Der lange Schatten der Vergangenheit schreibt Aleida Assmann:

Menschen sind als Individuen zwar ‹unteilbar›, aber keineswegs selbstgenügsame Einheiten. Sie sind immer schon Teil größerer Zusammenhänge, in die sie eingebettet sind und ohne die sie nicht existieren könnten. Jedes ‹Ich› ist verknüpft mit einem ‹Wir›, von dem es wichtige Grundlagen seiner eigenen Identität bezieht. 57

In dieser Äußerung macht Aleida Assmann die natürliche Interaktion zwischen menschlichen Lebewesen, nämlich zwischen dem Individuum (dem Ich) und dem Kollektiv (dem Wir) bedeutungskräftig. Von dieser Interaktion ausgehend unterscheidet Jan Assmann zwischen zwei Formen von Identität: der „Ich-Identität“ und der „Wir-Identität“. Dass sich das ‹Ich› bei der Identitätsauffassung von Jan Assmann noch in die „individuelle“ und „personale“ Identität einteilen lässt, soll hier beachtet werden. Was das ‹Wir› angeht, verweist sie auf die kollektive Identität. Durch die nachfolgende Abbildung lässt sich diese Kategorisierung des Begriffs Identität bei Jan Assmann spüren:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Schema 1: Die Formen der Identität bei Jan Assmann58

Diese drei Identitätsauffassungen sind einer kurzen Erläuterung wert, sodass die Spezifizität jeder Form ans Licht gebracht werden kann. Unter dem Begriff der „individuellen Identität“ versteht man

das im Bewusstsein des Einzelnen aufgebaute und durchgehaltene Bild der ihn von allen („signifikanten“) Anderen unterscheidenden Einzelzüge, das am Leitfaden des Leibes entwickelte Bewusstsein seines irreduziblen Eigenseins, seiner Unverwechselbarkeit und Unersetzbarkeit. 59

Von dieser Begriffsbestimmung ausgehend wird deutlich herausgestellt, dass die individuelle Identität jene ist, die von der Eigenheit des Einzelnen zeugt, und es folgerichtig von den anderen unterscheidet. Sie liefert dem Individuum Schlüssel zur Selbstbestimmung und das Bewusstsein der Selbstlegitimation. Durch diese Identitätsform betrachtet sich das Individuum als Mensch zwischen anderen Menschen, da sie dessen Dasein bzw. Existenz gewährleistet. Unter den Kriterien, die die individuelle Identität eines Menschen ausmachen, hat man den Namen und in einigen Fällen das Geburtsdatum. Ein Individuum existiert, wenn es von seinem Namen identifiziert und von den Anderen unterschieden werden kann. Daher wird der Gedanke gerechtfertigt, dass das Einzelne weder verwechselt noch ersetzt werden kann: der verstorbene Vater eines Kindes kann daher beispielsweise nicht ersetzt werden; es kann zwar einen Vormund im Leben haben, aber nicht mehr seinen biologischen Vater. Dies lässt mehr oder weniger den Einfall verraten, dass sich die individuelle Identität mit dem Tod des Einzelnen auslöscht; deshalb beruht sie sich auf der „Kontingenz eines Lebens, seinen ‚Eckdaten‘ von Geburt und Tod, auf d[er] Leibhaftigkeit des Daseins und seiner Grundbedürfnisse.“ 60

Neben der individuellen Identität bestimmt Jan Assmann den Begriff „personale Identität“ als „der Inbegriff aller dem Einzelnen durch Eingliederung in spezifische Konstellationen des Sozialgefüges zukommenden Rollen, Eigenschaften und Kompetenzen.“ 61 Die personale Identität ist also diejenige, die die Rolle eines Individuums in einer bestimmten Gemeinschaft festlegt. Diese Rolle hat nichts mit der Geburt, geschweige denn mit der Herkunft des betroffenen Einzelnen, sondern viel mehr mit seinen eigenen Kompetenzen und Fertigkeiten zu tun. In diesem Gesichtspunkt beruht sich die personale Identität – Jan Assmann zufolge – auf der sozialen Anerkennung und Zurechnungsfähigkeit des Individuums. Die Leistungen, die diese Anerkennung ausmachen und dessen Wirksamkeit gewährleisten, sind von der Sozialisation bedingt. Die Sozialisation liegt folglich der personalen Identität des Menschen zugrunde. Dies geht implizit mit der Ersetzbarkeit dieser Identitätsform einher. Der Leiter einer Gruppe oder eines Verbands ist beispielsweise zwar derjenige, der über die erforderlichen Fähigkeiten verfügt. Er ist aber weder der Einzige, der diese Kompetenzen besitzt; noch sind Letztere bei ihm angeboren. Daher kann es vorkommen, dass er stirbt und er ersetzt wird; wichtig aber ist, dass diese Gruppe oder dieser Verband fortleben wird. Es soll trotzdem der Umstand deutlich gemacht werden, dass beide Identitätsformen kulturell beeinflusst sind. Beide Identitätsaspekte sind auch Sache eines Bewusstseins, das durch Sprache und Vorstellungswelt, Werte und Normen einer Kultur und Epoche in spezifischer Weise geformt und bestimmt wird.62

Was die kollektive oder die Wir-Identität anbelangt, wird sie bestimmt als

das Bild, das eine Gruppe von sich aufbaut und mit dem sich deren Mitglieder identifizieren. Kollektive Identität ist eine Frage der Identifikation seitens der beteiligten Individuen. Es gibt sie nicht „an sich“, sondern immer nur in dem Masse, wie sich bestimmte Individuen zu ihr bekennen. 63

Die kollektive Identität existiert physisch nicht, sondern ist Ergebnis eines Konstrukts von einer bestimmten Gruppe. Sie legt also die Eigenheit und die Sonderbarkeit der ganzen Gruppe fest. Dieses aufgebaute Bild ist von den Individuen getragen, die der Gruppe gehören und die die Lebendigkeit Letzterer versichern. Die Zugehörigkeit des Einzelnen zu der betroffenen Gruppe erfolgt – wie der Autor selbst in der oben entworfenen Definition hervorgehoben hat – durch das Phänomen der Identifikation. Es handelt sich hierhin um eine Gruppe von Individuen, die etwas Gemeinsames im Hintergrund haben, das ihre Einheit und Eigenart gewährleistet.

Im Rahmen der Gedächtnisforschung wird auch nach dem Zusammenhang zwischen Trauma und Identität gefragt. Vorher wird gezeigt, dass traumatische Erfahrungen, die vom traumatisierten Individuum verfolgt und verdrängt werden, unfreiwillig durch den Erinnerungsprozess wiederkehren, um ihn ständig zu quälen. Da sich die traumatische Erinnerung im Bewusstsein des Einzelnen regelmäßig durchsetzt, geht mit dem Umstand einher, dass seine Identität andauernd wechselbar bleibt. Davon ausgehend wird deutlich, dass Identität nicht etwas Angeborenes und Statisches ist, sondern das Ergebnis eines ständigen Prozesses der Selbstkonstruktion.64 Diese Konstruktion greift auf bestimmte Ereignisse der Vergangenheit zurück, die für die Selbstbestimmung des Individuums oder der Gruppe bekräftigend sind. An dieser Stelle soll darauf bestanden werden, dass die Vergangenheit im Prozess der Identitätsbildung ausschlaggebend ist. In Anlehnung an den Ethnologe Rüdiger Schott schreibt Jan Assmann: „Gruppen stützen typischerweise das Bewusstsein ihrer Einheit und Eigenart auf Ereignisse der Vergangenheit. Gesellschaften brauchen die Vergangenheit in erster Linie zum Zwecke ihrer Selbstdefinition.“ 65 In dem Identitätsbildungsprozess haben nicht nur glückliche Ereignisse – etwa der Sieg bei einer Schlacht oder bei einem Wettbewerb –, sondern auch unglückliche bzw. traumatische Erlebnisse teil. In dieser Hinsicht kann sich der überlebende Jude nicht bestimmen, indem er von seinen leidenschaftlichen oder schmerzhaften Erfahrungen im Zeitalter des Nationalsozialismus absieht. Die Vergangenheit steht folgerichtig im engen Zusammenhang mit der Gegenwart und der Zukunft des Menschen oder der Gruppe. Genau deshalb schreibt Miguoué:

Die Konstruktion oder Rekonstruktion der Identität besteht oft darin, eine logische Kette zwischen Gegenwärtigem, Vergangenem und Zukünftigem herzustellen. In diesem Prozess der Stiftung einer individuellen oder kollektiven Identität sind nicht nur glückliche Erinnerungen an Ereignisse der Vergangenheit wichtig. Auch traumatische und traumatisierende Situationen können in diesem Fall identitätsstiftend sein. 66

Das Bild, das man über sich selbst hat, kann ausgehend von dem obigen Zitat nicht immer etwas Kohärentes sein. Denn Identität hängt immer mit den Erfahrungen und Erlebnissen des einzelnen Menschen zusammen; das heißt mit seiner Biografie. Diese biografischen und auch traumatisierenden Erlebnisse sind im Bewusstsein des Lebewesens so verankert, dass sie dessen Leben in der Gegenwart zum großen Teil bedingen. Sie bestimmen also nicht nur die Denkweise und die Handlungsweise des Traumatisierten, sondern auch seine Weltanschauung.

1.2.3. Trauma und Geschichte

Zwischen Trauma und Geschichte besteht es eine wechselseitige Beziehung. Kurz zuvor ist zur Erkenntnis gelangen worden, dass traumatische Erfahrungen der Vergangenheit für die Selbstauffassung und -bestimmung des Menschen im Gegenwärtigen bedeutsam sind. Diese traumatischen Ereignisse, die im heutigen Leben des Überlebenden und zum Bildungsprozess dessen Identität einen erheblichen Beitrag leisten, sind durch die Zeugniskraft der Geschichte abgerufen. Die Geschichte gilt in dieser Hinsicht als Überprüfungs- und Bearbeitungsmedium des Traumas von Menschen. Ein Individuum ist immer durch ein bestimmtes historisches Vorkommnis traumatisiert, und Letzteres ist infolgedessen Unterpfand seines Traumas.

Das Trauma seinerseits übt auch großen Einfluss auf die Geschichte aus. Durch seinen Wiederholungscharakter rettet das Trauma die geschichtlichen Ereignisse vor dem Verschwinden bzw. dem Vergessen. Mit der Erfahrung des Traumas erlebt man vergangene Geschehnisse wieder. Genau deshalb schreibt Cathy Caruth: „the historical power of the trauma is not just that the experience is repeated after its forgetting, but that it is only in and through its inherent forgetting that it is first experienced at all.“ 67 Das Trauma hat nicht nur diese Fähigkeit, vergangene Ereignisse in Erinnerung zu rufen, sondern auch ermöglicht die Stabilisierung des Ereignisses im Gedächtnis. Erst beim ständigen Wiedererleben der traumatischen Ereignisse wird das Traumatisierte über seinen Zustand bewusst. Das Trauma macht diesbezüglich die Geschichte lebendig und gibt auch dem Individuum Zugang zu jenen entsetzlichen Geschehnissen, die jenseits des Bewusstseins des Menschen liegt: „Das Trauma stabilisiert eine Erfahrung, die dem Bewusstsein nicht zugänglich ist und sich im Schatten dieses Bewusstseins als eine latente Präsenz festsetzt.“ 68 Da die Auseinandersetzung mit dem Trauma auch gleichzeitig die mit der Geschichte bzw. Vergangenheit voraussetzt, kann das Trauma in diesem Blickwinkel als geeignetes Medium zur Vergangenheitsverarbeitung und -schätzung gelten. Diesbezüglich kann der Wahrheitsgrad der Geschichte untersucht und bewiesen werden. Das Trauma legt also Zeugnis von der Geschichte ab. Erst durch das Trauma der überlebenden Juden oder der in einzelnen literarischen Kunstwerken inszenierten jüdischen Figuren ist man beispielsweise zu der Erkenntnis gelangen, dass sich der Holocaust und besonders die Shoah69 wirklich ereignet hat, und wie sie für die Juden oder die jüdische Minderheit verhängnisvoll war. Wenn die Geschichte auch traumatische Erlebnisse beinhaltet, die für die Identitätsauffassung des Individuums störend sind, dann bleibt die Frage zu wissen relevant, ob die Vergangenheit für das Einzelne noch notwendig ist.

1.3. Von der Notwendigkeit der Vergangenheit

„Eine Nation lebt nur, indem sie ihre Vergangenheit wiederaufleben lässt.“ 70, schreibt der ägyptische Autor Muhammad Husayn. In derselben Blickrichtung hebt Friedrich Nietzsche den Umstand hervor, dass „jeder Mensch und jedes Volk […] je nach seinen Zielen, Kräften und Nöthen [sic]eine gewisse Kenntnis der Vergangenheit braucht.“ 71 In diesen Äußerungen setzen sich die Autoren nämlich mit der Sonderstellung bzw. dem Stellenwert der Vergangenheit auseinander. Dabei lenken sie die Aufmerksamkeit auf die Tatsache, dass die Vergangenheit das Bestehen eines Individuums, einer Nation bzw. Gesellschaft ausmacht. Jeder Mensch bzw. jede Nation hat also eine Geschichte, die nicht nur ihre Eigenart festlegt, sondern auch die Informationen über deren Herkunft und Entwicklung liefert. Die Geschichte bestimmt darüber hinaus die kulturellen Prägungen einer Gesellschaft, nämlich das Denken, das Handeln und die Weltauffassung. Noch bedeutungskräftig in diesen Äußerungen ist, dass diese Vergangenheit in diesem Kontext der Geschichtsbewahrung nicht nur als Besitz gilt, sondern soll ständig das gegenwärtige Leben der betroffenen Nation bestimmen. In diesem Standpunkt besitzt jede Nation oder jede gesellschaftliche Gruppe in ihrer Vergangenheit – wie J. G. Droysen es genau formuliert – „gleichsam die Erklärung und das Bewusstsein über sich selbst, – ein Gemeinbesitz der Beteiligten, der ihre Gemeinschaft umso fester und inniger macht, je reicher er ist.“ 72 Dabei geht Droysen von dem Umstand aus, dass es bestimmte Angelegenheiten bzw. Besorgnisse über das Wesen der Nation gibt, die erst anhand der Geschichte verdeutlicht werden können. Dies setzt diesbezüglich den Einfall voraus, dass eine lebendige Nation jene ist, die sich regelmäßig mit seiner Vergangenheit auseinandersetzt. Dieses Orientierungsvermögen –, das meinetwegen hauptsächlich ist – entspricht genau dem der „heißen“ Gesellschaften.

Bereits im obigen Exkurs wird festgestellt, dass heiße Gesellschaften durch einen bestimmten Entwicklungssinn ausgezeichnet sind. Dieses fortwährende Trachten nach der Entwicklung beruht selbstverständlich auf der Vergangenheitskraft. In dieser Richtung wird die Vergangenheit zum Motor bzw. Mittel der Entwicklung von einer Nation erhebt, sei sie traumatisch oder nicht. Denn traumatische Vergangenheit kann trotz ihrer betrüblichen Natur – wie bereits erwähnt – für die Identitätsauffassung erforderlich sein. Mit den Erfahrungen des Holocaust zum Beispiel wird nicht mehr von den im Rahmen dieser Arbeit untersuchten jüdischen Figuren erwartet, dass ihr Selbstbild bzw. ihre Identität einheitlich ist. Das Traumatische und das Leiden sind unterdessen Teil ihrer Identität geworden. An dieser Stelle soll der Gedanke zum Vorschein gebracht werden, dass erst durch eine echte und beständige Bearbeitung der Vergangenheit einige Fehler in der Gegenwart verbessert werden können.

In dem vorliegenden Kapitel widmete ich mich dem Begriff des Traumas im Rahmen der Gedächtnisforschung. Von dieser Auseinandersetzung ausgehend bin ich zur Feststellung gelangen, dass das Trauma einen erheblich zerstörerischen Einfluss auf das Bewusstsein ausübt. Da es im Gedächtnis des einzelnen Traumatisierten nicht lokalisierbar erscheint, liegt das Trauma jenseits des Verständnisses des leidenden Menschen. Diesem Trauma liegen bestimmte schreckliche vergangene Ereignisse zugrunde. Traumatisch für das Individuum aber ist nicht das Ereignis selbst, sondern vielmehr dessen ausdauerndes Wiedererleben durch gezwungene Erinnerungen und Halluzinationen; denn das Trauma kommt nicht unmittelbar nach dem Erlebnis zum Ausdruck, sondern ist durch seine Nachträglichkeit und seine Wiederholung ausgezeichnet. Das Trauma hängt mit einigen Begriffen wie Identität, Erinnerung und Geschichte zusammen. In der zeitgenössischen Gesellschaft ist die Beschäftigung mit dem Trauma für manche Schriftsteller ein Hang – oder eine Aufgabe, wenn nicht übertrieben wird – geworden. Als Teil der Geschichte und folglich der Identität soll es bewahrt werden. Die sich mit dem Trauma in ihren Kunstwerken auseinandersetzenden Schriftsteller leisten also eine Erinnerungsarbeit, die die Geschichte oder die Vergangenheit aktiv hält und für das kollektive Gedächtnis sinnstiftend ist. Diese Beziehung zwischen Geschichte, Literatur und Gedächtnis bildet gerade das zweite Kapitel der folgenden Arbeit.

[...]


1 Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck, Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Bd. 2, Stuttgart, 1979, S. 593; zit. nach Joseph Gomsu, Das Unvergangene: Erinnerung und Mythen in Herero von Gerhard Seyfried, S. 1 [Unveröffentlichtes Manuskript]

2 Hermann Glaser, kleine deutsche Kulturgeschichte von 1945 bis heute, S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main, 2004, S. 17

3 Wolfgang Zander, Kinder und Jugendliche als Opfer: Die traumatisierenden Einflüsse der NS-Zeit und des zweiten Weltkrieges; in: Ute Benz und Wolfgang Zander, Sozialisierung und Traumatisierung: Kinder in der Zeit des NS, 3. Auflage, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1992, 128 – 140, S. 129

4 Birgit Neumann, Trauma und Literatur; in : Ansgar Nünning (Hrsg.), Metztler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie: Ansätze – Personen – Grundbegriffe, vierte, aktualisierte und erweiterte Auflage, Stuttgart .Weimar, J.B.Metztler’sche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag, 2008, 728 - 729, S. 728

5 Michaela Pöschl, Trauma and the narrative structure of the contemporary South African novel, Wien, 2011, aus http://othes.univie.ac.at/14477/1/2011-05-10_0506703.pdf, am 25/06/2014 um 23:24

6 a. a. O., S. 9

7 Julia Herzog, Transgenerational Trauma in the Contemporary South African Novel, Wien, 2013, aus http://othes.univie.ac.at/28455/1/2013-05-23_0700250.pdf, am 25/06/2014 um 12:42

8 a. a. O. S. 1

9 Simone Nachbaur, Die Kommunikation von Holocaust-Traumata in Jurek Beckers Romanen „Jakob der Lügner“, „Der Boxer“, und „Bronsteins Kinder“, Wien, 2009, abgerufen unter http://othes.univie.ac.at/4527/1/2009-04-02_9604486.pdf, am 25/06/2014 um 12:55

10 a. a. O. S. 5

11 Martina Katrin Hamidouche, Gedächtnis und Trauma im zeitgenössischen österreichischen Familienroman, University of Illinois at Urbana, Champaign, 2011, im Internet unter https://www.ideals.illinois.edu/handle/2142/26276, abgerufen am 25/06/2014 um 13:00

12 a. a. O., S. ii

13 Jean Paul Sartre, 1981, S. 34 ; zitiert nach Jürgen Schutte, Einführung in die Literaturinterpretation, J. B. Metzler Verlag, Stuttgart, 1985, S. 44

14 Ebd.

15 Vgl. Ebd.

16 Vgl. Ebd.

17 Vgl. Ebd.

18 Dorothee Birke und Stella Butter, Methoden psychoanalytischer Ansätze; in: Vera Nünning und Ansgar Nünning (Hrsg.), Methoden der literatur- und kulturwissenschaftlichen Textanalyse, Ansätze – Grundlagen – Modellanalysen, J. B. Metzler Verlag, Stuttgart . Weimar, 2010, 51 – 70, S. 56

19 Vgl. Carl Pietzcker, zum Verhältnis von Traum und literarischem Kunstwerk; in: Johannes Cremerius (Hrsg.), psychoanalytische Textinterpretation, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 1974, 57 – 68, hier 57 – 60, S. 15

20 Ansgar Nünning, kulturelles Gedächtnis, in: Ansgar Nünning (Hrsg.), Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie, 239 – 240, S. 239

21 Rainer Baasner und Maria Zens, Methoden und Modelle der Literaturwissenschaft, eine Einführung, 3. Aufl., Erich Schmidt Verlag GmbH & Co., Berlin, 2005, S. 242

22 Siegfried J. Schmidt, Gedächtnis und Gedächtnistheorien, in: Ansgar Nünning (Hrsg.), a. a. O., 237 -239, S. 238

23 Ibrahima Diagne, Gedächtnis, Erinnerung und Identität, in: Ibrahima Diagne (Hrsg.), koloniale Vergangenheit und deutsch-afrikanische Erinnerungsorte, MONT CAMEROUN, Dschang, 2010, N° 7, 5 - 17, S. 7

24 Margret Dörr et al., Einleitung; in: Margret Dörr et al. (Hrsg.), Erinnerung – Reflexion – Geschichte. Erinnerung aus psychoanalytischer und biographietheoretischer Perspektive, GWV Fachverlage, Wiesbaden, 2008, 7 – 17, S. 7

25 Cathy Caruth, unclaimed experience. Trauma, Narrative, and History, The Johns Hopkins University Press, Baltimore and London, 1996, S. 11

26 Gottfried Fischer und Peter Riedesser, Lehrbuch der Psychotraumatologie. 3. Auflage. München, 2003, S. 82; zitiert nach Elena Schmidt, Möglichkeiten und Grenzen von Wahrheitskommissionen und Straftribunalen zur Aufarbeitung „kollektiver Traumata“, S.10. Im Internet unter: http://www.gsi.unimuenchen.de/forschung/forsch_zentr/forschung_3_welt/arbeitspapier/ap48.pdf, abgerufen am 16/04/2016 um 15:38

27 Birgit Neumann, Trauma und Traumatheorien, in: Ansgar Nünning (Hrsg.), Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie, Ansätze, S. 730

28 Cathy Caruth, Introduction, in: Cathy Caruth (Hrsg.), Trauma: explorations in memory, The Johns Hopkins University Press, Baltimore and London, 1995, 3 – 12, S. 9

29 Cathy Caruth, unclaimed Experience, S. 2

30 A. a. O., S. 6

31 Elena Schmidt, a. a. O., S. 12

32 Cathy Caruth, a. a. O., S. 8

33 Angela Kühner, kollektive Traumata. Annahmen, Argumente, Konzepte, herausgegeben vom Forschungszentrum für konstruktive Konfliktbearbeitung, Berghof, 2002, S. 15

34 Vgl. Ebd.

35 Ron Eyerman, cultural trauma. Slavery and the Formation of African American Identity, Cambridge University Press, 2003, S. 2

36 A. a. O., S. 1

37 Rochelle V. Suri, causes of trauma, in: Charles R. Figley (Hrsg.), Encyclopedia of Trauma. An interdisciplinary guide, SAGE Publications, 2012, 674 – 676, S. 675

38 Obwohl sich die Symptome hier auf das Individuum beziehen, können sie bei mehreren Traumatisierten identisch sein.

39 Rochelle V. Suri, causes of trauma, a. a. O., S. 674

40 Ich habe mich zielbewusst im Rahmen dieser Arbeit nur auf diese drei Symptome beschränkt. Was die anderen Symptome anbelangt, siehe Angela Kühner, a. a. O.

41 Rochelle V. Suri, a. a. O., S. 674

42 Martin Bergmann, 1993, S. 20; zitiert nach Angela Kühner, a. a. O., S. 37

43 Judith Herman, Die Narben der Gewalt, München, 1993, S. 9; zitiert nach Angela Kühner, S. 26

44 Jean-François Lyotard, Heidegger und ‹Die Juden›, Editions Passagen, Wien, 1988; zitiert nach Aleida Assmann , Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses, C. H. Beck Verlag, München, 1999, S. 261

45 Dori Laub, Truth and Testimony: The Process and The Struggle; in : Cathy Caruth (Hrsg.), Trauma: explorations in memory, 61 – 75, S. 64

46 Dori Laub, a. a. O., S. 63

47 Sigmund Freud, Studienausgabe in zehn Bänden. Hrsg. von Alexander Mitscherlich, Angela Richards und James Strachey, Frankfurt am Main, 1972, 177f; zitiert nach Dieter Gutzen, Norbert Oellers und Jürgen H. Petersen, Einführung in die neuere deutsche Literaturwissenschaft. Ein Arbeitsbuch, 6., Aufl., Erich Schmidt Verlag, Berlin, 1989, S. 262

48 Vgl. Martina Hamidouche, a. a. O., S.39

49 Siegfried J. Schmidt, Gedächtnis und Gedächtnistheorien, in: Ansgar Nünning (Hrsg.), Metztler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie, S. 238

50 Astrid Erll, Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen – Eine Einführung, J. B. Metzler, Weimar, 2005, S. 7

51 Cathy Caruth, Unclaimed experience, S. 2

52 Jean Bertrand Miguoué, Jüdische Vergangenheitsbilder. Erinnerung und Geschichtsschreibung in drei Erzählungen aus Robert Menasses Ich kann jeder sagen, in: Arnulf Knafl (Hrsg.), Traum und Trauma, kulturelle Figuration in der österreichischen Literatur, Praesens Verlag, Wien, 2012, 146 – 171, S.147

53 Astrid Erll, a. a. O., Ebd.

54 Claude Lévi-Strauss, Das wilde Denken, 1962, S. 309; zitiert nach Jan Assmann, das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, C. H. Beck Verlag, München, 1997 S. 68

55 Jan Assmann, Das kulturelle Gedächtnis, S. 70

56 Vgl. Ebd., S. 68

57 Aleida Assmann, Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, 2. Aufl., C. H. Beck Verlag, München, 2014, S. 21

58 Jan Assmann, das kulturelle Gedächtnis, S. 131

59 Ebd.

60 Ebd., S. 132

61 Ebd., S. 131f

62 Vgl., ebd., S. 132

63 Ebd.

64 Über den Konstruktionscharakter der Identität, siehe Giresse Macaire Teikeu Takougang, Literatur und Kultur: zur Repräsentation des kulturell Anderen. Eine Untersuchung zu Thomas Bernhards Heldenplatz, 2015 [unveröffentlichtes Manuskript], Kapitel 1.

65 Jan Assmann, a. a. O., S. 132/133

66 Jean Bertrand Miguoué, a. a. O., S. 150

67 Cathy Caruth, unclaimed experience, S. 17; siehe auch ders., Trauma and experience: introduction; in: ders. (Hrsg.), Trauma: Explorations in memory, S. 3f

68 Aleida Assmann, Erinnerungsräume, S. 259

69 Die Begriffe „Holocaust“ und „Shoah“ sind im engeren Sinne nicht als Synonyme zu verwenden. Der Holocaust wird als den Massenmord durch die Nationalsozialisten verstanden, wobei der Begriff keinen speziell jüdischen Bezug hat. Vielmehr sollen in diesem Begriff alle Menschen mitgedacht werden, die von den Nationalsozialisten als Feinde gesehen und deshalb verfolgt und vernichtet wurden. Was den Begriff Shoah anbelangt, befindet es sich innerhalb des Feldes Holocaust für die sechs Millionen ermordeter europäischer Juden. So wird der Holocaust als Sammelbegriff für die Ermordung sowohl der Juden (die Shoah) als auch der anderen Opfer des Nationalsozialismus. Vgl. Antonia Barboric: HOLOCAUST – REALITÄT, FIKTION, IMAGINATION. Vom Geschehen zur Erzählung: Literarisierung von KZ-Erlebnissen am Beispiel zweier autobiografischer Texte, Diss. Univ. Graz 2012, S. 84f; zitiert nach Anna Klaus, „Texte eines Überlebenden.“ Die Darstellung der Shoah in ausgewählten Werken Jakov Linds, http://othes.univie.ac.at/32097/1/2014-02-26_0703662.pdf, am 23/03/2015 um 17:50 nachgeforscht.

70 Muhammad Husayn Haykal (1888-1965), zitiert bei H. H. Biesterfeld, 1991, 277; zitiert nach J. Assmann, Das kulturelle Gedächtnis, S. 133

71 Friedrich Nietzsche, Unzeitgemäße Betrachtungen. Zweites Stück: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben. In: sämtliche Werke, Band 1, S. 271; zitiert nach Aleida Assmann, Erinnerungsräume, S. 130

72 J. G. Droysen, Historik, hg. von P. Leyk, Stuttgart-Bad Cannstadt, 1977, 10, 45; zitiert nach ebd.

Ende der Leseprobe aus 161 Seiten

Details

Titel
Zur Inszenierung des Traumas. Eine Untersuchung zu Jurek Beckers "Bronsteins Kinder" und Thomas Bernards "Heldenplatz"
Note
15
Autor
Jahr
2018
Seiten
161
Katalognummer
V502166
ISBN (eBook)
9783346037985
ISBN (Buch)
9783346037992
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Autor dieser Arbeit ist kein Deutsch-Muttersprachler. Bitte haben Sie Verständnis für grammatikalische Fehler und Uneinheitlichkeiten im Ausdruck. Das ist eine vom Kandidaten gut geleistete Arbeit. Damit hebt er zum Einen die Notwendigkeit der Vergangenheitsverarbeitung in der zeitgenössischen Welt und zum Anderen Ihre Sonderstellung für die Analyse und das Verständnis des Menschen und im weiteren Sinne der zwischenmenschlicher Beziehungen in der Gesellschaft.
Schlagworte
Trauma, Gedächtnis, Vergangenheitsbewältigung
Arbeit zitieren
Giresse Macaire Teikeu Takougang (Autor:in), 2018, Zur Inszenierung des Traumas. Eine Untersuchung zu Jurek Beckers "Bronsteins Kinder" und Thomas Bernards "Heldenplatz", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/502166

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Titel: Zur Inszenierung des Traumas. Eine Untersuchung zu Jurek Beckers "Bronsteins Kinder" und Thomas Bernards "Heldenplatz"



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