Wolfgang Herrndorfs "Tschick". Eine fachwissenschaftliche und didaktische Analyse ausgewählter Aspekte


Seminararbeit, 2014

29 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Literaturwissenschaftliche Untersuchung
2.1 Sprachstil, Erzählperspektive und Erzählkonstruktion
2.2 Maik, Tschick und die Entwicklung einer Freundschaft
2.3 Die Reise
2.4 Emanzipation von der Familie

3. Didaktische Begründung der Textauswahl
3.1 Didaktische Konzeption
3.2 Sprache, Erzählperspektive und Erzählkonstruktion
3.3 Die Freundschaft
3.4 Die Reise
3.5 Emanzipation von der Familie

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

6. Anlagenverzeichnis

1. Einleitung

„Ich möchte die Bücher schreiben, die ich selber gerne lese, im Grunde ist das Unterhaltungsliteratur. Vladimir Nabokov hat einmal gesagt, gute Literatur erkenne man daran, dass es einem kalt den Rücken runterläuft. So muss es sein! Der ganze Mist, den Literaturkritiker schreiben, so Nabokov, könne man vergessen, es komme nur darauf an, dass es einen erwischt, kalt erwischt. Genau, so ist das“ (Herrndorf, zit. nach Bartels, 2010). Und dies ist Wolfgang Herrndorf hervorragend gelungen, er hat mit „Tschick“ einen modernen Klassiker geschaffen, einen Roman, der einschlug wie eine Bombe. „Auch in fünfzig Jahren wird dies noch ein Roman sein, den wir lesen wollen. Aber besser, man fängt gleich damit an“ (von Lovenberg, 2010, S.2). 2010 veröffentlicht, avancierte der Roman über die beiden Ausreißer Maik und Tschick zu einer der Überraschungen des Jahres. Ursprünglich für ein erwachsenes Publikum vorgesehen, wurde er kurze Zeit später auch von jugendlichen Lesern für sich entdeckt(vgl. Rauch, 2012, S.206). „Tschick ist ein Buch, das Eltern ihren Kindern und Kinder ihren Eltern schenken sollte. Es wird funktionieren. Egal, ob man 14, 34, 64 ist. Oder 94“ (Westermann, 2010). Allein die Tatsache, dass Tschick sowohl für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde, als auch den Deutschen Jugendliteraturpreis gewonnen hat, verdeutlicht seinen Status als Grenzgänger zwischen Erwachsenen- und Jugendliteratur (vgl. Rauch, 2012, S. 206). „Er stellt damit ein weiteres Beispiel für die Tendenz zu einer All-Ages Literatur dar, die mit der zunehmenden Aufhebung von Differenzen zwischen den Lebensphasen zusammenhängt“ (Rauch, 2012, S. 206). Und auch die Einordnung in ein Genre fällt nicht leicht. Einerseits handelt es sich bei Tschick um einen Adoleszenzroman, begeben sich doch die beiden Protagonisten Maik Klingenberg und Andrej Tschichatschow auf eine Reise voller Abenteuer, sie begeben sich gewissermaßen auf die Suche nach ihrer eigenen Identität. Parallelen zu J.D. Salingers „Der Fänger im Roggen“, einem der Klassiker des Adoleszenzromans, werden deutlich. Andererseits werden Themen des Abenteuerromans übernommen, aber auch Motive des problemorientierten Romans, die oft in Einklang mit dem Adoleszenzroman stehen, lassen sich finden, etwa der Diebstahl des Ladas oder das Alkoholproblem von Maiks Mutter (vgl. Rauch, 2012, S. 206f.).

Die Adoleszenz bezeichnet die Zeit zwischen dem 11./12. und dem 25. Lebensjahr, dementsprechend das Erwachsenwerden im Zentrum des Romans steht. Häufige Motive sind dabei die Suche nach der eigenen Identität, die geschlechtliche Entwicklung und die Emanzipation vom Elternhaus, die mit einer Zunahme der Unabhängigkeit einhergeht (vgl. Rauch, 2012, S. 204). Der Adoleszenzroman thematisiert also „die physiologischen, psychologischen und soziologischen Aspekte des Heranwachsens“ (Rauch, 2012, S. 204). Dabei muss er jedoch vom Erziehungs-, Bildungs-, Entwicklungs- und Schulroman, in erster Linie für den erwachsenen Leser verfasst, abgegrenzt werden. Parallelen bestehen indes zum problemorientierten Jugendroman, beschränken sich doch beide auf die Zeitspanne des Erwachsenwerdens. Im Gegensatz zum Adoleszenzroman liegt beim problemorientierten Jugendroman jedoch der Fokus auf gesellschaftlichen Problematiken, die Helden besitzen keinen großartig ausgearbeiteten Charakter, während er bei ersterem auf den Problemen der Reifezeit selbst liegt. Es geht um vielseitig und einmalig gezeichnete Individuen, um deren Suche nach sich selbst. (vgl. Rauch, 2012, S. 204f.). „Ein besonderer Augenmerk liegt in diesem Zusammenhang auf den inneren, psychischen Prozessen, verbunden mit einer Revolte gegen die Zwänge der Erwachsenenwelt, die im Rückgriff auf moderne Erzählformen wie den inneren Monolog, Traumsequenzen und die Verwendung eines Ich-Erzählers oder der personalen Erzählform gestaltet werden“ (Rauch, 2012, S. 205).

Die Arbeit selbst gliedert sich nun in zwei Teile: Während sich der erste Abschnitt der literaturwissenschaftlichen Analyse ausgewählter Aspekte des Romans widmet, werde ich in einem zweiten Teil diese Aspekte didaktisch aufbereiten. Die Arbeit greift zunächst die wichtigsten Aspekte des Romans heraus, die Sprache, Erzählperspektive und Erzählkonstruktion, die Freundschaft, die Reise und Maiks Emanzipation von seiner Familie. Unterstützend zu meinen eigenen Erkenntnissen werde ich mich dabei sowohl auf verschiedene Rezensionen als auch auf Dr. Marja Rauchs Monographie „Jugendliteratur der Gegenwart. Grundlagen, Methoden, Unterrichtsvorschläge“ beziehen.

2. Literaturwissenschaftliche Untersuchung

2.1 Sprachstil, Erzählperspektive und Erzählkonstruktion

Obwohl es sich bei den beiden Protagonisten um Jugendliche handelt, verzichtet Herrndorf größtenteils auf den Einsatz generationsspezifischer Ausdrücke, er vermeidet, sich der Jugendsprache anzubiedern und tritt so der Schnelllebigkeit dieses Jargons entgegen (vgl. Passig, 2011, S.1). Mithilfe von Wörtern wie „Mongo“ (Tschick, S. 236), „endgeil“ (Tschick, S. 31) oder „Fotze“ (Tschick, S. 151), sowie eingestreuten Details aus der Computerwelt von Jugendlichen (vgl. Tschick, S. 77), gelingt es ihm jedoch, eine altersgemäße Atmosphäre zu erzeugen. Gleichzeitig verwendet Maik jedoch immer wieder Fremdwörter wie „Konversation“ (Tschick, S. 71), die im Gegensatz zu seinem „normalen“ Vokabular stehen, den pubertären Touch des Romans jedoch noch unterstreichen. Ergänzt wird dieser Eindruck, indem Herrndorf seinem Maik Klingenberg einzelne Vokabeln, z.B. „super“ (Tschick, S. 23) in den Mund legt, die dieser über den Roman hinweg endlos wiederholt (vgl. Passig, 2011,S.2). Den Großteil regelt Herrndorf jedoch über die Syntax, verwendet er doch überwiegend kurze Sätze und (Haupt)sätze die mit „weil“ beginnen (vgl. Tschick, S. 86) und vermittelt so einen authentischen Eindruck (vgl. Häcker, 2012, S.1). Kritisiert wird jedoch, dass der Autor den pubertären Slang nicht konsequent durchhält, so seien etwa Begriffe wie „Holzgatter“ und die Naturschilderungen für einen Vierzehnjährigen nicht glaubwürdig (vgl. Häcker, 2012, S.1f.). Veranschaulicht wird die Erzählung durch zum Teil skurrile Vergleiche, wobei sich Herrndorf durch die jugendliche Erzählperspektive die Möglichkeit zur „political incorrectness“ bietet, die wiederum den juvenilen Charakter des Romans unterstreicht: „Damit sah er aus wie Hitler, aber das wirkte aus einiger Entfernung tatsächlich am besten. Und weil wir eh in Brandenburg waren, konnte das auch keine politischen Konflikte geben“ (Tschick, S. 107). Das Herzstück des Romans bilden allerdings die unglaublich ausgefallenen und komischen Dialoge zwischen Tschick und Maik: „,Ich hab einen Großvater in der Walachei.‘-,Und wo wohnt der?‘-Wie, wo wohnt der? In der Walachei.‘ Hier in der Nähe oder was?‘-.Was?‘-,Irgendwo da draußen?‘-,Nicht irgendwo da draußen, Mann. In der Walachei.‘-,Das ist doch dasselbe.‘-,Was ist dasselbe?‘-,Irgendwo da draußen und Walachei, das ist dasselbe.‘-,Versteh ich nicht.‘-,Das ist nur ein Wort, Mann‘[…],Walachei ist nur ein Wort! So wie Dingenskirchen. Oder Jottwehdeh‘“(Tschick, S. 97). Hier entfalten sich der besondere Sprachwitz und die Situationskomik des Romans: Herrndorf gelingt es, mit kurzen Sätzen und der Doppeldeutigkeit eines Wortes den Dialog zwischen zwei Jugendlichen überspitzt nachzuahmen, die Naivität der beiden Protagonisten herauszuarbeiten, fühlen sie sich doch einerseits reif genug, um wie ganz normale Erwachsene in den Urlaub zu fahren, offenbaren aber andererseits offensichtliche Bildungslücken. Aber auch vor ernsten Themen machen der Witz und das Gespür des Autors für Komik nicht Halt. Herrndorf schafft es, eigentlich nachdenklichen und traurigen Thematiken wie dem Alkoholismus der Mutter eine humorvolle Seite abzugewinnen: „Und da hab ich [Maik] dann eben auch den Aufsatz drüber geschrieben: Mutter und die Beautyfarm [Umschreibung der Mutter für Entzugsklinik]. Reizwortgeschichte von Maik Klingenberg“ (Tschick, S. 26), den Maik selbst als „endgeil[]“ bezeichnet. Sein Lehrer Schürmann ist jedoch anderer Meinung: „Er hat immer nur wiederholt, dass es meine Mutter wäre, und ich hab gesagt, das wäre mir klar, dass meine Mutter meine Mutter wäre, und dann wurde er plötzlich laut und hat gesagt, dieser Aufsatz wäre das Widerwärtigste und Ekelerregendste und Schamloseste, was ihm in fünfzehn Jahren Schuldienst untergekommen sei und so weiter, und ich soll sofort diese zehn Seiten rausreißen aus meinem Heft. Ich war völlig am Boden zerstört und hab natürlich gleich nach meinem Heft gegriffen wie der letzte Trottel, um die Seiten rauszureißen, aber Schürmann hat meine Hand festgehalten und geschrien: ,Du sollst es nicht wirklich rausreißen. Kapierst du denn gar nichts? Du sollst nachdenken. Denk nach!‘ Ich dachte eine Minute nach, und ehrlich gesagt, ich kapierte es nicht. Ich hab es bis heute nicht kapiert. Ich meine, ich hatte ja nichts erfunden oder so“ (Tschick, S. 32).

Bartels fasst dies folgendermaßen zusammen: „Allerdings läuft in „Tschick“ bei allem Witz, all den komischen Dialogen und herrlichen Szenen stets eine zweite Tonspur mit. Darauf erklingen Lieder von Einsamkeit, Außenseitertum, Freundschaft, erster Liebe, und da zeigt sich Herrndorfs Einfühlungsvermögen genauso gut“ (Bartels, 2010).

Erzählt wird die Geschichte aus der Ichperspektive des Maik Klingenberg, einem typischen Antihelden. Vergleichbar mit Michael Bauers Held in „Nennt mich nicht Ismael“ benötigt auch er einen Impuls von außen um seine Ängste zu überwinden und seinem tristen Leben eine neue Richtung zu geben (vgl. Rauch 2012, S. 207).

„Als erstes ist da der Geruch von Blut und Kaffee. Die Kaffeemaschine steht drüben auf dem Tisch, und das Blut ist in meinen Schuhen“ (Tschick, S. 7). Der Roman beginnt mit einem Rückblick. „Maik Klingenberg, der Held“ (Tschick, S. 7), wie er sich ironisch beschreibt und dabei „den Sprachwitz des Romans aufblitzen lässt“ (Rauch, 2012, S. 207), befindet sich auf einer Polizeistation, er hat sich „vor Angst in die Hose gepisst“ (Tschick, S. 7), er ist verwundet und blutet. Als er sich seiner Verletzung gewahr wird bricht er zusammen und findet sich schließlich im Krankenhaus wieder, einem Ort, der für ihn entgegen aller Erwartungen, mit denen Krankenhäuser normalerweise assoziiert werden, mit positiven Emotionen verbunden ist (vgl. Rauch, 2012, S. 207): „Ich bin immer wahnsinnig gern im Krankenhaus. Man macht den ganzen Tag nichts, und dann kommen die Krankenschwestern. Die Schwestern sind alle superjung und superfreundlich. Und sie tragen diese dünnen weißen Kittel, die ich so toll finde, wo man immer gleich sieht, was für Unterwäsche sie anhaben. Warum ich das so toll finde, weiß ich übrigens auch nicht“ (Tschick, S. 15). Dem typischen Muster des Adoleszenzromans folgend, wird hier das Bild eines Jungen gezeichnet, der sich auf dem Weg zu seiner geschlechtlichen Identität befindet, sein plötzliches Erwachen der Sexualität und Interesse für Mädchen allerdings nicht versteht (vgl. Rauch 2012, S. 207).

Der Ausgang der Reise ist damit von Beginn an klar, dies tut der Spannung jedoch keinen Abbruch, im Gegenteil, das Interesse des Lesers ist geweckt, der Leser will wissen, wie es zu dieser Situation kam. Was hat Maik angestellt? „Wo ist Tschick überhaupt“ (Tschick, S. 7)? Wer ist dieser Tschick? Ausgehend von diesen beiden Szenen wird die Geschichte in weiteren Rückblenden entfaltet. Eine Geschichte über die Entstehung der Freundschaft zwischen den beiden Außenseitern Maik und Tschick. Ursprünglich grundverschieden treten die beiden eine Reise an, die nicht nur der Beginn einer tiefergreifenden Kameradschaft ist, sondern auch, wie für einen Adoleszenzroman üblich, stellvertretend für die Suche nach der eigenen Identität steht (vgl. Rauch, 2012, S. 208). Diese Suche bezieht die Frage nach der Sexualität mit ein, „[…] die sich bei Maik auf Mädchen richtet, bei Tschick hingegen auf das eigene Geschlecht“ (Rauch, 2012, S. 208).

2.2 Maik, Tschick und die Entwicklung einer Freundschaft

Der Ich-Erzähler Maik Klingenberg, Schüler der achten Klasse eines Gymnasiums in Berlin, ist zu Beginn alles andere als ein Held, er ist ein Außenseiter, ein Langweiler der fest davon überzeugt ist, in sehr vielen Dingen ohne Begabung zu sein. Ein typischer Antiheld eben (vgl. Rauch, 2012, S. 208): „[…] reich, feige, wehrlos“ (Tschick, S. 62).

Und doch kommen im Laufe der Geschichte viele Talente zum Vorschein, etwa seine künstlerische und sportliche Begabung, die er jedoch nicht für wichtig hält. Im Laufe der Reise legt er, für einen Jugendlichen eher ungewöhnliche Reife an den Tag, er sinniert über das Älterwerden und den Tod, über die Vergänglichkeit aller Dinge (vgl. Tschick, S. 174). Auch seine Prosa verrät „einen wachen Geist, Schlagfertigkeit und sprachliche Phantasie […], ja sein Autor Herrndorf hat ihn im Grunde mit dem Geist eines Schriftstellers ausgestattet“ (Meller, 2010).

„Es kann sein, dass man langweilig ist und keine Freunde hat. Und ich fürchte, das ist mein Problem“ (Tschick, S. 21). Seit sein Freund Paul weggezogen ist, findet er keinen Anschluss in seiner Schule, was ihn jedoch nicht weiter stört, bis er sich schließlich in die Klassenschönheit Tatjana Cosic verliebt, die ihn aber nicht einmal zu bemerken scheint (vgl. Rauch, S. 208). Das einzig Ungewöhnliche an ihm ist sein Spitzname, „Psycho“, den er seinem kuriosen Aufsatz über seine alkoholkranke Mutter verdankt, wobei es auch hier Herrndorf wieder gelingt, ein eigentlich trauriges und ernstes Thema auf ironische Weise zu verpacken. Der Spitzname wird ihm aber aufgrund seiner langweiligen Art wieder aberkannt. Dementsprechend düster und desillusioniert fasst Maik seine aktuelle Situation zusammen: „Ich interessierte niemanden“ (Tschick, S. 40). Dies ändert sich jedoch, als er Tschick kennenlernt.

„Ich konnte Tschick von Anfang an nicht leiden. Keiner konnte ihn leiden. Tschick war ein Asi, und genau so sah er auch aus“ (Tschick, S. 41). Tschick kommt nach den Osterferien in Maiks Klasse und nimmt dabei von Anfang an die Rolle eines Außenseiters ein, was ihn jedoch nicht weiter zu stören scheint; im Gegenteil: Er zeigt keinerlei Interesse an seinen Mitschülern, strahlt gewissermaßen eine Aura der Ablehnung aus, als der Lehrer ihn vorstellen will (vgl. Rauch, 2012, S. 209): „Willst du uns vielleicht kurz was über dich erzählen? Wo du herkommst, auf welcher Schule du warst? […] Er [Tschick] drehte den Kopf ganz leicht zur Seite, als hätte er Wagenbach erst in diesem Moment bemerkt. Er kratzte sich am Hals, drehte sich wieder zur Klasse und sagte: ,Nein‘“ (Tschick, S. 43).Und auch sein Erscheinungsbild hebt sich deutlich von seinen Mitschülern ab, mit seiner billigen, abgetragenen Kleidung, mit seiner Schultasche, die eine Plastiktüte ist, mit seinem mongolischen Aussehen.

Andrej Tschichatschow „hochbegabt, bettelarm und asozial“ (Seibt, 2010) ist die namensgebende Figur des Romans. Als russischer Spätaussiedler lebt er mit seinem Bruder in einem Plattenbauviertel in Hellersdorf. Seine schulische Laufbahn ist erstaunlich, gelingt es ihm doch innerhalb von vier Jahren von der Förderschule aufs Gymnasium zu wechseln, seine schulischen Leistungen sind jedoch aufgrund eines Alkoholproblems starken Schwankungen unterworfen (vgl. Rauch, 2012, S. 209): „Das Irritierende war, dass er drei Wochen später eine Zwei hatte. Und danach wieder eine Fünf. […]Es hatte einfach nur damit zu tun, dass er manchmal hacke war und manchmal nicht“ (Tschick, S. 51f.). Aufgrund seiner russischen Herkunft umwehen ihn und seine Familie von Anfang an Gerüchte, Gerüchte über die Zugehörigkeit zur Russenmafia und zu Waffenschiebern. Tschick gibt diesen Ondits neue Nahrung, als er sich mit einem der Oberstufenschüler, die sich über ihn lustig machen und ihn verspotten, „unterhält“ (vgl. Rauch, 2012, S. 209): „Er steuerte gleich auf den Ford-Typen zu, der der lauteste von allen war, legte beide Hände auf das gelbe Autodach und redete mit ihm so leise, dass niemand sonst ihn hören konnte, und dann verschwand langsam das Grinsen aus dem Gesicht vom Ford-Typen, und Tschick drehte sich um und ging in die Schule. Von dem Tag an riefen sie ihm nichts mehr hinterher“ (Tschick, S. 49.)

„Ich hatte nämlich einen extrem unguten Eindruck, wie der [Tschick] da neben Wagenbach auftauchte. Zwei Arschlöcher auf einem Haufen […]“ (Tschick, S. 42). Alles andere als der perfekte Anfang für eine Freundschaft, und dennoch entsteht zwischen diesen Figuren, die scheinbar nichts verbindet, der eine reich, der andere arm, der eine feige und der andere mutig, eine Art brüderliches Verhältnis, das mit der außergewöhnlichen Freundschaft zwischen Ismael und James Scobie in dem Buch „Nennt mich nicht Ismael“ verglichen werden kann (vgl. Rauch, 2012, S. 209). Am letzten Schultag vor den Sommerferien versucht Tschick mit Maik über dessen Jacke ins Gespräch zu kommen, doch dieser blockt ab. Tschick zeigt sich davon unbeeindruckt und besucht Maik am nächsten Tag auf einem alten Damenrad (vgl. Rauch, 2012, S. 209): „Das war nach meinem Vater jetzt so ungefähr die letzte Person, der ich begegnen wollte. […] Aber der Ausdruck auf dem Mongolengesicht machte gleich klar, dass das nicht auf Gegenseitigkeit beruhte“ (Tschick, S. 76). Diesmal ist Andrej ein größerer Erfolg beschert, Maik öffnet sich langsam und findet sich letztlich mit Tschick vor seiner PlayStation wieder. Es kommt zu einem Gespräch über Tatjanas Party, zu der sie, wie sich herausstellt, beide nicht eingeladen worden sind. Am nächsten Tag schließlich steht Tschick mit einem geklauten blauen Lada Niva vor der klingenbergschen Haustür, mit dem sie eine Spritztour zur Party unternehmen. Maik bietet sich so die Gelegenheit, Tatjana das für sie gemalte Beyoncé-Bild zu übergeben (vgl. Rauch, 2012, S. 209). Durch diese erste Fahrt ermutigt, brechen die beiden anderntags zu einer abenteuerlichen Reise in die Walachei auf, während der sich eine immer tiefer werdende Freundschaft und ein intuitives Verständnis füreinander entwickelt: „Offenbar hatten wir genau den gleichen Gedanken gehabt. Auf ein Zeichen von Tschick packten wir Isa und warfen sie ins Wasser“ (Tschick, S. 166).

Sie lernen, einander zu vertrauen und zu unterstützen. Maik findet in Tschick einen Freund, der ihm hilft, seine Ängste zu besiegen, Selbstvertrauen aufzubauen und auch Tschick findet endlich die Gelegenheit und den Mut, seine sexuelle Gesinnung offenzulegen. „Ich legte eine Hand in seinen Nacken, und dann saßen wir da und hörten ,Ballade pour Adeline‘, und ich dachte einen Moment darüber nach, auch schwul zu werden. Das wäre jetzt wirklich die Lösung aller Probleme gewesen, aber ich schaffte es nicht. Ich mochte Tschick wahnsinnig gern, aber ich mochte Mädchen irgendwie lieber“ (Tschick, S. 214).

Über die Gründe von Tschicks Annäherungsversuchen kann nur spekuliert werden. Wahrscheinlich ist jedoch, dass Tschick trotz allem, Anschluss sucht und Maik wegen dessen Außenseiterrolle auswählt. Auch ein anfängliches sexuelles Interesse kann aufgrund der Häufigkeit, mit der Tschick anfangs über Schwule spricht, nicht ausgeschlossen werden. „Aber das Zentrum stellt die Freundschaft zwischen Tschick und Mike dar, die bis auf wenige Momente keine erotische Dimension hat, obwohl sich andeutet und später auch herausstellt, dass Andrej homosexuell ist. Was hier gleichsam im Blick auf den bestirnten Himmel über uns so ganz ungekünstelt in der Phantasie des Lesers entsteht ist die Evokation einer Freundschaft, die alles Kumpelhafte, alles Erotische und die Sphäre des Besitzes übersteigt. Wolfgang Herrndorf ist ganz nebenbei ein Klassiker der Adoleszenz-Literatur gelungen“ (Meller, 2010).

2.3 Die Reise

„,Und wenn wir einfach wegfahren?‘, fragte er .-,Was?‘-,Urlaub machen. Wir haben doch nichts zu tun. Machen wir einfach Urlaub wie ganz normale Leute.‘-,Wovon redest du?‘ -,Der Lada und ab.‘- ,Das ist nicht ganz das, was normale Leute machen.‘-,Aber könnten wir, oder?‘-,Nee. Drück mal Start.‘-,Warum denn nicht?‘-,Nee.‘-,Wenn ich dich krieg‘, sagte Tschick. ,Sagen wir, wenn ich dich in fünf Runden einmal krieg. Oder in zehn Runden, Sagen wir zehn.‘-,Du kriegst mich in hundert nicht.‘-,In zehn.‘-Er gab sich große Mühe. Ich steckte mir eine Handvoll Chips in den Mund, wartete, bis er die Kettensäge hatte, und ließ mich zerteilen.-,Im Ernst‘, sagte ich. ,Nehmen wir mal an, wir machen das‘“ (Tschick, S. 95f.).

Dieses Gespräch markiert den Auftakt der Reise durch Ostdeutschland, „einem kuriosen Roadtrip der anderen Art“ (Abbassi-Götte), als deren Ziel die Walachei genannt wird. Im Laufe der Fahrt rückt das eigentliche Ziel jedoch immer mehr in den Hintergrund, das „Unterwegssein“ an sich gewinnt an Bedeutung, frei nach dem Motto „Der Weg ist das Ziel“ verlassen die beiden Protagonisten Berlin und durchkreuzen die für sie unbekannten und auch ein bisschen unheimlichen Weiten Brandenburgs; sie verlassen gleichermaßen die bekannten inneren Bahnen, um neue „Wege“ kennenzulernen. Von vielen Rezensenten wurde deshalb das Buch, in Anlehnung an das Roadmovie, als Roadroman bezeichnet (vgl. Bartels, 2010). Nicht das Ziel, die Straße selbst als Ort von Herausforderungen, als Metapher der Entwicklung und der Identität ist dabei relevant (vgl. Wulff 2012) und auch in „Tschick“ „steht mit der Reise das Thema des Ausbruchs aus bestehenden Ordnungen und der Möglichkeit neuer Erfahrungen im Mittelpunkt des Romans“ (Rauch, 2012, S. 210)

Neben den typischen Elementen des Roadmovies ist der Roman aber auch nach dem Schema der „Heldenreise“ aufgebaut (vgl. Passig, 2011). Die Heldenreise bezeichnet dabei ein Muster, das allen Mythen der Antike und Geschichten von Naturvölkern zu Grunde liegt und die Abfolge der einzelnen Situationen in einer Erzählung bestimmt. Von Joseph Campbell entdeckt, wurde das Konzept von Christopher Vogler modifiziert und von den amerikanischen Filmstudios in Hollywood übernommen. (vgl. Walter, 2012) Seitdem funktioniert fast jeder Hollywood-Film nach diesem Schema, so wurde das Motiv der Heldenreise etwa von George Lucas für seine Trilogie Star Wars adaptiert.

Nach Campbell besteht die Heldenreise aus 12 Stationen, die alle in „Tschick“ Verwendung finden: 1. Ruf: Erfahrung eines Mangels oder plötzliches Erscheinen einer Aufgabe. 2. Weigerung: Der Held zögert, dem Ruf zu folgen, beispielsweise, weil es gilt, Sicherheiten aufzugeben. 3. Aufbruch: Er überwindet sein Zögern und macht sich auf die Reise. 4. Auftreten von Problemen, die als Prüfungen interpretiert werden können. 5. Übernatürliche Hilfe: Der Held trifft unerwartet auf einen oder mehrere Mentoren. 6. Die erste Schwelle: Schwere Prüfungen, Kampf mit dem Drachen etc., der sich als Kampf gegen die eigenen inneren Widerstände und Illusionen erweisen kann. 7. Fortschreitende Probleme und Prüfungen, übernatürliche Hilfe. 8. Initiation und Transformation des Helden: Empfang oder Raub eines Elixiers oder Schatzes, der die Welt des Alltags, aus der der Held aufgebrochen ist, retten könnte. Dieser Schatz kann in einer inneren Erfahrung bestehen, die durch einen äußerlichen Gegenstand symbolisiert wird. 9. Verweigerung der Rückkehr: Der Held zögert in die Welt des Alltags zurückzukehren. 10. Verlassen der Unterwelt: Der Held wird durch innere Beweggründe oder äußeren Zwang zur Rückkehr bewegt, die sich in einem magischen Flug oder durch Flucht vor negativen Kräften vollzieht. 11. Rückkehr: Der Held überschreitet die Schwelle zur Alltagswelt, aus der er ursprünglich aufgebrochen war. Er trifft auf Unglauben oder Unverständnis, und muss das auf der Heldenreise Gefundene oder Errungene in das Alltagsleben integrieren. (Im Märchen: Das Gold, das plötzlich zur Asche wird). 12. Herr der zwei Welten: Der Heros vereint Alltagsleben mit seinem neugefundenen Wissen, und lässt somit die Gesellschaft an seiner Entdeckung teilhaben (Junges dt., S.30).

„Ich dachte, dass ich das alles ohne Tschick nie erlebt hätte in diesem Sommer und dass es ein toller Sommer gewesen war, der beste Sommer von allen […] (Tschick, S. 254).

Während des gemeinsamen Spielens von „Doom“ kommt Tschick die Idee einer Urlaubsfahrt (1. Ruf). Maik lehnt den Vorschlag zunächst ab, fürchtet er doch die Konsequenzen ihres Vorhabens (2. Weigerung), überwindet jedoch schließlich seine Zweifel und begibt sich mit Tschick in einem gestohlenen Lada auf den Weg in die Walachei (3. Aufbruch). Die Reise selbst ist geprägt von einer Reihe von Problemen, beginnend mit einer fehlenden Landkarte, über mangelnde Versorgung mit Proviant (Fertigpizzas, Dosen aber kein Dosenöffner) bis hin zu der Entdeckung durch einen Mercedesfahrer (4. Auftreten von Problemen). Neben diesen Problemen stoßen sie aber auch immer wieder überraschend auf Personen, die den beiden Protagonisten ihre Hilfe anbieten (5. Übernatürliche Hilfe). Das erste Zusammentreffen findet vor einer Bäckerei mit der Familie von Lutz Heckel, einem Klassenkameraden statt, dessen Vater die beiden „Fahrradfahrer“, als die sie sich selbst ausgeben, mit belegten Brötchen verköstigt. In einem zweiten Zusammentreffen stoßen Maik und Tschick während der Suche nach einem Supermarkt auf eine freundliche, aber auch „spinnerte“ (S. 134) Familie „mit einem dezidiert ideologischen Weltbild“ (Rauch, 2012, S. 210). Die Familie weigert sich, ihnen den Weg zum Supermarkt zu erklären, bietet ihnen jedoch stattdessen an, bei ihnen zu Mittag zu essen. Ein erstes größeres Problem ergibt sich aus einem Aufeinandertreffen mit dem Dorfpolizisten (6. Die erste Schwelle), der sie als Ausreißer identifiziert und zu verhaften versucht. Tschick kann jedoch mit dem Lada entkommen, während es Maik gelingt, mit dem Fahrrad des Polizisten zu fliehen. Als im weiteren Verlauf der Reise indes das Benzin knapp wird, steht der weitere Fortgang auf der Kippe, erweist sich doch gerade das Tanken als Problem, da sie befürchten, zu viel Aufmerksamkeit zu erregen. Ihr Plan, mithilfe eines Schlauchs Benzin abzuzapfen, scheitert zuerst am fehlenden Schlauch, den sie sich letztendlich auf einer nahe gelegenen Müllkippe besorgen. Dort treffen sie Isa, ein heruntergekommenes Mädchen, das für den Fortgang der Reise eine unverzichtbare Rolle spielt, gelingt es ihr doch, Benzin aus einem anderen Auto abzusaugen (7. Fortschreitende Probleme und Prüfungen, übernatürliche Hilfe). Für kurze Zeit schließt sich das Mädchen den beiden Hauptpersonen an. Während der Fahrt durch eine verlassene Bergbausiedlung geraten die beiden ins Schussfeld eines alten Mannes, der sich kurz darauf als Horst Fricke, Kommunist und Soldat im 2. Weltkrieg vorstellt. Zum Abschied schenkt er ihnen ein braunes Fläschchen mit stinkender Flüssigkeit, das sie für den Notfall bewahren sollen (8. Initiation und Transformation des Helden). Nach dem Abschied von Fricke taucht hinter ihnen ein Polizeiauto auf. Um zu entkommen, versucht Tschick den Wagen über einen Hang auf die Autobahn zu steuern, das Auto überschlägt sich. Eine herbeieilende Frau versucht zu helfen, verletzt Tschick dabei jedoch am Fuß. Sie fährt die Ausreißer ins Krankenhaus. Nachdem Tschick Fuß eingegipst wurde, gelingt es den beiden Jungen die Reise mit ihrem ramponierten, aber nach wie vor fahrtauglichen Lada fortzusetzen (9. Verweigerung der Rückkehr). Die Fahrt findet jedoch ein abruptes Ende, ein LKW-Fahrer verursacht einen Unfall. Die Reise ist zu Ende, Maik und Tschick werden auf die Polizeiwache gebracht, der Bogen zum Beginn der Geschichte ist geschlagen (10. Verlassen der Unterwelt) (vgl. Rauch, 2012, S. 210f.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Wolfgang Herrndorfs "Tschick". Eine fachwissenschaftliche und didaktische Analyse ausgewählter Aspekte
Hochschule
Universität Regensburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
29
Katalognummer
V502272
ISBN (eBook)
9783346045607
ISBN (Buch)
9783346045614
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tschick, KJL, Schule, Unterricht, Lehrplan, Didaktik, Herrndorf, Kinderliteratur, Jugendliteratur
Arbeit zitieren
Wolfgang Schlagbauer (Autor), 2014, Wolfgang Herrndorfs "Tschick". Eine fachwissenschaftliche und didaktische Analyse ausgewählter Aspekte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/502272

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