Rechtsextreme Musik als "Türöffner". Wie kann sie Jugendliche mit rechten Szenen in Berührung bringen?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018
17 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist rechte Musik? Problem der Einordnung und Definition
2.2 Problem der Einordnung
2.3 Definition rechter Musik: Unmöglich?

3. Rechte Szenen

4. Durch rechte Musik allein zum „Nazi“?

5. Kontakt zu rechten Szenen - Hinwendungsmotive und Risikofaktoren
5.1 Zugehörigkeit, Bestätigung und „Kameradschaft“
5.2 Erfahrungen mit Migranten und anderen Gruppen
5.3 Jugendliche Entwicklung und Lebens - und Erlebniswelten

6. Rechte Musik als „Türöffner“ - Texte, Stil und Einbindung in jugendliche Lebenswelten
6.1 Texte
6.2 Stil
6.3 Einbindung in jugendliche Lebens - und Erlebniswelten
6.3.1 Rechtsextreme Konzerte
6.3.2 Rechte Musik Internet

7. Zusammenfassende Betrachtung

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Musik ist das ideale Mittel, Jugendliche den Nationalsozialismus näher zu bringen. Besser als dies in politischen Veranstaltungen gemacht werden kann, kann damit Ideo- logie transportiert werden (Glaser/Schlimbach, 2009: 7)“. Dieses Zitat des 1993 ver- storbenen rechten Musikers Ian Stuart Donaldson von der Band „Screwdriver“ vermit- telt einen Eindruck davon, welch potentiell mächtiges Instrument rechtsextreme Musik in den Augen der Rechten darstellt, wenn es darum geht, Jugendliche mit der rechten Szene und ihren Ideen in Kontakt zu bringen.

Ziel dieser Hausarbeit ist es, die Frage zu beantworten, wie rechtsextreme Musik Ju- gendliche mit rechten Szenen in Berührung zu bringen versucht.

Um diese Frage zu beantworten wird wie folgt vorgegangen: Zunächst wird versucht, eine Definition für rechtsextreme Musik herauszuarbeiten. Es wird sich zeigen, dass dieses Vorhaben nicht mehr ganz so einfach ist, wie dies vielleicht vor zwanzig Jahren der Fall war. Des Weiteren soll kurz erläutert werden, was mit rechten Szenen gemeint ist, wenn in dieser Hausarbeit die Rede davon ist. Im nächsten Schritt wird analysiert, in welchem Kontext rechte Musik ihre Wirkung und ihre Funktion als ,Türöffner` (Gla- ser/Schlimbach, 2009: 139) zur rechten Szene entfalten und erfüllen kann. Denn an dieser Stelle sei vorwegnehmend erwähnt: Nicht jeder, der rechtsextreme Musik hört, wird zu einem überzeugten Neo-Nazi (vgl. Brunner, 2008, zit n. Glaser/Schlimbach, 2009: 10). Ausgehend von diesem Umstand wird die Entstehung häufig vorkommender Hinwendungsmuster und Hinwendungsmotivationen kenntlich gemacht, die eine Hin- wendung zum Rechtsextremen begünstigen können. Es soll in dieser Hausarbeit je- doch weniger um die Frage gehen, wie und warum jemand rechtsextrem wird. Der Au- tor stellt bezüglich dieses großen Themenfeldes keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Dieser Teilschritt der Beschreibung und Entstehung der Hinwendungsmotive zum Rechtsextremen wird deshalb beschritten, weil sich dadurch diejenigen Hinwendunsg- motive und Vorraussetzungen herauskristallisieren, an denen rechte Musik ansetzen kann, um ihre Wirkung auf Jugendliche voll entfalten und sie mit rechten Szenen in Kontakt zu bringen.

Ist geklärt, unter welchen kontextuellen Umständen rechte Musik als ,Türöffner` (Gla- ser/Schlimbach, 2009: 139) oder „Katalysator“ (Maiwald, 2014: 169) fungieren kann, wird sich der anschließende Teil der Hausarbeit mit der Frage beschäftigen, wie rechtsextreme Musik sich die zu Beginn geschilderten Voraussetzungen und Hinwen- dungsmotive Jugendlicher zu nutze macht und sie durch gezielte Texte, Stil und Ein- bindung der rechten Musik in jugendliche Lebenswelten, mit rechtsextremen Szenen in Kontakt zu bringen versucht. Das Fazit fasst alle Erkenntnisse zusammen und setzt sich kritisch mit dem Thema auseinander.

2. Was ist rechte Musik? Problem der Einordnung und Definition

2.1 Problem der Einordnung

Das Definieren von rechtsradikaler Musik scheint eine einfache und leicht zu bewerk- stelligende Aufgabe zu sein. Rechtes Gedankengut, verpackt in aggressiver und mar- tialischer Instrumentierung. Wird an rechte Musik gedacht, wird mit ihr oft der soge- nannte „Rechtsrock“ assoziiert. Diese Vorstellung, die noch auf der rechten Musiksze- ne aus den 1990er Jahren fußt, ist jedoch veraltet (vgl. Bülow, 2014: 2).

Eine Einordnung und einheitliche Definition rechtsextremer Musik ist unter anderem aus drei Gründen besonders schwierig. Zum einen lässt sich seit den letzen 20 Jahren eine massive Diversifizierung rechter Musikstile erkennen (vgl. Bülow, 2014: 3 ff). War in den 90er Jahren noch Rockmusik das favorisierte Genre (vgl. Bülow, 2014: 2) und primäres Erkennungsmerkmal rechter Bands, findet rechte Musik heute in fast allen Musikgenres statt (vgl. Bülow, 2014: 3). Von Techno, Hip Hop über Schlager ist fast jeder Musikstil vertreten (vgl. Bülow, 2014: 3). Eine Einordnung anhand der Spielweise ist heute nicht empfehlenswert und auch nicht möglich.

Musik an sich ist nicht politisch. Ein Akkord oder eine Folge von Akkorden können weder rechts noch links sein, erst die Einbettung in ein gewisses Umfeld lädt die Klänge politisch auf. Eine klanglich neutrale Unterlage kann mit dem dementsprechenden Text als Transportmittel für jeg- liche politische Inhalte dienen […] (Maiwald, 2014: 138)

Zum anderen zeigt das Zitat von Maiwald, dass es so gesehen keine „rechte Musik“ (vgl. Maiwald, 2014: 138) gibt. Erst durch Hinzugabe von Text und durch eine bestimmte Präsentation, zeichnet sich ein Gesamtbild ab, was als rechte Musik be- zeichnet werden kann (vgl. Maiwald, 2014: 38). Diese Distinktion und Differenzierung erhärtet das Bild, dass eine einheitliche Definition anhand der Instrumentierung nicht möglich ist.

Der letzte Grund ist ihre textliche Entwicklung. Mit rechtsextremen Texten werden noch heute menschenverachtende und gewaltverherrlichende Inhalte assoziiert, die eine Identifikation als „rechts“ eindeutig machen. Doch Songs mit eindeutig rechten Texten sind nur noch bei einzelnen Bands zu finden (vgl. Bülow, 2014: 4). Diese textliche „De- radikalisierung“ (Bülow, 2014: 4) ist auf zwei Entwicklungen zurückzuführen: Zum einen haben rechte Künstler Angst wegen Volksverhetzung angeklagt und indiziert zu wer- den. Des Weiteren haben rechte Bands und Organisationen festgestellt, dass durch eine textliche Deradikalisierung (Bülow, 2014: 4) ein viel breiteres Publikum angespro- chen werden kann (vgl. Bülow, 2014: 4). Dies wird zu einem großen Teil durch textliche Kodierung erreicht (vgl. Bülow, 2014: 5). So werden aus „Kanacken“ und Juden „die Anderen“ (Bülow, 2014: 5). All diese Aspekte werden im weiteren Verlauf der Hausar- beit nochmals aufgegriffen, da sie zur Beantwortung der Hauptfrage essentiell sind.

Ein anschauliches Beispiel für die schwierige Einordnung rechter Musik bzw. Bands, ist die aktuell viel diskutierte Gruppe „Frei.Wild“.

Frontmann Philip Burger war in den 2000er Jahren Mitglied der Skinhead- Formation „Kaiserjäger“ (Spiegel, 2013). Von dieser Gruppierung stammen Textzeilen wie

[…] diese Neger und Yugos werden sesshaft, doch den größten Teil der Schuld tragt nunmal ihr, weshalb hab´n wir wir auch dieses Gesindel hier! (zit. nach Spiegel, 2013).

Heute betont Burger, dass es sich bei seiner Zugehörigkeit zu dieser Band um eine Jugendsünde handelt und entschuldigt somit die eindeutig rechtsextremen Texte aus dieser Zeit (Spiegel, 2013). Doch auch seine aktuelle, aus Südtirol stammende Band „Frei.Wild“, macht mit fragwürdigen Texten auf sich aufmerksam.

„Du kannst dich nicht drücken, auf dein Land zu schauen

Denn deine Kinder werden später darauf bauen

Sprache, Brauchtum, und Glaube sind Werte der Heimat

Ohne sie gehen wir unterm stirbt unser kleines Volk

aus dem Frei.Wild- Song „Wahre Werte“

Hierbei handelt es sich um keinen eindeutig volksverhetzenden Text. Doch nicht ohne Grund sind „Frei.Wild“ die […] „Leib und Magenband der Identitäten Bewegung“ (Wal- ter, 2018).

Wie die Identitären definieren Frei.Wild Identität vor allem über Abgrenzung. Abgrenzung gegen das Andere, das Fremde. Ihre Identität sei stets und ständig bedroht, ohne die Werte der Hei- mat sterbe unser kleines Volk. Heimat: ein zentraler Begriff in der traditionellen Volksmusik – aber auch im Turbo-Volksrock von Frei.Wild. (Walter, 2018)

2.2 Definition rechter Musik: Unmöglich?

Was ist also rechte Musik? Am Beispiel der Band Frei.Wild wird diese Problematik nochmals deutlich. Die Bandmitglieder sind anhand ihrer Texte als keine klassischen „Nazis“ zu identifizieren (vgl. Walter, 2018). Subtilere Texte der rechten Interpreten (vgl. Bülow, 2014: 4), stilistische Differenzierung und die generelle diffuse Beschaffenheit, die diesem Thema innewohnt, macht eine Definition rechter Musik schwierig. Daraus folgt, dass jede Band, jeder Song im Einzelfall geprüft werden muss. Jedoch gibt es Indikatoren, wie die Kenntnis bestimmter, gängiger Codes, die Historie und das Umfeld einschlägiger Bands, die eine Einordnung und kritische Beobachtung bestimmter Bands erleichtern können.

3. Rechte Szenen

Im Alltagsverständnis wird der Begriff Rechtsextremismus wie selbstverständlich ver- wendet und jeder scheint dasselbe damit zu meinen (vgl. Bosch, 2007: 31). In der wis- senschaftlichen Literatur ergibt sich ein heterogenes Bild, was die Definition von Rechtsextremismus betrifft (vgl. Bosch, 2007: 31). Die eingehende Recherche ergab, dass dieses Bild für den Begriff der „rechten Szene“ nochmals stärker zutrifft. Der Be- griff „rechte Szene“ wird häufig verwendet, ohne genau definiert zu werden. Maiwald bezieht sich auf rechte Szenen in der Hinsicht, als das sie sie als nicht existent be- zeichnet. „Die“ rechte Szene gibt es nicht (vgl. Maiwald, 2014: 125). Sie besteht aus heterogen Strömungen und Szenen (vgl. Maiwald, 2014: 125). Wiederum findet der Szene-Begriff Verwendung, ohne klar definiert zu werden. Wenn im Folgenden von rechten Szenen die Rede ist, bezieht sich der Autor auf einen losen oder organisierten Verbund von Individuen, die rechtsextreme, antisemitische, menschenverachtende und den Staat ablehnende Meinungen und Haltungen aufweisen und sie im Alltag, wie in gruppenbezogenen Aktivitäten ausleben und danach handeln.

4. Durch rechte Musik allein zum „Nazi“?

Der Verfassungsschutz spricht von der „Einstiegsdroge“ Nr.1 (Verfassungsschutz, 2002: 61) und warnt vor der großen Macht, die von rechter Musik ausgeht. Bei aller Besorgnis und Warnungen seitens […] „politisch - und staatlich intervenierender Akteu- re[n]“ […] (vgl. Glaser/Schlimbach, 2009: 7), ist ,wie schon in der Einleitung erwähnt, Musik nicht der alleinige Grund für den Kontakt oder Eintritt in rechte Szenen (vgl. Gla- ser/Schlimbach, 2009: 19). Viele Erziehungswissenschaftler und Pädagogen stehen der Theorie der „allmächtigen Einstiegsdroge Musik“ distanziert gegenüber (vgl. Gla- ser/Schlimbach, 2009: 19). Zwar schreiben auch sie rechter Musik […] einen hohen Stellenwert als niedrigschwelliges Medium als Annäherung an rechtsextreme Szenen“ (Glaser/Schlimbach, 2009: 9) zu und bescheinigen ihr […] „eine besondere Verführungskraft (…), da Musik als jugendkulturelles Medium zentraler Bestandteil ju- gendlicher Erlebniswelten“[…] ist ( Glaser/Schlimbach, 2014: 9), jedoch warnen sie bei der Bewertung rechtsextremer Musik vor einer „Entkontextualisierung“ (Glaser/Schlim- bach, 2009: 19).

„Musik könne nur an dem ansetzen (…), was schon vorhanden sei und das[s] sie entsprechend eine begünstigende Co-Variable, aber in der Regel nicht alleiniger Auslöser für den Szeneein- stieg sei.“ (Glaser/Schlimbach, 2009: 19)

Es wird also davon ausgegangen, dass sich die Wirksamkeit rechter Musik primär auf den Szenezugang, weniger auf die Radikalisierung bezieht. Weiterhin aber von be- stimmten Vorraussetzungen abhängt, die die Jugendlichen in den Prozess mit einbrin- gen. Es muss eine Art „Nährboden“ existieren, auf den rechte Musik „fallen“ kann, da- mit sie als Türöffner für die rechte Szene wirksam werden kann.

Im Folgenden wird beschrieben, wie Voraussetzung aussehen und entstehen können. Hierzu werden biographische, sozialisatorische und entwicklungspsychologische As- pekte der jugendlichen Entwicklung in Form von Hinwendungsmotiven analysiert. Da- bei besteht keine Anspruch auf Vollständigkeit. Die Frage, warum sich jemand zum Rechtsextremen hingezogen fühlt, könnte die Fragestellung einer weiteren Hausarbeit sein. Das Ziel ist es, die Aspekte zu beschreiben, an denen rechte Musik am besten ansetzen kann, um ihre „Türöffnerfunktion“ auf Jugendliche zu entfalten. Dieser Zwi- schenschritt ist von Nöten, um erstens aufzuzeigen, dass rechte Musik keineswegs kontextfrei auf Jugendliche wirkt und zweitens, an welchen Hinwendungsmotiven und Risikofaktoren rechtsextreme Musik ansetzt, um als „Türöffner“ wirksam zu werden und somit Jugendliche mit rechten Szenen inKontakt bringen kann.

5. Kontakt zu rechten Szenen - Risikofaktoren und Hinwendunsgmotive

5.1 Zugehörigkeit, Bestätigung und „Kameradschaft“

Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und „Kameradschaft“ ist ein häufig beobachtetes Hinwendunsmotiv, wenn es um die Erklärung für eine Hinwendung zur rechtsextremen Szene geht. Durch welche biographischen, sozialisatorischen und entwicklungpsycho- logischen Schritte und Erfahrungen kommt dieses, häufig von rechten Szenegängern benannte, Bedürfnis zu stande?

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Rechtsextreme Musik als "Türöffner". Wie kann sie Jugendliche mit rechten Szenen in Berührung bringen?
Hochschule
Universität Potsdam  (Department für Erziehungswissenschaften)
Veranstaltung
Rechtsextremismus unter Jugendlichen
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
17
Katalognummer
V502292
ISBN (eBook)
9783346045621
ISBN (Buch)
9783346045638
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rechtsextremismus, Musik Jugendliche
Arbeit zitieren
Kevin Hanelt (Autor), 2018, Rechtsextreme Musik als "Türöffner". Wie kann sie Jugendliche mit rechten Szenen in Berührung bringen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/502292

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