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Kinder als ideale Opfer? Eine rechtspolitische Perspektive

Titel: Kinder als ideale Opfer? Eine rechtspolitische Perspektive

Hausarbeit , 2019 , 22 Seiten , Note: 1,0

Autor:in: Maria Weickardt (Autor:in)

Politik - Thema: Völkerrecht und Menschenrechte
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Zusammenfassung Leseprobe Details

“I’m a victim because I have two children [born of rape] and I’m finding difficult to take care of them … but I’m a survivor because I’m able to withstand all the challenges.” (Denov 2012)
Wie die Aussage dieser Kindersoldatin aus Sierra Leone verdeutlicht, ist die Selbstperzeption von Kindern komplex und kann zugleich differente soziologische Konzepte, jene des Opfers, der Resilienz und des Agents, widerspiegeln. Im öffentlichen Diskurs wird Kindsein allerdings noch immer primär mit Schutzbedürftigkeit und elterlicher Abhängigkeit assoziiert. Diese paternalistische Sichtweise resultiert nicht nur in einer gesteigerten diskursiven Viktimisierung von Kindern, sondern zugleich auch in einer zunehmenden Sensibilisierung für viktimisierende Handlungen gegenüber Kindern.
Gerade die Verabschiedung der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen (CRC) im November 1989, die bislang von 196 Staaten ratifiziert wurde, brachte diesbezüglich einige Reformen. Der Gruppe der Kinder, die über Jahrhunderte hinweg rechtlich und gesellschaftlich objektifiziert wurden, wurde erstmalig eine universelle Position als „subjects entitled to rights“ (Stark 2017: XIV) im internationalen Rechtsdiskurs eingeräumt. Ihr Schutz vor viktimisierenden Handlungen wurde entsprechend zu einem zentralen politischen Ziel deklariert, dessen Prämissen unter anderem die Verfolgung von weltweiten Kinderrechtsverletzungen und das kindliche Empowerment sein sollten. Die Viktimisierung von Kindern hält allerdings bis heute vielfach an.
Laut der Studie Poly-Victimization in a National Sample of Children and Youth von Finkelhor et al. (2010), die sich explizit auf die USA bezieht, wurden rund 60 Prozent der zwei- bis siebzehnjährigen Befragten mindestens einmal während ihres Lebens zu Opfern. Circa 30 Prozent waren sogar einer Multiviktimisierung – vier bis fünf viktimisierenden Handlungen – und zehn Prozent einer Polyviktimisierung – mehr als elf viktimisierenden Handlungen – ausgesetzt. Ähnliche Ergebnisse zeigt auch der Violence Study Report der UNICEF.
In Anbetracht dieser Ergebnisse stellt sich die Frage, wie Kinder überhaupt zu Opfern werden. Worauf basieren kindliche Viktimisierungsprozesse im internationalen Rechtsdiskurs, insbesondere bei der CRC? Werden Kinder schlichtweg als ideale Opfer geboren oder werden sie durch Gesetzestexte passiv zu Opfern erklärt?

Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Aktueller Forschungsstand und weiterer Problemaufriss

1.2 Aufbau der Arbeit und Forschungsfragen

2. Rechtliche und philosophische Konzepte zur Kindheit

2.1 Die patria potestas in der Antike

2.2 Das immanente Kind nach John Locke

2.3 Das unschuldige Kind nach Jean-Jacques Rousseau

2.4 Die neue Kindheit

3. Viktimisierungsdiskurse

3.1 Der Opferbegriff nach Svenja Goltermann

3.1.1 Historische Entwicklungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

3.1.2 Die Figur des Opfers nach dem Zweiten Weltkrieg

3.2 Die UN-Kinderrechtskonvention und der Status des Kindes

3.2.1 Partizipations- versus Schutzrechte: ausgewählte Beispiele

3.2.2 Fakultativprotokolle

4. Beispiele für kindliche Viktimisierung im internationalen Recht

4.1 Kinderhandel

4.2 Kindersoldat*innen

4.3 Kinderarbeit

5. Fazit – Opfer oder Agent?

Zielsetzung & Themen

Die Arbeit untersucht die historische und rechtspolitische Konstruktion von Kindern als Opfer im internationalen Rechtsdiskurs, insbesondere unter Berücksichtigung der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen (CRC), und hinterfragt, inwieweit Kinder als passive Rechtsobjekte oder als autonome Akteure (Agents) wahrgenommen werden.

  • Historische Evolution des Kindheitsbegriffs
  • Viktimisierungstheorien und Opfernarrative
  • Struktur und Wirkungsweise der UN-Kinderrechtskonvention
  • Fallbeispiele: Kinderhandel, Kindersoldat*innen und Kinderarbeit
  • Spannungsfeld zwischen Schutzrechten und Partizipationsrechten

Auszug aus dem Buch

3.1.2 Die Figur des Opfers nach dem Zweiten Weltkrieg

Interessanterweise waren laut Goltermann (vgl. 2017: 190) auch die frühen Schriften nach dem Zweiten Weltkrieg weiterhin durch eine Fokussierung auf die Opfer-Täter*innen-Beziehung dominiert, wie beispielsweise Une nouvelle branche de la science bio-psychosociale: la victimologie (1956) verdeutlicht. In diesem Werk entwickelte Mendelsohn eine Typologie der Kriminologie, in welcher er Opfer und Täter*innen hinsichtlich ihrer Schuld beziehungsweise Unschuld systematisierte. Lediglich in zwei von sechs Kategorien – „completely innocent victim“, zu denen Kinder und Bewusstlose zählten, und „victim with minor guilt“ – wurde den Opfern ein minderer Schuldanteil zugeschrieben als dem/der Täter*in (vgl. Sengstock 1976: 2). Entsprechend war jeder Erwachsene bei vollem Bewusstsein automatisch als ein schuldiges und jedes Kind, unabhängig von seiner Disposition, als ein unschuldiges Opfer einzustufen. Problematisch an einer solchen Opferhierarchisierung ist aus infantiler Sichtweise neben der Homogenisierung von Kindern als eine soziale Gruppe auch ihre Idealisierung als gesellschaftlich legitimierte Opfer.

Zu einem Paradigmenwechsel sei es laut Goltermann erst in den 1970er Jahren gekommen, als sich die Viktimologie zu einer eigenständigen wissenschaftlichen Disziplin herausbildete:

So sei der Toten nicht mehr länger aufgrund eines Opfers gedacht worden, das sie für etwas erbracht hätten, sondern weil sie Opfer von Gewalt geworden seien; an die Stelle des aktiven Opfers sei mithin das passive Opfer getreten (Goltermann 2015: 74).

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die komplexe Selbstwahrnehmung von Kindern zwischen Opferrolle und Agency und führt in die Problematik der Viktimisierung im internationalen Rechtskontext ein.

2. Rechtliche und philosophische Konzepte zur Kindheit: Dieses Kapitel zeichnet die historische Entwicklung von Kindheitskonzepten nach, von der absoluten väterlichen Gewalt in der Antike bis zum modernen Verständnis des Kindes.

3. Viktimisierungsdiskurse: Es erfolgt eine Analyse des Opferbegriffs anhand von Svenja Goltermanns Theorien sowie eine kritische Untersuchung der UN-Kinderrechtskonvention hinsichtlich ihrer Schutz- und Partizipationsmechanismen.

4. Beispiele für kindliche Viktimisierung im internationalen Recht: Anhand der Bereiche Kinderhandel, Kindersoldat*innen und Kinderarbeit wird die praktische Anwendung der rechtlichen Normen und deren Auswirkungen auf das Kindheitsbild demonstriert.

5. Fazit – Opfer oder Agent?: Das Fazit resümiert, dass Kinder im Völkerrecht zwar zunehmend Rechte erhalten, aber in vielen Bereichen weiterhin durch eine passive Opfermetaphorik determiniert bleiben.

Schlüsselwörter

Kindheit, Viktimisierung, Kinderrechtskonvention, CRC, Menschenrechte, Opferrolle, Agency, Kindersoldat*innen, Kinderarbeit, Kinderhandel, Rechtsdiskurs, Opfernarrativ, Schutzrechte, Partizipationsrechte, Völkerrecht.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht, wie das Bild des Kindes als „ideales Opfer“ rechtlich und gesellschaftlich konstruiert wird und inwieweit internationale Abkommen diesem Bild entsprechen oder entgegenwirken.

Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?

Die zentralen Themen sind die philosophische Genese der Kindheit, Theorien zur Viktimisierung, die Struktur der UN-Kinderrechtskonvention sowie spezifische Gefährdungslagen wie Kinderhandel und Kindersoldatentum.

Was ist die primäre Forschungsfrage?

Die Arbeit fragt danach, worauf kindliche Viktimisierungsprozesse im internationalen Rechtsdiskurs basieren und ob Kinder durch Gesetzestexte passiv zu Opfern erklärt werden.

Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?

Es wird eine historisch-analytische Methode angewandt, die auf der Dokumenten- und Literaturanalyse beruht, insbesondere unter Einbeziehung des theoretischen Rahmens von Svenja Goltermann.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in die philosophische Herleitung des Kindheitsbegriffs, eine theoretische Einordnung von Viktimisierungsdiskursen und eine praktische Untersuchung dreier Beispiele kindlicher Viktimisierung im internationalen Recht.

Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?

Zu den wichtigsten Begriffen gehören Viktimisierung, Agency, Kindheitskonstruktion, CRC, Schutzbedürftigkeit, Opfermetaphorik und internationale Rechtsnormen.

Wie unterscheidet die Autorin zwischen Schutz- und Partizipationsrechten in der CRC?

Die Autorin weist darauf hin, dass viele Artikel der CRC Kinder zwar als Rechtssubjekte anerkennen, sie jedoch gleichzeitig durch Formulierungen, die Schutz und elterliche Fürsorge betonen, oft wieder in eine Rolle der Passivität und Unmündigkeit drängen.

Welche Rolle spielt die „Agency“ des Kindes in der Argumentation?

Die Agency beschreibt die Fähigkeit des Kindes, als eigenständiger Akteur zu handeln. Die Arbeit argumentiert, dass eine uneingeschränkte Anerkennung dieser Agency eine Abkehr vom starren Opfer-Täter-Dualismus erfordert.

Was ist das zentrale Fazit zur Rolle des Kindes in der Postmoderne?

Das Fazit stellt fest, dass Kinder zwar formal Rechte besitzen, aber im internationalen Rechtsdiskurs häufig weiterhin als „passive Opfer“ gerahmt werden, da die rechtlichen Instrumente oft auf protektionistischen Vorstellungen basieren.

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Details

Titel
Kinder als ideale Opfer? Eine rechtspolitische Perspektive
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Otto-Suhr-Institut)
Note
1,0
Autor
Maria Weickardt (Autor:in)
Erscheinungsjahr
2019
Seiten
22
Katalognummer
V502340
ISBN (eBook)
9783346032850
ISBN (Buch)
9783346032867
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kindersoldaten Opfer Täter Agency Kinderrechte
Produktsicherheit
GRIN Publishing GmbH
Arbeit zitieren
Maria Weickardt (Autor:in), 2019, Kinder als ideale Opfer? Eine rechtspolitische Perspektive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/502340
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Leseprobe aus  22  Seiten
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