Kinder als ideale Opfer? Eine rechtspolitische Perspektive


Hausarbeit, 2019
22 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Aktueller Forschungsstand und weiterer Problemaufriss
1.2 Aufbau der Arbeit und Forschungsfragen

2. Rechtliche und philosophische Konzepte zur Kindheit
2.1 Die patria potestas in der Antike
2.2 Das immanente Kind nach John Locke
2.3 Das unschuldige Kind nach Jean-Jacques Rousseau
2.4 Die neue Kindheit

3. Viktimisierungsdiskurse
3.1 Der Opferbegriff nach Svenja Goltermann
3.1.1 Historische Entwicklungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
3.1.2 Die Figur des Opfers nach dem Zweiten Weltkrieg
3.2 Die UN-Kinderrechtskonvention und der Status des Kindes
3.2.1 Partizipations- versus Schutzrechte: ausgewählte Beispiele
3.2.2 Fakultativprotokolle

4. Beispiele für kindliche Viktimisierung im internationalen Recht
4.1 Kinderhandel
4.2 Kindersoldat*innen
4.3 Kinderarbeit

5. Fazit – Opfer oder Agent?

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

“I’m a victim because I have two children [born of rape] and I’m finding difficult to take care of them … but I’m a survivor because I’m able to withstand all the challenges.” (Denov 2012: 287)

Wie die Aussage dieser Kindersoldatin aus Sierra Leone verdeutlicht, ist die Selbstperzeption von Kindern komplex und kann zugleich differente soziologische Konzepte, jene des Opfers, der Resilienz und des Agents1, widerspiegeln. Im öffentlichen Diskurs wird Kindsein allerdings noch immer primär mit Schutzbedürftigkeit und elterlicher Abhängigkeit assoziiert. Diese paternalistische Sichtweise resultiert nicht nur in einer gesteigerten diskursiven Viktimisierung von Kindern, sondern zugleich auch in einer zunehmenden Sensibilisierung für viktimisierende Handlungen gegenüber Kindern.

Gerade die Verabschiedung der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen (CRC) im November 1989, die bislang von 196 Staaten ratifiziert wurde, brachte diesbezüglich einige Reformen. Der Gruppe der Kinder, die über Jahrhunderte hinweg rechtlich und gesellschaftlich objektifiziert wurden, wurde erstmalig eine universelle Position als „subjects entitled to rights“ (Stark 2017: XIV) im internationalen Rechtsdiskurs eingeräumt. Ihr Schutz vor viktimisierenden Handlungen wurde entsprechend zu einem zentralen politischen Ziel deklariert, dessen Prämissen unter anderem die Verfolgung von weltweiten Kinderrechtsverletzungen und das kindliche Empowerment sein sollten. Die Viktimisierung von Kindern hält allerdings bis heute vielfach an.

Laut der Studie Poly-Victimization in a National Sample of Children and Youth von Finkelhor et al. (2010), die sich explizit auf die USA bezieht, wurden rund 60 Prozent der zwei- bis siebzehnjährigen Befragten mindestens einmal während ihres Lebens zu Opfern. Circa 30 Prozent waren sogar einer Multiviktimisierung – vier bis fünf viktimisierenden Handlungen – und zehn Prozent einer Polyviktimisierung – mehr als elf viktimisierenden Handlungen – ausgesetzt. Ähnliche Ergebnisse zeigt auch der Violence Study Report der UNICEF.

In Anbetracht dieser Ergebnisse stellt sich die Frage, wie Kinder überhaupt zu Opfern werden. Worauf basieren kindliche Viktimisierungsprozesse im internationalen Rechtsdiskurs, insbesondere bei der CRC? Werden Kinder schlichtweg als ideale Opfer geboren oder werden sie durch Gesetzestexte passiv zu Opfern erklärt?

1.1 Aktueller Forschungsstand und weiterer Problemaufriss

Interessanterweise ist das Kind ein eher junges sozialwissenschaftliches Forschungssubjekt, das bis in die frühen 1970er Jahre hinein in zweierlei Hinsicht vernachlässigt wurde: Einerseits lag bis dato der Fokus fast ausschließlich auf strukturell-funktionalistischen Ansätzen zur kindlichen Sozialisation und weniger auf dem Kind selbst als sozialem Akteur (vgl. Qvortrup 2009: 22). Andererseits wurde das Kind vorwiegend als Element der familiären Gemeinschaft oder der Mutter-Kind-Beziehung betrachtet, wobei das Erwachsensein vielmals als finales Entwicklungsziel galt.

Im Rahmen der Menschenrechtsbewegungen der 1970er und 1980er Jahre und mit der Ratifizierung der CRC erfolgte allerdings ein Paradigmenwechsel, der sich auch in der steigenden Anzahl an Publikationen über das Rechtssubjekt Kind und dessen Viktimisierung zeigt. Thematische Schwerpunkte sind heutzutage beispielsweise die sexualisierte Gewalt, Mobbing im Internet sowie häusliche Gewalt. Andere Themen, beispielsweise physische Gewalt zwischen Geschwistern und Mord an Kindersoldat*innen, sind hingegen im wissenschaftlichen Viktimisierungsdiskurs weiterhin unterrepräsentiert oder sogar tabuisiert (vgl. Hartjen & Priyadarsini 2012: 4).

1.2 Aufbau der Arbeit und Forschungsfragen

Das Ziel ist es, einen Konnex zwischen der Kindheitsdefinition, dem Viktimisierungsdiskurs und den internationalen Kinderrechten aus einer historisch-analytischen Perspektive heraus herzustellen. Entsprechend gliedert sich die Hausarbeit auch in drei thematische Abschnitte: In Kapitel zwei wird die Evolution des Kindheitskonzepts bis zur Postmoderne nachgezeichnet. Zentrale Stationen sind die Antike, die Theorien von John Locke und Jean-Jacques Rosseau sowie das neue Kind des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts. Aufbauend darauf wird in Kapitel drei der Opferbegriff einerseits anhand des Buchs Opfer von Svenja Golterman in einen historisch-narrativen Kontext gesetzt. Zum anderen wird der Status des Kindes im internationalen Recht anhand der CRC erörtert. Dieses Wissen dient als Ausgangspunkt, um drei Viktimisierungsdiskurse partiell zu exemplifizieren: der Kinderhandel, der/die Kindersoldat*in und die Kinderarbeit. Orientiert an Goltermann werden diese Beispiele mithilfe der Methode der historischen Dokumenten- und Literaturanalyse hinsichtlich ihres Opfernarrativs aufgearbeitet.

Zugrundliegende Thesen sind dabei:

1. Aufgrund seiner Passivität und seiner sozialen Stellung ist das Kind das ideale Opfer.
2. Die Viktimisierung von Kindern ist Ausdruck einer postmodernen Machthierarchie.
3. Temporär gesehen unterliegen Viktimisierungsdiskurse Schwankungen, die vor allem durch epochale Kindheitsverständnisse geprägt sind.

2. Rechtliche und philosophische Konzepte zur Kindheit

2 Eine umstrittene Diskussion zur Kindheit regte Ariès in seinem Werk L’enfant et la vie familiale sous l’ancien regime3 an. Hierin vertritt er die Grundthese, dass die Kindheit kein naturgegebener, sondern ein sozial konstruierter, im 16. Jahrhundert ‚entdeckter‘ Zustand sei (vgl. Ariès 1975: 92). Die Folgen dieser ‚Entdeckung‘ seien nicht vorrangig positiv gewesen, denn mit der Separierung von Kindheit und Erwachsenensein sei auch eine soziale Quaratäne entstanden, da Kinder nur noch bedingt Kontakte zu Nicht-Gleichaltrigen aufbauen konnten (vgl. Ariès 1975: 92–111).

Konträr dazu steht die Aussage von de Mause, der die Evolutionshistorie der Kindheit als „a nightmare from which we have only recently begun to awaken“ (de Mause 1976: 1) illustriert. Schließlich seien erst mit dem aufkommenden Humanimus im 17. Jahrhundert vormoderne Modi der Kindererziehung, unter anderem der sozial akzeptierte Infantizid, durch affektivere Erziehungsstile substituiert worden (vgl. de Mause 1976). Demgemäß interpretiert de Mause die Evolution der Kindheit als eine Historie regressiver Akzeptanz kindlicher Viktimisierung.

In den folgenden Unterkapiteln soll die historische Progession der Kindheit als Epitome abgebildet werden. Die vier ausgewählten Konzepte sind dabei aus zweierlei Hinsicht von Relevanz: Sie explizieren zum einen, wie signifikant sich das Verständnis einer idealen Kindheit verändert hat und werfen zum anderen rechtliche Fragen auf, die den Viktimisierungsdiskurs bis in die Postmoderne hinein determinieren.

2.1 Die Patria potestas in der Antike

Unter der patria potestas 4 wird im Römischen Reich eine agnatisch begründete Machtasymmetrie zwischen dem männlichen Familienoberhaupt, dem paterfamilias, und der familia verstanden, welche im originären Sinne lediglich sittlichen und keinen rechtlichen Restriktionen unterworfen war (vgl. Meyer 1975: 257). Unter der familia subsumieren sich die Ehefrau, Kinder und Enkel*innen, insofern sie von einem Sohn des paterfamilias gezeugt wurden (vgl. Minois 1989: 81).

Da der paterfamillias als sui juris, also als rechtlich nur sich selbst unterstellt, galt und familiäre Angelegenheiten zum Privatrecht zählten, besaß er eine uneingeschränkte Machtausübung, die es ihm legitimierte, über das Leben, die Veräußerung und die Adoption der eigenen Kinder zu entscheiden. Dies bedeutete auch, dass er in Abstimmung mit dem Familienrat einen begründeten Infantizid begehen konnte (vgl. Honsell 2006: 189). Kinder als „the ‚mute‘ property of their father“ (Holzscheiter 2010: 101) wurden ergo zu einer minderwertigen gesellschaftlichen Gruppe und zu Rechtsobjekten degradiert, deren Bedürfnisbefriedigung, beispielsweise hinsichtlich der Bildung und der Nahrung, von der väterlichen Gnade diktiert wurde.

Das Kindheitskonzept des Römischen Reiches glich folglich einem asynchronen Abhängigkeitsverhältnis, in welchem viktimisierende Handlungen gegenüber Kindern durch die Berufung auf die patria postestas und die Einhaltung des Sittenrechts manifestiert wurden. Laut dem Honsell lässt sich allerdings auch ein Moment der kindlichen Agency-Zuschreibung erkennen, da Söhne, welche bereits dreimal verkauft worden waren, selbst zu einem homo sui iuris, einem unabhängigen Rechtssubjekt, werden konnten (vgl. Honsell 2006: 191).

2.2 Das immanente Kind nach John Locke

Für Locke wird das Kindheitskonzept der frühen Neuzeit weiterhin durch eine Machtasymmetrie determiniert, die sich aber nicht wie im Römischen Reich aus der paternalen Dominanz ableitet. Vielmehr handelt es sich um ein rechtlich legitimiertes Vormundschaftsverhältnis, das auf der Prämisse basiert, dass Kinder aufgrund ihres angeborenen Mangels an Wissen und Moral keine vollwertigen Rechtssubjekte seien (vgl. Locke 1959: II.IV, §65). Erst durch die Annäherung an die immanente Vernunft im Prozess des Heranwachsens verlasse das Kind den Status des ‚unfertigen‘ Erwachsenen und erlange die vollständige Freiheit als Mitglied der Gemeinschaft (vgl. Junks 2001: 23–29).

Der Erziehung kommt in diesem Prozess eine zentrale Rolle zu. Vormünder, so argumentiert Locke, sind in der Pflicht “[to] inform the Mind, and govern the Actions of [the] yet ignorant Nonage” (Locke 1988: 58), beispielsweise indem die spezifischen Fähigkeiten der Kinder möglichst frühzeitig erkannt und bewusst beeinflusst werden. Das Ziel der Erziehung sei es folglich nicht, sich auf die kindliche Natur einzustellen, sondern das Kind nach einem gesellschaftlichen Ideal zu formen: dem vernunftbewussten Erwachsenen (vgl. Tarcov 1984: 109).

Der Locke’sche Diskurs offenbahrt eine zugleich edukative und erkenntnistheoretische Sichtweise auf die Kindheit als Lernstadium, in dem Kinder sozusagen als Agents im Werden erachtet wurden, wobei ihre rechtliche Anerkennung jedoch limitiert war.

2.3 Das unschuldige Kind nach Jean-Jacques Rousseau

Konstratierend zu Locke interpretiert Rousseau in seinem Werk Emile, or On Education die Kindheit als Stadium der Unbändigkeit und Unschuld: „Everything is good as it leaves the hands of the Author of things [God – Anm. M.W.S.]; everything degenerates in the hands of man" (Rousseau 1979(a): 37). Das Kind komme folglich substanziell gut und sündenfrei zur Welt, werde aber durch die Erziehung zu einem/einer guten Bürger*in von seinem natürlich machtvollen Status entrückt. Da die Sozialisation in einer modernen Gesellschaft allerdings eine soziale Notwendigkeit darstellt, müsse die pädagogische Prämisse darin bestehen, Kinder zu zivilisieren und simultan ihren Naturzustand zu wahren (vgl. Rosseau 1979(a): 37).

Laut Rousseau erweist sich dies jedoch im Europa der Romantik als diffizil, da Erziehende Kinder zu „a man of learning“ (Rousseau 1979(b): 73) formen wollen, während „[they] think it [is] never too soon to scold, correct, reprove, threaten, bribe, teach, and reason [them]” (Rousseau 1979(b): 73). Mit dem Verweis auf die Anwendung züchtigender Maßnahmen stößt der Philosoph einen Aspekt des Viktimisierungsdiskurses an, der erst in den letzten 50 Jahren verstärkt verrechtlich wurde. Ferner ist seiner idealisierten Perzeption von Kindheit ein Dualismus inhärent: Einerseits spricht er Kindern als gottnächste Individuen einen herausgehobenen sozialen Status zu. Andererseits wurde das unschuldige Kind in der Realität erst im beginnenden 20. Jahrhundert zum Subjekt in der Diskussion um viktimisierende Handlungen (vgl. Goltermann 2017: 154).

2.4 Die neue Kindheit

Seit Mitte des 20. Jahrhunderts wird das Kindheitskonzept, insbesondere im rechtlichen Diskurs, vorwiegend durch ein westliches Paradigma geprägt, welches die Demarkation zwischen Kindern und Erwachsenen anhand von Raumkonzepten (Arbeitsstelle versus Spielplatz) oder Alterskohorten vornimmt (vgl. Archard 2004: 37). Laut den Vereinten Nationen (UN; 1989: Art. 1), beispielsweise, ist „every human being below the age of eighteen years unless under the law applicable to the child, majority is attained earlier” als Kind zu definieren. Mit der Ergänzung, dass eine altersspezifische Abweichung in Abhängigkeit zu nationalen Gesetzestexten fakultativ wäre, wollte die Generalversammlung der UN ein universelles Konzept implementieren. Jedoch ist diese Intension in dreifacher Hinsicht als kritisch zu werten: Erstens argumentiert Archard (2004: 31), dass zwar jede Epoche sein eigenes Konzept der Kindheit hat – für die Postmoderne wird dieses oftmals als das Konzept des „evolving child“5 (Holzscheiter 2010: 137) bezeichnet –, es allerdings vielfältige Konzeptionen (respektive Interpretationen) dieses einen Konzepts gibt. Entsprechend divergent ist die Übersetzung in nationalen Verfassungen weltweit.

Zweitens ist die Segmentierung in Alterskohorten zwar pragmatisch, aber es spiegelt kulturelle Entwicklungen nur unzulänglich wider (vgl. Kurtenbach 2009: 84). Dies gilt vor allem für asiatische und afrikanische Gesellschaften, in denen das Kindheitskonzept oftmals jenseits des tradierten Eltern-Kind-Schemas nicht als Entwicklungsstadium interpretiert wird, sondern beispielsweise als ein lebenslanger Lernprozess6 (vgl. Archard 2004: 45).

Drittens simplifizieren die UN den internationalen Rechtskurs, indem sie unter dem Terminus Kind alle Menschen unter 18 Jahren subsumieren und dadurch biologische Abweichungen vernachlässigen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO; 2016), zum Beispiel, klassifiziert im Kontrast dazu Jugendliche von „10–29 years of age“ explizit als eine weitere soziale Kohorte. Kurtenbach (2009: 83–87) merkt disbezüglich kritisch an, dass die Differenzierung zwischen Jugendlichen und Kindern allerdings vorwiegend für die Zuschreibung von Opfer- und Täternarrativen genutzt wird. Folglich werde bei einem Opfer immer von einem Kind gesprochen, bei einem Täter hingegen von einem Jugendlichen.

Da die Hausarbeit den rechtlichen Viktimisierungsdiskurs auf einem historisch abstrakten Niveau und nicht am Einzelfall erörtert, wird verallgemeinernd der Terminus Kind für Kinder als auch Jugendliche verwendet. Ferner soll die CRC-Defintion von Kindheit als Basis für die weitere Erarbeitung dienen, wobei anzumerken ist, dass der rechtliche Status des Kindes keinesfalls separat von seinem sozial-gesellschaftlichen Status betrachtet werden kann.

3. Viktimisierungsdiskurse

Um zu determinieren, wie sich der internationale Rechtsdiskurs entfaltet, ist es zentral, anfänglich den Opferbegriff zu spezifizieren. Innerhalb der wissenschaftlichen Literatur existieren gegenwärtig divergente Definitionen, die sich hinsichtlich der Modi der Opferwerdung, der Opfer-Täter-Beziehung und dem Opfernarrativ differenzieren. Je nach thematischer Ausweitung können sie in enge und weite Opferdefinitionen eingeteilt werden. Ein enges Verständnis vertritt beispielsweise Kirchhoff (2010: 113), welcher Opfer als „an individual or a group forced to cope with important (at least) potentially uprooting events that can be actuated against him or her by other humans” versteht. Opfer können folglich Menschen und Gruppen sein, die direkt oder indirekt durch die Handlung einer oder mehrerer Personen geschädigt werden. Gleichzeitig, so Kirchhoff (2010: 113), ist die Opferwerdung aber auch ein sozialer Aushandlungsprozess auf individueller und kollektiver Ebene, da nicht nur die Selbstzuschreibung das Opfer zu einem Opfer werden lasse, sondern es auch als solches durch die Gesellschaft „socially recognized“ werden müsse.

In weiten Opferdefinitionen können neben Menschen auch Institutionen, Organisationen und gesellschaftliche Ordnungen durch Handlungen, Naturkatastrophen, Diskriminierungen oder auch Unfälle viktimisiert werden (vgl. Kiefl & Lamnek 1986: 32). Eine solche Multiplizierung der Opferzuschreibungen ist, so Goltermann, nicht ausschließlich positiv zu sehen, da sich infolgedessen ein Relativismus einstellen kann, der die Grenzen zwischen Opfer und Täter zunehmend diffus werden lässt (vgl. Goltermann 2017: 43).

In den folgenden beiden Abschnitten wird der Viktimisierungsdiskurs – mit besonderem Fokus auf das Kind als Opfer – aus zwei Disziplinen heraus beleuchtet: der Geschichtswissenschaft und dem internationalen Recht.

3.1 Der Opferbegriff nach Svenja Goltermann

In ihrem Werk Opfer betrachtet Svenja Goltermann (vgl. 2017: 21) den Viktimisierungsdiskurs aus einer genealogischen Sichtweise, in der sie das Opfer als Figur einer sich wandelnden Historizität definiert7, dessen Anerkennung von den zwei relationalen Dimensionen Wissen und Macht abhängig ist. Wird beispielsweise infolge eines Krieges Folter als Strafmethode legitimiert, beeinflusst diese Entwicklung auch das gesellschaftliche Verständnis von Opfern. Opferzuschreibungen sind, ergo, zeitlich instabile Kategorien, die weder auf andere Epochen noch auf andere Kulturkreise übertragbar sind und ihren Zenit in der Postmoderne finden (vgl. Goltermann 2017: 21–23).

Obwohl Goltermanns Opferbegriff seinen Ursprung im 18. Jahrhundert hat, werden sich die nachfolgenden Ausführungen zu ihrem Werk ausschließlich auf den Zeitraum zwischen dem beginnenden 20. Jahrhundert und dem beginnenden 21. Jahrhundert beziehen – jenem Zeitraum, in dem sich das Konzept der neuen Kindheit herausbildete.

3.1.1 Historische Entwicklungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Laut Goltermann war bis ins 20. Jahrhundert hinein eine enge Opferdefinition gebräuchlich, welche sich ausschließlich auf den/die für das Vaterland kämpfende/n Soldat*in begrenzte. Im Anschluss an den Ersten Weltkrieg sei es jedoch zu einer terminologischen Extension gekommen, infolgedessen auch Zivilist*innen und ökonomische Einbußen als Opfer – und gegen Ende der 1920er Jahren als Kriegsopfer – deklariert werden konnten (vgl. Goltermann 2017: 155–158). Ursächlich für diese Entwicklung seien unter anderem die verbesserten Sozialsysteme innerhalb der kriegsführenden Länder sowie die Herausbildung nationaler und internationaler (Hilfs-)Organisationen gewesen (vgl. Goltermann 2017: 143; 156). Kinder als Opfer wurden in diesem Diskurs nur sekundär im Kontext mit anderen vulnerablen Gruppen wie Frauen und Veteran*innen thematisiert.

Ferner wurde erstmalig die Opfer-Täter*innen-Beziehung zum Objekt von kriminologischen und rechtlichen Fragen, wie Goltermann anhand mehrerer Beispiele aufzeigt. Nennenswert sind hierfür neben den Ermittlungskommissionen des Ersten Weltkrieges, welche die Rhethorik des unschuldigen Opfers als „Wahrheitsanspruch in Bezug auf illegitime Kriegshandlungen“ (Goltermann 2017: 132–133) instrumentalisierten, die Abhandlungen von Hans von Hentig. Er entwickelte in den 1930er Jahren einen milieuspezifischen Ansatz des Opferbegriffs, in welchem er Opfern, insbesondere Frauen, Kindern und Juden, aufgrund ihrer angeborenen Prädisposition8 eine Mitschuld hinsichtlich der gegen sie verübten Straftaten einräumte (vgl. Goltermann 2017: 182–185).

[...]


1 Unter einem Agenten wird ein Individuum verstanden, das die Fähigkeit besitzt, soziale Erfahrungen zu verarbeiten und aus den extremsten Situationen Möglichkeiten für die individuelle Lebensgestaltung zu schöpfen.

2 Ergänzend muss erwähnt werden, dass die Konzepte, auf die sich diese Hausarbeit vorrangig bezieht, der Tradition des Globalen Nordens entspringen. Dies ist unter anderem in der Ursache begründet, dass auch die Gesetzestexte aus Kapitel drei sowie das Goltermann’sche Opferkonzept westlich geprägt sind.

3 deutscher Titel: Die Geschichte der Kindheit

4 zu Deutsch: „väterliche Gewalt“

5 Das „evolving child“ gilt als Sinnbild des sich emanzipierenden Kindes, welches sich aus seiner Rolle der passiven Unschuld befreit hat und selbst für seine Rechte einsteht. Bislang wird dieses Konzept allerdings von wenigen Wissenschaftler*innen vertreten, und es findet im internationalen Recht nur limiert Anwendung, was sich auch in den nachfolgenden Kapiteln zeigen wird.

6 Andere Autor*innen sehen zum Beispiel die Größe der Familie (Kleinfamilie versus Dorfgemeinschaft) und das Maß an Verantwortlichkeit als größte Differenzen zwischen den Kindheitskonzepten des Globalen Südens und Nordens (vgl. Holzscheiter 2010: 114).

7 Zu ergänzen ist hierzu, dass die historische Betrachtung des Opferbegriffs bei Goltermann eurozentristisch geprägt ist und deshalb essenzielle Stationen der europäischen Geschichte, unter anderem den Kolonialismus und die beiden Weltkriege, thematisiert.

8 Als Prädisposition sind unter anderem die körperliche Unterlegenheit und der Wunsch nach sexueller Unzucht anzusehen.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Kinder als ideale Opfer? Eine rechtspolitische Perspektive
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Otto-Suhr-Institut)
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
22
Katalognummer
V502340
ISBN (eBook)
9783346032850
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kindersoldaten, Opfer, Täter, Agency, Kinderrechte
Arbeit zitieren
Maria Weickardt (Autor), 2019, Kinder als ideale Opfer? Eine rechtspolitische Perspektive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/502340

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