Die Europäische Union (EU) ist in den letzten Jahren signifikant ausgebaut und erweitert worden. Die Eintrittsbestrebungen vieler Länder halten bis heute an. Insbesondere die zunehmende Größe der Europäischen Union ist dabei kontrovers zu diskutieren. Es ist die Frage zu klären, ob Europa ab einer gewissen Größe zu groß ist, um sich selbst zu steuern und zu regieren, und ob der Beitritt neuer Mitgliedsstaaten einen Schlüsselbaustein für den Machtausbau oder doch für eine Selbstzerstörung darstellt.
Viele ungelöste Probleme im Inneren des europäischen Systems sorgen für eine immer weiter zunehmende Unvereinbarkeit. Interessanterweise sorgen diese Probleme nicht für den Abbruch einer Expansionsbestrebung, sondern bringen sie sogar noch weiter voran. Die EU wird zunehmend handlungsunfähig und viele ungelöste interne Probleme wie der Brexit, der Aufstieg populistischer Parteien, Nationalismus sowie Finanzkrisen verstärken dies. Kulturelle, politische und wirtschaftliche Unterschiedlichkeiten von Bestandsländern sowie von potenziellen neuen Beitrittskandidaten führen zu der Frage, ob die EU sich erweitern und vergrößern soll. Welche Größe ist die richtige, um ein Europa zu sein, das stabil im Kern und handlungs- und konkurrenzfähig in der Welt ist? Kann Europa geographisch, politisch und wirtschaftlich noch größer werden? Wie zielführend ist dies und kann eine weitere Ausdehnung oder eine Stabilisierung zu einem Erfolg führen? Ist vielleicht sogar eine Stabilisierung nur durch eine Ausdehnung möglich?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Entwicklungen der Mitgliederzahl der EU
2.1 Historischer Verlauf
2.2 Prognostizierte Verläufe
3. Die Erweiterung der EU
3.1 Imperiale Überdehnung in Europa im historischen Kontext
3.2 Nutzen der Erweiterung
3.3 Grenzen der Erweiterung
3.4 Probleme der Erweiterung
3.5 Kopenhagener Kriterien
4. Die Herstellung der Handlungsfähigkeit der EU
4.1 Ausdehnung und Vertiefung
4.2 Stagnation und Rückbau
5. Resümee und Schlussbetrachtung
6. Bibliographie
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen der stetigen geografischen und politischen Erweiterung der Europäischen Union (EU) und deren Auswirkungen auf die interne Handlungsfähigkeit. Dabei wird der Frage nachgegangen, ob eine zunehmende Mitgliederzahl und eine damit einhergehende geografische Ausdehnung die Stabilität der Union gefährden oder ob eine Konsolidierung (Vertiefung) zwingend erforderlich ist, um als globaler Akteur bestehen zu können.
- Historische Entwicklung der Mitgliederzahl der EU.
- Analyse des Konzepts der "imperialen Überdehnung" im Kontext der EU.
- Diskussion über Nutzen, Grenzen und Probleme der Erweiterung.
- Untersuchung der Kopenhagener Kriterien für EU-Beitrittskandidaten.
- Bewertung von Szenarien wie weiterer Ausdehnung, Vertiefung, Stagnation oder Rückbau.
Auszug aus dem Buch
3.1 Imperiale Überdehnung in Europa im historischen Kontext
Der Politikbegriff der imperialen Überdehnung stammt aus der Staatstheorie und beschreibt mächtige Staaten mit großem geographischen Einflussbereich. Diese Staaten setzen die Mehrzahl der ihnen zur Verfügung stehenden materiellen und personellen Ressourcen ein, um an einer Vielzahl von Einsatzorten gleichzeitig präsent zu sein. Damit überfordern sie ihre eigenen Kräfte und laufen Gefahr, hieran auf lange Sicht zugrunde zu gehen. Die Geschichte zeigt dieses Phänomen hinreichend auf. Exemplarisch kann an dieser Stelle dafür das Perserreich und Römerreich genannt werden, welche hauptursächlich durch imperiale Überdehnungen zugrunde gegangen sind. „Die Geschichte kennt viele große Mächte, die an Überdehnung zugrunde gegangen sind, aber keine, die durch Überdehnung entstanden sind.“ (Winkler 2006: 41) Die Europäische Union ist ein Verbund von Staaten, welche aus dem Prozess der Ausdehnung entstanden ist. Nach Winkler stellt die einstige Ausdehnung inzwischen eine Überdehnung dar, woraus sich die EU weiterentwickelt. Dies wird aus dem Blickwinkel der Zukunft eine erstmalige und einzigartige Entwicklung sein, die es so noch nicht gab. Deswegen sind Prognosen zu den Folgen und Ergebnissen schwierig zu treffen. „Zum ersten Mal seit über 1000 Jahren haben 27 europäische Völker, deren Geschichte bis dahin geprägt war von gegenseitigen Kriegen, Raub und Mord, sich freiwillig zu einer politischen Organisation zusammengeschlossen und ihr politisches Schicksal miteinander verbunden.“ (Hänsch 2009: 71) Durch Globalisierung und europäische politische Veränderungen steht Europa vor historisch einmaligen Herausforderungen und Transformationsprozessen. Wirtschaftskrisen, globale Erwärmung, demografische Veränderungen und viele weitere Aspekte sorgen für Krisensituationen. „Ein aufgeklärtes europäisches Wir-Gefühl kann nur auf beidem beruhen: dem Bewusstsein dessen, was Europa seit mehr als einem Jahrtausend im Guten wie im Bösen verbunden hat, und der Erinnerung an das, was die Europäer über Jahrhunderte hinweg trennte. Auch Trennungen können verbinden.“ (Winkler 2006: 37)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung thematisiert die Herausforderungen einer stetig wachsenden Europäischen Union und stellt die Forschungsfrage nach der optimalen Größenordnung für Stabilität und Handlungsfähigkeit.
2. Entwicklungen der Mitgliederzahl der EU: Dieses Kapitel zeichnet den historischen Verlauf der EU-Erweiterung von den sechs Gründerstaaten bis zur aktuellen Mitgliederzahl nach und gibt einen Ausblick auf potenzielle künftige Beitritte.
3. Die Erweiterung der EU: Hier werden theoretische Konzepte wie die imperiale Überdehnung sowie der Nutzen, die Grenzen und die Probleme einer fortwährenden Erweiterung kritisch beleuchtet.
4. Die Herstellung der Handlungsfähigkeit der EU: Dieses Kapitel analysiert Lösungsansätze zur Wahrung der EU-Handlungsfähigkeit, insbesondere das Wechselspiel zwischen Ausdehnung, Vertiefung, Stagnation und möglichem Rückbau.
5. Resümee und Schlussbetrachtung: Das Resümee fasst die zentralen Erkenntnisse zusammen und plädiert für eine Phase der Selbstfindung und Konsolidierung anstelle einer unbegrenzten weiteren Ausdehnung.
6. Bibliographie: Dieses Kapitel enthält das vollständige Verzeichnis der in der Hausarbeit verwendeten wissenschaftlichen Quellen und Literatur.
Schlüsselwörter
Europäische Union, EU-Erweiterung, imperiale Überdehnung, Handlungsfähigkeit, Vertiefung, Kopenhagener Kriterien, Integration, europäisches Wir-Gefühl, Stabilität, EU-Austritt, Brexit, Geopolitik, Sozialistisches Erbe, Mitgliedsstaaten, Außenpolitik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Auswirkungen des Wachstums der Europäischen Union auf ihre interne Stabilität und Handlungsfähigkeit vor dem Hintergrund politischer und wirtschaftlicher Herausforderungen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind der historische Erweiterungsprozess, das Risiko einer imperialen Überdehnung, die Bedeutung der Kopenhagener Kriterien sowie die strategische Abwägung zwischen weiterer Ausdehnung und einer notwendigen Vertiefung der Union.
Welches primäre Ziel bzw. welche Forschungsfrage verfolgt die Arbeit?
Das primäre Ziel ist es zu erörtern, ob die EU durch eine stetige Vergrößerung ihre Handlungsfähigkeit untergräbt und welche Größe für eine stabile und konkurrenzfähige Union erforderlich ist.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse bestehender politologischer und staatstheoretischer Konzepte, um die aktuelle Situation der EU im Zeitverlauf zu bewerten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Analyse der Mitgliederentwicklung, die Auseinandersetzung mit der Theorie der Überdehnung sowie die Prüfung von Szenarien zur Wiederherstellung der Handlungsfähigkeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Europäische Union, Erweiterung, imperiale Überdehnung, Handlungsfähigkeit und politische Integration geprägt.
Welche Rolle spielen die Kopenhagener Kriterien in der Argumentation?
Die Kriterien dienen als Rahmen für die Aufnahmebedingungen; die Arbeit kritisiert deren mitunter vage Formulierung sowie die politische Instrumentalisierung bei vergangenen Erweiterungsrunden.
Warum wird der "große Sprung" der Erweiterung als kritisch angesehen?
Der "große Sprung" (insbesondere 2004/2007) wird als Wendepunkt diskutiert, an dem die Union möglicherweise ihre gesunde Integrationskapazität überschritten hat und nun mit den daraus resultierenden Problemen kämpft.
Welches Fazit zieht der Autor in Bezug auf die Zukunft der EU?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass die EU derzeit nicht weiter anwachsen darf, sondern sich auf ihre interne Stabilität, Wertegrundlage und Handlungsfähigkeit konzentrieren muss, um als Akteur zu bestehen.
Gibt es einen konkreten Lösungsansatz zur Einbindung weiterer Staaten ohne Vollmitgliedschaft?
Ja, der Autor schlägt vor, die EU durch ein Netzwerk aus flexiblen Koordinations-, Partnerschafts- und Assoziierungsverträgen zu entlasten, anstatt alle interessierten Staaten direkt aufzunehmen.
- Arbeit zitieren
- Robert Klötzer (Autor:in), 2019, Die Europäische Union und ihre Größenordnung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/502421