„Die Euphorie ist wieder da“. So der Titel eines Artikels im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ im Juni 2003 in Bezug auf die Aktienkurse der Biotechnologiebranche (vgl. Martens 2003). Nach einigem Auf und Ab scheint sich die bei den Börsianern bereits abgeschriebene Branche nach einer Konsolidierungsphase in den Jahren 2000/2001 nun doch zu etablieren. Bernd Seizinger, der Vorsitzende des börsennotierten Münchner Biotechnologieunternehmen s GPC sagt über die Branche: „Wir sind am Ende der Durststrecke angelangt“ (Martens 2003: 74). Mit Nachrichten über neue Krebsmedikamente dienen die Unternehmen als Zugpferde für technologische Werte. Doch auch in der Wissenschaft erweisen sich Biotechnologieunternehmen als Zugpferde für eine bestimmte Forschungsrichtung. Sie erscheinen als etwas Neuartiges, Modernes. Im Vergleich zu den alten, traditionsreichen Pharmakologieunternehmen wirkt alles an ihnen innovativer, flexibler und unkonventioneller. Und das bezieht sich gerade auch auf die Nähe zum wissenschaftlichen Arbeiten und auf die Fähigkeit der Unternehmen in „Kollaborationen“ und „Netzwerken“ neue Medikamente zu entwickeln und partnerschaftlich zu vertreiben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zum Stand der Forschung in der „Netzwerkdebatte“
2.1. Dimensionen der „Netzwerkforschung“
2.2. Die dominanten Theorien
2.3. Die Weiterentwicklung der Netzwerktheorien
3. Theoretische Implikationen der „Netzwerktheorien“
3.1. Kontingenztheoretische Ansätze
3.2. Institutionenökonomische Ansätze
3.2.1. Grundannahmen der Instiutionenökonomie
3.2.2. Die Rolle von Institutionen
3.2.3. Der Transaktionskostenansatz
3.3. Die neoinstitutionalistische Kritik an der Institutionenökonomie und der Kontingenztheorie
3.3.1. Das Problem der „sozialen Einbettung“
3.3.2. Netzwerkformen weder als Markt noch als Hierarchie
3.3.3. Der Einbezug der gesellschaftlichen Umwelt im neuen Institutionalismus
4. Die systemtheoretische Unterscheidung von System und Umwelt
4.1. Das unzureichende Verständnis von Organisation als Hierarchie im Neoinstitutionalismus
4.2. Weder Netzwerk noch Hierarchie: Organisationsgrenzen als Erwartungsgrenzen
4.3. Organisation verstanden als selbstreferentielles System
4.3.1. Organisation als System
4.3.2. Gesellschaft als Umwelt
5. Zentrale Fragestellung und Untersuchungsdimensionen
5.1. Fragestellung und Forschungshypothesen
5.2. Fallanalysen im Biotechnologie - und Pharmakologiebereich
5.3. Entscheidungsprämissen als Untersuchungsdimensionen
5.3.1. Entscheidungsprogramme
5.3.2. Personaleinsatz
5.3.3. Kommunikationswege
5.3.4. Substituierbarkeit und Ausgleich
5.4. Operationalisierung der theoretischen Begriffe
6. Methodisches Vorgehen
6.1. Leitfadeninterview als Erhebungsinstrument
6.2. Auswahl der Interviewpartner, Feldzugang, Sample und Durchführung der Interviews
6.3. Datenaufbereitung und Auswertung der Interviews
7. Drei Fälle von Grenzziehung im Biotechnologie- und Pharmakologiebereich
7.1. Fall 1: Business Development in einem mittleren Biotechnologieunternehmen
7.1.1. Zu Interviewpartner und Unternehmen
7.1.2. Interaktionsebene: Grenzstelle Business Development C1
7.1.3. Organisationsebene: Konditionalprogrammierung im Umgang mit Organisationen
7.1.4. Gesellschaftsebene: Offene Zweckprogrammierung der Wissenschaftler in Firma C
7.1.5. Fazit Firma C
7.2. Fall 2: Vice President eines größeren Biotechnologieunternehmens
7.2.1. Zu Interviewpartnern und Unternehmen
7.2.2. Interaktionsebene: Grenzstelle Vice President E2
7.2.3. Organisationsebene: Zusammenarbeit mit anderen Organisationen
7.2.4. Gesellschaftsebene: Entscheidungsprämissen bezüglich der Wissenschaftler in der Organisation
7.2.5. Fazit Firma E
7.3. Fall 3: Personalchef eines großen Pharmakologieunternehmens / Pharmakologiekonzerns
7.3.1. Zu Interviewpartner und Unternehmen
7.3.2. Interaktionsebene: Grenzstelle Personalchef (Firma B)
7.3.3. Organisationsebene: Innovation durch Merger&Acquisitions
7.3.4. Gesellschaftsebene: Entscheidungsprämissen zwischen Konzern und Geschäftsstelle
7.3.5. Fazit für Firma B / Konzern B
8. Zusammenfassende Diskussion der Fallanalysen
9. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Diplomarbeit untersucht die Dynamik von Organisationsgrenzen in dynamischen Umwelten, wobei sie kritisch bestehende „Netzwerktheorien“ hinterfragt und mithilfe systemtheoretischer Konzepte – insbesondere der System/Umwelt-Unterscheidung – eine neue Perspektive auf Organisationen als selbstreferentielle Systeme einnimmt.
- Systemtheoretische Revision von Netzwerktheorien
- Analyse von Organisationsgrenzen als Erwartungsgrenzen
- Rolle von Entscheidungsprämissen (Programmierung, Personal, Kommunikation) in Grenzstellen
- Fallstudien in der Biotechnologie- und Pharmabranche
- Untersuchung von Strukturwandel und Flexibilität in Organisationen
Auszug aus dem Buch
0. Einleitung
„Die Euphorie ist wieder da“. So der Titel eines Artikels im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ im Juni 2003 in Bezug auf die Aktienkurse der Biotechnologiebranche (vgl. Martens 2003). Nach einigem Auf und Ab scheint sich die bei den Börsianern bereits abgeschriebene Branche nach einer Konsolidierungsphase in den Jahren 2000/2001 nun doch zu etablieren. Bernd Seizinger, der Vorsitzende des börsennotierten Münchner Biotechnologieunternehmen s GPC sagt über die Branche: „Wir sind am Ende der Durststrecke angelangt“ (Martens 2003: 74). Mit Nachrichten über neue Krebsmedikamente dienen die Unternehmen als Zugpferde für technologische Werte.
Doch auch in der Wissenschaft erweisen sich Biotechnologieunternehmen als Zugpferde für eine bestimmte Forschungsrichtung. Sie erscheinen als etwas Neuartiges, Modernes. Im Vergleich zu den alten, traditionsreichen Pharmakologieunternehmen wirkt alles an ihnen innovativer, flexibler und unkonventioneller. Und das bezieht sich gerade auch auf die Nähe zum wissenschaftlichen Arbeiten und auf die Fähigkeit der Unternehmen in „Kollaborationen“ und „Netzwerken“ neue Medikamente zu entwickeln und partnerschaftlich zu vertreiben. Insbesondere Walter Powell beschäftigte sich in den 1990er Jahren umfassend mit der Frage der Innovationskraft von Biotechnologieunternehmen vor allem in Bezug auf die Ausgestaltung von Partnerschaften und die Positionierung der Unternehmen innerhalb von Netzwerken. Für „Kollaborationen” und „Netzwerkbildung” erweist sich damit die Biotechbranche als das Vorzeigebeispiel.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung kontextualisiert die Biotechnologiebranche als innovatives „Vorzeigebeispiel“ für moderne Netzwerkorganisationen und formuliert die Forschungsfrage, wie Organisationen ihre Grenzen in dynamischen Umwelten konstruieren.
2. Zum Stand der Forschung in der „Netzwerkdebatte“: Dieses Kapitel gibt einen systematischen Überblick über die fragmentierte Netzwerkliteratur, ordnet sie in Forschungsschwerpunkte ein und hinterfragt die methodischen sowie theoretischen Grundlagen dieser Debatte.
3. Theoretische Implikationen der „Netzwerktheorien“: Es werden zentrale Theorien wie der Kontingenzansatz und die Institutionenökonomie analysiert, um deren Verständnis von Organisationen als Reaktion auf Umweltbedingungen und Vertrauensprobleme kritisch zu hinterfragen.
4. Die systemtheoretische Unterscheidung von System und Umwelt: Das Kapitel führt das systemtheoretische Organisationsverständnis ein, das Organisationen als selbstreferentielle Systeme begreift und die Umwelt nicht als vorgegebene Instanz, sondern als interne Konstruktion definiert.
5. Zentrale Fragestellung und Untersuchungsdimensionen: Basierend auf der Systemtheorie werden drei Ebenen (Interaktionen, Organisationen, Gesellschaft) definiert, um mittels Entscheidungsprämissen empirisch zu analysieren, wie Unternehmen ihre Grenzen ziehen.
6. Methodisches Vorgehen: Hier wird der Einsatz von qualitativen Leitfadeninterviews begründet, um informale Strukturen und Grenzziehungen in den untersuchten Unternehmen sichtbar zu machen.
7. Drei Fälle von Grenzziehung im Biotechnologie- und Pharmakologiebereich: Die empirische Kernanalyse von drei Fallbeispielen zeigt, wie Unternehmen in der Praxis Grenzstellen nutzen, um auf Umweltdynamik zu reagieren und Strukturen zu stabilisieren oder anzupassen.
8. Zusammenfassende Diskussion der Fallanalysen: Eine übergreifende Diskussion fasst zusammen, wie die Unternehmen „turbulente Umwelten“ durch interne Konstruktionsleistungen und die bewusste Grenzziehung mittels Entscheidungsprämissen bewältigen.
9. Schluss: Das Fazit bestätigt, dass Organisationen ihre Grenzen nicht verlieren, sondern diese im Gegenteil in dynamischen Umfeldern verstärkt ziehen müssen, um Handlungsfähigkeit und Innovationskraft zu wahren.
Schlüsselwörter
Biotechnologie, Pharmakologie, Netzwerktheorien, Systemtheorie, Organisationsgrenzen, Entscheidungsprämissen, Interorganisationale Beziehungen, Institutionenökonomie, Neoinstitutionalismus, soziale Einbettung, Grenzstellen, selbstreferentielle Systeme, Firmenfusion, Organisationskultur, Innovation.
Häufig gestellte Fragen
Was ist das grundlegende Thema der Arbeit?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis von Organisationen zu ihrer Umwelt in dynamischen Märkten, insbesondere unter dem Aspekt, wie Unternehmen ihre Organisationsgrenzen in Zeiten zunehmender Vernetzung definieren und aufrechterhalten.
Welche theoretischen Felder stehen im Fokus?
Die Arbeit setzt sich kritisch mit der „Netzwerkdebatte“ auseinander und vergleicht diese mit institutionenökonomischen Ansätzen, der Kontingenztheorie und dem Neoinstitutionalismus, bevor sie ein systemtheoretisches Modell als alternative Erklärungsgrundlage vorschlägt.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die in der Literatur oft beschriebene „Auflösung“ von Organisationsgrenzen zu hinterfragen. Der Autor möchte belegen, dass diese Grenzen in dynamischen Umwelten nicht verschwinden, sondern durch die Organisation selbst (als selbstreferentielles System) aktiv konstruiert und gestärkt werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewandt?
Der Autor führt qualitative Leitfadeninterviews mit Experten in sieben verschiedenen Unternehmen (Biotechnologie-Startups und große Pharmakonzerne) durch, um mittels der Theorie der „Entscheidungsprämissen“ nach Niklas Luhmann die internen Strukturen und Grenzziehungen zu analysieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden nach einer theoretischen Einleitung drei Fallstudien detailliert analysiert. Dabei wird untersucht, wie Entscheidungsprogramme, Personaleinsatz und Kommunikationswege in Unternehmen als Instrumente der Grenzziehung und der Handlungssteuerung fungieren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Zentrale Begriffe sind die systemtheoretische Unterscheidung von System und Umwelt, der Einbezug von Umweltkomplexität, Entscheidungsprämissen, Grenzstellen sowie die „soziale Einbettung“ von ökonomischem Handeln.
Wie genau unterscheiden sich „mittelständische“ Lösungen von „Konzernlösungen“ bei der Integration neuer Unternehmen?
Während kleinere Unternehmen bei Akquisitionen stärker auf informale Kontakte und individuelle Kompetenzen der Mitarbeiter setzen, agieren Konzerne formalisierter. Sie nutzen häufig Beratungsfirmen und standardisierte Programme, was oft zu einer stärkeren Formalisierung der Prozesse führt und die Unruhe im Integrationsprozess erhöht.
Warum betrachtet der Autor „Netzwerke“ oft als Notbehelf?
Der Autor argumentiert, dass Kooperationen und „Netzwerkaktivitäten“ häufig dort eingesetzt werden, wo interne Strukturen fehlen oder Kontakte zur Umwelt (z. B. auf Vorstandsebene) nicht vorhanden sind. Sie fungieren oft als „Puffer“ oder Ausgleich, um Unsicherheit abzufedern, bis interne Prozesse oder feste Strukturen etabliert sind.
- Quote paper
- Martin Rafailidis (Author), 2005, Organisationsgrenzen in dynamischen Umwelten - Eine Revision der 'Netzwerktheorien' am Beispiel von Biotechnologie- und Pharmakologieunternehmen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50247