Der Einfluss von Musik auf die Resilienz von Kindern. Höhere Widerstandskraft durch musikalische Rituale


Bachelorarbeit, 2018
42 Seiten, Note: 1,1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begründung der Fragestellung und Auswahl des Quellenmaterials

3. Vorstellung der Hermeneutik

4. Resilienz
4.1 Definition
4.2 Merkmale
4.3 Faktoren
4.4 Prävention und Förderung

5. Resilienzforschung

6. Musik
6.1 Körperlich
6.2 Sozial
6.3 Kognitive Fähigkeiten
6.4 Probleme

7. Überschneidungspunkte von Resilienz und den Eigenschaften von Musik

8. Idee für ein Konzept / Ritual mit Einbettung in den Unterricht

9. Fazit

10. Literaturverzeichnis

11. Anhang

Weiterführende Literatur

„Inseln der Musik“

"So ist also die Erziehung durch Musik darum die vorzüglichste, weil Rhythmus und Harmonie am tiefsten ins Innere der Seele eindringen und ihr Anstand und Anmut verleihen." (Sokrates)

1. Einleitung

Das Aufwachsen von Kindern zeigt sich einmal mehr und einmal weniger erfolgreich. Die Frage, die ich mir dabei schon lange gestellt habe, ist: Welche Einflüsse oder Fähigkeiten eines Menschen führen dazu, dass er zu dem wird, der er ist? Sind es die genetischen oder die erzieherischen Einflüsse, die uns zu dem werden lassen, der wir sind? Denn betrachtet man beispielsweise Zwillinge, die das gleiche genetische Material haben und in der gleichen Umgebung aufwachsen und sich dennoch zu unterschiedlichen Persönlichkeiten entwickeln, stützt das den Gedanken, dass es noch andere Faktoren gibt, die eine Rolle spielen. Diese Überlegungen sind die Grundlage meiner Arbeit. Durch eine persönliche Erfahrung, die ich mit meiner Tochter machte, spezifizierte sich meine Fragestellung. Meine Tochter befand sich in einer Konfliktsituation, die dadurch bedingt war, dass sie mehrfach ausgeschlossen wurde. Ich merkte, wie ihr Selbstbewusstsein unter den Ausgrenzungen litt. Diese Situation brachte mich zum Nachdenken über die Frage, wie dergleichen Ungerechtigkeiten vermieden werden können. Mir wurde bewusst, dass ich es nicht schaffen könnte, die Welt um meine Kinder so zu verändern, dass ihnen keine Schwierigkeiten entstehen würden. Die Lösung musste eine internale Veränderung sein. Ich fing an zu recherchieren: Wie kann ich meine Kinder positiv verstärken und ihnen helfen ein Selbstbewusstsein zu entwickeln, damit sie mit den Hürden des Lebens zurechtkommen? Dabei stieß ich auf verschiedenste Methoden, die zur Entspannung helfen können. Ich begann damit, dass ich mit ihr regelmäßige Traumreisen durchführte, um ihren Fokus auf sich zu richten. Diese untermalte ich mit ruhigen Klavierstücken, um eine entspannte Atmosphäre zu schaffen. Außerdem verbrachten wir unsere gemeinsame Zeit damit zu musizieren, mehr noch als sonst. Durch die intensive Zeit, die wir miteinander verbrachten, konnte ich sie darin bestärken, was für ein tolles Mädchen sie ist. Das gemeinsame Erarbeiten von verschiedenen Musikstücken und die Entspannung mit den musikalisch untermalten Traumreisen halfen ihr durch diese schwere Zeit. Parallel dazu gab es in Kooperation mit ihrer Klassenlehrerin, die ihre Probleme ernst genommen hatte, klärende Gespräche mit den betreffenden Kindern. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass sie durch unsere gemeinsame musikalische Zeit Mut gefasst hatte und mit einem gestärkten Selbstwertgefühl ihren Problemen begegnen konnte. Mittlerweile hatte ich durch weitere Recherchen das Thema der Resilienz entdeckt. Ich besorgte mir Literatur und wollte schauen, ob es Möglichkeiten gibt, wie ich meine Kinder stärken kann, für die Widrigkeiten des Lebens. Dabei fiel mir auf, dass die Faktoren, die die Resilienz fördern, in einigen Punkten mit den positiven Eigenschaften von Musik übereinstimmen. Und ich erkannte die Zusammenhänge, die ein Rolle gespielt haben könnten, als ich mich mit meiner Tochter in ihrer Krise intensiv beschäftigte.

Deshalb behaupte ich, dass Musik einen positiven Einfluss auf die Stärkung der Resilienz von Kindern haben kann. Dieses gilt es nun zu erforschen. Ich werde beginnen, indem ich einen Überblick zum Thema Resilienz gebe. Danach werde ich die Eigenschaften und Wirkweisen von Musik herausarbeiten, um dann zu untersuchen, ob es Übereinstimmungen gibt. Zum Abschluss werde ich einen Vorschlag machen, wie die Ergebnisse meiner Untersuchungen in den Schulalltag integriert werden können.

2. Begründung der Fragestellung und Auswahl des Quellenmaterials

Manche Menschen werden zu lebenserfolgreichen Personen, trotz einer Umgebung und Verhältnissen, die ihre Entwicklung nicht begünstigen. Es gelingt ihnen große Herausforderungen zu meistern, höchste Belastungen und schwere Krisen zu bestehen. Welche Eigenschaften besitzen diese Menschen? Wie entwickelten sie diese? Sind sie genetisch bedingt? Welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen? Die Fähigkeiten, die dazu führen, dass Personen sich erfolgreich entwickeln, zeigen Parallelen zu den positiven Eigenschaften von Musik. Musik ist nicht ausschließlich als ästhetisches Medium zu nutzen, sondern leistet viel mehr. Sie kann Veränderungen auslösen, die beim Umgang mit ihr nicht explizit angestrebt werden. Das Ganze läuft parallel zum Hören oder eigenständigen Produzieren von Stücken ab. Ich behaupte, dass sich die positiven Eigenschaften und Wirkungsweisen von Musik dazu nutzen lassen, die Resilienz von Kindern zu stärken. Um meine Forschungsmethode zu erklären, wähle ich Literatur aus dem erziehungswissenschaftlichen Bereich, da diese eine große Auswahl zur Hermeneutik zur Verfügung stellt. Den Bereich der Resilienz werde ich sowohl aus psychologischer, als auch aus erziehungswissenschaftlicher Sicht betrachten, da die Literatur allgemeine Daten erfasst und ebenfalls wissenschaftliche Studien berücksichtigt. Außerdem stellen die Literaturverweise gute Quellen dar, um sich weitergehend zu informieren. Um die Eigenschaften von Musik zu erforschen, greife ich auf musikwissenschaftliche und psychologische Quellen zurück. Ich werde mich in den psychologischen Teil einarbeiten, um die Wirkung von Musik auf den Körper aufzuzeigen und mich nicht ausschließlich auf empirische Studien aus der Musikwissenschaft zu beziehen. Um eine Einbettung in den Unterricht zu skizzieren, werde ich pädagogische Konzepte als Informationsquelle nutzen, die sich bereits mit der Resilienzförderung beschäftigen.

3. Vorstellung der Hermeneutik

Hermeneutik ist die Wissenschaft des Verstehens. „Begründer der Hermeneutik als einer wissenschaftstheoretischen Grundlage der Sozialwissenschaften ist Wilhelm Dilthey“ (König/ Zedler, 1998, S.85). Er trennt die Geisteswissenschaften von den Naturwissenschaften. Damit selektiert er alle beweisbaren Prozesse von denen, die eine genauere Betrachtung benötigen, um sie zu deuten. Für ihn zeigen sich die Geisteswissenschaften als „Gegenstand der Wissenschaftstheorie“ (ebd.) und beziehen nicht ausschließlich Texte ein, sondern alle Wissenschaften, die den Menschen direkt betreffen. Er bezieht damit Erkenntnisse ein, die sich „aus den Aufgaben des Lebens selber, welche durch Verwandtschaft und durch gegenseitige Begründung miteinander verbunden sind“ (ebd.), erklären lassen. Diese Erkenntnisse und dieses Wissen beeinflussen das individuelle Verständnis, dass eine Person zu einem Gegenstand entwickelt. Zu beachten ist, dass dieses Verständnis einer Überprüfung unterzogen wird, denn „Ich kann mich irren, wenn ich die Bedeutung einer Handlung oder den Sinn eines Textes zu erfassen suche. Hier beginnt die Aufgabe der Hermeneutik“ (König/ Zedler, 1998, S.87). Die Deutung von Handlungen oder Texten gelingt dadurch, dass trotz der Individualität jedes einzelnen auch „eine Reihe von Gemeinsamkeiten in der biologischen Ausstattung und den Grunderfahrungen “ (ebd.) besteht. Diese sind durch verschiedenste Faktoren beeinflusst, die sowohl kulturell, historisch und familiär geprägt sind. Das Verständnis für Tatsachen, durch den Abgleich mit eigenen Erfahrungen und persönlichem Vorwissen, führt zu Ergebnissen, die überprüft und angeglichen werden müssen. „Als Weg der Absicherung wird in der Tradition der Hermeneutik der „hermeneutische Zirkel“ verwendet“ (König/ Zedler, 1998, S.88). Diese Methode arbeitet mit dem Vorverständnis eines Gegenstandes, der durch weitere Nachforschungen erweitert wird. Dieses recherchierte Wissen, wird dann zur Grundlage ergänzender Untersuchungen und wiederum durch Recherchen erweitert. Wobei der Prozess der Wissenserlangung nie beendet ist, denn durch die Untersuchungen kommen immer neue Fragen auf. Gut zu erklären ist dieses an Texten. Wenn man sich einem zu untersuchenden Thema nähert und eine konkrete Fragestellung entwickelt hat, wählt man auf dieser Grundlage Texte aus, die dann gelesen werden. Durch die Aneignung von dem Wissen aus diesen Texten erweitert sich das Verständnis und es kommen neue Fragen auf, die dann wieder durch andere Texte geklärt und fortgeführt werden. König / Zedler erklären, dass der hermeneutische Zirkel nicht als konkrete Forschungsmethode zu benennen ist. Der Abgleich, ob Informationen richtig oder falsch gedeutet werden, ist nicht gewährleistet (vgl., ebd., S.88ff.). Deshalb ist zu beachten, dass die hermeneutische Forschung immer subjektiven Einflüssen ausgesetzt ist. Die Berücksichtigung, wann die Informationsbearbeitung im laufenden Prozess zu beenden ist, um den Rahmen der Untersuchung einzuhalten, stellt eine essentielle Herausforderung dar. Mögliche weiterführende Überlegungen sollten benannt werden und können als Grundlage für andere Arbeiten genutzt werden.

4. Resilienz

Mit Resilienz können Kinder über Traumata triumphieren, ohne sie triumphiert das Trauma. Die Krisen, die Kinder innerhalb der Familie und ihrer Umgebung erleben, können überwältigend sein (vgl. Grotberg 1995, S.9).

4.1 Definition

Resilienz kommt aus dem englischen, „resilience [… ] Nomen 1 Unverwüstlichkeit, Belastbarkeit 2 Elastizität“ (Das große Oxford Wörterbuch, 2012, S.534). Im Duden wird der Begriff Resilienz als psychische Widerstandskraft; Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen, erklärt. In verschiedenen Werken werden unterschiedliche Definitionen für Resilienz verwendet. Im deutschsprachigen Raum ist die Begriffsbestimmung von Corinna Wustmann anerkannt, die sowohl innere, als auch äußere Kriterien berücksichtigt (vgl. Fröhlich-Gildhoff & Rönnau-Böse, 2009, S.9). Sie beschreibt Resilienz als die psychische Widerstandsfähigkeit von Individuen gegen biologische, psychologische und psychosoziale Entwicklungsrisiken (vgl. Wustmann 2011, S.18). Dabei können beschwerliche Entwicklungsaufgaben oder Krisen individuell wahrgenommen werden. Denn für manche Menschen ist bereits eine mündliche Prüfung ein krisenhaftes Ereignis. Trotzdem lässt sich festhalten, „wenn sich Personen trotz gravierender Belastungen oder widriger Lebensumstände psychisch gesund entwickeln, spricht man von Resilienz. Damit ist keine angeborene Eigenschaft gemeint, sondern ein variabler und kontextabhängiger Prozess“ (Fröhlich-Gildhoff & Rönnau- Böse,2009, S.9). Ob ein Kind resilient ist, zeigt sich erst, wenn schwierige Lebenssituationen erfolgreich überwunden wurden und das Kind besondere Strategien für die Bewältigung genutzt hat. Ein resilientes Kind zeichnet sich dadurch aus, dass es sich unter schlechten Umständen positiv entwickelt, Risiken vermindert, negative Einflüsse ausgleicht und sich simultan gesundheitsförderliche Fähigkeiten aneignet. „Bei Bewältigung von Entwicklungsaufgaben wird auf zur Verfügung stehende internale und externale Ressourcen zurückgegriffen“ (Petermann, Niebank, Scheithauer 2004, S.348), dabei ist nicht ausschlaggebend, dass Kinder ein hohes Maß an Selbstvertrauen, Sozialkompetenz oder Lernbereitschaft zeigen, sondern, wie sie mit Risiken der Entwicklung umgehen.

„Kurz gesagt: Es geht um die Fähigkeit, sich von einer schwierigen Lebenssituation nicht „unterkriegen zu lassen“ bzw. „nicht daran zu zerbrechen“ “ (Wustmann 2011, S.18).

4.2 Merkmale

Zu Beginn der Resilienzforschung wurde angenommen, dass Resilienz eine angeborene Fähigkeit ist. Neue Forschungen haben ergeben, dass dies nicht der Fall ist, sondern, dass sich diese besondere Fähigkeit aus Interaktionen zwischen Individuum und Umwelt entwickelt (vgl. Fröhlich-Gildhoff & Rönnau-Böse, 2009, S.10). Es zeigt sich, dass Resilienz ein „dynamischer Anpassungs- und Entwicklungsprozess“ (Wustmann 2011, 30), ist. Was bedeutet, dass sich aufgrund der Erfahrungen und wie ein Mensch diese bewältigt, die Widerstandskraft verändert. Die Variabilität dieser Eigenschaft zeigt sich zusätzlich in ihrer unterschiedlichen Ausprägung in verschiedenen Situationen. Kinder, die sich in einer bestimmten Interaktion als hoch resilient zeigen, können in einem anderen Lebensabschnitt mit herausfordernden Ereignissen Schwierigkeiten haben. Eine angepasste Definition liefert Welter-Enderlin: „Unter Resilienz wird die Fähigkeit von Menschen verstanden, Krisen im Lebenszyklus unter Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen zu meistern und als Anlass für Entwicklung zu nutzen“ (Welter-Enderlin 2006, S.13). So kann durch die Entwicklung durch eine positiv bewältigte Situation eine Assoziation entstehen, die in einer ähnlichen Situation als Wegweiser genutzt werden kann. Lösel und Bender (2008) sprechen sich dafür aus, Kriterien für Resilienz nicht zu eng zu definieren. Vielmehr sollten die verschiedenen Faktoren auf ihre vielfältige Weise betrachtet werden. Als Beispiel nennen sie ein hohes Maß an Intelligenz. Hierbei wird sowohl die Erfassung und Problemlösestrategie einer Situation einbezogen, als auch die allgemeine Reaktion auf eine stressige Situation. (vgl. Lösel, Bender 2008, S.60). Die Menge der Einflussfaktoren lassen darauf schließen, dass Resilienz keine allgemeingültige Fähigkeit ist, die erlangt und erhalten wird. Sie ist ein sich verändernder Prozess, der bereichs- und situationsspezifisch ist. Dabei geht es nicht nur um die Feststellung von Risikofaktoren, sondern vielmehr um das Erlangen von altersgerechten Fähigkeiten, die helfen sollen entwicklungsspezifische Aufgaben zu bewältigen. Diese Aufgaben sind „z.B. die Sprachentwicklung, die Entwicklung von Autonomie oder auch Übergang von der Familie in den Kindergarten“ (Fröhlich-Gildhoff & Rönnau-Böse, 2009, S.12). Erfährt ein Kind, dass diese Entwicklungsschritte positiv bewältigt werden, lernt es, dass neue Situationen und Veränderungen nicht als negativ und beängstigend eingeschätzt werden müssen, sondern dass diese zu bewältigen sind. Diese positive Einstellung führt dazu, dass Stresssituationen nicht als solche bewertet werden. Die Entwicklung eines jeden Menschen ist sehr individuell, was bedeutet, dass auch die Strategien, die entwickelt werden, sehr verschieden sind. Es wird davon ausgegangen, „dass Menschen aktive Bewältiger und Mitgestalter ihres Lebens sind und durch soziale Unterstützung und Hilfestellungen die Chance haben, mit den gegebenen Situationen erfolgreich umzugehen und ihnen nicht nur hilflos ausgeliefert“ (ebd.) sind. An dieser Stelle eröffnet sich für die Pädagogik eine Vielfalt an Fördermöglichkeiten. Keinesfalls sollen Probleme oder Schwierigkeiten ignoriert werden. Nicht immer müssen Kinder glücklich sein. Im Gegenteil, ihnen sollte schon in frühester Kindheit an das Werkzeug an die Hand geben werden, um ihre Ressourcen optimal zu nutzen und Bewältigungsstrategien zu entwickeln, die dazu führen, dass Risikosituationen erfolgreich überwunden werden können (vgl. Fröhlich-Gildhoff & Rönnau-Böse, 2009, 12).

Zusammengefasst ist zu bemerken, dass Resilienz ein dynamischer Anpassungs- und Entwicklungsprozess1 ist. Sie zeigt sich als variable Größe2, situationsspezifisch3 und multidimensional4. Sie ist damit das Resultat eines Prozesses, der Personen dazu befähigt stressige Situationen positiv zu bewältigen und effektiv mit ihren Ressourcen umzugehen.

4.3 Faktoren

Durch verschiedene Studien wurden Faktoren isoliert, die dazu beitragen oder verhindern, wie die Widerstandskraft gegenüber Belastungen gestärkt wird. (vgl. Fröhlich-Gildhoff & Rönnau-Böse, 2009, S.9). Dabei wird eine Differenzierung zwischen förderlichen Schutzfaktoren und beeinträchtigen Risikofaktoren getroffen. In den neuesten Forschungen geht dabei der Blick stark von den Defiziten und Schwierigkeiten weg und richtet sich auf Ressourcen und Schutzfaktoren. „Eine sehr hohe Bedeutung der Lebenssituation, der Lernmöglichkeiten und der Beziehungserfahrungen in den ersten Lebensjahren“ (FröhlichGildhoff & Rönnau-Böse, 2009, S.19) wird festgestellt. Dieses zeigt sich als besonders wichtig in der „Ausformung kognitiver, sozialer und emotionaler Kompetenzen bei Kindern“ (ebd.).

Risikofaktoren definieren sich darüber, dass sie als „krankheitsbegünstigende, risikoerhöhende und entwicklungshemmende“ (Fröhlich- Gildhoff & Rönnau- Böse, 2009, S. 20), Faktoren gelten. Sie stellen eine Gefahr für die gesunde Entwicklung eines Kindes dar. Diese Risikofaktoren werden durch verschieden Merkmale gekennzeichnet und sind in zwei Gruppen unterteilt. Die erste Gruppe bezieht sich auf die genetisch bedingten, psychologischen und biologischen Faktoren, wie Geburtskomplikationen, Frühgeburt, niedriges Geburtsgewicht, ein schwieriges Temperament, aber auch negatives mütterliches Ernährungsverhalten oder Substanzkonsum der Mutter. Die zweite Gruppe beinhaltet die von der psychosozialen Umwelt beeinflussten Faktoren. Besondere Risikofaktoren sind hier gestörte Bindungserfahrungen, negatives Pflegeverhalten, psychische Störungen der Bezugsperson, kriminelles oder dissoziales Verhalten eines Elternteils, alleinerziehende Elternteile, kritisch gespannte Partnerschaften oder mehr als drei Kinder in der Familie (vgl. Petermann, Niebank, Scheithauer 2004, S.327). Kindler (2007) erwähnt eine weitere zu beachtende Komponente und benennt sie in strukturelle Faktoren (nicht veränderbare, z.B. Geschlecht) und variable Faktoren (durch verschiedene Maßnahmen veränderbare). Wichtig für die Überlegungen der Förderung von Resilienz sind die variablen Faktoren, denn diese können verbessert werden, um einem Kind eine gesunde Entwicklung zu ermöglichen. Wenn große Veränderungen stattfinden, z.B. Kindergarteneintritt, Wechsel in die Schule oder große Entwicklungsschritte bewältigt werden, sind Kinder besonders anfällig für verschiedene Risikofaktoren und zeigen gerade dann Auffälligkeiten. Dennoch sind diese nicht bei allen Kindern zu beobachten, selbst wenn ein erhöhtes Risiko besteht. „Hier wird deutlich, dass nicht jede Risikobelastung per se zu einer psychischen Störung oder unangepassten Entwicklung führen muss, sondern nur, dass ein erhöhte Möglichkeit besteht“ (FröhlichGildhoff & Rönnau-Böse, 2009, S.24). Besteht eine Häufung von Risikofaktoren (Kumulation) kommt es zu einer gesteigerten Gelegenheit für nicht optimale Entwicklungsfortschritte. Oft finden sich diese Anhäufungen in der Situation der Lebensumstände. So besteht bei einem alleinerziehenden Elternteil eine höhere Wahrscheinlichkeit von Armut, was daraus resultiert, dass die Hauptbezugsperson oft ein geringeres Bildungsniveau hat oder durch die Mehrbelastung weniger arbeiten kann. Aber nicht einzelne Faktoren entscheiden über eine Verkettung von vielen. Wächst ein Kind beispielsweise in einer Familie auf, die einen niedrigen sozioökonomischen Status hat, es allerdings „ein harmonisches Klima mit Zuwendung und Unterstützung“ (Fröhlich-Gildhoff & Rönnau-Böse, 2009, S.25) herrscht, kann dieser eine positive Faktor das Risiko ausschalten. Demnach ist es nicht entscheidend, welche Faktoren in das Leben des Kindes eingebunden sind, sondern nur in welchem Ausmaß diese vorliegen.

Die Dauer der Belastung spielt eine ähnlich wichtige Rolle. „Über einen langen Zeitraum andauernde Problemsituationen, wie z.B. chronische Armut, können auch zu langfristigen Veränderungen der kindlichen Kompetenzen bzw. Bewältigungsmöglichkeiten führen“ (ebd.). Wird ein Kind sehr früh mit einer Risikosituation konfrontiert, kann dies in der späteren Entwicklung ebenfalls einen Einfluss zeigen. Besonders belastend sind beispielsweise Komplikationen bei der Geburt oder der Säuglingszeit, da eine immense Menge an Lernprozessen abläuft, die dadurch gestört oder gehemmt werden. Schlussendlich darf bei der Betrachtung von einzelnen Individuen nie der subjektive Faktor vergessen werden. So kann ein Kind die Trennung von den Eltern als Erleichterung empfinden, da nun die ständigen Streitereien beendet werden. Ein anderes Kind macht sich Vorwürfe, dass es schuld sein könnte (vgl. Fröhlich-Gildhoff & Rönnau-Böse, 2009, S.26).

Schutzfaktoren sind Merkmale, die das Auftreten von psychischen Störungen oder unangepassten Entwicklungen verhindern oder abmildern und die Wahrscheinlichkeit einer positiven Entwicklung erhöhen können (vgl. Fröhlich-Gildhoff & Rönnau-Böse, 2009, S.27), sie werden als „entwicklungsfördernde, protektive und risikomildernde Faktoren bezeichnet“ (ebd.). Von Schutzfaktoren wird dann gesprochen, wenn eine riskobehaftete Situation durch sie entkräftet oder abgemildert wird. Allerdings nur dann, wenn diese zeitlich vor der Risikosituation angelegt ist. Sie zeigen sich später als protektive Faktoren. Eine klare Begriffsdefinition ist umstritten, das spiegelt sich in den unterschiedlichen Abgrenzungen der Autoren wieder. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass drei Ebenen zu betrachten sind:

1. Individuelle Eigenschaften des Kindes, wie z.B. Persönlichkeitsfaktoren
2. Mikrosoziale Faktoren - direkte Umwelt, z.B. Familie
3. Faktoren innerhalb des Makrosystems - weiteres soziales Umfeld

Wustmann (2004) konnte durch verschiedene Untersuchungen die verschiedenen Faktoren zu personalen und sozialen Ressourcen zusammenfassen (vgl. Fröhlich-Gildhoff & Rönnau-Böse, 2009, S.28ff.):

Personale Ressourcen

Kindbezogene Faktoren:

- Positive Temperamentseigenschaften
- Intellektuelle Fähigkeiten
- Erstgeborenes Kind
- Weibliches Geschlecht

Resilienzfaktoren:

1. Selbstwahrnehmung
2. Selbstwirksamkeit
3. Selbststeuerung
4. Soziale Kompetenzen
5. Umgang mit Stress
6. Problemlösefähigkeit

1. Selbst- Fremdwahrnehmung

Die Selbst- und Fremdwahrnehmung definiert sich über „die ganzheitliche und adäquate Wahrnehmung der eigenen Emotionen und Gedanken, also von sich selbst. Gleichzeitig ist es wichtig, sich selbst dabei zu reflektieren, d.h., sich selbst in Beziehung setzen zu können und andere Personen ebenfalls angemessen wahrzunehmen und sich ins Verhältnis zu ihrer Wahrnehmung zu setzen (Fremdwahrnehmung)“ (Fröhlich-Gildhoff & Rönnau-Böse, 2009, S.43). Das Selbstbild hat im Kern eine stabile Komponente, die eine Struktur vorgibt. Sie wird allerdings durch Erlebtes verändert, was es damit zu einem Spiegel dessen macht, was die individuelle Umwelt bereitstellt. Die Selbstwahrnehmung von Kindern ist ein Prozess, der sich schon in früher Kindheit zeigt und davon beeinflusst ist, wie die Umwelt auf sie reagiert. Die Reflexion der eigenen Gefühle und Sinneserfahrungen stehen dabei im Vordergrund und bilden die Basis dessen, wie eigene Gefühle und körperliche Zustände und die Anderer wahrgenommen werden und darauf reagiert wird. Erwachsene geben Anleitung zum Umgang und zur Differenzierung dieser Gefühle und dienen als Vorbild. So ist es möglich, dass Kinder Gefühle unterscheiden und benennen lernen, um adäquat auf sie reagieren zu können.

2. Selbstwirksamkeit

„Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und verfügbaren Mittel und die Überzeugung, ein bestimmtes Ziel auch durch Überwindung von Hindernissen erreichen zu können, bedeutet selbstwirksam zu sein“ (Fröhlich-Gildhoff & Rönnau-Böse, 2009, S.47). Eine wesentliche Größe hierbei sind die eigenen Erwartungen an eine Situation. Werden diese erfüllt oder erreicht, kann es zu einer positiven Verstärkung kommen. Die Erwartungen sind immer eng mit der eigenen frühkindlichen Biografie verknüpft und bedingen sich dadurch. Die selbsterlebten Ereignisse sind ausschlaggebend. Erfolgreiche Erlebnisse stärken die Selbstwirksamkeit und Misserfolge schwächen sie. Durch selbstbeeinflusste erfolgreiche Erfahrungen bildet sich die Gewissheit, dass eigene Handlungen Veränderungen bewirken können. Zuversicht, Vertrauen zu sich selbst, positive Selbsteinschätzung und internale Kontrollüberzeugung werden erfahren und abgespeichert. Ereignisse werden als Resultate eigener Handlungen wahrgenommen und nicht als Glück oder Zufall eingeschätzt.

3. Selbststeuerung

Säuglingen ist es nicht möglich eigenmächtig ein Gleichgewicht zwischen An- und Entspannung zu erzeugen und damit ihre Bedürfnisse zu regulieren. Sie brauchen Vorbilder, die ihnen, wenn nötig, Hilfestellung geben. Die Bedürfnisse, die sich zu Beginn auf den Schlaf-Wach-Rhythmus, motorische Aktivität, emotionale Erregung, Nahrungsaufnahme oder Aufmerksamkeit beschränken, erweitern sich im Laufe der Entwicklung auf die

Regulation von Gefühlen und Gedanken. Wenn Kinder gelernt haben ihre An- und Entspannung selbstständig zu regulieren, führt das dazu, dass neue Situationen nicht als beängstigend eingeschätzt werden. Verschiedene Studien zeigen, dass Kinder, die es schaffen ihre Emotionen und Bedürfnisse zu regulieren, sich ebenfalls besser konzentrieren können und bessere kognitive Fähigkeiten entwickeln. (vgl. Fröhlich-Gildhoff & RönnauBöse, 2009, S.46).

[...]


1 Ein Prozess im zeitlichen Verlauf und im Kontext der Mensch-Umwelt-Interaktion.

2 Der Einfluss von Risiko- und Schutzfaktoren kann in verschiedenen Entwicklungsphasen verändert wirken.

3 Die Wirkung der Faktoren hängt von der Umgebung und der Situation ab.

4 Die Faktoren zeigen sich in unterschiedlicher Präsenz in Lebensbereichen und stehen in Wechselwirkung zueinander.

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Der Einfluss von Musik auf die Resilienz von Kindern. Höhere Widerstandskraft durch musikalische Rituale
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)  (Musikwissenschaft)
Note
1,1
Autor
Jahr
2018
Seiten
42
Katalognummer
V502584
ISBN (eBook)
9783346042088
Sprache
Deutsch
Schlagworte
einfluss, musik, resilienz, kindern, höhere, widerstandskraft, rituale
Arbeit zitieren
Gülsah Janßen (Autor), 2018, Der Einfluss von Musik auf die Resilienz von Kindern. Höhere Widerstandskraft durch musikalische Rituale, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/502584

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