Bei der Betrachtung des Umgangs mit der nationalsozialistischen Vergangenheit und dem Holocaust in den beiden deutschen Staaten nach der Aufteilung Deutschlands stehen oft Analysen über den Westen Deutschlands im Vordergrund. Doch auch die DDR muss sich im Besonderen daran messen lassen, wie sie sich zu ihrer eigenen Vergangenheit verhalten hat und welche Konsequenzen daraus gezogen wurden. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Frage der Wiedergutmachung Deutschlands gegenüber Israel. Die „Arisierung“ jüdischen Vermögens, der erzwungene Verkauf von Unternehmen und Immobilien und die staatliche Einziehung der materiellen Hinterlassenschaft derjenigen, die in die Emigration getrieben worden waren, ist zwar intensiv, aber nicht abschließend erforscht worden. Noch weniger ist darüber bekannt, wie man seit dem Ende des Dritten Reiches mit dem enteigneten jüdischen Vermögen umgegangen ist. Über die Westzonen liegen vergleichsweise mehr Informationen vor, während die Entwicklungen in der sowjetischen Zone und der DDR aus politischen Gründen unterbelichtet g eblieben sind und erst vor kurzem, durch Arbeiten unter anderem von David Kessler, Angelika Timm, Constantin Goschler, etwas erhellt werden konnten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Frage der Wiedergutmachung 1945-1949
3. Außenpolitische und Innenpolitische Rahmenbedingungen
3.1. Außenpolitische Aspekte – die Sowjetunion setzt auf die Araber
3.2. Innenpolitische Aspekte
4. Wie antisemitisch war die DDR?
5. Diplomatie und Abgrenzung in den 50er Jahren
5.1. Israelische Reparationsforderungen gegenüber beiden deutschen Staaten
5.2. Luxemburger Abkommen und die Reaktion Ostberlins
5.3. Erste Gespräche zwischen der DDR und Israel in Moskau
6. Nahostpolitik und der Einfluss der Hallstein-Doktrin
6.1. Bemühung um die arabischen Staaten
6.2. Besuch Walter Ulbrichts in Ägypten
7. Schlussfolgerungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe Verhältnis zwischen der DDR und dem Staat Israel im Zeitraum der 1950er bis Mitte der 1960er Jahre, wobei der Schwerpunkt auf der Haltung der DDR zur Frage der Wiedergutmachung für nationalsozialistisches Unrecht sowie den außenpolitischen Ambitionen des ostdeutschen Staates im Nahen Osten liegt.
- Die historisch-politische Haltung der DDR zur Wiedergutmachungsfrage nach 1945.
- Die Auswirkungen des sowjetischen Einflusses auf die Nahostpolitik Ostberlins.
- Das Spannungsfeld zwischen offizieller antifaschistischer Ideologie und latentem Antisemitismus in der DDR.
- Die diplomatische Strategie der DDR im Kontext der Hallstein-Doktrin.
- Die Bedeutung des Besuchs Walter Ulbrichts in Ägypten als außenpolitischer Wendepunkt.
Auszug aus dem Buch
4. Wie antisemitisch war die DDR?
Juden und jüdisches Leben waren in der DDR weitgehend unsichtbar. Die Erinnerung an die ermordeten Juden verschwand faktisch aus dem Leben in der DDR. Eine Auseinandersetzung mit dem Holocaust setzte ansatzweise erst in den 1960er Jahren ein. Allerdings geschah dies gemäß dem marxistisch-leninistischen Geschichtsbild, das den nationalsozialistischen Antisemitismus unter Imperialismus und Klassenherrschaft subsumiert. Die Deutsche Demokratische Republik verstand sich von ihrem Staatsverständnis her als ein "antifaschistisches" Land, in dem der Antisemitismus angeblich "mit der Wurzel ausgerottet war". Die Begründung: die DDR verstand sich nicht als Rechtsnachfolgerin des Deutschen Reiches, und durch die Abschaffung des Kapitalismus hatte sie auch gleich alle angeblichen Ursachen des Antisemitismus beseitigt. In diesem Selbstverständnis der kommunistischen Machthaber lag eine der Lebenslügen der DDR begründet, da die Vergangenheitsbewältigung von Millionen Menschen ausblieb und nie eine ernsthafte und repressionsfreie Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus stattfand.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung umreißt die Problematik der verdrängten nationalsozialistischen Vergangenheit in der DDR und legt den Untersuchungsfokus auf das Verhältnis zu Israel sowie die Frage der Wiedergutmachung.
2. Frage der Wiedergutmachung 1945-1949: Dieses Kapitel behandelt die frühen Ansätze und Regelungen zur Versorgung der Opfer des Faschismus in der sowjetischen Besatzungszone vor der Staatsgründung.
3. Außenpolitische und Innenpolitische Rahmenbedingungen: Hier werden die Abhängigkeit der DDR von der sowjetischen Außenpolitik sowie die innenpolitische Instrumentalisierung der Identitätssuche des DDR-Staates analysiert.
4. Wie antisemitisch war die DDR?: Das Kapitel untersucht die staatlich verordnete Unsichtbarkeit jüdischen Lebens und das marxistisch-leninistische Geschichtsbild, das die Auseinandersetzung mit dem Holocaust verhinderte.
5. Diplomatie und Abgrenzung in den 50er Jahren: Es wird analysiert, warum die DDR israelische Reparationsforderungen konsequent ablehnte und wie sie diplomatisch auf das Luxemburger Abkommen reagierte.
6. Nahostpolitik und der Einfluss der Hallstein-Doktrin: Das Kapitel thematisiert die Bemühungen der DDR, durch Annäherung an arabische Staaten die diplomatische Isolation durch die Hallstein-Doktrin zu überwinden.
7. Schlussfolgerungen: Die Arbeit resümiert, dass die Ablehnung der Wiedergutmachung und die strategische Hinwendung zur arabischen Welt die diplomatische Distanz zwischen der DDR und Israel zementierten.
Schlüsselwörter
DDR, Israel, Wiedergutmachung, Antifaschismus, Holocaust, Sowjetunion, Hallstein-Doktrin, Reparationen, Antisemitismus, Nahostpolitik, Walter Ulbricht, SED, Otto Grotewohl, Opfer des Faschismus, Diplomatie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die offiziellen Beziehungen zwischen der DDR und dem Staat Israel unter dem Aspekt der Wiedergutmachungsfrage und der außenpolitischen Interessen des ostdeutschen Staates.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Wiedergutmachungspraxis, das DDR-Selbstverständnis als antifaschistischer Staat, das Verhältnis zur UdSSR sowie die außenpolitische Konkurrenz zur Bundesrepublik im Nahen Osten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Gründe für die faktische Nicht-Existenz diplomatischer Beziehungen zwischen der DDR und Israel im Zeitraum von 1949 bis 1965 aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde angewendet?
Es handelt sich um eine politikwissenschaftliche und historische Analyse, die auf der Auswertung von Fachliteratur, zeitgenössischen Dokumenten und offiziellen Stellungnahmen basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet die ideologischen Hintergründe, die diplomatischen Versuche zur Wiedergutmachung sowie die Versuche der DDR, durch die Annäherung an arabische Staaten den Alleinvertretungsanspruch der BRD zu unterlaufen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Wiedergutmachung, Antifaschismus, Hallstein-Doktrin und die außenpolitische Instrumentalisierung der DDR-Nahostpolitik geprägt.
Warum lehnte die DDR eine Entschädigung für Israel kategorisch ab?
Die DDR sah sich nicht als Rechtsnachfolgerin des Deutschen Reiches und behauptete, durch den Aufbau des Sozialismus alle Wurzeln von Faschismus und Rassismus bereits beseitigt zu haben.
Was war die Bedeutung des Staatsbesuchs von Walter Ulbricht in Ägypten 1965?
Der Besuch markierte einen außenpolitischen Erfolg für die DDR, da er faktisch einer diplomatischen Anerkennung durch ein arabisches Land nahekam und den diplomatischen Druck auf die Bundesrepublik erhöhte.
- Arbeit zitieren
- Anna Morozova (Autor:in), 2005, Die Haltung der DDR zu Israel in der Frage der Wiedergutmachung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50277