Klaus Hurrelmanns Sozialisation durch produktive Verarbeitung der inneren und äußeren Realität

Zwischen Individuation und Vergesellschaftung. Theoretische Perspektiven auf (Medien-)Sozialisationsprozesse


Essay, 2016

9 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

I INHALTSVERZEICHNIS

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

2 Hurrelmanns Sozialisationstheorie im Vergleich

3 Hurrelmanns Theorie als Ergänzung und Verbindung

Literaturverzeichnis

1 EINLEITUNG

Die vorliegende Arbeit ist die vierte einer Hexalogie und entstand im Seminar „Zwischen Individuation und Vergesellschaftung — Theoretische Perspektiven auf (Medien-) Sozialisationsprozesse“ am Institut für Kommunikationswissenschaft der Westfälischen Wilhelms- Universität Münster. Die Essays wurden mit 1,3 bewertet:

1. Pierre Bourdieu: Sozialisation als Habitualisierung
2. Jürgen Habermas: Ich-Identität als Ziel der Sozialisation
3. George Herbert Mead: Sozialisation durch symbolische Interaktion
4. Klaus Hurrelmann: Sozialisation als produktive Verarbeitung der inneren und äußeren Realität
5. Daniel Süss: Mediensozialisation zwischen gesellschaftlicher Entwicklung und Identitätskonstruktion
6. Horst Niesyto: Kritische Theorie der Mediensozialisation Diese Arbeit beschäftigt sich mit folgenden Fragen:

Wie lässt sich Hurrelmanns Sozialisationstheorie mit anderen psychologischen und soziologischen Theoretikern vergleichen? Welche zentralen Aspekte und Erklärungsansätze der jeweiligen Theorie/des Theoretikers findet sich in Hurrelmanns

›Modell der produktiven Realitätsverarbeitung‹ und in seiner Perspektive auf Persönlichkeits-/Identitätsentwicklung wieder? Was wird bei Hurrelmann im Vergleich zu der jeweils anderen Theorie/zum jeweils anderen Theoretiker vernachlässigt, was kann Hurrelmanns Theorie im Vergleich nicht gut erklären? In welcher Hinsicht scheint Hurrelmanns Konzept der jeweils anderen Perspektive auf Sozialisation überlegen zu sein?

Inwiefern leistet Hurrelmanns Sozialisationstheorie tatsächlich eine sinnvolle Ergänzung und Verbindung psychologischer und soziologischer Theorien?

2 HURRELMANNS SOZIALISATIONSTHEORIE IM VERGLEICH

Klaus Hurrelmann spricht in seinen Ausführungen über „Sozialisation als produktive Verarbeitung der inneren und äußeren Realität“ die Konzeptionen der psychologisch orientierten und soziologisch orientierten Theorien an. Sie unterscheiden sich in ihren Ansätzen dahingehend, dass psychologisch orientierte Modelle analytisch die Wechselwirkungen zwischen innerer Realität und Persönlichkeitsentwicklung im Besonderen verfolgen, währenddessen Modelle in soziologischer Tradition die Beziehung zwischen äußerer Realität und Persönlichkeitsentwicklung besonders hervorheben. Hurrelmann versucht, diese beiden Ansätze in seinem „Modell der produktiven Selbstverarbeitung“ miteinander in veränderter Form zu verbinden. Es soll somit als Ausgangspunkt zur Orientierung und Stimulierung von Theoriebildung dienen.

In Hurrelmanns Modell finden sich zentrale Aspekte der psychoanalytischen Theorie von Erik H. Erikson wieder. In beiden Modellen wird Identität beschrieben als ein Prozess, welcher sich in Form von Stufen vollzieht, die sich nach typischen, dem Alter entsprechenden Fertigkeiten und Fähigkeiten beziehen. Erst mit dem Erreichen des Jugendalters ist demnach eine Qualität der Verarbeitung der inneren und äußeren Realität gegeben, dass eine Identitätsentwicklung erfolgen kann. Identität wird bei beiden Theoretikern beschrieben als eine Synthese zwischen innerer und äußerer Realität, bzw. zwischen den Bedürfnissen des Individuums und den Anforderungen der Umwelt. Der Erklärungsansatz von Erikson, dass ein Individuum mehrere aufeinander aufbauende Phasen durchlaufen muss, um seine Persönlichkeit zu entwickeln, findet sich auch bei Hurrelmann wieder. In seinem Modell sind es jedoch nicht die Konflikte, welche durch Verarbeitung die Persönlichkeit herausbilden, sondern Fähigkeiten und Fertigkeiten, welche sich in Prozessen bilden und entwickeln. Beiden zugleich ist die Herausstellung der Kontinuität von Identitätsbildung wichtig. Die Unterscheidung der beiden Theorien liegt also in deren Beschreibung von der Entwicklung des Menschen. Hurrelmann vernachlässigt in seinen Ausführungen die Beschreibung der Prozesse, durch welche die Basiskompetenzen entfaltet, weiterentwickelt und gefestigt werden. Er spricht von Prozessen des Begreifens, der Interpretation, der Veränderungen, erklärt jedoch nicht, wie dieses vonstatten geht. Anders dazu beschreibt Erikson seine genannten Konflikte, in denen sich das Individuum befindet, sehr genau und erklärt, was dabei geschieht. Er führt die Bedürfnisse und Gefühle des Kindes und der Jugendlichen an, und er erläutert mögliche Ausgänge der Konflikte. Das Durchlaufen verschiedener psychosozialer Krisen als Voraussetzung für die Festigung der Persönlichkeit nach Erikson findet bei Hurrelmann keine Berücksichtigung. Stattdessen ist nach seinem Konzept der Stand der Entwicklung der Handlungskompetenzen maßgeblich für die Persönlichkeitsbildung verantwortlich, sowie die Entwicklung von Selbstwahrnehmung, Selbstbewertung und Selbstreflexion. Der Schwerpunkt seiner Theorie liegt in der Darstellung von Strukturen und Prozessen und wie diese sich aufeinander beziehen und miteinander korrelieren. Damit ist Hurrelmanns Modell dem von Erikson überlegen, da es den Vorgang der Sozialisation komplexer beschreibt.

Als Grundlage und Voraussetzung dieser komplexen Handlungsstrukturen gibt Hurrelmann Fähigkeiten und Fertigkeiten an, welche in den ersten Lebensjahren entwickelt werden. Er bezieht sich dabei auf Jean Piaget, welcher in seiner Theorie über den Erwerb von kognitiven Fähigkeiten ein Entwicklungsmodell mit fünf Stufen darstellt. Es geht hierbei um den Erwerb von sensomotorischen Fähigkeiten, des Vorstellungs- und Sprechvermögens, von konkret operationalen Fähigkeiten, den von logischem Denken und von kritisch-methodischer Selbstreflektion. Hurrelmann beschreibt dieses als Fertigkeiten und Fähigkeiten, sich die äußere Realität anzueignen und sich mit ihr auseinanderzusetzen. Zu diesen grundlegenden Basiskompetenzen können sensorische, motorische, interaktive, intellektuelle und affektive Fertigkeiten und Fähigkeiten gezählt werden. Piaget grenzt die verschiedenen Stadien durch spezifische Altersangaben ein. Darin unterscheiden sich Hurrelmann und Piaget voneinander. Hurrelmann steht diesen engen und dogmatischen Stufenkonzeptionen skeptisch gegenüber. Eine analytische Erfassung von qualitativen Sprüngen sei durchaus möglich, allerdings lehnt er eine kategorische Einteilung wie die Piagets ab, welche sich nach identifikationsstiftenden Merkmalen klassifiziert. Ebenso unterscheiden sich die theoretischen Konzepte nach ihrer Vorstellung von Identität. Für Piaget ist der Mensch ein offenes System. Der Mensch sei fähig, sich und seine Umwelt durch Akkommodation und Assimilation zu erschaffen. Der Antrieb gehe dabei immer vom Individuum aus, das auf die äußere Realität reagiere, sich anpasste und diese beeinflusse. Das ständige Streben nach Gleichgewicht in Form von Akkommodation und Assimilation stelle für ihn Identität dar. Im Gegensatz dazu hängt bei Hurrelmann die Identität vom Selbstbild des Menschen ab. Ist sich dieser seines Selbstbildes bewusst, kann somit darüber verfügen und existiert darauf basierend eine Kontinuität des Selbsterlebens über verschiedene Handlungssituationen und lebensgeschichtliche Phasen hinweg, so spricht Hurrelmann von Identität. Diese ist nachihm notwendig, um in Zusammenhang mit Handlungskompetenzen bewusst und autonom zu Handeln. Hier geht die Theorie Hurrelmann also einen Schritt weiter als Piagets Stufenmodell und erklärt auf ein Ziel gerichtetes, geplantes und beabsichtigtes Verhalten und ist somit Piagets Theorie überlegen. Allerdings geht Hurrelmann nicht näher auf den Erwerb der genannten kognitiven Fähigkeiten Piagets ein. Dessen Entwicklungsmodell kann somit als Ergänzung zu Hurrelmanns Modell der produktiven Realitätsverarbeitung zur Erklärung herangezogen werden, da dieser Aspekt von Hurrelmann vernachlässigt wird.

Hurrelmann fordert in seinen Ausführungen über die äußere Umwelt, dass die stärker soziologisch orientierten Entwicklungs- und Sozialisationstheorien ihren Ausgang von einer Analyse der sich historisch entwickelnden ökonomischen, politischen, sozialen und kulturellen Struktur einer Gesellschaft nehmen sollen. Diesem Gedanken entspricht Pierre Bourdieu, welcher im Sinne Hurrelmanns seinen zentralen Aspekt auf das Handeln legt, welches von den Handelnden autonom bestimmt werden kann. Bourdieu führte die Begriffe des ökonomischen Kapitals, des kulturellen Kapitals und des sozialen Kapitals in die Sozialisationsdiskussion ein. Bei ihm ist die Sozialisation als Vergesellschaftung gedacht. Seine Verbindung zwischen innerer und äußerer Realität ist der Habitus. Wie Hurrelmann auch betont Bourdieu die Analyse zwischen Persönlichkeitsentwicklung und der Beschaffenheit der sozialen und materiellen Lebensbedingungen. Hier geht Bourdieu ausgiebig in seiner Theorie ein, womit er dem Modell von Hurrelmann in Bezug auf die äußere Realität und ihre Verflechtungen zum Individuum überlegen ist. Auf der anderen Seite vernachlässigt Bourdieu die inneren Prozesse zur Persönlichkeitsentwicklung und der Identitätsfindung gänzlich. Damit sind das Theorienkonstrukt von Bourdieu wie das von Piaget als sinnvolle Ergänzung zu Hurrelmanns Modell zu werten.

Einen starken Bezug nimmt Hurrelmann zu George H. Mead. Er ist sich mit Mead darin einig, dass Persönlichkeit in einem umfassenden Sinn als Resultat einer Person-Umwelt- Interaktion entstehe, dass Identität als Resultat einer Dialektik von Vergesellschaftung und Individuation entstehe. Hurrelmann wie Mead gehen von bestimmten Kommunikations- und Handlungskompetenzen aus, ohne die eine sinnvolle Handlung nicht möglich sei. Hurrelmann drückt in seiner vierten Maxime die Bedeutung von Interaktion aus und stimmt mit Mead darin überein, dass eine entscheidende Voraussetzung für die Identitätsbildung in der Fähigkeit bestehe, sich selbst mit den Augen anderer zu sehen, dessen Erwerb in der Interaktion im Verlauf des Sozialisationsprozesses stattfinde. Mead geht in seiner Theorie besonders auf die Entwicklung der Identität ein, welche ein temporäres Zusammenspiel zwischen den inneren Bedürfnissen und Wünschen und den verinnerlichten äußeren Anforderungen sei. Dem entspricht der Gedankengang Hurrelmanns, die Persönlichkeit auf der Basis der natürlichen Anlagen und als Ergebnis der Bewältigung von Entwicklungs- und Lebensaufgaben. Die Identität ist der Zielpunkt der Persönlichkeitsentwicklung. Mead und Hurrelmann unterscheiden sich in ihren Theoriekonzepten darin, dass die Handlungstheorie Meads auf Rollenübernahme basiere und die emotionalen Dimensionen der Identitätsbildung sehr wenig beachte. Stattdessen konzentriert Mead sich sehr stark an sprachliche Kompetenzen. Das Verhältnis zur äußeren Realität würde über sprachliche Prozesse hergestellt, während emotionale Handlungen wenig beachtet würden. Hurrelmann bezieht im Gegensatz dazu die Auseinandersetzung des Menschen mit der inneren Realität in sein Identitätskonzept mit ein. Ein weiteres wichtiges Unterscheidungsmerkmal ist das Bewusstsein bei Hurrelmann über die Handlungen, während bei Mead das Handeln unbewusst erfolgt, als Folge des Ausdrucks des Ich. Der Nachteil des Modelles von Hurrelmann gegenüber dem Handlungskonzept von Mead liegt in der Vernachlässigung des Prozesses der Verarbeitung zwischen der inneren und äußeren Realität im Individuum. Dieser Vorgang wird nicht ausgiebig erklärt. Wohingegen Mead dahingehen zu kritisieren ist, dass Handlungsfreiheit nur begrenzt möglich zu sein scheint, da das Vorhandensein eines Willens oder einer bewussten Entscheidungsfreiheit in seinem Theoriekonzept nicht gegeben ist.

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Details

Titel
Klaus Hurrelmanns Sozialisation durch produktive Verarbeitung der inneren und äußeren Realität
Untertitel
Zwischen Individuation und Vergesellschaftung. Theoretische Perspektiven auf (Medien-)Sozialisationsprozesse
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Kommunikationswissenschaft)
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
9
Katalognummer
V502822
ISBN (eBook)
9783346048479
ISBN (Buch)
9783346048486
Sprache
Deutsch
Schlagworte
WWU Münster, WWU, IfK, Eva Baumann, Alke Eva Caris, Münster, Öffentlichkeit, Kultur, Gesellschaft, Individuation, Vergesellschaftung, Kommunikation, Kommunikationswissenschaft, öffentliche Kommunikation, Sozialisation, Mediensoziologie, Soziologie, innere und äußere Realität, Klaus Hurrelmann, Hurrelmann, Bourdieu, Habermas, Durkheim, Parsons, Süss, Niesyto, Mead, Sozialisationstheorie
Arbeit zitieren
Alke Eva Caris (Autor), 2016, Klaus Hurrelmanns Sozialisation durch produktive Verarbeitung der inneren und äußeren Realität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/502822

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