Nah dem Fall der Berliner Mauer und dem Zerfall des Sowjetimperiums hat sich auch die bipolare Blockkonfrontation, die spätestens nach dem Beginn des Kalten Kriegs die Weltordnung strukturiert hatte, aufgelöst. Die internationalen Beziehungen schienen in dieser Situation ohne ein erkennbares Weltordnungsprinzip. Übrig geblieben waren die USA als einzige Supermacht in einer potentiell multipolaren Welt. Neben den USA hatten sich andere regionale Macht- und Gravitationszentren herausgebildet, die aber wie Europa ihre Macht weniger auf militärische Stärke, als auf wirtschaftlichen Einfluss (Europäische Union) oder die schiere Bevölkerungsgröße plus Nuklearwaffen (China) stützen. Russland als Nachfolgestaat der Sowjetunion suchte und sucht nach dem Verlust seines Status als Supermacht nach einer neuen Rolle in der Staatenwelt. Zu Beginn der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts war noch nicht klar, welches neues strukturierende Ordnungsprinzip sich innerhalb der Staatenwelt herausbildet oder welche „Macht“ (USA vs. UNO) in welchem Maße den Fortgang der internationalen Politik formen würde. Rund zehn Jahre später werden durch den Terroranschlag am 11.9.2001 der Stolz, das Selbstbewusstsein und vor allem das Sicherheitsgefühl der einzig verbliebenen Supermacht USA dramatisch erschüttert.
Symbolisch wie faktisch begrenzen der 11.9. (1989), der Fall der Berliner Mauer und das damit eingeläutete Ende des Ost-West-Konfliktes, und der 9.11. (2001), der Anschlag auf das World Trade Center, und die Zeit unmittelbar danach die Untersuchungsperiode. Analysiert werden soll, welche Struktur der internationalen Beziehungen sich in den 12, bzw. 14 Jahren (Einschluss des Afghanistan- und Irak- Krieges) herausgebildet hat, beziehungsweise sich herauszubilden beginnt. Dabei soll im besonderen Maße das transatlantische Verhältnis zwischen Europa und den USA, aber vor allem auch der entscheidende Akteur der internationalen Beziehungen, die USA auf der Suche nach der „Grand Strategy“ berücksichtigt werden. Es soll damit die Frage beantwortet werden, ob sich eher uni- oder multilaterale Strukturen im transatlantischen Beziehungsgeflecht und der Weltordnung herausgebildet und etabliert haben.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Theoretische Herangehensweise
1.1. Der Neorealismus
1.2. Der Neoinstitutionalismus
2. Methode und Hypothesen
3. Fallstudien: drei Schlüsselbereiche
3.1. Die WTO
3.2. Die Balkankriege
3.3. Der 11. September, Afghanistan und der zweite Irakkrieg
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Entwicklung der internationalen Beziehungen und der US-Außenpolitik zwischen 1989 und 2001, um zu klären, ob sich eine unilaterale hegemoniale Ordnung oder ein regelbasierter Multilateralismus etabliert hat.
- Theoretische Kontroverse: Neorealismus vs. Neoinstitutionalismus
- Die Transformation der US-Handelspolitik und die Rolle der WTO
- Umgang der USA und internationaler Akteure mit den Balkankriegen
- Auswirkungen der Terroranschläge vom 11. September 2001 auf die US-Sicherheitsstrategie
- Die Rolle der USA als unipolare Supermacht im Wandel der Weltordnung
Auszug aus dem Buch
1.1. Der Neorealismus
Zur Interpretation der prägendsten außenpolitischen Ereignisse und von Schlüsselentscheidungen vor allem der USA in den letzten 15 Jahren, soll die Theorie des Neorealismus, insbesondere in der Version von Kenneth Waltz (1979) herangezogen werden. Mit ihr soll geprüft werden, ob die USA tatsächlich in einer anarchischen Welt nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes, dem vom Neorealismus unterstelltem rationalen Kalkül des Machterwerbs gefolgt sind und folgen konnten, um damit die internationalen Beziehungen zu formen und der ordnenden Kraft einer Hegemonialmacht unterwerfen. Handelten die USA nach 1990 weitgehend unilateral an ihren nationalen Interessen oder dem rationalen Machtkalkül orientiert, oder „beugten“ sie sich den Normen des Internationalen Rechts und der auf Multilateralität aufgebauten UNO?
Der theoretische Ansatz dient also zum einen als wissenschaftlicher und interpretatorischer Rahmen für die historischen Ereignisse in der genannten Periode; zum anderen wird die Theorie des Neorealismus selbst dem Test der Ereignisse unterworfen.
Der Neorealismus verkörpert die Theorie des Kalten Krieges, weiterentwickelt aus dem klassischen Realismus, der aus dem Zweiten Weltkrieg als dominante Theorie der internationalen Politik hervorgegangen war (Zürn/Zangl 2003: 38). Die zentrale Fragestellung ist, besonders bei Kenneth Waltz, ob, und wenn ja, warum Staaten in ihrem Außenverhalten zu ähnlichem Verhalten tendieren.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den Wandel der Weltordnung nach dem Ende des Kalten Krieges und formuliert das Erkenntnisinteresse bezüglich der Rolle der USA als verbliebene Supermacht.
1. Theoretische Herangehensweise: Dieses Kapitel stellt die theoretischen Eckpfeiler des Neorealismus und des Neoinstitutionalismus dar, welche als analytische Basis für die Untersuchung dienen.
1.1. Der Neorealismus: Es werden die Kernannahmen des Neorealismus nach Kenneth Waltz erläutert, insbesondere der Fokus auf Anarchie, Machtstreben und rationale Staaten als einheitliche Akteure.
1.2. Der Neoinstitutionalismus: Das Kapitel führt in den Neoinstitutionalismus ein, der die Bedeutung von Institutionen und Kooperation zur Einhegung anarchischer Strukturen betont.
2. Methode und Hypothesen: Hier werden zwei konkurrierende Hypothesen aufgestellt, die das unilaterale Handeln der USA gegen ein multilaterales Kooperationsmodell abwägen.
3. Fallstudien: drei Schlüsselbereiche: Einleitung in die empirische Analyse anhand der drei gewählten Schlüsselentscheidungen, die die internationale Politik der letzten 15 Jahre geprägt haben.
3.1. Die WTO: Untersuchung der wirtschaftlichen Außenpolitik der USA, die zunehmend von unilateralen Interessen geprägt ist und das multilaterale System herausfordert.
3.2. Die Balkankriege: Analyse des US-Engagements in Bosnien und Kosovo, das als Spannungsfeld zwischen machtorientiertem Handeln und humanitären Interventionen beschrieben wird.
3.3. Der 11. September, Afghanistan und der zweite Irakkrieg: Darstellung der Wende in der US-Sicherheitsstrategie hin zum unilateralen Präventivschlag nach den Terroranschlägen von 2001.
Fazit: Das Fazit resümiert, dass internationale Institutionen an Bedeutung für das US-Handeln verloren haben und der Neorealismus die aktuelle Phase der hegemonialen Neuordnung besser erklären kann.
Schlüsselwörter
Neorealismus, Neoinstitutionalismus, Internationale Beziehungen, USA, Weltordnung, Unilateralismus, Multilateralismus, WTO, Balkankriege, 11. September, Irakkrieg, Hegemonie, Sicherheitsdoktrin, Internationale Organisationen, Global Governance
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die US-Außenpolitik und deren Auswirkungen auf die internationale Ordnung im Zeitraum von 1989 bis 2001 unter Verwendung politikwissenschaftlicher Theorien.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind der Paradigmenstreit zwischen Neorealismus und Neoinstitutionalismus sowie die praktische Ausgestaltung der amerikanischen Machtpolitik in den Bereichen Handel und militärische Interventionen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, ob sich die USA nach Ende des Kalten Krieges als unilaterale Hegemonialmacht etablieren oder ob sie weiterhin innerhalb multilateraler, regelbasierter Strukturen agieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoriegeleitete Analyse der Internationalen Beziehungen, die historische Schlüsselereignisse mittels einer dichten Beschreibung auswertet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert drei spezifische Schlüsselbereiche: die Handelspolitik gegenüber der WTO, das Vorgehen in den Balkankriegen sowie die geänderte Sicherheitsdoktrin nach den Anschlägen vom 11. September.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen neben den theoretischen Ansätzen (Neorealismus/Neoinstitutionalismus) vor allem Unilateralismus, Hegemonie und die internationale Sicherheitsarchitektur.
Warum wurde die WTO als Fallstudie gewählt?
Die WTO dient als Beispiel, um den Wandel der amerikanischen Wirtschaftspolitik von geostrategischen Zielen hin zu einer aggressiven Verfolgung nationaler ökonomischer Vorteile aufzuzeigen.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle der UNO in der Kosovo-Krise?
Die Arbeit verdeutlicht, dass die USA im Kosovo zwar multilateral handelten, aber die NATO der UNO vorzogen, was als Präzedenzfall für einen Einsatz ohne explizites UN-Mandat gewertet wird.
Welche Rolle spielt die „Bush-Doktrin“ im Fazit?
Die Bush-Doktrin markiert für den Autor den vorläufigen Höhepunkt einer Abkehr von multilateralen Institutionen zugunsten einer unilateralen, präventiven Sicherheitspolitik.
- Quote paper
- Julia Merkel (Author), 2004, Beziehungen zur USA und die Herausbildung einer neuen Weltordnung von 11.9.1989 - 11.9.2001 in der neorealistischen und der neoinstitutionalistischen Theorie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50283