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Chancengerechtigkeit bei Friedrich August von Hayek, John Rawls und Amartya Sen

Title: Chancengerechtigkeit bei Friedrich August von Hayek, John Rawls und Amartya Sen

Term Paper (Advanced seminar) , 2005 , 23 Pages , Grade: 1,25

Autor:in: Julia Merkel (Author)

Politics - Political Theory and the History of Ideas Journal
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Aristoteles unterscheidet zwei Arten der Gerechtigkeit: die iusitia directiva und die iustitia distributiva. Erstere ist eine ausgleichende, entschädigende Gerechtigkeit, die entweder durch Rechtsbruch (ex delictu) oder Vertragsverpflichtungen (ex contractu) bindend eingefordert werden kann. Letztere, die iustitia distributiva, die verteilende Gerechtigkeit, besitzt diese rechtsförmige Verbindlichkeit nicht. Sie wird heute synonym zur Verteilungsgerechtigkeit oder der sozialen Gerechtigkeit gebraucht (Kersting 2000a: 17) und ist je nach weltanschaulicher Orientierung umstritten. Eben diese iustitia distributiva wird in ihrer unterschiedlichen Ausdeutung im Zentrum dieser Arbeit stehen. Die iustitia directiva wird hier nicht in die Erörterung mit einbezogen werden
Die Verteilungsgerechtigkeit wurde im Verlaufe des 20. Jahrhunderts lange und häufig nur als die gleiche a priori Verteilung von Rechten und insbesondere die gerechte ex post Verteilung von Gütern und monetären Transfers verstanden. Darauf bauen die meisten demokratischen Wohlfahrtsstaaten des europäischen Kontinents auf. Dies, so eine sich verbreiternde Erkenntnis, scheint in den ausdifferenzierten Gesellschaften der postindustriellen Staaten nicht mehr auszureichen, um verkrustete Statuszuweisungen und vererbte Klassenzugehörigkeiten aufzubrechen und sich einer einsehbar fairen Verteilung von Lebenschancen anzunähern. Die gerechte Verteilung von Chancen hat nicht zuletzt deshalb in den neueren politischen Gerechtigkeitstheorien an Bedeutung gewonnen. Das Wissen darum, dass Lebenschancen die eigentlichen Entscheidungsfaktoren für ein selbst bestimmtes, "gutes Leben" (Aristoteles) sein können, ist insbesondere den liberalen Gerechtigkeitstheorien in den letzten Jahrzehnten zunehmend eingeschrieben worden. Ist es dies tatsächlich? Und wenn ja, in gleicher Weise? Reicht allein schon der unverbrüchliche Ausgangspunkt vom Individuum her zu denken, um zu gleichen Schlussfolgerungen bei den Verteilungsstrukturen und Verteilungsergebnissen zu gelangen? Zweifel sind angebracht und diesen sollen in dieser Arbeit nachgegangen werden.
Vor diesem Hintergrund arbeitet die Autorin die Chancengerechtigkeit in den Theorien von Friedrich August von Hayek, John Rawls und Amartya Sen heraus. Sie hat damit drei liberale Konzeptionen der Gerechtigkeit gewählt, die diesen Begriff unterschiedlich fassen und der Gerechtigkeit der Chancenverteilung in ihren Theorien einen unterschiedlichen Stellenwert zumessen.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Chancengerechtigkeit bei Friedrich August von Hayek

1.1. Prämissen: Freiheit, Eigentum und Markt

1.2. Begründung: Vertragsfreiheit und Meritokratie

1.3. Verteilungskonsequenzen: Libertäre Ungleichheit

2. Chancengerechtigkeit bei John Rawls

2.1. Prämissen: Grundgüter und Grundsätze der Gerechtigkeit

2.2. Begründung: Urzustand, Rationalität und Maximin-Regel

2.3. Verteilungskonsequenzen: „Faire Chancengleichheit“

3. Chancengerechtigkeit bei Amartya Sen

3.1. Prämissen: Individuelle Freiheit

3.2. Begründung: Optimale Wahlfreiheit

3.3. Verteilungskonsequenzen: „Selbst bestimmte Chancengerechtigkeit“

Fazit: Chancengerechtigkeit im 21. Jahrhundert

Literatur

Zielsetzung & Themen

Die Arbeit untersucht das Konzept der Chancengerechtigkeit in den Werken von Friedrich August von Hayek, John Rawls und Amartya Sen, um deren liberale Gerechtigkeitstheorien im Hinblick auf ihre Anwendbarkeit in modernen OECD-Gesellschaften zu analysieren und zu vergleichen.

  • Methodischer Vergleich liberaler Gerechtigkeitskonzepte (Prämissen, Begründung, Konsequenzen)
  • Analyse des Spannungsfelds zwischen formaler Rechtsgleichheit und substantieller Chancengerechtigkeit
  • Kritische Würdigung der Rolle des Staates bei der Verteilung von Lebenschancen
  • Untersuchung der Bedeutung von Bildung und individueller Befähigung (Capabilities)
  • Beurteilung der Relevanz für den modernen Sozialstaat im 21. Jahrhundert

Auszug aus dem Buch

1.1. Prämissen: Freiheit, Eigentum und Markt

Friedrich August von Hayeks „Law, Legislation and Liberty“ erschien 1976, fünf Jahre nach John Rawls bahnbrechender „A Theory of Justice“ (1971). Freiheit ist der zentrale Bezug in von Hayek Überlegungen zu Gesellschaft, Institutionen, Markt und Staat. Um für Markt und Gesellschaft eine ungestörte Entfaltung sicherzustellen, muss die Freiheit des Individuums so uneingeschränkt wie möglich bleiben. In einer Gesellschaft, in der „soziale Gerechtigkeit“ gegen oder nach dem Markt durchgesetzt wird, sieht Hayek die individuelle Freiheit am Boden (Kersting 2000a: 34f). Doch von der gehüteten Freiheit als alleiniger Prämisse lassen sich noch keine Institutionen unstrittig ableiten, es sind mehrere Systeme denkbar. Während Rawls eine gerechte Gesellschaft mit ihren Institutionen detailliert ausarbeitet, stellt von Hayek nur verschiedene Prämissen – Freiheit des Marktes, des Individuums, des Vertrages – als unausweichlich für eine gerechte Gesellschaft dar (Zintl 2000: 117). Von Hayek beschränkt sich auf die formale Gleichheit und Freiheit und lässt die reale Freiheit zur Gestaltung der Lebenswirklichkeit als irrelevant außen vor.

In Anlehnung an John Locke ist für Friedrich August von Hayek das Eigentum Vorraussetzung, Garant und Ergebnis der Freiheit und darf nicht von einem übermächtigen Staat umverteilend angetastet werden. Nur der Markt ist das Medium in dem sich die Freiheit entfalten kann: jeder Teilnehmer entscheidet frei, wie viel an Zeit, Geld, Bildung und Anstrengung er „investieren“ will. Der Markt ist die effizienteste Distributionssphäre, etatistische Einschränkungen über einen vertragsrechtlichen Ordnungsrahmen hinaus, würden ökonomische Ineffizienzen provozieren und die Freiheit der Marktteilnehmer erheblich einschränken. Maximale Gerechtigkeit herrscht, wenn alle Spielregeln des Marktes für alle gleichermaßen gelten, Rechtsgleichheit herrscht, Eigentumsrecht und maximale Vertragsfreiheit gelten. Jeder Eingriff in dieses sensible System verursacht Ungleichgewichte und Ungerechtigkeit. Wenn Politik also verteilt und Zustände herstellt, die als gerecht festgelegt wurden, dann kann sie nicht mehr dem autonomen Handlungsrahmen untergeordnet sein, die Freiheit wird mit Füßen getreten und die Gerechtigkeit wird ad absurdum geführt (Hayek 1971: 65 ff).

Zusammenfassung der Kapitel

Einleitung: Einführung in den Begriff der Verteilungsgerechtigkeit (iustitia distributiva) und Vorstellung der drei liberalen Theoretiker Hayek, Rawls und Sen als Untersuchungsobjekte.

1. Chancengerechtigkeit bei Friedrich August von Hayek: Erläuterung des libertären Ansatzes, der formale Gleichheit vor dem Gesetz und die Marktfreiheit als zentrale Pfeiler der Gerechtigkeit betont.

2. Chancengerechtigkeit bei John Rawls: Analyse des sozialliberalen Modells, das durch faire Chancengleichheit und das Differenzprinzip eine gerechte Verteilung der Grundgüter anstrebt.

3. Chancengerechtigkeit bei Amartya Sen: Untersuchung des capability approach, der den Fokus von materiellen Gütern hin zu den tatsächlichen menschlichen Möglichkeiten und Freiheiten verschiebt.

Fazit: Chancengerechtigkeit im 21. Jahrhundert: Zusammenfassende Bewertung der Theorien vor dem Hintergrund heutiger Wohlfahrtsstaaten und der Notwendigkeit aktiver Sozialinvestitionen.

Schlüsselwörter

Chancengerechtigkeit, Liberalismus, Verteilungsgerechtigkeit, Friedrich August von Hayek, John Rawls, Amartya Sen, Capability Approach, Marktwirtschaft, Sozialstaat, Differenzprinzip, Grundgüter, Freiheit, Lebenschancen, Politische Theorie, Gerechtigkeit.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht und vergleicht liberale Gerechtigkeitstheorien von Hayek, Rawls und Sen unter dem spezifischen Fokus, wie diese Konzepte Chancengerechtigkeit definieren und umsetzen.

Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?

Die Schwerpunkte liegen auf den Ausgangsprämissen der Theoretiker, ihrer Begründungslogik für Gerechtigkeit und den daraus resultierenden Verteilungskonsequenzen für den modernen Staat.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Ziel ist es, den „Spannungsbogen“ zwischen den unterschiedlichen liberalen Auffassungen zu verdeutlichen und zu bewerten, welches Modell die besten Strategien für heutige gesellschaftliche Herausforderungen bietet.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es wird ein „similar cases design“ angewandt, bei dem drei liberale Theoretiker systematisch anhand der gleichen Kriterien (Prämissen, Begründung, Konsequenzen) miteinander verglichen werden.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Im Hauptteil werden die Theorien von Hayek (Markt/Meritokratie), Rawls (Grundgüter/Fairness) und Sen (Capabilities/Befähigung) detailliert analysiert.

Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?

Zu den zentralen Begriffen zählen Chancengerechtigkeit, Freiheit, Differenzprinzip, Sozialstaat und der capability approach.

Inwiefern unterscheidet sich die Auffassung von Hayek von der von Rawls?

Während Hayek nur formale Freiheit und Marktprozesse akzeptiert, fordert Rawls durch Umverteilung und das Differenzprinzip eine aktive Korrektur unverdienter Ungleichheiten.

Warum wird Amartya Sen trotz seiner kritischen Distanz zu Rawls in die Gruppe liberaler Theoretiker eingeordnet?

Der Autor ordnet Sen aufgrund seines methodischen Fokus auf das Individuum und die individuelle Freiheit als zentralen Bezugspunkt in den Kreis liberaler Denker ein.

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Details

Title
Chancengerechtigkeit bei Friedrich August von Hayek, John Rawls und Amartya Sen
College
University of Frankfurt (Main)  (Gesellschaftswissenschaften)
Course
Seminar
Grade
1,25
Author
Julia Merkel (Author)
Publication Year
2005
Pages
23
Catalog Number
V50285
ISBN (eBook)
9783638465328
ISBN (Book)
9783638598071
Language
German
Tags
Chancengerechtigkeit Friedrich August Hayek John Rawls Amartya Seminar
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Julia Merkel (Author), 2005, Chancengerechtigkeit bei Friedrich August von Hayek, John Rawls und Amartya Sen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50285
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