Vergilbt und angestaubt? Populäre Bilderbogen am Übergang zur Moderne


Hausarbeit, 2009
37 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Annäherung und Begriffsklärung
2.1. Auf den Spuren populärer Bilderbogen
2.2. Bilderbogenforschung
2.3. Begriffsfeld „Bilderbogen“ und Definitionen

3. Imagerie Populaire: Bilderbogen und Volkskunstdebatte

4. Einblicke in die Praxis volkskundlicher Bildwissenschaft
4.1. Bildwissenschaftliche Praxis innerhalb der EKW
4.2. Methoden bildwissenschaftlicher Forschung

5. Herstellung, Kolorierung, Vertrieb
5.1. Herstellungsverfahren des populären Bilderbogens
5.2. Kolorierung
5.3. Handelszentren und Vertrieb sowie Verbreitung und Auflagen
5.4. Universalmedium und Mechanismen der Marktverdrängung

6. Bildgebrauch und Funktionen von Bilderbogen
6.1. Funktionen religiöser Bilderbogen
6.2. Unterhaltungsfunktion
6.3. Pädagogische Funktion und Sozialisationsfunktion
6.4. Funktionen der Bilderbogen in der aktuellen Berichterstattung
6.5. Abschließende Diskussion und Fazit

7. Literatur

1. Einleitung

Das Wissen um das Medium Bilderbogen, mit dem unsere Vorfahren am Anfang des letzten Jhs. noch selbstverständlich umgegangen sind, ist in Vergessenheit geraten. Manche Bilderbogen werden wieder neu aufgelegt. Damit besteht die Möglichkeit, nachwachsende Generationen zumindest in Ansätzen mit dem Flair einer scheinbar vergangenen Zeit vertraut zu machen. Nach Abschluß meines Studiums der Erziehungswissenschaft beabsichtige ich, mich mit dem Zusatzfach „Kinder- und Jugendliteratur“ näher zu beschäftigen. Im Hinblick darauf war meine Intention zur Teilnahme am Seminar „Imagerie Populaire – Volkskultur und Bildlichkeit“ mich mit den historischen Wurzeln des Bilderbuchs vertraut zu machen und Methoden der Bildbetrachtung kennen zu lernen. Mit dem Thema „Vergilbt und angestaubt? Bilderbogen am Übergang zur Moderne“ möchte ich mich auf Spurensuche begeben und ein längst aus dem Gebrauch verschwundenes Medium in seiner Vielgestaltigkeit entdecken. Diese Hausarbeit ist konzipiert als eine erste Annäherung an den Themenkreis der populären Druckgraphik. Mit der Beschreibung von Entstehung und Weiterentwicklung des Bilderbogens soll ein Überblick zu einem umfangreichen Themengebiet erarbeitet werden. Daneben sollen auch Methoden der Bildbetrachtung vorgestellt und der Bilderbogen in seiner Verortung als Medium der Volkskunst gewürdigt werden. Mit dem Zusammentragen grundlegender Funktionen, die Bilderbogen über lange Zeiträume hinweg übernommen haben, soll insbesondere der populäre Bilderbogen als Mittel der Nachrichtenübermittlung in den Blick kommen.

Methodisch werde ich folgendermaßen vorgehen: Zunächst soll ein historisch beschreibender Rückblick gegeben werden, beginnend bei den frühen Nachweisen bis ins 19. Jh. Dabei sollen Konturen von Entwicklungslinien und typische Inhalte von Bilderbogen aufgezeigt werden. Mit der Begriffsbestimmung und der Vorstellung von Definitionen soll eine erste grobe Einteilung der Bilderbogen erfolgen. Im Kapitel 2 werden die Begrifflichkeiten „Imagerie Populaire“ sowie „populare“ und „populäre“ Volkskunst aufgegriffen und die Verortung der Volkskunst im wissenschaftlichen Diskurs vorgestellt. Innerhalb der Empirischen Kulturwissenschaft (EKW) gebräuchliche Zugangsweisen und Methoden zum Umgang mit Bildlichkeit sollen in Kapitel 3 verdeutlicht werden. Insbesondere werden dabei die „Ikonologie“ und „subjektive Rezeptionsbedingungen“ in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken. Hintergrundinformationen zur Produktion, Kolorierung und zu Vertriebswegen von Bilderbogen werden in Kapitel 4 gegeben. Um einen Überblick über den vielfältigen Gebrauch des Bilderbogens zu bekommen werden im Kapitel 5 Funktionen von Bilderbogen anhand einzelner Gebrauchssparten gesammelt und vorgestellt. Die einzelnen Kapitel enden jeweils mit einer auswertenden Zusammenfassung. Dabei werden themenspezifische Fragestellungen aufgegriffen und geklärt. Mit der abschließenden Diskussion und dem Fazit möchte ich die in dieser Hausarbeit erarbeiteten Ergebnisse in Bezug auf die kultur- und sozialgeschichtliche Bedeutung des Bilderbogens als publizistisches Medium herausstellen.

Nähere Angaben zum methodischen Vorgehen werden jeweils am Anfang der einzelnen Kapitel gegeben. Weitere Begriffsbestimmungen erfolgen in den jeweiligen Themenabschnitten. Die vorliegende Arbeit zielt zunächst einmal darauf ab, einen ersten holzschnittartigen Zugang zu Bilderbogen als zentrales Medium der populären Volkskunst zu erarbeiten. Ein Gesamtüberblick kann im Rahmen dieser Arbeit nicht gegeben werden, dazu ist das Thema zu umfangreich und zu vielschichtig. Einzelne Entwicklungen in einzelnen Sparten können nur punktuell aufgegriffen werden. Auf eine ikonologische Bildbetrachtung exemplarischer Bilderbogen wird im Rahmen dieser Hausarbeit verzichtet, um hoffentlich an anderer Stelle nachgeholt zu werden.

2. Theoretische Annäherung und Begriffsklärung

Zunächst wird die Entstehungsgeschichte von Bilderbogen vorgestellt sowie gängige Formate beschrieben und eine erste Einteilung von Bilderbogen nach ihrem Inhalt vorgenommen. Mit der Vorstellung der Bedeutung, die Bilderbogen in ihrem zeitgebundenen Gebrauchskontext hatten, und der aktuellen Forschungslage leite ich über zur Erläuterung der Begrifflichkeiten und Definitionen im Wortfeld „Bilderbogen“. In der Auswertung soll vor allem die Vielgestaltigkeit des Begriffs Bilderbogen zur Sprache kommen.

2.1. Auf den Spuren populärer Bilderbogen

Die Gattung des Bilderbogens gehört zum breiten Gebiet der preiswerten, populären Druckgraphik, die es seit der Erfindung des Holzschnittes im 15. Jh. gab. Bilderbogen sind aus den Einblattdrucken des 15. Jh. hervorgegangen. Seit Bilderbogen in größeren Stückzahlen reproduzierbar waren und damit billiger wurden, waren sie nicht mehr nur der wohlhabenden Oberschicht vorbehalten, sondern wurden auch für das breite Volk zugänglich. Sehr lange noch bis weit in die sechziger und siebziger Jahre des vorletzten Jahrhunderts hinein blieben sie das einzige, den Massen der Bevölkerung zum Eigenerwerb zugängliche Bildgut (vgl. EICHLER 1974, S.100). Die frühesten Wurzeln der Bilderbogen, darüber besteht weitgehende wissenschaftliche Einigkeit, haben sich wohl aus den Heiligenbildern entwickelt. Die Heiligenbilder wiederum, so führt Elke HILSCHER aus, waren aus der verbildlichten Textsprache der Bibel entstanden. Anhand einzelner Verlagsentwicklungen kann die Gesamtentwicklung des Bilderbogens aus Heiligenbildern nachvollzogen werden (vgl. 1977, S. 20). Einen weiteren Faden der Entstehungsgeschichte von Bilderbogen greift Wolfgang BRÜCKNER mit dem Verweis auf die Spielkartenherstellung auf und erläutert, dass sowohl das sogenannte „Kleine Andachtsbild“ als auch die Herstellung von Spielkarten am Beginn der Entstehung erster graphischer Werkstattbetriebe standen (vgl. 1969, S. 17; HILSCHER 1977, S. 23). Bilderbogen gab es als illustriertes Flugblatt mit Text und als Einblattdrucke. Einblattdrucke sind definiert als „einseitig bedruckte Einzelblätter, hergestellt in Holzschnitttechnik oder im Buchdruckverfahren (v.a. im 15. und 16. Jh.). Gegen Ende des 14. Jh. verdrängte der E. das serienmäßig gemalte Heiligenbild“ (MEYERS GROSSES TASCHENLEXIKON 1990, Band 6, S. 63).

Zu differenzieren sind Bilderbogen in sogenannte „echte Kunstwerke“, die als bürgerliche Standeskunst im Gebrauch waren, und in Bilderbogen, die für das einfache Volk konzipiert waren, z.B. Jahrmarktsblätter. Diese waren Verkaufsschlager im Sinne von volkskünstlerischer Massenkunst. Bilderbogen waren ein historisches Massenmedium mit internationaler Verbreitung (vgl. BRÜCKNER 2000, S. 282; HILSCHER 1977, S. 24). In den Anfängen der Bilderbogen klebten die einfachen Leute die von Hausierern erstandenen Bilderbogen noch in Schränke oder Truhendeckel. Daher stammt die Bezeichnung „Kistenbilder“ im Norden und „Kastenbriefe“ im Süden. An der Wand hing höchstens ein papierener Haussegen in der Nähe der Tür. Aus den fliegenden Blättern wird erst in der zweiten Hälfte des 19. Jh. mit dem aufkommenden Verlangen nach Zierde der Wohnräume, Wandschmuck im modernen Sinn (vgl. BRÜCKNER 1969, S. 12 -13).

Zu den Formaten möchte ich folgendes anmerken: Bilderbogen aus Holzschnitten gefertigt gab es auch als tapetenartige Riesenholzschnitte. Das sind Einblattdrucke, zusammensetzbar bis zu 3,5 m Höhe und 54 m Länge. Das waren in der Regel reine Bilddrucke. Diese großen Stücke fanden Verwendung als Möbelaufkleber oder Vertäfelungsfriese. Darüber hinaus gab es auch riesige Landkarten und Stadtansichten mit Beschriftung (vgl. BRÜCKNER 2000, S.217). Im 16. Jh. setzte sich für die Masse des Angebots an illustrierten Flugblättern das Hochformat mit Titelüberschrift, Holzschnitt und umfangreichen teilweise mehrspaltigen Texten im Typensatz durch (ebd. 1969, S. 41 - 42). Gängige Formate von Bilderbogen im 19. Jh. waren ca. 30 cm x 40 cm groß. Größere Bildformate wurden hergestellt, um den Dekorationswert zu steigern. Bei kleineren Formaten stand wohl der Gebrauchscharakter im Vordergrund (vgl. HILSCHER 1977, S. 32).

Inhaltlich lassen sich Bilderbogen in die Hauptgruppen sakrale und profane Bilderbogen einteilen. Als universales Medium beschäftigte sich der Bilderbogen mit allen im Volk gängigen Themenbereichen (vgl. HILSCHER 1977, S. 97). Die religiösen Bilderbogen beinhalteten Heiligenbilder, biblische Geschichten, Legenden sowie Kirchenlieder und Gebete. Im Umfeld der Reformation gab es teilweise derbe Bildpropaganda. Im Zuge der Gegenreformation macht BRÜCKNER auf illustrierten Reimflugblättern den „härtesten Grobianston“ jener Zeit aus. Überall sah man den Teufel am Werk und entsprechende Illustrationen - oft als Titelblatt einschlägiger mahnender Literatur - waren häufig anzutreffen. Ständesatire und Zeitkritik sind im 16. und 17. Jh. an der Tagesordnung, genauso wie das Moralisieren. Das Volk fühlte sich der Endzeit sehr nahe (vgl. BRÜCKNER 1969, S. 46 - 48). Viele Bildthemen zogen sich durch Jahrhunderte, wurden nachgeahmt, zum Teil abgewandelt oder aber direkt übernommen (ebd., S. 69 ff). In der ersten Hälfte des 18. Jh. fanden Kuriositäten weithin Anklang (ebd., S. 97). Aus der moralisierenden Ansprache der mittelalterlichen Tierallegorie und der Narrenliteratur der beginnenden Neuzeit wird nun das bunte Schauspiel einer exotischen Kuriositätenwelt. Bucklige Zwerge, die sogenannten „Callotfiguren“ wurden zum „Leitfossil der Epoche“ (ebd., S. 103). Bilderbogen wurden auch mehrsprachig gedruckt. In Augsburg und anderen deutschen Produktionsstandorten wurden oftmals französische Bildunterschriften gewählt, um zugleich den Bildungs-Charakter der Blätter hervorzuheben. Zum Teil wurden auch französische und niederländische Vorlagen unverändert übernommen. Die profanen Bilderbogen des 19. Jh. lassen sich inhaltlich weiter unterteilen in ordinäre Bilderbogen und Kinder-Bilderbogen. Kinder-Bilderbogen waren meist vielteilige didaktische Informationen, sozusagen Lehrmittel und unterhaltende Bildergeschichten. Man könnte sie im weitesten Sinne als Vorläufer unserer heutigen Comics verstehen. Zusammengebunden ergaben diese Art Blätter eine der Frühformen des Kinderbuches. Als ordinäre Bilderbogen wurden „fliegende Blätter“ vertrieben mit allgemeinem Inhalt. Thematisch aufgegriffen wurden vor allem aktuelle Ereignisse, auch Porträts und Historienbilder. Es gab z.B. „Soldatenbilderbogen“, Bilderbogen mit Themen aus der Umwelt, wie beispielsweise Natur, sowie Volksleben, Berufe und Moralia. Darüber hinaus gab es humorvolle Bilderbogen, Bilderbogen, die als Spiele verwendet wurden und Bilderbogen um das Haus zu schmücken (vgl. HILSCHER 1977, S. 97).

Die Bedeutung der Bilderbogen bestand in der zunächst konkurrenzlosen Verbreitung billiger, für jedermann erreichbarer Bilder (vgl. BRÜCKNER 2000, S. 282). Es wird davon ausgegangen, dass die zeitgenössische Haltung Bilderbogen gegenüber mit hoher Wahrscheinlichkeit positiv gewesen ist. Das ergibt sich aus dem Gebrauch von Bilderbogen. Sie wurden zum Teil als Belohnung für gute Schulleistungen eingesetzt, als Belehrungsmittel und auch für politische und wirtschaftliche Werbung und zur Verbreitung von Nachrichten.

2.2. Bilderbogenforschung

In ihrer sozialen und politischen Bedeutung haben Bilderbogen bisher nur ansatzweise Beachtung gefunden. Durch Ausstellungen zur historischen bzw. populären Druckgraphik werden oft bestimmte Sammlungsbestände wissenschaftlich dokumentiert bzw. eine repräsentative Auswahl exakt beschrieben, so dass hiermit grundlegende Vorarbeit geleistet wird, damit zukünftige Forschung mit ersten sicheren Angaben eine Grundlage zur Verfügung hat. Dabei wird versucht, die klischeehafte Erwartungshaltung eines Ausstellungsgegenstandes nicht zu bedienen, sondern es werden Problemhinweise gegeben und neue Sichtweisen angestoßen. Beabsichtigt wird damit ein Erkenntnisfortschritt in der Begegnung mit dem Original (vgl. BRÜCKNER 2000, S. 209 - 210).

Die Bilderbogenfabriken in Neuruppin sowie auch ostfranzösische Bilderbogenfirmen sind beliebte Ausstellungs- und Untersuchungsobjekte der ortsansässigen Museen für die regionale Selbstdarstellung. Die Bilderbogenfabrik Gustav Kühn, Neuruppin, ist in der Zwischenzeit schon gut erforscht. Die zweite Bilderbogenfabrik in Neuruppin, Oehmike & Riemenschneider, ist noch wenig erforscht. Wissenschaftler haben sich an die Arbeit gemacht, einen Überblick über Bilderbogen des 18. und 19. Jh. anhand der bisher unaufgearbeiteten Münsteraner Sammlung zu erstellen. Darüber hinaus gab es schon Bemühungen zur Erlangung genauerer Kenntnisse zu den anspruchsvolleren bildungsbürgerlichen xylographischen Münchner Bilderbogen und Stuttgarter Bilderbogen. In Berlin und München hat man gewichtige Privatsammlungen übernehmen können. Das Museum für Hamburgische Geschichte und das Wiener Stadtmuseum bereiten ihre verwandten Bestände systematisch auf. Das Berliner Volkskunde Museum scheint sich zumindest für die Dokumentation des späten Bilderbogens zu einem Zentrum zu entwickeln. Dort ist für die deutsche Bilderbogenforschung eine umfassende Bilderbogenkartei des 19. Jh. in Arbeit. Diese Kartei, so BRÜCKNER, wird dringend benötigt für eine systematische Bilderbogenforschung. Mit der Fertigstellung dieser Kartei stünde eine umfassende Materialübersicht zur Verfügung (vgl. 2000, S. 214 und 234).

2.3. Begriffsfeld „Bilderbogen“ und Definitionen

Als Oberbegriff für Bilderbogen ist im deutschen Sprachraum in einschlägiger Literatur der Begriff „populäre Druckgraphik“ und auch „Volksgraphik“ gebräuchlich (vgl. HILSCHER 1977, S. 15). Ebenfalls werden die Bezeichnungen „Flugblatt“, Flugschrift“ und „fliegende Blätter“ als übergeordnete Begriffe für Bilderbogen verwendet (ebd., S. 19). Als synonyme Begriffe zu „Bilderbogen“ sind u.a. auch Bezeichnungen wie „Einblattdrucke“ „populäre Bilderbogen“ und „volkstümliche Bilderbogen“ gebräuchlich (ebd., S.16). Abzugrenzen von Bilderbogen sind die „Lesebogen“, die ausschließlich schriftliche Informationen beinhalteten. In Verwendung sind auch ortsbezogene oder bestimmte Typen bezeichnende Namen für Bilderbogen, z.B. „Imagerie d’Epinal“, „Neuruppiner Bilderbogen“ und „Münchner Bilderbogen“. Auch wurden bestimmten Ausformungen von Bilderbogen eigene Namen vergeben. Mit dem Namen „Martinet“ wurden Bilderbogen des Verlegers Martinet verkauft mit satirischem oder humorvollem Inhalt in Kupferstichtechnik, die speziell für das Bürgertum konzipiert waren (ebd., S. 20). Der Begriff „Bilderbogen“ kann im aktuellen deutschen Sprachgebrauch nur vage gefasst werden, weil dieses einst zentrale Medium bis heute noch zu wenig erforscht ist um eine prägnant und eindeutig umrissene Begriffsklärung zu ermöglichen. Deshalb sollen hier überblicksartig einige gebräuchliche Definitionen vorgestellt und anschließend die Komplexität diskutiert werden.

Begrifflich unterschieden wird bei Bilderbogen zwischen volkstümlich „fliegendem Blatt“ und bürgerlicher „Illustrationsgraphik“, was darauf schließen lässt, dass mit der Verwendung differenzierterer Begriffe eine unterschiedliche Rezipientenschaft angesprochen ist (vgl. HILSCHER 1977, S. 16). Diese unterschiedlichen Gewichtungen schlagen sich auch in einschlägigen Definitionen von Bilderbogen nieder. In MEYERS GROSSES TASCHENLEXIKON findet man folgende umschreibende Definition zu Bilderbogen:

„Bilderbogen, volkstüml., einseitig bedruckte Blätter, die ein Bild oder eine Bilderfolge mit kurzen Textkommentaren (meist in Reim-paaren) enthalten. Sie wurden zunächst von ↑Briefmalern beschrif-tet und koloriert, der Druck mit bewegl. Lettern erlaubte bald län-gere Textbeigaben (Mitte des 15. Jh.). Neben religiös-moral. Moti-ven wurden belehrende (Ständepyramiden, Altersstufen) und v.a. satir.-witzige Themen („Altweibermühle“, „verkehrte Welt“, Kuri-ositäten) beliebt. Im Zeitalter der Reformation wurde der B. auch als Informations- und Kampfmittel eingesetzt (↑ Flugblatt). Bed. Künstler beteiligten sich an der Herstellung von B. (z.B. Dürer); S. Brant, H. Sachs, T. Murner, Hutten, Luther, Melanchthon schrieben für B. oder ließen Teile größerer Werke als B. erscheinen (z.B. Brant, „Das Narrenschiff“). Die im 17. Jh. neben den traditionellen gröberen Holzschnitt-B. aufkommenden B. mit anspruchsvolleren Kupferstichfolgen und Texten (z.B. von Moscherosch) sprachen vorwiegend ein städt. Publikum an.“ (MEYERS GROSSES TASCHEN-LEXIKON 1990, Band 3, S. 236)

Ein weiterer Vorschlag für die Umschreibung von Bilderbogen kommt von Ulrike EICHLER:

„Unter Bilderbogen versteht man einseitig bedruckte, einzeln gehandelte, sogenannte 'fliegende' Blätter, auf denen allgemein beliebte, häufig triviale Sujets in Bildern, oft mit Texterläuterun-gen versehen, leicht verständlich dargeboten wurden. Von anony-men Handwerkern hergestellt, zeigten diese Blätter weder origi-nelle Bilderfindungen noch künstlerische Qualität: Sie brachten naiv und ungelenk entworfene Bilder, häufig grobe Drucke und grellfarbige Schablonenkolorierung.“ (EICHLER 1974, S.100)

Bilderbogen waren auch publizistische Bedeutungsträger, darauf weist wiederholt Elke HILSCHER hin. Mit Bilderbogen wurden Illustrationen zu Tagesereignissen, Schlachten- und Soldatenbogen neben Couplets - das sind scherzhaft satirische Lieder für die Kleinkunstbühne - Gedichten und Märchen verbreitet. HILSCHER führt in Anlehnung an Bauer weiter aus, dass Bilderbogen als „Illustrationen zu Tagesereignissen“ noch eine undifferenzierte Aktualität zugeschrieben wird. Der Bilderbogen kann mit Zeitung und Zeitschriften in Verbindung gebracht werden als Medium seiner Zeit. Er kann auch als eine Art „Extrablatt“ interpretiert werden, das gezielt unter dem Volk verbreitet wurde. Bei ihrer Darstellung kommt sie zu dem Ergebnis, dass Bilderbogen durchaus auch als Vorläufer der modernen Nachrichtenvermittlung bezeichnen werden können (vgl. 1977, S. 23 u. S. 113). Zwei Komponenten macht BRÜCKNER aus, die den Bilderbogenbegriff umschließen. Einmal bezieht er sich auf thematische Traditionen und beinhaltet ein germanistisches Interesse an „Bildergedichten“. Darüber hinaus war der Bilderbogen unter dem Volk auch weitreichend bekannt als verkaufstechnische Artikelbezeichnung des 19. Jahrhunderts und umfasste „Ausschneide-, Spiel-, Erzähl- und Lehrmittelbogen für Kinder“ (vgl. 2000, S.185; HILSCHER 1977, S. 16).

Auswertung:

Einigkeit besteht in den vorgestellten Definitionen weitgehend darüber, dass es sich bei Bilderbogen um einseitig bedruckte Blätter handelte mit Bild- und Textbeigaben. Je nachdem für welches Publikum die entsprechenden Bilderbogen bestimmt waren, wurden sie entweder aufwändig von Künstlern gestaltet und als Kupferstich gefertigt oder für das breite Volk mittels Holzschnitt hergestellt und als Massenware verkauft. Bilderbogen werden u.a. als Vorläufer vieler Kindermedien vorgestellt. Eine grundlegende Bedeutung hatten sie für die Unterhaltung des Volkes und für die Informationsverbreitung aktueller Tagesereignisse unter dem Volk.

Eine eindeutige begriffliche Fassung wird durch die umfangreichen und sehr vielgestaltigen Inhalte, die durch Bilderbogen über die Zeit abgedeckt wurden und dadurch, dass er einem kontinuierlichen Wandel unterlag, erschwert. Bei der Auseinandersetzung mit Begriffsdefinitionen von Bilderbogen komme ich zu dem Ergebnis, dass der Begriff des „Bilderbogens“ selbst häufig als Metabegriff im Gebrauch ist und dabei für viele Felder Verwendung findet. Wie breit dieser Begriff angelegt ist, kommt auch in den vielen Begriffen zum Ausdruck die parallel zu Bilderbogen im Gebrauch sind. Eine Konkretisierung des Begriffs „Bilderbogen“ ist wünschenswert. Wie oben ausgeführt, befindet sich die Forschung zu Bilderbogen noch in den Anfängen. Viele Felder sind noch unerforscht. Da würde es Sinn machen, weitere Details zu sammeln und die Forschungsfragen zu differenzieren. Durch eine intensive Beschäftigung mit dem Bilderbogen als Forschungsgegenstand, jeweils in einem konkreten zeitlichen Kontext und/oder einem bestimmten Genre, werden Unterschiede präziser herausgestellt und die Begrifflichkeiten können sich schärfen. Die Bilderbogenforschung steht vor einer großen Herausforderung, weil sie sowohl einen sehr umfangreichen Zeitraum abdecken als auch einen großen geographischen Raum im Blick haben muss. Alles in allem scheint es mir trotz des Aufwandes lohnenswert und aufschlussreich, anhand des Mediums Bilderbogen die Sozialgeschichte unserer Vorfahren nachzuvollziehen und den Bezug zu unserer modernen Welt herzustellen.

3. Imagerie Populaire: Bilderbogen und Volkskunstdebatte

Zunächst möchte ich den Begriff der „Volkskunst“ im wissenschaftlichen Diskurs vorstellen. Anschließend werden Kriterien beschrieben, die für die Verortung von Bilderbogen in der Volkskunst gebräuchlich sind. Zum Abschluss dieses Kapitels werden einige der vorgestellten Elemente aufgegriffen und diskutiert. Eine Frage dabei wird sein, inwiefern Bilderbogen der „popularen“ bzw. der „populären“ Volkskunst zugeordnet werden können.

Bilderbogen sind populäre Volkskunst, dies scheint in der wissenschaftlichen Diskussion weitgehend anerkannt zu sein. Bilderbogen werden als „Werke der Volksgraphik“ oder „Imagerie populaire“ verortet (vgl. HILSCHER 1979, S. 33). Unter dem Begriff Imagerie Populaire kann sowohl populare Volkskunst als auch populär e Volkskunst subsumiert werden. Populare Volkskunst meint vom Volk originär produzierte Kunst (vgl. HARTINGER 2007, S. 85). Der Begriff populär hingegen meint „Bilder als Objekte, die die breite Masse der Bevölkerung erreichen wollten, für einen geringen Preis zu erwerben und auf Unterhaltung ausgerichtet waren (vgl. BRÜCKNER 2000, S. 211; HILSCHER 1977, S. 17). HARTINGER macht darauf aufmerksam, dass Alois Riegl den Begriff „Volkskunst“ prägte und darunter künstlerische Produkte subsumiert, die wie Werke der Hochkunst zu verstehen sind mit Eigenschaften wie Ursprünglichkeit, Originalität, Gestaltetheit, Dichte etc., die aber vom Volk geschaffen sind, also von ungebildeten Laien auf der ökonomischen Stufe des Hausfleißes. Im Hausfleiß wurde für den Eigenbedarf produziert (vgl. HARTINGER 2007, S. 85). Im Rückgriff auf Riegl fährt HARTINGER fort:

„Weil sich die Menschen in dieser Existenzform noch weitgehend in Einklang mit der Natur befinden, sind sie sicher in ihrem Ge-schmack, im Gespür für Formen und Proportionen, denken in Kate-gorien der Sachgemäßheit, Materialgerechtigkeit und teilen über-individuelle ästhetische Wertungen. Ihre künstlerischen Hervor-bringungen sind für die Produzenten … selbst bestimmt. ... So entstehen Werke von höchster Ausdruckskraft und überzeitlicher Geltung.“ (HARTINGER 2007, S. 85/86)

HARTINGER führt aus, dass Riegl die Volkskunst im Fachdiskurs aufwertet und ihr einen zeitlosen Wert zuschreibt. Mit der stetigen Zunahme der produzierten Stückzahlen von Bilderbogen im Handwerk, in der Hausindustrie und in der industriellen Produktion kommt es im 19. Jahrhundert vor allem in Deutschland zu einer Verflachung des künstlerischen Ausdrucks in der Kunstindustrie. Durch Massenproduktion geht also das Originäre, das Einzigartige, die Ursprünglichkeit zumindest teilweise verloren. Im Mittelalter bestand kein Unterschied zwischen Handwerkern und Künstlern. Im Altertum, im Mittelalter, im Zeitalter der Renaissance und des Rokoko war jeder bessere Handwerker bestrebt, die Erzeugnisse seines Gewerbes künstlerisch auszubilden. Das Bestreben der Veredelung auch der gewöhnlichen Alltagsdinge durch die Kunst ging also erst verloren, seitdem die Großindustrie mit ihren Maschinen den Handwerkern den größten Teil der Arbeit abnahm. Auf allen Gebieten strebte man fortan nur nach Billigkeit ohne Rücksicht auf den Geschmack. Die Produkte verloren das künstlerische Gepräge. Das gilt vor allem für Deutschland besonders stark. In England und Frankreich behielt man auch bei der Fabrikherstellung die Eleganz und die Form der Produkte im Auge, wodurch vor allem Frankreich eine Vormachtstellung auf dem Weltmarkt innehatte (vgl. MEYERS KONVERSATIONS-LEXIKON 1888, S. 10.310 http://www.peter-hug.ch/lexikon/kunstindustrie [Datum der Recherche: 14.09.2009]). Mit der Zunahme der industriellen Produktion wurde in Deutschland die Volkskunst in einzelne Nischen zurückgedrängt, wo sich vereinzelt noch kleine Zweige des Hausfleißes halten konnten.

Ein weiterer Vorschlag, den Begriff „Volkskunst“ zu fassen, kommt von Adolf SPAMER. Er weitet das Begriffsfeld aus mit „all dem ‚Krims-Krams …, mit dem sich die Masse der ländlichen und kleinbürgerlichen Bevölkerung umgibt, um den kärglichen Alltag etwas aufzuputzen“ (SPAMER 1928 und 1943, zitiert in HARTINGER 2007, S. 86). Im Gegensatz zu Riegl, der von der Sicht des Produzenten her argumentiert hatte, dachte SPAMER vom Konsumenten her. Damit subsumieren sich unter dem Begriff der „Volkskunst“ nicht mehr nur „überzeitliche Qualitätsprodukte“, sondern auch „Kitsch“ und „Trivialkunst“. Die wissenschaftliche Klärung des Begriffs „Volkskunst“ ist bis heute noch nicht eindeutig erfolgt (vgl. HARTINGER; 2007, S.87).

Elke HILSCHER lenkt ihren Blick bei der Frage „Sind Bilderbogen Volkskunst?“ zunächst mehr auf den Aspekt „Kunst“ und nennt, die „eigenverantwortliche Gesamtproduktion eines Autors“ als Kriterium Bilderbogen innerhalb der Kunst zu verorten. In der Regel wurden die Bilderbogen jedoch arbeitsteilig zunächst noch handwerklich hergestellt. In einem anderen Zusammenhang ordnet sie Bilderbogen als Werke der Volksgraphik oder Imagerie Populaire ein und begründet dies mit der traditionell verwendeten Herstellungstechnik des Holzschnitts, der eben nicht von Künstlern, sondern von Handwerkern aus dem Volk erstellt wurde (vgl. 1977, S. 33). Zahlreiche Autoren orientieren sich an einem wenig präzisen Konzept der Einordnung von Bilderbögen in die „Volkskunst“. Dabei ist ein wichtiger Aspekt, ob ein Bilderbogen der Volkskunst zugeordnet werden kann, die soziale Herkunft der sogenannten Kommunikatoren. Mit Kommunikatoren sind vor allem Handwerker und Künstler gemeint, die an der Produktion von Bilderbogen beteiligt waren. Stammen die Kommunikatoren aus dem Volk, werden sie der Volkskunst zugeordnet. Wobei diese Differenzierung schon schwieriger wird, wenn die Kommunikatoren sich akademisch professionalisiert oder Künstler verpflichtet haben (ebd., S. 40-41).

[...]

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Vergilbt und angestaubt? Populäre Bilderbogen am Übergang zur Moderne
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft)
Veranstaltung
Imagerie Populaire & Co.: Volkskultur und Bildlichkeit
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
37
Katalognummer
V502860
ISBN (eBook)
9783346033055
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bilderbogen, fliegende Blätter, Volkskunst, Ikonografie, Zeichentheorie, populare Volkskunst, populäre Volkskunst, Neuruppiner Bilderbogen, Münchner Bilderbogen, Nürnberger Bilderbogen, Hausfleiß, populäre Druckgraphik, Holzschnitt, Holzstich, Lithographie, Chromolithographie, Hochdruckverfahren, Holztafeldruck, Briefmaler, Formschneider, Holzstecher
Arbeit zitieren
Dipl.Päd. Ursula Singvogel (Autor), 2009, Vergilbt und angestaubt? Populäre Bilderbogen am Übergang zur Moderne, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/502860

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