Ist Frankreich noch eine Großmacht?

Sarkozys Versuch, Frankreich im Libyenkonflikt als Großmacht zu rehabilitieren


Seminararbeit, 2011
21 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Grundlagen der Rollentheorie: Der Begriff der sozialen Rolle und die Anwendbarkeit in den Internationalen Beziehungen
2.2 Vorzüge und Defizite der Rollentheorie
2.3 Nationale Rollenkonzeption Frankreichs: Merkmale des „Großmacht“-Konzepts Nationale Rollenkonzeption Frankreichs

3. Die französische Nordafrikapolitik bis zu den arabischen Revolutionen 2010/
3.1 Französische Kolonialpolitik in Nordafrika
3.2 Französische Nordafrikapolitik nach dem 2. Weltkrieg

4. Analyse der französischen Nordafrikapolitik: Die Libyenintervention

5. Schluss

Literatur

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

Als Nicolas Sarkozy im März 2011 seinen Entschluss verkündete, in Libyen intervenieren zu wollen und damit die Führungsrolle in dem Konflikt an sich riss, überrumpelte und überraschte er damit die gesamte Weltöffentlichkeit. Überraschend daran war daran vor allem der Rollentausch Frankreichs mit den USA. „Der Sheriff ist derzeit ein Gendarm“ (Güßgen, 22.03.2011) drückt diese Rollenumkehrung treffend aus. Kurzerhand mutierte Sarkozy von einem Partner Gaddafis zu dessen größtem Widersacher.

Die Fragen, worin dieser unerwartete und abrupte Rollentausch begründet liegt und ob Paris infolgedessen nach einer Großmachtstellung in der internationalen Gemeinschaft strebt, sollen in dem vorliegenden Beitrag untersucht werden. Konkret ergibt sich daraus folgende zentrale Forschungsfrage:

Nutzt Sarkozy den die Intervention im Libyenkonflikt zur Rehabilitierung Frankreichs als Großmacht auf der internationalen Bühne?

Um das außenpolitische verhalten Frankreichs operationalisieren zu können, wird dieses mit der eigenen „Rolle“ Frankreichs, dem ego-part ( vgl. Jönsson/Westerlund 1982: 131; Holsti 1970: 239ff.), verglichen und analysiert. Nach Kirste und Maull (1996: 288) ist grundsätzlich davon auszugehen, dass jeder Staat ein eigenes Rollenkonzept besitzt.1 Setzt man einen ausreichenden Bindegrad von Rollenkonzept und Rollenverhalten voraus, so kann das außenpolitische Verhalten eines jeden Staates am eigenen Rollenkonzept analysiert, erklärt und bewertet werden (vgl. Kirste/Maull 1996: 288). Mit Hilfe dieses Analyserasters zur Untersuchung der Rollenbilder von politischen Entscheidungsträgern können Übereinstimmungen und Abweichungen vom (idealtypischen) Rollenkonzept einer Großmacht identifiziert werden.

Aus diesen theoretischen Vorüberlegungen ergibt sich folgende Vorgehensweise: Zunächst werden in Kapitel 2 die theoretischen Grundlagen des Rollenbegriffs dargestellt. Im Fokus steht hierbei die Charakterisierung eines französischen Nationalen Rollenkonzeptes. Im deskriptiven Teil in Kapitel 3 wird die französische Außenpolitik gegenüber Nordafrika als traditioneller Einflusssphäre Frankreichs hinführend zum analytischen Teil grob skizziert. Dabei wird vor allem auf die koloniale Vergangenheit Frankreichs gegenüber den Maghrebstaaten2 eingegangen, die heute noch immer prägend für das Verhältnis der Staaten untereinander ist. In Kapitel 4 wird schließlich Frankreichs Rolle im Libyenkonflikt untersucht. Hierbeibei wird das tatsächliche außenpolitische Rollenverhalten der relevanten Akteure, insbesondere Sarkozys und der französischen Regierung, im Libyenkonflikt als Fallstudie analysiert. Im Vordergrund steht dabei die Eruierung, ob und inwieweit die französische Außenpolitik großmachtpolitischem Verhalten gemäß der eigenen Nationalen Rollenkonzeption entspricht. In der Schlussbetrachtung werden noch einmal die zentralen Ergebnisse der Untersuchung abschließend zusammengefasst.

2. Theoretische Grundlagen

„La France ne peut être la France sans la grandeur“ (Charles de Gaulle 1954: 1)

Da sich in der Staatengemeinschaft mehrere unterschiedliche Spektren außenpolitischer Verhaltensmuster identifizieren lassen und sich die sicherheitspolitischen Orientierungen von Staaten selbst dann unterscheiden, wenn vergleichbare Gegebenheiten vorliegen, liegt die Schlussfolgerung nahe, dass den einzelnen Staaten unterschiedliche und individuelle Rollenkonzepte inhärent sind. Staaten entwickeln demnach außenpolitische Rollenkonzepte, die im Rahmen der Internationalen Beziehungen aus sowohl eigenen Vorstellungen (Weltbilder, Werte, Normen) als auch Erwartungen der Außenwelt (Rollenerwartungen) hinsichtlich angemessenen Verhaltens bestehen. Diese konstituierten Rollenkonzepte geben Orientierung für das außenpolitische Verhalten, indem sie sowohl staatliche Interessen und Ziele bestimmen als auch Strategien und Instrumente zur Verwirklichung dieser Interessen und Ziele definieren (vgl. Kirste/Maull 1996: 283f.).

Basierend auf den Grundprinzipien und außenpolitischen Handlungsmaximen einer Großmacht hat Krotz (2003) einen spezifisch auf Frankreich ausgerichteten Katalog an außenpolitischen Normen und Leitvorstellungen einer idealtypischen französischen Großmachtrolle aufgestellt. Diese Nationale Rollenkonzeption ermöglicht es, die Außenpolitik Frankreichs anhand der genannten Kennzeichen analytisch bestimmen und bewerten zu können. Relevant ist hierbei das tatsächlich identifizierbare außenpolitische Verhalten Frankreichs den nordafrikanischen Staaten gegenüber, insbesondere im Libyenkonflikt, welcher im Fokus der Analyse steht und Frankreichs außenpolitisches Verhalten mit der idealtypischen nationalen Rollenkonzeption Frankreichs verglichen und anhand dieser bewertet werden soll.

2.1 Grundlagen der Rollentheorie: Der Begriff der sozialen Rolle und die Anwendbarkeit in den Internationalen Beziehungen

Die Rollentheorie steht in der Soziologie als intermediäres Konzept im Schnittfeld der mikro- und makrosoziologischen Perspektiven. Sie thematisiert das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft im Hinblick auf die Vermittlung sozialen Handelns unter den strukturellen und funktionalen Bedingungen und Erfordernissen sozialer Systeme (vgl. Griese/Nikels/Rülcker 1977: 12). Der Begriff der sozialen Rolle stellt in diesem Zusammenhang eine „Elementarkategorie“ (Dahrendorf 1965: 16) der Soziologie dar. „Rollen“ werden definiert als Verhaltenserwartungen bzw. Ansprüche der Gesellschaft an den Einzelnen. Damit verbunden ist auch die Möglichkeit, widriges Verhalten zu sanktionieren (vgl. ebda: 27f.).

Die soziologische interpersonale Rolle unterscheidet sich dagegen wesentlich von der internationale Rolle (vgl. Gaupp 1983: 100), die innerhalb der Internationalen Beziehungen in der Außenpolitikanalyse von Staaten Einzug gefunden hat. Gaupp definiert in seiner Dissertation den außenpolitischen Rollenbegriff wie folgt:

„Internationale Rollen sind geplante – d.h. kollektiv normierte und individuell konzipierte - und von Repräsentanten realisierte Einstellungs- und Verhaltensmuster von Staaten […] in internationalen Systemen“ (ebda: 109).

Die Rollentheorie lässt sich innerhalb der Internationalen Beziehungen den konstruktivistischen, reflexiv-interpretativen Ansätzen zuordnen und unterscheidet sich damit grundsätzlich von positivistisch-rationalistischen Ansätzen wie beispielsweise dem neoliberalen Institutionalismus oder dem Neo-Realismus. Letztere legen einen rationalen und nutzenmaximierenden Akteur zugrunde, dessen Interessen in einem anarchischen Selbsthilfesystem exogen und systemisch vorgegeben sind und einer starren Präferenzordnung folgen. Konstruktivistische Ansätze gehen dagegen von einem sozialen, regelgeleiteten Akteur aus, der - konträr zu positivistisch-rationalistischen Ansätzen – seine Interessen norm- und wertorientiert situativ und endogen definiert. Zudem sind im Gegensatz zu den an starren Präferenzordnungen gebundenen realistischen Ansätzen die Interessen in reflexiven Ansätzen grundsätzlichen situativ und wandelbar (vgl. Kirste/Maull 1996: 285). Daraus lässt sich folgern, dass sich auch Nationale außenpolitische Rollenkonzeptionen innerhalb der reflexiven Rollentheorie mit der Zeit durch unterschiedliche historische Einflüsse verändern können.

2.2 Vorzüge und Defizite der Rollentheorie

Aufgrund der Individualität in der Außenpolitik der Nationalstaaten, kann das außenpolitische Verhalten heute nur noch schwer von einer Globaltheorie analytisch erfasst werden. Die Rollentheorie leistet diesen Anspruch. Sie eignet sich als integrierende Methode zur Außenpolitikanalyse und vergleichenden Außenpolitikforschung, indem sie eine Mikro-Makrosynthese verschiedener Theorieansätze durch Implikation sowohl individueller und gesellschaftlicher als auch gouvernementaler und systemischer Analyseebenen leistet.3 Das Akteurs- bzw. Gruppenverhalten tritt in Interaktion mit den systemischen Umwelteinflüssen, die Synthese dieser sich reziprok beeinflussenden Rollenerwartungen spiegelt sich letztlich in dem Kalkül der Entscheidungsträger wider. Das außenpolitische Verhalten eines Staates, seine Ambitionen in den Internationalen Beziehungen sowie die Wahl bestimmter außenpolitischer Instrumente und Mittel zur Zielerreichung können „von der Rollentheorie als Ergebnis eines kognitiven Prozesses, als Reflexion der Akteure über ihre Ziel-, Mittel- und Wertpräferenzen gedeutet werden“ (Kirste/Maull 1996: 295). Der für theoretische Ansätze geforderten Generalisierbarkeit trägt sie Rechnung, indem sie die Außenpolitik des jeweiligen Staates anhand der idealtypisch formulierten Nationalen Rollenkonzeption analysiert, Übereinstimmungen und Abweichungen des Akteurs an diesem Idealtypus überprüft und auf diese Weise eruieren kann, inwiefern der zu untersuchende Staat eine bestimmte Außenpolitik betreibt, die einem zuvor identifiziertem oder definiertem Ziel entspricht. Aus dem Vergleich des idealtypischen Rollenverständnisses und des Rollenverhaltens eines bestimmten Akteurs ergeben sich Bewertungsmöglichkeiten seiner Außenpolitik oder eines oder mehrerer Elemente dieser Außenpolitik (vgl. Kirste/Maull 1996: 293ff.).

Die größte Schwäche der Rollentheorie ist dagegen die mangelnde Prognosefähigkeit. Gerade wenn Rollenkonzepte im Wandel oder nur schwach und vage ausgeprägt sind, sind sie für Vorhersagefähigkeit der Außenpolitik eines Staates nur bedingt geeignet (vgl. ebda: 296).

2.3 Nationale Rollenkonzeption Frankreichs: Merkmale des „Großmacht“-Konzepts

“NRCs (national role conceptions) are domestically shared views and understandings regarding the proper role and purpose of one’s own state as a social collectivity in the international arena.” (Krotz 2001: 6).

Die eingangs zitierte Definition Gaupps (vgl. Abschnitt 2.1) berücksichtigt sowohl Einflüsse der systemischen als auch der Akteursebene bezüglich des außenpolitischen Verhaltens von Staaten (vgl. Kirste/Maull 1996: 289). Ein Staat entwickelt ein seiner politischen und historischen Kultur angemessenes außenpolitisches Rollenkonzept, welches sich zusammensetzt aus einerseits den eigenen Vorstellungen, Werten, Normen sowie der Identität des jeweiligen Akteurs (ego-part) und andererseits den externen Rollenerwartungen des Systems oder anderer Staaten an den Akteur (alter-part) (vgl. Ziemer 2009: 28).

In welchem Verhältnis ego-part und alter-part in die außenpolitische Rollenkonzeption eines Staates einfließen, ist in der Literatur umstritten. Grundsätzlich ist aber davon auszugehen, dass der ego-part eines Rollenkonzepts den größeren Einfluss hinsichtlich der tatsächlichen Formulierung und Ausgestaltung der Außenpolitik besitzt als der alter-part (vgl. Jönsson/Westerlund 1982: 131). Daran orientiert sich auch die vorliegende Arbeit, ohne jedoch den Einfluss des alter-parts auf die Konstruktion der nationalen Rollenkonzepte am Fallbeispiel Frankreichs außer Acht zu lassen. Das Mischverhältnis von eigenem Rollenkonzept und fremden Rollenzuschreibungen bzw. –erwartungen ist zudem ohnehin individuell unterschiedlich und muss für den konkreten Einzelfall analysiert werden.

Überträgt man das Rollenkonzept des Individuums auf den Staat als Akteur, so stellt die Nationale Rollenkonzeption für diesen eine Art „Anleitung“ für dessen Verhalten in unterschiedlichen Situationen dar (vgl. Biddle 1982: 8). Zudem werden außenpolitische Entscheidungsträger auch durch einige Grundelemente der Rollenkonzepte sozialisiert, internalisieren diese und treffen ihre Entscheidung meist in Übereinstimmung mit dem jeweiligen Rollenkonzept (vgl. Ziemer 2009: 31).

Nationale Rollenkonzeption Frankreichs

Nachfolgend werden die Grundcharakteristika des spezifischen Selbstverständnisses Frankreichs in Form einer Nationalen außenpolitischen Rollenkonzeption identifiziert und dargestellt. Sie entsprechen im Wesentlichen einer großmachttypischen Idealvorstellung Frankreichs und reichen weit in die französische Geschichte zurück. Sie wurden jedoch maßgeblich von de Gaulle als Hauptarchitekt zu einer mehr oder weniger kohärenten Nationalen Rollenkonzeption zusammengefügt. Darüber hinaus hatten und haben sie auch über sein Ausscheiden aus der Politik hinaus Bestand in der französischen Außenpolitik (vgl. Krotz/Sperling 2011: 216):

(1) Unabhängigkeit (Indépendance)

Dieses Hauptelement des französischen Selbstverständnisses beinhaltet die Sichtweise einer eigenen, vollkommen unabhängigen Außenpolitik. Frankreich soll jederzeit in der Lage sein, eigene Entscheidungen zu treffen und in so vielen außenpolitischen Feldern aktiv zu werden, wie möglich und nötig, ohne von anderen Staaten abhängig zu sein. Ziel ist keine nationale Isolation (vgl. Gordon 1993: 21) und diese Sichtweise schließt auch nicht grundsätzlich Kooperation aus, doch das Element der Unabhängigkeit beinhaltet immer das Ideal einer Entscheidungsautonomie in jeder Situation und ist zum Dogma aller französischen Parteien geworden: der Kommunisten, Sozialisten wie der rechtsgerichteten Gaullisten (vgl. Krotz 2001: 14ff.).4

(2) Aktivismus

Aktivismus bezeichnet die Teilnahme an der Koordination internationaler Angelegenheiten und Konflikte, gegebenenfalls auch mit Hilfe des Gebrauchs militärischer Mittel (vgl. Krotz 2001: 14ff.).5

(3) (Potentielle) Präsenz

Das loi de programmation militaire formuliert für die Jahre 1990-1993 stolz: „France, the only nuclear power along with Great Britain, present on five oceans and four continents has chosen to ensure her security by herself to guarantee her independence and maintain her identity“ (zit. nach Gordon 1993: 1). Frankreichs Selbstverständnis ist das einer Großmacht mit globaler Reichweite. Die französischen Übersee- Départements (Département d'outre-mer et région d'outre-mer) sowie alle übrigen Überseegebiete unterstreichen diese wichtige Rollenkomponente noch einmal deutlich (vgl. Krotz/Sperling 2011: 216).

Hinzu kommen einige weitere Komponenten, die die drei zuvor genannten ergänzen, erweitern oder deren Bestandteile sind und somit das Nationale Rollenkonzept Frankreich vervollständigen:

(1) Grandeur (Größe)/ rang (Rang)

Der Gedanke des grandeur wurde maßgeblich von de Gaulle geprägt und galt neben dem nationalen Unabhängigkeitsgedanken als zweiter Pfeiler des Zwillingskonzepts der Außenpolitik Frankreichs unter de Gaulle. Grandeur war außenpolitisches Mittel und Ziel zugleich (vgl. Gordon 1993: 17). Dieser Gedanke über die Größe Frankreichs in der Welt hängt unmittelbar mit dem Rang Frankreichs zusammen: „la France n’est réellement elle-même qu’au premier rang […] la France ne peut être la France sans la grandeur“ (de Gaulle 1954: 1). De Gaulle war besessen von dem Gedanken der Größe seines eigenen Landes (wenn nicht seiner eigenen, falls er da überhaupt einen Unterschied machte) (vgl. Gordon 1993: 18). Mindestens bis zur Zeit des Präsidenten Mitterand reichte der grandeur -Gedanke und er ist möglicherweise noch immer der zentrale Begriff innerhalb des französischen Rollenkonzeptes.

(2) Gloire (Ruhm)

Gloire ist tief verwurzelt im französischen Selbstverständnis. Das hat vorwiegend historische Gründe: Stolz schaut das französische Volk auf die eigene Vergangenheit zurück. Sowohl der Ruhm in der französischen Geschichte (Französische Revolution etc.), als auch der Erfolg und Ruhm der französischen Armee konstituieren den gloire -Gedanken nachhaltig (vgl. Krotz 1996: 17f.).

Hinzu kommen Normen wie dignité (Würde), fierté (Stolz) und prestige (vgl. ebda: 18), die im Rahmen dieser Arbeit nicht weiter ausgeführt werden können, aber das französische Selbstverständnis und die Selbstwahrnehmung widerspiegeln und die Nationale Rollenkonzeption Frankreichs komplettieren. Auch die aus der Zeit des französischen Imperialismus entstammende koloniale mission civilisatrice (zivilisatorische Mission), die den Anspruch der Franzosen ausdrückt, den „unterentwickelten“ Völkern die höherwertige, der französischen Geschichte (v.a. aus den Idealen der Französischen Revolution) entspringende Kultur näherzubringen, ist tief verwurzelt im französischen Selbstverständnis und Bestandteil bzw. Konsequenz der französischen Nationalen Rollenkonzeption (vgl. Bellers/Porsche-Ludwig 2011: 51). Eine letzte, symbolische Ausprägung der französischen Außenpolitik ist die Nuklearwaffenpolitik. Charles de Gaulle intendierte mit der Entwicklung der „force de frappe“6, der französischen Nuklearstreitmacht, Frankreichs Image der grandeur wiederherzustellen, Frankreich sollte wieder Großmacht mit internationalem Einfluss werden. Auch in der Nuklearwaffenpolitik bleibt das Erbe de Gaulles bis heute einflussreich (vgl. Wisotzki 2002: 273f.). Zudem hat Frankreich einen von fünf ständigen Sitzen im UN-Sicherheitsrat inne. Mit Hilfe des ständigen Sitzes in den Vereinten Nationen versucht Frankreich bis heute seinem zunehmenden Machtverfall und dem Gefühl und der Sorge der Marginalisierung seiner eigenen Größe entgegenzuwirken und seinen Anspruch einer Großmacht zu perpetuieren (vgl. Andreae 2002: 201).

3. Die französische Nordafrikapolitik bis zu den arabischen Revolutionen 2010/2011

3.1 Französische Kolonialpolitik in Nordafrika

Nordafrika als südliche Erweiterung des Mittelmeerraums nimmt in der französischen Außenpolitik eine zentrale Rolle ein, bedingt vor allem durch historische, demographische, wirtschaftliche und kulturelle Faktoren. Nordafrika ist zudem ein wichtiger Handelspartner und Energielieferant Frankreichs. In Frankreich leben über fünf Millionen Nordafrikaner bzw. französische Staatsbürger nordafrikanischer Herkunft und letztlich ist Nordafrika als Gegenküste zur französischen Mittelmeerküste und Grenzregion zum frankophonen Schwarzafrika von herausragender Bedeutung. Dabei ist die Kenntnis über die koloniale Vergangenheit für das Verständnis der gegenwärtigen französischen Nordafrikapolitik unabdingbar.

[...]


1 Holsti (1970: 260-271) hat beispielsweise mit Hilfe einer Inhaltsanalyse der außenpolitischen Rhetorik mehrerer Staaten zahlreiche nationale Rollenkonzepte systematisch rubriziert, die vor allem Aussagen über die außenpolitischen Grundeinstellungen dieser Staaten machen, darunter auch Frankreich.

2 Unter dem Maghreb versteht man vor allem die drei Nordafrikanischen Staaten Tunesien, Algerien und Marokko, die gleichzeitig ehemalige Kolonien bzw. Protektorate Frankreichs waren. Auch Libyen und Mauretanien zählen aufgrund ihrer Geographie und Geschichte zum Maghreb.

3 Hierbei sollte beachtet werden, dass die Rollentheorie nicht dieselbe Analyseebene wie die Globaltheorien (Realismus, Neo-realismus, Liberalismus, Institutionalismus usw.) betrifft. Schon Waltz hatte 1979 erklärt, dass man eine Theorie der Internationalen Politik nicht mit einer Theorie der Außenpolitik verwechseln dürfe (Vgl. Waltz 1979: 121). Die Rollentheorie betreibt dementsprechend innerhalb des Konstruktivismus vielmehr die Außenpolitikanalyse.

4 Charles de Gaulle war maßgeblich beteiligt an der Herausstellung dieses Merkmals, seine Rhetorik bestimmt Unabhängigkeit als Wert an sich: „independence means that we decide ourselves what we must do and with whom, whithout it being imposed upon us by any other state [or] collectivity“ (de Gaulle zit. nach Gordon 1993: 19).

5 Frankreichs Anspruch einer weltweit aktiven Rolle ist ebenso auf de Gaulle zurückzuführen „In each of these areas, I want France to play an active part“ (de Gaulle zit. nach Krotz 2001: 16).

6 „force de frappe“ ist umgangsprachliche Bezeichnung der Atomstreitmacht der Französischen Streitkräfte (offiziell: Force de dissuasion nucléaire de la France).

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Details

Titel
Ist Frankreich noch eine Großmacht?
Untertitel
Sarkozys Versuch, Frankreich im Libyenkonflikt als Großmacht zu rehabilitieren
Hochschule
Universität Trier
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
21
Katalognummer
V502877
ISBN (eBook)
9783346046703
ISBN (Buch)
9783346046710
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frankreich, Großmacht, Sarkozy, Internationale Beziehungen, Rollentheorie, Nordafrika, Nordafrikapolitik, Kolonialpolitik, Lybienintervention, Arabischer Frühling
Arbeit zitieren
Bajram Dibrani (Autor), 2011, Ist Frankreich noch eine Großmacht?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/502877

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