Die Anschläge vom 11. September stellen ohne Zweifel eine neue Art der Bedrohung dar, da die im Kalten Krieg üblichen Methoden der Abschreckung und Eindämmung gegen einen nun asymmetrisch operierenden Gegner nichts mehr auszurichten vermögen. Der Krieg in Afghanistan kann als eine gerechtfertigte Präventivmaßnahme angesehen werden, weil dort Terrornetzwerke zerschlagen wurden, die eine Gefahr für die USA darstellten.
Hierbei stellt sich zwangsläufig die Frage, ob der Irakkrieg notwendig war oder vermeidbar gewesen wäre. Zu diesem Zweck gibt es mehrere Großtheorien innerhalb der Internationalen Beziehungen, welche unterschiedliche Erklärungsansätze bieten. Eine davon ist der Klassische Realismus, der wie die meisten anderen gleichrangingen Theorien universelle Gültigkeit beansprucht.
Gerade diese Tatsache des universellen Geltungsanspruches macht es mir möglich, den Irakkrieg anhand des klassischen Realismus nach Hans J. Morgenthau zu untersuchen und zu bewerten. Aus diesem Grund lautet die zentrale Fragestellung dieser Arbeit wie folgt: Wie lässt sich die amerikanische Außenpolitik infolge der "Bush-Doktrin" im Präzedenzfall des Irakkrieges aus der Perspektive des klassischen Realismus nach Hans J. Morgenthau bewerten?
Aufgrund dessen ergibt sich folgendes methodisches Vorgehen: Zunächst einmal werden die Grundannahmen des klassischen Realismus nach Hans J. Morgenthau dargestellt. Das ist notwendig, um im Hauptteil den Irakkrieg anhand dieser Grundlagen evaluieren zu können. Da das Thema noch recht aktuell und deshalb vergleichsweise wenig Literatur vorhanden ist, habe ich an mehreren Stellen eigene Schlussfolgerungen und Hypothesen anhand der Grundannahmen des klassischen Realismus erstellt.
Zuvor werden jedoch hinführend zu dem Hauptthema prägnant die Hintergründe um den 11. September und den Strategiewechsel durch die Bush-Doktrin erläutert. Ich habe mich in meinen Ausführungen bewusst nur auf den klassischen Realismus Morgenthaus bezogen, werde aber an einigen Stellen auf Kritikpunkte verweisen und vor allem den Diskurs zwischen Realisten und Neokonservativen thematisieren. Analogien des Irakkrieges gegenüber dem Vietnamkrieg sollen die Ausführungen veranschaulichen und ihnen Nachdruck verleihen. Am Ende soll dann schließlich ein zusammenfassendes Fazit gezogen werden.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Grundannahmen des klassischen Realismus nach Hans J. Morgenthau
1.1 Das Menschenbild des Realismus
1.2 Die sechs Grundsätze des klassischen Realismus
1.3 Macht und Interesse
1.4 Die Zähmung der Macht durch die Moral
2. Der Irak Krieg
2.1 Der 11. September 2001 und die Bush-Doktrin
2.2 Analogie zum Vietnamkrieg
2.3 Kontroverse mit den Neokonservativen
2.4 Bewertung nach dem klassischen Realismus
2.5 Die Rolle der Verantwortungsethik Morgenthaus
3. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die amerikanische Außenpolitik während des Irakkrieges kritisch aus der Perspektive des klassischen Realismus nach Hans J. Morgenthau, um zu bewerten, inwieweit die "Bush-Doktrin" den Prinzipien einer rationalen Machtpolitik entspricht oder von diesen abweicht.
- Grundlagen des klassischen Realismus von Hans J. Morgenthau
- Analyse der Bush-Doktrin und ihrer neokonservativen Ausrichtung
- Vergleich zwischen den Theorien des Realismus und des Neokonservatismus
- Historische Analogie zwischen dem Irakkrieg und dem Vietnamkrieg
- Bewertung der Rolle von Moral und Macht in der internationalen Politik
Auszug aus dem Buch
Bewertung nach dem klassischen Realismus
Bevor der Irak-Krieg begann, wurde er im Sinne Morgenthaus von fast allen Realisten abgelehnt, mit Ausnahme von Henry Kissinger. Die Realisten antizipierten einige weitreichende Probleme, lange bevor der Krieg tatsächlich Realität wurde. Im Nachhinein haben sich diese Bedenken größtenteils bewahrheitet.
Im Gegensatz zu den Neokonservativen denken Realisten nicht, dass das internationale System von „bandwagoning“ geprägt ist. Sie glauben vielmehr, die Welt sei durch „balancing“ bestimmt. Dieses Mächtegleichgewicht ist nach Morgenthau die Konsequenz aus den Handlungen von Akteuren im internationalen System, die ihrem im Sinne von Macht verstandenen Interesse folgen. Diese Annahme kann aus dem dritten Punkt der zuvor erläuterten sechs Grundprinzipien Morgenthaus abgeleitet werden, dem Gleichgewicht der Mächte. Hier wird meiner Meinung nach auch der eingangs dargestellte akteurzentrierte Ansatz des klassischen Realismus deutlich: Im Mittelpunkt steht der rational denkende Staatsmann der im Sinne von Macht verstandenen Interesses denkt und handelt. Eine Politik des Mächtegleichgewichts ist nach Morgenthau mit einer flexiblen Allianzpolitik verbunden und wirkt am besten in einem multipolaren internationalen System. Folglich erwarteten die Realisten, dass Iran und Nordkorea nicht mit der Aufgabe ihrer nuklearen Programme auf eine Invasion des Iraks reagieren würden. Sie erwarteten vielmehr, dass diese die Atomprogramme forcieren würden, um sich selbst gegenüber den USA zu immunisieren und zu schützen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Diese Einleitung führt in den Strukturwandel der US-Außenpolitik unter George W. Bush ein und definiert die zentrale Forschungsfrage zur Bewertung des Irakkrieges anhand des klassischen Realismus.
1. Grundannahmen des klassischen Realismus nach Hans J. Morgenthau: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Fundamente von Hans J. Morgenthau, insbesondere das Menschenbild, Machtbegriff und die sechs Grundsätze.
2. Der Irak Krieg: Hier wird der historische Kontext der Bush-Doktrin beleuchtet, die neokonservative Argumentation analysiert und der Irakkrieg aus der Perspektive der realistischen Theorie kritisch bewertet.
3. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass der Irakkrieg nach realistischen Maßstäben vermeidbar gewesen wäre und die US-Politik von einer realistischen Ausrichtung abwich.
Schlüsselwörter
Klassischer Realismus, Hans J. Morgenthau, Bush-Doktrin, Irakkrieg, Neokonservatismus, Machtpolitik, Balancing, Bandwagoning, Wilsonianismus, Außenpolitik, Nationale Interessen, Völkerrecht, Verantwortungsethik, internationale Beziehungen, Sicherheitspolitik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die US-Außenpolitik während der Regierung von George W. Bush, insbesondere den Irakkrieg, und prüft diese auf Basis der realistischen Theorie von Hans J. Morgenthau.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit behandelt die Grundsätze des klassischen Realismus, die Bush-Doktrin, den Einfluss neokonservativer Denker und die vergleichende Analyse von Kriegen durch machtpolitische Theorien.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu bewerten, ob der Irakkrieg aus einer klassisch realistischen Perspektive, die auf rationalem Handeln und Interessenabwägung basiert, als erfolgreiche oder gescheiterte Politik einzustufen ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Theorie des klassischen Realismus als analytischen Rahmen, um historische Ereignisse (Irakkrieg, Vietnamkrieg) und politische Strategien zu evaluieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der realistischen Theorie, die Einordnung des Irakkrieges durch die Bush-Doktrin, die Kontroverse mit dem Neokonservatismus sowie die konkrete Anwendung realistischer Kriterien auf das politische Handeln der USA.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Klassischer Realismus, Machtpolitik, Bush-Doktrin, Irakkrieg, nationale Interessen und das Mächtegleichgewicht.
Wie bewertet der Autor die Rolle des Neokonservatismus?
Der Autor stellt den Neokonservatismus als idealistisch geprägte Gegenposition zum Realismus dar, die durch den Export von Demokratie und eine unilaterale „big stick“-Politik zum Debakel im Irak beigetragen hat.
Warum wird der Vietnamkrieg als Vergleich herangezogen?
Der Vietnamkrieg dient als historisches Beispiel für gescheiterte, nicht-realistische Außenpolitik, um Analogien zu den Schwierigkeiten der USA im Irak aufzuzeigen.
- Arbeit zitieren
- Bajram Dibrani (Autor:in), 2009, Bewertung der amerikanischen Außenpolitik im Irakkrieg anhand des klassischen Realismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/502979