Familie und ihr Umfeld als Ursache kindlicher Gewaltbereitschaft


Masterarbeit, 2008

78 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Abstrakt

0. Vorwort

1. Einleitung

2. Formen von Aggression und Gewalt
2.1. Zur Definition des Begriffes Gewalt
2.2. Formen, Umfang und Einsatz von Gewalt
2.2.1. Die physische Gewalt
2.2.2. Die psychische Gewalt
2.2.3. Die verbale Gewalt
2.2.4. Die sexuelle Gewalt
2.2.5. Die frauenfeindliche Gewalt
2.2.6. Die fremdfeindliche Gewalt

3. Theorien zur Entstehung von Aggression und Gewalt
3.1. Aggressionsbegriff
3.2. Erklärungstheorien zur Entstehung von Aggression und Gewalt
3.2.1. Die Trieb- oder Hydrauliktheorie
3.2.2. Die Frustrations-Aggressionstheorie
3.2.3. Die instrumentelle Aggression
3.2.4. Die Gefühls- oder Aktivierungstheorie
3.2.5. Die lernpsychologische Theorie
3.2.6. Die Theorie der Gewöhnung und Abstumpfung

4. Die Familie
4.1. Begrifflichkeit/Definition
4.1.1. Der geschichtliche Hintergrund
4.1.2. Die Familie als Sozialisationsinstanz
4.2. Familie und häusliche Gewalt
4.2.1. Erscheinungsformen häuslicher Gewalt
4.2.2. Ungeplante und ungewollte Schwangerschaft im Kontext .. 30 häuslicher Gewalt
4.2.3. Gewalt der Kinder gegen ihre Eltern
4.3. Aggressionsanfällige Perioden in der kindlichen Entwicklung
4.3.1. Die Lösung der dualen Mutter-Kind-Beziehung
4.3.2. Die Trotzphase
4.3.3. Die Perioden der Rivalität mit Gleichaltrigen, Identifizierung38 mit einem Elternsteil
4.4. Geschwisterbeziehungen in Deutschland
4.4.1. Gewalt unter den Geschwistern
4.4.2. Die normale physische Gewalt
4.4.3. Die extreme physische Gewalt
4.4.4. Prävention gegen Geschwisterrivalität
4.5. Strukturwandel der Familie
4.5.1. Familie heute: Stabilität und Wandel
4.5.2. Familie und Familienbeziehungen in Deutschland
4.5.3. Zur Vater-Kind-Beziehung

5. Das Umfeld
5.1. Nachbarschaft, Peergroups und der Einfluss von Gleichaltrigen
5.2. Kindergartenalter/ Kindergarten
5.3. Mediale Gewalt und Einfluss von Medien

6 Schlusswort

7 Literaturverzeichnis

Abstrakt

Die Gewaltbereitschaft in unserer Gesellschaft nimmt zu. Wobei weniger Erwachsene ins Rampenlicht des Geschehens rücken, sondern Jugendliche und Kinder. Die Maßstäbe der Gewalt nehmen neue Dimensionen an. Breite Teile der Gesellschaft sind davon betroffen. Wobei Kinder die Gewalt ausüben immer jünger werden. Die Brutalität der Kinder steigt. Mädchen sind kaum in ihrer Erbarmungslosigkeit zu überbieten. Die Bevölkerung ist hilf- und ratlos. Eltern sind verzweifelt. Pädagogen - überfordert. Warum sind Kinder gewalttätig? Wo liegt die Ursache kindlicher Gewaltbereitschaft? Diese Fragen beschäftigen nicht nur die Bevölkerung, die Pädagogen, die Politiker sondern auch die Eltern. Die Ursache eines aggressiven und gewalttätigen Verhaltens bei Kindern herauszufinden ist auch das Ziel dieser Masterarbeit.

0. Vorwort

Das Thema Gewaltbereitschaft bei Kindern hat mich schon immer interessiert. Durch das externe Praktikum im letzten Jahr wurde ich dazu bewegt, mit dieser Thematik mich näher zu befassen. Neben dem Erlebten zeigen auch die Statistiken, dass die Gewaltbereitschaft bei den Kindern, nicht ab, sondern zunimmt. Wobei Kinder, die Gewalt ausüben immer jünger werden. „Immer mehr Kinder erpressen Kinder“, „Jugendkriminalität wächst weiter“, „Neue Dimension der Gewalt“, „Brutale Mädchen schlagen zu“ – diese Art von Meldungen schrecken in der jüngsten Zeit immer wieder die Öffentlichkeit auf (Möller 2001, S. 7).

Als Vater von zwei Kindern gehen derart Meldungen nicht einfach an mir vorüber. Die Sorge um das eigene Kind steigt. Es wird noch mehr verstärkt, wenn ich daran denke, dass mein Kind demnächst eingeschult wird. Wohl oder übel wird dieses Thema auch unser Wohnzimmer erreichen und für Diskussionen sorgen. All das bewegte mich, dieses Thema intensiver zu behandeln.

Die Thematik Gewaltbereitschaft bei Kindern betrifft nicht nur mein Umfeld. Breite Teile der Gesellschaft sind davon betroffen und haben diese Art von Sorge. Viel mehr noch, die Bevölkerung ist „relativ hilf-, rat- und tatenlos“, so die Aussagen der Experten (Möller 2001, S. 7). Denn, eine mächtige Welle von Gewalt, mit der die Gesellschaft konfrontiert wird, nimmt bislang unbekannte Ausmaße und an neuartiger Qualität zu. Die Meinung der Öffentlichkeit ist verunsichert. Fragen wie: „Wird die Gewalt brutaler? Werden Täter immer jünger? Schleicht sich das weibliche Gewalttabu ab?“ (Möller 2001, S. 7).

Herauszufinden, was die Ursache kindlicher Gewaltbereitschaft ist und dem entgegen zu wirken, ist der Wunsch viele Eltern. Der Wunsch sie zu stoppen und präventiv vorgehen, wächst, bei den Eltern, Pädagogen und selbst auf der politischen Ebene. Der Schutz der Bevölkerung, somit auch den Kindern soll gewährt werden. Das eigene und das fremde Kind vor Gewalt zu schützen.

Angesichts, der steigender Gewalt- und Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft, schlangen Eltern Alarm. In ihrer Hilflosigkeit suchen sie nach Hilfe und Rat. Diese Masterarbeit versucht, Ursachen kindlicher Gewaltbereitschaft herauszufinden und sie darzustellen. Aufzuzeigen wie die Familie und das Umfeld Kinder bewusst oder unbewusst dazu veranlassen, Gewaltbereitschaft bei ihnen auszulösen und auszuüben.

An dieser Stelle möchte ich dem Erstprüfer Prof. Dr. Winfried, Noack danken. Für seine Zeit, seine Kompetenz sowie Hilfeleistung, die er mir entgegenbrachte. Wodurch es mir möglich wurde, diese Abschlussarbeit zu verfassen.

1. Einleitung

In dieser Masterthese soll die Familie und ihr Umfeld als Ursache kindlicher Gewaltbereitschaft untersucht werden. Die Arbeit gliedert sich in vier Bereiche. Der erste Punkt dieser Arbeit befasst sich mit der Definition des Begriffs Gewalt. Sein Ursprung und seine Bedeutung. Darunter wird auf die verschiedenen Formen der Gewalt kurz eingegangen.

Der zweite Punkt befasst sich mit den Theorien der Entstehung von Aggression und Gewalt. Hier werden die sechs bekannten Theorien aufgezeigt. Es wird nicht der Absolutheitsanspruch im Vordergrund stehen, sondern sie sollen dazu beitragen, mögliche Ursachen von Aggression und Gewalt herauszufinden, so weit es möglich ist. Dazu soll zuvor auf die nähere Bestimmung des Begriffs Aggression kurz eingegangen werden.

Im dritten Punkt wird die Familie untersucht werden. Der Begriff Familie, sowie der geschichtliche Hintergrund wird kurz erläutert. Dadurch soll die ursprüngliche Bedeutung und Funktion der Familie aufzeigt werden, um den Wandel der Familie nachzuvollziehen, welchen sie seit dem Mittelalter vollzogen hat. In diesem Zusammenhang wird auf die häusliche Gewalt eingegangen. Die Auswirkungen einer ungeplanten und ungewollten Schwangerschaft. Gewalt der Kinder gegen ihre Eltern. Somit wird deutlich, dass die Familie nicht nur der Ort der Freude, sondern auch zu oft, besonders in den letzten Jahren, ein Ort des Leides geworden ist.

Ein weiterer und wichtiger Aspekt sind die aggressionsanfälligen Perioden in der kindlichen Entwicklung. Geschwisterrivalität, Strukturwandel der Familie, sowie Trennung und Scheidung der Eltern, dem ein Kind ausgesetzt ist. Die Veränderung der Familienstruktur, die die Familie und Familiendynamik beeinflusst. Wodurch die Familie auffordert, wird, noch flexibler zu sein und neue Wege gehen. Das führt mit sich, dass eine Veränderung des Familiensystems geschieht. Diese Veränderungen greifen in das Familienleben ein. Man spricht von einem Strukturwandel. Geschieht wo möglich ein Abschied von der traditionellen Familienstruktur? In diesen Wandel werden Kinder miteinbezogen und müssen sich den Verhältnissen anpassen. Wie sieht die Familie von „heute“ aus? Wie passen Kinder in dieses System? Diesen Fragen soll in diesem Punkt Raum gegeben werden.

Der vierte Punkt dieser Arbeit befasst sich mit dem Umfeld des Kindes. Dazu gehören Nachbargemeinschaften, die Peergroups, der Einfluss der Gleichaltrigen und Kindergarten. Zum Schluss soll die Thematik „Medien und Kinder“ erforscht werden. Hier wird der Einfluss der Medien die auf das Kind haben, analysiert. Welche Auswirkungen haben Medien auf Kinder? Diese erwähnten Bereiche sollen untersucht werden, um die Ursachen kindlicher Gewaltbereitschaft herauszufinden.

2. Formen von Aggression und Gewalt

2.1. Zur Definition des Begriffes Gewalt

Der Begriff „Gewalt“ kommt aus dem dem altdeutschen Wort „waltan“ und seine Wurzeln reichen bis zum indogermanischen Wort „ual-dh-„. Laut dem Wörterbuch hat die indogermanische Wurzel, folgende Bedeutung: „stark sein, beherrschen“. Das altdeutsche Wort „waltan“ umschreibt das spezifische Merkmal des Herrschenden. Schlussfolgernd lässt sich sagen, dass Gewalt dazu verwendet wird, um Machtausübung zu praktizieren. Den Menschen gefügig machen. Darüber hinaus wird „Gewalt“ nach Duden und Endruweit (Kapella/Cizek, S. 16. http://www.bmfsfj.de/Publikationen/genderreport/4-Familien-und-lebensformen-von-frauen-und-maennern/4-4-Heirat-und-uebergang-zur-elternschaft/4-4-3-spaete-mutter-und-vaterschaft,did=54622,render=renderPrint.html, Stand 10.03.2008) dazu verwendet, um bei Ungehorsam die Bestrafung einzusetzen. Das Ziel ist, die Person zur Unterdrückung und Unterwerfung zu zwingen.

Der Begriff „Gewalt“ ist zu allgemein und hat etwas mit Aggression zu tun. Aber auch dieser Begriff ist mehrdeutig. Unter dem Begriff „Aggression“ wird ein Verhalten beschrieben, der schädliche Reize gegen einen Organismus (oder ein Organismussurrogat) richtet. Die Begrenzung des Begriffs Aggression auf Organismus oder Organismussurrogat schließt destruktive Handlungen gegen Sachen weithin aus.

Dabei ist der Begriff Gewalt mit einer Teilmenge von Aggressionen, nämlich körperliche Aggressionen besetzt. Die allgemeine Definition des Begriff „Gewalt“ meint: Verwendung von Zwang und unrechtmäßiges oder gewalttätiges Vorgehen. Darüber hinaus verkörpert der Begriff „Gewalt“ Macht, Kraft und Herrschaftsbedürfnis (L R. Martin / P. Martin 2003, S. 9).

„Vielleicht ist es zweckmäßig, Gewalt mit angedrohter oder ausgeübter physischer Aggression gleichzusetzen, sofern sie mit zumindest relativer Macht einhergeht:

Wenn ein kleiner Junge wütend nach seinem Vater schlägt, werden wir kaum von Gewalt sprechen, wohl aber im umgekehrten Fall“ (L R. Martin / P. Martin 2003, S. 9).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Typologie der Gewalt (Galtung 1975, S. 15).

Nach Hurrelmann wird der Begriff „Gewalt“ als Oberbegriff gebraucht und spezifiziert z. B. physische und psychische, sexuelle, frauenfeindliche, rassistische und verbale Gewalt. (L R. Martin / P. Martin 2003, S. 9).

2.2. Formen, Umfang und Einsatz von Gewalt

2.2.1. Die physische Gewalt

Die physische Gewalt umfasst: u. a. Schläge, Stöße, Stiche, Verbrennungen und Vergiftungen, die zu körperlichen Gewalt führen (Ratzke 1999, S. 15).

2.2.2. Die psychische Gewalt

Die psychische Gewalt äußert sich in Form von Abwertung des Gegenüber, Entzug des Vertrauens und Zuwendung, sodass der Interaktionspartner gedemütigt, geängstigt, überfordert und lächerlich dargestellt wird (Ratzke 1999, S. 15).

2.2.3. Die verbale Gewalt

Durch verbale Gewalt wird dem Opfer durch Worte ein Schaden zugefügt. Das Opfer wird „beleidigt, beschimpft, bedroht, diskriminiert (herabwürdigt behandelt), belügt oder durch Worte erpresst“ (L R. Martin / P. Martin 2003, S. 9). Die verbale Gewalt ist die Form der psychischen Gewalt, welche am häufigsten im Alltag ihre Anwendung findet.

2.2.4. Die sexuelle Gewalt

Die sexuelle Gewalt meint die Beeinträchtigung und Verletzung eines anderen durch erzwungene intime Kontakte oder durch andere sexuelle Handlungen, die der Bedürfnisbefriedigung des Täters dienen (L R. Martin / P. Martin 2003, S. 9).

2.2.5. Die frauenfeindliche Gewalt

Die frauenfeindliche Gewalt darunter ist nach Schäfer und Frey (http://www.bonn.de/imperia/md/content/familieundgesellschaft-bildungundsoziales/kinder-undjugendinfo/begriffsdefinition_ak_netzwerk_gewalt.pdf, Stand 05.04.2008) folgendes gemeint: Durch Schädigung eines anderen mit Hilfe von physischer, psychischer, verbaler oder sexueller Schädigung und Verletzung von Frauen, insbesondere als Akt der Machtausübung und in diskriminierender und erniedrigender Absicht vorgenommen wird.

2.2.6. Die fremdfeindliche Gewalt

Die fremdfeindliche Gewalt bzw. rassistische Gewalt lässt sich dadurch charakterisieren, dass Mädchen, Frauen oder Angehörige einer anderen ethnischen Gruppen durch die eben erwähnten Gewaltformen beeinträchtigt und verletzt werden (Ratzke 1999, S. 16). „Gewalt ist demnach eine zielgerichtete, direkte, physische, psychische oder soziale Schädigung, deren Illegalität in der gesellschaftlichen Beurteilung Merkmale des Täters, des Opfers und der sozialen Kontrollinstanzen unterliegt“ (L R. Martin/ P. Martin 2003, S. 9).

Der Begriff Gewalt beinhaltet „personale Gewalt“ (L R. Martin / P. Martin 2003, S. 9), darunter ist Schädigung zwischen Personen (aufgrund einer ungleichen Machtverteilung) oder auch als Schädigung von Sachen zu verstehen. Dem gegenüber steht die „strukturelle Gewalt“ (L R. Martin / P. Martin 2003, S. 9).

Darunter ist eine „Schädigung von Personen aufgrund institutioneller oder gesellschaftlicher Bedingungen“ (L R. Martin / P. Martin 2003, S. 9) aufzufassen.

Abb. 3: Systemische Darstellung zur „Entwicklung und Begründung eines umfassenden Gewaltverständnisses“ (Theunert 1996, 61).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Strukturelle Gewalt geht nicht von einzelnen Tätern aus und richtet sich nicht an einzelne, sondern an Angehörige der unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppen. Strukturelle Gewalt ist ein Ergebnis gesellschaftlichen Bedingungen. Kinder werden oft Opfer gewalttätiger Handlungen aber auch Opfer gewaltförmiger Strukturen. Wie: Aufwachsen in Armut, Opfer psychischen Folgen von Umweltzerstörung, Krieg und Elend (http://www.kinderschutz.ch/cms/de/node/23, Stand 06.04.2008).

Darüber hinaus existiert auch „expressive Gewalt“. Der Begriff wird dann gebraucht, wenn negative Gefühle zum Ausdruck gebracht werden sollen. Und wird in Bezug der Selbstdarstellung, „zum Spaß“ und ist oft gegenüber beliebigen Gegnern oder Gegenständen gerichtet. Ihr gegenüber steht die „instrumentale Gewalt“. Sie beschreibt das Mittel zur Lösung von Problemen, mit Durchsetzung eigener Absichten (L R. Martin /P. Martin 2003, S. 9f).

Neben den erwähnten Definitionen von Gewalt existiert auch das Phänomen „Mobbing“. Der Begriff „Mobbing“ oder auch „mobben“ stammt aus dem Englischen „mob“ und „bully“ ab und bedeutet so viel wie: "drangsalieren, tyrannisieren" (L R. Martin /P. Martin 2003, S. 9f). Diese neue Unterform von Aggression wird oft im Zusammenhang mit der Diskussion um Gewalt in Schulen verwenden. Der neuerdings intensiver diskutiert und erforscht wird. Darüber hinaus wird der Begriff „Bullying“ der von dem „Bully“ (brutaler Kerl) abgeleitet wird, um das Phänomen zu beschreiben verwendet. Es bedeutet nichts anderes als, Schikanierung und Ausgrenzung von einzelnen Personen (Klassenkameraden) durch die soziale Gruppe (Schuster 1996, S. 316). Dabei kann es sich um einen oder mehreren Angreifern handeln, die eine bewusste und wiederholt negative Handlung an einen schwächeren Mitschüler über einen bestimmten Zeitrahmen vornehmen. Es können direkte oder indirekte Formen der Einflussnahme vorkommen, wie körperliche Attacken, soziale Abgrenzung (Olweus 1995, S. 22). Auch das ist eine Form von Gewalt, die negative Handlungen beschreibt, negative Gefühle und negative Empfindungen bei den Betroffenen auslöst (L R. Martin /P. Martin 2003, S. 9f). Es existiert auch die flehende Gewalt, in der sich der Täter als Opfer versteht. Es sind hilflose Reaktionen auf die Provokationen der anderen Personen (Minuchin/Nochols 1995, S. 255f).

Gewalt äußert sich nicht nur in Form einer körperlichen Gewalt wie Misshandlung, sondern auch in sexueller Ausbeutung. Darüber hinaus zählt auch Vernachlässigung des Kindes dazu. Darunter ist mangelnde oder unzuverlässige Zuwendung zu verstehen. Eine weitverbreitete Gewaltart ist die seelische Misshandlung. Das tritt ein, wenn beispielsweise Erwachsene dem Kind sich ablehnend oder demütigend verhalten. Gewalt wird auch dann ausgeübt, wenn mangelnde oder nicht ausreichende Freiräume dem Kind geboten werden (http://www.sveo.ch/uploads/media/gewalt_in_der_familie.pdf, Stand 25.03.2008).

3. Theorien zur Entstehung von Aggression und Gewalt

3.1. Aggressionsbegriff

Im Folgenden sollen sechs Theorien der Entstehung von Aggression und Gewalt kurz dargestellt werden. Da sich die Theorien zum Teil widersprechen, wird kein Absolutheitsanspruch im Vordergrund stehen, sondern sie sollen dazu beitragen, mögliche Ursachen von Aggression und Gewalt herauszufinden, so weit dies möglich ist. Doch zuvor soll der Aggressionsbegriff näher definiert werden.

Unter aggressivem Verhalten im engeren Sinne versteht man: Schädigendes, gewalttätiges Angriffverhalten (wird meist negativ wertend betrachtet). Mit „Aggression“ verbinden die meisten Menschen destruktives Handeln. Als Beispiel, sinnlose „Körperverletzung, Brutalität, Vandalismus“ (Verres & Sobez 1980, S. 33). Kurz gesagt etwas Böses. Obwohl der Begriff auch positiv besetzt ist. Das lateinische Verb „aggredi“ von dem der Begriff „Aggression“ abstammt, hat noch eine weitere Deutung als zuerst anzunehmen ist. Das Prädikat „aggredi“ meint: „heranschreiten, sich nähern, sich freundlich an jemanden wenden“, bedeutet aber auch „sich zu etwas anschicken, unternehmen, beginnen versuchen“, was im Deutschen so viel wie: „etwas in Angriff nehmen“ (Zeltner 1993, S. 68) zum Ausdruck kommt.

Aggressiv sein, bedeutet neben „überfallen“ und „angreifen in feindlicher Absicht“, auch „versuchen, beginnen, etwas zu unternehmen“, (Zeltner 1993, S. 68), Tätigkeiten denen eine herausfordernde, eben eine aggressive Komponente zugrunde liegt

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Weiter und enger Aggressionsbegriff (Verres/Sobez 1980, S. 33).

3.2. Erklärungstheorien zur Entstehung von Aggression und Gewalt

3.2.1. Die Trieb- oder Hydrauliktheorie

Diese Theorie hat Konrad Lorenz entwickelt. Er behauptet, Aggression sei angeboren und ist immer im Menschen vorhanden. Der Mensch hat die Neigung und den Drang zu Aggressivität, die er Zeit zu Zeit entladen muss. Der Mensch ähnelt einem „Dampfkessel“: sobald der Dampf abgelassen wird, (Lück 1994, S. 22f), nehmen auch die Aggressionen ab. Diese steigen wieder an bis zur nächsten Entladung.

Weiterhin ist der Trieb des Menschen gleichzusetzen mit dem Instinkt. Lorenz definiert Aggression als den „auf den Artgenossen gerichteten Kampftrieb von Tier und Mensch“ (Lorenz 1963, S. 388), der Rivalenkämpfe, Rangordnung und Verteidigung des Lebensraums bestreiten muss. Darüber hinaus ist es ratsam die Angriffslust aufrecht zu erhalten, um der psychischen und physischen Gesundheit des Menschen zu bewahren.

Begründet wird diese Aussage dadurch, dass wir über die menschliche soziale Instinkte so gut wie nichts kennen und dementsprechend auch machtlos diesen Aggressionen gegenüberstehen. Diese Theorie ist nicht nur gefährlich, sondern auch veraltet, dennoch ist sie in manchem Kopf vorhanden (Zeltner 1993, S. 73).

Weiterhin soll ein „Katharsiseffekt“ d. h. eine Ventilfunktion durch Sportsendungen oder ansehen von kämpferischen Handlungen herbei geführt werden. Auch hier stellt sich die Frage, ob das bloße Betrachten von sportlichen Aktivitäten die Aggression reduziert wird. Das Gegenteil ist eher der Fall. Das wird an den berüchtigten Schlägereien zwischen den Hooligans nach Meisterschaftsspielen, deutlich. Dagegen kann Aktivsport zur Reduktion gewaltsame Impulse wohl beitragen (http://www.uni-bielefeld.de/ikg/zick/AggressII.htm, Stand 25.03.2008)

Ferner wird argumentiert, dass die Aggression angeboren, aber von Mensch zu Mensch unterschiedlich ausgeprägt sei. Die räuberische Kriminalität und besondere Gewalttätigkeit sei genetisch bedingt, sodass das aggressive Verhalten sich unabhängig von Umwelteinflüssen entwickelt (Zeltner 1993, S. 76).

Die Studie des bekannten Genetikers Han Brunner, der sich ausgiebig mit dem Phänomen Gewaltbereitschaft in niederländischen Familien beschäftigt hat, fand heraus, dass ein Defekt des Gen-Abschnitts vorliege, der im Gehirn für den Abbau von Neuro-Transmittern (Übermittlungsstoffen) wichtig ist und die emotionale Zustände regelt. Dies Lasse sich durch Diäten, Enzym- oder Gentherapie behandeln, offen ist die Frage, ob diese Therapie auf jeden zutrifft (Zeltner 1993, S. 76).

Psychologen und Konfliktforscher äußern Zweifel an einer rein genetischen oder rein typologische Ursache für die Entstehung der Gewaltbereitschaft. Die Psychotherapeutin Alice Miller stellt die These auf, dass „ein wahrhaft geliebtes Kind werde als Erwachsene nicht gewalttätig“ (Zeltner 1993, S. 76).

Dem schließe ich mich an. Diese Aussage unterstreicht die These, dass viele misshandelnde Kinder die heute selbst Eltern sind, als Kinder selber Opfer der Gewalt waren (http://www.sveo.ch/uploads/media/gewalt_in_der_familie.pdf, Stand 25.03.2008).

3.2.2. Die Frustrations-Aggressionstheorie

Die Vorreiter dieser Theorie sind amerikanische Forscher, John Dollard, Doob, Miller & Sears (Dollard et al. 1971, S. 9). Diese Gruppe der Wissenschaftler fanden heraus, dass jeder Aggression eine Frustration zugrunde liegt. Mit anderen Worten, „Aggression ist immer eine Folge von Frustration“ und „Frustration führt immer zu einer Form von Aggression“ (Dollard et al. 1971, S. 9).

Durch ihre Experimente an den Probanden fanden sie heraus, dass Wut, Ärger, Angst und nicht ernst genommen werden, Gewaltbereitschaft verursachen. Ferner ergaben weitere Tests, dass Furcht vor Strafe das aggressive Verhalten reduziert, schafft aber Angriffshemmungen. Und verdrängte Aggressionen können als Ersatzhandlungen an Schwächeren (Frauen und Randgruppen) ausgelebt werden (Dollard et al. 1971, S. 9).

Es ist bekannt, dass Frustration und Zurücksetzung, Feindseligkeit auslösen, aber nicht jeder Frust mündet in eine Gewalttat. Dabei spielt sowohl die Situation als auch der soziale Hintergrund (weil die Zurücksetzung unterschiedlich verarbeitet oder verdrängt wird) eine entscheidende Rolle (Zeltner 1993, S. 77).

Nach Zimbardo ist Aggression ein erworbener und kein angeborener Trieb, der als Reaktion auf Frustration entstanden ist. Darüber hinaus, „je größer die gegenwärtige und angesammelte Frustration, um so stärker die daraus resultierende aggressive Reaktion“ (Zimbardo 2004, S. 366).

Wenn Frustration gleich Aggression bedeuten würde, dann hieße es: den Kampf aller gegen alle zu führen, den ein Dasein ohne Versagung gibt es nicht. Vielmehr ist es ratsam dem Appell Folge zu leisten und so früh wie möglich mit Enttäuschungen umzugehen lernen. Denn Frust bei Kindern wird als Auslöser für Randale genannt. Darüber hinaus wird die Gewaltbereitschaft bei Kindern dadurch gefördert, wenn sie permanenten Druck durch „Ärger, Zurückweisung, Angst, Überforderung oder Langeweile“ ausgesetzt sind (Zeltner 1993, S. 77).

3.2.3. Die instrumentelle Aggression

Die instrumentelle Aggression wird verwendet um eigene Ziele durchzusetzen, dadurch wird die Aggressivität sehr oft und auf verschiedenste Art und Weise in den Dienst einer falschen Sache gestellt, z. B. „Größen- und Machtfantasien“ (Zeltner 1993, S. 77).

Nach Nolting dient die instrumentelle Aggression der Schadensvermeidung und Zielerreichung und „ist nicht affekt-, sondern effektorientiert“ (1992, S. 120). Instrumentelle Aggression findet auf verschiedenen Ebenen statt. Sie wird oft als Selbstverteidigung z. B. im Straßenverkehr verwendet. Wodurch viele Autounfälle zurückzuführen sind, die unschuldige Opfer gefordert haben. Die instrumentelle Aggression wird dann zum Mordinstrument, wenn über sie die Herrschaft verloren wird (Zeltner 1993, S. 77).

3.2.4. Die Gefühls- oder Aktivierungstheorie

Die folgende Theorie wurde von Schachter entwickelt. Sie berücksichtigt die physiologische Messung von „Hautwiderstand, Blutdruck und Puls“ (Zeltner 1993, S. 77). Dadurch wird der Zusammenhang zwischen körperlicher und emotionaler Erregung ermittelt. Die daraus entstehende und und steigernde neurovegetative Aktivität kann unter Umständen zu einer erhöhten Aggressionsbereitschaft führen (Zeltner 1993, S. 77).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: Die Emotionstheorie von Schachter & Singer (Schachter & Singer 1962, S. 379ff).

Das Nervensystem wird erregt unabhängig davon, ob es „Freude, Glück, Sexualität, Trauer oder Wut“ (Zeltner 1993, S. 77) ist. Die daraus resultierende Spannung kann in Aggression umkippen. Ein weiter Faktor die zum aggressiven Verhalten führen kann, ist eine „Rund-um-die-Uhr-Präsenz“ (Zeltner 1993, S. 77) von Bildern und Geräuschen. Diese halten den Erregungspegel hoch, besonders sind Städte davon betroffen. Nachts durch den Verkehrslärm, fehlt vielen Menschen die nötige Entspannung und tagsüber, erhöhen „Katastrophen- und Kriegsberichte den Adrenalinspiegel“ (Zeltner 1993, S. 77).

Der moderne Mensch ist unbewusst dauernd erregt, was ihn gereizt und anfällig für unbeherrschte Reaktion macht. „Rache, Erinnerungen des Krieges erzeugen ein Klima von Hass, der ferne Krieg wird zum Nahen“ (Zeltner 1993, S. 78). In Anbetracht der vielen Kämpfe wird die Tötungshemmung überschritten. „Muss der Mensch seine Angriffslust von Zeit zu Zeit, vom Verstand losgelöst, entladen?“ (Zeltner 1993, S. 78).

Gegen diese Theorie wendet sich die lernpsychologische Theorie, die ausführlich von Albert Bandura und Herbert Selg dargestellt wird.

3.2.5. Die lernpsychologische Theorie

Vertreter der lernpsychologischen Theorie sind fest davon überzeugt, dass der Mensch von Natur aus nicht festgelegt ist, sondern sich erst im Laufe seines Lebens und seiner Entwicklung zu einem sozialen Wesen ausbildet. Das Kind lernt so zusagen an Vorbildern in seiner Umgebung. Das geschieht durch Beobachtung, Identifikation mit ihnen. Darüber hinaus welche Verhaltensweisen sozial erwünscht sind, welche nicht, was zu tun ist, um Beachtung zu erlagen. Wie Konflikte am besten gelöst oder übergangen werden (Zeltner 1993, S. 81).

Die Lerntheorie vertritt die Auffassung, dass Gewalt auch eine der sozialen Verhaltensweisen ist. Die durch die Bedingungen der Umwelt hervorgebracht und variiert wird. Nicht anders verhält es sich mit Aggression. Die wird wie jedes andere Verhalten durch „Beobachtung im Alltag, Erfahrungen und Nachahmung der Vorbilder in der Familie und dem Umfeld“ angeeignet (http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/EMOTION/Aggression1.shtml#Lernpsychologische, Stand 04.04.2008).

Eine große Rolle bei der Entwicklung der Aggression spielen nämlich folgende Aspekte; „wie das Kind mit Stress, seelischem Tief, mit Versagen“ umgehen gelernt hat (Zeltner 1993, S. 81).

Die Lerntheorie ist der Auffassung - im Gegensatz zu den Befürwortern der Triebtheorien – dass, es möglich ist, in so einem Umfeld aggressionsfrei zusammenzuleben. Einerseits zeigt die Nachahmung von Vorbildern, wie Brutalität gelernt wird, andererseits wird auch deutlich, dass eine gewaltfreie Sozialisation das Gegenteil bewirken kann. Dadurch wird deutlich, dass diese Theorie eine Hoffnung beinhaltet, weil sie Strategien zur Reduktion von Gewalt anbietet (Lück 1994, S. 27-30). Dabei darf nicht außer acht gelassen werden, dass diese Theorie eine der anerkanntesten Aggressionstheorien überhaupt ist. Ihr gegenüber steht die Hemmungs- oder Inhibitionshypothese, die die Abschreckung bevorzugt. Ihre Auffassung, dass der Anblick von Brutalität den Menschen bewegt, Abscheu gegenüber dem gewalttätigen Verhalten zu haben. Kriege und Folterungen zeigen etwas anderes, somit geht sie an der Realität vorbei (Zeltner 1993, S. 81).

3.2.6. Die Theorie der Gewöhnung und Abstumpfung

Der Realität näher ist die Theorie der Gewöhnung und Abstumpfung. Dauerhafte Reize werden nur eine bestimmte Zeit wahrgenommen. So gewöhnen sich Menschen an den Straßenlärm ebenso auch an Gewalt. Bilder, wie brutale Zerstörung, wirken heute nicht mehr so auf die Menschen, wie vor einigen Jahren. Es findet eine Gewöhnung und Abstumpfung statt, zwar ist das eine Schutzfunktion, aber auch die ist nicht besser.

Durch Gewöhnung und Abstumpfung führen Darstellung von Gewalt die auf längere Zeit aufgenommen werden, zu einer erhöhten Gewaltbereitschaft. „Folter, Unterdrückung, Drohungen“ (Kunczik & Zipfel 2006, S. 16) gehören längst nicht mehr in Länder mit diktatorischem Regime. Dazu sind ganz normale Menschen aus der arbeitenden Mittelschicht des Westens fähig.

Der Amerikaner Stanley Milgram und Philip Zimbardo machten anfangs der sechziger Jahre eine unglaubliche Entdeckung. Menschen sind dazu bereit anderen Menschen Schmerzen zu zufügen, sogar lebensgefährlich verletzen, wenn sie dazu autoritär durch den Versuchsleiter angeleitet wurden. Das „Milgram – Experiment“ zeigt auf, „dass die jeweilige Situation unser Handel stärker bestimmt, als Persönlichkeitseigenschaften und ethische Normen“ (Zeltner 1993, S. 83). Diese Art von Studien zeigen, dass viele Menschen auf Befehl bereit sind, zu foltern und zu töten. Diese Tatsache unterstreich die Aussage von Elliot Aronson; „Leute, die verrückte Dinge tun, sind nicht notwendig verrückt“ (Aronson 2004, S. 31).

Schlussfolgernd kann gesagt werden, dass die Gefühls- und Lerntheorie derzeit relevant ist. Die meisten von den erwähnten Theorien, können ebenso auf das Verhalten der Kinder übertragen werden, die Gewalt ausüben. Somit ist die Gewaltbereitschaft bei den Kindern auf zwei Aspekte zurückzuführen; auf die seelische Mangelsituation und auf die Verantwortung der Erwachsene in der Rolle der Vorbilder (Zeltner 1993, S. 83).

[...]

Ende der Leseprobe aus 78 Seiten

Details

Titel
Familie und ihr Umfeld als Ursache kindlicher Gewaltbereitschaft
Hochschule
Theologische Hochschule Friedensau
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
78
Katalognummer
V503321
ISBN (eBook)
9783346046673
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Familie und Ihr Umfeld als Ursache Kindlicher Gewaltbereitschaft
Arbeit zitieren
Alexander Gietsel (Autor), 2008, Familie und ihr Umfeld als Ursache kindlicher Gewaltbereitschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/503321

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