Digital Nudging als Methode zur Reduzierung des Stromverbrauchs in Unternehmen


Studienarbeit, 2019

25 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Literaturübersicht

3. Theoretische Ansätze und empirische Befunde

4. Forschungsdesign
4.1 Problem Identifikation und Motivation
4.2 Lösungsansätze
4.3 Umsetzungsmöglichkeiten und Projektdesign

5. Diskussion

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

CO2 nimmt 88 % der jährlichen Treibhausgas-Emissionen in Deutschland ein, welches pri- mär bei der Stromerzeugung durch die Verbrennung von fossilen Brennstoffen entsteht (Umweltbundesamt, Kohlendioxid-Emissionen, 2019). Im Jahr 2016 wurde die Hälfte des Stroms durch die Nutzung von Kohle, Gas und Mineralöl produziert, welche nachweislich zur globalen Erderwärmung beitragen (Umweltbundesamt, Primärenergiegewinnung, 2019). Um dieser entgegenzuwirken, die Emissionen zu reduzieren und zur stärkeren Ein- haltung des Kyoto-Protokolls wird ein immer größerer Fokus auf die Stromproduktion mit- tels erneuerbarer Energien gesetzt. So stieg der Anteil am Stromverbrauch durch erneuer- bare Energien seit 2000 bis 2017 von 6% auf etwa 36% (Umweltbundesamt, Stromver- brauch, 2019). Diese Entwicklung und die stetige Forschung an effizienteren Technologien sind ein Weg, um die Klimaziele in Zukunft einzuhalten.

Doch nicht nur die Entstehungs-, sondern auch die Gebrauchsseite weist ein enormes Po- tenzial auf. In einer Studie von Diekmann (1999, S. 238) wurde eine positive lineare Kor- relation zwischen dem verfügbaren Einkommen und dem Endenergieverbrauch nachgewie- sen. Es scheint also Faktoren zu geben, die unterbewusst das Verhalten und den Konsum von Menschen in Bezug auf den Energieverbrauch beeinflussen. Private Haushalte sind je- doch nur ein kleiner Teil des landesweiten Stromverbrauchs. Neben diesen und dem Ver- kehrsbereich nimmt der Industrie- und Dienstleistungsbereich mit 1151 Terawattstunden jährlich (Stand 2017) fast die Hälfte des bundesdeutschen Stromverbrauchs in Anspruch (Umweltbundesamt, Stromverbrauch, 2019).

Diese Entwicklung ist auch an den Unternehmen selbst abzulesen, denn die Stromkosten nehmen in diesen circa 2 % des Umsatzes ein (DIHK, 2012). Der Strompreisindex für die Industrie zeigt hierbei, dass dieser Anteil im Laufe der Zeit immer weiter zunimmt. Auch wenn die Strompreise vergleichsweise ein ähnliches Niveau halten, führt der vermehrte Be- darf zu immer höherem Verbrauch (BDEW, 2019, S. 4).

Bei zunehmend mehr Unternehmen sieht man daher einen Wandel im Denken. Im Jahr 2009 gaben 31 % an, eine Energieeffizienzmaßnahme durchzuführen, 11% planten eine selbige. Im Jahr 2011 gab es 37 %, die eine solche Maßnahme durchführten und 14 % waren in der Planung (Dena, 2012). Betrachtet man die Studie zu den Privathaushalten mit dem Ergebnis, dass bei sinkendem verfügbarem Einkommen auch der Stromverbrauch sinkt und kombi- niert dies mit dem ökonomischen Ziel der Gewinnmaximierung, so erklärt sich diese Ent- wicklung.

Einer der entscheidenden Faktoren ist demnach der Stromverbrauch. Hierbei ist es für Un- ternehmen zunehmend wichtiger, die Mitarbeiter auf genau diesen aufmerksam zu machen und eine Senkung dessen herbeizuführen, nicht nur im Sinne der Kostenreduzierung, son- dern auch zur Bekämpfung der globalen Erderwärmung.

Diese Arbeit wird sich mit der Senkung des Stromverbrauchs am Arbeitsplatz durch nach- haltig beeinflussbares Verhalten der Mitarbeiter, mittels Digital Nudging, befassen. Zuerst wird ein Überblick über bisherige und aktuelle Literatur gegeben. Anschließend der theoretische Hintergrund zu Digital Nudging beleuchtet, wobei auf den aktuellen Stand der Forschung Bezug genommen wird. Nachfolgend werden im Forschungsdesign die Prob- leme und deren mögliche Lösungsansätze aufgezeigt. Mittels eines Projektdesigns werden im Folgenden das mögliche Verhalten von Mitarbeitern und der zu erwartende Erfolg der beschriebenen Maßnahmen erläutert sowie Aussagen über eine mögliche Auswertung ge- troffen. Mittels einer Diskussion der Lösungsansätze wird schlussendlich im Fazit eine Aus- sage über die Anwendbarkeit von Digital Nudging zur Senkung des Stromverbrauchs in Unternehmen getroffen. Mit einem Ausblick für die Zukunft wird diese Arbeit beendet.

2. Literaturübersicht

Dass der Mensch in seinem Handeln beeinflussbar sein kann, ist keine Neuheit. Jedoch ist dieses Handeln oft unberechenbar und kann nur bedingt vorhergesagt werden (Kahnemann, 2011). Kahnemann gilt als einer der Urväter dieses Themenfelds und hat die Grundlage des Verständnisses für die menschliche Entscheidungsfindung gelegt. Er erläutert, dass der Mensch zwei unabhängige Denksysteme besitzt und diese durch zahlreiche Faktoren beein- flussbar sind. Außerdem unterliegt der Mensch in seinem Handeln einigen intrinsischen Fehlinterpretationen, was sein Agieren oft in einer irrationalen Entscheidung enden lässt (Kahnemann, 2011). Dies wird von Thaler und Sunstein (2011, 2014) gestützt und weiter- entwickelt. Sie erläutern, welche Faktoren explizit die Entscheidungen von Menschen be- einflussen können und greifen hierbei auf sozio-psychologische Tendenzen von Kahne- mann zurück. Beide führen den Begriff libertären Paternalismus in die Literatur ein, prä- sentieren den Homo Economicus sowie seine Entwicklung und legen den Grundstein für spätere Nudges (Thaler&Sunstein, 2008). Nudging ist, laut gängiger Auffassung: „jeder be- liebige Aspekt des Wählens, der das Verhalten der Menschen auf vorhersehbare Weise ver- ändert, ohne jegliche Optionen zu verbieten oder ihren wirtschaftlichen Anreiz wesentlich zu verändern“ (Thaler, 2008, S. 6). Sunstein (2011, 2014) beschäftigte sich in den Folge- jahren vor allem mit der praktischen Anwendung von Beeinflussungsmöglichkeiten. Er un- tersucht bereits angewandte Methoden auf ihre Ursache und Wirkungsprinzipien und ent- wickelt auf Grundlage voriger Arbeiten Modelle für Regularien und Einschränkungen von Nudges (Sunstein, 2011). Er zeigt die Wirkungskraft von Einflussfaktoren, entwickelt weitere Entscheidungstendenzen und zeigt Grenzen in psychologischer und ethischer Hin- sicht (Sunstein, 2014). Einer der wichtigsten Einflüsse ist das soziale Umfeld, welches Schultz (2007) in einer Feldstudie herausfand. Er verglich verschiedene Formen von Feed- back, welches an Hausbewohner gegeben wurde und beobachtete ihr zukünftiges Verhalten. Hierbei stand für ihn vor allem der Stromverbrauch im Vordergrund und er stellte fest, dass ein sozialer Vergleich der Hausbewohner und die Übermittlung an diese mittels Feedbacks einen Einfluss auf deren Konsumverhalten hatte. Unterdurchschnittliche Ergebnisse verlei- teten zu sparsamerem Konsum, wohingegen ein überdurchschnittliches Ergebnis zu einem Boomerang-Effekt führte und die Bewohner folgend mehr Strom verbrauchten (Schultz, 2007). Es wurde ersichtlich, dass der Einsatz von Außendarstellung diesen Rückfall verhin- dern kann, indem er soziale Anerkennung für überdurchschnittlichen Konsum und soziale Missbilligung für den Unterdurchschnitt mitkommunizierte (Schultz, 2007).

Ähnliches stellte Gonzales (1988) in einer Studie fest. Er untersuchte, ob die Anwendung von sozialen Tendenzen Einfluss auf den Wirkungsgrad des gegebenen Feedbacks hat. Dies ließ sich feststellen, indem er zwei Trainergruppen ausbildete und Feedback an Hausbesitzer geben lies. Eine Trainergruppe war zusätzlich geschult in der Anwendung sozialer Faktoren wie beispielsweise dem Verlust-Gewinn-Frame, dem Personalisieren von Angeboten und dem Aufbringen von Verständnis, wohingegen die zweite Gruppe lediglich die Grundaus- bildung als Trainer besaß. Die erste Gruppe wurde nach Tests von den Hausbesitzern als kompetenter, einfühlsamer und professioneller erachtet, was den starken Einfluss von sozi- alen Faktoren auf das Feedback zeigt (Gonzales, 1988). Private Haushalte als Zielgruppe zu wählen, geschieht hierbei nicht zufällig. Das Ministery of the Environment and Water Res- sources (2013) untersuchte, welches Grundverständnis für den Konsum von Energie in pri- vaten Haushalten vorherrscht. Mittels einer breiten Umfrage, an der mehr als 2000 Men- schen teilnahmen, wurde ermittelt, welches Wissen die Menschen zum Thema Stromver- brauch und Klimawandel haben, wie ihr aktuelles Nutzungsverhalten aussieht und welche Maßnahmen sie zum Energiesparen nutzen. Zusätzlich untersuchten sie, welche Faktoren die Menschen zum Einsparen bzw. Konsum anleitet und unter welchen Voraussetzungen sie ihr Verhalten ändern würden. Ziel war es, einen besseren Bekanntheitsgrad für die Ener- giesparmöglichkeiten zu schaffen und das Akzeptanzlevel für die Problematik des Klima- wandels zu erhöhen (MEWR, 2013).

Dass diese Erkenntnisse auch für den Arbeitsplatz gelten, zeigt Kamilaris (2015) in einer Studie mit Fokus auf der Senkung des Stromverbrauchs im Joballtag. Hierzu erhielten in einer Untersuchung 18 Mitarbeiter eines Unternehmens für 6 Monate regelmäßiges Feed- back zum Nutzungsverhalten der Bürogeräte, vorrangig des Computers. Es stellte sich heraus, dass das Verständnis des Einflusses von Stromverbrauch Auswirkungen auf das Verhalten der Mitarbeiter hat und in Folge dessen auch der Stromverbrauch sinken kann. Zusätzlich fand er heraus, dass ein kombiniertes Feedback aus Bewertung, Selbstreflektion und persönlichen Handlungsempfehlungen am meisten Wirkung und Nachhaltigkeit erzielt (Kamilaris, 2015). Um dieses Feedback und andere Methoden noch effektiver zu gestalten, untersuchte Leygue (2017), welche Intentionen die Mitarbeiter grundsätzlich zum Konsum oder Einsparen von Strom veranlasst. Sie erstellte eine Skala zur Messung der Wirkungs- stärke verschiedener Motivationen und erkannte, dass vor allem das Umweltbewusstsein, die Unternehmensverbundenheit und der Drang zu positiver Außenwirkung die stärksten Motivationsfaktoren darstellen (Leygue, 2017). Neben der Intention zum Stromsparen spielt vor allem auch der tatsächliche Verbrauch am Arbeitsplatz eine Rolle, welchen Kawamoto (2004) in einer Studie genauer betrachtete. Er untersuchte, welche Geräte wann und wie genutzt werden, ermittelte Ein- und Ausschaltverhalten selbiger und bringt vor allem das Thema Leerlaufzeit in die Forschung ein. Seine Erkenntnis, dass ein solides Power-Ma- nagement und das Verhindern von ungenutzten Gerätezeiten einen starken Einfluss auf den Gesamtstromverbrauch in einem Unternehmen haben kann, ist eine der Kernerkenntnisse für weitere Forschungen (Kawamoto, 2004). Die Thematik des Power-Managements wurde erneut von der Loughborough University (2011) aufgegriffen. Hierbei wurde festgestellt, dass vor allem Stromverbraucher wie Licht oder Aufzüge als unkalkulierbar gelten und des- halb keine Beachtung in den Energie-Management-Plänen der Unternehmen finden. Fol- gend wird der starke Einfluss von bspw. Licht auf den Alltag und Stromverbrauch beleuch- tet, Probleme und Missverständnisse in der Nutzung erklärt und auf zukünftige Handlungs- empfehlungen verwiesen (Loughborough University Institutional Repository, 2011).

Mit der Zukunft setzte sich auch das Fraunhofer Institut (2019) auseinander und entwirft in einer Studie verschiedene Szenarien für zukünftige Stromsparentwicklung bis zum Jahr 2050. Hierbei greifen sie auf Einflussfaktoren von Sunstein, Thaler und Kahnemann (2008, 2011, 2014) zurück und erläutern wie auch kombiniertes Feedback in Zukunft effektiver wirken kann. Im Fokus stehen vor allem der Wirtschafts- und Strukturwandel sowie neue Trends wie bspw. die aufkommende Share-Economy, welche immer stärkeren Einfluss auf das Nutzungs- und Konsumverhalten der Menschen hat (Fraunhofer Institute for Systems and Innovation Research, 2019).

Es wird ersichtlich, dass es bereits zahlreiche Untersuchungen zum Stromverbrauch im pri- vaten sowie beruflichen Umfeld gibt. Auch die Thematik des Nudgings sowie der Entschei- dungsbeeinflussung kann umfassende Literatur und Studien vorweisen. Wie der Stromver- brauch beeinflusst werden kann, ist bisher jedoch nur durch die Anwendung von Feedback und vorwiegend im privaten Bereich betrachtet worden. Der Einsatz von Nudging-Metho- den zur Senkung des Stromverbrauchs blieb bisher weitgehend unbeachtet ebenso wie der Einfluss des beruflichen Umfelds. Diese Lücke soll die folgende Arbeit schließen und sich mit der Forschungsfrage, ob eine Senkung des Stromverbrauchs mittels Digital Nudging möglich ist, beschäftigen.

3. Theoretische Ansätze und empirische Befunde

Um Menschen, im Fokus dieser Arbeit vor allem Mitarbeiter, erfolgreich beeinflussen zu können, ist es wichtig zu verstehen, wie Menschen denken und Entscheidungen treffen. Im folgenden Kapitel soll hierrüber Aufschluss gegeben werden, zentrale Begriffe erklärt und auf bisherige empirische Arbeiten eingegangen werden. Ziel ist es, ein theoretisches Fun- dament für die folgenden Kapitel zu legen und einen Zusammenhang zwischen menschli- cher Entscheidungsfindung und Entscheidungsbeeinflussung klarzustellen.

Das menschliche Gehirn besitzt zwei Systeme. Diese zwei Systeme beschrieb Kahneman (2011, S. 22 f.) als ein langsames und ein schnelles System. Das schnelle System, im Fol- genden als System 1 bezeichnet, arbeitet automatisch, impulsartig und ohne wirkliche frei- willige Kontrolle des Denkenden. Es beruht zum Großteil auf Instinkten, Verhaltensmustern und gelernten Abläufen. Das zweite System hingegen erfordert aktive Aufmerksamkeit. Es greift immer dann, wenn das erste System überfordert ist oder das vorliegende Problem nicht lösen kann. Mithilfe des zweiten Systems werden Entscheidungen getroffen, die auf der Grundlage von komplexen Zusammenhängen, Abwägungen und Erwartungen liegen. Da dieses wesentlich mehr Anstrengung für das Gehirn bedeutet, wird so oft wie nur mög- lich das erste System eingesetzt. Es existieren somit zwei Entscheidungsfindungssysteme: ein impulsives ungesteuertes und ein bedachtes und aktiv kontrolliertes System (Kahne- mann, 2011 S. 22 f.).

Der entscheidende Konflikt liegt in der Selbstverständlichkeit, mit der System 1 angewen- det wird. Das menschliche Gehirn ist auf ressourcensparendes Arbeiten ausgelegt und ver- sucht daher so oft wie möglich das primäre System zur Entscheidungsfindung einzusetzen. Es ist schnell, einfach und unkompliziert und schützt somit den Denkenden vor unnötiger Anstrengung. System 1 hinterfragt jedoch auch nicht den Ausgang der Entscheidung, wie es System 2 tun würde, denn dies würde die arbeitssparende Effizienz beeinträchtigen. Es ist offensichtlich, dass System 1 zu oft genutzt wird, gerade wenn es besser wäre, mit System 2 eine durchdachte Entscheidung zu treffen. Dies geschieht meist auf Kosten der Rationalität (Kahnemann, 2011).

Um Entscheidungen zu beeinflussen und somit Menschen zum aktiven Denken und Nutzen von System 2 anzuregen, verlangt es nach einem Werkzeug. In dieser Arbeit soll es um ein besonderes psychologisches Werkzeug gehen: Nudging. Nudges werden vor allem dann eingesetzt, wenn direkte Verbote oder Einschränkungen verhindert werden sollen. Dies folgt dem Leitbild des libertären Paternalismus, was in Kombination eher einem inhaltlichen Widerspruch anmutet.

Libertär bedeutet, dass der Staat weder Einschränkungen festlegt, noch eine allgemeine Meinung oder Vorgehen vorgibt. Ziel ist es, „dass jedes Individuum das Recht dazu hat, das zu tun, was immer es möchte, solange dadurch nicht die Freiheit anderer Individuen verletzt wird.“ (Pusch, 2011, S. 3).

Paternalismus (lat. für väterlich) wird hierbei als staatliche Mitwirkung verstanden. Für Thaler & Sunstein (2008) geht es weniger um die Bevormundung, sondern eher um Ein- schränkung der Menschen „mit dem Ziel ihre Leben länger, gesünder und besser zu ma- chen“ (Thaler&Sunstein, 2008, S.5 Z. 21 f.).

Ist also von libertärem Paternalismus die Rede, so bezeichnet dies eine Einschränkung der Möglichkeiten, zwischen denen die Teilnehmer jedoch frei entscheiden können.

Nudging (zu Deutsch: schubsen) entspringt aus dem libertären Paternalismus und dient die- sem als Werkzeug. Dieser Schubser umfasst „alle Maßnahmen, mit denen Entscheidungs- architekten das Verhalten von Menschen in vorhersagbarer Weise verändern können, ohne dabei irgendwelche Optionen auszuschließen oder wirtschaftliche Anreize stark zu verän- dern. Ein Nudge muss zugleich leicht und ohne großen Aufwand zu umgehen sein und ist nur ein Anstoß, keine Anordnung“ (Thaler & Sunstein, 2009, S. 15).

Im Kontext dieser Arbeit soll das Nudging noch spezifischer deklariert werden, nämlich als Digital Nudging. „Digital Nudging ist der Einsatz von [user-interface] Design-Elementen, um menschliches Verhalten in digitalen Entscheidungsumgebungen zu leiten“ (Weinmann, Schneider, Brocke, 2015, S. 1, übersetzt). Von Relevanz ist hierbei vor allem das mensch- liche Verhalten, da es um das digitale Umfeld am Arbeitsplatz gehen soll und dort vor allem um das Nutzungsverhalten von Geräten wie Desktop-Computer, Laptops usw.

Es ist klar geworden, wie das menschliche Gehirn Entscheidungen trifft und dass diese be- einflussbar sind. Nudging gilt als Werkzeug, diese beiden Punkte zu verbinden und auf die jeweiligen Systeme einzuwirken. Die Herausforderung ist, automatische Entscheidungen hervorzurufen, um eine spezifische Entscheidung zu erreichen oder den Nutzer zum aktiven Nachdenken anzuregen und somit eine rationalere Entscheidung herbeizuführen.

Im Themenfeld des Nudging sind Cass Sunstein mit seinem Team Daniel Kahneman und Richard Thaler durch eine Vielzahl an Ratgebern und Forschungen aktiv. Sie zeigen, wie wirkungsvoll Nudging angewendet werden kann und auch bereits wird. Grundsätzlich un- terscheidet Sunstein (2011) in seinem Werk „Empirically Informed Regulation“ vier Ver- haltenstendenzen, die bei Nudging berücksichtigt werden müssen. ‚Trägheit und Prokrasti- nation‘ formt die erste Tendenz und beschreibt, dass Menschen dazu neigen, eingeübte Ver- haltensmuster dauerhaft anzuwenden, auch wenn dies nicht den optimalen Output bringt und ein Wechsel mit geringem Aufwand und hohem Nutzen verbunden wäre. Dieser ‚Sta- tus-quo-Effekt‘ wird durch die Prokrastination, also dem Verweilen in der Gegenwart, er- gänzt und besagt, dass Menschen in ihrer Entscheidungsfindung zu kurzfristig denken und nachhaltige Ergebnisse der Zukunft nicht beachten. Diese Kurzsichtigkeit in Verbindung mit der Überforderung durch komplexe Problemstellungen löst eine Verhaltensstarre bei Menschen aus. Diese ist nur durch klare Handlungsempfehlungen in der Gegenwart zu be- wältigen (Sunstein, 2011).

Die zweite Kategorie ist ‚Framing, Präsentation und Verlust-Aversion‘ und beschreibt, dass Informationen je nach Darstellungsweise anders aufgefasst werden. Es wird erläutert, Men- schen seien bspw. eher bereit energiesparende Produkte zu verwenden, wenn ihnen nicht der Nutzen als gespartes Geld (Gewinn-Framing), sondern das nicht Nutzen als verlorenes Geld (Verlust-Framing) dargestellt wird (Marti Hope Gonzales, et. al 1988). Hieran knüpft Sunsteins (2011) Verständnis der Verlust-Aversion, die besagt, dass Menschen den Verlust von etwas wesentlich schwerwiegender einschätzen als einen gleichwertigen Gewinn dieses etwas (Hauptbezug: Geld). Zusätzlich spielt die Darstellungsweise eine wichtige Rolle. Ist eine Information salient, also auffällig sichtbar, so erregt sie eher die Aufmerksamkeit des Betrachters. Ist diese Information zusätzlich einfach verständlich und optisch gut aufgear- beitet, so kann sie eher verhaltensleitend wirken (Sunstein, 2011).

Soziale Einflüsse stellen die dritte Tendenz dar. Hierbei spielt vor allem die Außenwirkung eine entscheidende Rolle. Verhaltensweisen, welche von der breiten Masse adaptiert und angewendet werden, gelten zumeist als soziale Norm und werden daher auch von dem Ein- zelnen befolgt. Dies bezieht sich vor allem auf Lebensstil, Gesundheit, Risikoverhalten und das Verhalten gegenüber anderen. Die Furcht der Reputationsschädigung, falls gegen sozi- ale Verhaltensweisen verstoßen wird, lässt das Individuum oftmals dazu tendieren, be- stimmte Handlungen aktiv durchzuführen oder zu unterlassen. Diese Tendenz verleitet Menschen zu kooperativem Handeln, um Probleme in der Allgemeinheit zu lösen. So kann der Einzelne Fehler machen, ohne die soziale Masse zu verärgern und seine Außenwahr- nehmung zu schädigen (Sunstein, 2011). Die abschließende vierte Kategorie beschäftigtsich mit der Fehleinschätzung von Wahrscheinlichkeiten. Da Menschen selten rational handeln, sind Entscheidungen, welche auf Wahrscheinlichkeiten beruhen, oftmals fehlerhaft. Dies liegt vor allem an der emotionalen Struktur und dem bereits beschriebenen Status-quo- Problem. Unrealistischer Optimismus ist hierbei eins der drastischsten Probleme, bei denen der Entscheider davon ausgeht, dass er selbst weniger wahrscheinlich von einem Ausgang betroffen sein könnte, als der Durchschnittsmensch (bspw. Raucher und Lungenkrebs). Ein weiteres Problem in der Verhaltensheuristik ist die Einschätzung der Risikowahrscheinlichkeit. So schätzt das Individuum eine Sache als eher wahrscheinlich ein, wenn er sich an Situationen erinnern kann, die zu ähnlichen Ausgängen führten. Diese Fehleinschätzung in Verbindung mit der beschriebenen Kurzsichtigkeit führt in vielen Fällen zu irrationalen Handlungen (Sunstein, 2011).

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Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Digital Nudging als Methode zur Reduzierung des Stromverbrauchs in Unternehmen
Hochschule
Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin
Note
2,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
25
Katalognummer
V503584
ISBN (eBook)
9783346047090
ISBN (Buch)
9783346047106
Sprache
Deutsch
Schlagworte
digital, nudging, methode, reduzierung, stromverbrauchs, unternehmen
Arbeit zitieren
Philipp Sbresny (Autor), 2019, Digital Nudging als Methode zur Reduzierung des Stromverbrauchs in Unternehmen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/503584

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