Verstehende Diagnostik als Chance zur rehistorisierenden Diagnostik für und mit chronisch verwirrten Menschen zur Bewahrung der biographischen Integrität


Diplomarbeit, 2002
210 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhalt

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Einleitung

1 Verstehende Diagnostik als Chance zur rehistorisierenden Diagnostik für und mit chronisch verwirrten Menschen zur Bewahrung der biographischen Integrität und der eigenen Persönlichkeitsentwicklung
1.1 Die Syndrom- bzw. Faktoranalyse nach Luria
1.2 Das Aufsteigen vom Abstrakten zum Konkreten: Das Syndrom in der Fülle des Seins
1.3 Das Aufsteigen im Konkreten

2 Grundannahmen eines Menschenverständnisses im systemtheoretisch- postrelativistischen Sinne

3 Das Psychosyndrom „Chronische Verwirrtheit“
3.1 Krankheitsverlauf der chronischen Verwirrtheit in Bedingung zur DAT nach Braak / Braak
3.1.1 Braak / Braak betrachten und bezeichnen die Stadieneinteilung (1991-1996) als den „intellektuellen Status des Menschen“ (korrelative Erkenntnisse bedingt durch den morphologischen Status der Hirnrinde und der klinischen Symptomatik):0 Stadium:
3.1.2 1.+ 2. Stadium (frühes Stadium auch transentorhinale Stadien genannt):
3.1.3 3. Stadium (Initialstadium der DAT auch limbisches Stadium genannt):
3.1.4 4. Stadium (fortschreitender Beginn des Anfangsstadiums der DAT):
3.1.5 5. Stadium (neokortikales Stadium I):
3.1.6 6. Stadium (neokortikales Stadium II-Phase der vollausgeprägten DAT und zugleich der chronischen Verwirrtheit):
3.2 Syndromanalyse der „chronischen Verwirrtheit“ in Anlehnung an die DAT und der 5.-6. Stadiumseinteilung nach Braak / Braak
3.2.1 Erste Haupteinheit der funktionellen Organisation (Einheit der Steuerung von Tonus und Wachheit, allgemeinen Zustand und Emotionskontrolle)
3.2.2 Zweite Haupteinheit der funktionellen Organisation (Verarbeitung und Speicherung der von der Außenwelt eintreffenden Informationen und als Einheit der Programmierung)
3.2.3 Die dritte Haupteinheit der funktionellen Organisation (Programmierung, Steuerung und Kontrolle psychischer Tätigkeit)
3.2.4 Psychisch-emotionale Begleiterscheinungen aufgrund der Fehlregulierung des subjektiven Tätigkeitsprozesses
3.3 Begriffsdefinition der chronischen Verwirrtheit auf Grundlage der DAT aus tätigkeitstheoretischer Perspektive

4 Erklärungswissen: Tätigkeitstheoretische Reflexion des „Funktionellen Systems“, Persönlichkeitsveränderungen und Entwicklungslogik nach den sozialen Möglichkeiten
4.1 Theoretisch syndromanalytisches Beschreibungswissen zur chronischen Verwirrtheit betroffener Menschen
4.1.1 Reflexionstheorie des funktionellen Systems und die emotional - motivational - sinnhafte Regulation als integrative Beschreibungstheorie in der Syndromanalyse und Einkategorisierungshilfe der chronischen Verwirrtheit
4.1.2 Der intrasystemische informell offene und geschlossen verarbeitende Tätigkeitsprozeß des Menschen
4.1.3 Die komprimierte Zusammenfassung der Symptomatik der DAT nach den ermittelten Ergebnissen nach Decker mit der anwendenden Umwandlung zum chronischen Verwirrtheitssyndrom
Störungen der psychischen Tätigkeitsinfrastruktur des Tätigkeitsprozesses eines Betroffenen:
4.2 Erklärungswissen: Persönlichkeitsentwicklung, soziale Isolation und Entwicklungslogik bei einem chronisch verwirrten Menschen
4.2.1 Persönlichkeitsentwicklung
4.2.2 Persönlichkeitsparameter: Vielfältige Beziehungen des Individuums zur Welt
4.2.3 Persönlichkeitsparameter: Hierarchisierungsgrad der Tätigkeit und ihrer Motivstruktur
4.2.4 Persönlichkeitsparameter: Allgemeiner Typ der Persönlichkeitsstruktur

5 Verstehende Diagnostik als Möglichkeit der Rehistorisierung des Menschen und die dynamisch prozeßhaft anzuwendenden Handlungskonzepte in der professionellen Pflegepraxis als therapeutische und alltagsbegleitende Maßnahme
5.1 Professionell pflegerisches Handeln
5.1.1 pädagogische und therapeutische Pflegeziele
5.2 Pädagogisch - therapeutisches Handeln als professionell pflegerisches Handeln
5.3 Pädagogisch - therapeutische Handlungskonzepte für professionell pflegerisches Handeln mit chronisch verwirrten Menschen
5.3.1 Das Handlungskonzept der integrativen Validation (IVA) und die Akzeptanz der Entwicklungslogik
Die drei Phasen des Empathieprozesses- die Phase der Verinnerlichung, der inneren Reaktion und der wiederherstellenden Objektivierung nach Zederad
5.3.2 Das Handlungskonzept zur Förderung der psychischen Selbsterhaltung und eigenen Vertrautheit
5.3.3 Die Anwendung der pädagogisch - therapeutischen SET begegnet dem Betroffenen vor dem Hintergrund von biographischen und entwicklungslogischem Wissen mit der Zielsetzung im gemeinsamen Handlungsprozeß:
5.3.4 Das Handlungskonzept der Beziehungs- und Milieugestaltung

6 Theoretisches und praktisches Anforderungsprofil an Pflegende der Aus- und Weiterbildung im verstehend - diagnostischen Prozeß und der professionellen Handlungskompetenz mit chronisch verwirrten Menschen
6.1 Berufliches Lernen nach der TZI- Methode- Kurze philosophische Vorstellung des gruppenspezifischen und kommunikativen Lernens als Richtschnur für die Methodenauswahl
6.1.1 Die drei Ebenen der Kommunikation nach Cohn
Die Themen / sachliche Es-Ebene (Aufgabenlösungsebene):
Die Ich - Ebene (Selbstverwirklichungsebene)
Die Wir - Ebene (Kooperationsebene)
Der Globe
6.2 Die Methode des Gruppenunterrichts mit Handlungsorientierung nach Meyer
6.3 Methode des szenischen Spiels und erfahrungsbezogenen Reflexion nach Scheller
6.3.1 Das szenische Rollenspiel nach Dubs
1. Integration des Rollenspiels in das Lehrprogramm und Lernziele:
2. Der Entscheid über die Form des Rollenspiels:
3. Verfassen des Szenarios:
4. Die genaue Definition der Rollen:
5. Die Durchführung:
6. Auswertung und Reflexion über den Verlauf und das Ergebnis durch die Spielenden und Beobachtenden

7 Schlussbetrachtung

Verzeichnis der verwendeten Literatur

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Die drei Phasen des Empathieprozesses

Abb. 2: Fähigkeitsverluste eines chronisch verwirrten Menschen mit der Grunderkrankung der DAT

Abb. 3: Hauptprinzipien des SET

Abb. 4: Sozio- und psychotherapeutische Maßnahmen

Abb. 5: Beziehungskonzepte in der Pflege

Abb. 6:Merkmale der TZI- Methode nach Cohn

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einleitung

Diese Diplomarbeit basiert auf zwei Begründungszusammenhängen. Zum einen basiert sie auf der gesellschaftlichen Relevanz bedingt durch die erstaunliche Verschiebung der Bevölkerungspopulation, mit der enormen Zunahme der Bevölkerungsstruktur der über 65- jährigen und der bis 2050 anbahnenden lebenserwartungssteigernden Aussichten um vier Jahre für den älteren Menschen in den Industriestaaten[1]. Diese statistische Konstatierung der „alternden“ Gesellschaft induziert immer älter werdende Menschen und somit läßt sich eine Zunahme von altersbedingten psychiatrischen Krankheiten, vor allen Dingen auch auf altersbiopathologischem Fundament schlußfolgern. Die noch nicht heilende hirnpathologische Erkrankung der Demenz vom Alzheimer Typ (DAT) tritt zumeist im Alter auf, und die epidemiologische Statistik weist eine kumulative Zunahme der dementiell erkrankten Menschen, die bis zu 4-7% der Gesamtpopulation der über 65-Jährige einnimmt, in ihrer Alterspopulation auf.

Die Prävalenzrate über Menschen die unter der Bedingung von DAT leben[2] beträgt bei:

65-69-jährigen zu 2,4- 5,1%,

70-74-jährigen zu 5,3- 9,1%,

75-79-jährigen zu 10- 12,5%,

80-90-jährigen zu 20- 24% und bei über 90-jährigen über 30%, wobei Dr. Horst Bickel vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim indes eine prozentuale Aufteilung der mittelschweren bis schweren Demenzformen vornimmt und einen Verteilungsmodus von 40% unter 80 Jahren, 50% zwischen 80 und 90 Jahren und 10% über 90 Jahren[3] vorschlägt.

Und zum anderen basiert diese Diplomarbeit auf der Problematik, in der alltäglich erlebten Pflegepraxis der Pflegenden mit chronisch verwirrten Menschen mit der Grunderkrankung der DAT verstehend, entwicklungsbezogen, würdevoll und verantwortungsförderlich umzugehen und ihnen respektvoll, unter ihren Bedingungen lebend, zu begegnen. Diese Menschen nicht zu verstehen und in der Alltagspraxis häufig zu überfordern und daß diese Menschen darauf mit affektlogischem Verhalten reagieren und danach noch verwirrter sind als sie es vorher waren, ist bestimmt nicht im berufsethischen Interesse der beruflich Pflegenden, diese nicht verstehenden Alltagssituationen treten jedoch häufig auf. Die Pflegenden haben oftmals ein mangelhaftes explizites Wissen und reflexive Denkstrukturen über innere sowie äußere isolierende Bedingungen des Betroffenen im Austausch mit der Umwelt. Sie können sich die genaue Schwierigkeit im Austausch mit der Umwelt, das Leben in der vergangenen und bewußt gegenwärtig erlebten Realität, die Entwicklungslogik der biographisch lebenden tätigen Persönlichkeit bzw. die höchstsinnvolle und sozialbiographische Kompetenz der Persönlichkeit eines betroffenen Menschen im tätigen Ausdruck, auch wenn es nach unserer Realität „verwirrtes Verhalten ist, nicht vollständig vorstellen, erklären und verstehen. Da aus der biographischen Entwicklung ableitend, die persönliche Sinnrealisierung des Betroffenen im Austausch mit der Umwelt die höchste Kompetenz darstellt, gilt es diese Kompetenz innerhalb der Realität des Betroffenen in der Alltagspraxis zu verstehen und über das Verstehen seine Persönlichkeit im tätigen Ausdruck zu bewahren und zu fördern bzw. Dialogisierung, Kommunikation und Kooperation mit der Außenwelt wieder zu ermöglichen.

Das erste Kapitel dieser Arbeit beschäftigt sich mit der Verstehenden Diagnostik nach Jantzen und beschreibt den diagnostischen Prozeß des Verstehens über eine Diagnosestellung und die Anwendung der diagnostizierten Krankheit auf eine mögliche Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen, um die Entwicklung eines Menschen in seinem psychosozialen Lebenszusammenhang bzw. in seinen sozial isolierenden Bedingungen annähernd zu verstehen, um kontrolliert verstehende Dialogisierung beim Menschen wieder zu erlangen.

Das zweite Kapitel thematisiert das dahinterliegende Menschenbild des sich ständig entwickelnden Menschen im systemischen Austausch S-T-O (Subjekt- Tätigkeit- Objekt) unter seinen jeweiligen Bedingungen. In diesem Kapitel wird speziell auf das postrelativistische Weltbild und die implizierte systemtheoretische und tätigkeitstheoretische Sichtweise des Austausches des Menschen mit seiner Umwelt zur Erklärung eingegangen.

Das dritte Kapitel setzt sich mit dem Psychosyndrom der chronischen Verwirrtheit auf der Grundlage der DAT auseinander und beschreibt die neuropsychologische Symptomatik der chronischen Verwirrtheit

anhand der Lokalisationstheorie nach Luria, wobei zur Beschreibung der Symptomatik die Einkategorisierungshilfe der „funktionellen Organisation der psychischen Haupteinheiten“ nach Luria angewandt wurde (Produktion von Beschreibungs- und Erklärungswissen).

Das vierte Kapitel handelt über die ausführliche Vorstellung einer psychischen Tätigkeitstheorie und der implizierten emotional – motivational - sinnhaften Regulation nach den Ansätzen von Anochin, Decker, Jantzen etc., um die Problematik eines chronisch verwirrten Menschen in seiner alltäglichen Tätigkeit im Austauschverhältnis S-T-O annährend erklären und einschätzen zu können. Innerhalb dieses Kapitels wird zudem die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen und die eines betroffenen Menschen anhand der Persönlichkeitsparameter nach Leontjew thematisiert. Die analytischen Ergebnisse einer möglichen Persönlichkeitsentwicklung eines betroffenen Menschen stellen in dieser Arbeit das Erklärungswissen zum betroffenen Menschen dar, wobei hier schon zu betonen ist, daß eine genaue Persönlichkeitsentwicklung nur mit dem konkret betroffenen Menschen möglich ist. Dieses Wissen verschafft Rekonstruktionswissen einer möglichen Entwicklung.

Das fünfte Kapitel setzt sich darauf aufbauend mit der professionell handelnden Pflege und seinen praxisbezogenen Kompetenzen und den pädagogisch therapeutischen Handlungskonzepten auseinander.

Das sechste und abschließende Kapitel thematisiert diese Fachthematik bezüglich ihrer berufspraktischen Realität aus berufspädagogischer Sicht und stellt zu den theoretischen sowie praktisch zu lernenden Wissen Unterrichtskonzepte und Methoden zur Erlernung von Wissens- und Sozialkompetenz der Auszubildenden vor.

1 Verstehende Diagnostik als Chance zur rehistorisierenden Diagnostik für und mit chronisch verwirrten Menschen zur Bewahrung der biographischen Integrität und der eigenen Persönlichkeitsentwicklung

Dieses diagnostische Verfahren, welches die sozial konstruierte Behinderung[4] und die implizite ideologische Psychopathologie mit der Priorität des Defekts ohne Entwicklungstendenz des Menschen unter humanwissenschaftlicher Perspektive als nicht angemessen bzw. menschenfern beurteilt, wurde von Jantzen Anfang der 90er Jahre bis zum heutigen Tage durch mehrere Publikationen im fachwissenschaftlichen Bereich der Behinderten-, Heil- und Sonderpädagogik skizziert. Sie nimmt die Abweichung des meist verstandenen, „normalen Naturwesens Mensch“ nicht zum Maßstab des Erkennens des Menschen, sondern beschäftigt sich bei der sozial auffälligen Abweichung mit der Entwicklung unter den isolierenden Bedingungen des Menschen, um ihn verstehen zu lernen. D.h. die personen- und verhaltensbezogene Beobachtung[5] wird als nicht ausreichend angesehen, sondern sie (die verstehende Diagnostik) beschäftigt sich mit dem Menschen und seinem Leben unter inneren und äußeren Lebensbedingungen und seiner Entwicklung. Ferner wird danach gefragt, inwiefern unter isolierten Lebensbedingungen bedingt durch eine psychopathologische Problematik (die nicht immer ein biopathologischer Prozeß sein muß), es die Persönlichkeit verändert oder durch welche Kompensations- und Integrationsmöglichkeiten ein Mensch verfügt, um starke persönliche Veränderungen aufzuhalten und soziale Entwicklungsmöglichkeiten aufrecht zu halten. Damit kommt der Diagnostik ein anderer, größerer Stellenwert zu, als `nur` der des Erkennens der neuropsychologischen Symptommanifestation eines Menschen, welches als normativ deterministisch mit der Absprechung von menschlicher Entwicklungsmöglichkeit und der Entsprechung von einer statischen Größe von Psychopathie[6] gilt. Überwunden wird also die naturwissenschaftliche Normalität mit den objektiven Zeichen und deren Konstruktion über pathologisch und gesund zu entscheiden und tendiert in die Richtung der verstehenden, qualitativen und biographieorientierten Diagnostik mit der Negation des äußeren Beobachters[7]. D.b. die sozial konstruierte Wahrheit, die sich auf das Naturwesen Mensch in seinem Normverhalten und seiner sozialen Unauffälligkeit bezieht und somit die medizinische Diagnose als Verdopplung der pathologischen Realität benutzt, um Abweichungen vom „Normalen“ zu konstatieren, soll nicht als ableitender therapeutischer Handlungsentwurf verstanden werden, sondern bei der verstehenden Diagnostik höchstens als ein Teilaspekt in der Datensammlung zur Syndromanalyse betrachtet werden. Überwunden wird hier die klassische Bedeutung der Diagnose im Sinne „die Diagnose abstrahiert von der Geschichte und verdoppelt den wirklichen, lebendigen Menschen in einen pathologischen Körper als einzige Bezugsgröße“[8]. Der Mensch erhält beim verstehenden Vorgehen zur Rekonstruktion und Rehistorisierung seiner Lebensgeschichte Individualität, Entwicklung und Persönlichkeit zurück und trotzt der gesellschaftlichen Institution der sozialkonstruierten „Andersartigkeit“ mit deren bevölkerungspolitischen Maßnahmen und regt die politisch Verantwortlichen, Ethiker etc. zum paradigmatischen Umdenken zur Integration am gesellschaftlichen Leben an. Jantzen orientiert sich an der wissenschaftstheoretischen Verortung und bezeichnet es als das Paradigma des veränderten Ideals der Naturordnung[9]. Dahingehend kann man auch die veränderte Bedeutung der Diagnosenstellung folgendermaßen verstehen, die in seiner interpretativen Kraft den Menschen in seiner Entwicklung (-spsychopathologie) resp. biographischen Lebensweg, sozialen Lebenszusammenhang und Lebensperspektive in den Mittelpunkt rückt: „Und schließlich dürfe niemand erwarten, durch Diagnosen Handlungsanweisungen erlangen zu können, da Diagnosen sich grundsätzlich auf Seinszustände, nicht aber auf Sollenszustände beziehen“[10]. Von daher ist eine naturwissenschaftliche Normorientierung durch pädagogische, psychologische und medizinische Testverfahren zu erklären und ist ein Teilaspekt „auf den Weg“ zur ständig zu reflektierend- entwicklungsbezogenen Diagnosenbestimmung eines Menschen mit einer psychopathologischen Lebensbeeinträchtigung und Lebensplankonsequenzen und nicht schon als Ziel anzusehen. Letzteres wäre lediglich die personenbezogene Beobachterposition (hirnorganischer Defekt und das resultierende abweichende Verhalten). Statt dessen wird eine diagnostische Haltung eingenommen, die zum Ziel hat, eine rehistorisierende Diagnostik durchzuführen, damit für und mit dem Betroffenen Dialogisierung, Kommunikation, Kooperation, Interaktion und Entwicklung weiterhin oder wieder stattfinden kann. Es gilt beim behinderten oder chronisch verwirrten Menschen im Rahmen der Autonomie, ihm immer sinn- und systemhaftes Handeln in der ihn behindernden Sozietät bzw. sozialen Zusammenhängen anzuerkennen, welches damit auch erklärbar sowie verstehbar wird und einer subjektiven Logik des eigenen Systems folgt.

Es geht also um „(...)eine Anerkennung des anderen als entwicklungsfähigem Subjekt im Sinne des Verstehens seiner Entwicklungslogik“[11] und die Abwehr von mechanistisch- deterministischen Sichtweisen mit dem Dogma der Entwicklungs-, Kommunikations- und Lernunfähigkeit. Ferner gilt es, das auffällige Verhalten des Betroffenen annähernd zu `dechiffrieren` und in seiner Entwicklung zu rekonstruieren (dynamische Wirkungsgröße des Syndroms oder anders ausgedrückt, die subjektive Integration einer veränderten Ausgangsbedingung im selbstgelebten und weiter zu lebenden Lebensprozeß) und diesbezüglich zu verstehen, bis hin zum rehistorisierenden Akt des Betroffenen. Diese Rekonstruktion innerhalb der verstehenden Diagnostik kann über das Einwirken der bedingten sozialen Isolation und seiner „ableitenden“ Entwicklungslogik beim betroffenen Menschen verstanden werden. Das Verstehen und die ermöglichende Rehistorisierung wird über das „kontrollierte Anwenden von Menschlichkeit“, Würde, Anerkennung und emotionaler Berührung / Betroffenheit am und mit dem Betroffenen als „meinesgleichen“ erlangt. Durch dieses Vorgehen kann man den Menschen in seiner entwicklungsbezogenen Subjektlogik, seinen gegangenen und noch zu gehenden Leidens- und Lebensweg und sein Verhalten gegenüber der sozialen Welt verstehen lernen.

Decker fügt dem hinzu: „Jantzen entwickelt diesen diagnostischen Prozeß in Anlehnung an die Syndromanalyse von Luria als „Verstehende Diagnostik“ mit dem Ziel der Rehistorisierung des betroffenen Subjekts. Das heißt, zusammen mit dem betroffenen Menschen die Genese seines Krankheitsprozesses ( resp. seinen evtl. veränderten biographischen Lebensprozeß in der Entwicklungsmöglichkeit, O.F.) zu rekonstruieren, ihm seine Geschichte wiederzugeben (ihn zu re-historisieren) und damit aufzuhören, ihn allein als Resultat seiner Krankheit zu begreifen“.[12] Das diagnostische Verstehen geht über die empirische Wirklichkeit und die Verfechtung der medizinischen Diagnose als „Weisheits letzter Schluß“ hinaus, wobei die Faktizität der medizinischen Erkenntnisse nicht negiert werden dürfen, aber auch nicht als deterministische Prophezeiung zu gelten haben und menschliche Entwicklungszukunft bzw. Leben eines Menschen zu steuern. Sie ist eher, wie bereits oben schon erwähnt, als Faktenwissen oder Einflußgröße zu verstehen, die in ihrer jeweiligen Problematik nach Integration des betroffenen Menschen verlangt, um weiterhin unter der Diagnose leben zu können und zu dürfen, geschweige sich zu entwickeln. Daß das Leben sich nach solch einer Einflußgröße mit psychosozialen Konsequenzen resp. durch die emotional erlebte und kognitiv verarbeitende soziale Isolation verändert, ist völlig individuell, zeit- und persönlichkeitsabhängig. Es ist wichtig ist zu begreifen, daß die verstehende Diagnostik sich auf ein entwicklungsbezogenes, selbstorganisiertes, ständig lernendes und Veränderung integrierendes Menschenbild bezieht (wie es in ausführlicher Art im nächsten Kapitel thematisiert wird), welches durch sein Bestreben nach Herstellung von Autonomie, Bewältigung von Störungen und seinen immanenten Bezug zum Systemgedächtnis, immer zum Ziel hat, die höchstmögliche Sinnrealisierung im System S-T-O zu verwirklichen (Selbstreferentialität des eigenen Systems) und mit diesen Voraussetzungen der gesamte Lebensweg eines Menschen zu verstehen ist. Eine Diagnose ist somit nicht das Endresultat eines Menschen und seines Lebens, sondern vielmehr eine Lebensbedingung unter der Lebensbedingung der sozialen Welt, und es geht darum, diese Wirkung im individuellen Lebenskontext zu entschlüsseln und Veränderungen zu verstehen, um im gemeinsamen pädagogischen und therapeutischen Prozeß eine heilvolle und vertraute Beziehung aufbauen zu können und den Lebensplan des anderen betreuend zu unterstützen und mit ihm lebensperspektivisch (gekoppelt an den subjektiven biographischen Gehalt des anderen) zu arbeiten[13]. Dabei sollte aber immer beachtet werden, daß dieser eingeschlagene Lebensweg als subjektlogisch angesehen werden muß und als die höchstsinnvolle Realisierung seiner Entwicklung unter den lebenden Bedingungen. D.b. der Mensch reguliert und organisiert sich mit dem funktionellen System der Umwelt selbst und integriert seine isolierten Bedingungen, lebt weiter und entwickelt sich. Jantzen sagt dazu: „Immer aber ist das Verhalten, das psychisch kranke und behinderte Menschen zeigen (...) nicht ein Ergebnis einer andersartigen Subjektlogik, die einem intern determinierenden Ereignis (z.B. Hirnschaden) geschuldet ist, sondern ein Resultat der durch innere und / oder äußere Ereignisse dramatisch veränderten Möglichkeiten, Autonomie aufrechtzuerhalten“[14] und nur interpretiert werden darf als hochkompetentes und komplexes Verhalten im System S-T-O, welches im diagnostischen Prozeß auch so verstanden werden muß.

Insbesondere die offene und strukturelle Gewalt ist von besonderer Relevanz. Die Reaktion in Dialog und Kommunikation, der sich der Betroffene aussetzt und dadurch dazulernt, wer er / sie ist und darstellt und die Tatsache, daß der Mensch am Du zum Ich wird und dieser Gattungsspiegel sehr verletzend sein kann, wird die subjektive Entwicklung nicht mindern, wohl aber persönlichkeitsverändernd wirken. Jantzen sagt zur sozialen Realität von geistig- behinderten Menschen: „Geistige Behinderung (worunter auch der chronisch verwirrte Mensch sozialisolierend zu verstehen ist[15], O.F.) bedeutet generell im jeweiligen Feld der Macht an den Pol der Ohnmacht geschoben zu sein (und sich dadurch einer erhöhten Verwundbarkeit auszusetzen, O.F.), während die Professionellen, selbst die einfachsten Mitarbeiter ohne fachliche Ausbildung im Vergleich hierzu sehr weit am Pol der Macht rangieren“[16]. Ziel ist es im pädagogisch therapeutischen Handeln, diese Macht an den Betroffenen abzugeben, was im 5. Kapitel durch die pflegerischen Handlungskonzepte ausgiebig thematisiert wird.

Diese diagnostische Methodologie wird für diese Arbeit als sogenannter „roter Faden“ zur Erläuterung des „Psychosyndroms chronische Verwirrtheit auf Grundlage der DAT“ bei betroffenen Menschen bzw. zur ideologischen und dialektischen Dechriffierung der psychopathologischen Symptomatik[17] verwendet, um ein adäquates Erklärungswissen zur Rekonstruktion der jeweils möglichen menschlichen Entwicklung unter diesen isolierenden Bedingungen bis zur Aktualgenese des Menschen, zu produzieren, um damit eine Zugänglichkeit und Verstehensbasis zum betroffenen Menschen zu erlangen (Rehistorisierungsoption).

Decker fügt hinzu: „Für das systematische Erklärungswissen ist die Anerkennung des Menschen im Sinne seiner Autonomie, seiner Tiefenstruktur, seiner Entwicklungslogik Voraussetzung, so daß der betroffene Mensch als Subjekt gedacht wird und der Objektstatus der sogenannten Patientin bzw. des sogenannten Patienten aufgehoben wird“[18]. Nach der Produktion des anwendbaren Erklärungswissens und des einschätzbaren Entwicklungsverlaufes (Rekonstruktion der Entwicklung ab der Wirkung des Syndroms und seiner impliziten sozialen Isolation bis zum heutigen Tag der zwischenmenschlichen Begegnung), gilt es innerhalb der verstehenden Diagnostik eine kontrollierte Verstehensbasis zum betroffenen Menschen zu erreichen respektive aufzubauen. Verstehen heißt, sich seine eigene menschliche Entwicklung (die des pflegerischen Diagnostikers) mit geistiger und emotionaler inhaltlichen Verarbeitung im Austausch mit der Umwelt im Systemgedanke S-T-O unter den isolierenden Bedingungen vorzustellen, nachzuempfinden und zur subjektiven Erkenntnis zu kommen, daß man es nicht hätte besser leben oder vielmehr erträglicher durchleben können.

Die Anwendung der Methodologie der empathischen Nähe (in der Nähe Distanz halten), reflektierten Distanz (in der Distanz Nähe halten) und der Ausschließung eines Machtgefälles mit der Ereignung einer eigenen Betroffenheit und der ästhetischen Berührung des Selbst- und Nachempfindens ermöglicht dem Diagnostiker das Verstehen des anderen als „meinesgleichen“, ohne den Betroffenen in seiner Konkretheit zu verlieren. Nur durch das kontrollierte emotionale und kognitive Verstehen dieser Menschen unter deren Lebensbedingungen und deren Entwicklungen ist Rehistorisierung möglich, welches als Mittelpunkt des gesamten Diagnostizierens gilt und somit nicht nur Diagnostik darstellt, sondern auch eine Therapie als biographische Orientierung (ein Bewußtmachen der eigenen Geschichte) und Schaffung einer Lebensperspektive, basierend auf das eigene biographische Bewußtsein. Therapie also auch in dem Sinne zu verstehen, daß man durch das Verstehen des anderen, die unmittelbaren Lebensbedingungen des chronisch verwirrten Menschen verändern kann (Herstellen des Bezuges zu sich selbst), damit Lernen, Entwicklung, Vertrauen, Selbstbewußtsein und Selbstwertgefühl und -achtung stattfinden kann, denn die psycho-soziale Ebene ist die entscheidende und muß bei sozialer Isolation als Konsequenz durch die biologische Beeinträchtigung gestaltet und gefördert werden[19]. Der Ausdruck des eigenen persönlichen Sinns ist der Ausdruck der eigenen Persönlichkeit und enthält auch das Gefühl der Verantwortung, denn Eigenverantwortung ist die Verantwortung die Leben heißt.

1.1 Die Syndrom- bzw. Faktoranalyse nach Luria

Dieser erste und sehr abstrakte Prozeß des diagnostischen Verstehens, welcher sich auf die Syndromanalyse von Luria stützt, beginnt mit dem ersten Schritt des Aufsteigens im Abstrakten.

Als erster Schritt wird eine Syndrom- bzw. Faktorenanalyse durchgeführt, welche eine ausgehende und verständige Abstraktion bezogen auf seine soziale Entwicklungsmöglichkeiten und der integrierten Entwicklungslogik eines Menschen darstellt. „Der Grundgedanke ist es, hinter zahlreichen Symptomen ein Syndrom zu identifizieren, das, bezogen auf die Situation des Patienten, als verständige Abstraktion betrachtet werden kann“.[20] Das Syndrom in dieser Arbeit stellt die „chronische Verwirrtheit“ dar, welche nach dem Verlauf einer fortgeschrittenen Demenz jeglicher Art, in diesem Falle der Demenz vom Alzheimer Typ (DAT), die die neurobiologisch pathologische Grunderkrankung bietet mit dessen Verlaufslogik (siehe Braak / Braak neurobiologische Verlaufslogik der Neuropathien mit neuropsychologischer Symptombildung[21], das im Kapitel 3 und 4.1 analysiert wird und als ausgehende Abstraktion und Argumentationsbasis zu gelten hat). Das Psychosyndrom wird zuvor im Kapitel 3 anhand der funktionellen Organisation der drei Haupteinheiten der psychischen Prozesse innerhalb der Lokalisationstheorie nach Luria einkategorisiert und zusammenhängend auf der Psychoebene erklärt, um danach eine „vollendete“ und qualitativ hochwertige Korrelation der Symptome mittels einer theoretischen Einbindung in eine Tätigkeitstheorie zu erreichen. Die theoretisch tätigkeitspsychologische Begründung basiert auf theoretischen Vorstellungen von Anochin, Simonov, Leontjew, Jantzen etc. und erklärt die einzelnen psychisch- dynamischen Systemstrukturen in ihrem wechselseitigen Aufbau sowie ihrer psychisch-physischen Funktionalität und ihrem Zusammenhang[22]. Damit wird eine wissenschaftlich angemessene Abstraktionsebene eingehalten, die nicht nur eine Reflexionstheorie zur Produktion und Begründung des Erklärungswissens bieten muß, um Verstehen zu ermöglichen, sondern auch eine praktische, empirische und theoretische Wahrheit als Realität widerspiegeln muß[23]. Die ausgiebige empirische und grundlagentheoretische Erforschung der psychischen Systeme in ihrer einzelnen psychischen Struktur und Funktionalität und im korrelativen Zusammenhang (Leontjew, Anochin, Pribram, Galperin etc.) garantieren für eine „uneingeschränkte“ Objektivität, Reliabilität und Validität der begrifflich bestimmten psychischen Systeme und für einen sinnhaften und systemhaften Aufbau der psychischen Prozesse in einer geordneten strukturpsychischen Ganzheit, welche von dem Funktionsaspekt her, jeder Mensch besitzt und nach einer Funktionalitätslogik, insbesondere während der menschlichen Tätigkeit, genauso wie jeder andere Mensch gleich benutzt[24]. Diese Anwendung des Syndroms, welche durch eine theoretische Bezugstheorie (z.B. das funktionelle System nach Anochin) erschlossen und hypothetisiert wird, erhält enorme Relevanz für den prognostizierenden weiteren Lebensweg eines Menschen und seiner gewesenen und seienden Historie als entwicklungslogischen Verlauf seiner persönlichen Entwicklung.

Die Erschließung bzw. Syndrombildbeschreibung basiert auf der psychobiologischen Korrelation der veränderten Hirngebiete[25] mit deren psychisch-physischen Funktionalität und deren Aufgabe im Gesamtzusammenhang der menschlichen Tätigkeit. Es wird sozusagen der Schritt unternommen, von der hirnbiologischen Schädigung auf die neuropsychologische Ebene über die tätigkeitspsychologische Ebene die psychischen Prozesse ausfindig zu machen, die im tätigen Austauschprozeß mit der Umwelt gestört bzw. minder intakt sind.

Dabei ist, vorgreifend auf das tätigkeitstheoretische Kapitel 4.1 nach Luria, zitiert nach Jantzen, festzustellen: „Er (Luria) bestimmt das Wesen der höheren psychischen Funktionen als komplizierte reflektorische Prozesse (...) die hinsichtlich ihres Ursprungs sozial, hinsichtlich ihrer Struktur mittelbar (also sich als Mittel der Sprache bedienen, W.J.) und hinsichtlich ihrer Funktionsweise willkürlich sind“ (der Mensch wirkt über die sozialen Mittel willkürlich auf sich selbst ein). Dabei steht das Soziale mit dem Biologischen nicht einfach in Wechselbeziehung, es bildet vielmehr neue funktionelle Systeme und benutzt dabei die biologischen Mechanismen, bezieht sie in neue Arbeitsweisen ein“[26]. D.h. diese höheren psychischen Funktionen, in ihrem sozialstrukturellen und (un-)bewußten Funktionsgehalt, werden im Rahmen der Tätigkeitstheorie beschrieben und anhand der neurobiologischen Veränderungen in ihrem „Funktionalitätsdefizit“ festgestellt und die Konsequenz für die weitere menschliche Tätigkeit prognostiziert.

Die Erstellung eines Syndroms (auch als Kern der Retardation zu verstehen, von dem biopathologischen Defekt zu den primären Folgen bis zur analytisch- syndromalen Bündelung)[27] wird als Schlüssel gesehen, der bei seiner subjektiven Erscheinung auf den Menschen als lebensintegrierende Beeinträchtigung seiner eigenen menschlichen Tätigkeit betrachtet werden kann und bei immenser Einwirkung die Beziehung zu den Menschen, zur Welt und somit zu seinem Entwicklungsraum, der subjektiv ausgerichteten Sinn- und Bedeutungswelt sowie der Lebensmotive / Tätigkeitshierarchisierung verändert. Das Syndrom schafft Beschreibungswissen und erzielt durch die Anwendung auf die vergänglichen und hiesigen Lebensprozesse beim betroffenen Menschen Erklärungswissen, welches als Schlüssel zur Erklärung der Lebensbedingungen des Menschen und seiner fortlaufenden Entwicklung an Gültigkeit erfährt (Rekonstruktion der Lebensgeschichte des Betroffenen) und den Verstehensprozeß auf beiden Seiten der Beteiligten bis zur Rehistorisierung des Betroffenen enorm stützt. Das Besondere bei den chronisch verwirrten Menschen ist, daß sämtliche psychischen Systeme bis zur menschlich sozialen Persönlichkeitsebene ausgebildet sind[28], daß die Betroffenen ihr Leben in Leid, Glück, Arbeit und im sozialen Verkehr gelebt haben, über eine umfangreiche Biographie bzw. soziale Bedeutungsgehalte verfügen und bei Eintritt der syndromalen Manifestation durch das „Land des langsamen aber stetigen zeitlichen, örtlichen und personellen Vergessens und der dementsprechenden Orientierungslosigkeit mit der Konsequenz des äußeren Realitätsverlustes“ gehen müssen. D.b. die Betroffenen verlieren an psychischer Funktionalität in Form der strukturellen Hirngebietsverbindungen der biographischen Gedächtnisrepräsentanz, -speicherung, -anwendung, „Sinnverlust“ im aktuell psychisch- physischen Sinne während seiner Tätigkeit im Kontakt mit der Umwelt etc. Sie haben also massivste Probleme, die soziale Realität aufrecht zu halten, tauchen in die biographisch vergängliche Bedeutungswelt ein und suchen nach Sicherheit, Vertrautheit und psychischem Wohlbefinden. Dies kann als subjektlogischer Schritt bezeichnet werden und eine enorme Kompetenzentwicklung in sich tragen, weil der Betroffene erkennt, daß Selbstbezug als gesicherte Existenz erlebt wird und aktuelle Inhalte aus der Außenwelt zu fremd sind oder beim Austausch aus der biographischen Vergangenheit („Gedächtnisrudimente“ aus dem Langzeitgedächtnis) sinnlich wahrgenommen, gedacht und gehandelt wird, was von Außenstehenden (äußeren Beobachter) oft als Desorientierung in der sozialen Realität verstanden wird. Dieses syndromale Einwirken kann als innere Lebensbedingung und soziale Entwicklungsmöglichkeit verstanden werden, basierend auf der autonomen Selbstorganisation im System S-T-O und zwingt den Menschen, bei ungenügender Kompensation seinen Lebensplan zu verändern und innerhalb diesem seine sinnliche und bildende Persönlichkeit neu zu bilden und zu stabilisieren.

Diese veränderten inneren und äußeren Lebensbedingungen und wahrscheinlich werdenden Persönlichkeitsveränderungen werden in dem folgenden Kapiteln 4.2 dieser Arbeit anhand der Persönlichkeitsparameter nach Leontjew erörtert (Produktion des Erklärungswissens). Spannend in diesem Kontext wäre noch gewesen, um das Erklärungswissen über die chronische Verwirrtheit zu verdichten, eine tiefgründige Erörterung über die allgemeinen Entwicklungstendenzen eines betroffenen Menschen nach der allgemeinen Entwicklungstheorie nach Jantzen mit der Einkategorisierung des Abbild- und Tätigkeitsniveaus, was aber im Rahmen dieser Arbeit zu weit gegangen wäre bzw. ein von mir geschriebenes Kapitel dazu, in Anbetracht der Länge dieser Arbeit entfernt wurde.

1.2 Das Aufsteigen vom Abstrakten zum Konkreten: Das Syndrom in der Fülle des Seins

Der zweite Schritt nach Luria wird als „das Aufsteigen vom Abstrakten zum Konkreten: Das Syndrom in der Fülle des Seins“ durchgeführt. Darunter ist zu verstehen, daß der Mensch all das ist, was er im Alltagsleben (in seinen Lebensaktivitäten) und im erfahrenen Leben sein kann (auf Rückbezug seines Systemgedächtnisses). Vor allen Dingen in der aktuell begegnenden Situation des gemeinsamen Handelns unter der Bedingung der erfahrenen isolierten Bedingung. Dazu stellt Jantzen fest: „Die Fülle des Seins im konkreten Alltag wird damit jeweils der Ort, innerhalb dessen Subjektlogik zu begreifen und zu rekonstruieren ist“[29]. Ableitend können darunter die gesamten alltäglichen Tätigkeiten und deren Leitmotive des Lebens bzw. die tätige Persönlichkeit des Menschen verstanden werden. Die Persönlichkeit reproduziert sich ständig durch die Tätigkeit des Menschen innerhalb seiner umweltlichen Verhältnisse und vollzieht sich durch die Selbstreferentialität seiner Subjektlogik. Bei Veränderungen in der inneren (im Subjekt) und äußeren Bedingung (Umwelt) verändert sich ebenfalls „die Fülle des Seins“ und somit auch die sinn- und bedeutungsbildende Persönlichkeit. Ziel sollte sein, diese Veränderungen zu bestimmen, die Zeitverläufe der Einwirkung einschätzen zu können und überdies im rekonstruierenden Prozeß die biographischen Inhalte und deren dynamischen Veränderungen kennen zu lernen und zu verstehen, damit Rehistorisierung möglich ist.

Der Kernpunkt dieser verstehenden Diagnostik ist, daß der Diagnostiker beim Diagnostizierenden durch die Syndromeinwirkung, die Integrations- und Kompensationsmöglichkeit des Betroffenen, des syndromalen Einwirkens in seinen Lebensplan und die soziale Entwicklungsmöglichkeit bzw. die Lebensprozesse annähernd rekonstruieren kann, um die Entwicklungsmöglichkeiten, Persönlichkeitsveränderungen, Lebensumbrüche / -einschnitte mit Lebensperspektivenwechsel etc. des Betroffenen für die beide Beteiligten transparenter zu gestalten. Dabei kann man das Rekonstruieren als konkreten dynamischen, lebendigen und zeitstrukturiert immanenten Prozeß verstehen, als einen Prozeß der Retrospektive eines gelebten und noch zu lebenden Lebens- und Persönlichkeitsprozesses mit verschiedenen (ein-) wirkenden Größen und historischen Bedingungen. Dadurch kann, so Jantzen,

„1. einen nahezu völlig auf Natur reduzierten Prozeß menschlicher Entwicklung dialektisch zu entschlüsseln,
2. verdinglichende Diagnosen des psychiatrischen Modells zu überwinden und
3. geistige Behinderung als Resultat erfahrener Gewalt zu begreifen“[30], angegangen werden.

Zudem kann die Fülle des Seins in seiner individuellen Entwicklung, explizit in seiner Veränderung durch soziale Isolation, bedingt durch innerliche isolierende Bedingungen etc., als Fülle der konkret alltäglichen Tätigkeiten verstanden werden, die sich durch anpassende und lernende Entwicklung ständig ändern und weiterentwickeln und nicht nicht vorhanden sein können, ansonsten wäre das (lebendige) `System Mensch` nicht lebendig. Darunter können wir auch Politzers dramatischen Ansatz der Persönlichkeitspsychologie verstehen: „Lebensprozesse sind als Drama zu begreifen, das unter immer neuen historischen Bedingungen inszeniert wird“[31]. Durch dieses Aufzeigen lernt man den Betroffenen viel besser kennen und erhält durch das biographische und lebensgeschichtliche Angleichen eine Option der Rehistorisierung, welches als „helfendes Medium“ für die gemeinsame pädagogische und therapeutische Arbeit eingesetzt werden kann und insbesondere zur Identifikationsmöglichkeit des Betroffenen dient, denn nur das Bewußtmachen schafft Leben (Lenin) und das wirkliche Leben liegt hinter dem Bewußtsein (Wygotski).

Zur weiteren abstrakten Vorstellung in dieser Arbeit nennt Wygotski primäre, sekundäre und tertiäre Folgen infolge von pathologischen Bedingungen, die ebenfalls die Fülle des Seins bedingen. Er nennt die Verknüpfung von pathologischem Defekt und primärer Folge (als basale psychobiologische Kompensationsmuster zu verstehen) als untrennbar und spricht von einem „Kern der Retardation“. „Der Kern der Retardation, also das dynamische Verhältnis von Pathologie und primären Folgen wirkt immer in einer sozialen Situation. Da in dieser das Verhältnis zu den Menschen und zur Welt anders ist, ist sie eine Situation geistiger Behinderung[32]. Dementsprechend kann es zu Transaktionen kommen, die das Verhältnis geistiger Behinderung nicht oder nur unwesentlich verändern“. Ziel sollte sein, die geistige Behinderung, wie beispielsweise die eines chronisch verwirrten Menschen, zu vermindern, indem dieser mit vertrauten, bekannten und selbstbestätigenden Menschen, Gegenständen, Situationen etc. in Kontakt tritt. Wird dieser Schritt des pädagogischen und therapeutischen Handelns nicht beschritten, treten sekundäre Folgeerscheinungen auf, die sich darin äußern, daß kaum noch biographische Sinnrealisierung und Systemintegrität im sozialen Bezug aufrechterhalten werden können. Ein Grund hierfür kann sein, daß die Semantik von Gesprächsinhalten, Räumlichkeiten, Gegenständen, personellen Bezügen und deren Funktionalität nicht erschlossen werden kann. Eine Folge dessen könnte Desorientierung und ggf. bei zu vielen Reizen eine multiple Reizüberflutung sein. Diese sekundären Folgen sind jene, die der chronisch verwirrte Mensch im Austausch mit der Umwelt erlebt, kognitiv verarbeiten muß und dabei höchstmöglichen Sinn realisiert, wenn es sich um eine zeitliche, örtliche und personelle Desorientierung handelt. „Er bringt im je gegebenen sozialen Kontext eine dramatische veränderte soziale Entwicklungssituation hervor, innerhalb derer es zu spezifischen psychischen Neubildungen kommt“[33]. Die tertiären Folgen sind insofern weitreichender, als die Neubildung innerhalb der Persönlichkeit mit seinen Sinn- und Bedeutungszusammenhänge und persönlichen Motivationen, Bedürfnissen, Gefühlserleben etc. neu bestimmt und diese durch Tätigkeit im Austausch mit der Umwelt sichtbar wird. Diese können im Austausch mit der Umwelt biographisch verwandte Bewegungsstereotypen des Betroffenen aus seinem vergangenen und sich gegenwärtig bewußtmachenden Leben sein, beispielsweise aus dem Berufs-, Familien-, Freizeits-, Kriegserleben etc. Diese Sinnveränderung, die unter einem enormen Ausschluß gegenüber der sozialen Welt bzw. unter einer sozialen Isolationsbedingung stattfindet und einen Selbstbezug und Sinnrealisierung in sich selbst sucht und findet, gehört zu den tertiären Folgen, die Wygotski folgendermaßen beschreibt: „(...) daß tertiäre Folgen (...) jeweils Konstruktionen sind, die einer veränderten sozialen Entwicklungssituation durch Aufrechterhaltung des Selbst Rechnung tragen. Sie sind insofern systemhaft und sinnvoll“[34]. Das als meistens pathologisch verstandene Verhalten von chronisch verwirrten Menschen wie jegliche ausgebildete Stereotypen, Aggressionen und Zwangsweinen muß als Kompetenz betrachtet werden, wobei es als subjektlogische Bedingung und Entwicklung zu werten ist, wenn die syndromale Einbeziehung die soziale Entwicklungsmöglichkeit so stark verändert, daß der Mensch sich durch isolierte Bedingungen in sich selbst zurückzieht, nur in sich selbst Sinn finden kann und die Umwelt als funktionelle Umwelt ausklammert. „Eine derartige Kompetenz entsteht, insofern (der chronisch verwirrte Mensch, O.F.) in einer Situation mißlingender Bindung und sozialer Isolation individuell das Problem löst, sein eigenes Verhalten mit ihm zur Verfügung stehenden Kompetenzen wieder zu sichern“[35].

Es ist also von bedeutender Relevanz, das konkrete Leben und Lebensbestimmungen in seiner Inhaltlichkeit, Emotionalität und Möglichkeit eines Menschen in seiner Entwicklungslogik zu enträtseln, indem man die Position des inneren Beobachters einnimmt. Jantzen meint in diesem Prozeß die Konkretheit der Wahrheit bzw. den real gelebten und lebenden Lebensprozeß eines Menschen, in seiner objektiven (wahren) und emotionalen (schönen) Dimension nachzuspüren. D.h. der Diagnostiker sollte, um den Lebensweg eines Menschen unter seinen Bedingungen verstehen zu können, nicht nur „(...)in der Stimmigkeit des Syndroms als Schlüssel für die soziale Entwicklungssituation (...) also in der Wahrheit der Idee (...), sondern zugleich auch in der ästhetischen Berührung durch die Identifizierung des anderen als „meinesgleichen und damit in der Berührung durch das Humane als Schönes“, verstehen lernen. Der Diagnostiker sollte im sozial auffälligen „Symptomreigen“ eines chronisch verwirrten Menschen die Bemühung, den Ehrgeiz, die Fähigkeit und die Bewahrungsoption von subjektiver Autonomie unter der Bedingung der sozialen Isolation wertschätzen, also die Verteidigung des eigenen Selbst und des individuellen Sein- Könnens, anders ausgedrückt, die subjektive Logik und Integrität von Sinn- und Systemkongruenz.

Jantzen bestätigt den durch den sozialen Verkehr erscheinenden Symptome eines Betroffenen als komplexes Verhalten innerhalb der subjektiven Entwicklungslogik der gegebenen inneren und äußeren Bedingungen, wobei der Betroffene im sozialen Verkehr auf Kooperation angewiesen ist, damit Kommunikation, Dialog etc. wieder stattfinden können und soziale Isolation sich nicht intorisiert[36]. „Die Entwicklung von Symptomen ist in dieser Perspektive die Realisierung von Autonomie unter Bedingungen der Isolation. Der Aufbau der sinn- und systemhaften Strukturen des Psychischen und des Bewußtseins verläuft unter Nutzung anderer Entwicklungspfade. Die Resultate dieses Prozesses sind zwar dem subjektiven Leben und der Erhaltung der Autonomie angemessen, werden aber sozial meist als Prozeß der Anormalität gedeutet“[37]. Bei dieser Rekonstruktion des Lebensweges und der Persönlichkeitsentwicklung eines Betroffenen, wobei das Syndrom als wegweisend beeinflussendes Moment und die menschliche Selbstorganisation auf allen Ebenen nach deren Bedingtheit den Verlauf regelrecht bestimmt, ist anzunehmen, daß der Betroffene bis zur Syndrombildung nicht nur die gleichen Lebensvoraussetzungen, soziale Bedingtheit der Kooperation etc. hatte, sondern sowie Basaglia sagte: „So wie ich!“[38] gewesen ist, was eine humanitäre und emotional- sinnliche Selbstbetroffenheit herbeiführt, weil jeder Mensch und somit auch der Diagnostiker es hätte sein können, der ihn somit versteht und weiß, was er durchgemacht hat.

1.3 Das Aufsteigen im Konkreten

Der dritte Schritt, der von Luria als romantische Wissenschaft benannt wird, wird als Aufsteigen im Konkreten bezeichnet. Er enthält die Spiegelung des nachvollziehenden Lebensweges eines Menschen im Diagnostiker. Der Diagnostiker wird in der Gegenübertragung[39] somit selbst zum empfindenden Zuschauer des Lebensdramas des Anderen.

Beim Diagnostiker treten eine individuelle Berührung, emotionales Empfinden und humanitäres Nachempfinden ein, welche ihm Einsichten gewähren, als ob man selber diesen Lebensprozeß in seinen Umbrüchen und ständigen Veränderungen gegangen wäre. „Verlangt ist also eine Situation (...) in der die eigenen Gefühle wahrgenommen und zugleich kathartisch bearbeitet werden, um dem anderen als Du ein Spiegel zu sein“[40]. Es ist die aktive Teilnahme am Geschehen und der profunde Respekt der Humanität dem Betroffenen gegenüber für den geleisteten Lebensweg, das eigene Spiegeln als Diagnostiker im anderen bis zur emotionalen Berührung und das Aufsteigen zu einem Fall von meinesgleichen. Für den Diagnostiker geht es um den Beziehungsaufbau zum und für den Betroffenen, worin sich eine Ich-Du und eine Ich-Es Beziehung herauskristallisieren, die sachliche und emotional berührende Effekte im Diagnostiker auslösen und die beim Betroffenen rehistorisierende und humanitäre Momente bewirken. Diese verstehenden Momente werden im diagnostischen Prozeß gefördert, wenn man sich den Gedanken vor Augen führt: „Mir wäre es nicht anders gegangen! Und ich weiß nicht, ob ich es besser oder schlechter gemacht hätte!? Dieser Gedanke ist der Schlüssel zum Verstehen; die Existenz des / der anderen berührt Sie, Nähe und Empathie entstehen. Sie sind von der verständigen Abstraktion des Syndroms zum Konkreten, also zum Verstehen des anderen Menschen in einer dialogischen Situation aufgestiegen. Die reflexive Beobachtung ihrer eigenen Gefühle, also ihrer Gegenübertragung, zeigt Ihnen, daß Sie diesen Punkt erreicht haben“[41].

Durch diese enthierarchisierende Eintracht des gemeinsamen Forschens, sozusagen auf der Suche nach dem kompletten entwicklungsbezogenen und selbstorganisierten „Spiegelbild der Persönlichkeit“ des Betroffenen, um aus einem zersplitterten biographischen Spiegel wieder einen vollständigen zu bilden, ist der Betroffene der Hauptdarsteller des Forschungsprozesses und erhält somit das bedingungslose Mitwirken. Ohne den Betroffenen selbst kann dieser sein Gesicht nicht erhalten und bewahren bzw. bleibt er gesichts- und geschichtslos und nur ein fragwürdiger Symptomträger, was als entpersönlichendes Moment für den Diagnostizierenden zu werten ist, denn es geht um sein gewesenes und noch werdendes Leben. Eine Ausklammerung des Betroffenen könnte man (aus der Sicht des Betroffenen) als eine Diagnostik am Pol der Ohnmacht[42] werten, indessen es auch nach den Worten Jantzens, aber im gesellschaftlichen Kontext betrachtet, einer „(...) Ausgrenzung der Leiden und der Verletzung der Ausgegrenzten (...) Negation ihrer Geschichte als Ausdruck gesellschaftlicher Gewalt in durch das Syndrom veränderten sozialen Entwicklungssituationen“[43] gleichkommen würde. Die Idee dieser verstehenden Diagnostik kann folglich nur sein, dem Betroffenen einen in dialogisierter Form möglichen Weg aufzuzeigen, auf dem gemeinsam versucht wird, rehistorisierend[44], menschlich, kooperativ, kommunikativ und lebensperspektivisch zu wirken, in dem jeder von dem anderen etwas über sich selbst und die Bedeutung von Menschlichkeit erfährt. Bei diesem Prozeß des Nachempfindens und der Introspektion des Menschen als „meinesgleichen“, kommt dem Diagnostiker als Erkenntnissubjekt eine hohe Verantwortung des Erkennens zu, insbesondere, weil sich darüber die gemeinsame Handlung[45] entwickeln wird, die wieder Verantwortung für zwei übernimmt und ein kontrolliertes Verstehen voraussetzt[46]. „Der Prozeß der Reflexion[47] hat demnach zwei Gefühlsreihen zu bearbeiten: Jene Gefühle, die sich auf den anderen beziehen und mittels einer strikten Methodologie aufgedeckt werden, die auch weiter zu verfolgen ist, die mich also aus Distanz Nähe halten läßt. Und jene Gefühle, die in der Rehistorisierung meiner eigenen Erfahrungen in diesem Prozeß auftauchen. Um mich in der dadurch auftretenden Nähe zu mir (die ich auch nicht verlieren darf) Distanz zu mir halten. Erst diese reflexive Haltung macht mich selbst zum Subjekt der Erkenntnis und führt jene Bearbeitung herbei, die in der Kunstpsychologie als kathartische Reaktion beschrieben ist“[48]. Die Leitfrage, die man sich beim Verstehensprozeß stellen muß und die als reflexive Haltungsmöglichkeit an Gültigkeit erfährt, ist: Wie verbleibe ich beim Anderen als Subjekt der Begegnung ohne selbst in „Betroffenheit“ Objekt dieser Begegnung zu werden und damit den Anderen zu verlieren?“[49]. Die Antwort kann nur lauten, daß jeder im diagnostischen Prozeß einen menschenrechtlichen Anspruch auf Unversehrtheit, Freiheit, Persönlichkeitsentwicklung, Respekt gegenüber dem Anderen und sich selbst hat, dementsprechend ist es bedenklich, zu sehr in die tiefpsychologische Wahrheit des Anderen einzudringen, mit dem Auftrag eine 1:1 Relation herstellen zu müssen. Vielmehr sollte ein kontrolliertes Verstehen angewendet werden, welches als reflexiver Akt der Erkenntnis stattfinden kann, wenn der Diagnostiker den Anderen als autonomen, entwickelnden und selbstbestimmten Menschen anerkennt und der Betroffene die entscheidende Instanz des Verstehens ist, weil nur er sich am besten kennt und seine biographische Wahrheit auch bestätigen kann[50]. Rehistorisierende Diagnostik ist nach dem rekonstruierenden Prozeß mit der Produktion des Erklärungswissens und dem Verstehen des durchlebten Lebensweges des Betroffenen also Bestandteil im Verstehensprozeß und wird durch das kontrollierte Verstehen und ästhetische Reflektieren des Diagnostikers über den Betroffenen als „meinesgleichen“ ermöglicht. Die Offenheit und aktive Mitgestaltung am diagnostischen Prozesses des Diagnostizierenden und der Aufbau und die Fortentwicklung einer Beziehungsgestaltung, die auf Vertrauen, Authentizität, humanitäres Interesse an der Menschlichkeit und soziale Gleichberechtigung basiert, sind ebenso Voraussetzungen. Aufgrund des Verständnisses zur Sinnhaftigkeit des Gegebenen, des Gewesenen zum Werden bezogen auf die soziale Entwicklungssituation eines chronischen verwirrten Menschen und seines Leidensweges, der auch glückliche Momente beinhaltet, vor allen Dingen, wenn die biographische Kontinuität gewahrt und eigensystemische Vertrautheit und Orientierung erspürt wird, kommt dem Diagnostiker eine zentrale Verantwortung zu, die jedoch eine Belastung darstellen kann. Insbesondere muß das Verstehen einer fremden Realität nachvollziehbar und vorstellbar gemacht werden, weil sie die Basis des gemeinsamen Handelns darstellt. Böhme bestätigt die Verstehensbrisanz und Handlungsfolge: „(...) daß Verstehen eine explizite subjektive Seite hat, d.h. daß der Sinn von etwas zu einem Sinn für den Verstehenden wird“.[51] Diese Aussage ist für den Begleiter des chronisch Verwirrten sehr relevant, verpflichtend und verantwortungsvoll, weil es beim Begleiter (Diagnostiker) darauf ankommt, den chronisch Verwirrten in seiner biographischen, entwicklungslogischen und psycho- sozialen Lebenswelt sowie seiner persönlichkeitsbestimmenden Tätigkeit zu verstehen. Dementsprechend kann dann auch nur biographisches, subjektorientiertes und verstehendes Handeln ermöglicht werden.

Also kann man nach Jantzen konstatieren: „Rehistorisierende Diagnostik[52] ist damit unmittelbar handlungsrelevant, weil sie keine verobjektivierende Diagnose des Anderen, sondern eine Diagnose der relationalen Beziehungen in jenem Handlungsfeld ist, in dem wir uns selbst als Subjekt und Objekt befinden“[53], wobei für die Frühphase der Rehistorisierung und der anfänglichen Unkenntnis über die Lebensbedingungen und -wege des Betroffenen sich der Diagnostiker vom Helfer zum Hilflosen „degradieren“ läßt, weil der Erkenntnisgrad erst am Anfang ist. „Die Anerkennung dieser Bedingungen unserer Handlungsmöglichkeit ist die wesentliche Voraussetzung für einen nicht elitären Erkenntnisprozeß in einer rehistorisierenden Diagnostik“[54]. Selbst die aufgestellten Erklärungen und die angestellten Verstehensakte werden nur wahr durch die Bestätigung des Betroffenen, was Jantzen im Rahmen des demokratischen Verstehens bestätigt, indem er sagt: „Zum Verstehen gehört ein strikt antiutopischer Gestus, der auf künftige Bemächtigungen eines anderen verzichtet, während auf der Ebene des Erklärens es durchaus gestattet ist, Möglichkeitsräume zu projektieren. Ob aber ein solcher Möglichkeitsraum je beschritten wird, liegt nicht alleine in meiner Verfügung, sondern bedarf der Anerkennung meiner Interpretation durch den entsprechenden Akt des anderen (...). Dieser Akt des Erkennens führt einerseits zum Anerkennen, daß es so ist, wie es ist, und anderseits zur Abhängigkeit meiner Erklärungen und meiner Verstehensakte von ihrer Anerkennung durch den oder die andere. Es gibt in diesem Prozeß keinen festen Punkt des abschließend erklärt oder verstanden Habens. Es bleibt immer relational, da der oder die andere unverfügbar bleibt und bleiben muß. Denn jeder Versuch des Verfügens schränkt die Möglichkeit von Erklären und Verstehen ein. Und erst in einem auf Anerkennung fußenden Austausch mit ihm oder ihr kann sich mein Wissen als erklärend und verstehend verifizieren“[55]. Rehistorisierend zu sein und es als Akt des schmerzhaften Erkennens und Anerkennens zu verstehen, bedeutet für Jantzen: „(...) sich dem traumatisierten Blick des anderen auszusetzen und vor diesem Verantwortung zu übernehmen. Sie (die Verantwortung, O.F.) ist das Eingangstor zum Prozeß der Rehistorisierung, als Erfahrung eigener Freiheit, die, so Octavio Paz, es immer nur dann gibt, wenn es einen freien Menschen gibt, immer nur dann, wenn es ein Mensch wagt, nein zur Macht zu sagen. Hierin ist auch die Freiheit inbegriffen, die eigene Macht nicht anzuwenden“[56]. Hierdurch kann die „vollkommene“ Aufmerksamkeit auf den Betroffenen gerichtet sein, welche nicht allzu übertrieben und einnehmend sein darf, damit ästhetische Erkenntnisakte möglich sind sowie persönliche Anerkennung und das gesellschaftliche Zugehörigkeitsgefühl als Bedürfnisbefriedigung der gesellschaftlichen Bindung, Spiegelung und Integration, worin die persönliche Freiheit des anderen nicht beschnitten werden darf. Abschließend folgt ein Zitat, welches auch für den verstehenden diagnostischen Prozeß Beachtung erhalten sollte, weil es die Dynamik, das ständige Rückbeziehen, des nie endenden Prinzips des Verstehensaktes (weil die Datensammlung nie vollständig gesättigt und insofern der Mensch nie komplett faßbar ist) und den Prozeßgedanke enthält, der im verstehend diagnostischen Handeln auch so befolgt werden sollte. Jank/Meyer unterstützen im Rahmen der Erklärung der wissenschaftstheoretischen Hermeneutik[57], daß jeweilige anspruchsvolle Vorhaben und Ziel der verstehenden Diagnostik wie folgt: „Das Verständnis des Ganzen (das Verstehen der Persönlichkeitsveränderung durch den soziale Entwicklungsraum und den leidenden Lebensweg mit dem Zielder rehistorisierenden Wirkung beim Betroffenen) hat zur Voraussetzung, daß man die Einzelheiten verstanden hat (der bio-psycho-soziale syndromale Wirkungszusammenhang auf die Entwicklung eines Menschen etc., O.F.) - umgekehrt wirkt das Verständnis des Ganzen zurück auf die Deutung der Einzelheiten“[58].

Für die speziell-professionelle Pflege bedeutet dies, durch und über das Verstehen hinaus bis zu rehistorisierenden Momenten mit dem Betroffenen einen gemeinsamen Handlungsprozeß zu gestalten, der pädagogisches und therapeutisches Handeln beinhaltet und auf eine fundierte biographische, entwicklungsbezogene und psycho-soziale Pflegediagnostik aufbaut. Vordergründig kann an dieser Stelle, der professionelle Pflegeauftrag lauten, daß Pflegende die Aufgabe haben, den alltäglichen Lebensplan des Betroffenen zu begleiten und in Krisensituationen eine biographisch annähernde Lebensperspektive anzubieten, worin Vorbehaltsaufgaben für die Pflege mit chronisch verwirrten Menschen zum Vorschein kommen, wie: validierende Wertschätzung des betroffenen Menschen in seiner Subjekt- und Entwicklungslogik,

Unterstützung bei der Selbsterhaltung und der Vertrautheit im Selbst

Beziehungs- und Milieugestaltung, die im pflegewissenschaftlichen Kapitel 5. dieser Arbeit diskutiert werden.

Das folgend ableitende entwicklungsbezogene Menschenbild, welches die verstehenden Diagnostik zur Grundlage hat, wird im nächsten Kapitel ausführlich, anhand von Thesen vorgestellt.

2 Grundannahmen eines Menschenverständnisses im systemtheoretisch- postrelativistischen Sinne

Das in diesem Kapitel zu verstehende Menschenbild ist sozusagen die Ausformulierung des Menschenbildes, welches in der „Verstehenden Diagnostik“ immanent präsent ist und so weiter gedacht werden sollte. Dieser Ansatz von Verständnis bezieht sich überwiegend auf Feusers[59] Grundverständnis vom Menschen aus seiner Publikation: „Behinderte Kinder und Jugendliche - zwischen Integration und Aussonderung“, in dem er ein Weltbild- Menschenbild vorstellt, welches die zergliederte Zerstörung des Menschen in seiner Einheit, die Eindimensionalität der menschlichen Ebenen, das naturwissenschaftliche Dogma, der Mensch ist nur die Summe seiner Teile und besteht in einem ständigen Kausalitätszusammenhang (nach dem der Mensch einem einfachen Reiz- und Reaktionsmechanismus bzw. Ursachen- Wirkungszusammenhang innerhalb seiner Ebenen unterlegen ist)[60] und die gesellschaftliche Normalität ablehnt, weil es dem Menschen nicht gerecht wird, denn er ist ein komplexes Wesen. Er spricht sich gegen den gesellschaftlichen Grundkonsens der sozialen Wertvorstellung der Nutzbar- und Verwertbarkeit des Menschen im Arbeits- und Beurteilungszusammenhang (innerhalb der kapitalistisch- ausgerichteten Formation der Gesellschaft[61]) und der impliziten reduktionistischen Sichtweise vom Menschen aus. Betroffen sind die gesellschaftlich „Andersartigen“, die geistig Behinderten, die emotional und psychisch Kranken und gerontopsychiatrischen Menschen (primär die in dieser Arbeit thematisierten chronisch verwirrten Menschen), Menschen die nicht in das kapitalistische Gesellschaftsbild passen. Dabei lebt jeder Mensch unter seinen inneren und äußeren Bedingungen, welche seine realen Lebensbedingungen darstellen und als normal zu betrachten sind sowie seine ableitende Entwicklungslogik.

Die Betroffenen leiden unter dem gesellschaftlichen Bewußtsein, bzw. dem sozialen Handeln der Gesellschaft und deren impliziten Isolationsinteressen (weniger unter sich selbst und des Syndroms), welches sich im sozialen Verkehr, in Form von sozialer Aussonderung, Sonderstellung/-behandlung, soziale Isolation, vermitteln bzw. beobachten läßt und sich durch die geringen sozialen Entwicklungsmöglichkeiten und die soziale Institution als gesellschaftliche Idee zur Verwahrung der „Andersartigen“ Manifestiert. Durch diese Verkümmerung und Ächtung bekommt der betroffene Mensch das subjektive Bewußtsein des oktroyierten Gesellschaftsbildes von Kranken, Be-Hinderten[62] etc. zu spüren und wird durch die `Allerweltsformel` zu dem Ich, dessen Du wir ihm sind[63]. Obwohl vordergründig der betroffene Mensch, der unter seinen sozialen isolierten Bedingungen und der gesellschaftlichen Ausklammerung am meisten leidet, das Grundbedürfnis hat, sich in seiner Gattung zu spiegeln und sinnvolle menschenwürdige Bindungen einzugehen, weil er nicht so viele Alternativen hat, vielseitige Beziehungen zu den Menschen und der Welt aufzubauen, bleibt des öfteren dieses Bedürfnis verwehrt. Die gesellschaftliche Wertvorstellung sollte den betroffenen Menschen in den zentralen Mittelpunkt der Gesellschaft stellen, um ihn nach seinen gesellschaftlichen Entwicklungs- und Lebensbedürfnissen verstehen zu lernen, und dementsprechend zu fördern, und ihn nicht zu bemitleiden und besonders zu behandeln. Denn er hat ein Recht auf persönliche Entwicklung und nicht auf eine institutionelle Verbannung, fernab des sozialen Verkehrs bzw. gesellschaftlichen Lebens. Die Formel „Der Mensch wird am Du zum Ich“, wird bei jedem Menschen persönliche Wirklichkeit und erreicht einen Konkretheitsgrad bzw. schürt bei isolierenden Bedingungen der Teilnahme am gesellschaftlichen Leben das negative Selbstbild der Lern-, Entwicklungs- und sozialen „Nutzlosigkeit“ des Betroffenen, und somit erfährt das negative Selbstbild eine persönlichkeitsbestimmende Relevanz. Es wird diesen Menschen durch die beobachtbare Dimension im sozialen Kontext bzw. im umweltlichen Austauschprozeß, der durch die menschliche innere und äußere Tätigkeit des menschlichen Systems im System S-T-O initiiert wird, die gattungsnormale und humane Lebensberechtigung, -wertigkeit und -qualität abgesprochen und somit menschliches Lernen in seiner Funktionalität der dynamischen Veränderung innerhalb des Systems und Entwicklung in seiner strukturellen Qualitätsbestimmung entsagt oder gesellschaftlich ungenügend darauf eingegangen. Letzteres führt dazu, daß der „behinderte“ Mensch, wozu m.E. auch der chronisch verwirrte Mensch zählt, sich wegen der Kontraeinstellung der Gesellschaft zurückzieht, und seine vakanten Fähigkeiten verblassen bzw. der betroffene Mensch um eine positive Persönlichkeitsentwicklung resp. um gesellschaftliche Bedeutungsinhalte gebracht wird, ihm also das Lernen und die Entwicklung an der Gattungsnormalität verwehrt wird. Diese zwei Seiten der psychopathologischen Konsequenz und der enthaltenen isolierenden Bedingungen im sozialen Verkehr und die gesellschaftliche Verwahrung und Verachtung trifft die Menschen, die unter chronischer Verwirrtheit (basierend auf die neurobiologischen Veränderungen der Demenz vom Alzheimer Typ= DAT[64]) leiden. Sie sind familiär und gesamtgesellschaftlich „untragbar“ und werden hospitalisiert, weil sie durch mangelnde Gedächtnisleistung resp. der resultierenden örtlichen, zeitlichen und personellen Desorientierung und des impliziten rasant zunehmenden sozialen Bedeutungszerfalls in verschiedenen sozialen Bedeutungsbereichen, welche insofern starke Auswirkungen beinhalten, weil der-/diejenige immer mehr zunehmend die `soziale` Kontrolle über die `sozialen` Verkehrsformen verliert, sozial auffällig und problematisch wirken. . Diese Menschen werden meistens nach jahrelanger Pflege und Betreuung im familiären Kreise mit Hinzunahme von ambulanten Pflegediensten, bestenfalls auf gerontopsychiatrischen Stationen, in speziellen Altenzentren oder Altenheimen untergebracht, auf denen die Pflegenden allenfalls subjektorientierte und biographische Umgangsformen anwenden aber keinen theoretisch argumentativen Hintergrund und Begründungszusammenhang zu ihrem Handeln haben. Für die professionell Handelnden wäre unerläßlich zu verstehen, daß die isolierende Bedingung eines betroffenen Menschen das zentrale Problem darstellt, daß die subjektive Sinnbildung, das Abbildniveau (enthält Sinn- und Bedeutungszusammenhang, stellt aber kein Bild dar), die gesamte menschliche Tätigkeit, die Motivhierarchien sowie die Bindung zu den Menschen und der Welt der betreffenden Person sich völlig verändern und infolgedessen zum Selbstkontakt / und zur Sinnrealisierung sich der Mensch auf sich selbst bezieht, um sein Bedürfnis nach Sinn zu befriedigen. Dieses subjektiv vertraute Rückbeziehen (Selbstreferentialität) ist als Sinnsuche in sich selbst zu verstehen, als Möglichkeit zur Kompensation des sozialen Bedeutungszerfalls im Gesellschaftsleben, und diese Sinnsuche liegt in der biographischen Persönlichkeitsbedeutung. Sinnrealisierung geschieht im eigenen System bzw. um es drastischer auszudrücken, im eigenen geschlossenen System und die pflegerische Aufgabe muß sein, selbsterhaltene und vertraute Kommunikation, Beziehungs- und Milieugestaltung, Lebensbewältigung (Lebensperspektiven vermitteln und Lebensplan begleiten) mit einer validierenden Wertschätzung und Selbstbestimmung im sozialen Verkehr zu ermöglichen und zu begleiten[65].

Im folgenden möchte ich grundsätzliche Thesen zum ständig lernenden und entwickelnden Menschen unter seinen jeweiligen inneren und äußeren Bedingungen aufstellen, wobei ein restriktiver Zugang zum sozialen Erbe bei erschwerten Rahmen- und Ausgangsbedingungen einzubeziehen ist, der aber Lernen und Entwicklung nicht unterbindet:

Der Mensch sollte in seinem Sein als Werden des Ganzen, in seiner ständigen funktionellen Selbstorganisation und seiner strukturellen Komplexität mittels seiner Eigenzeit im Austauschverhältnis S-T-O verstanden und erkannt werden, womit der eigene historisch systemische Zusammenhang und die zukünftige Lebensperspektive impliziert sind.

Der Mensch lebt immer im Vergangenheits-, Gegenwarts- und Zukunftskontinuum und plant, entscheidet und handelt danach.

Der Mensch ist bei veränderten Umwelt- und Randbedingungen Veränderungen in Form einer lernenden Bedingung ausgesetzt (im Sinne der Ortsveränderung der Materie im Raum oder auch des Nichterkennens von Gegenständen, Menschen etc.), und die lernende Entwicklungsstruktur bildet sich funktionell und strukturell unabänderlich und wird mit einem „biographischen internen System der Eigenzeit“ versehen, das somit eine eigene Entwicklungszeit sowie seine eigene Zeitbestimmung mittels eines zeitlichen funktionell- dynamischen Gedächtnisses im Austausch mit der Umwelt und eines zeitlichen Abbildes zur zeitlichen Bedeutungssicherung impliziert. Der Mensch hat immer die Möglichkeit, sich auf die Anfänge seines Lebens zu beziehen. Dies ermöglicht sein Systemgedächtnis, womit der chronisch verwirrte Mensch sich auf vorherig erlernte Tätigkeitsmuster mit einem evtl. niedrigeren Niveau an jegliche Umweltbedingungen anpassen kann, was als Kompetenz und Autonomie zu betrachten ist.

Der Mensch befindet sich in einem ständigen Entwicklungsprozeß durch Koevolution (soziale Prozesse innerhalb des sozialen Verkehrs), wobei die Entwicklung als Prozeß der Diversifikation und Komplexitätssteigerung auf der menschlichen bio-psycho-sozialen Ebene zu verstehen ist; hierbei hat jede Ebene ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten in der Funktionalität und Repräsentanz, ihre Entwicklungs- und Selbstorganisationszeit und ihre integrative Einheitsaufgabe[66]

Jegliche auf das System Mensch (im gegenseitigen Austauschprozeß mit der Umwelt) einfließende funktionale Veränderung (menschliche Lernfunktionalität als stabiles Moment) bedeutet Struktur, die sich bei jeder weiteren Funktion im Sinne von kooperativen Prozessen mit der Umwelt weiterentwickelt (Struktur als veränderliches Moment), aber sich nie ganz neu bildet, sondern die vorherige Geschichtsstruktur eines Menschen allerhöchstens verändert bzw. umgestaltet[67]. D.b. für den chronisch verwirrten Menschen, daß bei neuen Ausgangsbedingungen, der inneren und äußeren Bedingungen, das eigene System durch selbstorganisierte Prozesse seinen Sinn und seine inneren Abbilder verändert und bei Kohärenz und langwieriger Kontinuität persönlichkeitsverändernde Wirkung induziert, die sich immer durch den Tätigkeitsprozeß im System S-T-O ereignet und ausdrückt.

Jedwede Symptomatisierung auf der Erscheinungsebene eines Menschen sagt nichts über das „innere Wesen“ eines Menschen aus. Es geht in der heutigen postrelativistischen Wissenschaft darum, wie es dazu gekommen ist (Anfangs- und Ausgangsbedingungen) und wie die Ontogenese des Menschen unter Koevolution (Austausch mit dem gattungsspezifischen Anderen) und unter den jeweiligen Bedingungen bis zum heutig gegenwärtigen Stand weiterverlaufen ist.. Jegliche eindimensionalisierte Wissenschaft eines Menschen, z.B. die Psychologisierung, hebt den Menschen als strukturell und funktionell komplexe Ganzheit auf, schließt pathologische Erscheinungen auf einer Ebene als inadäquat phänomenologische Erscheinung auf der nächst höheren Ebene nicht mit ein (keine Hinterfragung der sozialen Dimension des Menschen bei psychologisch manifestierender Gedächtnisverminderung) und spricht nicht beobachtbaren Entwicklungserscheinungen mannigfaltig komplexe Entwicklung ab (z.B. psychisches Bewußtsein bei komatösen Menschen oder intellektuelle Fähigkeiten bei chronisch verwirrten Menschen). Hierbei kann jedoch das Selbstorganisationsniveau ein anderes als das Gewohnte sein und immer die unmittelbare Lebenssituation eines Menschen widerspiegeln, bzw. seine Entwicklung, die eine ist, ansonsten wäre das lebendige System Mensch nicht lebendig, sondern negentrophisch und tot.

Rahmenbedingungen sind die Bedingungen, worunter Lernen und Entwicklung eines Menschen stattfinden. Rahmenbedingungen können umweltlicher und gesellschaftlicher Art sein, die die Möglichkeit der individuellen Zugänglichkeit selbst besitzen müssen oder gerade für „Be-Hinderte“ und „psychopathologisierte“ Menschen, die durch eine andere Ausgangsbedingung eine andere Rahmenbedingung haben als andere, obwohl es die gleiche, bloß lediglich in der Zugänglichkeit differenziert ist.

Regressionen eines menschlichen Systems unter seinen veränderten psychischen funktionellen Randbedingungen, z.B. Desorientierung bedingt durch eine andere Verhältniszeit zur Umwelt bei chronischer Verwirrtheit, werden vom betroffenen Menschen folgendermaßen geregelt, damit Sinn und Leben des Systems möglich sind: Chaotische Fluktuationen im eigenen System durch beeinflussende Umwelteinwirkungen werden insofern gedämpft, daß der betroffene Mensch die Möglichkeit der Hysterese, des Zurückgehens zu biographisch vorherigen stabilen Systemen (aber nicht zu einer vorherigen Entwicklungszeit, denn Zeit ist irreversibel) hat sowie zur individuellen Kontaktaufnahme und Weiterentwicklung. Feuser schreibt dazu: „Dabei kann Regression im Zusammenhang mit dem Modell der Hysterese[68] und im Sinne der Irreversibilität der Weltlinie (Biographie) nur als Fortentwicklung (keine Zeit-Umkehr) unter neuen Rand-Bedingungen (auf einem neuen Zweig) und in Rückgriff auf biographisch ältere System- (Handlungs-) Parameter verstanden werden“[69].

Der Mensch hat durch seine ständige Integration von neuen Ausgangs- und Randbedingungen und aufgrund seines biographischen Fundaments an vielen potentiellen Entwicklungsmöglichkeiten die Möglichkeit, zu einer eigenen Entwicklungslogik unter seinen unmittelbaren Lebensbedingungen. Er versucht, durch die Integration der Störung eine neue Lebensperspektive aufzubauen und seinen Lebensplan daran auszurichten.

Der Mensch ist also dazu fähig, „Störungen“ jeglicher Art, die eine am Anfang kolossal fremde Lebensbedingung und -änderung darstellen, in sein Leben so zu integrieren und einen anderen Lebensweg / Lebenszweig mit anderen Verhaltensweisen einzuschlagen (neue Entwicklungsmöglichkeiten), um eine erneute Systemstabilität aufzubauen, um damit weiterhin im systemisch- funktionellen Ungleichgewicht leben und lernen zu können.

Der Mensch hat eine unbegrenzte Anzahl von Entwicklungsmöglichkeiten (Lebensperspektiven), aber durch seinen biographischen Lebensplan hat sich der Mensch für eine Möglichkeit entschieden, die aber auch durch eine Vielzahl von Entwicklungsmöglichkeiten gegangen ist. D.h. bei veränderten Randbedingungen des eigenen Lebens und der Integration dieser, muß der Mensch sich für eine Entwicklungsmöglichkeit entscheiden, eine die Stabilität und Vertrautheit verschafft und den weiteren Lebensplan bestimmen wird. Perspektivlosigkeit würde den Tod bedeuten, weil Leben immer Perspektiven zur Entwicklung braucht. Aber die Entwicklungsmöglichkeit eines Menschen ist sehr groß und schuldet sich nur die bisherigen Lebenswege ein, die schon gegangen wurden und zu instabil geworden sind[70].

„Jede Verhaltensänderung komplexer Systeme ist entwicklungslogisch- ob uns das resultierende Ergebnis nun genehm ist oder nicht“[71]. Es ist die immanente Integration der Anfangs-, Ausgangs- und Randbedingung eines Menschen und seine daraus resultierende logische Entwicklung (Entwicklungslogik), von daher gibt es kein normal und pathologisch. Um dieses zu verstehen, muß der Betrachter die Binnenperspektive eines Menschen einnehmen und innerer Beobachter werden.

Der Mensch ist strukturell und funktionell selbstorganisiert, auch als selbst organisierende Einheit (aber nur im System S-T-O) zu verstehen, welches in einer eigenen Systemzeit geschieht; welcher (der Mensch) nach einer Verhältniszeit zum anderen System, beispielsweise zu einem anderen Mensch oder jegliche umweltliche Situationen, Kontakt aufnimmt und bei den Transaktionsprozessen des informativen Austausches mit dem anderen System ebenenspezifische Transformationen selbstreferentiell vornimmt und evolviert.

Der Mensch besitzt eine Eigenzeit (intrinsische System-Eigen-Zeit) - an jedwedem Ort der Raum-Zeit sowie ein anderer Mensch diese Eigenzeit ebenfalls besitzt und nur deren Verhältniszeit eine Dialogisierung, Kommunikation und Interaktion möglich macht, indem der eine den anderen in seiner realen Zeit einschätzt (extrinsische Eigen-Zeit-Einschätzung)[72]. Feuser spricht weiter:

a.) „(...) die Zeit nach außen als irreversiblen Zeitpfeil im Sinne der Biographie zu begreifen und nach innen als Produkt der Selbstorganisation wie als Operator zu verstehen“[73] und
b.) „Die durch die T-Zeit (systemische Eigenzeit) bestimmte Organisation des Systems verleiht ihm Orientierung und der Sinn seine Richtung, seine Weltlinie im Möglichkeitsraum oder: seine evolutionäre Drift- beide repräsentiert im Plan der eigenen Evolution“[74].

Evolution ist immer Koevolution, wie jedwede individuelle Entwicklung nur im Sinne der Koontogenese von Systemen verstanden werden kann; der Mensch wird am Du zum Ich (d.h. der Mensch entwickelt sich in und durch seine Gattung und seine Verhältnisse, abhängig ist die individuelle Entwicklung vom sinnvollen Bindungsverhältnis und Komplexitätsgrades des anderen Systems bzw. vom Du). Das beeinflussende System (das Du[75]) kann für das Ich als richtungsgebender Attraktor bedeutend sein, welches sich durch die soziale Vermitteltheit dem nicht entziehen kann (Du als Wegweiser und Orientierungspunkt seiner eigenen Entwicklung und des Ziels).

„Lernen und psychische Entwicklung des Menschen können (...) als die handelnde Anpassung an die Welt (Assimilation) und Aneignung von Welt (Akkomodation) durch das aktive tätige, sich mit seiner personellen und dinglichen Umwelt auseinandersetzende und sie umgestaltende Individuum verstanden werden, wobei (Lernen und psychische Entwicklung) Produkte dieser Tätigkeit wie gleichzeitig Organisatoren und Operatoren derselben sind und untereinander wie zwei Seiten ein und derselben Medaille in Zusammenhang stehen“[76]. Von der inhaltlich strukturellen Entwicklungsperspektive aus betrachtet, kommt die Tätigkeit als tätige Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen und gegenständlichen Welt vor dem Bedeutungsstrukturaufbau als psychische Struktur (erst lernen, dann wissen) und impliziert damit eine Lernfunktion.

Ein Mensch bezieht sich zur Orientierung in der Welt, zur vorauseilenden psychischen Widerspiegelung bzw. zum planenden und ausführenden motivgeleiteten und zielgerichteten Tätigkeitsprozeß (im System S-T-O) in der Welt immer auf sich selbst (Selbstreferentialität) und stellt durch einen emotionsgeleiteten und sinnlich abbildenden Integrationsprozeß des eigenen Systemgedächtnisses auf der bio-psycho-sozio-Ebene die optimalen Voraussetzungen des eigenen Systems her, um zielbewußt und bedürfnisgeleitet zu handeln. Feuser führt zur selbstreferentiellen Gedächtnisabfrage aus: „(...) ein solches System hat eine Erinnerung an seinen Anfang, hat Geschichte, eine Biographie“[77].

Als oberste Priorität sollte für die Pädagogik (verstanden als Lebensplanbegleiter) und Therapie (verstanden als Gewinnung einer Lebensperspektive) mit isoliert bedingt lebenden Menschen, gelten, exemplarisch dazu die chronisch verwirrten Menschen, Entwicklungsmöglichkeiten basierend auf deren Biographie aufzuzeigen und sie in ihrem Lebensplan zu begleiten, damit höchstmögliches Sinn- und Entwicklungsniveau erreichbar wird. Als weitere Aufgabe zeigt sich auf, die Bindungs- und Beziehungsmöglichkeiten in einer gemeinsamen Verhältniszeit (wie beispielsweise beim Verstehen und Rehistorisieren im gemeinsamen Verstehensprozeß) aufzubauen und durch Dialogisierung, Kommunikation und Interaktionen die gattungsspezifische Spiegelung zur Ich-Werdung auszurichten.

„Entwicklung ist: für den einen wie für den anderen Menschen jeweils primär abhängig vom Komplexitätsgrad des jeweils anderen und erst in zweiter Linie von den Mitteln und Fähigkeiten des eigenen Systems, und primär geht es dabei um das, was aus einem System durch vorgenannte Zusammenhänge der Möglichkeit nach werden kann und wiederum erst in zweiter Linie um das, was es im Moment gerade ist“[78]. Hier liegt der Schwerpunkt des Verstehens des Menschen in seinem Werden und in seinem Geworden sein, worin eindeutig der pädagogisch und therapeutischer Auftrag für die Pflege enthalten ist.

Die folgenden Aussagen müssen als grundsätzliche Bedingungen eines jedweden lebendigen menschlichen Systems verstanden werden, welche bei bedingter Einschränkung, beispielsweise bei chronisch verwirrten Menschen[79], nicht pathologisiert werden sollten (vor allen Dingen nicht eindimensional), sondern als veränderte innere Bedingung verstanden werden muß, womit sich dementsprechend die äußeren Bedingungen, die Zugänglichkeit zur sozialen Welt, die nicht mehr so gedeutet werden kann und an sinnlicher Bedeutung verliert, ebenfalls stark verändert, aber eine biographisch sinnliche, selbstorganisierte und subjektlogische (sinn- und systemhaft) Entwicklung induziert. Ziel ist es weiterhin, höchstmöglichen Sinn aufzubauen und seine Systemintegrität im umweltlichen Austausch zu wahren, um subjektives Lernen und Entwicklung zu ermöglichen, bzw. den eigenen Sinn- und Bedeutungszusammenhang vor der „Gleichgültigkeit“ der gesellschaftlichen Bedeutungsstrukturen zu bewahren.

Zur Transparenz des zu verstehenden Menschenbildes, welches auch den Hintergrund dieser theoretischen Arbeit darstellt und immer zur Verortung und Reflexion dienen soll, folgt Feusers Vorstellung eines lebendigen Systems in seinen grundlegenden Merkmalen:

„Solche Systeme und ihre sind (schon im Übergang von der chemischen zur biologischen Evolution) zusammenfassend:

1. dissipativ, d.h. offen und referentiell zu ihrer Umwelt, und dies
2. in altruistischer Weise. Das heißt, keine Evolution ohne Koevolution[80] ! Sie sind
3. „selbstreferentiell“[81] in bezug auf die eigene Evolution und insofern organisiert, als die intern ablaufenden Prozesse miteinander verknüpft sind, und insofern strukturiert, als die Gesamtcharakteristik aller ablaufenden Prozesse ein „funktionelles System“[82] bildet, d.h. sie besitzen
4. Individualität im Sinne ihrer Autonomie gegenüber der Umwelt[83], und sie sind
5, distinkte Entität im Sinne ihrer jeweils individuellen raum-zeit-strukturellen Verfaßtheit, wesentlich bedingt durch die Fähigkeit dissipativ-autopoietischer Systeme zur Erinnerung an ihren Anfang (...). Darin begründet sich
6. ein ganzheitliches Systemgedächtnis,
7. Information „als jede nichtzufällige räumliche oder zeitliche Struktur oder Beziehung von Größen“[84] und
8. Wissen im Sinne der aus der Interaktion zwischen den Systemen und / oder ihrer Umwelt resultierenden Erfahrungen, das sich darin ausdrückt, „daß das System zur Stabilität gegenüber Fluktuation gefunden hat, und dieses Wissen stellt nichts anderes dar, als die in ein bestimmtes Beziehungssystem gebrachten Erfahrung der Wechselwirkung zwischen System und Umwelt“[85]. Darin liegt
9. die Wurzel des „Bewußtseins“, im Sinne der Autonomie, die das System in seiner dynamischen Beziehung zur Umwelt selbst erhält“[86].

Diese systemtheoretische Sichtweise soll jetzt auf die menschliche Tätigkeitsebene angewendet werden, die sich auf das Systemverhältnis S-T-O[87] bezieht. Die psycho-physische Grundvoraussetzungen auf psychischer Ebene, welche sich auch auf die 18 Menschenbildthesen und Feusers Vorstellung von lebendigen Systemen beziehen, sind:

- das aktive Orientieren und Beziehen auf die Umwelt und die Funktionalität der Umwelt auf die eigenen psychischen Strukturprozesse als funktionelle Systeme, welche durch sinnlich psychische Widerspiegelung den Kontakt zur Außenwelt und somit die umweltliche Inhaltlichkeit herstellen .
- das Vorhandensein einer psychischen Systemstruktur (funktionelle Systeme) und ihre funktionelle Verknüpfung für psycho-physische Prozesse,
- die individuelle Eigenzeit bei der Sinnesaufnahme, der emotionalen und kognitiven Verarbeitung, der Speicherung und dem Aufbau von modalen und amodalen Psychostrukturen und den psycho-physischen Prozessen in Form einer Tätigkeitsinfrastruktur der Bedürfnis-, Motiv- und Handlungsbildung in deren Psychostrukturen, welche bei der gegebenen Anwendung mit einem ganzheitlichen Systemgedächtnis verbunden sind (Abgrenzung als autonomes System, aber informell offen und gegenüber der Umwelt operational geschlossen,)
- die eigenzeitlich motivgeleitete und bewußt geplante Handlungstätigkeit sowie die äußere Umsetzung im objektiven Umweltbereich zur Zielerreichung und Bedürfnisbefriedigung.

Darauf aufbauend kann man Tätigkeit nach Leontjew wie folgt verstehen: „Es handelt sich um Prozesse, die das reale Leben des Menschen in der ihn umgebenden Welt verwirklichen, es handelt sich um sein gesellschaftliches Sein in der Vielfalt seiner Formen, um seine Tätigkeit“[88]. Der Mensch hat die Möglichkeit im S-T-O Systemzusammenhang seine umgebende lebensbedeutsame Umwelt als amodalen Sachverhalt modal aufzunehmen und selbst amodale Bedeutungszusammenhänge aufzubauen. Jantzen stellt dazu fest: „Das heißt, Tätigkeit vermittelt zwischen Subjekt und Objekt in einem amodal-modal-amodalen Übergang“[89]. Diese (gegenständlichen) Umwelten besitzen eine Vieldeutigkeit von Möglichkeiten zur eigenen Lebens- und Lernerhaltung (Reproduktion), bzw. auch eine gattungspezifische Bedeutung, die man in der menschlichen Tätigkeit benutzen, sich an denen entwickeln und befriedigen kann. Diese Aneignung von sozialer und naturhafter Welt durch eigene Tätigkeit führt zur Gegenstandsbedeutung, zum eigenen Körperselbstbild und zur ich-reflexiven Persönlichkeitsbildung. Tätigkeit vollzieht sich nicht nur als die Vermittlung zur Umwelt, sondern stellt sich primär als die individuelle Existenzweise eines Menschen in seinen gesellschaftlichen Verhältnissen dar. Das soziale Erbe, die Umwelt, der Objektbereich, sozio-kulturelle Verhältnisse etc und natürlich die darin lebenden Menschen, sind für den einzelnen Menschen vorrangiger Bezugspunkt, aber durchdringen bzw. steuern den lernenden, entwickelnden und selbst gestaltenden Menschen nicht, sondern enthalten als selbsterhaltendes, selbsterneuerndes und autonomes Subjekt eigene Größen, die aber sozial beeinflußt ist. Das Subjekt als sozialer Bedeutungsträger wird von Person zu Person (persönlichkeitsdifferent) unterschiedlich bewertet, weil persönlichkeitsbedeutende Inhalte im sozialen Aneignungsprozeß nie gleich sein können. Ein Grund hierfür ist, daß jeder Mensch eine bewußt emotionale und denkende Qualität der sozialen Bedeutungsentscheidungen hat, was für ihn persönlich wichtig ist, was er sich wissend und handelnd aneignen will und wofür er lebt. D.h. die Tätigkeit hat einen individuellen Charakter, weil das psychisch Widerspiegelte zum individuellen sinnlichen Abbild bzw. zum ideellen Abbild aufgebaut wird und somit etwas individuell Eigenes darstellt, welches sich vom anderen Menschen grundsätzlich unterscheidet, obwohl in sozialen Begriffen und Bedeutungen immer ein gesellschaftlicher Grundkonsens enthalten ist. Dementsprechend wird im Laufe des Lebens eines Menschen durch eine Vielzahl von Tätigkeiten, eine Motiv- und Tätigkeitshierarchie mit besonderer Art der Bindung mit Menschen und der Welt aufgebaut, die letztendlich auch die Persönlichkeit (persönliche Seinsbestimmung) bestimmt und sich von anderen menschlichen Persönlichkeiten abgrenzt, obwohl die Tätigkeitsaufbaulogik mit den psychischen Systemprozesseinheiten (Infrastruktur einer Tätigkeit) eine universale ist. Sie ist jedoch auch von ideellem Wert und findet Inhaltlichkeit in der sozialen Dimension, im System der gesellschaftlichen Beziehungen eine qualitative Verortung. Tätigkeit als individueller Ausdruck in den gesellschaftlichen Beziehungen, welche sich nur durch die eigene Tätigkeit in den gesellschaftlichen Bedeutungen produzieren kann und hiermit immer als Organisator (selbstorganisierte Orientierung des funktionellen und systemischen Systems) und Produkt (anzuwendende sinnbildende Hierarchisierungseffekte der funktionellen Systeme) zu werten ist. Entscheidende Rolle, als Beweggrund resp. als Initialzündung einer menschlichen Tätigkeit, sind die Bedürfnisse, welche verschiedenartig sein können und auch immer wieder das eigene erfahrene Selbst, hinsichtlich der Bedürfnisse bzw. Motivationen, wiederspiegeln.

Leontjew unterscheidet dabei, zwischen bio-vitalen, funktionalen und produktiv-gegenständlichen Bedürfnissen. Diese werden sich nach dem äußerlichen Kontakt in den umweltlichen Verhältnissen einer gegenständlichen Transformation, dem Motiv unterziehen müssen und dementsprechend in einem und mit einem gegenständlich- motivgeleiteten Tätigkeitsprozeß mit handlungszielorientierter und bedürfnisbefriedigender Resultaterwartung enden. Es ist natürlich kein linearer Prozeß, sondern ist dynamischen Schwankungen unterlegen, was die Bedürfnisse, Emotionen, Motive, sozusagen den gesamten affektiven Bereich angeht.

Nach dem Afferenzbereich, welcher noch in den folgenden Kapiteln angesprochen und erklärt wird, folgt im funktionellorganisatorischen Systemprozeß der stabilere Tätigkeitsprozeß bzw. der zweite Teil der Tätigkeit: die Handlung, die einer vorherigen Zielformulierung folgt und mit ihrem operationalen Handeln das Gesamttätigkeitsziel erzielen muß, damit ein Tätigkeitsakt, der beim Menschen am Tage unzählige Male abläuft, als abgeschlossen erklärt werden kann[90]. Diese menschliche Tätigkeit muß nach Leontjew als eine gerichtete, bedürfnisorientierte, mit einer fließenden Gegenwartsbedeutung im Hinblick auf die Gegenstandsbedeutung zur Bedürfnisbefriedigung und nach Anochin als vorauseilende Widerspiegelung des Gesamtziels zur Bedürfnisbefriedigung sowie dessen Ausrichtung der Handlungskette und operationalem Vorgänge zur Zielerreichung[91] gewertet werden. Jantzen ergänzt dazu, daß die Vergangenheit bei diesem fließenden Gegenwarts-/ Zukunftsbezug des Tätigkeitsprozesses als geronnene Tätigkeit, Gedächtnisprozeß und körperliche Organisation dient, auf den sich der Tätige beim aktuellen Tätigkeitsprozeß kontinuierlich rückbeziehen kann und muß, um ein orientiertes, planendes und erfolgreiches Tätig-Sein zu absolvieren. Von Leontjew wird die wirklich aktiv bedürfnisorientierte Tätigkeit als äußere Tätigkeit gewertet[92], obwohl die innere Tätigkeit wie die äußere Tätigkeit ähnlich gezielt-geplant hat.

Dabei wird von Jantzen eine vertikale Organisation konstatiert (Wechsel von der inneren zur äußeren Tätigkeit in der 3. Haupteinheit der funktionellen Organisation nach Luria[93]), wobei hierarchisch betrachtet, zuerst die Tätigkeit, dann die Handlung und Operationen folgen sowie untereinander ein Wechsel zwischen der Tätigkeit und Handlung und Operationen und Handlungen stattfinden können. Unterstützt wird diese These mit folgendem Zitat: „Im allgemeinen Tätigkeitsstrom, der das menschliche Leben in seiner höchsten, durch die psychische Widerspiegelung vermittelten Erscheinung konstituiert, werden somit erstens Tätigkeiten nach dem Kriterium unterschieden, das diese Tätigkeiten hervorruft, zweitens Handlungen, d.h. Prozesse, die bewußten Zielen untergeordnet sind und drittens schließlich Operationen, die unmittelbar von den Bedingungen zur Erreichung eines konkreten Ziels abhängen“[94]. Mittels der inneren Tätigkeit als Maßstab für die Handlungsprogrammatik bzw. als Modell des Künftigen mit dem nützlichen Endziel (Handlungszielformulierung) kann die äußere getätigte Handlung bewertet werden, sozusagen an der Efferenzkopie des gewissen Soll-Wertes der Tätigkeit. Bei erfolgreichen und abgeschlossenen Tätigkeiten, insbesondere in dem umfassenden Handlungsprozeß, werden die Sinneseindrücke, Operationen und Handlungsprogrammatiken im sinnlichen und bedeutenden (modal und amodalen) Abbild gespeichert resp. mit schon vorhandenen Abbildern ergänzt oder verändert bis zur höchsten Sinn- und Bedeutungsrealisierung der Erfahrungen. Leontjew sagt zur gegenständlichen Tätigkeit: „In der Tätigkeit vollzieht sich eine gewisse Öffnung der Sphäre der inneren psychischen Prozesse gegenüber der objektiven gegenständlichen Welt, die mit Macht in diese Sphäre eindringt“[95].

Als ein weiteres Problem stellt das Bewußtsein der Tätigkeit dar welches von der psychischen Widerspiegelung[96] unterschieden wird, daß als Öffnung des Weltbildes (das Bewußtsein) bezeichnet werden kann bzw. ein neben der denkenden, planenden, zielgerichtet handelnden Tätigkeit vermittelnder Prozeß ist, der diese höchst psychischen Prozesse ermöglicht, aber nicht als strukturell zielgerichteter Tätigkeitsprozeß verstanden werden darf, sondern als eine dynamische Bewegung zur Ermöglichung einer Durchführung einer zielgerichtet gegenständlichen Tätigkeit. Leontjew bestätigt: „Das Bewußtsein entsteht (...) im Ergebnis der Herausbildung einer für den Menschen spezifischen produktiven Tätigkeit (...) Das psychische Produkt als Ziel muß für das Subjekt so existieren, damit es in bezug auf dieses Abbild handeln, damit es das Subjekt in Übereinstimmung mit der gestellten Aufgabe verändern kann. Abbilder und Vorstellungen, die diesen Bedingungen entsprechen, sind erkannte Abbilder, erkannte Vorstellungen“[97]. Nach m.E. sollte neben dem bewußt geplanten und gezielten Handeln das bewußte Erkennen und Reflektieren eine besondere Stellung der Bewußtsseinsprozesse einnehmen, weil dort die erscheinenden Ziele bewertet werden können und bei mangelnder Erreichung weitere Handlungsprozesse geplant und durchgeführt werden müssen. Daraufhin kann das Bewußtsein nur als dynamische Bewegung für inhaltliche Erkennens-, Denk-, Handlungs- und Reflexionsprozesse gewertet werden, was selbst Lenin schon erkannt hat, indem er sagt: „Das Bewußtsein des Menschen widerspiegelt nicht nur die objektive Welt, sondern schafft sie auch“[98], womit die vorherig thematisierten psychischen Prozesse in ihrer Struktur und Funktion bestätigt worden sind und somit den höchst funktionellen Tätigkeitsprozeßbereich induzieren.

Zum Abschluß der ersten Thematisierung des allgemeinen Tätigkeitsbegriffs, der in den folgenden Kapiteln innerhalb einer umfassenden Tätigkeitstheorie und gewissermaßen in der Persönlichkeitsbildung und -veränderung nochmals aufgegriffen wird, möchte ich nach m.E. zwei grundsätzliche Thesen von Leontjew herauskristallisieren, die als psychologische Gesetze gelten und das nachhaltige Verständnis unterstützen sollen:

„(...) daß innere Tätigkeit eine echte Tätigkeit ist, die die allgemeine Struktur der menschlichen Tätigkeit bewahrt, in welcher Form sie auch immer abläuft. Mit der Behauptung, daß zwischen dem Aufbau einer äußeren, praktischen und einer inneren, geistigen Tätigkeit Gemeinsamkeiten bestehen, wird ein ständiger Übergang zwischen beiden Tätigkeitsformen angenommen, d.h., bestimmte geistige Handlungen können in die Struktur einer unmittelbar praktischen, materiellen Tätigkeit eingehen, und umgekehrt können äußere motorische Operationen dem Vollzug einer geistigen Handlung dienen und sozusagen in die Struktur der reinen Erkenntnistätigkeit eingehen“[99] und

„(...)daß auch die innere Tätigkeit, die Bewußtseintätigkeit, wie jede beliebige gegenständliche Tätigkeit des Menschen überhaupt, nicht aus dem gesellschaftlichen Prozeß ausgeschlossen werden kann. Es muß unterstrichen werden, daß der Mensch nur in der Gesellschaft den Gegenstand seiner Bedürfnisse findet, die seiner Tätigkeit entsprechen sowie die Ziele, die er verfolgt, und die Mittel, die der Realisierung dieser Ziele dienen“[100].

Die Tätigkeit für einen chronisch verwirrten Menschen ist unter seinen Ausgangsbedingungen, wenn man sie aus der Binnenperspektive betrachtet, eine entwicklungs-, tätigkeits- und handlungslogische. Der Betroffene versucht, unter höchstmöglicher Sinnrealisierung und Bedeutungsstrukturerfassung einen zielgerichteten und bedürfnisbefriedigenden Tätigkeitssprozeß durchzuführen und seine alltäglichen und lebensbedeutenden Bindungen zu seinen bedeutsamen Mitmenschen, zu den gesellschaftlichen Verhältnissen und eigenen Reproduktiosaufgaben durch ständig veränder- und anwendbare Tätigkeitsprozesse, basierend auf seinem eigenzeitlich biographischen Systemgedächtnis, aufrechtzuhalten. Durch das lebenslange Lernen und Fortentwickeln, sei es im Arbeits-, Familien und Gesamtgesellschaftszusammenhang, zu einem Menschen, der sich seine eigene Persönlichkeit aufgebaut hat und in sich seine lebendige Biographie trägt und somit von enormen sozialen Sinn- und Bedeutungsstrukturen und Erfahrungswerten durchsetzt ist, hat er eine handelnde soziale Wissenskomplexität angenommen, die so zu interpretieren ist, daß er im sozialen Verkehr problem- und mühelos tätig werden und sein kann, was bis auf biologische Abbauprozesse der Gelenke, Muskulatur etc.(altersnormale Erscheinungen) auch als realistisch zu werten ist.

Bei der chronischen Verwirrtheit mit der Grunderkrankung der altersbedingten DAT entstehen für die Betroffenen Tag für Tag immense problembehaftete Situationen der Begegnung mit Mitmenschen, Gebrauchsgegenständen etc., weil sie diese nicht mehr sinngemäß erkennen und die damit implizierte geschichtliche und funktionelle Bedeutung nicht befassen können. Diesen Menschen fehlt häufig die Werkzeugbedeutung der Gegenstände. D.h. sie wissen nicht mehr wie und wofür man mit ihnen umgeht resp. der Zweck der Gegenstände ist ihnen entfallen. Dementsprechend ist die Motivtransformation des Bedürfnisses anhand eines Gegenstandes oder der Sinn und Zweck eines wahrgenommenen Gegenstandes und was er (der Gegenstand) für bedürfnisbefriedigende Momente involviert, entfallen und folglich im weiteren Tätigkeitsprozeß nicht anwendbar. Dies ist auch auf die zu begegnenden Menschen übertragbar, indem der Mensch als Gegenstand, den der Betroffene nicht mehr sinnlichbedeutend (aus seiner Geschichte heraus) erfassen kann, erscheint. Diese psycho-physische Störung findet im psychischen Afferenzbereich statt (in der Ausbildung der Bedürfnis-Sinn / Emotion- Informationsdifferenz zur Außenwelt[101]), womit chronisch verwirrte Menschen noch nicht äußerlich tätig geworden sind, sondern rein äußerlich betrachtet unter apraktischen Merkmalen leiden, womit ein motiv- und zielgerichteter Tätigkeitsprozeß schwer zu realisieren ist.

Der soziale Sinn- und Bedeutungszusammenhang „bröckelt“ zunehmend ab, es wird vermehrt aus der eigenen früheren Biographie erkannt, erfaßt, interpretiert, erzählt bzw. argumentiert, wodurch für Außenstehende ein ständiger Konflikt der Realitätsbedeutung existent ist. Die Frage nach der Wahrheit und Vernunft entsteht. Wenn man den Menschen in seiner persönlichen Freiheit betrachtet, ist das Erstgenannte immer subjektiv, also wahr, system- und sinnhaft. Lediglich unter sozialgenormten Bedingungen wird es als verrückt, irre oder auch „nur“ eine verhaltensauffällige soziale Devianz angesehen. Das Abweichen von der sozialen Normalität und die mangelnde Sinnerfassung und -realisierung der sozialen Realität werfen natürlich Fragen auf, wie der Mensch, mit der eigenen „fremden Welt“ und dem Leben in der „angeblichen“ Vergangenheit bzw. in seiner inneren Realität umgeht. Die vermeintliche Vergangenheit erscheint demjenigen gegenwärtig und real. Gründe zur Erklärung des tätigen Durchlebens der Vergangenheit, bedingt durch die soziale Isolation wiederum bedingt durch die differente Verhältniszeit zur Umwelt, bietet die entwicklungslogisch ableitende Folge der eigenen biographischen System-Eigenzeit, und damit ebenfalls in der zeitlichen Erfassung, Vorstellung und der Ausrichtung der eigenen Tätigkeitsprozesse mittels der menschlichen Hysterese. Dann ist der chronisch verwirrte Mensch nicht nur „anders“ als die Persönlichkeit eines anderen Menschen, was auch völlig legitim ist, sondern auch noch „anders“ als der soziale Grundkonsens des „Verhaltenskodexes“ der Gesellschaftsmitglieder.

Es stellt sich die Frage, was diese Tätigkeitsprozeßveränderungen bei einem chronisch verwirrten Menschen in seiner Struktur und funktionellen Ablaufsfolge ausmachen, welche einem die soziale Realität (aber nicht die eigene biographische) entziehen bzw. den „unsrigen“ gemeinsamen sozialen Realitätsinhalt. Nach Wygotski ist nicht die Funktionalität zwischen den Strukturen defekt, sondern lediglich die Verbindungen, welche sich beim strukturellen Nervenzellverlust in den limbischen und neokortikalen Gebieten[102] bei der DAT manifestieren. Jedoch ist die psychische Funktionalität immer existent, bloß unter der Bedingung der noch vorrätig intakten Nervenzellen der betroffenen Gebiete und deren übriggebliebenen Verbindungen, und das sind meistens strukturelle Nervenzellen aus dem neokortikalen Langzeitspeicher. Dementsprechend ist biographisches Wissen strukturfunktionell, persönlichkeitsausdrückend und die einzige Möglichkeit des subjektiven Inhalts bzw. Sinn zu realisieren.

Nach der vorherigen Thematisierung des allgemeinen Tätigkeitsbegriffs nach Jantzen und Leontjew muß man grundlegend feststellen, daß dem chronisch verwirrten Menschen bereits während der inneren Tätigkeit des Tätigkeitsprozesses, bei der systemischen Prozeßstation der Bedürfnisgenerierung (erschwert) aber spätestens bei der Sinnbildung zur Außenwelt (psychische Widerspiegelung) enorme Schwierigkeiten der Erfassung und Verarbeitung auf den chronisch verwirrten Menschen einwirken. Er kann den sozialen Bedeutungsgehalt aufgrund von Überstimulation der Sinnbildung (alles erscheint neu, und es werden andauernd Orientierungsreflexe ausgelöst, welches innerpsychischen Streß und Reizüberflutung bedeutet) und des Abrufens des Bedeutungsgehalts aus dem Gedächtnis, aufgrund des Verschlusses der sinnlichen Überstimulation oder des progredienten pathologischen Verlaufes der tertiären Felder in der dritten Haupteinheit des Neokortex (kortikaler „Zerfall“ der bedeutungsspeichernden Gedächtnisstrukturen), nicht entschlüsseln, um sich im eigenen Tätigkeitsprozeß an den sozialen Verhältnisse zu orientieren.

Abschließend kann konstatiert werden, daß chronisch verwirrte Menschen die soziale Welt eher als fremde Welt, in der sie sich kaum zurechtfinden, deuten; und wenn sie sich darin bewegen, benötigen sie Hilfe zur Orientierung in der sozialen äußeren Realität, weil ihre biographische intrinsische Realität mit der sozialen äußeren nicht konform geht und sie nicht die Möglichkeit haben, sich nach ihrer strukturellen und funktionellen Eigenzeit-Verfassung der makrozeitlichen Dimension und den gesellschaftlichen Verhältnissen der Außenwelt anzupassen. Ohne personelle Begleitung (Begleitung durch professionell Pflegende und geschultes Hilfspersonal, Angehörige etc.) ist ein Leben in Form seiner Tätigkeitsprozesse nur in vertrauter und bekannter Umgebung resp. Mitmenschen und biographisch relevanter Gegenstände etc. möglich. Unter diesen Bedingungen sind die angesprochenen psychischen Systemverläufe der bedürfnistransformierten Motiv- und zielgerichteten Handlungsbildung möglich, und der chronisch verwirrte Mensch erhält die Option, sein Bedürfnis nach subjektiver Sinnrealisierung zu befriedigen. Er braucht nicht jede begonnene Tätigkeit abzubrechen, sondern kann Tätigkeiten seiner unmittelbaren Lebenswelt erfolgreich und befriedigend beenden, was insofern einer Persönlichkeitsbestätigung bzw. -bewahrung gleichkommt und eine grundlegende persönliche Veränderung innerhalb dieses Entwicklungsniveaus verhindert. D.b., der unter gesellschaftlich isolierenden Bedingungen lebende Mensch hat mittels eines vertrauten Lebensbereiches und eines hohen Bekanntheitsgrades der Räumlichkeiten, Gegenstände etc. (häuslicher Bereich), die Aussicht eigenzeitliche Motiv- und Handlungsprogramme für sich selbst zu taxieren, auszuhandeln und anzuwenden, was für seine Entwicklung und unmittelbare Lebenssituation sehr förderlich wirkt, weil der Kampf um den Sinn und gegen die Bedeutungslosigkeit durch eigenverantwortliche, selbständige, selbstbestimmende und biographisch orientierte Lebensaktivität ersetzt werden kann. Begleitende Personen, die ihn verstehen, zu ihm eine Verhältniszeit aufbauen und Dialogisierung, Kommunikation und Interaktion gestalten können, ermöglichen ihm die Chance, sich innerhalb der eigenen Gattung zu spiegeln, was sozusagen dem Bedürfnis der Bindung sowie Anerkennung zur eigenen Gattung nachkommt und als lebensnotwendig erscheint, um Identifikationsmöglichkeiten zu ermöglichen, damit der Kontakt zu sich selbst weiterhin aufrechterhalten werden und er sich als lebendiges menschliches Wesen fühlen kann.

3 Das Psychosyndrom „Chronische Verwirrtheit“

Dieses Psychosyndrom[103] der chronischen Verwirrtheit wird unter den mannigfaltigen Demenzarten, insbesondere in dieser Arbeit thematisierten senilen Demenz des Alzheimer- Typs (DAT), als eine spezifische Ausprägung von neuropsychologisch und psychisch-emotionalresultierenden Symptomen verstanden, welche in ihrer neuropsychologischen und psychodynamischen Manifestation eine komplexe Ausprägung erfahren. Folglich manifestiert sich die chronische Verwirrtheit innerhalb der differenten Demenzarten je nach biopathologischer Ursächlichkeit, Lokalisation der betroffenen Hirngebiete (und deren neuronaler Verbindungsabriß zwischen den psychischen Systemen) und seiner Entwicklungslogik und –dauer völlig unterschiedlich[104]. Füsgen versteht diese chronische Verwirrtheit als einen Symptomkomplex und unverwechselbar mit dementiellen Erkrankungen. „Verwirrtheitszustände können einerseits völlig unabhängig von einer Demenz auftreten, zum anderen aber auch Vorboten oder Begleiterscheinungen verschiedener dementieller Erkrankungen sein, bzw. den dementiellen Prozeß überlagern“[105], wobei die chronische Verwirrtheit innerhalb dieser Arbeit auf einem dementiellen Grunderkrankungshintergrund basiert, also als eine symptomreiche Begleiterscheinung zu verstehen ist. In manchen Fällen kann ein lang anhaltender Verwirrtheitszustand oder mehrfach episodisch auftretende Verwirrtheitszustände in eine chronisch verlaufende Demenz übergehen, dieses aber muß nicht die Regel sein, sondern nur ein möglicher Werdegang einer etwaigen Verwirrtheit[106], wobei bei einer langandauernden DAT die chronische Verwirrtheit bei einem betroffenen Menschen unvermeidbar ist. Begründet wird dieser Sachverhalt mittels der progredienten neurobiologischen Veränderungen in den subkortikalen und neokortikalen Hirngebieten (insbesondere in den letzten beiden Stadien nach den Forschungsergebnissen nach Braak/Braak), die verantwortlich für die subjektive Sinnrealisierung, Gedächtnisabfrage und –aufbau, Lernfähigkeit, Tätigkeitsplanung und -durchführung resp. generell für die essentielle Herstellung eines persönlichen Sinn- und Bedeutungszugangs sind, damit der Mensch sich im sozialen Verkehr problemlos tätig organisieren und ausdrücken kann. Abwendbar ist die chronische Verwirrtheit nicht, weil die medizinische Behandlung eher einem therapeutischen Nihilismus gleicht, da sie bisher nur symptomatisch, aber nicht kausal erfolgt und somit nicht heilbar ist. Um die Verwirrtheit im Entstehungs- und Entwicklungsprozeß verstehen zu können, ist es wichtig, die Ursächlichkeit und die pathologischen Mechanismen zu isolieren und die Wirksamkeit einzuschätzen, was in dieser Arbeit aber nicht zentrales Thema ist und daher nur am Rande thematisiert werden kann. Diese Anwendung der chronischen Verwirrtheit unter der Bedingung der meist schleichend verlaufenden, dann aber auch progressiven und progredienten DAT, ist die Beschreibung der chronischen Verwirrtheit nach gegenwärtigen wissenschaftlichen Erkenntnissen zur DAT, die diese Anwendung der Syndromerschließung legitimiert und haftet sich nicht an hypothetische Mutmaßungen von Verwirrtheitszuständen und -verläufen von insuffizienten Beschreibungen neuropsychologischer Krankheitsbilder an. Die abstrakte Thematisierung der chronischen Verwirrtheit erfolgt also auf der Grundlage des Gesamtbildes des klinisch-medizinischen und neuropsychologisch dementiellen Syndrombildes der DAT[107] und erfährt in Ansätzen, innerhalb der Vorstellung des Syndrombildes der DAT, eine fokussierte Beschreibung und Isolierung der neuropsychologischen „Defizite“ bzw. sozialauffälligen Symptome der Entkopplung zur sozialgenormten Realität, welche nach tätigkeitspsychologischen und psychisch funktionellen Kriterien (s. Kapitel 3.2. u. 4.1.3. dieser Arbeit) durchgeführt wird. Diese abstrakte und syndromale Beschreibung ist im Rahmen der verstehenden Diagnostik als erster Schritt zum Erklärungswissen zu verstehen (abhängige Abstraktion), wobei die Anwendung des Syndroms auf die Entwicklung eines Menschen als vollendeter Schritt zu betrachten ist, weil der Diagnostiker mit dem Wissen die Entwicklungslogik und Persönlichkeitsentwicklung ab dem Zeitpunkt der syndromalen Integration des Menschen rekonstruieren und prognostizieren kann (s. Kapitel 4.2). Die Argumentation zur Thematisierung der chronischen Verwirrtheit der DAT, obwohl es unzählige dementielle Syndrome (MID, gemischte Demenz: DAT+MID, funktionelle und psychosozial-depressive Pseudodemenz, Demenz pugulistica, alkoholische Demenz, Lewy-Körperchendemenz, parkinsonische Demenz, juveniler Demenz etc.) gibt, erfolgt, weil sie erstens durch die intensiven Forschungsarbeiten nach Braak / Braak eine progrediente biopathologische und neuropsychologische Entwicklungslogik, eine enorme gesellschaftliche Aktualität und Betroffenheitsrate (ca.65- 70% von 1,2 Mill. betroffenen Menschen, die unter DAT leiden, leiden ggf. unter chronischer Verwirrtheit) und eine gesicherte wissenschaftliche Basis bietet. Reisberg ordnet in seinem Senilitätsphasenmodell (1.Phase: Vergeßlichkeit, 2.Phase: Verwirrtheit und 3. Phase: dementieller Zustand), das einen stetigen Abbau der geistig-kognitiven Fähigkeiten bis zur kognitiven Abulie[108] impliziert, die chronische Verwirrtheit der DAT, wegen des stetigen Fortschreitens und der Irreversibilität des Krankheitsprozesses, in die dritte Phase ein. Dieses Modell wird nicht als Stadieneinteilungsinstrument der chronischen Verwirrtheit herangezogen, weil die implizierten wissenschaftlichen Erkenntnisse keine fundierte Grundlagen bieten.

Wie oben schon angekündigt, folgt im ersten Schritt die Abstraktion des Psychosyndroms „chronische Verwirrtheit auf der Grundlage der DAT“ im Rahmen der Syndromanalyse durch die neuropsychologische Block-/ Haupteinheitstheorie der drei funktionellen Haupteinheiten nach Luria[109]. Darauffolgend wird im 2. Schritt der Abstraktion (im Kapitel 4.1.2. u. 4.1.3.) anhand der tätigkeitspsychologischen Darstellung nach Anochin, Decker etc. eine transparente Erklärung der Problematik eines Betroffenen im Tätigkeitsprozeß herbeigeführt, welche die Gesamtproblematik der chronischen Verwirrtheit im Tätigkeitsprozeß thematisiert und die psychisch funktionellen Systeme in ihrem Zusammenhang erklärt. Dies soll den Abstraktionsgrad des Syndroms verdichten, die Schwerpunkte der psychischen Problematik herausstellen und die Einbindung in den menschlichen Tätigkeitsprozeß verdeutlichen, um bei der Anwendung zur menschlichen Entwicklung und Persönlichkeitsentwicklung eines betroffenen Menschen gezielter argumentieren und ihn auch verstehen zu können. Aber zuvor wird die Verlaufslogik der DAT, währenddessen die zunehmend neuropsychologische Symptomatik mit den befallenen Hirnlokalitäten korrelieren, nach der Stadieneinteilung nach Braak / Braak beschrieben, wobei für die folgende Beschreibung der chronischen Verwirrtheit das 5. und 6. Stadium der DAT maßgebend sind.

An dieser Stelle soll nochmals kurz darauf hingewiesen werden, daß dieser Schritt zur Syndrombestimmung der chronischen Verwirrtheit im Rahmen der verstehenden Diagnostik unternommen wird, um annähernd rekonstruieren und verstehen zu können, unter welchen inneren und äußeren Bedingungen (die beide soziale Isolationsbedingungen darstellen) der Betroffene sein Leben gelebt, sich entwickelt hat und es ihn bei fehlender Kompensation und langanhaltender Syndromeinwirkung in seiner Persönlichkeit verändert hat. Dies stellt unter Beweis, daß die psycho-soziale Ebene eines Menschen, die „führende“ aber zur vollständigen Partizipation am sozialen Verkehr, die Intaktheit der biologischen Ebene, die entscheidende Ebene ist.

3.1 Krankheitsverlauf der chronischen Verwirrtheit in Bedingung zur DAT nach Braak / Braak

Braak/ Braak, die beide gemeinsam als ProfessorInnen für Anatomie an der J.W. Goethe Universität bzw. dem Klinikum in Frankfurt arbeiten, sprechen nach jahrelangen intensiven Alzheimer-Forschungen (1989-1998) bzw. deren mikroskopischen Analysen der neurobiologischen Veränderungen in der extra- und intrazellulären Neuronalstruktur in den (sub-)kortikalen Hirnlokalitäten von einer kaskadialen Entwicklungsdominanz der schichtspezifischen (sub-)kortikalen Hirnlokalität. „Der destruktive Prozeß folgt also einem kennzeichnenden Muster, das als feste Basis für eine Stadieneingliederung der pathologischen Veränderungen dienen kann. Obwohl die Hirnschäden allmählich und kontinuierlich an Schweregrade zunehmen, werden aus praktischen Gründen sechs Stadien (die im folgenden erläutert werden, O.F.) in der Entwicklung der Veränderung unterschieden“.[110] Kurz anzumerken ist, daß zur Entwicklungslogik der DAT anhand der neurobiologischen Veränderungen nicht das Hirnamyloid von extrazellulärer Qualität herangezogen wird, weil es erstens im biologischen Hirnalterungsprozeß ebenfalls vorkommt und die Beeinträchtigung der kortikalen Hirnfunktion der spezifischen Nervenzellen noch nicht definitiv verifiziert ist, obwohl amerikanische Forscherteams die Entzündungsprozesse durch die Zytokine der amyloiden Plaques für den starken Nervenzellverlust der kortikalen Felder bzw. mindestens eine starke Mitbeteiligung der pathologischen Mechanismen verantwortlich machen, und zweitens, weil die Entwicklungslogik und -muster sehr variabel erscheinen, und damit keine biopathologische Gesetzmäßigkeit aufzeigen[111]. Ferner werden für die Stadieneinteilung in ihrem biopathologisch- kortikalen Verteilungsmuster und präzisen Korrelation zur DAT-Symptomatik, die intraneuronalen und -zellulären Ablagerungen der neurofibrillären Tangels und Neuropilfäden herangezogen, welche unterschiedlich im neuronalen Zellkörper in einer bestimmten Schicht, Ort und Zelltyp ihre pathologische Präsenz wirken lassen. Vollständigkeitshalber werden in der folgenden Darstellung die frühen Stadien zusätzlich erwähnt und kurz beschrieben, obwohl sie keine chronische Verwirrtheitssymptomatik beim betroffenen Menschen implizieren.

Somit entsteht aber ein komplettes Bild der ontologischen Pathologie des Entstehens und Werdens der DAT und seiner Anfänge der chronischen Verwirrtheit. Außerdem fördert es das Verständnis der befallenen (sub-)kortikalen Hirnlokalitäten mit den Funktionseinbußen der involviert funktionell psychischen Systeme.

[...]


[1] Das Rentner-Erwerbstätigen-Verhältnis wird sich in den 50 Jahren von 40:100 auf 75:100 fast verdoppeln und die prozentuale Aufteilung der Bevölkerungsgruppen über 60 Jahre und älter wird sich im Jahre 2000 von 22,4% im Jahre 2050 auf ca. 37% hochstilisieren (URL: http//www. bib-demographie.de).

[2] [2] Diagnosehäufigkeit zu einem bestimmten Zeitpunkt bezogen auf die Population. „Die Häufigkeit von Demenzen- die Prävalenz -ist das Produkt aus Inzidenz und Krankheitsdauer“ (Zaudig ,S.21)

[3] Zaudig, S.13.

[4] Die sozial konstruierte Behinderung eines Menschen baut auf das defizitäre Naturwesen Mensch auf, welches im Arbeits- und Verwertungsprozeß nur eine mindere Güte erfährt und dementsprechend nicht leistungsgerecht gegenüber den „Normalen“ sein kann und daher eine sozial zu lebende konstruierte Welt erhält, die überwiegend eine soziale Ausklammerung des Behinderten beinhaltet. Geistige Behinderung, worunter die chronische Verwirrung ebenfalls zu zählen ist, basiert auf ein soziales Normalitätskonstrukt der Gesellschaft mit fremdbestimmt isolierenden Folgen auf die Partizipation des Gesellschaftslebens (sozialer Verkehr).

[5] „Weder der personenbezogene Beobachterstandpunkt, der alles Verhalten aus der naturgegebenen Andersartigkeit der durch den Defekt bestimmten behinderten Person ableitet, noch der verhaltensbezogene Beobachtungsstandpunkt, der alles Verhalten aus den sozialen Umständen her begreifen möchte, noch das unreflektierte Gebrauchen beider Standpunkte nebeneinander werden der diagnostischen Komplexität des Problems gerecht“ (Jantzen, 1998, S. 44).

[6] Jantzen schreibt dazu, daß Basaglia und Luria den methodischen Grundgedanken haben: „(...)der methodologischen Rekonstruktion eines diagnostischen Weges, der analytische Zergliederung überwinden und die Ganzheit des Menschen wieder in den Mittelpunkt zu stellen versucht“ (Jantzen 1994, S. 126).

[7] Die äußere Beobachtung ist nur auf die objektiven und meßbaren Zeichen eines Menschen aus und schafft durch seine künstliche doppelte Realität den Reduktionismus, der von einem mechanistischen und determinischen Menschenbild ausgeht und sich jenseits von einem ganzheitlichen Menschenverständnis befindet.

[8] Jantzen 2000/2001, S. 38.

[9] Jantzen 2000/2001, , S. 39.

[10] Jantzen, 1999, , S. 32.

[11] Jantzen 1996, S. 10.

[12] Decker 1997, S. 13f.

[13] Eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem pädagogischen und therapeutischen Handeln mit chronisch verwirrten Menschen, den ich als Beitrag zur praktischen professionellen Pflege verstehe, findet sich im 5. Kapitel dieser Arbeit.

[14] Jantzen 1996, S. 15.

[15] Die chronische Verwirrtheit der DAT wird in den internationalen Diagnoseschlüsseln ICD-10 und DSM IV nicht als eine geistige Behinderung bewertet, sondern als organisch begründbares Psychosyndrom

[16] Jantzen 1999, S. 34.

[17] „Ideologische Entschlüsselung meint, diese Realität nicht mehr unter dem Vorrang des Defekts zu betrachten und dialektische Entschlüsselung zielt auf unser Vorhaben der Rehistorisierung, das ich in einer ersten Annäherung damit beschreiben möchte, daß Defekte nicht mehr als Ausgangspunkt, sondern als Resultat von Entwicklung betrachtet werden müssen“ (Jantzen 1999, S. 33), indessen menschliche Defekte bei genügender und langwierigen Isolation bzw. im Laufe seiner veränderten sozialen Entwicklungsmöglichkeit, eine soziale Realität annehmen., die man als Kompetenz interpretieren muß, weil eine andere Alternative nicht möglich ist und die umweltlichen Konditionen, diese auch nicht unterstützen.

[18] Decker 1997, S. 16.

[19] Das pädagogische und therapeutische Angebot der professionell Pflegenden muß sich am biographischen Inhalt des Betroffenen orientieren, weil neue Inhalte als zu fremd bzw. vermindert aneigbar sind. Die Einbeziehung der psychobiologischen Bedingung ist dabei von entscheidender Bedeutung.

[20] Jantzen 1994, S. 130.

[21] Braak / Braak 1997, Neue neuropathologische Befunde bei der Demenz vom Alzheimer- Typ, S. 103- 115. In: Rösler, Retz et. al, Alzheimer Krankheit, 1997.

[22]“Natürlich kann eine Syndromanalyse nur so gut sein, wie die Qualität der zugrundeliegenden Theorie der höheren kortikalen Funktionen bzw. der in diese eingehenden Theorie der psychischen Prozesse“ (Jantzen 1994, S. 131).

[23] Aus diesen Gründen müssen die psychischen Begrifflichkeiten sehr genau bestimmt werden und dem wissenschaftlichen Konsens entsprechen. „Jeder Begriff hat demnach seinen Empiriebereich (und hinter diesem seine Wirklichkeit), hat also eine induktive Basis, für die er angemessen ist. Insofern trägt jeder Begriff Realität in sich genauso wie jede empirische Feststellung bereits begriffliche Vorentscheidungen in sich trägt. Und nur insofern, also bezogen auf die Realität, die induktiv erfahren im Begriff durch Negation ihrer Vielfalt verallgemeinert wird, ist der Begriff analytisch“ (Jantzen 1996, S. 20).

[24] Zur thematischen Vertiefung der psychischen Systeme in ihrer Entwicklung, Struktur und Funktionalität empfehle ich die Publikationen der russischen Psychologen von Wygotski (kulturhistorisch- sozialer Ansatz), Luria (neuropsychologische Argumentation) und Anochin (funktionell systemischer Ansatz).

[25] Siehe Braak / Braak 1997, S. 103- 115.

[26] Jantzen, 1994, S. 137.

[27] „Syndromanalyse (...) hat den Kern der Retardation zu bestimmen“ (Jantzen 1999, S. 35).

[28] Dieser Aspekt ist besonders wichtig, weil die betroffenen Menschen eine wandelnde Lebensgeschichte hatten und in gewisser Weise auch noch haben. Diese ist mit intellektuellen und entwickelnden Fähigkeiten des Neudazulernens verbunden, was das folgende Zitat belegt: „Natürlich wirkt sich eine frühe Störung weit eher auf die Entwicklung der nächst höheren Funktion aus, während bei einer späteren Störung die höheren psychischen Funktionen bereits aufgebaut sind und folglich im Vergleich zu ihnen eher niedere Funktionen gestört werden“ (Jantzen 1998, S. 58). Dies soll darauf verweisen, daß die Betroffenen ebenso wie geistig behinderte Menschen eine entwicklungspsychopathologische Phase durchlaufen, jedoch mit dem Unterschied, daß sie die sozialstrukturelle Gewalt erst im Alter erfahren und sich in ihrem Lebensweg eine sozial-biographische Persönlichkeit aufgebaut haben, wobei den geistig-behinderten Menschen dies meist verwehrt wird.

[29] Jantzen 1994, S. 141.

[30] Jantzen 1998, , S. 51.

[31] Jantzen, 1994, S. 141.

[32] Die verschiedenen Syndrome sind als eine Form von geistiger Behinderung (bedingt durch die soziale Konstruktion) zu betrachten und zu verstehen, weil sie in sich alle eine differente Problematik im Austausch mit der sozialen Welt haben und sozial unterschiedlich verhaltensauffällig sind.

[33] Jantzen 2000/2001, S. 44.

[34] Jantzen, 2000/2001, S. 49.

[35] Ebd., S. 53.

[36] Die Isolationstheorie nach Jantzen (erhält Anwendung im Kapitel 4.2.2 dieser Arbeit) bietet eine Erklärung, wie und unter welcher Art von Beeinträchtigungen und den ableitenden isolierenden Bedingungen gegenüber dem umweltlichen Austausch sich der Mensch aussetzt und bei fehlender Kooperation es zu intorisierten Effekten führt. Folglich kann eine individuelle Entbindung zum austauschenden System Umwelt und eine selbstbeziehende Fixierung beobachtet werden, welches die Systemintegrität bewahrt (eigenzeitliches Leben in sich selbst mit einer sehr geringen informellen Offenheit zur Umwelt).

[37] Jantzen 1996, S. 22.

[38] Ebd., S. 26.

[39] Der Terminus der Gegenübertragung stammt aus der Psychoanalyse und meint, daß der Therapeut die psychosozialen Problematiken des Klienten auf sich wirken läßt, sie kontrolliert, versteht und Konfliktlösungsstrategien als therapeutische Maßnahme mit dem Klienten entwirft.

[40] Jantzen 1994, S. 145.

[41] Jantzen 1998, S. 59.

[42] Dieser Begriff enthält im gesellschaftlichen Kontext oder wie in diesem diagnostischen Moment immer eine Wertigkeit der sozialen Verortung.

[43] Jantzen 1994, S. 147.

[44] „Rehistorisierung bedeutet an erster und wichtigster Stelle, daß der/die andere als Subjekt seiner/ihrer Geschichte begriffen wird. Da dies im Kontext der jeweiligen Lebenssituation bisher nicht oder nicht hinreichend gesehen wurde oder gesehen werden kann, ist eine Übersetzungsleistung notwendig, warum jemand so ist wie er ist. Und vor allem dann, wenn ihn sonst niemand versteht. Diese Übersetzungsleistung bestimmt die Aufgabe der Diagnose“ (Jantzen 1998, S. 50).

[45] An dieser Stelle läßt sich konstatieren, daß das Verstehen des Anderen bedingungslose Voraussetzung ist, um mit dem Betroffenen verstehend handeln zu können. Verstehen kann auch bedeuten, verstehendes Erkennen des Betroffenen im diagnostizierenden und handelnden Pflegenden.

[46] Jantzen schreibt dazu: „Aber immer bedeutet die Wahrnehmung persönlicher Verantwortung vor allem anderen die Wahrnehmung des verstörten Blicks des anderen“ (Jantzen, W. 2000/2001, S. 55).

[47] Der Reflexionsprozeß, den der Diagnostiker zu leisten hat, ist ein besonderer, weil der Blick des Erkennens und Verstehens immer einem gewissen „Mainstream“ ausgesetzt ist und die innere Sichtweise eine sekundär reflexive ist: „...sind wir im ersten Knecht, also in unseren sozialhistorisch bedingten sozialen Wahrnehmungen, und im zweiten frei, in der Aufhebung dieser Bestimmtheit durch Reflexion“ (Jantzen, W. 2001, S. 2).

[48] Jantzen 1996, S. 27. Ergänzend sagt Jantzen an anderer Stelle zu diesem Reflexionsprozeß, daß Verstehen nur durch die hinzuziehende Bindung an Erklärungswissen bzw. die persönliche Entwicklung bedingt durch die soziale Entwicklungsmöglichkeit und Empathie sich vollziehen kann. Dadurch ist adäquat lebenssituatives und humanes Handeln mit dem Betroffenen möglich.

[49] Ebd., S. 28.

[50] „Der oder die andere wird damit zur entscheidenden Prüfinstanz für unser eigenes Handeln. Denn mein Verstehen wird immer durch die Akte des anderen bestätigt oder nicht und kann hieran von jedem Dritten abgelesen werden“ (Jantzen 2000, S.2).

[51] Böhme 1994, S. 263.

[52] „Zentrale Voraussetzung und Ziel rehistorisierende Diagnostik ist es, das Feld der Macht zu öffnen und den bisher als Objekt wahrgenommenen geistig behinderten Menschen als mit Vernunft ausgestattetes Subjekt zu betrachten“ (Jantzen 1999, S. 70.

[53] Jantzen 2000/2001, o.S.

[54] Jantzen 1999, S. 61.

[55] Jantzen 2000, S. 10. In einem anderen Artikel sagt Jantzen dazu: „Denn immer gehört zu einer Situation das unverfügbare Recht des Anderen, „Nein“ zu unseren Deutungen zu sagen. Erst dieses Recht schafft Freiheit, und nur die Garantie von Freiheit schafft die Möglichkeit der Entwicklung (...). Insofern ist der Schlüssel zu jeder Form von Rehistorisierung der Verzicht auf Gewalt“ (Jantzen 2000, S. 7/8).

[56] Jantzen 2000/2001, S. 54.

[57] Die hermeneutische Wissenschaftsmethode innerhalb der Theorie der Geisteswissenschaften beinhaltet die sinnbedeutende und verstehende Interpretation von Gegenständen und symbolischen Erscheinungen in ihrer strukturellen Gegebenheit und Funktionalität und des geschichtlichen Ursprungs und dessen entwicklungslogischen Verlaufes in ihren Bedingungen.

[58] Jank / Meyer 1994, S. 114f.

[59] Georg Feuser, geb. 1941, Professor am Studiengang „Behindertenpädagogik“ der Universität Bremen; 30 jährige pädagogisch-therapeutische Praxis und Forschungsarbeit; zahlreiche Veröffentlichungen zur „integrativen Pädagogik“.

[60] Dieses Menschenbild wird dem biomedizinischen Modell unterstellt, in dem es über pathologisch physikalische und chemische Ursache-Wirkungszusammenhänge des Menschen geht und nicht über seine komplexe Struktureinheit der drei Ebenen bio-psycho-sozial. Es läßt sich ableiten von einem Newtonschen Weltbild: „Diesem sind Annahmen eigen, daß Veränderungsprozesse, mithin auch solche der „Entwicklung“, linear organisiert und kausal deduzierbar wären“ (Feuser 1995, S. 85).

[61] Diese gesellschaftliche Werteinstellung und -haltung der sozialgenormten Leistungsfähigkeit fungiert als soziales Kontrollparadigma und Beobachtungskriterium, welches als Stigmatisierungs- und Aussonderungsinstrument genutzt werden kann, beispielsweise bei sozial-integrativem Desinteresse in allen Lebensbereichen (Politik, Ökonomie, Soziales etc.).

[62] „Be-Hinderung ist letztlich Ausdruck, was ein Mensch mangels angemessener Möglichkeiten und Hilfen und durch vorurteilsbelastete Vorenthaltung an sozialen Bezügen und Inhalten nicht lernen durfte, und Ausdruck unserer Art und Weise, mit ihm umzugehen“ (Feuser 1995, S. 132).

[63] Vgl. Feuser 1995, S. 127. An anderer Stelle sagt er weiter: „Bezogen auf die altruistische Kooperative Mensch wird, was im Rahmen der Selbstorganisation referentiell zur eigenen Biographie ein Informationspotential erzeugt, zu dem, was dem System Sinn macht, der sich in Form von Bedeutungen als Informationsbildung realisiert. Das bedeutet, daß keine menschliche, dynamische Zustandsform sinnlos (d.h. losgelöst von Sinn) wäre, weil sie letztendlich aus der altruistischen Kooperation nicht entbunden werden kann“. Deshalb ist die negative Sinnbildung bei sozial isolierten Menschen durch die subjektiv empfundene gesellschaftlich isolierte Randbedingung sehr gefährlich für einen Menschen, weil sich darüber die eigene Persönlichkeit definiert.

[64] Fundierte Erörterungen der neurobiologischen Veränderungen zur Krankheit der DAT, die in dieser Arbeit die hirnpathologische Grunderkrankung zur chronischen Verwirrtheit darstellt, sind in der Diplomarbeit von Decker nachzulesen und zu ggf. zu vertiefen, obwohl im folgenden Kapitel die betreffenden neurobiologischen Hirngebiete zur Orientierung der neuropsychologischen Problematisierung genannt werden, aber nicht die detaillierten Veränderungen, weil die biologische Ebene in dieser Arbeit kaum von Belang ist, sondern die psychische Syndrommanifestation als erster Schritt des Erklärungswissens und der Aufdeckung, wie das Syndrom auf die Persönlichkeit eines Menschen wirkt.

[65] Siehe dazu Kapitel 5 dieser Arbeit.

[66] Illustrative Abbildung in: Feuser 1995, S. 101. Siehe Anhang.

[67] Feuser 1995, S. 99: Abb. 5 ist dazu sehr illustrativ und ergänzt die abstrakte Denke sehr bildhaft und konkret vorstellbar. Siehe Anhang dieser Arbeit.

[68] Das Modell der Hysterese wird im Kapitel 4.3 bei der Veränderung der Motivhierarchie und Tätigkeitshierarchisierung innerhalb der Persönlichkeitsentwicklung bei chronisch verwirrten Menschen als Erklärungsinstrument thematisiert.

[69] Feuser 1995, S. 113.

[70] „Pädagogik und Therapie sind ihrerseits nur „Mittel“, im Sinne der Lernfeldorganisation, in Kenntnis der Analyseergebnisse der Biographie (Entwicklungsdiagnostik), Randbedingungen des Systems- und das meint immer Kooperationsbedingungen- so zu modifizieren und zu strukturieren, daß die Wahrscheinlichkeit für die Stabilisierung des Systems auf einem bestimmten Zweig seiner entwicklungslogischen Möglichkeiten größer wird“ (Feuser 1995, S. 121).

[71] Ebd., S. 121.

[72] „Zeit ist, (...)der die Einheit eines evolvierenden Systems generierende Faktor, mittels dessen sich sein System im Sinne energetisch und informationell synergetischer Prozesse mit anderen Systemen in Beziehung zu setzen vermag“ (Feuser 1995, S. 98). Dieses Prinzip der Eigen-Zeit versucht der Diagnostiker beim Betroffenen innerhalb der „Verstehenden Diagnostik“ anzusprechen, um rehistorisierend zu handeln, weil ohne rückmeldenden Kontakt und Bestätigung, keine Rehistorisierung.

[73] Ebd., S. 112.

[74] Ebd., S. 128.

[75] Das Du ist eine vielschichtige Bezeichnung von sozialen Prozessen, die durch ihre Einflußgröße direkt auf das Ich einwirken können. Das Du hat als funktionelle Umwelt dem Ich gegenüber, eine enorme Verantwortung, weil das Ich sein Du nicht aussuchen kann.

[76] Feuser1995, S. 105f.

[77] Ebd., S. 118.

[78] Ebd., S. 129.

[79] Diese Art von chronischer Verwirrtheit bei einem betroffenen Menschen basiert auf den progredienten Verlauf einer DAT. Fundamentale Veränderungen bei der DAT sind nach Braak / Braak die neurobiologischen Veränderungen des limbischen Systems und des neokortikalen Systems, welche auf psychischer Systemebene im Austauschprozeß mit der Umwelt als individuell psychisch sinnliche, speichernde und handelnde „Bedeutungsträger“ starke Veränderungen im intrasystemischen Bereich vorweisen , den sozialen Verkehr bei betroffenen Menschen sehr erschweren und die jeweilige soziale Handlungsfähigkeit verhindern. Tiefgründige Auseinandersetzung der intrasystemischen Beziehungen auf Psycho-Ebene des Menschen folgt im Kapitel 4.1 dieser Arbeit.

[80] Jantsch zitiert nach Feuser sagt dazu, welches als beidseitig systemischer Prozeß zu verstehen ist: „(...)Koevolution, i.S. der Ausbildung von hierarchisch geordneter Komplexität bis zur völligen Durchstrukturierung aller hierarchischen Ebenen“ (Feuser 1995, S. 126).

[81] Roth zitiert nach Jantzen, bemerkt dazu: „Selbstreferentielle Systeme sind solche Systeme, deren Zustände miteinander zyklisch interagieren, so daß jeder Zustand des Systems an der Hervorbringung des jeweils nächsten Zustandes konstitutiv beteiligt ist. Selbstreferentielle Systeme sind daher operational geschlossene Systeme“ (Jantzen 1991, S. 43).

[82] Dieses funktionelle System ist im bio-psycho-sozialen Einheitsprozeß des Menschen zu verstehen, wobei bei die Selbstreferenz als der funktionelle Weg über die soziale zur psychologischen und biologischen Dimension zu betrachten ist. Jede Ebene hat ihre Gesetzmäßigkeiten und Verbindungen, zudem die psychische Systemebene, beispielsweise das funktionelle System von Anochin, die die psychischen Strukturelemente in seiner dynamischen Verlaufslogik bestimmt.

[83] „Die Leistung des Systems, die von außen her sichtbar wird, ist in Wirklichkeit eine innere Leistung, indem das System auf Störbedingungen mit Autonomie reagiert“ (Jantzen 1991, S. 40). D.b. das System eines chronisch verwirrten Menschen reagiert mit Aggressionen, Beschimpfungen etc. auf die soziale Umwelt, weil es die individuelle Vertrautheit des Bekannten, die Eigen-Zeit des eigenen Systems bzw. die Harmonisierung der inneren Zustände bewahren und nicht jeglicher Umweltfunktionalität folgen möchte, weil das notwendige Wissen und das dazugehörige Bewußtsein nicht mehr ausreichen (Schutzmechanismus und Ermöglichung von Autonomie). Er handelt autonom, indem er sein System schließt, verliert Autonomie, wenn er es öffnet und gegen die Umweltfunktionalität ankämpft und sein System an Energie verliert.

[84] Jantsch zitiert nach Fong 1973, S. 88.

[85] Ebd., 87.

[86] Feuser 1995, S. 115f.

[87] Zur gedanklichen Vorstellung der menschlichen Tätigkeit mit systemischer Ausrichtung (S-T-O) liegt im Anhang eine selbsthergestellte Abbildung vor.

[88] Leontjew 1998, S. 15.

[89] Jantzen1991, S. 85.

[90] Beispielsweise ist hier zu nennen, die persönlichen alltäglichen Tätigkeiten im Rahmen der Lebensaktivitäten (sich waschen und ankleiden, sich ernähren, sich bewegen, sozialen Kontakt zu Menschen aufnehmen und kommunizieren etc.).

[91] Eine vertiefte Darstellung der Tätigkeitstheorie nach den Modellvorstellungen nach Anochin, Leontjew, Jantzen, Decker, Luria etc. wird im Kapitel 4.1 vorgestellt, die zugleich als Reflexionstheorie an Gültigkeit erfährt, weil sie das Erklärungswissen des Psychosyndroms „chronische Verwirrtheit“ zur Anwendung auf die persönlichen Entwicklungsverläufe von betroffenen Menschen herauskristallisiert bzw. schafft.

[92] D.h. dieser innere psychische Prozeß der Tätigkeit als planende und wertende Instanz wird zur äußeren Tätigkeit. Die äußere Tätigkeit ist von enormer Wichtigkeit, weil die innere nur durch die äußere Tätigkeitserfahrung eine innere werden kann. Das sozial Erfahrene wird intorisiert, um wieder extorisiert zu werden. Das, was außen war, wird zum Inneren, so im Sinne Wygotski. „Die theoretische Grundlage dafür liegt in den sogenannten Intorisations- und Exteriorisationsprozessen, im Ergebnis derer eine entwickelte Tätigkeit ihre inneren und äußeren Komponenten erhält“ (Leontjew 1998, S. 27).

[93] Lurias funktionelle Organisation der psychischen Systemprozesse ist in einer kurzen Übersicht im Anhang nachzulesen.

[94] Leontjew 1998, S. 26.

[95] Ebd., S. 19.

[96] Die sinnliche Wahrnehmung des Menschen (Offenheit des Systems zur Außenwelt) im realen Bedeutungszusammenhang der sozialen Welt realisiert sich über die psychische Widerspiegelung, „(...)daß jeweils in ihnen diesen Widerspiegelungen die Ereignisse der objektiven Realität in die Einheitssprache des Zentralnervensystems, also in bioelekrischen Frequenzen, übersetzt werden“ (Jantzen 1991, S. 56). Sie gilt bei der Sinnrealisierung für die Tätigkeit als Brücke zum Bedeutungszusammenhang des Gegenstandes, soziale Situationen, etwaige Menschen etc., um darauf die Motive und Handlungen aufzubauen.

[97] Ebd., S. 28.

[98] Ebd.1, S. 55.

[99] Ebd., S. 20.

[100] Ebd, S. 20.

[101] Diese psychischen Systemprozesse werden im tätigkeitstheoretischen Teil in Kapitel 4.1 dieser Arbeit noch erläuternd thematisiert.

[102] Detailliertere Bestimmungen der betroffenen Hirngebietsanteile, mit Ausnahme der mikroskopischanalytische anatomisch- kortikale Lokalisation der neuropathologischen Orte, werden im nachfolgenden Kapitel 3 dieser Arbeit vorgestellt.

[103] „Als Syndrom wird in der medizinischen Terminologie eine Gruppe von Symptomen bezeichnet, die gewöhnlich gemeinsam auftreten, aber nicht notwendigerweise den gleichen Ursprung haben“ (Reisberg 1987, S. 22).

[104] Die in dieser Arbeit fokussierte chronische Verwirrtheit bezieht sich auf die progrediente hirnpathologische Grunderkrankung der DAT, wobei zur Argumentation zur allgemeinen Tätigkeit, Entwicklungstendenzen und Persönlichkeitsveränderungen eines Menschen von der DAT-Entwicklungsstufe des 5-6 Stadiums nach Braak / Braak (Kapitel 3.1) ausgegangen wird.

[105] Füsgen 1992, S. 67.

[106] Nach ICD-10 muß für einen dementiellen, progredienten Prozess und eines chronisch verwirrten Verlaufes die Manifestation 6 Monate vorrätig sein, um eine sichere Diagnosestellung beispielsweise der DAT aufstellen zu können, die auf immense Störungen des Gedächtnisses und kognitiven Intellekts basiert.

[107] Die folgende Katalogisierung des DAT-Syndrombildes findet in seiner Totalität, in einem fortgeschrittenen Stadium, statt, um die neuropsychologischen Defizite als Erklärungsinstrumente mit der chronische Verwirrtheit in Verbindung zu bringen.

[108] Bedeutet aus der allgemeinen Psychiatrie soviel wie Verlust oder eine ausgeprägte Verringerung der Willenskraft. „Im wesentlichen ist jemand, der daran leidet, nicht fähig, einen neuen Gedanken oder eine Idee lange genug aufrecht zu erhalten, um darauf effektiv zu handeln“ (Reisberg 1987, S.17). Die Willensfunktionalität im Tätigkeitsprozeß wird im Kapitel 4.1. kurz erläutert.

[109] Die funktionelle Organisation der Haupteinheiten nach der dynamischen Lokalisationstheorie von Luria wird innerhalb des tätigkeitstheoretischen Ansatzes nach Anochin und der emotional-motivational-sinnhaften Regulation nach Decker im Kapitel 4.1 dieser Arbeit erklärt und in einem kurzen Abriß im Anhang vorgestellt.

[110] Rösler 1997, S.107.

[111] Drei große Stadien (Stadium A-C), begründet auf amyloiden Plaques, sind von Decker auf der wissenschaftlichen Grundlage von Braak / Braak beschrieben worden. Diese haben aufgrund des diffusen Befalls der Hirnlokalitäten keine absolut zuverlässige korrelative Wechselbeziehungen zu den klinischen Symptomen der DAT und verlieren somit an ätiologischer Forschungs- und Erklärungsrelevanz, sie sind aber in einer gewissen Modalität am pathologischen Prozeß der DAT beteiligt (Vgl. Decker 1997, S.35- 38).

Ende der Leseprobe aus 210 Seiten

Details

Titel
Verstehende Diagnostik als Chance zur rehistorisierenden Diagnostik für und mit chronisch verwirrten Menschen zur Bewahrung der biographischen Integrität
Hochschule
Universität Bremen  (Universität Bremen Fachbereich 11)
Note
2
Autor
Jahr
2002
Seiten
210
Katalognummer
V50369
ISBN (eBook)
9783638466035
ISBN (Buch)
9783638680202
Dateigröße
1709 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verstehende, Diagnostik, Chance, Menschen, Bewahrung, Integrität
Arbeit zitieren
Dipl. Berufspädagoge der Pflegewissenschaft Oliver Finck (Autor), 2002, Verstehende Diagnostik als Chance zur rehistorisierenden Diagnostik für und mit chronisch verwirrten Menschen zur Bewahrung der biographischen Integrität , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50369

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