Religion in der Sozialen Arbeit?


Hausarbeit, 2019

34 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Religion als Ausgangspunkt für soziale Fürsorge
Christlich-jüdische Wurzeln der SA
Alice Salomon - Religion als Motivation in der SA

Religion, Religiosität, Spiritualität
Bedeutung von Religion und Religiosität in der Gesellschaft
Statistik, Verteilung der Konfessionszugehörigkeiten in Deutschland

Jugend und Religiosität

Religion in der Theoriebildung und Professionalisierung der SA
Religion in den Theorien der SA
Alltags- und Lebensweltorientierung
Lebensbewältigung und Anerkennung
Religion und Hilfe als Funktionssystem Soziale Arbeit
Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession
Capability-Ansatz und Religion in der SA

Religionsgebundene Akteure der SA
Christliche Wohlfahrtspflege
Muslimische Wohlfahrtspflege

Wie breitgefächert sollte das Wissen der Sozialarbeiter*innen sein?
Nutzen von Bezugswissenschaften für die „Allzuständigkeit“ der SA
Wie soll religionssensible Arbeit praktisch aussehen?

Abschluss

Literaturverzeichnis

Redaktionelle Hinweise

In dieser Arbeit wird Soziale Arbeit SA abgekürzt.

Das Sternchen in den Berufsbezeichnungen wurde verwandt, damit sich hier alle Geschlechter angesprochen fühlen.

Einleitung

Religion wird öffentlich wieder verstärkt wahrgenommen und ist vielfach Bezugspunkt individueller und kollektiver Anerkennungsforderungen sowie Sinnsuchbewegungen. Sozialarbeiter*innen und Sozialpädagog*innen werden in verschiedensten Arbeitsfeldern zunehmend mit solchen (inter-)religiösen Fragestellungen konfrontiert und müssen die Impulse für ihr Handeln im Kontext mit religiösen Überzeugungen abwägen, wenn u.a. auch die Adressat*innen der Sozialen Arbeit Religion thematisieren und als gesellschaftliche und individuelle Ressource in ihrer Lebens- und Alltagswelt nutzen. Reflexionen der Beziehungen zwischen Sozialarbeit und Religion eröffnen eine Debatte, die sowohl theoretische als auch methodische Überlegungen verdichtet. In dieser Arbeit untersuche ich die Theorien, Geschichte, Wohlfahrtsträger, Adressaten und Fachkräfte der SA in Bezug auf den Faktor Religion. Dabei habe ich Beiträge verschiedener Autor*innen mit unterschiedlichen Professionen wie Erziehungs-wissenschaften, Rechtswissenschaften, Theologie, Ökonomie, Soziologie, Psychologie und Philosophie zugrunde gelegt. Die Arbeit endet mit der Frage, wie religionssensible Arbeit theoretisch umgesetzt werden und praktisch aussehen kann und welche Chancen sich daraus ergeben können.

Religion als Ausgangspunkt für soziale Fürsorge

Christlich-jüdische Wurzeln der SA

Mit Armut als Gegenstand SA wird in der Regel ein Zustand umschrieben, in dem es einzelnen Menschen oder einer Gruppe von Menschen verwehrt ist, ihren jeweiligen Grundbedürfnissen entsprechend zu leben. Dabei bezeichnet Armut nicht nur das Fehlen materieller Güter, sondern kann auch physische, psychische sowie intellektuelle Mängel umfassen (Vgl. Schilling/Klus, 2015, S. 16-20).

Hilfe gegenüber anderen Menschen vollzieht sich in der jüdisch-christlichen Tradition vor allem vor dem Hintergrund der gebotenen Nächstenliebe. Zum Beispiel steht in der Tora, dass Gehorsam gegen Gott sich im sozialen Handeln widerspiegelt. Nächstenliebe ist nach dem Buch Exodus ohne Ausgrenzung allgemeingültig zu verstehen (Altes Testament, Exodus, Kapitel 11; 12; 33). Die Nächstenliebe hat ihren Grund nicht im Verhalten des anderen, sondern im Gebot Gottes, das ohne Einschränkung gilt (Altes Testament, Levitikus, Kapitel 19, Verse 9-18). Im Neuen Testament wird weitgehend die Ethik-Konzeption des Alten Testaments übernommen. Die Sorge für Bedürftige wie Arme, Schwache und Kranke war von ihrem Beginn an ein Kennzeichen der christlichen Gemeinden (vgl. Thraede, 1989, S. 559).

Im Gleichnis vom Endgericht über „alle Völker“ im Matthäusevangelium (Neues Testament, Matthäusevangelium, Kapitel 25, Verse 31-46) wird ein Katalog der Notlagen genannt (Hunger, Durst, Fremdheit, Nacktheit, Krankheit, Gefangenschaft), der im Vorderen Orient breit belegt und demnach weder spezifisch jüdisch noch christlich ist. Es ist auffällig, dass vor dem im Bibeltext angezeigten Jüngsten Gericht nach den Werken bzw. nach dem Tun entschieden wird, während vom Glauben oder Bekenntnis nicht die Rede ist. Das finde ich hinsichtlich der Sozialen Arbeit sehr bedeutsam, da es nicht darum geht, eine spirituelle Glaubensrichtung zu übernehmen, sondern um ein Handeln respektive Verstehen, das somit zum Helfen führt.

Theorie und Praxis der SA greifen auf religiöse Motive bzw. religiöse Semantiken zurück. In seiner Abhandlung „Soziale Arbeit in postsäkularer Gesellschaft“ (in: Lutz/Kiesel (Hrsg.) (2016) Sozialarbeit und Religion: Herausforderungen und Antworten) kritisiert Dr. Axel Bohmeyer, Professor für Erziehungswissenschaften an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin, dass seitens der SA keine historische Rekonstruktion religiöser Motive in den Fokus genommen wurde. Es wird zwar in Abhandlungen über die Entstehungsgeschichte der SA stets betont, dass religiöse Motive eine wichtige Rolle spielen und sich die SA nicht von ihren religiösen Wurzeln trennen lässt, aber eine systematische Entschlüsselung wird nicht vorgenommen. „Eine Auseinandersetzung mit der Tiefenstruktur der religiösen Motive und eine Aufbereitung der theologischen Denkformen sind in der Wissenschaft der SA ausgeblieben.“ (ebd. S. 56)

Als ehemals eng mit den christlichen Religionsgemeinschaften verknüpfte Armenfürsorge veränderte sich die SA durch das sozialstaatliche Arrangement, und zugleich trug die Verberuflichung der Sozialen Arbeit am Anfang des 20. Jahrhunderts dazu bei, die religiös-kirchliche Monopolisierung im Bereich der Sozialen Dienste aufzubrechen (ebd. S. 53-64).

Alice Salomon - Religion als Motivation in der SA

Alice Salomon benennt religiöse, nationale, humanitäre und aus Berufs- und Klassensolidarität hervorgegangene „Triebkräfte“ für soziales Handeln in ihrem Werk „Religiös-sittliche Kräfte in der sozialen Arbeit“. Sie hebt jedoch hervor, dass die religiösen dabei die anderen Motive überwiegen. Sie sind für Salomon „unzweifelhaft die ältesten und ursprünglichsten Quellen der Wohlfahrtspflege“ (Salomon, 1921, S.137). Sie hebt hervor, dass sie sich „keine anderen als religiös-sittliche Kräfte denken kann, die imstande sind, ein Menschenleben an die soziale Aufgabe, an den sozialen Idealismus zu binden“ (Salomon 1920, S. 74). „Wo religiös-sittliche Kräfte lebendig sind, da führt ein grader, unmittelbarer, zwingender Weg zur sozialen Leistung. Es gibt keine anderen Kräfte und Motive, die diesen in der Bindung des Menschen an die soziale Aufgabe überlegen sind.“ (Salomon, 1920, S.77)

Salomon hebt allerdings hervor, dass man „die Frage nach der Bedeutung religiös-sittlicher Kräfte in der SA in eine subjektive Beleuchtung rücken“ müsse. Über die moralische Grundhaltung eines Menschen solle man kein Werturteil fällen, sondern sich an den Leistungen und Taten der Menschen orientieren. Die Ansicht, „man müsse den Bürgersinn anstelle religiöser Motivationen, die Gerechtigkeit anstelle der Liebe lebendig machen“, hält Salomon für „grundfalsch“. Eine gerechtigkeitstheoretische Fundierung der SA müsse scheitern: „Gerechtigkeit ist kein politischer, sondern ein religiös-sittlicher Begriff.“

Religion, Religiosität, Spiritualität

Um begriffliche Klarheit herzustellen, hier eine Auswahl an Aussagen und unterschiedlichen Definitionen zu diesen Begriffen von verschiedenen Autoren.

Religion meint nach Gert Pickel, Soziologe und Politikwissenschaftler, der seit 2009 die Professur für Kirchen- und Religionssoziologie an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig innehat, „die Organisation einer sich kulturell definierenden Religionsgemeinschaft, die über eine erkennbare und geregelte Struktur verfügt und auf gemeinschaftlichen Praktiken basiert, während sich Religiosität hingegen auf das subjektive Erleben des Einzelnen und die Hoffnungen bezieht, die an Glauben und damit auch an die Praxis der Religionen gerichtet werden. Das Spirituelle steht für das geistliche Erleben und die seelische Suche nach Transzendenz, die auch eine Suche nach Gott oder Göttern einer Religion sein kann, sich aber auch an andere Dinge zu binden vermag.“ (Pickel, 2011, S. 63)

Dabei kann nach dem Soziologen und Autor der „Risikogesellschaft“, Ulrich Beck, Religion für Ruhe und Zuversicht, die Gleichheit aller Menschen, aber auch für Unterdrückung, Gewalt und radikale Ungleichheit stehen, insbesondere in Verbindung mit weltlichem Machtstreben (nach Beck, 2008).

Micha Brumlik, deutscher Erziehungswissenschaftler und Publizist, definiert in seiner Abhandlung „Religiöse Sensibilität“ Religiosität als ein entwicklungs-psychologisches Konstrukt, als Empfänglichkeit für und Bedürfnis „nach sinnhafter Einbettung existenzieller Erfahrungen“. Er zitiert Hartmut Beile (1998, S. 27) in Unterscheidung zu einem vor allem religionssoziologischen Begriff, indem er sagt: „Religiosität ist die Beziehung des einzelnen Menschen zu Gott“ und auf die Definition von William James (James, 1979, S. 41) verweist, nach der die Vielfalt religiöser Erfahrungen „Gefühle, Handlungen, Erfahrungen von Menschen in ihrer Einsamkeit (sind, d. Verf.), sofern diese sich selbst als Personen wahrnehmen, die in Beziehung zu etwas stehen, das sie in irgendeinem Sinne als das Göttliche betrachten.“

In seinem Beitrag „Basale religiöse Kompetenz – ein menschliches Muss!?“ beschreibt der deutsche Theologe und Sozialethiker Andreas Lob-Hüdepohl, dass Religionen Belastungen abfedern oder umgekehrt Verpflichtungen aufbürden können. Lob-Hüdepohl weiter: Sie können Hoffnungs- und Handlungs-perspektiven eröffnen oder aber auch verschließen, Widerstandskräfte entfalten oder Aufbegehren stillstellen, je nachdem, welches Sinnreservoir sie dem deutenden religiösen Menschen zur Verfügung stellen (Lob-Hüdephol, S. 160). Als Rituale stiften Religionen Gemeinschaft, vermitteln ein Gefühl der Zugehörigkeit und Vertrautheit, des Kennens und Könnens, das für Heimat und Beheimatung essenziell ist. Das heißt, dass Glaube und Religion friedensstiftende Wirkung haben können, aber es kann durch Glaubensfragen auch immer wieder zu Konflikten und Gewalt kommen. Religion reduziere sich, so die Worte des Imam Yakobi im Beitrag der Professorin für Didaktik der Sozialwissenschaften Kathrin Hahn, nicht auf die Funktion der stärkenden Ressource in akuten Krisen, sondern habe auch präventive Potentiale (Wie soll religionssensible Arbeit praktisch aussehen? In: Nauerth/Hahn/Tüllmann/ Kösterke, (2017): Religionssensibilität in der Sozialen Arbeit. S. 322-337). Er spricht von der “Feuerwehrfunktion“ (ebd. S. 325) der Religion. Da die Krisen der heutigen Gesellschaft die Menschen elementar im Kern und ihrer Identität berühren, sind sie verunsichert in ihrer Existenz. Religion versucht nicht nur, die Leiden der Welt erträglich zu machen, sondern darüber hinaus Werte, Sinn und Grundorientierung zu geben. Religion als Angebot der Sinndeutung in einer Gesellschaft, in der die Sinnsuche zunimmt, kann gegen Krisen wappnen.

Martha Nußbaum, Philosophin und Professorin für Rechtswissenschaften und Ethik an der University of Chicago, argumentiert, dass im Rahmen von Religionen künstlerische und intellektuelle Werke hervorgebracht wurden, die in einer rein säkularen Welt wohl nicht entstanden wären, und hebt die häufig enge Verbindung von Religion und Moral hervor. Religion spielt typischerweise eine zentrale Rolle für die Identität einer Gemeinschaft und kann die Interaktion zwischen Mitgliedern einer Gemeinschaft fördern. Fassen wir den Begriff der Religion unter den der Kultur, so kann sie als „Orientierungssystem, das unser Wahrnehmen, Bewerten und Handeln steuert, das Repertoire an Kommunikation und Repräsentationsmitteln, mit denen wir uns verständigen, uns Vorstellungen bilden“ verstanden werden (Auernheimer, 1999, S. 28).

Bedeutung von Religion und Religiosität in der Gesellschaft

Religion wird von vielen Autoren als Hoffnung, aber zeitgleich auch mit dem Schrecken des Fundamentalismus thematisiert. Es ist so vor allem dieser, der verstören kann und zugleich den Anlass bietet, sich mit Religionen zu beschäftigen.

Nach Jürgen Habermas gilt es, „die Religion als eine inspirierende Kraft für die ganze Gesellschaft wahrzunehmen“ (Habermas, 2009, S. 407 Hervorhebung im Original). Er schlägt vor, die moderne Gesellschaft als „postsäkular“ zu begreifen. Religionssoziologisch ist festzustellen, dass es zu keinem historischen Prozess der Säkularisierung kam, in dessen Verlauf religiöse Glaubensüberzeugungen und die damit verbundenen sozialen Praktiken aus der Öffentlichkeit verschwunden wären. Im Gegenteil, in modernen Gesellschaften leben Menschen unterschiedlicher kultureller Prägung miteinander, die Idee einer monokulturellen Gesellschaft – sprachlich, ethnisch und religiös homogen - hat sich nach Habermas faktisch überlebt.

Ein weitgefasster Kulturbegriff schließt „die Alltagsnormen, Wertesysteme, Lebensstile von Menschen ebenso wie ihre Rituale, Gesten und Verhaltensweisen“ ein und macht es notwendig, die religiöse Orientierung der Menschen in den Blick zu nehmen, sagt Josef Freise, Prof. Dr. paed., Dipl. theol., Theologe und pensionierter Professor für Sozialwesen der KatHO Köln (Freise, 2007, S. 18). Denn eine religiöse Identität zu haben bedeutet, ein starkes Zugehörigkeitsgefühl zu einer Religion, ihrer Gemeinschaft und den dort artikulierten Werten zu haben. Damit erhält eine religiöse Identität eine handlungspraktische Relevanz, sie hat Auswirkungen auf die Lebensführung von Subjekten. Er verweist in seinem Text „Soziale Arbeit und Religion in der Migrationsgesellschaft“ darauf, dass, wo geistige Orientierungen und soziale Bindungen an Bedeutung verlieren, Religion als eine Form verbindlicher Orientierung neue Bedeutung bekommt. Auch wer nicht religiös ist, sollte die Kraft, die aus den religiösen Quellen kommen kann, nicht verleugnen. Nach Freise politisiert Fundamentalismus kulturelle und religiöse Differenz. Religiöser Fundamentalismus benutzt religiöse Wissensbestände und instrumentalisiert sie für ein Schwarz-Weiß-Denken.

Nach Übereinkunft vieler Autor*innen nehmen Religionen noch immer oder wieder Einfluss auf Lebenslagen und Lebensentwürfe von Menschen. Macht dieser gesellschaftliche Transformationsprozess es im Hinblick auf die Praxis der SA nicht notwendig, interkulturelle Kompetenz als einen Bestandteil der Fachlichkeit und Professionalität der SA zu verstehen und eine interkulturelle SA auszuformulieren? Demnach hätte eine interkulturelle SA die mannigfaltigen Ausdrucksformen der Kultur ihrer Klient*innen wahrzunehmen.

Inwieweit wird dem Diskurs einer multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft in der SA Rechnung getragen? Gibt es den Entwurf einer religionssensiblen SA? Immer mehr Autor*innen mit unterschiedlichem fachlichen Hintergrund (siehe Einleitung) nähern sich der Frage, wie eine religionssensible Soziale Arbeit aussehen kann. Ein Postulat bei allen Autor*innen ist, dass die Wissenschaft der SA säkularisiert sein muss. Theorie, Methoden und Konzepte sollten sich nicht aus religiösen Dogmen ableiten. Ebenso wenig sollte der Blick für die Religiosität der Akteur*innen und Adressat*innen verstellt sein. Denn wohlfahrtsstaatliche Akteur*innen treten mit einem eigenen religiösen bzw. weltanschaulichen Begründungsanspruch an. Und solange die freie Wohlfahrtspflege dem staatlich bzw. öffentlich definierten Auftrag nachkommt, zeigt sich der Staat demgegenüber indifferent.

Statistik, Verteilung der Konfessionszugehörigkeiten in Deutschland

Die religiöse Landschaft hat sich im letzten halben Jahrhundert stark verändert. Die Vielfalt der Religionen und Weltanschauungen in Deutschland wird in der Statistik des Religionsmonitors der Bertelsmann-Stiftung deutlich. Der letzten Statistik von 2013 zufolge teilt sich die deutsche Bevölkerung auf in 30,2% katholisch, 29,2% protestantisch, 30,3% konfessionslos, 4,9% muslimisch, 1,8% freikirchlich, 1,7% orthodox, 1,2% esoterisch, 0,3% buddhistisch, 0,1% hindu-istisch und 0,1% jüdisch. Es kommt zu einer Koexistenz säkularer wie religiöser Überzeugungen. Auch wenn die Kirchenbesucherzahlen abnehmen, so wird doch das religiöse und spirituelle Interesse lebhafter. Im Jahr 2006 wurde von einem „Megatrend Religion“ (Polak, 2006, Megatrend Religion: Neue Religiositäten in Europa) gesprochen.

Freise weist in seinem Artikel von 2006 „Soziale Arbeit und Religion in der Einwanderungsgesellschaft“. (In: Migration und Soziale Arbeit, 28. Jg. 2006, Heft 2, S. 98-105) darauf hin, dass der Islam mit seinen sunnitischen, schiitischen und alevitischen Glaubensrichtungen neben der katholischen und der protestantischen Konfession inzwischen einen festen Platz in der deutschen Gesellschaft hat. Mit den aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion eingewanderten Juden wachsen in Deutschland auch wieder die jüdischen Synagogengemeinden. Beim ökumenischen Kirchentag in Berlin 2003 war die größte Einzelveranstaltung die des Dalai Lama. Der Hinduismus und der Buddhismus stoßen auf großes Interesse, und auch die Anthroposophie, die mit „Anthropoi“ rund 200 Einrichtungen aus dem Sozialwesen in einem Bundesdachverband zusammenfasst, soll hier am Rand erwähnt werden.

Jugend und Religiosität

Da es sich bei den Adressat*innen der SA häufig auch um Jugendliche handelt, hier nur einige Bemerkungen dazu, da eine umfassendere Darstellung den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Nach den Studien des Jugendforschers Richard Münchmeier „Jugend und Religion“ (Münchmeier, 2004, S. 127) gehören religiöse Themen, gesteigerte Empfänglichkeit für religiöse Seelenzustände oder religiöse Erfahrungen im weitesten Sinn, wie die Auseinandersetzung mit Sinnfragen, mit Tod und Endlichkeit, zur Adoleszenzphase. Den Ergebnissen der 17. Shell-Studie von 2015 folgend, haben junge Leute Interesse an Religion, aber nicht an Konfession. Ausgehend von einem mehrdimensionalen Religionsbegriff konnte gezeigt werden, dass nahezu alle befragten Jugendlichen angaben, an etwas zu glauben (Vgl. Lechner/Gabriel, 2009): Sei es, die eigene Existenz mit subjektivem Sinn zu versehen (Existenzglaube), den Glauben an eine Kraft über das eigene Leben hinaus zu haben (Transzendenzglaube) oder ein konkretes Bekenntnis zu einer religiösen Gemeinschaft (Konfessionsglaube) (vgl. auch Stiftung das Rauhe Haus, 2015, S. 17ff.). „So ist die Religion bei Jugendlichen als subjektive Wirklichkeit wahrzunehmen, anzuerkennen und gemeinsam mit den Fachkräften der Sozialen Arbeit nach Wegen zu suchen, wie das Religiöse in der Lebenswelt der jungen Menschen als individuelle Ressource zur Lebensbewältigung erschlossen werden kann“ (Stiftung Das Rauhe Haus, 2015, S. 27ff.). Religiosität wird von Jugendlichen aus sozial benachteiligten Lebenskontexten vielfach als Lebenskraft oder Lebenshilfe erlebt. Subjektiver Glaube, der sich verschieden ausgestalten kann, stellt somit eine Basisressource dar, die für die Jugendlichen bedingungslos verfügbar ist. So verweist der Psychologe Dr. Alexander Redlich darauf , dass „Religion eine Sinn-Ebene, die über das Leben Hier und Jetzt und in der sozialen Gruppe hinausgeht“, hat (Stiftung Das Rauhe Haus, 2015, S. 3).

Eine signifikante Anzahl Jugendlicher fühlt sich von Kirchentagen und so beispielsweise auch vom Weltjugendtag 2005 in Köln angezogen, so Freise 2006 in „Soziale Arbeit und Religion in der Einwanderungsgesellschaft“. Er verweist darauf, dass, während bei den einheimischen deutschen Jugendlichen die religiöse Orientierung nur von einer Minderheit gesucht wird, Religion bei vielen Jugendlichen mit Migrationshintergrund den Lebensalltag prägt.

Die 14. Shell-Studie Jugend 2002 sieht in der Bedeutung religiöser Einstellungen den entscheidenden Unterschied zwischen einheimischen Jugendlichen und solchen mit Migrationshintergrund. Religion ist in den neuen Bundesländern praktisch ohne Bedeutung; in den alten Bundesländern ist Religion für ein Drittel der Jugendlichen wichtig und für etwa zwei Drittel der Jugendlichen mit Migrationshintergrund (Deutsche Shell Studie 2002, S. 148). Für viele mus- limische Jugendliche in den Einwanderungsgesellschaften Westeuropas stellt der Islam eine Möglichkeit dar, sich in Abgrenzung zur Mehrheitsgesellschaft der eigenen Identität zu vergewissern, und diese religiöse Identität ist gleichzeitig ihr Weg, sich mit einem spezifischen Persönlichkeitsprofil in die Gesellschaft einzubringen (Schröer, 2005, S. 193).

Religion in der Theoriebildung und Professionalisierung der SA

Axel Bohmeyer thematisiert in „SA in postsäkularer Gesellschaft“, dass eine Bestimmung der modernen Gesellschaft im Sinne Jürgen Habermas als „postsäkular“ im Theoriediskurs der Sozialen Arbeit keinen Widerhall gefunden hat (Bohmeyer, 2016, S. 54). Er führt an, dass sich die Wissenschaft der Sozialen Arbeit eher dem Theoriestrang der Soziologie angeschlossen hat, der angesichts der kulturellen und gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse das Verschwinden der Religion erwartet.

Die Mitte der 1960er Jahre stattfindende Professionalisierung der SA bzw. das Streben nach einer eigenen Fachlichkeit durch „Verwissenschaftlichung“ trieb einen erhöhten Theorieimport aus den Bereichen Psychologie und Soziologie voran (vgl. Bohmeyer, Säkulare Selbstverständnisse, religiöse Bezüge und lebensweltorientierte Zugänge zur Religion, S. 147). Der Anschluss an sozialwissenschaftlich fundierte Wissenskulturen führte zu einem ambivalenten Verhältnis zur Religion. Von einem sozialen Bedeutungsverlust der Religion wurde ausgegangen. Die Modernisierung der Gesellschaft und die Ablösung von der Religion werden im Sinne einer positiven Fortschrittsgeschichte verstanden. Religion sollte nach der Aufklärung keine bedeutende Rolle mehr in der Moderne spielen und nach der Säkularisierung auch nicht in der säkularisierten SA. Eng mit dieser sozialwissenschaftlichen Orientierung verbunden, so Bohmeyer, sind die sich ebenfalls seit der Mitte der 1960er Jahre herausbildenden emanzipatorischen, kritisch-materialistischen bzw. marxistisch orientierten Ansätze der SA. Hiernach wird SA als religionskrititsches Aufklärungs- bzw. Emanzipationsprojekt verstanden.

Prof. Dr. Matthias Nauerth, Professor für Soziale Arbeit an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie in Hamburg, hebt in „Wie hält sie’s mit der Religion? Ein Beitrag zur Begründung der Bedeutung von Religionssensibilität in der SA“ (in: Widersprüche. Zeitschrift für sozialistische Politik im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich, 2016, Heft 140) hervor, dass sich eine religionskritische und fast schon atheistische Annahme durchsetzte, der zufolge „die Existenz von Religion auf spezifischen weltlichen Bedingungen beruhe, und zwar auf sozialem Elend, wissenschaftlicher Unkenntnis und erzwungener kognitiver Eindimensionalität“ (Nauerth, 2016, S. 80). Da die Moderne, der Kapitalismus gesellschaftliche Verhältnisse her-vorbringt, die strukturell einen Hilfebedarf produzieren, sollte dieser nicht mit Rückgriff auf die Religion bearbeitet werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Religion in der Sozialen Arbeit?
Hochschule
DIPLOMA Fachhochschule Nordhessen; Abt. Bonn
Veranstaltung
Ethische und sozialphilosophische Grundlagen der SA
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
34
Katalognummer
V503734
ISBN (eBook)
9783346047113
ISBN (Buch)
9783346047120
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Religion, Soziale Arbeit
Arbeit zitieren
Gudrun Haep (Autor), 2019, Religion in der Sozialen Arbeit?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/503734

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