Kurt Tucholskys Wendriner Texte - Literarische Vorbilder sowie Wirkung und Funktion der Satire und des Dialekts


Hausarbeit, 2004

24 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historischer Kontext der Wendriner Texte und der Bezug Kurt Tucholskys zum Bürgertum
2.1 Überblick der historischen Entstehungsbedingungen
2.2 Bezug Kurt Tucholskys und der Wendriner Texte zum Bürgertum

3. Die Figur des Herrn Wendriner und seine literarischen >Vorbilder<
3.1 Der Bezug der literarischen Figur des Herrn Wendriner zu seinen potentiellen Vorbildern
3.1.1 Der Bezug der literarischen Figur des Herrn Wendriner zu James Joyce Ulysses
3.1.2 Der Bezug der literarischen Figur des Herrn Wendriner zu Heinrich Manns Der Untertan
3.2 Die Erzählsituation und die literarische Figur des Leopold Bloom in James Joyce Ulysses
3.2.1 Die Erzählsituation in James Joyce Ulysses
3.2.2 Die literarische Figur des Leopold Bloom in James Joyce Ulysses
3.3 Die Erzählsituation und die literarische Figur des Diederich Heßling in Heinrich Manns Der Untertan
3.3.1 Die Erzählsituation in Heinrich Manns Der Untertan
3.3.2 Die literarische Figur des Diederich Heßling in Heinrich Manns Der Untertan
3.4 Die literarische Figur des Herrn Wendriner und die Parallelen zu seinen >Vorbildern<

4. Satire und Dialekt der Wendriner Texte
4.1 Die Satire und die satirische Wirkung und Funktion der Wendriner Texte
4.1.1 Die Satire
4.1.2 Wirkung und Funktion der Satire
4.2 Der Dialekt und die Wirkung und Funktion des Dialekts in den Wendriner Texten
4.2.1 Der Dialekt
4.2.2 Wirkung und Funktion des Dialekts

5. Zusammenfassung und Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Thema dieser Hausarbeit sind die 16 Texte über Herrn Wendriner von Kurt Tucholsky. Einleitend soll ein Überblick über die historischen Entstehungs-bedingungen gegeben werden, dem die Schilderung des Bezugs von Tucholsky zum Bürgertum und der Wendriner Texte zum Bürgertum folgt.

Im dritten Kapitel werde ich die Parallelen potentieller literarischer Vorbilder für die Figur des Herrn Wendriner darstellen. Die Arbeit geht dabei der Frage nach, welche Funktionen die literarischen Vorbilder für die Ausbildung der Figur des Herrn Wendriner haben. Hierbei liegt der Schwerpunkt der Betrachtung bei den Parallelen der formalen und inhaltlichen Funktion. Es soll gezeigt werden, dass diese literarischen Figuren als Muster von Tucholsky genutzt werden, um eine bestimmte Wirkung der Figur zu transportieren. Dabei werde ich mich auf die Figur des Leopold Bloom in James Joyce Ulysses und des Diederich Heßling in Heinrich Manns Der Untertan beschränken.

Das vierte Kapitel versucht eine linguistisch-sprachphilosophische Betrachtung über die Sprache des Herrn Wendriner. Hierbei werden zwei Aspekte der Texte untersucht. Die Satire und die satirische Wirkung der Texte und der Dialekt. Der phonetischen Schreibweise kommen verschiedene Funktionen zu, die exemplarisch an den Wendriner Texten aufgezeigt werden. Das abschließende fünfte Kapitel gibt eine Zusammenfassung und formuliert das Fazit dieser Arbeit.

Anmerkung:

Die Texte über Herrn Wendriner sind auch im Zusammenhang Kurt Tucholsky und seiner Auseinandersetzung mit dem assimilierten jüdischen Bürgertum zu lesen. Herr Wendriner ist sowohl deutscher Spießbürger, als auch Jude, sie sind in seiner Person untrennbar miteinander verbunden . Obgleich sich dieser Gesichtspunkt als ein entscheidender in den Texten darstellt, würde eine Auseinandersetzung damit, den Rahmen dieser Arbeit sprengen. So bleiben die Bedeutung und zahlreichen Rezeptionen der Texte unter diesem Blickwinkel unberücksichtigt.

2. Historischer Kontext der Wendriner Texte und der Bezug Kurt Tucholskys zum Bürgertum

2.1 Überblick der historischen Entstehungsbedingungen

Kurt Tucholsky ist 1890 in Berlin Moabit geboren, hat 1914 seine juristische Doktorprüfung abgelegt und ist 1928 nach Schweden gezogen. Im August 1933 ist er ausgebürgert worden. Fortan lebte er in Schweden im Exil, wo er sich am 21. Dezember 1935 das Leben nahm.

Tucholskys historischer Hintergrund war somit die Zeit des Niedergangs des Wilhelminischen Kaiserreichs, die Zeit des ersten Weltkriegs, an dem Tucholsky selbst teilgenommen hat. Die Weimarer Republik, mit allen Hoffnungen auf Demokratie und zuletzt die Machtergreifung der Nationalsozialisten.

Tucholsky war Publizist, Lyriker, politischer Journalist und Schriftsteller. Er bediente sich verschiedener Genres, er schrieb Essays, Gedichte, Satiren, Romane und war literarisch auch für das Kabarett tätig. Der zahlenmäßig größte Anteil seiner Texte ist in der >Weltbühne<, dessen Herausgeber Siegfried Jakobson, auch sein Mentor war, erschienen. Die Weltbühne, die von 1905 bis 1918 Schaubühne hieß, war ein Wochenblatt, dass eine Auflage von ca. 20.000 bis 25.000 Exemplaren hatte. Tucholsky war nach dem Tod von Jakobson für kurze Zeit Herausgeber der Weltbühne, sie ist im März 1933 verboten worden.

Die Texte Tucholskys sind unter verschiedenen Pseudonymen veröffentlicht worden. Diese sind mit unterschiedlichen literarischen Rollen verbunden. Als Peter Panter schrieb er Betrachtungen über das Theater, Bücher und das Varieté, als Teobald Tiger gereimte Leitartikel, bissige politische Gedichte und Chansons, unter dem Pseudonym des Kaspar Hauser war er Schriftsteller und Lebensphilosoph und als Ignaz Wrobel verfasst er scharfe Zeitkommentare. Die Ambivalenz von Bedeutungsinhalt und Pseudonym wird deutlich, wenn man das Pseudonym des Hugo Grotius betrachtet. Dieser war Begründer des internationalen Völkerrechts, Jurist und Staatsmann und Tucholsky verfasste unter diesem Pseudonym eine Artikelserie über die zeitgenössische Justiz. Der Vollständigkeit halber sollen hier auch die weniger bekannten Pseudonyme genannt werden, es sind: Theobald Körner, Paulus Bünzly und Old Shatterhand.

Alle 16 Wendriner Texte sind in der Zeit von 1922 bis 1930 in der Weltbühne unter dem Pseudonym des Kasper Hauser veröffentlicht worden. Allein in den Jahren 1925 und 1926 hat Tucholsky 11 der Texte geschrieben. Der letzte Text Herr Wendriner steht unter der Diktatur ist 1930 erschienen, als Tucholsky sich bereits im Exil befand.

2.2 Bezug Kurt Tucholskys und der Wendriner Texte zum Bürgertum

Kurt Tucholsky ist in einer jüdischen großbürgerlichen Familie aufgewachsen und kann auf Grund seines Lebensstils als Vertreter des Bürgertums gelten. Die satirische Darstellung des Kleinbürgers in den Wendriner Texten gilt so nicht der Lebenssituation, sondern der geistigen Haltung des Herrn Wendriner. Für Tucholsky ist der „Bürger“ eine Einordnung, die nicht an einen bestimmten Stand gebunden ist, sondern sich durch Charaktereigenschaften konstituiert. Eine Klassifizierung, die über eine Zuordnung zu einer bestimmten Schicht weit hinausgeht.

Eine dieser Charaktereigenschaften des Kleinbürgers ist die verharmlosende Erinnerung an den Kaiser, zum Beispiel in Herr Wendriner telefoniert:

„Unterm Kaiser sind doch gewiß manche Sachen vorgekommen – aber so was hab ich noch nicht erlebt! Unerhört!“[1]

oder auch in dem Text Herr Wendriner nimmt ein Bad:

„Der Wilhelm war gar nicht so schlecht, wie se ihn jetzt machen.“[2]

Weitere Eigenschaften des Herrn Wendriner, die ihn als Spießbürger entlarven sind sein Opportunismus, zum Beispiel in Herr Wendriner beerdigt einen:

„Nu drehn Sie sich doch bloß mal um! Eine Geschmacklosigkeit, so zur Beerdigung zu

kommen. Das ist doch keine Premiere. Da ham Se recht – eigentlich is es ja doch eine...“[3],

seine Fähigkeit in jedem Zusammenhang von Geld zu reden, sogar in dem Text Herr Wendriner beerdigt einen. Es gibt keinen Text, in dem es Herrn Wendriner nicht gelingt über das Geschäft zu sprechen. In Herr Wendriner läßt sich massieren verbindet sich seine politische Anpassung mit dem Glauben, dass alles gut ist, solange er seinen Geschäften nachgehen kann:

„...na, ich sage immer: laßt mich mit Politik zufrieden – wenn nur die Geschäfte gut gehen¸ ich meine, es sollen alle verdienen, jeder, was ihm zukommt...nicha?“[4]

Er ist geschäftlich erfolgreich, dabei geizig, immer auf seinen eigenen Vorteil bedacht, ist unfreundlich ungeduldig und vor allem überheblich. In Herr Wendriners Jahr fängt gut an:

„Gehen Sie aus der Leitung! Sie Ochse, legen Sie doch den Hörer hin! Ungebildeter Lümmel! (...) Sie ham Frau und Kinder? Ich hab auch Frau und Kinder. Hätten Sie nicht heiraten sollen.“[5]

Eine weitere Eigenschaft, die durch keine Textstelle zu belegen ist, ist der Eindruck, dass er vermutlich auch immer etwas zu laut ist. Er behauptet selbst von sich unpolitisch zu sein und entblößt damit seine fehlende Selbstwahrnehmung. Vor allem in den Texten Herr Wendriner läßt sich die Haare schneiden und Herr Wendriner kauft ein:

„Sie- heute hab ich die Reichswehr vorbeiziehen sehn, die sind da an unsserm Geschäft langgekommen – ich sage Ihnen: fabelhaft! Wie früher! Sehr gut. Na der Hindenburg macht seine Sache schon ausgezeichnet, daß muß man ihm schon lassen. (...) Ich lese keine Politik. Nee, wissen Se, grundsätzlich nicht.“[6]

Er widerspricht sich innerhalb eines Gesprächs, zum Beispiel in dem Text Herr Wendriner nimmt ein Bad:

„Sahrnsema: was ham se eigentlich mit dem Grundstück in der Königstraße gemacht? Verkauft? Hätt ich nicht getan. Heutzutage... (...) Gumpel – hatten se nich noch`n Grundstück neben dem anderen? Das wollen Sie behalten? Ich würde heute keine Grundstücke behalten.“[7]

Oder auch in Herr Wendriner diktiert einen Brief:

„Hanne, jetz geh, du störst hier! Nein. >Ich fordere Sie auf< - jetzt lauf doch nicht immer raus! vielleicht brauch ich dich noch!“[8]

Zwei Charakterzüge, die Tucholsky als gefährlich erkannt hat und die letztlich zum Teil den Aufstieg der Nationalsozialisten ermöglicht haben, scheinen mir in den Texten besonders in den Vordergrund gestellt zu sein. Zum einen die bereits erwähnte fehlende Fähigkeit zur Selbstreflexion (die einzige Ausnahme bildet der letzte Absatz in Herr Wendriner kann nicht einschlafen) und zum anderen die Anpassung an die bestehende Ordnung um jeden Preis. Hier vor allem in seinem letzten Text Herr Wendriner steht unter der Diktatur:

„Na ich kann nich klagen. In unsrer Straße herrscht peinliche Ordnung...wir haben da an der Ecke einen sehr netten SA-Mann, ein sehr netter Kerl. Morgens, wenn ich ins Geschäft gehe, geb ich ihm immer ne Zigarette...“[9]

Damit verbunden ist die nicht vorhandene Wahrnehmung der Gefahr für die eigene Person.

Was Tucholsky mit diesem Prototyp eines Bürgers, an Hand des bornierten, deutschen Geschäftsjuden entlarven wollte, ist die bedrohliche Mischung dieses >Menschenschlags< aus Lächerlichkeit und Gefahr.

3. Die Figur des Herrn Wendriner und seine literarischen >Vorbilder<

3.1 Der Bezug der literarischen Figur des Herrn Wendriner zu seinen potentiellen Vorbildern

3.1.1 Der Bezug der literarischen Figur des Herrn Wendriner zu James Joyce Ulysses

In diesem ersten Abschnitt des dritten Kapitels werde ich die Frage, warum sich in dem Roman von James Joyce Ulysses Vorbildfunktionen und Ideen der literarischen Figur des Herrn Wendriner finden lassen, im Zusammenhang der Äußerungen Tucholskys über diesen Roman beantworten.

So schrieb Tucholsky 1927 einen Text mit dem Titel: Der innere Monolog, der sich mit der Erzählsituation des Ulysses beschäftig. Er definiert darin, was der innere Monolog ist:

„Was gemeint ist, läßt sich leicht erklären. Es handelt sich um die literarische Darstellung jener Denkvorgänge, die sich im Menschen abspielen, wenn er ein unhörbares Selbstgespräch führt, wenn er, etwa während einer schlaflosen Nacht oder vor einem

wichtigen Entschluß, bei sich selbst meditiert, mit sich zu rate geht, im inneren monologisiert.“[10]

Diese Erklärung erinnert an den Text Herr Wendriner kann nicht einschlafen, in dem Tucholsky genau das umgesetzt hat. Herr Wendriner führt einen inneren Monolog. Er erfüllt weitere Kriterien, die Tucholsky für den inneren Monolog fordert, im dem seine Sätze an keine logische Reihenfolge gebunden sind und an keinen Rhythmus. Er verwendet keine Grammatik, die einem gesprochenen Satz entspricht. Weiter unten heißt es:

„Die literarische Form ist reizvoll und interessant. (...)...dazu kommt der Reiz der indirekten Darstellung: vieles wird nicht geradezu gesagt, sondern muß aus dem Monolog heraus erraten werden... kurz, für einen Dichter ist da viel zu holen.“[11]

Die gesamten Wendriner Texte folgen der Form des einseitigen Dialogs bzw. des stillen Monologs. Auch wenn Tucholsky abschließend darauf hinweist, dass es einen literarischen inneren Monolog gar nicht geben kann und es ihn auch bis heute nicht gibt, da der innere Monolog nicht eindimensional ist, bleiben die Analogien offensichtlich. Ebenso auffällig sind die Parallelen der Figur des Leopold Bloom und des Herrn Wendriner, auf die ich später eingehen werde.

[...]


[1] Tucholsky, Kurt: Gesammelte Werke. Band X. Hrsg. von: Mary Tucholsky und Fritz J. Raddatz. Reinbek bei Hamburg 1975. Band 3. S. 217

[2] Tucholsky, Kurt: Gesammelte Werke. Band 4. S. 156

[3] Ebd. S. 204

[4] Tucholsky, Kurt: Gesammelte Werke. Band 7. S. 113

[5] Tucholsky, Kurt: Gesammelte Werke. Band 4. S. 314

[6] Tucholsky, Kurt: Gesammelte Werke. Band 3. S. 486

[7] Tucholsky, Kurt: Gesammelte Werke. Band 4. S. 156

[8] Tucholsky, Kurt: Gesammelte Werke. Band 6. S. 96

[9] Tucholsky, Kurt: Gesammelte Werke. Band 8. S. 238

[10] Tucholsky, Kurt: Gesammelte Werke. Band 5. S. 221

[11] Ebd. S. 221

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Kurt Tucholskys Wendriner Texte - Literarische Vorbilder sowie Wirkung und Funktion der Satire und des Dialekts
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaften)
Veranstaltung
Publizistik in der Weimarer Republik: Kurt Tucholsky
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
24
Katalognummer
V50378
ISBN (eBook)
9783638466097
ISBN (Buch)
9783638751322
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kurt, Tucholskys, Wendriner, Texte, Literarische, Vorbilder, Wirkung, Funktion, Satire, Dialekts, Publizistik, Weimarer, Republik, Tucholsky
Arbeit zitieren
Monika Skolud (Autor), 2004, Kurt Tucholskys Wendriner Texte - Literarische Vorbilder sowie Wirkung und Funktion der Satire und des Dialekts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50378

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