Die Darstellung von Massenmorden durch Vergasung im zweiten Weltkrieg

Internationale Nischenfilme und amerikanische Mainstreamproduktionen im Vergleich


Diplomarbeit, 2019
37 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung und Vorhaben

2. Die Kontroverse um die Darstellung des Holocaust in der Fernsehserie „Holocaust“ und dem Kinofilm „Schindlers Liste“

3. Hauptteil: Die Darstellung von Vergasungen im internationalen Nischen-Kino
3.1 KZ9 – Lager di sterminio (Bruno Mattei/1977)
3.1.1 Hintergrund des Films
3.1.2 Vergasungsszenen in KZ9 – Lager di sterminio
3.1.3 Die Vergasungsszenen in Bildern
3.1.4 Veröffentlichung, Rezeption und Kontroverse
3.2 Men Behind the Sun (Tun Fei Mou/1988)
3.2.1 Hintergrund des Films
3.2.2 Vergasungsszenen in Men Behind the Sun
3.2.3 Die Vergasungsszenen in Bildern
3.2.4 Veröffentlichung, Rezeption und Kontroverse
3.3 Auschwitz (Uwe Boll/2011)
3.3.1 Hintergrund des Films
3.3.2 Vergasungsszenen in Auschwitz
3.3.3 Die Vergasungsszenen in Bildern
3.3.4 Veröffentlichung, Rezeption und Kontroverse

4. Ergebnis und Schlussfolgerung

5. Quellenverzeichnis
5.1 Literaturverzeichnis
5.2 Verzeichnis von Internetseiten
5.3 Verzeichnis von Spielfilmen
5.4 Verzeichnis von Fernsehserien
5.5 Verzeichnis von Dokumentarfilmen

6. Anhang
6.1 Das Videokassetten-Cover der geplanten Veröffentlichung von KZ9 über das Videolabel Phoenix Home Video

„Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“

Theodor W. Adorno, „Kulturkritik und Gesellschaft“

1. Einleitung und Vorhaben

Viel wurde geschrieben über die filmische Darstellbarkeit bzw. die nicht Darstellbarkeit der Holocaust-Verbrechen des Naziregimes in der NS-Zeit.1 Da sich aber die meisten Arbeiten und Kritiker mit großen, hochbudgetierten Mainstreamereignissen wie Steven Spielbergs siebenfachem Oscargewinner Schindlers Liste (1993) oder der Miniserie Holocaust (1971/Marvin J. Chromsky) beschäftigen, werde ich hingegen in meiner Diplomarbeit meinen Fokus auf drei Filme richten, die mit geringen Budgets entstanden und zudem aus drei verschiedenen Jahrzehnten und drei verschiedenen Produktionsländern stammen.

Ich fasse die drei von mir untersuchten Filme KZ9 – Lager di sterminio (Bruno Mattei / 1977), Men Behind the Sun (Tun Fei Mou / 1988) und Auschwitz (Uwe Boll / 2011) unter dem Begriff Nischen-Filme zusammen, da es nicht möglich ist, diese Filme unter einem bereits bestehenden Sammelbegriff zu bündeln. Meine Definition für Nischen-Filme sind Produktionen, die abseits des Mainstreams mit geringen Budgets entstanden und nur für eine überschaubare Auswertung bestimmt waren.

Vorab werde ich untersuchen, mit welchen Mitteln die Mainstream-Produktionen Schindlers Liste und Holocaust das Morden in der Gaskammer bildlich gestalteten und auf was für eine Resonanz sie damit stießen.

Anschließend werde ich mich ausführlicher mit meinen drei ausgewählten Nischen-Filmen beschäftigen. Dabei werde ich zunächst einige Fakten über die Filme erörtern, um anschließend die Kernfragen zu beantworten:

Wie werden die Tötungsszenen in der Gaskammer dargestellt?

In welchem Rahmen wurde der Film der Öffentlichkeit zugänglich gemacht?

Wie wurde der Film seinerzeit aufgenommen? Hat der Film eine Kontroverse ausgelöst?

Mit dem anschließenden Vergleich der Darstellung der jeweiligen Vergasungsszenen in den besprochenen Mainstream- und Nischen-Filmen, versuche ich herauszufinden, ob und inwiefern sich die Darstellung solcher Szenen voneinander unterscheidet und inwiefern die Resonanz auf diese Szenen voneinander abweicht.

2. Die Kontroverse um die Darstellung des Holocaust in der Fernsehserie „Holocaust“ und dem Kinofilm „Schindlers Liste“

Die Problematik der Darstellbarkeit des Holocaust beschäftigt die Deutschen seit der ohnehin schon umstrittenen Ausstrahlung der amerikanischen Mini-Serie Holocaust (1977/Marvin Chromsky), die ihrerzeit bei der deutschen Erstausstrahlung im WDR über 16 Millionen Zuschauer sahen und die ein neues Bewusstsein für die nationalsozialistische deutsche Vergangenheit schuf2, sowie erstmalig den Begriff Holocaust für den Genozid an den Juden zum Begriff werden ließ.3

Allerdings wurden auch etliche kritische Stimmen laut, als es in Deutschland zur Ausstrahlung der Serie kam:4

Als Fernsehproduktion ist der Film eine Beleidigung für die, die umkamen und für die, die überlebten. Trotz seines Titels ist dieses ,docu-drama‘ nicht das, was einige in Erinnerung haben. … Er [der Film] versucht, das darzustellen, was sich selbst der Vorstellungskraft entzieht. Er verwandelt ein ontologisches Ereignis in eine Seifenoper.5

Die in der Serie enthaltenen, für diese Arbeit relevanten Szenen der Judenvernichtung in der Gaskammer wurden dem Zuschauer lediglich angedeutet und fanden ausschließlich im OFF statt.

Die Fernsehserie Holocaust zeigt den Gang in die Gaskammer gleich zwei Mal. Zu Beginn des vierten Teils sieht man die Ermordung mit den Augen eines Chemikers, der Auschwitz besucht. Im Zentrum der Szene steht der mittlerweile konventionell gewordene Blick durch das Guckloch der Stahltüre zu den Vergasungskammern. Das Guckloch symbolisiert die Grenze, hinter der sich der Zuschauer mitten im Grauen wiederfinden würde. Der Blick ist zwar möglich, aber er ist ausschließlich der Filmfigur vorbehalten. Dem Zuschauer wird er erschwert. Diese Darstellung wahrt die Konvention, nicht das Grauen in der Gaskammer zu zeigen, stimuliert aber die Fantasie der Zuschauer, sich dieses vorzustellen. Somit wird die Grenze zwar akzeptiert, aber gleichzeitig deren Überschreitung angedeutet.6

In den negativen Kritiken der Serie spielten die Szenen in der Gaskammer nur eine untergeordnete Rolle und wurden nicht einzeln hervorgehoben.

Deutlich mehr Gegenwind bekam dagegen 17 Jahre später die Darstellung einer Gaskammerszene in Steven Spielbergs in weiten Teilen schwarz-weiß gehaltenem zweite Weltkriegsdrama Schindlers Liste, das am 3. März 1994 in die deutschen Kinos kam.7

Die Szene in der Gaskammer wird dabei folgendermaßen dargestellt:

Starke Emotionalisierung erreicht ebenfalls eine bereits erwähnte Szene, die dadurch Horror erzeugt, dass sie zunächst droht, mit einem der im Mainstream - Kino bislang noch gültigen Bilder Tabus zu brechen und das Sterben im Gas zu zeigen. Schindlers Arbeiterinnen werden irrtümlich nach Auschwitz deportiert. Sie erleben die Ankunft an der Rampe, werden entkleidet, geschoren und in einen Duschraum getrieben. Als sich die schwere Tür von außen schließt, muss der Zuschauer annehmen, dass die Frau nun vergast werden. Die Kamera fährt langsam auf ein verglastes Guckloch in der Tür zu, um ins Innere zu sehen und kündigt damit einen Schlüssellochblick auf das kommende Sterben an.

Doch mit einem Schnitt springt der kühldistanzierte Blick nach innen und zwängt sich nun mitten ins Gedränge der nackten Körper. Die Spannung wird noch gesteigert, als das Licht ausfällt und Geschrei losbricht.

Es folgen nahe Einstellungen Angst verzerrter Gesichter, alle Augen sind auf die Duschvorrichtung gerichtet. Auf dem Höhepunkt der Szene strömt schließlich Wasser und nicht Zyklon B auf den Duschköpfen. Die Frauen strecken ihre Arme nach oben und empfangen die erlösenden Tropfen wie ein Segen. Die Wassertropfen reflektieren das Licht und werden zu Lichtstrahlen. Die Duschszene ist wie ein ganzes Schauspiel en miniature: Mitleid und Furcht, die der Zuschauer empfindet, münden in eine reinigende Katharsis - reinigend hier selbst auf der Bildebene.8

Die im Zitat beschriebene Gaskammerszene erweist sich also als dramaturgischer Bluff, bei dem es im Endeffekt zu keiner Vergasung kommt und alle unbeschadet den Duschraum in Auschwitz verlassen können.

Die Rezeption von Schindlers Liste fiel seinerzeit sehr unterschiedlich aus, wobei das Lob doch die negativen Stimmen überwog.9 Die Diskussionen über Spielbergs Film hielten in Deutschland noch Monate nach der Veröffentlichung des Films an.10

Der österreichische Filmregisseur Michael Haneke beispielweise ist mit Spielbergs Realisierung der Gaskammer-Szene nicht einverstanden.

Da werden die Leute in Räume getrieben, die wie Duschen aussehen, und dann wird Spannung darüber erzeugt, ob da jetzt Wasser kommt oder Gas. Das verbietet sich. So viel Ernst muss ich einem solchen Thema schon entgegenbringen, dass ich so billig keine Spannung herstellen darf.11

In den Vordergrund rückte auch der Dokumentarfilmregisseur Claude Lanzmann, dessen 1985 entstandener Dokumentarfilm Shoah wegen der inhaltlichen Ähnlichkeit oft mit Spielbergs Schindlers Liste verglichen wird12, mit seinem propagierten Verbot der filmischen Darstellung der Shoah bzw. des Holocausts, wobei sich Lanzmann dabei nicht nur auf die Darstellung des Genozids in den Gaskammern beschränkte.

…am Ende stößt man auf einen Knoten, über den man nicht hinausgelangt. Der Holocaust ist vor allem darin einzigartig, dass er sich mit einem Flammenkreis umgibt, einer Grenze, die nicht überschritten werden darf, weil ein bestimmtes, absolutes Maß an Gräuel nicht übertragbar ist: wer es tut, macht sich der schlimmsten Übertretung schuldig.

Die Fiktion ist eine Übertretung, und es ist meine tiefste Überzeugung, dass jede Darstellung verboten ist. Als ich Schindlers Liste sah, fand ich das wieder, was ich bei der Holocaust - Fernsehserie empfunden hatte… ob Serie oder Film, beide übertreten, weil sie trivialisieren und so die Einzigartigkeit des Holocaust zunichte machen.13

Lanzmanns Forderung nach einem Bilderverbot fand in der Monate andauernden, in etlichen Artikeln, Kritiken, Kommentaren und Kolumnen geführten Diskussion sowohl Fürsprecher, als auch Gegenstimmen.

Das sich daraus ergebende Darstellungsverbot hat allerdings ungewollt die Tendenz zur Sakralisierung und Mythisierung des geschichtlichen Ereignisses Auschwitz gefördert. Zudem spricht es implizit auch denjenigen Opfern, die überlebt haben, das Recht ab, sich, wie unzulänglich auch immer, um eine Darstellung dessen, was ihnen wiederfahren ist, also ihre eigenen Erfahrungen der Shoah, zu bemühen, und zwar mit den ihnen eben zu Gebote stehenden künstlerischen oder nicht-künstlerischen Mitteln.14

Nur die Kunstfertigkeit eines gebändigten Berichts vermag die Wahrheit des Zeugnisses teilweise zu übermitteln. Aber das ist nichts Außergewöhnliches: So geht es mit allen großen historischen Erfahrungen: Man kann also immer alles sagen, Das Unsagbare, mit dem man uns ständig in den Ohren liegen wird, ist nur ein Alibi. Oder ein Zeichen von Faulheit. Man kann immer alles sagen, die Sprache enthält alles.15

Eine strenge Auslegung des Holocaust-Bilderverbots führt zur Sakralisierung, Vergöttlichung und einem Absolutsetzen der Shoah. Der Holocaust kann dann auch als Ersatzreligion für Assimilierte und Atheisten dienen. „Du sollst dir kein Bildnis machen“ ist das falsche Gebot dieser neuen Ersatzreligion, direkt verbunden mit dem ersten Gebot „Du sollst keinen anderen Holocaust haben neben mir“ {} Die Bilder des Unvorstellbaren sind in unseren Köpfen.

Ob Bilderverbot oder Passion, beides verkehrt – ebenso im cineastischen Diskurs – die historische Untat zu einem metaphysischen Problem, beides bezieht sich auf Gott und Teufel, auf Himmel und Hölle, als wäre Auschwitz in einem Jenseits zu finden und nicht ein Ort in Europa.16

Im Diskurs über die Darstellbarkeit des Holocaust wurde damals keine Einigung erzielt. Auch wenn die in dieser Arbeit thematisierten Vergasungsszenen Teil der Diskussion waren, wurde nie ausschließlich über sie diskutiert. Das liegt wohl darin begründet, dass weder die Serie Holocaust noch der Film Schindlers Liste bildlich dargestellte Mordszenen in Gaskammern enthielten, die das Grauen dem Zuschauer nicht nur andeuteten, sondern zur Schau stellten.

Darin unterscheiden sich diese beiden Produktionen sehr deutlich von den drei Nischen-Filmen, deren Untersuchung den Hauptteil meiner Arbeit ausmacht und denen ich mich in den folgenden Kapiteln widmen werde.

3. Hauptteil: Die Darstellung von Vergasungen im internationalen Nischen-Kino

3.1 KZ9 – Lager di sterminio (Bruno Mattei/1977)

3.1.1 Hintergrund des Films

Bei KZ9 – Lager di sterminio handelt es sich um einen Vertreter der sogenannten Sadiconazista-Filme, in Szene gesetzt von dem italienischen Exploitation-Regisseur Bruno Mattei (1931 – 2007). Matteis Budget freundliche Arbeitsweise, die oft zweifelhafte Qualität seiner Filme, sowie seine exzessive Nutzung von Stock footage brachte ihm den Spitznamen „The Italien Ed Wood“ ein17, in Bezug auf den amerikanischen Trashfilm-Regisseur Ed Wood (1924 – 1978), der 1975 die goldene Himbeere für sein Lebenswerk als schlechtester Regisseur aller Zeiten verliehen bekam.18

Das Subgenre der Sadiconazista ist die italienischen Variante der sogenannten Nazisploitation–Filme.19

Genaugenommen waren die italienischen Sadiconazista-Filme der Versuch von Exploitation erprobten Produzenten und Regisseuren, auf der erfolgversprechenden Mischung aus NS Symbolik, Sex und Gewalt, die Autoren-Filme wie Der Nachtportier (Liliana Cavani /1974), Seven Beauties (Lina Wertmüller /1975) und Die 120 Tage von Sodom (Pier Paolo Pasolini /1975) erfolgreich gemacht hatten mitzuschwimmen.20 Die Grundformel dieses quantitativ doch sehr überschaubaren Genres lautete „Sex, Sadism & Svastika“, welche passenderweise auch das Cover der 2009 von Njutafilms in Schweden veröffentlichten The Nazisploitation Collection ziert, die vier der bekanntesten Titel dieses Genres (SS Camp 5: Women’s Hell/Sergio Serrone, The Gestapos Last Orgy/Cesare Canevari, The Beast in Heat/Luigi Batzella, SS Experiment Love Camp/Sergio Garrano) wiederveröffentlichte.21

Selbst 40 Jahre nach dem kurzen Boom dieses Genres scheint es Machern und Darstellern im Gegensatz zu anderen Exploitation-Trends der siebziger Jahre (wie den Zombie-, Women in Prison- oder Kannibalenfilmen) noch immer unangenehm zu sein, über ihr einstiges Schaffen zu sprechen. Dass es sich bei den Sadiconazista-Filmen bereits in ihrer Hochphase Mitte bis Ende der Siebziger Jahre um ein problematisches Genre gehandelt haben muss, deuten die offiziellen Credits eines der bekannteren Beispiele des Genres The Beast in Heat (Luigi Batzella /1977) hin, die nicht einen einzigen echten Namen von einem der beteiligten Filmschaffenden enthalten.22

Der Grund, warum in dieser Arbeit mit KZ9 ein Film untersucht wird, der selbst in dem quantitativ sehr überschaubaren Genre der Sadiconazista ein Nischendasein führt, ist die Tatsache, dass der Film als einziger Beitrag dieses Genres zwei explizite Vergasungsszenen enthält. Denn trotz der reißerischen Aufmachung kannte dieses Genre klare Tabus, an die sich zumeist auch gehalten wurde. Neben dem erwähnten, weitgehenden Verzicht auf Gaskammerszenen handelt es sich auch in den meisten Genrebeiträgen bei den Gefangenen nicht um Juden, sondern um Kommunisten, Verbrecher oder Homosexuelle.

In KZ9 wird die jüdische Religion der Insassinnen zwar nie klar kommuniziert, allerdings in der Endszene angedeutet, als während der Galgen-Exekution der beiden Protagonisten die umstehenden Gefangenen auf die Knie sinken und in ein Lied einstimmen, in dem durchgehend der Begriff „Israel“ wiederholt wird.23

Inhaltich folgt KZ9 wie die meisten der Sadiconnazista dem dramaturgischen Model der zu dieser Zeit im Exploitation-Kino sehr beliebten Frauenlager-Filme, nur eben vor dem historischen Hintergrund der NS-Zeit.24 Es geht um weibliche Gefangene, die neu im Konzentrationslager Rosenhausen ankommen, wo sie eine Tortur aus Folter, Erniedrigung und Vergewaltigung durch die SS-Männer und Aufseherinnen erwartet.

Im Mittelpunkt der Handlung stehen außerdem ein inhaftierter Arzt und eine Ärztin, die den Nazis bei ihren abscheulichen Experimenten assistieren müssen.

Im dritten Akt des Films gelingt den beiden Ärzten zusammen mit einer Insassin die Flucht aus dem Lager. Das Happy End bleibt aber aus, da sie zum Höhepunkt des Films wieder eingefangen und schließlich von den SS-Leuten erhängt werden.

Neben der fiktiven Handlung bemüht sich KZ9 um Authentizität, indem der Film teilweise echtes Bildmaterial aus einem Konzentrationslager verwendet (ein dramaturgisches Stilmittel, das sich in allen drei in dieser Arbeit untersuchten Nischen-Filmen wiederfindet) und am Ende des Films via Texttafel noch auf real existierende NS-Kriegsverbrecher hinweist, die in der eigentlichen Handlung des Films aber keine Rolle spielen.25

Im folgenden Kapitel werde ich die beiden Vergasungsszenen untersuchen, die der Film beinhaltet.

3.1.2 Vergasungsszenen in KZ9 – Lager di sterminio

3.1.2.1 Szene 1

KZ9 – Lager di sterminio enthält zwei ausführliche Vergasungsszenen. Die erste ereignet sich bereits im ersten Akt des Films, nach der Aussortierung der gerade im Lager angekommenen Frauen durch die SS-Männer. Die Vergasungsszene wird folgendermaßen bebildert:

Eine Gruppe komplett entkleideter Frauen wird von den SS-Leuten in einen sterilen Raum gebracht, an dessen Decke sich Lüftungsrohre befinden. Anschließend wird dem SS-Kommando über Lautsprecher befohlen, den Raum sofort zu verlassen. Wir werden Zeuge, wie außerhalb der Gaskammer ein Behälter von zwei Gasmaske tragenden SS-Männern mit Zyklon B befüllt wird. Anschließend steigt deutlich sichtbarer grauer Rauch aus der Belüftungsanlage der Gaskammer. Wir sehen als nächstes, wie die eingesperrten Frauen angesichts des Giftgases in Panik geraten, zur Tür der Gaskammer drängen, nach und nach immer mehr im Rauch verschwinden und schließlich qualvoll nach Luft ringend verenden.

Ihr Todeskampf wird mit Szenen unterschnitten, in denen die SS-Führungsriege beim militant-akkurat ausgeführten Abendessen in einem opulenten, mit allerlei Hakenkreuzen verzierten Festsaal gezeigt wird. Dieses Abendessen wird mit einem gemeinschaftlichen Hitlergruß eingeleitet. Die Montage dieser beiden Szenen wird von dramatischer Musik begleitet.

Nachdem sich die SS-Leute simultan mit der Serviette den Mund abgewischt haben, wird zurück in die Gaskammer geschnitten. Hier sehen wir das Ausmaß der Vernichtung anhand der Leichen der Frauen, die vor der Tür der Gaskammer aufeinanderliegen. Dabei weisen die Leichen blutige Kratzspuren auf und sind teilweise mit Fäkalien bedeckt.

Es wird zurückgeschnitten zum Abendessen der SS, die jetzt wieder simultan ihre Gläser erheben und mit deutlichem Akzent „Heil, Führer!“ rufen.

Dann folgt der Umschnitt in die Gaskammer, in der wir den über und über mit Fäkalien beschmierten Haufen toter Frauen noch deutlicher zu Gesicht bekommen.

In diesem Moment treten drei Männer mit Gasmasken und Wasserstrahlern in die Kammer und spritzen die Leichen ab. Mit dem in die Kamera spritzenden Wasser aus den Strahlern endet die Szene.26

3.1.2.2 Szene 2

Auf die besprochene Szene folgt im Mittelteil des Films noch eine weitere Szene, die den Tod durch Giftgas inszeniert, auch wenn es sich hierbei wohl eher um ein Experiment handelt, als um die gezielte Exekution der Gefangenen.

Die Szene spielt sich folgendermaßen ab:

Zwei entkleidete Frauen, die in der vorangegangenen Szene noch von einem SS-Hauptmann zur Bestrafung aufgepeitscht wurden, werden von vier SS-Leuten in einen sterilen Raum gebracht. Der Anführer der SS-Männer erklärt den beiden Frauen, dass sie heute noch mal Glück gehabt hätten und bittet sie um einen Gefallen: in diesem Moment drückt ihnen einer der SS-Leute einen metallenen Behälter entgegen, den sie auf Anweisung hin öffnen sollen.

Daraufhin verlassen die vier SS-Männer den Raum und lassen die verängstigten Frauen mit dem Behälter zurück. Die SS-Leute versammeln sich hinter einem versteckten Spiegel-Fenster, durch das sie die Frauen sehen können, diese sie aber nicht.

Über Lautsprecher fordert der SS-Hauptmann die Frauen mit Nachdruck auf, den Behälter jetzt zu öffnen. Als die Frauen dem Befehl Folge leisten dringt Giftgas aus dem Behälter. Hustend lassen sie den Behälter zu Boden fallen. Dramatische Musik setzt ein. Die SS-Männer hinter dem Fenster machen sich Notizen, während die Frauen in dem immer dicker werdenden Rauch ersticken.

Während die beiden Frauen bereits tot am Boden liegen diskutieren die vier SS-Leute über die Vor- und Nachteile von Senfgas, das sie offenbar gerade zur Vernichtung ihrer Gefangenen benutzt haben.

Der Hauptmann ordnet an, den nächsten Versuch unter Freiluft stattfinden zu lassen, da sie es auf diese Weise auch gegen die Russen einsetzen wollen.

Dann befiehlt er den beiden getöteten Frauen das Fleisch von den Knochen zu ziehen, da er zwei Skelette brauche, um sie nach Berlin zu schicken. Mit diesen Worten endet die Szene.27

3.1.3 Die Vergasungsszenen in Bildern

3.1.3.1 Szene 1

Die Frauen werden von den SS-Männern in die Gaskammer gebracht. Nachdem die SS-Männer den Raum verlassen haben, beginnt der Prozess der Vergasung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Vergasung schreitet voran, während die SS-Führungsriege speist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

SS-Männer mit Gasmasken säubern die ermordeten Frauen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.1.3.2 Szene 2

Die SS-Männer überreichen den zwei Gefangenen ein metallenes Objekt. Daraufhin verlassen sie den Raum und gehen in einen gesicherten Bereich, von wo aus sie das weitere Geschehen beobachten können.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Auf die Anweisung der SS-Männer hin öffnen die beiden Frauen das metallene Objekt. Giftgas entweicht. Die beiden Frauen verenden qualvoll. Dabei werden sie von den sich Notizen machenden SS-Leuten hinter der Glasscheibe beobachtet werden.

[...]


1 z.B. Wende, Der Holocaust im Film – Mediale Inszenierung und kulturelles Gedächtnis.

Thiele, Publizistische Kontroversen über den Holocaust.

Schultz, Der Nationalsozialismus im Film.

2 Thiele, Publizistische Kontroversen über den Holocaust im Film, S. 10.

3 Thiele, Publizistische Kontroversen über den Holocaust im Film, S. 17.

4 Schulz, Docu-dramas – oder: Die Sehnsucht nach der „Authentizität“, S. 7.

5 Wiesel, Die Trivialisierung des Holocaust, S. 26.

6 Ebbrecht, Geschichtsbilder im medialen Gedächtnis, S. 213.

7 Weiss, Der Gute Deutsche, S. 9.

8 Schultz, Der Nationalsozialismus im Film, S. 238.

9 Thiele, Publizistische Kontroversen über den Holocaust im Film, S. 465.

10 Weiss, Der Gute Deutsche, das ganze Buch.

11 Beyer, Spiegel-Gespräch mit Michael Haneke, Der Spiegel. Nr. 8, 2013, S. 118–123.

12 Wende, Schulz, Der Holocaust im Film, S. 150.

13 Lanzmann, Dokumente zur Diskussion um Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ in Deutschland, S.175.

14 Schulz, Wende, Der Holocaust im Film, S. 155. – 156.

15 Semprun, Der Rauch aus den Öfen hat die Vögel vertrieben, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 26.01.1995, S.33.

16 Rabinovici, Das Verbot der Bilder oder Sichtweise und Anschauung. IWK-Mitteilungen, 50. Jg. H. 4/1995, (= Mitteilungen des Instituts für Wissenschaft und Kunst, Wien), S. 7.

17 https://www.imdb.com/name/nm0559769/bio?ref_=nm_ov_bio_sm (eingesehen am 18.07.2019).

18 Craig, Ed Wood - Mad Genius, S. 276.

19 Stiglegger, Nazi-Chic und Nazi-Trash, S.13.

20 Stiglegger, Nazisploitation!, S.24.

21 https://ssl.ofdb.de/view.php?page=fassung&fid=19930&vid=286366 (eingesehen am 18.07.2019).

22 Lucas , 10 Picks from the Grindhouse, erschienen in Sight & Sound . Vol. XVII no. 6., S. 25.–27.

23 amerikanische Bootleg DVD von Desert Island Films, Inc. TC: 01:31:41 – 01:33:46.

24 Stiglegger, Sadiconazista, S.45.

25 amerikanische Bootleg DVD von Desert Island Films, Inc.

26 amerikanische Bootleg DVD von Desert Island Films, Inc. TC: 00:14:34 – 00:17:34.

27 amerikanische Bootleg DVD von Desert Island Films, Inc. TC: 00:55:44 – 00:57:58.

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung von Massenmorden durch Vergasung im zweiten Weltkrieg
Untertitel
Internationale Nischenfilme und amerikanische Mainstreamproduktionen im Vergleich
Hochschule
Hochschule für Fernsehen und Film München
Note
2,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
37
Katalognummer
V504029
ISBN (eBook)
9783346051356
Sprache
Deutsch
Schlagworte
darstellung, massenmorden, vergasung, weltkrieg, internationale, nischenfilme, mainstreamproduktionen, vergleich, Bruno Mattei, KZ9 - Lager di sterminio, Men behind the Sun, Tun Fei Mou, T. F. Mous, Uwe Boll, Auschwitz, Steven Spielberg, Schindlers Liste, Holocaust, Marvin J. Chomsky, Nazisploitation, Exploitation, italienische Kino, Der Nachtportier, Ilsa - Shewolf of the SS, Gestapo's last Orgy, Ed Wood, Nazi, Zweiter Weltkrieg, Zensur, The Beast in Heat
Arbeit zitieren
René Schweitzer (Autor), 2019, Die Darstellung von Massenmorden durch Vergasung im zweiten Weltkrieg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/504029

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