Lotse, Begleiter, Symbol? Die Rolle und Funktion des Löwen in Georg Wickrams "Der Goldtfaden"


Hausarbeit, 2017

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Inhalt des „Goldtfadens“

3 Der Löwe im Wandel der Zeit
3.1 Der Löwe im alten Orient und in Ägypten
3.2 Der Löwe in der Antike
3.3 Der Löwe im Mittelalter

4 Analyse der Rolle und Funktion des Löwen im "Goldtfaden"
4.1 Der Löwe als Symboltier im Auftakt des Romans
4.1.1 Der Löwe als friedliches Tier
4.1.2 Der Löwe als Name und Muttermal
4.2 Der Löwe im Verlauf des Romans
4.2.1 Der Löwe als Zootier und Begleiter
4.2.2 Der Löwe und die Liebe
4.2.3 Der Löwe als wildes Tier

5 Resümierende Schlussbemerkungen und Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Er gilt als „König der Tiere“1 und ist aufgrund seiner Stärke, seiner gewaltigen Mähne, seinem lauten Gebrüll und seiner symbolprägenden Eigenschaften wie Mut, Kraft, Tapferkeit, Macht, aber auch Wildheit2 ein weitverbreitetes Symboltier: Der Löwe.

Der Löwe ist ein Tier, dem die Menschen schon immer eine besondere Bedeutung beilegten. Die Faszination der Menschen für den Löwen besteht nicht erst seit des spannenden und rührenden Walt Disney Zeichentrickfilms Der König der Löwen, sondern reicht bis in die Antike zurück. Er ist eines der größten Landraubtiere und zur Gattung der Großkatzen zuzuordnen. Seine goldgelbe Farbe, die strahlenartige Mähne und seine Kraft deuten auf einen Bezug zum Licht, somit ist der Löwe auch ein Symbol des Lichts. Die Beziehung zum Licht drückt sich auch in der ihm zugeschriebenen Eigenart aus, niemals die Augen zu schließen. 3

Des Weiteren steht der Löwe als Sinnbild und Symbol für herrschaftliche Macht und Gerechtigkeit. Neben seiner Stärke werden ihm vermehrt positive Herrschertugenden zugeschrieben und somit die Königlichkeit der Natur des Löwen hervorgehoben. Der ‚König der Tiere’ ist nicht nur in metaphorischem Sinne, sondern auch tatsächlich ein Verwandter des menschlichen Königs, dem ‚König der Menschen’. Aus diesem Grund greift er diesen auch nicht an, da ein Löwe niemals einen wahren König verwundet.4 Nicht nur positive Eigenschaften sind dem Löwen zuzuordnen, sondern auch negative. Reißenden Löwen bei Löwenkämpfen oder Jagden bringen die bedrohlichen und strafenden Mächte eines Löwen zum Vorschein. Der Löwe ist ein mächtiges, stolzes Tier und facettenreicher Symbolträger, bei dem nicht zu vergessen ist, dass es sich hierbei um ein Raubtier handelt.

Die Tier-Mensch Beziehung war im Mittelalter sehr ausgeprägt. Durch die Tierhaltung wurden die Menschen in einen engen Kontakt mit den Tieren gebracht. Sowohl Nutz-, als auch Haustiere wurden verehrt und die Menschen bewunderten die Stärke, Geschicklichkeit, Treue und Wachsamkeit ihrer Lebensgenossen. Eine besondere und einzigartige Tier-Mensch Beziehung wird auch in dem Roman Der Goldtfaden von Georg Wickram thematisiert und in dieser Arbeit genauer betrachtet. Lewfried, der Protagonist des Romans, entwickelt eine spezielle Bindung zu dem Löwen Lotzmann. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Fragestellung der Rolle und der Funktion des Löwen im Goldtfaden. Die Löwe-Mensch

Beziehung wird genauer analysiert wobei der Fokus auf dem Löwen Lotzmann liegt. Ziel dieser Arbeit ist es, die Figur des Tieres genau zu analysieren, ihre Rolle und Funktion in der Handlung zu klären, diese genauer zu beleuchten und anhand von ausgesuchten Textstellen zu belegen. Des Weiteren soll die Löwe-Mensch Beziehung untersucht und in einen größeren, für den Handlungsverlauf wichtigen Gesamtzusammenhang gebracht werden.

Zur besseren Verständlichkeit des Kontextes wird der Inhalt der Geschichte in einer kurzen Zusammenfassung wiedergegeben. Danach erfolgt eine Übersicht des Löwen im Wandel der Zeit. Hierbei wird das Erscheinungsbild des Löwen mit den Epochen der Antike und des Mittelalters verglichen und Unterschiede erläutert. Nach Klärung des Löwenbildes erfolgt der eigentliche Hauptteil dieser Arbeit, die konkrete Analyse des Löwen mit Blick auf seine Funktionen des Symbolträgers, des Begleiters und des Lotsen. In einer resümierenden Schlussbemerkung werden die wichtigsten ausgearbeiteten Punkte aufgeführt und mit einem abschließenden Fazit abgerundet.

2 Inhalt des „Goldtfadens“

Der Goldtfaden ist ein Roman, der im Jahre 1557 von Georg bzw. Jörg Wickram verfasst wurde. Neben seinem Roman Der jungen Knabenspiegel ist der Goldtfaden sein zweiter großer Roman, der den sozialen Aufstieg eines Hirtensohnes zum Fürsten behandelt. Wickram hebt als Bewertungskriterien für das Vorankommen des Helden Lewfried persönliche Leistung, Fähigkeiten und Tugend hervor. Durch Liebe, Freundschaft und Gnade, gelingt es Lewfried Standesgrenzen zu überwinden. Für den Autor ist der beispielhafte Aufstieg des Helden vom armen Hirtensohn zum Grafen sehr wichtig.5 Für den Aufstieg des Helden sind harter Dienst, auf unterster Ebene beginnend und viele Bewährungsproben erforderlich, dies lässt sich bereits dem Untertitel des Prosaromans entnehmen:

Ein schöne liebliche vnd kurtzweilige Histori von eines armẽ hir ten son / Lewfrid genant / welcher auß seinem fleißigen studieren / vnderdienstbarkeyt / vnd Ritterlichen thaten eines Grauen Tochter vberkam / allen Jungen knaben sich der tugendt zůbefleissen / fast dienstlich zů lesen / Newlich an tag geben durch Jörg Wickram von Colmar6

Wickram verknüpft im Goldtfaden höfische Elemente und Märchenhaftes wie den wundersamen Löwen mit bürgerlichen Wertvorstellungen.7

Die Geschichte des Helden hat sich vor vielen Jahren in dem Königreich Portugal zugetragen. Lewfried der Protagonist des Romans wird als Sohn des armen Hirten Erich und seiner Frau Felicitas geboren. Die bescheidene Bauernfamilie lebt in der Provinz Salamanca und wurde von Gott mit vielen Kindern, Söhnen und Töchtern beschenkt. Als Felicitas erneut schwanger wurde trägt sich ein ungewöhnliches und wundersames Ereignis zu: Als Erich und Felicitas eines Mittags das Vieh auf dem Feld hüten, schleicht sich ein großer Löwe unter seine Viehherde. Doch anstatt die Bauersleute anzugreifen oder das Vieh zu fressen, verhält sich der Löwe ganz friedsam und hilft die Herde wie ein Hirtenhund zu hüten. Die Geschichte des zahmen Löwen Lotzmann und seinem Hirten Erich spricht sich im Königreich schnell herum. Auch der Kaufmann Hermann hört die Geschichte und wird Zeuge, wie der Löwe seinen Kopf in den Schoß der hochschwangeren Felicitas legt. Da Lysete, die Frau des Kaufmanns, keine weiteren Kinder mehr bekommen kann und daher sehr unglücklich ist, bittet Hermann Erich, sein ungeborenes Kind bei sich aufzunehmen und dieses wie einen eigenen Sohn aufzuziehen. Nachdem Felicitas einen Sohn auf die Welt bringt wird dieser auf den Namen Lewfried getauft. Ein Jahr nach seiner Geburt nehmen Hermann und Lysete Lewfried bei sich auf und ziehen diesen mit ihrem leiblichen Sohn Walter groß. Die beiden wachsen ungeachtet ihrer unterschiedlichen Herkunft und sozialem Stand wie Brüder auf. Nach einem Vorfall in der Schule, bei dem Lewfried von seinen Mitschülern zum König ernannt wird, gerät er in einen Konflikt und verlässt daraufhin die Stadt. Am Hof eines Grafen dient er als Küchenjunge und wird von diesem, dank seiner schönen Singstimme, zum Diener seiner Tochter Angliana ernannt. Die beiden verlieben sich ineinander, jedoch muss die Liebe heimlich bleiben, da sie nicht standesgemäß ist. Angliana schenkt Lewfried einen Goldfaden, den er als Zeichen seiner Liebe in seiner Brust einnäht. Auf Anglianas Wunsch hin entfernt er diesen später wieder. Diese Szene verweist auch auf den Titel der Geschichte Der Goldtfaden. Nachdem der Graf von der Liebe der beiden erfährt, möchte er Lewfried daraufhin umbringen lassen, was ihm aber nicht gelingt. Durch zahlreiche ritterliche Taten und fleißigen, treuen Dienst erweist sich Lewfried als der gräflichen Familie ebenbürtig und erlangt schließlich nach diversen Bewährungsproben die Hand Anglianas und darf diese heiraten. Die Figur des Löwen taucht in vielen Szenen auf, die für den Handlungsverlauf wichtig sind. Der Löwe weicht Lewfried nicht von der Seite und unterstützt ihn bei seinen Taten. Die genaue Funktion und Rolle des Löwen wird in den nächsten Kapiteln der Arbeit ausführlich analysiert.

3 Der Löwe im Wandel der Zeit

Bevor der eigentliche Hauptteil der Arbeit erfolgen kann, muss zunächst das Bild des Löwen und die Tier-Mensch Beziehung in den Epochen der Antike und des Mittelalters geklärt werden, um genaue Rückschlüsse zum Roman zu ziehen und um den Löwen in seiner Funktion zu untersuchen.

3.1 Der Löwe im alten Orient und in Ägypten

Mit einem Exkurs in den alten Orient und nach Ägypten wird dieses Kapitel eingeleitet. Schon im alten Orient gab es schriftliche Zeugnisse für eine Identifikation von Löwe und König. Seit Mitte des dritten vorchristlichen Jahrtausends sind mehrere Personennamen überliefert, die König und Löwe gleichsetzten: Lugal-pirig – „der König ist ein Löwe“8 oder Pirig-dalla – „der König ist ein mächtiger Löwe“9. Die königliche Löwenmetaphorik findet sich gleichermaßen in den Texten der nachfolgenden Reiche Mesopotamiens. Die mesopotamischen Herrscher beweisen gleichzeitig ihre Macht und Legitimation, indem sie Löwen mit eigener Hand erlegen. Dies ist auch ein Motiv, das kultur- und epochenübergreifend ist und sich in Ägypten, Persien, Griechenland und Rom widerspiegelt.10 Der Herrscher tötete das Tier, das seinem Wesen engstens verwandt ist, hierbei handelt es sich um einen rituellen Topos, der die königliche Qualifikation unterstreicht.11 Der Kampf König gegen Löwe wird als Streit zwischen dem „Wahrer von Recht und Ordnung“12 gedeutet. In der Löwenjagd zwischen Sieger und Besiegtem ereignet sich eine Symbiose. Die Kräfte des Unterlegenen gehen auf den Überlebenden über. Diese Kräfte befähigen den siegreichen König auch im Kampf gegen andere Herrscher den Sieg zu erlangen. Er selbst besitzt nun einen Kampfesmut, der sich nur mit dem eines Löwen vergleichen lässt. Jetzt ist er im Stande seine löwenhafte Natur zu propagieren.13 Der Zweck der Namensgebung, die zu Beginn des Kapitels erwähnt wurde, wird deutlich klarer. Sie drückt den Wunsch aus, dass der König, wie der Löwe im Tierreich, eine Herrschaft ohne Rivalen bzw. eine universelle Herrschaft ausübe.14

Bei den Ägyptern ist ein bemerkenswertes Sinnbild für die Verbindung von Pharao und Löwe die ‚Sphinx’, genauer gesagt die Löwensphinx, die eine Verbindung von Pharaonenhaupt und Löwenleib darstellt. Diese wurde zu keinem anderen Zweck errichtet, als den Herrscher in einer neuen Form zu verehren.15 In der politischen Ikonographie Ägyptens musste die Aggressivität und die Raubtierhaftigkeit des Königtums dargestellt werden, da die Aggressivität zu den Eigenschaften der Welt gehört. Wer in ihr bestehen will kann auf sie nicht verzichten.16 Nach dem ägyptischen Weltbild setzt sich jeder Herrschaftsanspruch in der gespaltenen Welt dem Hass aus. Eine Herrschaft ohne Rebellion ist undenkbar, sie ist mit der Errichtung eines Herrschaftsanspruchs als Möglichkeit automatisch gegeben. Es kommt darauf an den Fremden, der sich außerhalb Ägyptens befindet, abzuschrecken und einzuschüchtern.17 Schon hier lassen sich Parallelen zur mittelalterlichen Löwensymbolik erkennen: Der Herrscher ist Löwe, indem er in göttlichem Auftrag die Feinde der gerechten Ordnung bekämpft.

Im ägyptischen Weltbild ist der Fremde kein Wesen, das dem Schema von Gut oder Böse unterläge. Das Entscheidende ist ihn nicht zu vernichten, sondern diesen einfach fernzuhalten. Dazu tragen auch die bildlichen und literarischen Darstellungen des Pharaos als Schlächter der Fremdvölker bzw. konkret als Löwe in magischer Weise bei.18 Eine Besonderheit sind die Schlachtenlöwen, die auf Schlacht- und Triumphalreliefs zu finden sind und die als Begleiter des Pharaos entgegentreten. Ein solches Relief beschreibt der griechisch-sizilianische Geschichtsschreiber Diodoros, das eine Schlacht zwischen Ramses II. und Hethiter darstellt, wobei ein Löwe an der Seite des Herrschers entscheidend in den Kampf eingriff. Einerseits kann der Pharao tatsächlich einen Löwen in die Schlacht geführt haben, andererseits wird durch das Bild des Löwen die Verfassung seiner ‚Seele’ zeichenhaft verkündet, da der König ein Übermaß an Tapferkeit besaß und sich selbst loben wollte.19 Es wird deutlich, dass die altorientalische und altägyptische Löwenmetaphorik in engem Zusammenhang steht mit dem Konzept autokratischer und monarchischer Herrschaft. Ein genaueres Verhältnis zwischen Mensch und Tier wird hier hervorgehoben: Das Raubtier als Symbol des Königtums kann sich nur an dieser Stelle voll entfalten, wo Gottkönige als autoritäre Herrscher in uneingeschränkter Macht ihr Reich verwalten.

[...]


1 Udo Becker: Lexikon der Symbole, Freiburg 1998, S. 174.

2 Vgl. Ebd.

3 Vgl. Ebd.

4 Vgl. Dirk Jäckel: Der Herrscher als Löwe. Ursprung und Gebrauch eines politischen Symbols im Früh- und Hochmittelalter. In: Beihefte zum Archiv für Kulturgeschichte, H. 60, hrsg. von Helmut Neuhaus, Köln 2006, S.183f.

5 Vgl. Ki-Hyang Lee: Armut als neue Qualität der Helden im ‚Fortunatus’ und im ‚Goldfaden’. In: Würzburger Beiträge zur deutschen Philologie, Bd. 20, hrsg. von Horst Brunner, Gunter Grimm, Günter Hess […], Würzburg 2002, S. 120.

6 Georg Wickram: Der Goldtfaden. Vollständiger, durchgesehener Neusatz mit einer Biographie des Autors bearbeitet und eingerichtet von Michael Holzinger, Berlin 2013, S. 7.

7 Vgl. Ernst u. Erika von Borries: Mittelalter, Humanismus, Reformationszeit, Barock. In: Deutsche Literaturgeschichte Bd. 1, München 1991, S. 324.

8 Jäckel: Der Herrscher als Löwe 2006, S. 123.

9 Ebd.

10 Vgl. Ebd.

11 Vgl. Ebd., S. 124.

12 Ebd., S. 124.

13 Vgl. Ebd.

14 Vgl. Jäckel: Der Herrscher als Löwe 2006, S. 125.

15 Vgl. Jäckel: Der Herrscher als Löwe 2006, S. 125.

16 Vgl. Ebd., S. 126f.

17 Vgl. Ebd., S. 127.

18 Vgl. Ebd.

19 Vgl. Ebd.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Lotse, Begleiter, Symbol? Die Rolle und Funktion des Löwen in Georg Wickrams "Der Goldtfaden"
Hochschule
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)  (Germanistik)
Veranstaltung
Proseminar
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
20
Katalognummer
V504062
ISBN (eBook)
9783346055798
ISBN (Buch)
9783346055804
Sprache
Deutsch
Schlagworte
lotse, begleiter, symbol, rolle, funktion, löwe, georg, wickram, goldtfaden, mittelalter, tiere, mythologie
Arbeit zitieren
Michaela Lampe (Autor), 2017, Lotse, Begleiter, Symbol? Die Rolle und Funktion des Löwen in Georg Wickrams "Der Goldtfaden", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/504062

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