Die Agrarfrage in der althistorischen Forschung


Hausarbeit, 2015
16 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Hauptteil

I. Die Ausgangslage
1. Der Niedergang des italischen Kleinbauerntums nach den Quellen
2. Zusammenfassung und Begriffsbestimmung

II. Die Agrarfrage in der älteren Forschung
1. Der Agrarkapitalismus
2. Folgen des Agrarkapitalismus und der Einstellung der Kolonisation
3. Einschränkungen

III. Die Agrarfrage in der neueren Forschung
1. Die Kritikpunkte der neueren Forschung
a) Die fehlende Konkurrenz zwischen Kleinbauern und Großgrundbesitzern
b) Die Unabhängigkeit der Kleinbauern durch Subsistenzwirtschaft
c) Die Auswirkungen des Militärdienstes
2. Die ‚wahren‘ Gründe der Krise

Schluss

Quellen- und Literaturverzeichnis

I. Quelleneditionen

II. Forschungsliteratur

Einleitung

„ Thus Gracchus’ response to an imagined crisis of land and manpower initiated the political crisis which was to lead to the Republic’s fall.“ 1

Dieses Zitat enthält eine radikale Version der Neubewertung, die die Lage des italischen Kleinbauerntums im zweiten Jahrhundert v. Chr. in der althistorischen Forschung erfahren hat. Sollte sich das Kleinbauerntum nur in einer ‚eingebildeten‘ Krise befunden haben, so sind auch die Agrargesetzgebung der Gracchen und deren Motive dafür neu zu deuten. Dem soll hier jedoch nicht nachgegangen werden; vielmehr ist es angesichts des Meinungsumschwungs in der Literatur sinnvoll, nachzuzeichnen, wie sich die Vorstellung der Forschung von der Ent- wicklung des Kleinbauerntums gewandelt hat. Hierbei erscheinen insbesondere die Meinun- gen zu den Gründen und zum Ausmaß der Entwicklung als wichtige Untersuchungsgegen- stände, zumal inzwischen sogar die Ansicht vertreten wird, dass es sich bei dieser Entwick - lung nicht um eine Krise handle, wie das obige Zitat verdeutlicht.

Im Folgenden ist zunächst einmal die Quellengrundlage darzustellen, von der die Forschung ausgeht. Daraufhin wird die Auffassung der älteren2 Forschung dargelegt, die einen katastro- phalen Niedergang des italischen Kleinbauerntums im zweiten Jahrhundert v. Chr. konstatiert und diesen hauptsächlich auf wirtschaftliche Gründe zurückführt. Dem ist im nächsten Schritt die – insbesondere von Klaus Bringmann vorgebrachte – Kritik der neueren Forschung gegen- überzustellen. Diese führt andere Ursachen an und will nicht von einem allgemeinen Nieder- gang sprechen. Den Schluss der Arbeit bildet eine eigene Bewertung des Forschungsstandes.

Als Quellen kommen Appians Bürgerkriege, Plutarchs Biographie des Tiberius Gracchus und Sallusts Bellum Iugurthinum in Betracht. In den verwendeten Ausschnitten wird im Gegensatz zur sonst eher dürftigen Quellenlage die landwirtschaftliche und gesellschaftliche Situation in Italien vor der Gracchenzeit zum Teil recht detailliert beschrieben. Alle diese Werke sind je- doch mit deutlichem zeitlichen Abstand zum zweiten Jahrhundert v. Chr. entstanden und müs- sen nicht zuletzt deshalb unter gewissen Vorbehalten betrachtet werden, was besonders die neuere Forschung betont und worauf noch einzugehen sein wird.

Hauptteil

I. Die Ausgangslage

Unter der Ausgangslage wird hier das verstanden, was die antiken Quellen über das italische Kleinbauerntum in der Zeit vor dem Tribunat des Tiberius Sempronius Gracchus aussagen. Daraus wird sich eine nähere Bestimmung des Begriffs ‚Agrarfrage‘ ergeben, der im Mittel - punkt dieser Arbeit steht.

1. Der Niedergang des italischen Kleinbauerntums nach den Quellen

Appian zeichnet das Bild reicher Großgrundbesitzer, die sich sowohl ungenutztes öffentliches Land aneigneten als auch sich des Grundbesitzes armer Bauern durch Aufkaufen oder mit Ge- walt bemächtigten. So kamen sie zu ausgedehnten landwirtschaftlichen Betrieben, auf denen sie Sklaven die Arbeit verrichten ließen, was ihnen großen Reichtum einbrachte. Freie Ar- beitskräfte wollten sie nicht einsetzen, da diese zum Heeresdienst hätten eingezogen werden können und dadurch die Produktivität geschmälert hätten. Weil die Sklavenarbeiter nicht dem Risiko des Kriegseinsatzes ausgesetzt waren, vermehrten sie sich sorglos und zahlreich, wäh- rend die freie italische Landbevölkerung ohne Arbeit war, dadurch verarmte und noch zusätz- lich durch zu erbringende Abgaben und den zu leistenden Kriegsdienst belastet wurde. All dies führte zum Rückgang der freien Landbevölkerung Italiens und zu Unruhen im römischen Volk, das sich von dem Dahinschwinden seiner italischen Verbündeten und dem großen Zu- wachs an Sklaven bedroht fühlte.3

Plutarch beschreibt die Entwicklung ähnlich: Die Reichen verdrängten die Armen von deren Ländereien. Plutarch lässt jedoch nicht erkennen, ob er hiermit eigenes Land der Kleinbauern oder von diesen bewirtschaftetes Staatsland oder beides meint, obschon er zwischen Klein- bauern mit geringem Landbesitz und solchen ganz ohne eigenes Land unterscheidet. Trotz er - griffener Gegenmaßnahmen in Form eines Gesetzes, das eine Höchstgrenze für Landbesitz vorschrieb, war die Habgier der Großgrundbesitzer offenbar nicht zu stoppen. Durch Mittels- männer erwarben sie das Land der armen italischen Landbevölkerung und setzten große Men- gen an Sklaven ein, um es zu bewirtschaften. Die ihrer Zukunftsperspektive beraubten Klein- bauern leisteten ihren Militärdienst nur noch widerwillig ab und wollten auch keine Kinder mehr bekommen, was den Rückgang der freien italischen Bevölkerung zur Folge hatte.4

Sallust berichtet, dass das einfache Volk im Allgemeinen unter dem Kriegsdienst und unter Armut litt. Bauern, welche eingezogen wurden und daher von ihren Höfen abwesend waren, verloren ihr Land an Großgrundbesitzer in der Nachbarschaft, indem diese die Angehörigen der Bauern von den Höfen vertrieben. Insofern kommt in dieser Quelle ebenfalls der Nieder- gang des Kleinbauerntums zum Ausdruck, allerdings als Folge eines allgemeinen Sittenver - falls der römischen Gesellschaft seit der Zerstörung Karthagos. Sobald Rom keinen äußeren Feind mehr zu fürchten hatte, hielten Habgier und Egoismus Einzug und spalteten die Gesell - schaft in zwei konkurrierende Parteien, deren Konflikt den Staat ins Chaos stürzte.5

2. Zusammenfassung und Begriffsbestimmung

Die Quellen sprechen also einhellig von einer Ausweitung des Großgrundbesitzes auf Kosten der Kleinbauern. Nach Appian und Plutarch verursachte somit das Gewinnstreben reicher Großgrundbesitzer, die Sklaven als Arbeitskräfte bevorzugten, den Niedergang des Kleinbau- erntums, was vor dem Hintergrund des von Sallust skizzierten allgemeinen moralischen Ver- falls zu sehen ist. Armut und Bevölkerungsschwund unter den freien Landbewohnern waren die Folge, ebenso wie sich daraus ergebende Rekrutierungsschwierigkeiten und andere gesell- schaftliche Probleme angesichts der hohen Zahl an Sklaven.

Diese ganze Entwicklung lässt sich auf den Begriff der ‚Agrarfrage‘ bringen, welcher mithin den Niedergang des italischen Kleinbauerntums im zweiten Jahrhundert v. Chr. und die damit verbundenen sozialen und militärischen Probleme bezeichnet. Im weiteren Verlauf der Aus- führungen sollen jedoch das Rekrutierungs- und das Sklavenproblem keine herausgehobene Rolle spielen. Der Schwerpunkt wird auf den Gründen und dem Ausmaß der Krise des Klein - bauerntums als solchem liegen, beziehungsweise darauf, ob es diese Krise überhaupt gab.

II. Die Agrarfrage in der älteren Forschung

Die ältere Forschung hat bei der Untersuchung der Agrarfrage an die antike Überlieferung an- geknüpft, aber auch eigene Hypothesen aufgestellt und sich nicht auf die teils vagen Angaben der Quellen verlassen.6 Schon früh hat man die eigentliche Ursache für den Niedergang des Kleinbauerntums in einem agrarkapitalistischen Wettbewerb gesehen, den die Großgrundbe- sitzer aufgrund ihrer überlegenen, auf Sklavenarbeit basierenden Produktionskraft für sich entschieden und so die Kleinbauern, die auch noch der Konkurrenz durch aus Übersee impor - tiertes Getreide ausgesetzt gewesen seien, in den Ruin getrieben hätten.7 Das ruinierte Klein- bauerntum sei dann auf der Suche nach einer neuen Existenzgrundlage nach Rom gezogen, wo es den Großteil des seit dem Zweiten Punischen Krieg stark angewachsenen städtischen Proletariats gebildet habe.8

1. Der Agrarkapitalismus

Als Grundlage dieses Agrarkapitalismus wird die spezielle wirtschaftliche Situation der römi- schen Senatorenschicht angeführt. Die lex Claudia aus dem Jahr 218 v. Chr. verbot den Sena- toren, sich im Handels- und Geldgeschäft zu betätigen, um sie im Sinne der mores maiorum zu einer traditionellen, auf das Landleben ausgerichteten Existenz zu bewegen. Dies führte dazu, dass sie die Reichtümer, die sie in den auf dem Weg zur römischen ‚Weltherrschaft‘ ge- führten zahlreichen Kriegen erbeutet hatten, zumeist nur in Landbesitz anlegen konnten, wo - durch noch nie zuvor dagewesene Großgüter entstanden.9

In Italien stand jedoch nicht ausreichend Ackerland zum Verkauf, um diese Güter allein auf solchem Land entstehen zu lassen. Somit wurde auch das römische Staatsland, der ager publicus – zu dieser Zeit hauptsächlich abtrünnigen Bundesgenossen des Zweiten Punischen Krieges weggenommenes Land – in Anspruch genommen.10 Zwar hatte prinzipiell jeder Bür- ger das Recht, dieses Land gegen eine Gebühr in Besitz zu nehmen, und eigentlich war dieses Recht für Bedürftige vorgesehen.11 Gerade die Kleinbauern waren wesentlich auf Staatsland angewiesen, um ihre Existenz zu sichern. Dennoch hatten vor allem die Großgrundbesitzer die Möglichkeit, dieses Angebot zu nutzen. Der mit der Entstehung der landwirtschaftlichen Großbetriebe gestiegene Bedarf an Arbeitskräften wurde mit leicht auszubeutenden Sklaven gedeckt, von denen infolge der Kriege des zweiten Jahrhunderts v. Chr. mehr als genug billig zu haben waren.12

2. Folgen des Agrarkapitalismus und der Einstellung der Kolonisation

Auf diese Weise habe sich mit den Großbetrieben eine neue und produktivere Methode, Land- wirtschaft zu betreiben, durchgesetzt, die auch auf Spezialisierung der Erzeugnisse gesetzt habe. Der aus Roms neuer Weltmachtstellung resultierende enorme Kapitalzufluss habe die Einführung neuer Feldfrüchte ermöglicht; dazu komme noch die Erschließung neuer Weide- flächen auf dem ager publicus und eben der großangelegte Einsatz von Sklaven. Im Gegen- satz dazu hätten kleine Bauernhöfe, deren Situation ohnehin stets außergewöhnlich prekär und labil gewesen sei, aufgrund fehlender Mittel keine Möglichkeit zur Weiterentwicklung und zur Steigerung ihrer Produktionsmenge gehabt.13

Nachteilig habe sich auch das Ende der Errichtung von Kolonien in Italien ausgewirkt. Ur- sprünglich seien landlose Bauern, Kriegsveteranen und andere Landsuchende dadurch ver- sorgt worden, dass man sie in Kolonien ansiedelte; nun habe sich jedoch ein Stau dieser Leute gebildet. Im zweiten Jahrhundert v. Chr. habe der Senat nämlich die Ansiedlungspolitik bis auf einzelne Ausnahmen zum Erliegen kommen lassen und ab ca. 170 v. Chr. ganz einge- stellt,14 weil er das Problem der Versorgung der Kriegsveteranen mit Land für gelöst gehalten habe. Da es sich im Übrigen bei den Kolonien vorrangig um militärisch motivierte Ansiedlun - gen gehandelt habe, die für die Sicherheit des römischen Territoriums sorgen sollten, sei die Kolonisation nach der Befriedung Oberitaliens nicht mehr von großer Bedeutung gewesen.15

[...]


1 J. W. Rich, Tiberius Gracchus, Land and Manpower, in: O. Hekster/G. de Kleijn/D. Slootjes (Hgg.), Crises and the Roman Empire. Proceedings of the Seventh Workshop of the International Network Impact of Empire, Leiden/Boston 2007, 155–166, hier 166.

2 Man könnte ebenso von der ‚traditionellen‘ oder ‚konventionellen‘ Ansicht sprechen, da sie auch in neueren Werken vorgetragen wird. Vor allem solche werden im Folgenden benutzt.

3 App. civ. 1, 29–32.

4 Plut. Tiberius Gracchus 8, 1–3.

5 Sall. Iug. 41, 1–10.

6 K. Bringmann, Die Agrarreform des Tiberius Gracchus. Legende und Wirklichkeit, Stuttgart 1985, 16.

7 Th. Mommsen, Römische Geschichte II, Berlin 18898, 73–74.

8 G. Alföldy, Römische Sozialgeschichte, Stuttgart 20114, 71.

9 J. Bleicken, Geschichte der Römischen Republik, OGG 2, München 20046, 58–59, 61.

10 Bleicken, Geschichte der Röm. Republik, 61.

11 App. civ. 1, 26–27; Plut. Tiberius Gracchus 8, 1.

12 E. Gabba, Rome and Italy in the Second Century B. C., CAH VIII2, 1989, 197–243, hier 203; Bleicken, Geschichte der Röm. Republik, 60–62; Alföldy, Röm. Sozialgeschichte, 72.

13 Gabba, CAH VIII2, 203; K. Christ, Krise und Untergang der römischen Republik, Darmstadt 20004, 68–70.

14 Im Jahr 177 v. Chr. erfolgte die Gründung der letzten römischen Bürgerkolonie für 40 Jahre: Luna (Christ, Krise und Untergang, 119).

15 Christ, Krise und Untergang, 70–74; K. Bringmann, Krise und Ende der römischen Republik (133–42 v. Chr.), Berlin 2003, 32; Bleicken, Geschichte der Röm. Republik, 62, 191; Alföldy, Röm. Sozialgeschichte, 73.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Agrarfrage in der althistorischen Forschung
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Seminar für Alte Geschichte)
Veranstaltung
Proseminar: Die Gracchen
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
16
Katalognummer
V504109
ISBN (eBook)
9783346051455
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar des Dozenten: "Ihre Hausarbeit ist tadellos, ganz hervorragend, ein Lesevergnügen und dazu noch ein Text, von dem ich viel lernen konnte."
Schlagworte
Gracchen, Tiberius Gracchus, Agrarfrage, italische Kleinbauern, Agrarkrise, Agrarkapitalismus, 2. Jahrhundert v. Chr., Großgrundbesitz, ager publicus, Sklaven, Subsistenzwirtschaft, Kolonisation, Landflucht, Reformpropaganda, Niedergang des Kleinbauerntums, ältere und neuere Forschung, Klaus Bringmann
Arbeit zitieren
Alexander Lauer (Autor), 2015, Die Agrarfrage in der althistorischen Forschung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/504109

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