Is sharing really caring? Die Auswirkungen der Sharing Economy auf den Wohnungsmarkt in Berlin-Kreuzberg


Bachelorarbeit, 2019

98 Seiten, Note: 1,2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Teilen
2.2 Wohnungsmarkt
2.3 Gentrifizierung
2.4 Doppeltes Invasions-Sukzessions-Zyklus Modell nach Dangschat

3. Auswirkungen der Home-Sharing Dienste auf den Wohnungsmarkt
3.1 Wohnungsmärkte und Gentrifizierung
3.2 Sharing Economy
3.3 Wohnraumentzug in Berlin in Verbindung mit Home-Sharing Diensten

4. Methodik und Operationalisierung

5. Ergebnisse
5.1 Interviewergebnisse in Bezug zur Sekundärliteratur
5.2 Interviewergebnisse in Bezug zum Doppelten-Invasions-Sukzessions-Zyklus

6. Diskussion und Schlussfolgerung

Verzeichnisse
Literaturverzeichnis
Internetquellen

Anhang
Leitfaden Experteninterviews
Kodierfaden
Transkribierte Interviews

Abstract

Die vorliegende Bachelorarbeit erforscht den Einfluss der kommerziellen Sharing Economy im Bereich Wohnen auf den Wohnungsmarkt und den damit verbundenen Gentrifizierungsprozess in Berlin-Kreuzberg. Die Sharing Economy hat sich über die letzten Jahre hinweg zu einer festen Wirtschaftsgröße entwickelt. Sie trägt als dis­ruptive Innovation maßgeblich zu einem Umdenken der Besitzverhältnisse weg von Eigentum und hin zu geteilten Gütern bei. Jedoch zeichnet sich das Geschäftsmo­dell auch durch negative Auswirkungen aus.

Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf der Beantwortung der Forschungsfrage, was die möglichen negativen Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt und die Be­völkerungsstruktur in Berlin-Kreuzberg durch kommerzielle Home-Sharing Dienste sind. Neben den bereits ermittelten Daten aus der Sekundärliteratur werden hierzu fünf Experten mithilfe einer qualitativen Methode befragt. Unter Zuhilfenahme des doppelten Invasions-Sukzessions-Zyklus nach Dangschat als theoretisches Modell werden die Interviews der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring unterzogen. Den Schlussteil der Untersuchung bilden die Diskussion der Ergebnisse der Primär- und Sekundärliteratur und das Fazit.

Anhand der Ergebnisse ist zu konstatieren, dass der Einfluss von kommerziellen Home-Sharing Diensten auf den Wohnungsmarkt und die Gentrifizierung in Berlin- Kreuzberg als gering einzustufen ist. Auch die Umsetzung von Maßnahmen in Be­zug auf den Einfluss erweist sich als problematisch. Die zu geringe Anzahl an rea­lisierten Neubauprojekten im Bezirk und der stetige Zuzug neuer Bevölkerungsgrup­pen in die Hauptstadt haben stärkere Auswirkungen auf die Gesamtsituation.

Schlüsselwörter: Sharing Economy, Wohnungsmarkt, Berlin-Kreuzberg, Gentrifi- zierung

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Doppelter Invasions-Sukzessions-Zyklus

Abbildung 2: Angebotsmieten (nettokalt, Median) im Bezirk Friedrichshain- Kreuzberg 2017

Abbildung 3: Airbnb-Inserate in Berlin

Abbildung 4: Airbnb-Inserate in Friedrichshain-Kreuzberg

Abbildung 5: Fiktives Rechenbeispiel - Indifferenzwerte

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Interviewpartner

Tabelle 2: Ankerpunkte aus den Interviews

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Die E-Commerce1 -Plattform-Landschaft des 21. Jahrhunderts hat die Entwicklung neuer und innovativer Formen von Online-Marktplätzen erlebt. Zu diesen zählen vor allem die in Deutschland stark wachsenden Sharing Economy Plattformen2. Im Jahr 2017 nutzten 39 Prozent aller Bundesbürger bei steigender Tendenz die Dienste von Airbnb, Uber und co. Der Sharing Economy Markt in Deutschland weist zudem ein Volumen von über 20 Milliarden Euro auf (PWC, 2018). Der kollaborative Kon­sum verspricht sich durch diese Art des Wirtschaftens die Stärkung sozialer Bezie­hungen, die Einsparung von Ressourcen sowie die Schaffung von Arbeitsplätzen.

Unter dem Begriff Sharing Economy ist das systematische Ausleihen und Teilen von Gütern zu verstehen. Zentrales Thema stellt dabei der gemeinschaftliche Kon­sum (engl. Collaborative Consumption) durch Privatpersonen oder Interessens­gruppen. Genutzt werden können Güter entweder gegen eine Gebühr oder kosten­frei. Für die vorübergehende Nutzung muss kein Eigentum an der Ressource er­worben werden. Die entsprechenden Netzwerke entstehen meist über webbasierte Plattformen, durch die Nutzer auf Ressourcen anderer zugreifen oder eigene Res­sourcen anderen Nutzern anbieten können (Bendel, 2019).

Doch das systematische Teilen wird auch von negativen Nebeneffekten begleitet. Bei diesen handelt es sich unter anderem um Arbeitsbedingungen, Steuerhinterzie­hung und Wohnraumverknappung (Schulz, 2014). Letztere hat in den letzten Jahren große Aufmerksamkeit in Berlin erfahren. Der kommerziellen Home-Sharing Platt­form Airbnb wird vorgeworfen, durch das Anbieten von Ferienwohnungen die Miet­preisentwicklung anzuheizen, wodurch dem Markt reguläre Mietwohnungen entzo­gen werden und Wohnraumverknappung resultiert (Stössel, 2018).

Der Lebensraum in der Großstadt verändert sich somit in zunehmendem Maße, wodurch die Wohnungssuche für die Einwohner sehr erschwert wird. 3,7 Millionen Einwohner wies die Hauptstadt im Jahr 2018 auf (Statistik Berlin Brandenburg, 2018). Das Einwohnerwachstum von 2011 bis 2016 betrug rund 50.000, neue Woh­nungen werden daher dringend benötigt (Tagesspiegel, 2018). Doch obwohl in Ber­lin so viele Neubauprojekten realisiert werden wie seit 20 Jahren nicht mehr, beläuft sich das Angebotsdefizit an Wohnungen auf ca. 100.000 Einheiten (Bath, 2019). Dem stehen 1,92 Millionen offerierte Wohnungen gegenüber, von denen allein rund 25.000 Unterkünfte (1,4%) auf Airbnb entfallen (Stadtentwicklung Berlin, 2015). Seit dem 01. Mai 2014 müssen Anbieter für eine Vermietung von mehr als 49 Prozent der Wohnfläche als Ferienunterkunft eine Genehmigung vorweisen. Dennoch fehlt nach Inkrafttreten des Gesetzes bei ca. 90 Prozent der Airbnb-Inserate weiterhin die Registrierungsnummer (Tagesspiegel, 2018).

Diese wissenschaftliche Arbeit soll durch eine Bewertung des potenziellen negati­ven Einflusses der kommerziellen Home-Sharing Dienste auf Berlin-Kreuzberg ei­nen fundierten Beitrag zum aktuellen Diskurs leisten. In diesem Zusammenhang soll die folgende Forschungsfrage beantwortet werden:

Was sind die möglichen negativen Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt in Berlin- Kreuzberg und den damit einhergehenden Gentrifizierungsprozess durch kommer­zielle Home-Sharing Plattformen?

Für die Beantwortung der Forschungsfrage wird zum einen die existente Sekundär­literatur genutzt, um dem Leser einen Überblick über den Wohnungsmarkt und die Sharing Economy samt ihren Einflüssen auf den Wohn- und Übernachtungsmarkt zu verschaffen. Zum anderen soll die herausgearbeitete Theorie auf der Grundlage des Doppelten Invasions-Sukzessions-Zyklus-Modells nach Dangschat abgerundet werden. Dies ermöglicht die Bestimmung der aktuellen Gentrifizierungsphase in Berlin-Kreuzberg. Für den darauffolgenden empirischen Teil der Arbeit wurden wei­tere Ergebnisse durch die qualitative Befragung von fünf Experten, welche einen direkten oder indirekten Bezug zum Thema haben, gewonnen. Als Forschungsdes­ign wurde ein halbstandardisierter Interviewleitfaden entworfen. Den Schlussteil die­ser Arbeit bilden die Diskussion der Ergebnisse und die formulierten Handlungs­empfehlungen zum weiteren Vorgehen.

2. Theoretische Grundlagen

2.1 Teilen

Der Begriff des Teilens wird stark durch Russell W. Belk geprägt. Beim Teilen han­delt es sich für ihn um die Handlung und den Prozess der Verteilung eigener Res­sourcen an andere zu deren Gebrauch und/oder um die Handlung und den Prozess des Empfangens oder Nehmens von etwas von anderem zum eigenen Nutzen (Belk, 2007, S. 127). Eine prägnantere Definition liefert Benkler, der das Teilen als ein nicht wechselseitiges pro-soziales Verhalten bezeichnet (Jaeger-Erben/ Rückert-John / Schäfer, 2017, S.101). Menschen teilen sowohl aus funktionalen Gründen, um beispielsweise zu überleben, als auch aus selbstlosen Gründen, die als Bequemlichkeit, Hilfbereitschaft, Höflichkeit oder Freundlichkeit gegenüber an­deren zu verstehen sind (Fine, 1980, S.5). Belk (Belk, 2010, S. 715) charakterisiert das Teilen als die wahrscheinlich älteste Form des Konsums, die in den menschli­chen Gesellschaften seit einigen hunderttausend Jahren Bestand hat und Price (Price, 1975, S. 3) bezeichnet das Teilen als somit denkbar grundlegendste Form der wirtschaftlichen Verteilung. Zudem ist das Teilen ein gemeinschaftlicher Akt, der Menschen miteinander verbindet (Belk, 2010, S. 717). Allerdings ist der Sharing­Begriff laut Belk eher im Bereich der Familie anzusiedeln, da sie als die unmittelbar an das erweiterte Selbst angrenzende Schicht des Individuums qualifiziert wird und in dieser Schicht auch das größte Maß an Austausch stattfindet (Belk, 2010, S. 724). Aufgrund von anthropologischen Studien, welche die Nahrungsteilung der Genera­tion der Jäger und Sammler untersucht haben, stellt Belk die These auf, dass das Teilen positive Auswirkungen auf eine Gesellschaft hat, wie beispielsweise eine er­höhte Paarungschance derer, die teilen (Belk, 2010, S. 716). Hingegen stellt wirt­schaftliches Teilen keine menschlichen sozialen Verbindungen her, sondern aus dem Teilen resultieren ökonomische Verpflichtungen, wie die Entrichtung eines Geldbetrags durch den Käufer und das Aushändigen der Ware durch den Verkäufer (Belk, 2010, S. 718). Nach dem Transaktionsabschluss ist die Beziehung vorerst beendet. Für Belk wird beim Teilen keine Rollenverteilung praktiziert, es gibt weder einen „share-giver“ noch einen „share taker“ (Belk, 2010, S.720).

Für das Teilen differenziert Belk (Belk, 2007, S. 128 f.) zwischen zwei Schlüsselpro­totypen: Dem Muttersein und der Verteilung von Ressourcen innerhalb der Familie. Beim Muttersein teilt die Mutter sowohl ihren Körper bei der Geburt des Kindes als auch die Muttermilch im Anschluss mit dem Neugeborenen. Diese Sorgfalt stellt die Mutter kostenlos, also ohne Erwartung von Gegenseitigkeit oder Austausch zur Ver­fügung. Der zweite Prototyp bezieht sich auf die gemeinsamen Besitztümer inner­halb einer Familie. Die Nutzung erfordert keine Einladung und kann sowohl zu Ver­antwortung als auch Rechten führen. Wenn ein Familienmitglied alleiniger Eigentü­mer eines Objekts ist, kann diese Person diese Gegenstände uneingeschränkt nut­zen und behandeln, bspw. das eigene Mobiltelefon . Anders verhält es sich bei ge­meinsamen Besitztümern, wie bspw. Gartenmöbeln, die sorgfältiger geschont wer­den müssen, um anderen Familienmitgliedern die Nutzung in einem ebenso guten Zustand ermöglichen zu können. Dies ist je nach Kultur unterschiedlich: Die Famili­enmitglieder im Westen verlangen voneinander, dass vor der Nutzung der fremden Sachen das andere Mitglied den Eigentümer um Erlaubnis bittet. In den Kreisen östlicher Familien ist diese Bitte nicht allzu relevant.

Auch die Reziprozität, das Prinzip der Gegenseitigkeit, gehört laut Cialdini (Cialdini ,2014, S. 23 ff.) zu den tief verwurzelten Gesetzmäßigkeiten der menschlichen Kul­tur des Teilens. Demnach sollte ein Individuum stets darum bemüht sein, erhaltene Gefälligkeiten zurückzugeben. Nach Stegbauer (Stegbauer, 2011, S.15) enthalten Reziprozitätsprozesse nicht das gesamte Soziale, doch sind Bezieh ungen ohne diese kaum vorstellbar. Das Prinzip der Gegenseitigkeit macht die Essenz einer Reihe von Beziehungen aus. Die Reziprozität bildet nach Becker (Becker, 1956, S. 94) eine Voraussetzung, um überhaupt erst menschlich werden zu können.

Ob Menschen zum Teilen bereit sind, hängt nach Belk (Belk, 2010, S. 727 ff.) von einigen Kriterien ab:

Emotionale Verbundenheit mit Besitztümern und Habgier

Das Bestreben nach Teilen ist in starkem Maße von der emotionalen Bindung an den Besitz abhängig. Ist diese stark, sind Menschen weniger gewillt, dieses Objekt zu teilen. Grenzen zwischen Menschen entstehen auch durch Materialismus und Besitzgier, da stark materialistische Menschen Beziehungen den materiellen Din­gen unterordnen. Die Aspekte der Objektbindung und des Materialismus stellen für das Teilen eine Bedrohung dar. Der Aufstieg des besitzergreifenden Individualis­mus während des letzten Jahrhunderts ging einher mit einem gleichzeitigen Rück­gang des Austauschs von Gütern.

Unabhängigkeit vs. Interdependenz

Wenn Menschen keine Abhängigkeit voneinander verspüren und diese auch gezielt vermeiden, teilen sie seltener. Unabhängigkeit bedeutet ein eingeschränktes Selbst und weniger Teilhabe.

Privatsphäre

Ist eine Person sehr bedacht, vorwiegend in ihrer eigenen Privatsphäre zu leben, und meidet sie den Kontakt zu anderen Menschen, ist deren Bereitschaft, den eige­nen Besitz zu teilen, gering.

Utilitarismus

In diesem Fall ist das Teilen durch eine pragmatische wirtschaftliche Motivation be­stimmt. Wenn ein Besitz unter mehreren Personen aufgeteilt wird, dann steht mehr Geld für die Anschaffung von weiteren Objekten zur Verfügung, die sich die Einzel­personen nicht alle hätten leisten können. Der Zugang zu teurem Eigentum zu ge­ringeren Kosten kann dann erleichtert werden, wenn mehrere Menschen große, aber selten genutzte Gebrauchsgüter gemeinschaftlich erwerben und besitzen.

2.2 Wohnungsmarkt

Nach Stefan Kofner handelt es sich beim „Wohnen... [um] ein menschliches Grund­bedürfnis“ und somit um einen fundamentalen Bestandteil der physischen Existenz­sicherung (Kofner, 2004, S. XIX). Der einzelne Mensch kann sich durch seine indi­viduelle Art und Weise des Hausens persönlich entfalten. Für die Gesellschaft be­deutet dies vor allem soziale Interaktion. Je nachdem, wo ein Individuum sesshaft wird, entstehen komplexe Beziehungen, da durch die Globalisierung Menschen mit verschiedensten kulturellen und ethnischen Hintergründen zusammenkommen. Dieser Vorgang wird als interkulturelles und grenzüberschreitendes Wohnen defi­niert. Gerade in den Zeiten der Flüchtlingskrise stellt sich die Frage, ob interkultu­relles Wohnen, das wiederum einen Baustein für eine erfolgreiche Integration bildet, gelingen kann (Kofner, 2004, S. XIX).

In Deutschland befindet sich die Wohnungswirtschaft als Wirtschaftsordnung im Ordnungsrahmen „Soziale Marktwirtschaft“ wieder. Als Wirtschaftsordnung ist ein geordnetes Regelwerk zu verstehen, an das sich die Teilnehmer innerhalb einer Volkswirtschaft zu halten haben (Kofner, 2004, S.1f.). Der Preis auf dem Wohnungs­markt wird durch Angebot und Nachfrage bestimmt. Er bildet sich durch den Preis­mechanismus, aus dem ein Marktgleichgewicht resultiert. Es ist durch eine Über­einstimmung der angebotenen und nachgefragten Menge an Gütern und durch den daraus resultierenden Gleichgewichtspreis gekennzeichnet. Durch die laufenden Korrekturen der Marktteilnehmer, beispielsweise durch eine Preissteigerung des Gutes durch die Unternehmen, aktualisiert sich dieser Preis fortlaufend (BPB). In einer freien Marktwirtschaft regelt sich der Wohnungsmarkt ohne Eingriffe des Staa­tes von selbst. Sie wird durch die Konsumentensouveränität bestimmt. Somit richten sich die Produzenten nach den Bedürfnissen der Verbraucher. Gegenteilig verhält es sich bei anderen Wirtschaftssystemen, wie beispielsweise der Planwirtschaft, bei der sich die Konsumenten nach den Interessen der Produzenten richten müssen (Kofner, 2004, S.3). Allerdings ist nicht gewährleistet, dass ein sich selbst regulie­render Markt stets das beste Ergebnis liefert. Tritt ein Marktversagen ein, das bei­spielsweise durch Wettbewerbsbeschränkungen ausgelöst wird, kann der Staat durch Eingriffe, wie z.B. eine Mietpreisbremse, den Markt vorerst stabilisieren (Kof- ner, 2004, S.4).

Die auf dem Wohnungsmarkt agierenden Anbieter werden als private und juristische Personen definiert, die Wohneinheiten aus dem eigenen Vorrat offerieren (Kofner, 2004, S.24). Unterteilt wird in zwei Gruppen von Anbietern: Private Anbieter und Wohnungsgesellschaften bzw. - unternehmen. Den größten Teil decken die priva­ten Anbieter ab, welche durch eine geringere Professionalität im Vergleich zu den Wohnungsgesellschaften gekennzeichnet sind. Da Wohnungen Vermögensanla­gen repräsentieren, sind sie motiviert, am Markt teilzunehmen (Kofner, 2004, S.27). Wohnungsgesellschaften bzw. -unternehmen haben den Auftrag der Erbringung von wohnungswirtschaftlichen Dienstleistungen zu erfüllen, wie beispielsweise der Betreuung oder Modernisierung des Wohnungsbestands. Differenziert wird zwi­schen freien und gemeinnützigen Wohnungsunternehmen. Die freien Wohnungs­unternehmen arbeiten gewinnorientiert, die gemeinnützigen streben dagegen ge­sellschaftsdienliche Lösungen an.

Auf der anderen Seite sind die Wohnungsnachfrager positioniert, für die das Gut „Wohnen“ einen wichtigen Teil ihrer Sicherheitsbedürfnisse verkörpert.

Es wird zwischen permanenter und wechselhafter Nachfrage unterschieden. Bei der permanenten besitzen die Nachfrager eine Wohnung oder ein Haus entweder als Mieter oder Eigentümer. Als wechselhafte sind die Nachfrager dann zu bezeichnen, wenn sie auf der Suche nach einem neuen Wohnsitz sind. Bei Fokussierung des Marktes wird erkennbar, dass der mehrheitliche Anteil der Nachfrager bereits einen existierenden Wohnraum und der kleinere Anteil einen Neubau bezieht (Kofner, 2004, S.32).

2.3 Gentrifizierung

Unter Gentrifizierung oder Gentrifikation (von dem englischen Wort gentry „niederer Adel“) wird die Aufwertung von zentral gelegenen großstädtischen Wohnvierteln mit Altbaubestand verstanden (Blasius, 2018, S.137). Der Begriff wurde in London in den 1960er Jahren geprägt. Zu jener Zeit untersuchte die Engländerin Ruth Glass die sozialen Veränderungsprozesse in einem der Stadtteile aufgrund des Zuzugs einer statushöheren Bevölkerungsschicht (Kronauer, 2018). Dieser sozioökonomi­sche Strukturwandel ist in der Regel mit einem Bevölkerungsaustausch verbunden, da die bisher in dem Gebiet lebenden Bewohner durch die Zuziehenden verdrängt bzw. ersetzt werden. Marcuse (Marcuse, zitiert nach Holm, 2010, S.7) weist darauf hin, dass die Verdrängung finanzschwacher Bewohner aus einem Wohngebiet als Charakter des Aufwertungsprozesses zu verstehen ist und nicht als eine ungewollte Begleiterscheinung. Während in der Wissenschaft über die Folgen der Gentrifizie- rung Konsens besteht, sind die Ursachen umstritten: Soziologen sehen den Grund in der veränderten Nachfrage nach Berufen und Lebensweisen Einzelner, hingegen erkennen Geographen den Auslöser im veränderten Angebot, wonach sich die Frage stellt, „wann und unter welchen Voraussetzungen Investor_innen überhaupt bereit sind, Geld für die Modernisierung alter Wohnhäuser einzusetzen“ (Holm, 2010, S.20). In der Realität sind stets beide Faktoren zu verzeichnen. Eine weitere zentrale Ursache liegt im ökonomischen Anreiz einer Ertragslücke (sog. „rent gap“) begründet, die dann eintritt, wenn sich die bisherigen Einnahmen und Modernisie­rungskosten stark von den möglichen zukünftigen des Grundstücks bzw. der darauf gebauten Unterkunft unterscheiden. Somit ist eine Investition nur dann lukrativ, wenn der rent gap groß genug für die Erzielung einer Rendite ist (Kronauer, 2018). Demnach ist die Ertragslücke vor allem in abgewirtschafteten Vierteln sehr hoch. Holm (Holm, 2010, S.25) sieht in diesem Umstand das Geheimnis, warum ein Auf­wertungsprozess auch in den verwahrlostesten Gebieten zustande kommt.

Die Gentrifizierung kann in zwei Formen auftreten: Direkt oder indirekt. Wenn die Bewohner unmittelbar betroffen sind, liegt eine direkte Gentrifizierung vor. Eine in­direkte besteht dann, wenn sich die Verdrängung primär auf die Umgebung bezieht. Diese Formen werden zusätzlich in mehrere Typen unterteilt. Zur direkten Form ge­hört die physische Verdrängung, welche sowohl bei Sanierung oder Abriss der Wohneinheiten als auch bei Bedrohung durch die Inhaber oder Investoren vorliegt. Auch die ökonomische Verdrängung wird unter diese Form subsumiert: In diesem Fall sind speziell die finanzschwachen Haushalte durch steigende Mietpreise von der Verdrängung bedroht. Der kulturelle Verdrängungsdruck fällt unter die indirekte Gentrifizierung. Zwar bleiben die Mietpreise für einkommensstarke Bewohner be­zahlbar, doch verlieren sie sowohl gewerbliche Strukturen als auch soziale Kon­takte, für welche die Unterkünfte preislich zu belastend werden. Diese Gegebenhei­ten führen letztendlich zu Umzugsentscheidungen der Einkommensstarken. Wird eine leerstehende Immobilie nach Auszug eines Haushalts so stark saniert, dass ein vergleichbarer Haushalt anschließend nicht mehr dazu in der Lage ist, die er­höhten Mietpreise zu bezahlen, liegt ausschließende Verdrängung vor (Holm, 2010, S.61 f.).

2.4 Doppeltes Invasions-Sukzessions-Zyklus Modell nach Dangschat

Der Hauptteil dieser Arbeit setzt sich mit der Primärforschung durch die empirische Generierung neuer Informationen unter Zuhilfenahme eines halbstandardisierten In­terviewleitfadens auseinander. Um die Schattenseiten der Home-Sharing Dienste am Beispiel des Wohnungsmarktes in Berlin-Kreuzberg zu erforschen, soll dieser Leitfaden zum einen aus generellen Forschungsfragen bestehen, welche sich aus der Sekundärliteratur der nachfolgenden Kapiteln zusammensetzen, und zum aus solchen Fragen, die sich aus dem Doppelten Invasions-Sukzessions-Zyklus-Modell nach Dangschat ableiten lassen. Im Folgenden soll dieses präzisiert werden.

Das Invasions-Sukzessions-Zyklus-Modell wurde 1979 vom US-Amerikaner Phil Clay entwickelt (Clay, 1979, S.57-59), und zwar angelehnt an die Untersuchung von Zuzügen ethnischer Minderheiten in Wohngebiete der USA in den 1920er Jahren (Friedrichs, 1996, S.16). Es handelt sich dabei um das zyklische Eindringen (Inva­sion) einer statushöheren Menschengruppe in das Wohngebiet einer statusniedri­geren, gefolgt von der zyklischen Besetzung (Sukzession) und dem damit einher­gehenden Austausch der Bevölkerung dieses Gebietes. Clay kategorisiert die Grup­pen in Pioniere und Gentrifier. Allerdings ist sein Modell deshalb nicht praxisnah, da in der Realität nicht nur alte Haushalte verdrängt werden, sondern auch die Pio­niere. Daher entwickelte Dangschat das Modell 1988 zu einem doppelten Invasions­Sukzessions-Zyklus mit zwei jeweils eigenen Kreisläufen für Pioniere und Gentrifier weiter.

Damit das Modell in verschiedenen Situationen angewendet werden kann, schlägt Dangschat vor, die beiden Zyklen je nach sozialräumlicher Struktur des Gebiets an­ders zu konkretisieren: Der Wandel wird sich in einem Arbeiterwohnviertel anders vollziehen als in einem großbürgerlichen Wohnviertel. Kritisiert wird das Modell zum einen aufgrund des Mangels an Längsschnitt- und Panelanalysen, welche zur Über­prüfung notwendig wären (Dangschat, 1991, S. 105-107; 112).

Der doppelte Invasions-Sukzessions-Zyklus wird von Dangschat wie folgt in einem fünfphasigen Ablauf beschrieben (Dangschat, 1988, S. 280ff.):

Invasions-Phase I der Pioniere

Minderheiten mit einem höheren Bildungsniveau als die derzeit in dem Gebiet le­bende Mehrheit ziehen ein. Bei diesen Haushalten, die als Pioniere bezeichnet wer­den, handelt es sich meist um alleinlebende Personen, die durch ein niedriges Ein­kommen und durch die Suche nach Abwechslung gekennzeichnet sind. Unter diese Beschreibung fallen hauptsächlich Studierende und Künstler, die das Risiko auf sich nehmen, in einer minderwertigen, aber mietpreisgünstigen Behausung zu wohnen, um in der Stadt leben zu können.

Invasions-Phase II der Pioniere

Weitere Pioniere ziehen in freie Wohnungen ein, wodurch die Gruppe weiter zu­nimmt. Zudem beginnen sich auch die Gastronomie- und Dienstleistungsangebote zu verändern: Neue Kneipen und Geschäfte werden eröffnet. Auch starten die ers­ten Modernisierungsprojekte, wodurch die Mietpreise steigen. Das Image des Ge­biets ändert sich durch die wenigen Veränderungen nicht.

Invasions-Phase III der Pioniere/ Invasions-Phase I der Gentrifier

Im nächsten Schritt wächst die Anzahl der Pioniere stetig an und wird durch eine weitere Gruppe ergänzt: Die Gentrifier, bei denen es sich meist um Paare handelt. Diese unterscheiden sich von den Pionieren durch das höhere Einkommen und die geringere Risikoaffinität, da sie an einer dauerhaften und qualitativ hochwertigen Wohnlösung interessiert und folglich dazu bereit sind, Geld in die Unterkunft zu in­vestieren. Das Stadtgebiet floriert: Szenekneipen und Restaurants werden verstärkt eröffnet. Durch die mediale Berichterstattung über den Wandel wächst der Bekannt­heitsgrad des Gebiets. Ab dieser Phase werden vermehrt Modernisierungsprojekte durchgeführt. Durch diese und die Zunahme der Nachfrage durch den Zuzug beider Gruppen, gekoppelt mit dem Auszug alter Haushalte, schreitet der Verdrängungs­prozess stetig voran.

Invasions-Phase II der Gentrifier

Der Anteil an Gentrifiern wächst weiter stetig an. Die Veränderung im Gebiet wird von allen Gruppen positiv aufgenommen, allerdings nicht von den Pionieren: Sie befürchten das Verschwinden der bunten Vielfalt und den Zuwachs einkommens­starker Haushalte. Somit nimmt die Gruppe der Pioniere und alten Haushalte ab. Durch anhaltende Modernisierungsprojekte steigen die Miets- und Grundstücks­preise sowohl für private als auch gewerbliche Immobilien an.

Invasions-Phase III der Gentrifier

Die Gentrifier sind nun die Hauptnachfrager nach neuem Wohnraum in dem Gebiet. Der Imagewandel in eine „gute Gegend“ wird bis über die Grenzen des Gebiets hinaus bekannt, so z.B. beim Prenzlauer Berg. Die Steigung der Miets- und Grund­stückspreise ist immer noch nicht zum Erliegen gekommen, wodurch der Auszug der Pioniere und alten Haushalte zunimmt. Aber auch Gentrifier sind ab dieser Phase durch die Umwandlung von Miets- in Eigentumswohnungen vom Verdrän­gungsprozess bedroht

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Doppelter Invasions-Sukzessions-Zyklus (Dangschat, 1988, S.281)

3. Auswirkungen der Home-Sharing Dienste auf den Wohnungsmarkt

3.1 Wohnungsmärkte und Gentrifizierung

Wohnungsmarkt Deutschland

Im Jahr 2017 waren in Deutschland ca. 42 Millionen Wohnungen mit einer Gesamt­wohnfläche von beinahe 3,9 Milliarden Quadratmetern registriert (WIWO, 2019). Dennoch fehlt ca. 1 Million Wohnungen bundesweit (Möbert, 2018, S.1). Vor allem in den Großstädten fehlt ein Drittel in Bezug auf Neubauten, die den Bedarf an Wohnraum aufgrund von Zuwanderung und wachsender Bevölkerung decken wür­den (WIWO, 2019). Etwas mehr als die Hälfte aller Wohnungen ist zur Miete aus­geschrieben, deren Streuung je nach Region unterschiedlich ausgestaltet ist. Dem­nach liegt der Durchschnitt der Mietwohnungen am Wohnungsmarkt in Städten bei 65%, hingegen in den dörflichen Gebieten bei 40% (Immobilienmanager, 2019). Knapp die Hälfte aller Deutschen bewohnt eine Mietwohnung. Damit rangiert die Bundesrepublik deutlich über dem EU-Durchschnitt, welcher bei 29,9% liegt. Dass in Deutschland somit ein geringer Eigentumsanteil zu verzeichnen ist, hat vor allem den Grund, dass sowohl nach Kriegsende als auch zu Zeiten der DDR der Bau von Wohnblocks gegenüber dem von Einfamilienhäusern präferiert wurde (Psotta, 2018).

Der deutsche Wohnungsmarkt ist durch eine hohe Anzahl großer Miets- und Mehr­familienhäuser geprägt, die nach 1945 erbaut wurden. Hingegen ist der Anteil an Einfamilienhäusern im Vergleich zu Ländern, wie beispielsweise England, gering (Braun, 2010, S.17). Die Bewirtschaftung großer Mietshäuser erweist sich im Ver­gleich zu Einfamilienhäusern al kostenintensiver, wodurch im Umkehrschluss der Erwerb von Wohneigentum erschwert wird. Dem eigenen Wohnsitz stehen auch die ansteigende Mobilität und die Veränderungen der Lebensweise, wonach immer mehr Menschen es bevorzugen, allein und ohne Nachwuchs zu wohnen, im Wege. Die höchste Wohneigentumsquote in Deutschland ist Bremen mit 37% zu verzeich­nen, da es sich seit mehreren Jahrhunderten England als Vorbild in Bezug auf Ein­familienhäuser nimmt (Braun, 2010, S.20).

Der deutsche Wohnungsmarkt verändert sich. Die sinkende Nachfrage nach Woh­nungen in Deutschland besteht seit 2015 im Osten und wird ab 2020 auch im Wes­ten zu verzeichnen sein. Von dem daraus folgenden Leerstand werden hauptsäch­lich Wohnungen in Mehrfamilienhäusern betroffen sein. Im Osten ist bereits extre­mer Wohnungsleerstand zu registrieren. 2011 wurde ein Minimum von sieben Pro­zent leerstehender Wohnungen in ungefähr 40% aller ostdeutschen Gemeinden verzeichnet (Lerbs, Neubacher & Teske 2017, S.12). Die Gründe für den Rückgang sind zum einen die schlechte Einkommensverteilung und zum anderen die schwa­che Geburtenrate deutschlandweit. Da vermögenden Haushalten das Angebot an Wohneinheiten, gemessen an ihren hohen Ansprüchen, oft nicht zusagt, wird es in Zukunft aber auch weiterhin Neubaubedarf geben (Braun, 2010, S.25). Hinsichtlich der Preissteigerung verzeichneten deutsche Metropolen zwischen 2009 und 2017 einen Anstieg von rund 80%. In Großstädten mit einer Einwohnerzahl von 250.000 bis 650.000 stiegen die Preise um 60% an. Aufgrund dieser Preisdynamik und der vor allem in den Metropolen beständig hohen Angebotsknappheit besteht die Ge­fahr einer Blasenbildung (Möbert, 2018, S.1).

Wohnungsmarkt in Berlin

In Berlin sind knapp 1,9 Millionen Wohnungen zu verzeichnen, bestehend aus rund 15% Eigentumswohnungen und 85% Mietwohnungen. Letztere sind mit einem An­teil von knapp 90% am stärksten in den Bezirken Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte vertreten (IBB 2017, S.43 f.). Die Berliner Mietwohnungen gehören zu über 90% professionellen Eigentümern, zu denen die Deutsche Wohnen und Vonovia gehören. Preislich wurde die deutsche Hauptstadt lange Zeit als eine der günstigs­ten unter den europäischen Metropolen charakterisiert. Aber die Mietpreise pro Quadratmeter kletterten von 2005 bis 2018 von durchschnittlich 4,88€ um insge­samt mehr als 100% auf 9,91€ (Statista, 2018). Dieser Umstand erschwert es der Mittel- und Unterschicht, bezahlbarem Wohnraum zu finden, und stellt somit einen entscheidenden Faktor für den absoluten Wohnungsmangel von 125.000 Wohnun­gen dar (Holm, 2016, S.3). Zwischen 2016 und 2017 stiegen die Haus- und Woh­nungspreise mit rund 10% landesweit am stärksten an, was auf den Rückgang der Arbeitslosenrate, das starke Beschäftigtenwachstum von fast 30% seit 2009 und den Zuwachs um 40.000 - 60.000 Einwohnern pro Jahr seit 2011 zurückzuführen ist (RBB, 2018). Auch die Berliner Bauwirtschaft arbeitet auf Hochtouren. 2017 über­bot das Vorjahr mit 18% an den Umsätzen im Wohnungsbau. Die Baufirmen ver­fügten über einen Auftragsbestand von 1,3 Milliarden Euro, von dem sich knapp die Hälfte auf Wohnungen bezog (IBB, 2018, S.11). Prognosen zufolge wird die Stadt bis 2030 aufgrund der florierenden Wirtschaft und attraktiven Berufsmöglichkeiten hinsichtlich der Bevölkerungsanzahl um eine Viertelmillion an Einwohnern anstei­gen. Durch diese Entwicklung hat Berlin das Potenzial, zukünftig zu den teuersten Städten des Landes zu gehören. Gestützt wird diese Prognose durch die Steigung der Wohnungspreise von Bestandsobjekten um 36%, womit Berlin deutschlandweit führend ist. Trotz alledem gestaltet sich der Häuserkauf im Vergleich zu Städten, wie beispielsweise München, kostengünstiger. Demnach ist ein Münchener Einfa­milienhaus drei Mal so teuer wie ein Haus in Berlin und eine Wohnung in Berlin ist nur halb so teuer wie eine ebensolche in München (Möbert, 2018, S.5).

Wohnungsmarkt in Berlin-Kreuzberg

Der nachfolgende Text bezieht sich nicht auf die erhobenen Daten des Stadtteils Berlin Kreuzberg als solchen, sondern auf den Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg.

Bei Kreuzberg handelt es sich um einen Stadtteil im Bezirk Friedrichshain-Kreuz­berg von Berlin. Der Innenstadtbezirk Friedrichshain-Kreuzberg existiert seit 2001, nachdem die beiden Bezirke durch eine Reform vereint worden sind. Der aus der Gründerzeit stammende Altbau ist für beide Bezirke charakteristisch. Diese werden aufgrund der Entwicklung zum Szenebezirk und des damit einhergehenden hohen Andrangs stetig modernisiert. Dennoch mussten viele Flächen in Kreuzberg nach dem Kriegsende neu bebaut werden, weshalb einfache Hochhäuser und Groß­wohnsiedlungen ab den 1960er Jahren errichtet wurden (IBB, 2018, S.90). Der Be­zirk weist mit knapp 14.000 Menschen pro Quadratkilometer die höchste Einwoh­nerdichte Berlins auf. Dieses Faktum ist vor allem auf den hohen Anteil an Altbauten und den geringen an Einfamilienhäusern zurückzuführen. Kreuzberg-Friedrichshain gehört mit einem Anteil von 96% an Mietwohnungen, 61,4% an Einpersonenhaus­halten, einer Umwandlungsquote von Mietwohnungen in Wohneigentum von 2,3% (IBB, 2018, S.45) und mit dem jüngsten Durchschnittsalter von 37,8 Jahren zu den in diesen Vergleichen führenden Bezirken der Stadt. Das Mietniveau im Bezirk ist mit durchschnittlich 12 Euro/m[2] größtenteils hoch. Dies Mietniveau betraf 2017 vor allem die Gründerzeitquartiere. Die nach Kriegsende erbauten Wohnräume ver­zeichneten mit 11-12 Euro/m[2] einen etwas geringeren Wert. Nur in einigen Teilen Kreuzbergs, wie beispielsweise dem Moritzplatz, werden einige Unterkünfte für un­ter 10 Euro/ m[2] angeboten (IBB, 2018, S.90f.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Angebotsmieten (nettokalt, Median) im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg 2017 (IBB, 2018)

Gentrifizierung in Berlin-Kreuzberg

Das Thema Gentrifizierung ist in Berlin seit einigen Jahren ein stark und kontrovers diskutiertes Thema. Doch die Verläufe in den einzelnen Bezirken unterscheiden sich voneinander. Holm (Hochmut, 2017, S.333) stuft den Aufwertungsprozess im Prenzlauer Berg als dynamisch ein, den Prozess in Friedrichshain-Kreuzberg wie­derum als verspätetet. Um ein Verständnis für die aktuelle Situation in Kreuzberg zu entwickeln, ist ein Blick auf die Zeit vor dem Ende der DDR unerlässlich.

Anfang der 1960er Jahre wurden aufgrund der noch aus der Zeit des Zweiten Welt­kriegs herrührenden Schäden viele Sanierungsprojekte für Teile von Kreuzberg festgelegt. Entwicklungsträger kauften in Vorbereitung der anstehenden Umsetzung gezielt Wohneinheiten auf, wodurch in Berlin etwa 35.000 Wohneinheiten entmietet wurden (Holm, 2014, S.308). Speziell türkische Staatsbürger wurden zu Zwischen­mietern, die zu jener Zeit verstärkt als Gastarbeiter in die Bundesrepublik geholt wurden. Die Sanierungsträger wollten dadurch die in den Wohnungen lebenden Mieter dazu veranlassen, ihre Wohnung aufzugeben. Das Vorgehen führte dazu, dass der Anteil an Ausländern in den ersten Jahren auf etwa 15 Prozent in den Sanierungsgebieten anstieg. Dennoch war der Berliner Politik der Erhalt der sozial­strukturellen Zusammensetzung in den Gebieten wichtig. Dies gelang ihr in den 1980er Jahren durch das Förderprogramm „behutsame Stadterneuerung“, welches durch öffentliche Gelder Sanierungsprojekte für mehr als 7000 Wohnungen finan­zierte, um diese anschließend zu sozialverträglichen Mietpreise anbieten zu kön­nen. Hinzu kam eine Mietpreisbindung für die nächsten 15 Jahre auf die Bestands­und Neuvermietungspreise. Aber aufgrund der auslaufenden Vorschriften der För­derprogramme änderte sich die Situation ab den 1990er Jahren. Nun war es mög­lich, die Neuvermietungspreise nach Belieben festzulegen und Modernisierungen durchzuführen. Somit stellten die Wohneinheiten für Investoren und Dienstleis­tungsunternehmen eine lukrative Möglichkeit dar und der Verdrängungsprozess wurde in Gang gesetzt (Holm, 2014, S.307 ff.). Dies war gemäß dem Sinn der Gen- trifizierungstheorie auch diejenige Zeit, in welcher der Verdrängungsprozess der Pi­oniere durch die Gentrifier begann. Die Pionierphase selbst begann bereits vor der Wende (Hochmut, 2017, S.334). In den folgenden drei Jahrzehnten erfuhren die Altbauquartiere im Bezirk sowohl eine ökonomische Aufwertung durch bauliche In­standsetzungen als auch eine symbolische Aufwertung durch die Medienpräsenz (Hochmut, 2017, S.349). Die Ursachen für die heutige Verdrängung liegen primär in der Veranschlagung hoher Neuvermietungsmieten und in der Umwandlung von Miets- in Eigentumswohnungen begründet (Holm, 2014, S.305).

3.2 Sharing Economy

Die Sharing Economy ist zwar in aller Munde, doch existiert keine allgemein aner­kannte Definition des Begriffs. Sharing Economy bedeutet, ins Deutsche übersetzt, „teilende Wirtschaft“, ist für viele Wissenschaftler aber deshalb begrifflich falsch for­muliert, da es sich nicht im herkömmlichen Sinn um Teilen handelt, sondern der wirtschaftliche Austausch im Fokus steht (Stokar et al., 2018, S.57f.). Das Teilen an sich in der Sharing Economy ist nicht neu, sondern der Wert der digitalen Techno­logie (Haese, 2015). Nach Busch sind diejenigen Unternehmen Teil der Sharing Economy, „deren Geschäftsmodell auf der webbasierten Vermittlung von temporä­ren Nutzungsrechten zur häufig sequenziellen Nutzung von Gütern, zum Teil kom­biniert mit Dienstleistungen, an wechselnde Endkonsumenten basiert“ (Busch et al., 2019, S.20). Diese stellen eine webbasierte Plattform und/oder Applikation zur Transaktionsabwicklung zur Verfügung, auf denen Kunden unter anderem Automo­bile, Unterkünfte und Haushaltsgegenstände entweder kostenlos oder kostenpflich­tig leihen und/oder verleihen können. Somit fungieren die Unternehmen lediglich als Vermittler zwischen den Privatpersonen (Haese, 2015). Zur Fortentwicklung der Sharing Economy trägt der weitverbreitete Internetzugang maßgeblich bei.

Nutzungsmotive

Motive dienen dem Erreichen entsprechender Werte, woraus sich Ziele ableiten las­sen. Demnach sind Menschen in Wertschöpfungsprozesse eingebunden, um von diesen zu profitieren (Haase & Pick, 2016, S. 25). Die Motive zwischen den Anbie­tern und Nachfragern in der Sharing Economy unterscheiden sich voneinander. Für den Anbieter ist der Aspekt des Geldverdienens sehr motivierend und stellt für ihn ein wichtiges Motiv dar, welches in erster Linie der Finanzierung des eigenen Autos oder der Wohnung dient. Ein weiteres Motiv ist der soziale Faktor, durch den ande­ren geholfen wird und auf dessen Basis ein menschlicher Austausch stattfinden kann. Die Nutzer werden ihrerseits durch die Geldeinsparungen motiviert. Des Wei­teren treibt sie das Preis-Leistungsverhältnis an, auf dessen Grundlage sie zu ge­ringen Preisen qualitativ hochwertige Güter und Dienstleistungen bekommen kön­nen (Gossen, Henseling, Bätzing & Flick, 2016, S.19f.). Auch die rasche, ange­nehme und simple Befriedigung der eigenen Bedürfnisse spielt dabei eine wichtige Rolle.

Unterschiedliche Motive sind auch im Hinblick auf die Kommerzialisierung und Nichtkommerzialisierung zu konstatieren. Die Nutzer der kommerziellen Sharing Economy werden vor allem durch soziale und ökologische Gründe motiviert. Dieses Faktums ist sich auch Airbnb bewusst, das damit wirbt, dass der Nutzer durch sein bewusstes Entscheiden für das Unterkunftsportal und gegen das traditionelle Ho­telgewerbe einen wertvollen Beitrag zur lokalen Umwelthilfe leiste. Der Wahrheits­gehalt dieser Aussage lässt sich allerdings nicht empirisch nachweisen. Nach Ein­schätzungen der Nutzer messen die Plattformenbetreiber den Umweltzielen nicht die höchste Priorität bei, sondern den Innovations- und Preiszielen. Für die Anbieter und Nachfrager sind die Geld- und Zeiteinsparungen von fundamentaler Relevanz, um die Dienstleistungen anzubieten bzw. in Anspruch zu nehmen. Somit ist anzu­nehmen, dass Menschen insbesondere deshalb an den Vorteilen der Sharing Eco­nomy partizipieren, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen und somit einen „economic value“ für sich zu generieren. Die Datenlage in Bezug auf die Beweggründe der Nutzung nicht kommerzieller Sharing Economy Dienstleistungen ist bisher ungenü­gend (Haase & Pick, 2016, S. 25f).

Geschäftsmodelle der Sharing Economy

Die Geschäftsmodelle der Sharing Economy sind in der Regel plattformbasiert. Die Heterogenität bildet das Hauptmerkmal der Sharing Economy. Da es sich bei der Sharing Economy um zahlreiche Geschäftsmodelle, Märkte und Produkte handelt, ist es schwierig, eine gemeinsame Definition für all diese Aktivitäten zu finden. Im folgenden Abschnitt werden die verschiedenen Geschäftsmodelle daher detailliert erläutert.

Peer-to-Peer Sharing (P2P)

Bei dieser Form findet der Austausch zwischen Privatpersonen, den sogenannten „Peers“, statt, d.h., die jeweilige Plattform, welche als Vermittler fungiert, produziert weder Waren noch Dienstleistungen (Demary, 2014, S.5). Solche Plattformen brin­gen beispielsweise Touristen und private Hausbesitzer bezüglich eines Ferienauf­enthalts zusammen. Die Privatpersonen können entweder als Anbieter („peer pro­vider“) oder als Nachfrager („peer consumer“) auftreten. Das Peer-to-Peer-Sharing­Konzept verkörpert eine eigentumslose und zugangsbasierte Form des Konsums. Damit Privatpersonen gewillt sind, Transaktionen vorzunehmen, ist Vertrauen als Währung des P2P-Modells unabdingbar. Misstrauen gegenüber anderen Nutzern ist ein häufig angegebener Grund für die Entscheidung gegen Sharing-Plattformen (Owyang, 2013, S.9). Das Vertrauen kann auf zwei Arten gewonnen werden: Der Verkäufer verbessert seinen Ruf durch positive Rezensionen ehemaliger Kunden und/oder durch eine Versicherung, die den Käufer im Falle eines Schadens ent­schädigt und dem Verkäufer den entstandenen Betrag erstattet (Scholl, Henseling &Behrendt, 2019, S.10 ff.)

Business-to-Customer Sharing (B2C)

In diesem Fall stellen Unternehmen den Kunden Dienstleistungen zur Nutzung zur Verfügung. Insbesondere Hersteller der Automobilindustrie bieten Pkws über B2C- Sharing-Plattformen, wie „Car2Go“ oder „Zipcar“, zum Teilen an (Provin, Angerer & Zimmermann, 2016, S.1). Im Jahr 2025 soll der globale Umsatzwert der Sharing­Economy 335 Milliarden US-Dollar betragen, was hauptsächlich auf das B2C-Ge- schäftsmodell zurückzuführen ist (PWC, 2015, S.15) B2C-Modelle aus der Sharing Economy und der klassischen Wirtschaft ähneln sich. Das Unternehmen tritt in bei­den Fällen sowohl als Vermittler als auch als Lieferant der Dienstleistung oder Ware auf. Der fundamentale Unterschied liegt hingegen in der persönlichen Interaktion mit dem Verbraucher begründet, welche im Sharing Economy Bereich nur in gerin­gem Maße bzw. gar nicht stattfindet (Demary, 2014, S.6).

Business-to-business Sharing (B2B)

In der Ökonomie des Teilens spielt auch das Business-to-Business (B2B)-Modell eine Rolle, auch wenn fälschlicherweise angenommen wird, die Ausrichtung der Sharing Economy begrenze sich lediglich auf Endverbraucher. Im B2B-Bereich tre­ten mindestens zwei Unternehmen in eine Geschäftsbeziehung. Zu den größten B2B-Sharing-Diensten gehört „WeWork“, eine Plattform, die gemeinschaftlich ge­nutzte Arbeitsflächen für Unternehmen zur Verfügung stellt (Steger, 2018).

Social Sharing

Die Modelle in der Sharing Economy sind sowohl kommerzieller als auch gemein­nütziger Natur. Letzteres wird auch als Social Sharing bezeichnet, bei dem der Zu­griff auf freie Ressourcen ohne Gewinnanspruch zur Verfügung gestellt wird (Kindel, Kobbe & Mertens, 2015, S. 58). In diese Kategorie fällt die als gemeinnützig ge­gründete Unterkunftsplattform „Couchsurfing“ mit der Fokussierung auf die Koordi­nation des Peer-to-Peer-Sharings. Couchsurfing verspricht authentische Erfahrun­gen und die Förderung des kulturellen Austausches. Es wird in diesem Zusammen­hang auch von einer Geschenkökonomie gesprochen, da von den Reisenden für den kostenlosen Aufenthalt als Gegenleistung erwartet wird, den Gefallen durch Mithilfe bei der Hausarbeit zurückzuzahlen (Maron, Constantiou & Lagoudakos, 2017, S. 1527).

Kritik an der Sharing Economy

Die Sharing Economy birgt sowohl Potenziale als auch Risiken in sich. Auf der Seite der Chancen sind die Schaffung von Arbeitsplätzen, die Möglichkeit einer weiteren Konsumform und die Unterstützung in der Entwicklung von Regionen zu verzeich­nen. Auf der anderen Seite sind die Probleme in der Durchsetzung von Regulierun­gen zu nennen. Es herrscht ein ungleicher Wettbewerb zwischen den klassischen Unternehmen und den Sharing Economy Plattformen. Als Beispiel ist der US-ame­rikanische Ride-Sharing-Dienst Uber zu nennen. Dieser fordert keine behördliche Genehmigung von seinen Fahrern. Daher verstößt das Geschäftsmodell gegen das Personenbeförderungsgesetz, was unter anderem ein Grund dafür war, dass Uber 2015 deutschlandweit verboten wurde (Spiegel, 2015). Auch in Bezug auf die Um­welt hat die Sharing Economy ihre Auswirkungen: Auch wenn auf das eigene Auto verzichtet wird, bedeutet dies dennoch, dass das „Sharing keinesfalls automatisch sinnvoll ist. Wenn Sharing den Konsum insgesamt erhöht oder ihn hin zu nachteili­gem Konsum wie etwa Flugreisen verschiebt, bleiben die Nachhaltigkeitspotenziale auf der Strecke“ (Peer Sharing, 2017, zitiert nach Sabrina Ludmann, 2017). Auf­grund der mangelnden Datenlage und der starken Heterogenität der Sharing Eco­nomy, die dadurch zustande kommt, dass die Anbieter auf einer Vielzahl von Märk­ten mit den verschiedensten Unternehmungskonzepten vertreten sind, ist eine ge­naue Berechnung der Risiken und Potenziale schwierig (Busch et al., 2019, S.17 ff.).

[...]


1 Als E-Commerce werden Ein- und Verkaufsvorgänge mittels Internet bezeichnet

2 Über Sharing Eccomy Plattformen können Privatpersonen und Interessensgruppen systematisch Gegenstände oder Flächen ausleihen

Ende der Leseprobe aus 98 Seiten

Details

Titel
Is sharing really caring? Die Auswirkungen der Sharing Economy auf den Wohnungsmarkt in Berlin-Kreuzberg
Note
1,2
Autor
Jahr
2019
Seiten
98
Katalognummer
V504136
ISBN (eBook)
9783346109002
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sharing Economy, Wohnungsmarkt, Berlin-Kreuzberg, Airbnb, Gentrifizierung
Arbeit zitieren
Marvin Sprute (Autor), 2019, Is sharing really caring? Die Auswirkungen der Sharing Economy auf den Wohnungsmarkt in Berlin-Kreuzberg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/504136

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