Gender und Körper im Unterricht. Differenzkonstruktionen in der Klassenstufe 9

Sequenzanalyse aus einem Unterrichtsprotokoll


Hausarbeit, 2019
10 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Annäherung an das Thema Gender und Körper im Unterricht

3. Forschungsstand aktueller Studien zu dem Schwerpunkt Gender/Körper

4. Rekonstruktion des Textmaterials (Sequenzanalyse)

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die nachfolgende Hausarbeit beschäftigt sich mit einer Sequenzanalyse aus einem Unterrichtsprotokoll der Klassenstufe 9. Die Sequenz wird mit dem Verfahren der objektiven Hermeneutik schrittweise zerlegt und auf die einzelnen Abschnitte en détail eingegangen. Die objektive Hermeneutik orientiert sich an den drei klassischen Differenzkategorien Geschlecht, Klasse, Ethnizität und seit Neustem auch an einer vierten – Körper. Diese beschäftigt sich primär mit den Kategorien Geschlecht/Gender und Körper, weshalb diese zwei als Differenzkategorien zur Analyse in dieser Hausarbeit ausgewählt wurden. Weiterhin ist der aktuelle Forschungsstand zu diesen Themenbereichen höchst interessant, da diese im Laufe der letzten Jahre immer zentraler in den Fokus öffentlicher Debatten geraten sind. Um den Zugang zu den gewählten Differenzkategorien zu erleichtern, beschäftigt sich das zweite Kapitel dieser Arbeit mit einer theoretischen Annäherung an das Thema Gender im Unterricht, wobei hier durch die bewusste Wahl ‚Gender‘ auch auf den Körper und die soziale Identität eines Menschen eingegangen wird. Nachfolgend wird der aktuelle Forschungsstand zu Gender und Körper in Bezug auf den Unterricht und innerschulische Prozesse genauer beleuchtet, bevor die Analyse des Fallbeispiels folgt. Abschließend werden die untersuchten Punkte im Fazit resümiert.

2. Theoretische Annäherung an das Thema Gender und Körper im Unterricht

Um einen besseren Überblick zu den gewählten Differenzkategorien zu geben, folgt eine Annäherung an die Bereiche Gender und Körper. Peripher wird der Bereich Gender auch durch den Einfluss von Attraktivität influenziert, allerdings ist die Forschung aufgrund der Neuheit auf dem Gebiet der Attraktivität noch sehr spärlich. Differenzen entstehen mehrmals täglich im Alltag. Sie sind Produkt von der Art und Weise, wie Menschen an etwas teilhaben und, wenn sie das tun, mit welchem Modus Operandi das geschieht. Personen, auf die man trifft, werden nach bestimmten (äußeren) Merkmalen in Kategorien eingeteilt und so eine soziale Identität nach außen geniert. Daraufhin entwickelt sich ein Muster, wie diese Menschen von anderen, beziehungsweise der breiten Masse wahrgenommen und behandelt werden (vgl. Behrmann, 2018, S. 13f.). Durch die aus der genierten Identität entstandenen „Teilhabechancen“, wird eine Person entweder in eine Gruppe aufgenommen oder ihm wird die „Teilhabe verwehrt“ (Ders., S. 15). Wenn einer Person das Teilnehmen an bestimmten Aktionen oder die Zugehörigkeit an einer Gruppe aus subjektiven Gründen der Anderen nicht gestattet wird, entwickelt sich eine soziale Ungleichheit. Ebenfalls stellt dies nach Behrmann (2018) eine ungleiche Verteilung von Zugangschancen zu den „wertvollen Gütern der Gesellschaft“ dar (S. 4). Was nun aber genau als ‚wertvoll‘ oder eben nicht definiert wird, ist eine Konstruktion der Gesellschaft und keinesfalls als objektiv zu betrachten. Trotz alledem verfestigen sich solche Errichtungen von gesellschaftlichen und sozialen Strukturen und Stigmata, die dann eine Ausgrenzung zur Folge haben. Dabei kann die Ausgrenzung durch völlig unterschiedliche Differenzen deutlich gemacht werden, sei es durch das soziale Handeln, durch Mimik, Gestik, Artikulation des Gegenübers, „Zuschreibungen oder Positionierung“ oder sogar durch „räumliche Settings“ (Flügel, 2016, S.6f.).

Auf den Unterricht bezogen kann man sagen, dass jede Handlung eine Wirkung herbeiführt, sei sie nun von Lernenden oder einer Lehrkraft verursacht.

3. Forschungsstand aktueller Studien zu dem Schwerpunkt Gender/Körper

Im Laufe der vergangenen Jahre haben die Themen Gender und Körper immer mehr Präsenz in den Medien zugeschrieben bekommen. Inzwischen ist es in den Gender- und Queer-Studies en vouge, Ungleichheiten nicht mehr nur auf die Kategorie Geschlecht zu beschränken, sondern durch den Bereich Gender, sowie zum Teil auch Sexualität, ein gesamtheitlicheres Bild zu berücksichtigen (vgl. Degele, 2007). Das rührt daher, dass das Geschlecht eine von der Gesellschaft erschaffene Konstruktion ist, in der Mann und Frau ganz klassisch hetero-normativ zugeordnet und mit bestimmten Eigenschaften und Attributen assoziiert werden. Alles, was aus diesen konstruierten Eigenschaften des jeweiligen Geschlechts heraussticht, oder mit den Erwartungen der Gesellschaft nicht übereinstimmt, wird als ‚unnormal‘ oder ‚hässlich‘ klassifiziert. So sorgen beispielsweise lange Haare bei Jungen oder Männern als „ungleichheitsgenerierende Kategorie“ (Ders., 2007). Dabei zu berücksichtigen ist die Gegenüberstellung und der Zusammenhang von der Normalitätsvorstellung (alle Jungen/Männer haben kurze Haare) und dem Normalitätsverhältnis (das Tragen längerer/langer Haare bei Jungen/Männern), was den Grundansatz des Themas Heterogenität darstellt. Diese Ungleichheit wirft die Frage auf, wie es in unserer heutigen Gesellschaft anerkannt werden kann, dass sich eben diese Normalitätsvorstellungen als grundlegende und universell gültige Fakten behaupten (vgl. Dirim, 2018, S. 18). Die Heterogenität ist spätestens in den letzten 15 Jahren immer präsenter und diskutierwürdiger in der Forschung geworden. Seit den 1990er Jahren fing die intensive Beschäftigung mit Differenzkategorien an, ein gänzlich neues Forschungsgebiet (vgl. Ders., S. 26f., S. 29). Wie Dirim (2018) schon korrekt aussagte, „[besteht, F.J.] das Problem [...] darin, dass sobald z.B. Frauen/Mädchen erkannt und behandelt werden, sie als solche festgeschrieben werden.“ (S. 127). Dieses Phänomen lässt sich ebenfalls auf die Männerwelt, sowie jedes in der Gesellschaft generiertes Geschlecht oder Orientierung anwenden. Sobald eine Abweichung von dieser ‚Norm‘ stattfindet, herrscht Unklarheit und Verwirrung. In der pädagogischen Praxis, respektive im Schul- und Lernalltag, galt es lange als nicht eindeutig geklärt, wie und ob man derartige geschlechtsbezogene Stereotypisierungen vermeiden soll und kann. Selbst heutzutage, wo sich bereits längerfristig mit eben solchen Stigmata auseinandergesetzt wird, halten sich die Differenzierungen ausdauernd bei Jungen/Mädchen, blau/rosa, Piraten/Prinzessin (vgl. Glockenträger, 2014, S. 153). Dieser Umstand trägt maßgeblich dazu bei, dass die „Chancengleichheit“ (Ders., S. 154) zwischen verschiedenen Geschlechtern erheblich reduziert wird. Wie in Arztmann (2018) zu lesen ist, zeigt eine Studie des Nationalen Bildungsberichts von 2015, dass das deutsche Bildungssystem zwar den Lehr- und Lernauftrag so umsetzen soll, dass die SuS alle gleich behandelt werden – jedoch ist dies laut dem Ergebnis der Analyse nicht der Fall (S. 7). Ein markantes Beispiel dafür zeigt folgender Ausschnitt aus dem Online-Artikel von Blaß (2016):

Erst vor wenigen Jahren hat der Rektor einer texanischen Schule drei Jungs vom Unterricht ausgeschlossen, weil sie sich weigerten, zum Friseur zu gehen und sich damit nicht an die Kleidervorschriften der Schule hielten. Das Argument des US-Rektors: Männliche Schüler hätten die Haare kurz zu tragen, denn das diente der Hygiene und der Disziplin und würde auf ein erfolgreiches Leben in der Erwachsenenwelt vorbereiten.

Hier werden vermeintlich geschlechtsspezifische Interessen durchgesetzt und es wird ganz klar eine ‚geschlechtertypische‘ Zuschreibung vorgenommen. Umstände wie diese illustrieren eindeutig, dass Gender und Körper Strukturkategorien von Unterdrückung ‚Anderer‘ sind. Auch in der zu analysierenden Sequenz verlässt die Lehrerin das „pädagogisch-professionelle“ (Sturm, 2013, S. 133) Milieu, indem sie den Schüler persönlich angreift und seine Frisur als ‚extrem krass uncool‘ betitelt.

4. Rekonstruktion des Textmaterials (Sequenzanalyse)

Die nachfolgende Textsequenz ist einer Unterrichtsstunde aus einem Gymnasium in der Klassenstufe 9 entlehnt, durchgeführt in dem Fach Deutsch. Die folgenden Textpassagen finden in einer Unterrichtsstunde mit dem Thema „Modische Kleidung – ja oder nein?“ statt, in der die Schüler*innen (SuS) Argumente für diese Frage sammeln sollen. In der Klasse ist es laut.

L(w): Soo, alle mal leise! Wir wollen immerhin vorankommen. Also, was könnte für modische Klamotten sprechen? Nehmen wir doch mal S1 als Beispiel. S1 hat diese extrem krass uncoole Frisur, die ihm eigentlich überhaupt nicht steht.

Die Lehrerin bittet die Klasse um Ruhe, da allein die Ankündigung des Unterrichtsthemas für Gesprächsstoff bei den SuS zu sorgen scheint. Des Weiteren ist die Frage/ das Thema der Stunde unglücklich gewählt: Das Thema Mode hat per se erst einmal nichts mit den Haaren einer Person oder einer Frisur zu tun, weswegen es erst einmal verwunderlich erscheint, dass die Lehrerin direkt den Bezug über eine Frisur herzustellen versucht und nicht über ein Outfit eines der SuS. Außerdem ist es schwierig einen Standpunkt zu der Frage zu beziehen, da ‚Mode‘ oder ‚modisch‘ kein eindeutig definierter Begriff ist, den man mit ja oder nein beantworten kann. Besser wäre es gewesen, wenn die Lehrerin die Fragestellung, beziehungsweise den Bezug, ganz anders angehen und die SuS fragen würde, was für sie modische Kleidung ist und wovon sie sich, bei dem, was sie tragen, inspirieren lassen (sind es Stars, Idole, Familie, Freunde...). Als eine andere Alternative könnte man den Beginn der Stunde mit einer ‚Fragenblitz‘ Runde einleiten, bei dem jeder Lernende ein Kleidungsstück oder Accessoire an sich nennen soll, welches er/sie besonders toll und modisch findet.

Weiterhin könnten grundlegende Fragen wie ‚Was ist Mode?‘, ‚Das, was in Mailand oder Paris an Models präsentiert wird?‘, ‚Das, was jeder für sich als modisch empfindet?‘ diskutiert werden. Zudem wäre es relevant zu klären ob, wenn man nicht das trägt, was der Großteil der Gesellschaft als modisch erachtet, unmodisch ist oder nicht. Geht man nun auf den zweiten Teil der Aussage ein, wäre eine Lesart, dass die Lehrerin unter Umständen versucht cool zu wirken, indem sie Jugendslang verwendet und das Thema den SuS auf eine möglichst lockere Weise nahebringt. Die Lehrerin könnte auch etwas älter sein und möchte sich durch diese Aktion den SuS näherbringen. In der Sequenz beleidigt die Lehrerin den Schüler auf zwei Weisen: Erstens, weil seine Frisur ‚krass uncool‘ ist und ‚total aus der Mode gekommen‘ und zweitens, weil sie ihm ‚überhaupt nicht steht‘. Nach dem letzten Satz könnte die Lehrkraft versuchen so zu schließen, dass sie die Bezeichnung ‚extrem krass uncool‘ nur hyperbolisch verwendet hat, nicht, um den Schüler persönlich anzugreifen, sondern nur, um den SuS zu zeigen, dass Geschmäcker verschieden sind und Mode im Auge des Betrachters liegt.

SuS fangen an zu lachen. (S1 hat sehr lange und lockige Haare.)

Analysiert man diese Reaktion der SuS, so kommen verschiedene Gründe in Frage, warum diese lachen. In der primären Lesart kann man von Unsicherheit ausgehen, weil sie nicht mit so einem heftigen verbalen Angriff der Lehrerin gerechnet haben. Es wäre aber auch ein Auslachen des Schülers mit den langen Haaren möglich.

Eine weitere Lesart wäre das Auslachen der Lehrerin, weil sie versucht, sich der Jugendsprache anzupassen (‚extrem krass uncool‘), aber leider in einem völlig inadäquaten Kontext. Das Verhalten der Lehrerin und das Bloßstellen des Schülers ist komplett unangebracht.

L: Jedenfalls, obwohl die Frisur total aus der Mode ist, trägt er sie. S1, warum sind deine Haare so lang?

Die Lehrerin macht hier klar deutlich, dass sie die Länge von S1 Haaren als zu lang (oder unpassend lang) betrachtet und zieht den Schüler zweifelsohne als Negativ-Beispiel für ‚Nicht-modisch-sein‘ heran. Vielleicht ist die Lehrerin in den Achtzigern groß geworden und bezeichnet die Frisur des Schülers deshalb als ‚aus der Mode‘ gekommen. Die Lehrerin gendert den Schüler, indem sie ihn darauf hinweist, dass Jungen keine langen Haare tragen sollten. Weiterhin ist es fraglich, ob sie genauso reagiert hätte, wenn es sich bei dem Schüler um ein Mädchen mit langen, lockigen Haaren gehandelt hätte. So wird der Schüler von der Lehrerin vor der Klasse in eine sehr unangenehme Situation gebracht und desavouiert. Zudem wird ihm unterstellt, einen schlechten Geschmack zu haben, da er eine Frisur trägt, die ihm offensichtlich nicht gerade schmeichelt. Möglicherweise fühlt er sich dadurch beschämt. Eine weitere Ursache könnte sein, dass der Schüler aus einer sozialschwachen Familie kommt und niemanden hat, der ihm die Haare schneidet. Sollte dies der Fall sein, so würde die Lehrerin nicht nur den Schüler angreifen, sondern auch auf den Mangel an Geld hinweisen, der einen Friseurbesuch nicht ermöglicht.

[...]

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Gender und Körper im Unterricht. Differenzkonstruktionen in der Klassenstufe 9
Untertitel
Sequenzanalyse aus einem Unterrichtsprotokoll
Hochschule
Universität zu Köln  (Department Erziehungs- und Sozialwissenschaften)
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
10
Katalognummer
V504165
ISBN (eBook)
9783346049193
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sequenzanalyse, Gender, Körper, Schule, Unterricht, objektive Hermeneutik
Arbeit zitieren
Freda Jansen (Autor), 2019, Gender und Körper im Unterricht. Differenzkonstruktionen in der Klassenstufe 9, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/504165

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