Drei Helden für eine ewige Königin. Die Kanzone Spito Gentil in Petrarcas "Rerum vulgarium fragmenta" und ihre Interpretation


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019
14 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhalt

1.Einleitung

2.Historischer Kontext

3.Cola di Rienzo

4.Karl IV

5.Colonnas

6.Fazit

7.Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Francesco Petarca gilt zu Recht als einer der wichtigsten Literaten der Renaissance. Haben doch seine Werk nicht nur die Jahrhunderte überdauert sondern sind auch gut gealtert. Bis heute zählt er zum guten Kanon europäischer Literatur. Doch durch ebendiese Kanonisierung, ging ein großer Teil des Wirkens Petrarcas für die breite Öffentlichkeit verloren. Oft wird er auf sein Dichter-Sein reduziert ohne sein gesamtes Wirken in Betracht zu ziehen. Und auch wenn es beinahe unmöglich ist von einem „wahrer Patrarca“ auszugehen, ist doch sein gesamtes Leben umstrittener Gegenstand der Forschung mindestens bereits seit seinem Tod, ist es doch möglich zu sagen, dass Petrarca mehr als Dichter war. Wohl ist es nicht vermessen zu behaupten, dass Petrarca einer der ersten europäischen Intellektuellen, so wie ein Wegbereiter der italienischen Nationalbewegung war. Zu Lebzeiten griff er aktiv, einerseits aus der Verpflichtung den jeweiligen Fürstenhäusern heraus, aber auch aus eigenem Wollen, in die Geschicke der Politik seiner Zeit ein.

Besonders litt Petrarca wohl unter dem geopolitischen Konflikt der Guelfen und der Ghibellinen, der das politische Bewusstsein der frühen Renaissance prägte. Dabei war der Charakter des Konflikts nicht die bloße Land- und Einflussnahme zweier adliger Fraktionen, sondern hatte auch einschneidende ideologische und theologische Folgen. Vor allen war die Tatsache, dass das Pontifikat nicht seinen „rechten“ Platz in Rom einnahm, dem eine europaweite Auseinandersetzung zwischen französischem König und dem Staufer Geschlecht vorausgegangen war, die in der Verlagerung des Pontifikats nach Avignon gipfelte, ein rechtes Leiden Petrarcas Zeit seines Lebens und füllte ebendieses weitgehend aus. Erst drei Jahre nach dem Tod des Dichters, siedelte Papst Gregor XI wieder nach Rom über.

Petrarca dürfte aber auch, neben seiner dichterischen und politischen Tätigkeit wohl als Philosoph gelten. Denn gerade in der aufgeladenen politischen Atmosphäre und des sittlichen Verfalls den er so wohl in der Kurie als auch an den weltlichen Fürstenhöfen sah, empfand er als Imperativ eine moralische Intervention im Charakter einer literarischen Prüfung zu führen. Davon zeugt sein Werk „De otio religioso“, in dem er systematisch die Gefahren und Ursprünge des sittlichen Verfalls dokumentiert und vor ihnen warnt. So wurde Petrarca nicht nur ein bedeutender Denker seiner Zeit sondern auch ein Dokumentator der frühen Renaissance. Dies schlägt sich insbesondere in seinen Werken nieder. Auch wenn das Werk heute eher nicht zu den bekanntesten Petrarcas zählt war der Epos „Africa“ im politisch- literarischen Diskurs seiner Wirkungsjahre ein hoch geschätztes und bedeutendes Werk, das viele Zeitgenossen mit Vergils Aeneis‘ in seiner Stellung eines Nationalepos verglichen. Doch auch im Canzoniere, finden sich viele starke verweise auf den politischen Diskurs der Zeit wieder.

Nicht zuletzt deshalb weil Petrarca selbst ein bedeutender politischer Akteur war der aktiv in die Tagespolitik eingegriffen hatte. So ist zunächst zu bemerken, dass Petrarca sich ab seinem 26ten Lebensjahr beinahe durchgehend bis zu seinem Rückzug aus der Öffentlichkeit, im Dienste verschiedener Fürstenhäuser befand. Zunächst der Collonas, der Visconti und anschließend vieler anderer Parteien und Häuser. Sein Bewusstsein, wurde an den Höfen und den Tafeln ebendieser Fürstenhäuser und des Pontifikats dem er nahe stand, geprägt. Davon gingen seine Verbindungen, Seilschaften und Kontakte nach ganz Europa aus.

In seinem politischen Handeln vertrat Petrarca stets eine Maxime. Dass Rom wieder caput mundi werden solle. Sowohl als Zentrum der Gloria vergangener römischer Tage, wie auch das Zentrum der geistlichen und weltlichen Macht. Kaiser und Papst sollten in Rom residieren. Für Petrarca war es eine notwendige Selbstverständlichkeit, die er mit einigen seiner Zeitgenossen teilte. Prominent unter ihnen steht Cola di Rienzo. Ein junger, eloquenter, römischer Tribun, mit dem Ziel Rom von der Fremdherrschaft der vom Papst ernannten Fürstenfamilien zu befreien und es wieder zu einem Gravitationspunkt europäischer Politik zu machen. Jedoch sollte dabei nicht vergessen werden, dass trotz der späteren Konflikte, das Haus Collona einen wichtigen Meilenstein in der Entwicklung und Etablierung Petrarcas darstellte.

Eines der wichtigsten Zeugen für Petrarcas Symbiose des politischen und des literarischen Diskurses war wohl seine Canzone Spirto Gentil die im Rerum Vulgarum an der 53sten Stelle auftaucht. Sie zeugt von einem starken Willen der römischen Wiedergeburt und einem vom schönen drängenden Geist beseelten Wunsch nach Teilname an dem Prozess. Dabei wird nicht nur die römische Bevölkerung das Ziel seiner Sehnsucht, sondern vor allem ein starker und moralisch gefestigter, römischer Führer. Dem er aller Wahrscheinlichkeit nach diese Canzone widmet. Jedoch wie in anderen Bereichen, der Material Philology speziell bei der Betrachtung Petrarcas, ist es nicht eindeutig zu sagen, wann genau die Canzone verfasst wurde und vor allem wem die Canzone gilt. Dazu gibt es mehrere auseinander klaffende Hypothesen die sich grob in drei Kategorien einteilen lassen. Zunächst ist die fast schon kanonische Interpretation, dass die Canzone niemand geringerem als Cola di Rienzo gewidmet sein soll. Bei dieser Hypothese weichen jedoch die Entstehungsdaten, je nach Verfasser von einander ab. Die anderen Hypothesen verweisen auf die Nähe Petrarcas zur Fürstenfamilie Colonna und schreiben ihm zu dass er einen der damalig herrschenden Köpfe der Collona Familie gemeint haben muss. Die dritte Hypothese sagt, dass Petrarca doch genug vertrauen in die Institution des Kaisers und der Krone hatte und somit nur Karl IV gemeint sein könnte. Das Ziel dieser Arbeit soll sein, die verschiedenen Ansätze zur Datierung und Interpretation der Canzone Spirto Gentil zu beleuchten um die Diversität der Debatte und die Herausforderungen in der künftigen Patrarca-Forschung darzustellen.

Historisches Kontext

Wenn man von der frühen Renaissance in Oberitalien schreibt, dann schreibt man, nach dem Zusammenbruch der republikanischen Staatsform, die Geschichte der Tyrannen Oberitaliens, die der wichtigste Schlüssel zum Verständnis der Epoche, ihrer Politik und ihrer kulturellen Entwicklung waren. Man schreibt aber auch von einer Rechtlosigkeit, die nicht nur Oberitalien umfasste, sondern beinahe das gesamte Heilige Römische Reich. In Zeiten in denen Frankreich, Großbritannien und Spanien eine einheitliche Staatlichkeit besaßen, begnügte sich Oberitalien mit der Herrschaft des Kaisers und des Papstes gleichermaßen. Diese, ihre eigenen Ambitionen verfolgend, hatten nichts von einem zentralisierten, von einer Verfassung getragenen, Staat, sondern profitierten von der Kleinteilung ihres Herrschaftsgebietes. Das machte die einzelnen Herrscherhäuser zu Mikrokosmen italienischer Kultur aber auch zu Brutstätten der Macht. Nach Außen und nach Innen. Oft war die Frage der Erbfolge oder der territorialen Ausdehnung entscheidend, für das Fortbestehen einer Dynastie und die Sicherung des eigenen Erfolges. Sie führte soweit, dass ganze Häuser oder ihre Nebenzweige dem Machtstreben zum Opfer fallen. Hinzu kamen die Streitigkeiten zwischen den großen europäischen Häusern um den Einfluss auf das Pontifikat. Was wenige Jahre nach Petrarcas Geburt dazu führte, dass durch den Untergang der Staufer der französische Einfluss auf die Kurie anstieg und letztendlich in der Übersiedlung des Pontifex nach Avignon resultierte. Dies war für Petrarca Zeit seines Lebens eine prägende Tatsache. Das Resultat waren große und kleine Auseinandersetzungen zwischen den Häusern untereinander und der Kurie im besonderen im Schoße Italiens, von denen das gesamte 14 Jahrhundert geprägt war, die Lebens- und Wirkungszeit Petrarcas. Das spiegelt sich insbesondere in seiner Biographie wieder, war er doch an den verschiedensten und einflussreichsten Höfen seiner Zeit beheimatet und führte für sie diplomatische Tätigkeiten aus die so oft auch Friedensverhandlungen einschloßen.

Insbesondere war die Zeit aber von der Frage beseelt wie denn Italien aussehen solle. Eine besondere Rolle kam dabei den Visconti zu, die über den gesamten Verlauf des 14 Jahrhunderts stets im Begriff waren einen einheitlichen Staat in Ober- und Mittelitalien zu gründen. Was lediglich durch die Bemühungen des Papstes und ihm loyaler Tyrannen einerseits und der Republik Florenz andererseits unterbunden wurde. Somit scheiterte das Unternehmen des einheitlichen Staates auf doppelte Weise. Die Visconti waren nicht in der Lage einen zu formen. Gleichzeitig verblieb für die aufstrebenden Humanisten der Zeit die Einheit Italiens unter einem gerechten Herrscher und nicht einem Tyrannen. Dies war Petrarca jedoch besonders wichtig. Die Einheit des italienischen Staates und das Beenden der ungezügelten tyrannischen Herrschaft, abgelöst von einem gerechten römischen Herrscher. Wohl weniger aus hohen Gefühlen oder all zu noblen Beweggründen, sondern aus der einfachen Räson der politischen und gesellschaftlichen Stabilität. Nichtsdestotrotz spiegelt seine Kunst diesen Gedanken nicht nur im RVF mehrfach wider.

Konkret stellt sich jedoch über die gesamte Zeit des aufkommenden Nationaldiskurses, die Frage wer den in der Lage und Willens wäre diese noble Idee umzusetzen. Jedoch ist dies wie wir gesehen haben, kein leichtes Unterfangen. Namhaft treten zwei Fraktionen, die Guelfen und die Ghibellinen, im Streben um die Macht auf. Darunter gibt es mehrere Anwärter darauf. Sei es der Papst selbst der wieder nach Rom kommen würde, der Kaiser oder eine der Fraktionen. Im Kontext dessen Beteiligt sich auch Petrarca mit seiner Kanzone Spirto Gentil an der Diskussion und verleiht damit der gestellten Frage konkrete Form. So reflektiert die Beschäftigung mit der Interpretation der Kanzone gleichsam die Suche nach einer möglichen Lösung des Konflikts in einer retrospektiven Analyse der politischen Verhältnisse. Somit kommt die Entwirrung des Knotens dieser Kanzone gleich einer Landkarte an Akteuren und ihrer Verstrickungen im politischen Diskurs der frühen Renaissance.

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Details

Titel
Drei Helden für eine ewige Königin. Die Kanzone Spito Gentil in Petrarcas "Rerum vulgarium fragmenta" und ihre Interpretation
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
2,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
14
Katalognummer
V504351
ISBN (eBook)
9783346044044
Sprache
Deutsch
Schlagworte
drei, helden, königin, kanzone, spito, gentil, petrarcas, rerum, interpretation
Arbeit zitieren
Julius Zukowski-Krebs (Autor), 2019, Drei Helden für eine ewige Königin. Die Kanzone Spito Gentil in Petrarcas "Rerum vulgarium fragmenta" und ihre Interpretation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/504351

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