René Descartes' "Regeln zur Ausrichtung der Erkenntniskraft" und sein Verständnis von Intuition


Hausarbeit, 2019
14 Seiten, Note: 1,8

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

I. Einleitung: Fragestellung und Vorgehensweise

II. Was versteht man unter Intuition und welche Kriterien liegen ihr zugrunde?

III. Wie hat sich das Verständnis von Intuition in den Erkenntnislehren gewandelt?

IV. Hauptteil: Descartes Erkenntnismethode
IV.I Sein Erkenntnisziel: Neubegründungjeder Erkenntnis
IV.II Sein Ausgangspunkt: Der methodische Zweifel
IV.III Die Hauptregeln seiner Erkenntnismethode

V. Welche Rolle nehmen Intuitionen in Descartes Erkenntnislehre ein?

VI. Fazit: Descartes imRückblick

Literatur- und Quellenverzeichnis

I. EINLEITUNG: FRAGESTELLUNG UND VORGEHENSWEISE

Was versteht man unter Intuition bzw. intuitiver Erkenntnis? Spielen Intuitionen im Erkenntnisprozess überhaupt eine entscheidende Rolle? Und welchen Wandel hat das Intuitionsverständnis in den Erkenntnislehren genommen? In dieser Hausarbeit möchte ich eine der wichtigsten traditionellen Erkenntnislehren aufFunktionen und Grenzen der intuitiven Erkenntnis untersuchen: Die Intuitions- und Evidenzlehre des französischen Philosophen René Descartes (1596-1650). Er gilt als Begründer, des von der Vernunft überzeugten modernen Rationalismus. Sein vernichtendes Urteil über das herrschende Bildungsideal und seine heftige Kritik über das Wissen seiner Zeit, führten ihn zum „Prinzip des methodischen Zweifels“ (Vgl. Descartes 1641, 1. Meditation). Descartes forderte ein Universalverfahren für jede Art der Erkenntnis und die Beschreibung von festen Regeln zur Lenkung des Geistes. Er formulierte seinen bekannten Grundsatz „Cogito, ergo sum“ - „Ich denke, also bin ich“, nach radikalen Zweifeln an der eigenen Erkenntnisfähigkeit, als unfehlbares Fundament. Statt Autoritäten zu folgen, sollen die Menschen „ohne bestimmte Voraussetzungen philosophieren, der Stimme der Vernunft gehorchen und nur dem logisch Festgestellten trauen“ (Vgl. Huber 2013, Seite 264). Descartes ist davon überzeugt, dass die konsequente Anwendung seiner Methode, den „Aufbau eines Systems evidenter und zuverlässiger Wahrheiten ermöglicht, indem Irrtümer und Täuschungen ausgeschlossen werden können“ (Vgl. Perler 1998, Seite 50).

Die Grundlage meiner Hausarbeit bildet seine Frühschrift Regeln zur Ausrichtung der Erkenntniskraft (1628)} Das Fragment legte die Basis für seine späteren Werke über die komplexen Probleme der Wissenschaft, insbesondere seinem Hauptwerk dem Discours de la méthode (1637). In den Meditationen über die erste Philosophie (1641) geht es ihm um eine neue Grundlegung der Metaphysik. Seine Texte gehören zu den bedeutensten Werken des Rationalismus. Zunächst werde ich klären, was allgemein unter Intuition zu verstehen ist und wodurch sie charakterisiert wird (Abschnitt 2). Im Anschluss widme ich mich dem Wandel des Intuitionsverständnis in den traditionellen Erkenntnislehren (Abschnitt 3). Im Hauptteil werde ich Descartes Erkenntnisziel und Erkenntnismethode (Abschnitt 4) vorstellen. Abschließend konzentriere ich mich auf sein Intuitionsverständnis (Abschnitt 5). Ich schließe meine Hausarbeit mit einem Fazit.[1]

II. WAS VERSTEHT MAN UNTER INTUITION UND WEUCHE KRITERIEN UIEGEN IHR ZUGRUNDE?

Der Intuitionsbegriff besitzt keine feste Definition, hat verschiedene Merkmale und ist kaum eingrenzbar. In der Philosophie unterscheidet man die Begriffe Intuition und intuitive Erkenntnis. Der Begriff Intuition stammt vom mittellateinischen Wort intuitio ab und bedeutet „etwas unmittelbar betrachten“.[2] Intuitionen können sich in Gefühlen und Ideen äußern, welche aus dem Nichts auftauchen, deren Herkunft nicht begründet werden kann und im Widerspruch zum bewussten Denken stehen. Während der Verstand eine Erklärung für alles benötigt, macht ihm die Intuition einen Strich durch die Rechnung. Sie ist keine Funktion des Verstandes und kann auch nicht von ihm begriffen werden. Im Volksmund spricht man auch von einem Geistesblitz. Der Begriff intuitive Erkenntnis hingegen ist uneinheitlich und insbesondere abhängig von den „vorausliegenden epistemologischen Grundpositionen“ (Vgl Huber 2013, Seite 401ff). Die Definition ist nicht im Sinne eines in der Philosophie explizit artikulierten Begriffs zu verstehen. Der Grundgedanke besteht vielmehr darin, einen neuen Intuitionsbegriff auf einem empirisch gestütztem Fundament zu entwickeln, um seine Unverzichtbarkeit hinsichtlich der Theoriekonstruktion und des Theorieverständnis zu begründen. Von der Antike bis zur Neuzeit nehmen Intuitionen eine konstitutive und unverzichtbare Funktion im Erkenntnisprozess ein. Mal wird ihr eine wichtige Rolle zugeschrieben, mal jegliche Bedeutung abgesprochen. In der Philosophie dient der Intuitionsbegriff zur Bestimmung unterschiedlicher Erkenntnisformen, denen drei Kriterien zugrunde liegen:

Intuitive Erkenntnis erfolgt unmittelbar und direkt und steht im Widerspruch zu einer diskursiven Erkenntnis, welche durch Schlussfolgerungen erreicht wird. Der intuitiven Erkenntnis wird außerdem ein besonderes Maß an Evidenz zugesprochen. Sie soll die Gewissheit der Erkenntnis sichern und Intuitionen von Zufallsentscheidungen und anderen unbegründeten Meinungen abgrenzen. Beim dritten Kriterium der Intuition handelt es sich um die schlagartige Erfassung von Sinneswahmehmungen.[3] Darunter ist keine visuelle Wahrnehmung, sondern eine innere Wahrnehmung zu verstehen. Der Abstand zwischen der Erkenntnis und dem Erkanntem wird bei Intuitionen überwunden.

III. WIE HAT SICH DAS VERSTÄNDNIS VON INTUITION IN DEN ERKENNTNISLEHREN GEWANDELT?

In allen Wissenschaften, so auch in der Philosophie, begegnen dem Wissbegierigen zahlreiche konkurrierende Theorien. Die Frage, ob Intuitionen im Erkenntnisprozess eine Rolle spielen, konnte von den Philosophen bislang nicht einheitlich beantwortet werden. Es bleibt umstritten, wie der Intuitionsbegriff genau zu explizieren und welches Wissen intuitiv erfassbar ist.[4] Wenn man sich mit dem Wandel des Intuitionsverständnis in den Erkenntnislehren beschäftigt, kann man nicht darauf verzichten, zunächst auf einen deutlichen Dissens zwischen der traditionellen Philosophie und der Analytischen Wissenschaftstheorie hinzuweisen. Die traditionelle Philosophie traut der Intuition die Fundierung des Wissens zu. Die Analytische Wissenschaftstheorie des 20. Jahrhunderts verwirft die Intuition als Erkenntnisart und konzentriert sich ausschließlich auf Empirie und Logik. Es ist jedoch ihr Verdienst, erkannt zu haben, dass ein absolut gesichertes Wissen über die Natur nicht zu erlangen ist und das Intuitionen, die ihr zugeschriebenen „Unfehlbarkeitsleistungen gar nicht erbringen können“ (Vgl. Huber 2013, Seite 234ff).

Platon und Aristoteles stehen beide für die bedeutensten Erkenntnislehren der Antike. Beide berufen sich auf eine intuitive Erkenntnis. In seiner Ideenlehre führte Platon die Erkenntnis der Ideen auf Intuitionen zurück: Durch intuitives Denken findet man Zugang zur „urbildlichen, wesenhaften, ewigen Welt des wahren Seins“. Das durch „unmittelbare Betrachtung Erkennbare ist in sich selbst evident“. Für Aristoteles ist Intuition eine „eigenständige Form des Wissenserwerbs“. Sie „ist erfahrungsunabhängig und führt zu einem apriorischen Wissen, das keine Sinneserfahrung voraussetzt“. Intuitiv erworbenes Wissen bedarf keiner weiteren Begründung oder Rechtfertigung (Vgl. Remmert 2010, Seite 31). Bei Intuitionen handelt es sich um reine Evidenzerlebnisse. In den neuzeitlichen Erkenntnislehren entfielen die klassischen metaphysischen Annahmen, wie die Ideenlehre Platon oder der Glaube an einen Schöpfergott. Während diskursives Erkennen „auf Schlussfolgerungen beruht“, handelt es sich bei intuitiven Erkennen um eine „rein geistige Anschauung“. Diesen Aspekt hat in den Erkenntnislehren der Neuzeit besonders Spinoza aufgegriffen. Für ihn stellt die Intuition die höchste seiner drei Erkenntnisarten dar (Vgl. Remmert 2010, Seite 32).

„Adäquate Erkenntnisse können nur durch Intuitionen erlangt werden“. Intuition stützt sich auf ein Wissen, welches „in seiner Reinheit nur mit dem Wissen Gottes verglichen werden kann“. Daran anknüpfend werden die rationalistischen Erkenntnislehren von Descartes und Leibniz und die empiristischen Erkenntnislehren von Locke und Hume, aufgestellt. Sie argumentieren alle „zugunsten der Unverzichtbarkeit der Intuitionen im Erkenntnisprozess“ (Vgl. Huber 2013, Seite 236). Kant führte später die wichtigsten Einsichten der Rationalisten und Empiristen zusammen und entwickelte seine eigene Lehre des Denkens, welche allerdings eng mit der aristotelischen Logik verknüpft ist (Vgl. Kant 1781, Seite 19). Die Philosophen der Analytischen Wissenschaftstheorie des 20. Jahrhunderts stehen der Intuition, wie bereits erläutert, äußerst ablehnend gegenüber.

IV. HAUPTTEIL: RENÉ DESCARTES ERKENNTNISMETHODE

IV.I Sein Erkenntnisziel: Neubegründung jeder Erkenntnis

René Descartes gilt als Vater der modernen Philosophie. Rationalität, Subjektivität und die Vorstellung, das die Welt mathematisierbar ist, gehen mehr oder weniger auf seine Philosophie zurück. Er hat die Philosophie, das Denken und die Wissenschaft auf eine völlig neue, rationale Basis gestellt. Er beschäftigte sich mit den Voraussetzungen der Erkenntnis und dem Zustandekommen von Wissen. Descartes war ein großer Skeptiker. Er gab seiner ersten Meditation den Untertitel: „Woran man zweifeln kann“. Schon allein dieser Titel weißt auf seine Vorgehensweise hin. Er möchte „etwas Festes und Bleibendes in den Wissenschaften aufstellen“ (Vgl. Descartes 1641, Seite 33ff). Auf Grundlage seiner durch rationale Intuition begründeten Substanzlehre, versucht er sämtliche Wissensinhalte über die Natur deduktiv abzuleiten. Zunächst übt er heftige Kritik am zeitgenössischen Bildungsideal und wirft den Bildungseinrichtungen Versagen vor. Sie sollen gesichertes Wissen in Aussicht stellen, lösen diesen Anspruch jedoch nicht ein und geben sich nur mit „wahrscheinlichem Wissen“ zufrieden. Seit der Antike stellt das Wissen ein „Sammelsurium von Lehrmeinungen“ dar, welches ohne eine systematische Methode zusammengetragen wurde (Vgl. Huber 2013, Seite 264). Descartes möchte daher „vermeintliches Wissen hinterfragen und ausgehend von einem zu ermittelnden sicheren Fundament, den Wissensbestand bestmöglich rehabilitieren“ (Vgl. Huber 2013, Seite 268).

[...]


[1] Vgl. Descartes, René (1628): Regeln zur Ausrichtung der Erkenntniskraft, Hamburg: Meiner (2011).

[2] Vgl Enzyklopädie der Werte, in: Uri: https://www.wertesysteme.de/intuition, abgerufen: 25. Juli 2019.

[3] Vgl. Intuition, in: Uri: https://swiki.hfbk-hamburg.de/Medienoekologie, abgerufen: 15. August 2019.

[4] Vgl. Intuition, in: Uri: https://swiki.hfbk-hamburg.de/Medienoekologie, abgerufen: 15. August 2019.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
René Descartes' "Regeln zur Ausrichtung der Erkenntniskraft" und sein Verständnis von Intuition
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Seminar für Philosophie)
Veranstaltung
Seminar Descartes Regulae
Note
1,8
Autor
Jahr
2019
Seiten
14
Katalognummer
V504448
ISBN (eBook)
9783346046253
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Philosophie, Descartes, Intuition
Arbeit zitieren
Michael Schubert (Autor), 2019, René Descartes' "Regeln zur Ausrichtung der Erkenntniskraft" und sein Verständnis von Intuition, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/504448

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