Kunst, Verbrechen und Detektion. Zu E.T.A. Hoffmanns "Das Fräulein von Scuderi"


Hausarbeit, 2019

35 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Literarische Gattungen
1.1 Eine kurze Definition
1.2 Gattungsmischung
1.3 Die Gattungsfrage

2. Zwei Gattungen: Detektiv- und Künstlernovelle
2.1 Die Detektivnovelle
2.2 Die Künstlernovelle

3. ‚Das Fräulein von Scuderi‘ als Detektiv- und als Künstlernovelle
3.1 Inhalt
3.2 Madeleine de Scuderi
3.2.1 Als Detektivin
3.2.2 Als Künstlerin
3.2 René Cardillac
3.2.1 Als Verbrecher
3.2.2 Als Künstler

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

Einleitung

Ist ‚Das Fräulein von Scuderi‘ eine Detektiv- oder Künstlergeschichte? In der literaturwissenschaftlichen Forschung bzgl. der Novelle von E.T.A. Hoffmann wurde wohl kaum eine andere Frage häufiger gestellt als diese. Doch warum die Konjunktion oder ? E.T.A. Hoffmanns Werk weist sowohl Elemente einer Detektivnovelle als auch die der Künstlernovelle hervor: Eine Dichterin, die Gelegenheitsverse für den Hof des Sonnenkönigs schmiedet, aus Angst um ihre Schützlinge über Nacht zur Detektivin wird und einen Goldschmied, der wegen einer Besessenheit von seiner Kunst mordet. Aufgrund dessen kann und sollte eine strikte Einteilung in eine der beiden literarischen Gattungen nicht gemacht werden.

Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, zu verdeutlichen, dass die Erzählung Detektivnovelle und Künstlernovelle zugleich ist. Für den Anfang bietet es sich daher an, einen Blick auf literarische Gattungen im Allgemeinen zu werfen und vor allem das Phänomen der sogenannten ‚Gattungsmischung‘ näher zu betrachten. Darauf basierend wird diskutiert, inwieweit eine Zuordnung in literarische Gattungen sinnvoll ist bzw. welche Nachteile sich dadurch ergeben. Im zweiten Teil der Arbeit stehen sich Detektiv - und Künstlernovelle gegenüber. Die beiden Gattungen werden in ihren Grundzügen skizziert und Merkmale herausgestellt, die für die weitere Untersuchung der Novelle relevant sind. Im Hauptteil erfolgt die Analyse des ‚Fräulein von Scuderi’ anhand kennzeichnender Aspekte beider Gattungen. Madeleine de Scuderi und René Cardillac gelten als die zentralen Figuren der Erzählung. In ihnen vereint Hoffmann Kunst, Verbrechen und Detektion. Nach einer kurzen Inhaltsangabe wird folglich zunächst die Scuderi mithilfe von Passagen aus der Erzählung auf ihre Kunst und auf ihre Detektion untersucht. Im Anschluss folgt die Betrachtung Cardillacs, wobei der Fokus der Analyse neben dem Verbrechertum auch auf dem der Kunst liegt. Näher eingegangen wird bei dem Goldschmied besonders auf die pränatale Prägung, die für die Interpretation seiner Figur als Künstler und als Verbrecher bedeutend ist. In der Schlussbetrachtung werden die Ergebnisse der Analyse zusammengetragen und abschließend beleuchtet, welche Vorteile die Einteilung in beide Gattungen mit sich bringt.

Die bisherige literaturwissenschaftliche Forschung verwendet für die Beschreibung des ‚Fräulein von Scuderi‘ vielfach unterschiedliche Termini. Die vorliegende Arbeit folgt fortlaufend die Termini Detektiv- und Künstlernovelle. Außerdem wurde auf gendergerechte Endungen verzichtet. Grund dafür ist eine bessere Lesbarkeit sowie ein angenehmerer Lesefluss. Eine Verletzung des Gleichheitsgrundsatzes und Geschlechterdiskriminierung soll damit jedoch nicht zum Ausdruck gebracht werden.

1. Literarische Gattungen

‚Das Fräulein von Scuderi‘ kann nicht eindeutig nur einer literarischen Gattung zugeordnet werden, sondern gleich zweien. Um dieser These nachzugehen, widmet sich der theoretische Teil dieser Arbeit daher zunächst literarischen Gattungen. Begonnen wird mit einer kurzen Definition literarischer Gattungen, daraufhin folgt eine kurze Vorstellung des Phänomens der Gattungsmischung und abschließend eine Diskussion der Gattungsfrage.

1.1 Eine kurze Definition

Der Begriff der Gattung ist ein vielverwendetes und grundlegendes Hilfsmittel zur Differenzierung, Interpretation und Klassifikation literarischer Texte.1 Die teilweise sehr unterschiedlichen Verwendungsweisen des Begriffs haben alle gemeinsam, dass hiermit eine Gruppe von ähnlichen Texten zusammengefasst wird, die man nach verschiedenen Gesichtspunkten bestimmen kann.2 Die Ähnlichkeit kann sich auf Verfahren, Strukturen und/oder Inhalte der Texte beziehen.3

Jeder literarische Text wird demnach zumindest immer einer Gattung zugeordnet und insofern auch mithilfe zumindest eines Gattungsbegriffs beschrieben. Hierunter wird jedoch nicht das zusammengefasst, was an einem Text individuell und unverwechselbar ist, sondern das, was er mit anderen Texten derselben Gattung gemeinsam hat. Gattungsbegriffe sind daher Allgemeinbegriffe.4 In der Kommunikation über literarische Texte erfüllen sie verschiedene Funktionen, vor allem aber eine klassifikatorische, weil sie einzelne Werke in größere Gruppen beschreiben und eine kommunikative, indem sie Lesern Zugehörigkeiten anzeigen.5

Geht man der Frage nach, wie Texte in der Literaturwissenschaft gruppiert werden, trifft man auf eine wenig geordnete Vielfalt unterschiedlichster Ansätze. Deshalb wird die Gattungsforschung auch gerne als das „älteste Problem“6 oder „trübseligste Kapitel“7 der Literaturwissenschaft bezeichnet. Der Gesamtbereich der Literatur lässt sich jedoch, ähnlich wie in der Biologie, gemäß der ‚Genus-differentia-Definition‘ in ein pyramidal oder stammbaumartig strukturiertes Begriffssystem aufteilen. Demzufolge kann zunächst unterschieden werden zwischen den drei großen Gattungen Lyrik, Epik, Drama und z.B. im Bereich der Epik zwischen Roman, Novelle, Kurzgeschichten etc. und wiederum bei den Romanen zwischen Kriminalromanen, Künstlerromanen, Liebesromanen usw.8

Dieser Arbeit liegt die These zugrunde, dass die Erzählung ‚Das Fräulein von Scuderi‘ von E.T.A. Hoffmann zwei Gattungen zugeordnet werden kann, weshalb die sogenannte ‚Gattungsmischung‘ knapp vorgestellt wird.

1.2 Gattungsmischung

„Gattungsmischung liegt dann vor, wenn ein Text als Hybrid aus mehreren, auf gleicher systematischer Ebene angesiedelten Gattungen empfunden wird.“9 Jeder Einzeltext kann dementsprechend mehreren Gattungen angehören, Genreüberschreitungen finden sich jedoch insbesondere, wenn eine über die realistische Darstellungen hinausgehende Mischung von Fakt und Fiktion vorliegt.10 In jedem Fall hängt es vom jeweils verwendeten Gattungsbegriff und seinem Anspruch auf ‚Reinheit’ ab, ob eine Gattung als hybrid gilt. Historisch unterscheiden sich jedoch Phasen der Gattungsmischung (z.B. Romantik, literarische Moderne, Postmoderne) von solchen, die nach einer Reinheit der Gattung streben (z.B. Aufklärung, Klassik, Moderne).11

Darüber hinaus ist Gattungsmischung kein aktuelles Phänomen in der Literaturwissenschaft, sondern erschien bereits bei Platon und Horaz. Zentral wird die Poetik der ‚genera mixta‘ jedoch in Johann Wolfgang von Goethes „Naturformen der Dichtung“12. Goethe sagte über die drei ‚Dichtweisen’ Epos, Lyrik und Drama, sie könnten zusammen oder abgesondert wirken, sah also auch schon damals eine Mischung der Gattungen vor.13

Gattungsmischung hat den Effekt, dass sich zwei Gattungen innerhalb eines Werkes ergänzen und verstärken, aber auch neutralisieren oder gar widersprechen können.14 Bei den Mischgattungen als eine Form der Gattungsmischung ist die Verschmelzung von Gattungsmerkmalen sichtbar – anders als beispielsweise bei der ‚Inklusion‘ , hier ist die Mischung auf den ersten Blick nicht wahrnehmbar.15

‚Das Fräulein von Scuderi‘ als Mischgattung mit Merkmalen der Detektiv- und Künstlernovelle besitzt gleich zwei inhaltlich-thematische Kategorien, die jeweils unterschiedliche Vergleichstexte aufrufen und inhaltliche Aspekte des Werkes gegenüber anderen hervorheben.16

Literarische Gattungen werden in der Literaturwissenschaft vielfach diskutiert, häufig lautet sogar die Frage, ob es überhaupt sinnvoll ist, Texte bestimmten Gattungen zuzuordnen. Diese Gattungsfrage wird im Hinblick auf ‚Das Fräulein von Scuderi‘ in seiner besonderen Form als Gattungsmischung knapp diskutiert.

1.3 Die Gattungsfrage

Jeder Text kann und sollte einer Gattung zugeordnet werden – egal ob literarisch oder nicht-literarisch. E.T.A. Hoffmanns Novelle ‚Das Fräulein von Scuderi‘ wird aufgrund dessen als Detektiv- oder als Künstlernovelle klassifiziert und dementsprechend interpretiert.

Entscheidend für die Einteilung in literarische Gattungen ist, dass

[…] sie einmal eine Ordnung des historischen Materials durch die Hervorhebung bestimmter Traditionszusammenhänge [ermöglichen], und sie zweitens bei der Betrachtung einzelner Werke als eine Art Leitfaden oder heuristisches Werkzeug der Interpretation [dienen].17

Sie helfen demnach dabei, literarische Texte als solche besser zu erkennen und auch verstehen zu können. Wissen Leser, dass sie es mit einer Novelle zu tun haben, passen sich demnach auch ihre eigenen Erwartungshaltungen an. Sie achten beim Lesen stärker auf die Merkmale einer Novelle und können sie so leichter interpretieren. Gattungen verhelfen daher zu einem besseren Verständnis der Literatur.18

Nicht weniger wichtig ist, dass Gattungsbegriffe schlichtweg Kommunikationsnormen sind, die eine einfache und ökonomische Verständigung über literarische Werke ermöglichen.19

Zu bedenken ist außerdem, dass alles zum Chaos würde, würde man Gattungen vollkommen abschaffen.20 Klassifizierungen nehmen die Arbeit des Neuorientierens und des Neudeutens ab und geben Lesern so die Möglichkeit, einer nicht immer leicht zu bewältigenden Konfrontation mit der noch unbekannten, nicht klassifizierten Wirklichkeit auszuweichen.21 Gattungen vereinfachen daher schlicht und ergreifend den Umgang mit literarischen Werken.

Nachdem nun knapp auf die Vorzüge der Gattungen hingewiesen wurde, sollte allerdings beachtet werden, dass ‚Das Fräulein von Scuderi‘ sowohl Elemente der Detektiv- als auch die der Künstlernovelle hervorweist und daher nicht bloß einer Gattung zugeordnet werden kann. Vor diesem Gesichtspunkt stellt sich daher die Frage, ob es überhaupt sinnvoll ist, literarische Texte zu klassifizieren, obwohl sie doch eigentlich transzendieren.

Gattungen werden, versteht man sie als geschlossene Systeme, immer einen präskriptiven Charakter besitzen. Sie sind demnach Gebote, die beim Umgang mit Literatur Regeln vorschreiben – sei es bei der Produktion als auch bei der Rezeption.22 Für ein angemessenes Verständnis und für die Interpretation eines jeden Textes ist es jedoch nicht notwendig, diesen in einem bestimmten Rahmen zu betrachten. Auch ohne präzise Gattungsvorstellungen ist es möglich, hinter einen Text schauen zu können.

Darüber hinaus ist die Vielfalt der Terminologien bzgl. verschiedener Gattungsbegriffe kaum zu überblicken, jede neue Veröffentlichung bringt neue Definitionen zentraler Begriffe wie Gattung, Art und Untergattung mit sich.23 Es scheint gar unmöglich, in der Literatur eine klare Aussage darüber zu finden, ob die Detektiv- bzw. Künstlernovelle nun als eine Gattung oder als eine Art zu verstehen ist. Durch diese terminologischen Probleme fällt es schwer, literarische Texte einzuordnen und Bewertungskriterien korrekt anzuwenden.

Entscheidend ist, dass es nicht bloß darauf ankommt, wie Begriffe zweckmäßig normiert werden, sondern was mit genau diesen Normierungen womöglich verloren geht.24 Wird eine Novelle nun als Detektivnovelle klassifiziert und dementsprechend untersucht und interpretiert, werden möglicherweise ebenfalls interessante Definitionsmerkmale anderer Gattungen gar nicht registriert, vernachlässigt oder im Hinblick auf Gattungskonstitution als sekundär behandelt. Dabei ist es doch besonders interessant, zu betrachten, ob und inwieweit sich Merkmale innerhalb eines literarischen Textes vermischen und sich dadurch verschiedene literarische Gattungen befruchten können.

Gattungen und deren Definitionsmerkmale helfen, literarische Werke wie ‚Das Fräulein von Scuderi’ besser zu verstehen und zu interpretieren. Gleichzeitig können ihre Erkenntnisse niemals hinreichen, Einzelwerke der Literatur in ihrer Einmaligkeit zu erfassen.25 Literarische Texte sollten daher nicht innerhalb ihrer Normierungen und Bestimmungen festgehalten werden, sondern transzendieren. Literarische Mischformen erproben neue Formen des Erzählens, decken konventionalisierte Wahrnehmungsmuster auf und treiben die Entfaltung neuer Sichtweisen voran.26 Sie sind daher eine Bereicherung für die Literatur.

2. Zwei Gattungen: Detektiv- und Künstlernovelle

Nachdem im vorherigen theoretischen Teil der Fokus auf literarischen Gattungen im Allgemeinen lag, widmet sich dieses Kapitel nun der Vorstellungen der beiden Gattungen, die dem ‚Fräulein von Scuderi‘ zugrundliegen: Die Detektiv - bzw. Künstlernovelle. Basierend auf der theoretischen Grundlage kann so im Hauptteil dieser Arbeit der These nachgegangen werden, warum die Novelle sowohl als Detektiv - als auch als Künstlernovelle angesehen werden kann.

2.1 Die Detektivnovelle

Der Kriminalroman ist eine überaus differenzierte literarische Gattung, die sich in zahlreiche Untergattungen aufgespalten hat.27 Richard Alewyn unterscheidet streng zwischen Kriminalroman und Detektivroman: „Der Kriminalroman erzählt die Geschichte eines Verbrechens, der Detektivroman die Geschichte der Aufklärung eines Verbrechens.“28 Das ‚Fräulein von Scuderi‘ fungiert als Detektivroman, weshalb Alewyns traditionelle Unterscheidung für die folgende Analyse beibehalten und bloß die Eigenschaften des Detektivromans näher vorgestellt werden.

Charakteristisch für die klassische Detektivliteratur ist eine Handlung, die sich aus einem geheimnisvollen Verbrechen und herausragendem analytischen Intellekt zusammensetzt. Dabei läuft das Handlungsgerüst teleologisch auf eine Enträtselung hinaus – rätselhaft sind dabei Umstände, Hergang, Motiv und Akteur(e) des Verbrechens.29 Richard Alewyn hält in seinem Aufsatz ‚Die Anatomie des Detektivromans‘ darüber hinaus fest, dass sich die Gattung mehrfach des Dialogs und der direkten Rede bedient. Diese erlaube dem Erzähler, sich hinter seinen Figuren zurückzuziehen und Lesern die Entscheidung zu überlassen, was sie glauben wollen und was nicht.30

Nachfolgend werden drei zentrale Aspekte des Detektivromans herausgegriffen, die für die Analyse des ‚Fräulein von Scuderi‘ relevant sind: Der Mord, der Detektiv, der Täter.

2.1.1 Der Mord

Der Mord wirkt im Detektivroman als Rätsel, ist damit das zentrale Ereignis und wird so zum Anlass für die Tätigkeit der Detektion.31 Die Ausführung ist genau wie die Mordwaffe kompliziert und damit gleichzeitig die Gewähr dafür, dass das Verbrechen an den Tag kommt. Der Detektivroman braucht den Mord als Rätselstellung, weil darauf die Todesstrafe steht (zumindest im 19. Jahrhundert), wodurch dramaturgisch der Antrieb der Handlung gefördert und eine oppositionelle Konstellation zwischen Verbrecher und Detektiv entsteht.32

2.1.2 Der Detektiv

Die Detektivfigur steht im Mittelpunkt des Detektivromans und bildet gleichzeitig das perspektivische Zentrum des Textes. Die Funktion des Detektivs ist es, als Agent oder Träger einer Ermittlung zu dienen.33 Dabei gewährleisten die kognitiven Fähigkeiten der Detektivfigur die Aufklärung des Rätsels durch Identifizierung, Kombination und Deutung von Hinweisen. Als eine Art Widersacher des Bösen kommt dem Detektiv in zahlreichen Texten die Rolle des Beschützers und Ordnungsstiftenden zu.34

2.1.4 Der Mörder

Ohne Täter gibt es kein Verbrechen und damit auch keine Aufklärung durch einen Detektiv, weshalb der Täter eine der zentralen Figuren des Detektivromans ist. Die Handlungen des Täters liegen zunächst im Dunklen, seine Beweggründe erweisen sich jedoch als nieder. Er agiert aus Hass, Neid, Gier, Missgunst und mordet mit bloßen Händen, Waffen, Alltagsgegenständen in abgelegenen Gegenden.35 Das Äußere des Täters reicht von gewissen Anomalitäten bis hin zu einem monströsen Anblick und fungiert daher als eine Wechselwirkung zwischen dem Aussehen des Täters und seiner Wirkung auf den Leser.36 Das vom Täter ausgeübte Verbrechen ist die tragende Säule der Handlung in der Detektivliteratur bzw. letztendlich auch ihr Ausgangspunkt.37

2.2 Die Künstlernovelle

In Künstlerromanen steht die Figur eines Künstlers sowie dessen Leben und Schaffen im Mittelpunkt. Die literarische Gattung ist gemäß der ‚Genus-differentia-Definition‘ eine Untergattung des Bildungsromans und setzte zusammen mit der Genieästhetik des 18. Jahrhunderts ein.

Die Genieästhetik bürgerlicher Intellektueller […] stilisierte in dieser Umbruchszeit den Künstler zum Helden des Epochenaufbruchs, zum Inbegriff der freien, autonomen Persönlichkeit, die als Schöpfer eigener Welten sich selbst definiert und keinen vorbestimmten Platz in der Gesellschaft zu suchen braucht.38

Charakteristisch für die Geniezeit sind das durchbrechende künstlerische Selbstbewusstsein und das mit der Theorie dichterisch-genialer Autonomie gegebene Moment der Selbstreflexion.39 Dieses neue Wertgefühl macht den Künstler zu einem selbstdarstellungswürdigen Gegenstand der Literatur.

Auch Hoffmann verfolgte in einer Reihe seiner Erzählungen dieses schon bald zum Klischee erstarrte Schema, wonach der Künstler als eine Art Heiliger nur tapfer den Versuchungen der Lebensrealität zu widerstehen hat, um die Vollendung im Tempel der Kunst zu finden.40 Oftmals öffnet sich in seinen Werken jedoch eine schmerzhafte Kluft zwischen Kunst und Leben, zwischen Phantasie und Wirklichkeit, die die Künstler der Erzählungen bis zur Schizophrenie treibt.41 In Künstlerromanen, und besonders in den Texten Hoffmanns, werden daher aus den ursprünglich repräsentativen Helden exemplarische Opfer: Künstlerschicksale enden im Freitod oder im Wahnsinn. Richard Müller-Freienfels beschreibt in seiner Arbeit ‚Der Dichter in der Literatur‘ Künstlerromane daher als rein psychologisch motiviert. Der Akzent der Wirkung liege darauf, „bürgerlichen Lesern Einblicke in selbst unerlebbare und unzugänglich seltsame Schicksale stärkster Leidenschaft zu verschaffen.“42

Darüber hinaus erscheinen Künstler in Künstlerromanen als fragwürdige, fragile Individuen, die sich in ein „zerstörtes Abbild des romantischen Ideals“43 verwandeln. Weiter zeichnen sich Künstler aus Künstlernovellen durch Merkmale wie eine selbstgewählte oder erzwungene Einsamkeit aus sowie durch soziale Isolierung, den Verzicht auf erfüllte Liebe, psychischer Leidensdruck und eine innere Zerrissenheit.44

3. ‚Das Fräulein von Scuderi‘ als Detektiv- und als Künstler novelle

Basierend auf den bisherigen theoretischen Grundlagen soll mithilfe einer Analyse des „Fräulein von Scuderi“ am Beispiel der Figuren Madeleine de Scuderi sowie des René Cardillac gezeigt werden, dass die Novelle sowohl als Detektiv- als auch als Künstlergeschichte interpretiert werden kann. Zunächst folgt eine knappe Inhaltsangabe der Novelle, woraufhin die Erzählung anhand kennzeichnender Merkmale beider literarischer Gattungen aus Kapitel 2 untersucht wird. Dabei liegt der Fokus auf dem Aspekt der Detektion bzw. dem der Kunst hinsichtlich der Scuderi bzw. auf dem Aspekt des Verbrechertums und dem der Kunst hinsichtlich Cardillac.

[...]


1 Xenia Wotschal: Schreiben und Reisen über Gattungsgrenzen hinweg, S. 2.

2 Vgl. Dieter Lamping: Handbuch literarischer Gattungen, S. XV.

3 Vgl. Rüdiger Zymner: Gattungsmischung, Gattungsübergänge, Unbestimmbarkeit, S. 52.

4 Vgl. ebd.

5 Vgl. ebd.

6 Dieter Lamping: Handbuch literarischer Gattungen, S. XV.

7 Rüdiger Zymner: Definieren von Gattungen, S. 10.

8 Vgl. Rüdiger Zymner: Gattungstheorie, S. 87.

9 Rüdiger Zymner: Gattungsmischung, Gattungsübergänge, Unbestimmbarkeit, S. 52.

10 Vgl. Jutta Ernst: Hybride Genres, S. 313.

11 Vgl. ebd.

12 Vgl. Xenia Wotschal: Schreiben und Reisen über Gattungsgrenzen hinweg, S. 9.

13 Vgl. Rüdiger Zymner: Gattungsmischung, Gattungsübergänge, Unbestimmbarkeit, S. 52.

14 Vgl. ebd.

15 Vgl. Xenia Wotschal: Schreiben und Reisen über Gattungsgrenzen hinweg, S. 38.

16 Vgl. Rüdiger Zymner: Gattungsmischung, Gattungsübergänge, Unbestimmbarkeit, S. 52.

17 Dieter Lamping: Probleme der neuen Gattungsgeschichte, S. 18.

18 Vgl. András Horn: Theorie der literarischen Gattungen, S. 11.

19 Vgl. ebd., S. 11.

20 Vgl. ebd., S. 67.

21 Vgl. ebd., S. 68.

22 Vgl. ebd., S. 66.

23 Vgl. Horst Steinmetz: Gattungen: Verknüpfungen zwischen Realität und Literatur, S. 48.

24 Vgl. Dieter Lamping: Probleme der neuen Gattungstheorie, S. 16.

25 Vgl. András Horn: Theorie der literarischen Gattungen, S. 10.

26 Vgl. Xenia Wotschal: Schreiben und Reisen über Gattungsgrenzen hinweg, S. 38.

27 Vgl. Thomas Kniesche: Einführung in den Kriminalroman, S. 8.

28 Vgl. Richard Alewyn: Anatomie des Detektivromans, S. 375.

29 Vgl. Martin Genç: Gattungsreflexion/Schemaliteratur, S. 3.

30 Vgl. Richard Alewyn: Anatomie des Detektivromans, S. 382.

31 Vgl. Peter Nusser: Der Kriminalroman, S. 24.

32 Vgl. ebd.

33 Vgl. Thomas Kniesche: Einführung in den Kriminalroman, S. 14.

34 Vgl. Annika Hanauska: Detektiv, S. 224.

35 Vgl. Corinna Erk: Täter, S. 254.

36 Vgl. ebd.

37 Vgl. ebd.

38 Manfred Heigenmoser: Künstlerroman, S. 157.

39 Vgl. Jochen Schmidt: Die Geschichte des Genie-Gedankens, S 41.

40 Vgl. ebd., S. 43.

41 Vgl. ebd.

42 Sabrina Hausdörfer: Rebellion im Kunstschein, S. 38.

43 Ebd., S. 25.

44 Vgl. ebd., S. 158.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Kunst, Verbrechen und Detektion. Zu E.T.A. Hoffmanns "Das Fräulein von Scuderi"
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Deutsche Sprache und Literatur I)
Veranstaltung
Geschichte und Theorie der Kriminalerzählung
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
35
Katalognummer
V504486
ISBN (eBook)
9783346052469
ISBN (Buch)
9783346052476
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gattungen, Scuderi, E.T.A. Hoffmann, Kriminalerzählung, Cardillac, Pränatale Prägung, Kunst, Verbrechen, Detektivgeschichte, Novelle
Arbeit zitieren
Myriel Desgranges (Autor), 2019, Kunst, Verbrechen und Detektion. Zu E.T.A. Hoffmanns "Das Fräulein von Scuderi", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/504486

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