Ist ‚Das Fräulein von Scuderi‘ eine Detektiv- oder Künstlergeschichte? In der literaturwissenschaftlichen Forschung bezüglich der Novelle von E.T.A. Hoffmann wurde wohl kaum eine andere Frage häufiger gestellt als diese. Doch warum die Konjunktion oder?
Hoffmanns Werk weist sowohl Elemente einer Detektivnovelle als auch die der Künstlernovelle hervor: Eine Dichterin, die Gelegenheitsverse für den Hof des Sonnenkönigs schmiedet, aus Angst um ihre Schützlinge über Nacht zur Detektivin wird und einen Goldschmied, der wegen einer Besessenheit von seiner Kunst mordet. Aufgrund dessen kann und sollte eine strikte Einteilung in eine der beiden literarischen Gattungen nicht gemacht werden. Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, zu verdeutlichen, dass die Erzählung Detektivnovelle und Künstlernovelle zugleich ist.
Inhaltsverzeichnis
EINLEITUNG
1. LITERARISCHE GATTUNGEN
1.1 EINE KURZE DEFINITION
1.2 GATTUNGSMISCHUNG
1.3 DIE GATTUNGSFRAGE
2. ZWEI GATTUNGEN: DETEKTIV- UND KÜNSTLERNOVELLE
2.1 DIE DETEKTIVNOVELLE
2.1.1 Der Mord
2.1.2 Der Detektiv
2.1.4 Der Mörder
2.2 DIE KÜNSTLERNOVELLE
3. ‚DAS FRÄULEIN VON SCUDERI‘ ALS DETEKTIV- UND ALS KÜNSTLERNOVELLE
3.1 INHALT
3.2 MADELEINE DE SCUDERI
3.2.1 Als Detektivin
3.2.2 Als Künstlerin
3.2 RENÉ CARDILLAC
3.2.1 Als Verbrecher
3.2.2 Als Künstler
4. FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht E.T.A. Hoffmanns Novelle ‚Das Fräulein von Scuderi‘ und verfolgt das Ziel, die These zu untermauern, dass es sich dabei um eine Gattungsmischung handelt, die sowohl Merkmale der Detektiv- als auch der Künstlernovelle vereint. Dabei wird analysiert, inwiefern die beiden zentralen Figuren, Madeleine de Scuderi und René Cardillac, diesen Gattungszwitter ausmachen.
- Analyse literarischer Gattungen und Phänomen der Gattungsmischung
- Gegenüberstellung und Merkmale der Detektiv- und Künstlernovelle
- Untersuchung der Figur Madeleine de Scuderi hinsichtlich ihrer Detektion und Kunst
- Analyse der Figur René Cardillac in Bezug auf Verbrechertum und Künstlertum
- Bedeutung der pränatalen Prägung für die Charakterisierung des Goldschmieds
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Als Detektivin
„Der Detektiv einer Detektivnovelle ist die zentrale Figur jeglichen Detektivromans – in dieser Novelle ist der Detektiv eine Detektivin. Um als solche zu gelten, muss auch die Detektivin gewisse Merkmale aufweisen. Peter Nusser hebt in seiner Arbeit ‚Der Kriminalroman‘ Exzentrik und Isolation als typische Merkmale der Gestalt des Detektivs hervor. Außerdem vertritt er in seiner Arbeit die These, dass Detektive sexuell abstinent und die wenigen weiblichen Detektive in der Detektivliteratur entsprechend jungfräulich oder altjungfräulich sind: Madeleine de Scuderi lebt alleine in einem kleinen Haus auf der Straße St. Honoré – lediglich umgeben von Bediensteten. Sie sitzt „spät um Mitternacht“ noch über ihren Versen, darf „um keinen Preis“ geweckt werden, um nicht ihren „süßesten Schlummer“ zu stören.
Der Schlaf der Scuderi ist heilig, genau wie es ihre ganze Gestalt zu sein scheint: Sie wird verehrt von ihrer Kammerfrau Martiniere und der Drang, das Fräulein vor dem nächtlichen Besucher zu beschützen, erzeugte in der Angestellten einen „Mut, dessen sie wohl selbst sich nicht fähig geglaubt hätte“. Das Fräulein Scuderi wirkt extravagant, ausgefallen und nicht wie eine einfache, alte Dame. Ebenfalls ein charakteristisches Merkmal der Detektivfigur ist laut Marion Bönninghausen das Motiv der Ahnung. Diese Ahnung der Scuderi zeigt sich erstmals nach dem Aufeinandertreffen beider Künstler.
Zusammenfassung der Kapitel
EINLEITUNG: Die Einleitung stellt die Fragestellung zur Gattungszuordnung von E.T.A. Hoffmanns Werk vor und erläutert das Ziel der Arbeit, die Novelle als Mischform zwischen Detektiv- und Künstlernovelle zu belegen.
1. LITERARISCHE GATTUNGEN: Dieses Kapitel definiert den Begriff der Gattung, diskutiert das Phänomen der Gattungsmischung und hinterfragt den Nutzen der Klassifizierung literarischer Texte.
2. ZWEI GATTUNGEN: DETEKTIV- UND KÜNSTLERNOVELLE: Die theoretischen Grundlagen der Detektiv- und Künstlernovelle werden skizziert, um die notwendigen Kriterien für die anschließende Analyse des Primärtextes zu schaffen.
3. ‚DAS FRÄULEIN VON SCUDERI‘ ALS DETEKTIV- UND ALS KÜNSTLERNOVELLE: Im Hauptteil wird anhand von Madeleine de Scuderi und René Cardillac analysiert, wie beide Charaktere die Elemente von Detektion, Verbrechen und Kunst in der Novelle vereinen.
4. FAZIT: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass die Novelle eine untrennbare Mischform aus Detektiv- und Künstlernovelle darstellt, die durch die pränatale Prägung Cardillacs und die künstlerische Entwicklung Scuderis transzendiert.
Schlüsselwörter
E.T.A. Hoffmann, Das Fräulein von Scuderi, Detektivnovelle, Künstlernovelle, Gattungsmischung, Madeleine de Scuderi, René Cardillac, Detektion, Kunst, Verbrechen, pränatale Prägung, Literaturwissenschaft, Genieästhetik, Mord, Interpretation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Novelle ‚Das Fräulein von Scuderi‘ von E.T.A. Hoffmann im Hinblick auf ihre literarische Gattungszugehörigkeit.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Arbeit fokussiert sich auf die Verknüpfung von Detektivgeschichte und Künstlererzählung sowie die Analyse der zentralen Protagonisten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu belegen, dass das Werk nicht nur einer Gattung zugeordnet werden kann, sondern als Detektiv- und Künstlernovelle zugleich zu verstehen ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Untersuchung verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Gattungsanalyse unter Einbeziehung gängiger Forschungsliteratur zur Gattungstheorie und Interpretation des Werkes.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert das Inhaltsgerüst sowie die Figuren Madeleine de Scuderi und René Cardillac anhand der spezifischen Gattungsmerkmale.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?
Zu den zentralen Schlagworten gehören Gattungsmischung, Detektion, Künstlertum, pränatale Prägung und die spezifische Identifizierung der Figuren.
Warum wird die Scuderi als Detektivin wider Willen bezeichnet?
Obwohl sie klassische detektivische Handlungen vollzieht, ist ihr Motiv nicht rein rationaler Natur, sondern stark von Emotionen, Intuition und der Sorge um ihre Schützlinge geprägt.
Welche Rolle spielt die pränatale Prägung bei der Figur René Cardillac?
Die vorgeburtliche Erfahrung seiner Mutter mit einer Juwelenkette bestimmt sein gesamtes Wesen, begründet seine Gier nach Schmuck und fungiert als Schicksalsfaktor, der ihn zum Verbrecher werden lässt.
Wie verändert sich die Scuderi im Verlauf der Erzählung?
Die Arbeit argumentiert, dass Scuderi eine Entwicklung von einer galanten Hofdichterin hin zu einer idealen, wirkmächtigen romantischen Dichterin durchläuft, die ihr Sprachkönnen für existenzielle Belange einsetzt.
- Arbeit zitieren
- Myriel Desgranges (Autor:in), 2019, Kunst, Verbrechen und Detektion. Zu E.T.A. Hoffmanns "Das Fräulein von Scuderi", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/504486