Doing Gender with Drugs. Konstruktionen von Geschlecht im Sucht- und Drogenbereich


Hausarbeit, 2018
13 Seiten, Note: 3,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Begriffserklärungen
1.1.1 Risikoverhalten
1.1.2 Männliche und weibliche Identität

2. „Doing gender“
2.1 „Doing gender“ nach West und Zimmermann
2.2 Männliche Rollenerwartungen und Inszenierungen
2.3 Risikoverhalten als männliche Identität

3. Drogenkonsum
3.1 Statistiken zu dem Konsum von ausgewählten Drogen

4. Doing gender with drugs
4.1 Geschichtliche Aspekte von doing gender im Suchtbereich
4.2 Auflösung des weiblichen Rollenbildes
4.3 Das „doing-gender-Modell“ bezogen auf den Drogenkonsum

5. Zusammenfassung

1. Einleitung

„Man kann nicht immer ein Held sein, aber man kann immer ein Mann sein“, sagte einst Johann Wolfgang Goethe. Dieses Zitat ist in der Suchtforschung aktueller denn je, denn der neue Diskurs in diesem Bereich bezieht das erhöhte Vorkommen des Drogenkonsums in der Männerwelt auf einige Zusammenhänge, die auf soziale Konstruktionen von Männlichkeit zurückzuführen sind. Attribute, die als männlich gelten, wie zum Beispiel Stärke, Machtbestreben, Ehrgeiz oder der Reiz für Wettbewerbe, sind mögliche Ausgangspunkte für den Konsum von Drogen, so die These.1 In der vorliegenden Arbeit wird vor allem auf das männliche Bild, das gesellschaftlich produziert wird, eingegangen. Jedoch wird die Rollenvorstellung, beziehungsweise die Identität der Frau, ebenfalls verdeutlicht und mit dem Drogenkonsum in Verbindung gebracht. Es folgt zunächst die Klärung, beziehungsweise Spezifizierung zweier Begrifflichkeiten. Daraufhin wird das „doing- gender-Modell“ nach West und Zimmermann dargestellt und erläutert. In Relation dazu wird auf männliche Inszenierungen, als auch das erhöhte männliche Risikoverhalten Bezug genommen. Eine Zuschaustellung von Statistiken des Drogenkonsums in Deutschland, mit besonderem Augenmerk auf den Geschlechtervergleich, folgt. Der darauffolgende Teil analysiert die Kausalität der zuvor erbrachten Statistiken, sowie der genannten gesellschaftlichen Rollenvorstellungen. Im Schlussteil werden die vorherigen Schlüsse und Ergebnisse zusammengefasst.

1.1 Begriffserklärungen

1.1.1 Risikoverhalten

Das Risikoverhalten beinhaltet Verhaltensweisen, die freiwilliger Natur sind, und mit einer hohen Wahrscheinlichkeit zu einem erheblichen Schaden der Gesundheit führen.2

1.1.2 Männliche und weibliche Identität

In der Soziologie gibt es verschiedene Modelle zur Identität, es folgt die Beschreibung des Identitätsmodells nach Erving Goffmann. Im Modell von Goffmann wird zwischen personaler, sozialer und der Ich-Identität unterschieden. Die personale Identität beinhaltet „qualitative Merkmale oder die Form bzw. Struktur des praktischen, kommunikativen Selbstverständnisses“ eines Individuums.3 Die soziale Identität wird dem Individuum durch andere Personen zugesprochen, während die Ich-Identität die Umgangsweise mit den beiden zuvor genannten Identitäten umfasst.4 In der vorliegenden Arbeit wird von der geschlechtlichen Identität ausgegangen, die alle dieser „Teilidentitäten“ beinhaltet.

2. „Doing gender“

Die interaktionstheoretische Soziologie ist der Ursprung des Konzeptes von „doing gender“. Es gilt in der Geschlechterforschung als Synonym der sozialen Konstruktion des Geschlechts. 1987 entwickelten West und Zimmermann diese Theorie als „Gegenstück“ zur Sex-Gender-Unterscheidung 5

2.1 „Doing gender“ nach West und Zimmermann

Sie gehen davon aus, dass das Geschlecht das Ergebnis von komplexen sozialen Prozessen ist. Es ist ein Ergebnis, das durch Interaktionspartner, die durch Verhalten und Handeln das Geschlecht konstruieren, entsteht. Die Interaktionspartner sind jedoch Individuen, die nicht frei handeln, die keine physische Präsenz aufweisen und keine wechselseitige Wahrnehmung haben. Sie unterliegen bestimmten Zwängen in diesem Komplex. Dieser Komplex ist als ein „formender Prozess eigener Art“ zu bezeichnen.6

Einer dieser Zwänge ist die Kategorisierung des Geschlechts des Individuums als männlich oder weiblich. Durch die durchgeführte Kategorisierung werden dem Individuum Handlungsmuster zugewiesen, durch die eine gewisse Ordnung und Sicherheit vermittelt wird. 7 „Doing gender“ gilt als ein selbstverständlicher Prozess, der in der Sozialisation sein zu Hause hat. Der Ertrag sind die zuvor beschriebenen geschlechtsspezifischen Zuordnungen, die von den Individuen als natürlich abgestempelt werden.8 „Doing gender“ ist ein Phänomen, das eine immense Spannweite in der Gesellschaft hat. Konstruktionen von Geschlecht findet man überall, ob in der Filmindustrie, im Sport oder im Suchtbereich.9 Was dabei als männlich und was als weiblich konnotiert wird, hängt mit der jeweiligen Gesellschaft, sowie der Kultur zusammen.10

2.2 Männliche Rollenerwartungen und Inszenierungen

Die männlichen Rollenerwartungen, die durch soziale Interaktionen vermittelt werden umfassen einige Punkte. Die Maxime für die männliche Erziehung besteht nach Bönisch und Winter aus 7 Eckpfeilern:

1. Externalisierung
2. Gewalt
3. Stummheit
4. Alleinsein
5. Körperferne
6. Rationalität
7. Kontrolle 11

Die Konstruktion, sowie Produktion dieser Eckpfeiler findet statt durch einige Punkte. Es ist die Demonstration der Stärke, die sozial und symbolisch ausgedrückt wird, sowie das Imponiergehabe, das auch im Suchtmittelkonsum zum Vorschein kommt. Außerdem setzen sich Männer oftmals hohe Ziele, Bereiche wie Arbeit und Statusgewinn erhalten eine hohe Bedeutung, während die Wahrnehmung von Belastungen, physischer, sowie psychischer Art, darunter leidet. Ein etwaiges Risikoverhalten und radikale, wie auch aggressive Muster runden das Bild dieser Konstruktion ab.12 Männer wollen sich von den Frauen abheben, um ihre Männlichkeit zu untermauern. „Nicht männlich ist all das, was weiblich ist und männlich all das, was nicht weiblich ist“13 Schwäche, Abhängigkeit, Unsicherheiten, Hilflosigkeit und Angst gelten als weiblich und somit als „Ausgrenzungsmerkmal“ der männlichen Gruppierungen. Männlichkeit bedeutet anderen überlegen sein zu wollen. Es bedeutet nach Macht zu streben, als auch unabhängig und selbstständig zu sein.14 Dieses Leitbild wird oftmals von Individuen mit schlechten Perspektiven, sowie Lebensbedingungen verfolgt. Dies schliesst in vielen Fällen Jungen mit Migrationshintergrund und Jungen aus den unteren sozialen Schichten ein. Es betrifft jedoch Männer aus allen sozialen Milieus.15 Das Erreichen des Leitbilds der Männlichkeit scheint für die meisten unerreichbar zu sein. Ihr Ziel ist es so nah wie möglich an dieses Leitbild heranzukommen.16 Ausgrenzungen in männlichen Gruppierungen, wie sie zum Beispiel in der Schule auftreten, sind Alltag, um ein Wir-Gefühl innerhalb der männlichen Gruppierungen zu schaffen. Es findet eine klare Unterscheidung statt zwischen dem was männlich ist und dem was nicht männlich ist.17 Der Mann wird eine Art Panzer, der alles Weibliche abstößt. Aus einem Jungen wird ein Körperpanzer, der auf diese männlichen Funktionen herunter gebrochen wird, eine Stahlgestalt ist das Ergebnis.18 Eine Kluft zwischen der Männlichkeit, die unter anderem durch Stärke und Unabhängigkeit auf Grund von gesellschaftlichen Zwängen gezeigt werden muss und Gefühlen wie Hilflosigkeit, Angst und Selbstzweifeln, die kaum Ausdruck finden dürfen entsteht. Die wichtige Rolle des Vaters, insbesondere in der Entwicklung des Jungen, ist unumstritten.19 Er dient als Vorbild „erwachsener Männlichkeit“. Die Mutter ist dagegen meist Bezugsperson für emotionale Bezuge. Damit wird in der Familienbeziehung die Kluft zwischen Männlichkeit und Emotionen verstärkt.20 Diese Kluft führt bei Männern nicht selten zu „sozialen Inszenierungen“, die Zusammenhänge zum Suchtmittelkonsum aufweisen, der als „Selbstmedikation“ der Probleme, auftretend im Zusammenhang mit der erwähnten Kluft, dient.21

2.3 Risikoverhalten als männliche Identität

Das männliche Geschlecht geht mit einer erheblich höheren Wahrscheinlichkeit Risiken ein als das weibliche Geschlecht. Dies ist das Ergebnis von einer Metaanalyse von 150 Forschungsartikeln.22 Eine These, die auftritt ist, dass das erhöhte Risikoverhalten des Mannes zumindest zum Teil durch männliche Rollenvorstellungen zu erklären ist.23 Es soll eine Überlegenheit, ja gar eine Unantastbarkeit ausgestrahlt werden durch das risikoreiche Verhalten. Ziel des ganzen ist die Anerkennung durch männliche Mitmenschen.24 Es wirkt wie ein skurriler Wettkampf. Es geht darum wer mehr Schmerz ertragen kann, wer weniger schläft, wer mehr trinkt, wer mehr illegale Drogen konsumiert. Wer in diesen Kategorien die Oberhand hat gewinnt und ist somit der Männlichste.25 In der Sozialisationsforschung ist belegt, dass diese Wettkämpfe bereits im Kindheitsalter ihren Startpunkt haben.26 Schon in der frühen Kindheitsentwicklung wird dem Jungen durch Sprichwörter wie „Jungs weinen nicht“ das Bild des harten, nicht zu verletzenden Mannes zugeschrieben, dem nachgekommen werden soll. Unter anderem durch Raufereien im Jugendalter finden diese ihre Fortsetzung und erreichen im Erwachsenenalter durch Rivalität ihren Höhepunkt. 27 Bei Verfehlung des erwarteten männlichen Risikoverhaltens drohen eine Denunzierung, sowie die Ausgrenzung aus der sozialen Gruppe durch andere Männer. 28

[...]


1 Bernd Dollinger u. Henning Schmidt-Semisch (Hg.), Sozialwissenschaftliche Suchtforschung, Wiesbaden 20071, S. 239.

2 Doris Heinzen-Voß u. Heino Stöver (Hg.), Geschlecht und Sucht. Wie gendersensible Suchtarbeit >gelingen kann, Lengerich 20172, S. 122.

3 Friedrich Jaeger u.a. (Hg.), Handbuch der Kulturwissenschaften. Band 1: Grundlagen und Schlüsselbegriffe, s.l. 2004, S. 278.

4 Erving Goffman (Hg.), Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität (= Suhrkamp- Taschenbuch Wissenschaft, Bd. 140), Frankfurt am Main 201623, S. 133.

5 Ruth Becker (Hg.), Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung (= Geschlecht und Gesellschaft), Wiesbaden 2010, S. 137.

6 Ebd., S. 138.

7 Ebd.

8 Bernd Dollinger u. Henning Schmidt-Semisch (Hg.), Sozialwissenschaftliche Suchtforschung, Wiesbaden 20071, S. 236.

9 Ebd.

10 Jutta Jacob u. Heino Stöver (Hg.), Männer im Rausch. Konstruktionen und Krisen von Männlichkeiten im Kontext von Rausch und Sucht (= Studien interdisziplinäre Geschlechterforschung, Bd. 2), Bielefeld 2009, S. 77.

11 Doris Heinzen-Voß u. Heino Stöver (Hg.), Geschlecht und Sucht. Wie gendersensible Suchtarbeit gelingen kann, Lengerich 20172, S. 121.

12 Doris Heinzen-Voß u. Heino Stöver (Hg.), Geschlecht und Sucht. Wie gendersensible Suchtarbeit gelingen kann, Lengerich 20172, S. 121.

13 Jutta Jacob u. Heino Stöver (Hg.), Männer im Rausch. Konstruktionen und Krisen von Männlichkeiten im Kontext von Rausch und Sucht (= Studien interdisziplinäre Geschlechterforschung, Bd. 2), Bielefeld 2009, S. 25.

14 Ebd., S. 39.

15 Ebd., S. 24.

16 Ebd., S. 39.

17 Ebd., S. 24.

18 Bernd Dollinger u. Henning Schmidt-Semisch (Hg.), Sozialwissenschaftliche Suchtforschung, Wiesbaden 20071, S. 245.

19 Jutta Jacob u. Heino Stöver (Hg.), Männer im Rausch. Konstruktionen und Krisen von Männlichkeiten im Kontext von Rausch und Sucht (= Studien interdisziplinäre Geschlechterforschung, Bd. 2), Bielefeld 2009, S. 51.

20 Ebd., S. 27–28.

21 Jacob u. Stöver, S. 30.

22 Doris Heinzen-Voß u. Heino Stöver (Hg.), Geschlecht und Sucht. Wie gendersensible Suchtarbeit gelingen kann, Lengerich 20172, S. 122.

23 Thomas Altgeld (Hg.), Männergesundheit. Neue Herausforderungen für Gesundheitsförderung und Prävention (= Juventa-Materialien), Weinheim 20041, S. 27.

24 Heinzen-Voß u. Stöver, S. 123.

25 Jutta Jacob u. Heino Stöver (Hg.), Männer im Rausch. Konstruktionen und Krisen von Männlichkeiten im Kontext von Rausch und Sucht (= Studien interdisziplinäre Geschlechterforschung, Bd. 2), Bielefeld 2009, S. 131.

26 Ebd., S. 78.

27 Jacob u. Stöver, S. 78.

28 Lothar Böhnisch u. Wolfgang Schröer (Hg.), Soziale Arbeit - eine problemorientierte Einführung (= UTB Soziale Arbeit, Erziehungswissenschaft, Bd. 4024), Bad Heilbrunn 2013, S. 140.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Doing Gender with Drugs. Konstruktionen von Geschlecht im Sucht- und Drogenbereich
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
3,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
13
Katalognummer
V504888
ISBN (eBook)
9783346046390
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geschlecht Sucht Doing gender drugs drogen geschlecht
Arbeit zitieren
Alexander Kalemba (Autor), 2018, Doing Gender with Drugs. Konstruktionen von Geschlecht im Sucht- und Drogenbereich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/504888

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