Die Schönheitsattribute mit Betonung der Augen bei Petrarca und Ronsard


Essay, 2019
7 Seiten, Note: 1,0
Birgit Kaltenthaler (Autor)

Leseprobe

In der Lyrik der Renaissance spielen neben den strahlenden Augen der angebeteten Dame viele weitere Schönheitsattribute eine Rolle, aus denen sich der sogenannte Schönheitskatalog ergibt. In den Canzoniere von Francesco Petrarca (1304-1374) geht es zumeist um die langen, goldgelben Haare von Laura, um ihre schönen Augen, ihren hellen Teint und ihre roten Wangen. Der Dichter spielt dabei nicht nur mit Farben, sondern auch mit Bildern. Seine Lyrik dient als Vorbild für zahlreiche Petrarkisten in Europa, die etwa zwei Jahrhunderte später ihre schöpferischen Imitationen in Versform, zumeist als Sonette, veröffentlichen. In Frankreich sind Joachim Du Bellay (1522-1560) und Pierre de Ronsard (1524-1585), zwei Poeten der siebenköpfigen Dichtergruppe „Pléiade“, die Ersten, die ganze Gedichtzyklen nach dem Vorbild Petrarcas verfassen.

Laut Evi Zemanek bestehen Petrarcas Laura-Bilder aus der direkten Benennung einzelner mit einem Adjektiv versehener Körperelemente oder aus Vergleichen.1 Ich möchte näher beleuchten, auf welche Weise der Petrarkist Ronsard in seinen „Amours“ eine imitatio von Petrarcas Laura-Beschreibungen vornimmt und an welchen Stellen er eine superatio evoziert. Dabei lege ich den Fokus auf die Augen als Schönheitsattribut. Die Grundlage für einen vergleichenden Streifzug durch die beiden Gedichtsammlungen bilden hauptsächlich die kommentierten Ausgaben von Petrarcas Canzoniere 2 und Ronsards Amoren für Cassandre 3.

Ronsard richtet seine Gedichte an Cassandra. Ihr Name wird von Forschern nicht nur mit Cassandre Salviati, der Tochter eines Florentiner Bankiers, der Ronsard einmal auf einem königlichen Ball begegnet sein soll, in Verbindung gebracht. Auch kann der Name von der Tochter des Königs Priamos aus der griechischen Mythologie stammen. Apoll, der Gott der Dichtkunst, liebt Cassandra, die ihn jedoch nicht erhört. Deshalb wird sie von Apoll mit der Sehergabe bestraft, die mit dem Fluch belegt ist, dass niemand ihren Vorhersagen glaubt. Dies führt schließlich zum Untergang Trojas. Vgl. [RO 286]. Ronsards Cassandra scheint also ganz besondere Augen zu haben: Sie können nicht nur reale äußere Vorgänge, sondern auch innere, zukünftige Ereignisse sehen. So werden die Augen bei Ronsard schon durch die im Titel genannte Cassandra in ein außergewöhnliches Licht gerückt.

Bei Petrarca zählen die Augen zu den am meisten vorkommenden Wörtern der Canzoniere. In 366 Gedichten werden sie an 262 Stellen erwähnt. Er spricht sehr oft von den „begli occhi“ der angebeteten Dame (z. B. in Canzone IX, XXI, LXI). Lauras Schönheit wird dadurch synekdochisch herausgestellt.4 Aber nicht nur das Adjektiv „schön“ weist auf die große Ausstrahlung von Lauras Augen hin. Petrarcas vorbildhafte „bella donna“ wird außerdem metaphorisch mit der Sonne verglichen, deren Strahlen von den Augen auf das lyrische Ich gerichtet sind. [PE IX/10-11] Sparsam durch die gewählten Worte, aber dennoch verherrlichend schwärmt der Verliebte in Canzone XXX5, dass er noch nie so schöne Augen gesehen habe. Die „begli occhi“ sind es auch, die ihn im Innamoramento-Gedicht LXI [PE 65/4] für immer in seiner Liebe an Laura binden.

Als heiter oder ruhig werden die Augen und als sternenfunkelnd die Brauen, „li occhi sereni et le stellanti ciglia“, in Canzone CC [PE 128/9] beschrieben. In dem Wort „stellanti“ ist der Stern (ital. stella) enthalten. Die Sterne als Metapher für die Augen(partie) gehören zum typischen Motivkanon der Schönheitsbeschreibung bei Petrarca6 und in der petrarkistischen Lyrik. Petrarca widmet die drei aufeinanderfolgenden Canzonen LXXI [PE 66], LXXII und LXXIII den Augen. Sie werden bildhaft beispielsweise als „liebliche Augen“, „selige und heitere Lichter“, „Himmelslichter“ und „entflammte Geister“ bezeichnet [PE 241].

Ronsard variiert die Beschreibung der „begli occhi“ von Petrarka auf vielfältige Weise: Zwar werden auch in den Amours in einigen Gedichten sehr wohl nur die „beaux yeux“ angesprochen [RO CLXXXIII 204/8], die das lyrische Ich faszinieren. Sie werden ebenfalls mit Sternen verglichen und als noch schöner als die leuchtenden Himmelskörper herausgestellt: „ses yeux plus que les astres beaux“ [RO CXIV/3]. Bei Ronsard findet aber außerdem häufig eine implizite Verdoppelung der Instrumente des Innamoramento statt. Zwei gleiche Körperteile werden besonders hervorgehoben, etwa „ces yeux les astres jumelets“ [RO VI/7]. La jumelle (dt. der Zwilling) bzw. das Verb jumeler (verkuppeln, verstärken) stecken in Ronsards Begriff „jumelets“ und bezeichnen die (Augen-)Sterne näher, betonen ihr zweifaches Vorhandensein. In verrätselter Form schreibt Ronsard Petrarka um, wenn er im ersten Vers des Innamoramento-Gedichts III [RO 11] die Augen „jumelle flamme“, Zwillingsflamme, und am Anfang von Gedicht CCII [RO 224] „Le feu jumeau“, Zwillingsfeuer, nennt. Das rhetorische Stilmittel der Verrätselung, die Antonomasie, bewirkt eine ausschmückende, hyperbolische Darstellung der Augen als Schönheitsattribut. Dies beweist, dass Ronsard Petrarca überbietet. Denn bei Petrarka sind es, wie bereits erwähnt, an vielen Stellen einfach die „schönen Augen“, „i be‘ vostr‘ occhi“ (dt. Eure schönen Augen) [PE III 17/4], die das lyrische Ich für immer in Laura verliebt machen und es in die morbus amoris, die Liebeskrankheit stürzen.

Auch die Sonne dient bei Ronsard als Element für die imitatio bzw s uperatio Petrarcas. In Gedicht XIII der Amoren für Cassandre lauten die ersten beiden Verse: „Pour aller trop tes beaux Soleils aimant, / Non pour ravir leur divine étincelle,“ [RO 20]. Die Großschreibung von „Soleils“ weist auf eine Betonung der hier metaphorisch beschriebenen Augen hin, die der Sprecher „zu sehr“ liebt. Der „divine étincelle“, der göttliche Funke / das göttliche Strahlen dieser sonnengleichen Augen, die Metapher für den Pfeil Amors also, ist schließlich verantwortlich für das Liebesleid des Sprechers. Zu Feuer, das etwas verbrennen kann, wird das Auge in Gedicht XVII [RO 24/2,3,9]: „L’œil, et la main , et le poil délié, / Qui m’ont si fort brûlé, serré, lié,“.

Ein syntaktisches Stilmittel, dessen sich sowohl Petrarca als auch Ronsard für die Schönheitsbeschreibung bedienen, ist die e numeratio. In Canzone CCXX7 von Petrarca beispielsweise finden sich die traditionellen Schönheits-Topoi der Dame Laura, die als Vorlagen der petrarkistischen Liebeslyrik gelten, etwa „l’oro“ (Gold, Metapher für die Haare, Vers 1), „due trecce bionde“ (zwei blonde Zöpfe, Vers 2), „le rose“ (Metapher für die Wangen, Vers 3), „le perle“ (Metapher für die Zähne, Vers 5), „fronte, più che ’l ciel serena?“ (Stirn, die heiterer ist als der Himmel, Vers 8), „di que‘ belli occhi ond’io ò guerra et pace,“ (jener schönen Augen, die Krieg und Frieden bringen, Vers 13). Hier steht vor dem Schönheitsattribut oft der bestimmte Artikel.

Ronsard nutzt die Aufzählung ebenfalls, um die Schönheit der Dame Cassandra darzustellen, beispielsweise in dem bereits erwähnten Gedicht VI [RO 12], wo die Schönheitsattribute wie „Ces liens d’or“, „cette bouche vermeille“, „ces sourcils deux croissants nouvelets“, „cette joue à l’Aurore pareille“, „ce sein les boutons verdelets“, „ces yeux les astres jumelets“ in den ersten beiden Quartetten auf vergleichende Weise ausführlich beschrieben werden. Vers 5 besteht aus einer reinen Aufzählung einiger Körperteile. Hier gehen den Schönheitstopoi jeweils Demonstrativpronomina voran. Auch Gedicht XVIII [RO 24] besteht aus einer enumeratio der Körperteile der angebeteten Cassandra, jedoch mit dem unbestimmten Artikel vor den Schönheitsattributen: Aufgezählt werden z. B. „Un or frisé“, „Un front de rose“, „un teint damoiselet“, „Un col de neige“, „une gorge de lait“, „Une main douce“, „un chant …“ (Metonymie für den Mund).

Warum ist es erwähnenswert, dass bei den Aufzählungen Petrarca jeweils den bestimmten Artikel verwendet, um Laura zu beschreiben, Ronsard jedoch den Schönheitsattributen einmal Demonstrativpronomina, ein anderes Mal unbestimmte Artikel voranstellt? Gerade dieses kleine Detail entscheidet mit über die Gewichtigkeit der jeweiligen Topoi. Petrarcas bestimmter Artikel zeigt, dass es sich um ein allgemein gültiges Regelwerk handelt, dass sein Gedicht als Vorlage für andere Gedichte dienen kann. Die Demonstrativpronomina bei Ronsard VI verleihen der Beschreibung Nachdruck, betonen die superatio und können sogar im wahrsten Sinne des Wortes darauf hinweisen, dass es sich um eben diese von Petrarca bereits genannten traditionellen Schönheitstopoi handelt. Ein Blick auf weitere Schönheitsbeschreibungen bei Ronsard, etwa in Gedicht CXXVII [RO 134] ergibt, dass der französische Petrarkist oft Demonstrativpronomina verwendet. Der unbestimmte Artikel hingegen, der in Gedicht XVIII dominiert, lenkt nach Zemanek8 die Aufmerksamkeit vielmehr auf die bloße Aufzählung der Körperteile, es wird ein Inventar erstellt. Dies kann ein Zeichen für die aemulatio sein, Ronsard will sich von Petrarca abheben, eine weitere Variante der enumeratio nutzen.

Die dominante Sprachfunktion nach Roman Jakobson ist bei vielen Liebesgedichten Petrarcas die emotive. Der Sprecher redet oft über seine eigenen Gemütszustände, aus denen sich seine Handlungen ergeben. Die Isotopie des Sehens bezieht sich häufig auf die Augen des lyrischen Ichs selbst, indem es beschreibt was es (vor seinem inneren Auge) sieht. Beispiele: [PE 35/11; 86/3; 88/2, 104/16, 29]. Lauras Schönheitsattribute werden in die Erlebnisberichte des liebenden bzw. liebeskranken Sprechers immer wieder eingestreut.

Bei Ronsard hingegen gibt es einige Gedichte, in denen es ausschließlich um die Schönheitsbeschreibung der Angebeteten geht. Die Canzonen VI [RO 12], XVII [RO 25] und XXII [RO 30] sind nur einige Beispiele, die dies belegen. Wenngleich die emotive Sprachfunktion auch bei Ronsard eine wichtige Bedeutung hat, das lyrische Ich ebenfalls häufig sein Liebesleid beschreibt, so begegnet man in Ronsards Gedichten doch des Öfteren auch der konativen Sprachfunktion. Der Sprecher wendet sich an die Adressatin, verknüpft damit gleichsam ein Lob ihrer äußeren Erscheinung. In Gedicht LIV [RO 60] beispielsweise wird der petrarkistische Motivkanon des Schönheitskatalogs durch die anaphorisch verwendete exclamatio „O“ apostrophiert. Hinzu kommt gleich im ersten Vers noch die zur Isotopie des Mundes gehörende sanfte Sprechstimme der Geliebten, „doux parler“, die in Vers 12 zum lieblichen, verführerischen Gesang „doux chant“ gesteigert wird und die Ohren des liebeskranken lyrischen Ichs verletzt, „l’oreille me vient poindre“. Ein Paradoxon, das die krankhafte Schmerzliebe, die dolendi voluptas, ausdrückt.

[...]


1 Vgl. Zemanek, Evi: Das Gesicht im Gedicht. Studien zum poetischen Porträt. Köln: Böhlau 2010. S. 103.

2 Petrarca, Francesco: Canzoniere. 50 Gedichte mit Kommentar. Hrsg. v. Peter Brockmeier. Stuttgart: Reclam 2006. Zitate aus diesem Werk werden durch das Sigel PE und – je nach Bedarf – die Seitenzahl und den durch einen Schrägstrich abgetrennten Vers in arabischen Ziffern sowie die Gedichtnummer in römischen Ziffern angegeben.

3 De Ronsard, Pierre: Amoren für Cassandre. Le Premier Livre des Amours. Übers. v. Georg Holzer, Hrsg. v. Carolin Fischer. Berlin: Elfenbein, 2. Auflage 2007. Zitate aus diesem Werk werden durch das Sigel RO und – je nach Bedarf – die Seitenzahl und den durch einen Schrägstrich abgetrennten Vers in arabischen Ziffern sowie die Gedichtnummer in römischen Ziffern angegeben.

4 Vgl. Zemanek: Das Gesicht im Gedicht. S. 107-108.

5 Petrarca, Francesco: Canzoniere. Rerum vulgarium fragmenta. Übers. v. Karlheinz Stierle, Berlin: Insel 2011. S. 36, Vers 19.

6 Internetquelle: http://gedichte-werkstatt.de/Petrarca/Fruehling.html. Canzone CCLX: „In tale stella due belli occhi vidi [Zugriff 11.8.2019].

7 Internetquelle: http://gedichte-werkstatt.de/Petrarca/Fruehling.html Canzone CCXX [Zugriff 12.8.2019]

8 Vgl. Zemanek: Das Gesicht im Gedicht. S. 117.

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Details

Titel
Die Schönheitsattribute mit Betonung der Augen bei Petrarca und Ronsard
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaften)
Veranstaltung
Lyrik des Petrarkismus
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
7
Katalognummer
V505175
ISBN (eBook)
9783346041715
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Petrarca, Ronsard, Amoren für Cassandre, Renaissance, Schönheitsattribute, Canzoniere, imitatio, superatio, aemulatio, enumeratio, Betonung der Augen, Laura
Arbeit zitieren
Birgit Kaltenthaler (Autor), 2019, Die Schönheitsattribute mit Betonung der Augen bei Petrarca und Ronsard, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/505175

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