Die Loreley. Entwicklung, Wandlung und Wirkung einer romantischen Sagengestalt


Hausarbeit, 2014

20 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Vorgängerinnen der Loreley: Weibliche Sagengestalten der griechischen und römischen Mythologie
2.1 Die Sirenen in Homers Odyssee als todbringende Verführerinnen
2.2 Die Nymphe Echo als leidende Liebende

3. Die Lorely der Romantik
3.1 „Zu Bacharach am Rheine“ - Die Erfindung des Loreley-Mythos in Anlehnung an Ovids Echo-Mythos durch Clemens Brentano
3.2 „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“ - Die Umschreibung und Ironisierung des romantischen Loreley-Mythos in Anlehnung an Homers Sirenen-Mythos durch Heinrich Heine

4. Die archetypische Wirkung der Loreley verdeutlicht an Heines Lore-Ley unter Berücksichtigung C.G. Jungs Analytischer Psychologie

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

Diese Arbeit soll ein Versuch sein, ein einheitliches Bild der Sagenfigur Loreley zu zeichnen. Die Loreley existiert in den verschiedensten Versionen unter den verschiedensten Namen – Was ist es also, das die Loreley zur Loreley macht? Um was für ein Wesen handelt es sich, spricht man von der Loreley und welche Charakteristika zeichnen die Loreley aus? Handelt es sich bei ihr um eine skrupellose Verführerin oder eine leidende Liebende? Die Frage nach ihrer Identität und ihrer Weiterentwicklung innerhalb der Epoche der Romantik soll geklärt werden, doch ebenso ihr Ursprung. Ist sie eine Erfindung deutscher Romantiker, eine Ableitung aus den Sagenwesen der griechischen und römischen Mythologie oder gar ein Abbild eines tief im Menschen verankerten Archetypus?

Zunächst gilt es herauszufinden wie der Mythos der Loreley entstanden ist. Zur Beantwortung dieser Frage werden die Sirenen aus Homers Odyssee, sowie die Nymphe Echo aus Ovids Metamorphosen näher beleuchtet und miteinander verglichen. Im nächsten Schritt wird der Echo-Mythos Ovids mit Brentanos „Zu Bacharach am Rheine“ auf Unterschiede und Gemeinsamkeiten hin untersucht und es wird ein Zwischenfazit gezogen, wie sich das Bild der Loreley von der Antike zur Romantik entwickelt hat. Anschließend wird auch Heines „Ich weiß nicht was soll es bedeuten“ in Verbindung mit Homers Sirenen hinzugezogen, um die Veränderungen der Figur der Loreley zum Ende der Romantik zu verdeutlichen. Heines Text ist insoweit von Bedeutung zur Erfassung der Loreley, als dass er sie populär gemacht und nachhaltig geprägt hat, und Brentanos, da die Loreley in seiner Ballade zuallererst erschien. Im Anschluss gilt es herauszufinden, worin die Faszination an der Figur der Loreley liegt und ob diese Faszination darauf zurückzuführen ist, dass sie sich mit einem der Archetypen C.G. Jungs vereinbaren lässt. Zum Schluss soll ein Fazit gezogen werden.

2. Die Vorgängerinnen der Loreley: Weibliche Sagengestalten der griechischen und römischen Mythologie

2.1 Die Sirenen in Homers Odyssee als todbringende Verführerinnen

Obgleich sich in der griechischen Mythologie vermehrt weibliche Gestalten finden lassen, die sich mit unserem heutigen Bild der Loreley in Einklang bringen lassen, so ist doch die Ähnlichkeit zu den Sirenen aus Homers Epos Odyssee am größten.

Odysseus und seine Männern befinden sich auf der Insel Aiaia (zu Deutsch: Klagen), als die Sirenen zum ersten Mal erwähnt werden. Die Göttin Kirke, deren Gast Odysseus ist, warnt diesen sich auf seiner Reise vor zwei Sirenen in Acht zu nehmen, welche auf einer Insel saßen, an der sie vorbei mussten. So heißt es, die Sirenen „bezaubern [a]lle sterblichen Menschen“1 die in die Nähe ihrer Insel kommen mit ihrem „helle[n] Gesang“2. An dieser Stelle zeigt sich sowohl die List der Sirenen, sowie ihre Fähigkeit zur Zauberei. Indem es heißt, dass sie in der Lage seien alle Sterblichen zu bezaubern wird deutlich, dass es sich bei ihnen selbst keineswegs um Sterbliche handelt, sondern um übernatürliche Wesen. Mit „bezaubern“ könnte neben dem magischen Aspekt auch „entzücken“ oder „anziehen“ gemeint sein. Die Seefahrer fühlen sich aufgrund des „holden“3, also schönen, „Gesang[es]“4 sexuell zu den Sirenen hingezogen.

Der Aspekt der sexuellen Anziehung lässt sich im weiteren Verlauf erneut finden, als es heißt, ein jeder, welcher törichten Herzens zu den Sirenen fahre, um ihren Stimmen zu lauschen werde seine Gattin und Kinder nie wieder sehen.5 Es ist also eine Angelegenheit des Herzens in den Bann der Sirenen zu geraten. Der Bezug auf Frau und Kinder der Seemänner wurde gemacht, um auszudrücken, dass die Seemänner diese nie wieder sehen würden, da sie sterben, geraten sie in den Bann der Sirenen. Gleichzeitig kann man die Textstelle aber auch so auslegen, dass diese, durch das Herz gelenkte, Verführung die Männer dazu bewegte ihre Familien zu verlassen, um ihrer Sehnsucht nach den Sirenen nachzugehen. Somit haben die Sirenen neben einer verführerischen, auch eine zerstörerische Kraft. Sie nehmen nicht nur die Leben der Seemänner, sondern zerstören auch ihre Familien.

Der Aspekt des Todbringens wird deutlich als Kirke sagt, die Sirenen säßen auf einer „Wiese […] von aufgehäuftem Gebeine [m]odernder Menschen umringt und ausgetrockneten Häuten“6. Hier wird ein Bild von der Grausamkeit der Sirenen gezeichnet, welches in starkem Kontrast zu ihren „süße[n] Stimme[n]“7 steht.

Zum Schutz vor dem Gesang der Sirenen verschließen sich die Männer des Odysseus die Ohren mit geschmolzenem Wachs. Wie Kirke es ihm geraten hat, lässt Odysseus selbst sich allerdings ohne Ohrenschutz an einen Mast des Schiffes anbinden, um den Gesang der Sirenen hören zu können, jedoch nicht in der Lage zu sein, zu ihnen zu fahren.8

Als sie mit dem Schiff in Hörweite des Gesangs der Sirenen kamen sangen diese:

„Komm, besungner Odysseus, du großer Ruhm der Achaier! Lenke dein Schiff ans Land und horche unserer Stimme. Denn hier steurte noch keiner im schwarzen Schiffe vorüber, Eh er dem süßen Gesang aus unserem Munde gelauschet. Und dann ging er von hinnen, vergnügt und weiser wie vormals. Uns ist alles bekannt, was ihr Argeier und Troer Durch der Götter Verhängnis in Trojas Fluren geduldet“9

Die Sirenen versuchen durch Schmeicheleien und Versprechungen Odysseus zu verführen, sein Schiff an ihrer Insel anzulegen. So sprechen sie ihn gezielt mit Namen an und geben sich charmant, indem sie ihn „Ruhm“10 nennen.

Des Weiteren versuchen die Sirenen Odysseus mit ihrem grenzenlosen Wissen über die Welt und die Zukunft der Welt anzulocken. Sie behaupten, er würde mit diesem „vergnügt und weiser als vormals“11 sein. Es lässt sich also noch eine weitere wichtige Eigenschaft der Sirenen feststellen: Sie sind allwissend und nutzen dieses Wissen als Lockmittel für Seefahrer.

Im weiteren Verlauf heißt es, der Gesang der Sirenen sei voller Anmut und Odysseus fühle ein heißes Verlangen ihnen weiterhin zuzuhören.12 Erneut lässt sich also eine starke sexuelle Komponente ableiten. Doch zeigt sich neben der sexuellen Neugierde auch die Neugierde, Auskünfte über die Welt und die Zukunft zu erhalten, da es heißt die Sirenen verfügen über Wissen der Zukunft der „Argeier und Troer“13. Sie locken Odysseus an dieser Stelle mit dem Wissen „der Götter“14 welches ihm als Mensch demnach also gar nicht zusteht. Hinter dem Zauber der Sirenen steht also die Sehnsucht des Menschen, etwas in Erfahrung zu bringen, das außerhalb des menschlichen Wissens liegt. Versucht er es doch, so ist es sein Tod. Die Sirenen scheinen also sinnbildlich für eine fatale Sehnsucht im Mann nach etwas Unerreichbaren zu stehen.

Als sich das Schiff von der Sirenen-Insel entfernt, wird der Gesang der Sirenen leiser und der Zauber verliert seine Wirkung.15

Zusammenfassend lässt sich also über Homers Sirenen sagen, dass sie magische, verführerische und zerstörerische weibliche Wesen sind, welche mithilfe ihres Gesangs und ihres Wissen über alle Geschehnisse auf der Welt, Seemänner auf ihre Insel und somit in den Tod locken.

2.2 Die Nymphe Echo als leidende Liebende

Nach Ovid handelt es sich bei Echo um eine in den „Bergen“16 lebende „Nymphe“17 und somit um eine Bergnymphe oder auch Oreade18. Da Echo Juno, die Frau des Jupiter, in ein „lange[s] Gespräch“ verwickelt hat, damit Jupiter sie mit Nymphen betrügen kann, wird Echo von Juno bestraft, indem sie nicht mehr selbstständig sprechen, sondern nur noch Worte anderer widerhallen kann.19 Hier zeigt sich bereits ein bedeutender Unterschied zu den Sirenen aus der Odyssee. So wie ihre Macht in ihren Stimmen liegt, liegt die Ohnmacht Echos in der Einschränkung der ihren. Echo verliebt sich in Narcissus, ist aber aufgrund von Junos Strafe nicht in der Lage ihn anzusprechen. Es heißt, sie wolle ihn „so oft […] mit schmeichelnden Worten“ ansprechen, sei aber gezwungen „abzuwarten“ bis er sie anspreche.20

Sie unterscheidet sich also von den Sirenen nicht nur durch ihre Passivität und ihre mangelnde Fähigkeit Narcissus zu verführen, sondern auch dadurch, dass sie einem Mann gegenüber liebevolle Gefühle empfinden kann, wohingegen die Sirenen grausam sind und Männer nur anlocken, um sie sterben zu lassen.

Echo hält sich im Wald verborgen und verfolgt Narcissus „heimlich“21. Als dieser sie schließlich bemerkt, ruft er in den Wald hinein und Echo antwortet. Narcissus bittet sie sich zu zeigen, doch als Echo dies voller Verlangen nach Narcissus tut und ihn umarmen will entzieht er sich ihr und sagt er „begehre [eher] den Tod“22, als sie.

Erneut zeigt sich Echos Passivität indem sie sich vor Trauer und Demütigung zu Tode hungert. Daraufhin verwandelt sie sich in einen Felsen und zurück bleibt bloß ihre Stimme, die von nun an ein Echo auf die Felsen wirft. Die Erzählung endet damit, dass sich Narcissus als Strafe für seine Arroganz in sein eigenes Spiegelbild verliebt, daran verzweifelt und schließlich auch stirbt. Als er seinem Spiegelbild „Leb wohl“ sagt, antwortet ihm Echo mit den gleichen Worten.23

Im Gegensatz zu den machtvollen Sirenen, welche Männer in den Tod locken, handelt es sich bei Echo um eine ohnmächtige, handlungsunfähige Nymphe, die aus verschmähter Liebe zu einem Mann stirbt. Im Kontrast zu den Sirenen ermordet sie keine Männer, sondern stirbt selbst wegen eines Mannes. Während die Sirenen zu zweit auf ihrer Insel leben und des Öfteren Seefahrern begegnen, führt Echo ein einsames Leben im Verborgenen.24 Des Weiteren verwandelt sie sich in einen „Felsen“ und wird daher mit Gestein in Verbindung gebracht, wohingegen die Sirenen mit Wasser assoziiert werden, da sie auf einer Insel am Meer leben.

3. Die Lorely der Romantik

3.1 „Zu Bacharach am Rheine“ - Die Erfindung des Loreley-Mythos in Anlehnung an Ovids Echo-Mythos durch Clemens Brentano

Clemens Brentano hat zeit seines Lebens verschiedene Versionen des Loreley-Mythos entwickelt. So liegt eine handschriftliche Version der Geschichte der Lore Lay unter dem Namen: „Lureley“ vor. Außerdem greift er den Mythos um die „Lureley“ erneut in seinem Rheinlandmärchen, dem „Märchen von dem Rhein und dem Müller Radlauf“ auf. Dieser Teil der Hausarbeit beschränkt sich allerdings auf die erste25 Version der Ballade über die Lore Lay. Im Jahr 1801 veröffentlichte Clemens Brentano den zweiten Band seines Romans Godwi oder Das steinerne Bild der Mutter - Ein verwilderter Roman und legte mit seiner darin enthaltenen Ballade über die Lore Lay den Grundstein für den Loreley-Mythos.

Werner Bellmann weist in seinem Aufsatz darauf hin, dass Ovids Metamorphosen für Brentanos Godwi an vielen Stellen als Vorbild gedient hat.26 Es lässt sich also sagen, dass einige Motive der Nymphe Echo auch in Brentanos Lore Lay zu finden sind. Im Folgenden sollen nun die Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser beiden Charaktere, sowie ihrer Geschichten herausgearbeitet werden.

[...]


1 Homer: Ilias / Odyssee. Übers. v. Johann Heinrich Voß, München: Winkler Verlag, 1976. 12. Gesang, In: Michael Holzinger (Hrsg.): Homer: Odyssee. Holzinger Edition. CreateSpace Independent Publishing Platform: Berlin 2013. S.136

2 Ebd.

3 Ebd.

4 Ebd.

5 Vgl. Ebd.

6 Ebd.

7 Hom. Od. 12, a.a.O., S.138

8 Vgl. Hom. Od. 12, a.a.O., S.139

9 Ebd.

10 Ebd.

11 Ebd.

12 Vgl. Ebd.

13 Ebd.

14 Ebd.

15 Hom. Od. 12, S.139

16 Ovid: Metamorphosen. Übersetzung: Johann Heinrich Voß, 1798 mit Ergänzungen von: Reinhart Suchier, 1889. Drittes Buch. 5. Narcissus und Echo. 3, 363

17 Ovid. Met. 3, 357

18 Bloch, Leo: Nymphen. In: Wilhelm Heinrich Roscher (Hrsg.): Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie. Band 3,1, Leipzig 1902, S.520

19 Ovid. Met. 3, 363-364

20 Ovid. Met. 3, 375-377

21 Ovid. Met. 3, 371

22 Ovid. Met. 3, 380-391

23 Vgl. Ovid. Met. 3, 393-510

24 Ebd.

25 Krabiel, Klaus-Dieter: Die beiden Fassungen von Brentanos „Lureley“; in: Literaturwissenschaftliches Jahrbuch im Auftrage der Görresgesellschaft. Hrsg. v. Hermann Klunisch. Neue Folge. 6. Band. Berlin: 1965, S. 131

26 Vgl. Bellmann, Werner: Brentanos Lore Lay-Ballade und der antike Echo-Mythos. In: Detlev Lüders (Hrsg.): Clemens Brentano. Beiträge des Kolloquiums im Freien Deutschen Hochstift 1978. Tübingen:1980. S.1

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Loreley. Entwicklung, Wandlung und Wirkung einer romantischen Sagengestalt
Hochschule
Technische Universität Dortmund
Note
1,3
Jahr
2014
Seiten
20
Katalognummer
V505329
ISBN (eBook)
9783346062208
ISBN (Buch)
9783346062215
Sprache
Deutsch
Schlagworte
loreley, entwicklung, wandlung, wirkung, sagengestalt
Arbeit zitieren
Anonym, 2014, Die Loreley. Entwicklung, Wandlung und Wirkung einer romantischen Sagengestalt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/505329

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