Bilanzierung von Krypto-Assets nach IFRS


Bachelorarbeit, 2019
47 Seiten, Note: 2.3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung und Problemstellung

2. Grundlagen und Unterscheidungen
2.1 Die technologischen Grundlagen der Blockchain
2.2 Initial Coin Offering als Finanzierungsinstrument
2.3 Unterscheidung zwischen Coins und Tokens
2.4 Überblick und Klassifizierung von Krypto-Assets
2.4.1 Zahlungstoken
2.4.2 Nutzungstoken
2.4.3 Anlagetoken

3. Ansätze von verschiedenen Standardsetter zu Krypto-Assets

4. Bilanzierung im Jahresabschluss nach IFRS
4.1 Ansatz von Zahlungstoken
4.1.1 Allgemeine Bilanzierungsfähigkeit
4.1.2 Zahlungsmittel oder Zahlungsmitteläquivalente
4.1.3 Finanzinstrumente
4.1.4 Vorratsvermögen
4.1.5 Immaterielle Vermögenswerte
4.1.6 Regelungslücke nach IFRS
4.2 Zugangs- und Folgebewertung von Zahlungstoken
4.2.1 Vorratsvermögen
4.2.2 Immaterielle Vermögenswerte
4.3 Ansatz von Nutzungstoken
4.3.1 Allgemeine Bilanzierungsfähigkeit
4.3.2 Vorratsvermögen
4.3.3 Immaterielle Vermögenswerte
4.3.4 Simple Agreement for Future Tokens (SAFT)
4.4 Zugangs- und Folgebewertung von Nutzungstoken
4.5 Ansatz von Anlagetoken
4.6 Zugangs- und Folgebewertung von Anlagetoken

5. Schlussbetrachtung und Ausblick

Anhang

Literaturverzeichnis

Rechtsquellenverzeichnis

IAS/IFRS Standardverzeichnis

Internetquellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Der Aufbau und das Prinzip einer Blockchain

Abbildung 2: Ablauf eines ICO auf Basis der Blockchain

Abbildung 3: Kursentwicklung von Bitcoin

1. Einleitung und Problemstellung

Im heutigen Zeitalter der Digitalisierung sehen sich Unternehmen kontinuierlich mit den technologischen Innovationen und der Digitalen Disruption als Schattenseite konfrontiert. Eine der dennoch wohl wegweisendsten Innovationen, die das 21. Jahrhundert zu bieten hat, ist die Technologie der Blockchain und die damit verbundenen Möglichkeiten der Nutzung von Krypto-Assets. Erst im Juni 2019 hat das Unternehmen Facebook Inc. seine eigene Kryptowährung namens „Libra“ angekündigt, an diesem Projekt sind u.a. namenhafte Partner wie VISA, Mastercard, Ebay oder PayPal beteiligt.1 Die Blockchain-Technologie ist somit längst populär, sodass sich auch im Bereich der Internationalen Rechnungslegung sich die Frage nach der bilanziellen Behandlung aufdrängt. Das IASB hat bisher noch keine konkreten Regelungen veröffentlicht. Womit Unternehmen, die nach IFRS bilanzieren müssen, vor der Frage stehen, wie die einzelnen Krypto-Assets in das Normgefüge der IFRS einzuordnen sind.2 Im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen die Ansatzmöglichkeit für die verschiedenen Krypto-Assets nach den aktuellen IFRS Regelungen und der darauffolgenden Zugangs- bzw. Folgebewertung.

2. Grundlagen und Unterscheidungen

2.1 Die technologischen Grundlagen der Blockchain

Eines der entscheidenden Merkmale von Kryptowährungen (eng. cryptocurrencies) bzw. Krypto-Assets (eng. crypto-assets) ist ihre Dezentralität.3 Diese beruht auf einem Peer- to-Peer-Netzwerk, also einem verteilten Rechnernetzwerk, bei dem alle Teilnehmer äqui- valent sind.4 Dies bedeutet, dass kein Teilnehmer im Vergleich zu einem zentralisierten Netzwerk, eine bevorzugte Rolle einnehmen kann.5 Die Technologie, die dies und die Übertragung von Krypto-Assets ermöglicht, wird als „Distributed Ledger“ bzw. „Block- chain“ - Technologie bezeichnet.6 Sie beruht auf Instrumenten der Verschlüsselungstech- nik, die auch Kryptographie genannt wird. Die Referenz-Software, die diese Kryptogra- phie zum ersten Mal bei der Kryptowährung „Bitcoin“ nutzte, wurde im Jahre 2008 durch Satoshi Nakamoto veröffentlicht.7

Die Funktionsweise eines Distributed Ledger basiert auf dem Prinzip eines verteilten (eng. distributed) Hauptbuches (eng. Ledger) mit Transaktionskonten, die dezentral und öffentlich geführt werden. Es bedarf somit keinen Finanzintermediärs, wie beispielsweise einer Bank, um die Transaktionen zwischen Sender und Empfänger zu realisieren.8 Die gesamten Transaktionen, die über dieses Netzwerk getätigt werden, werden in einer verteilten Datenbank abgebildet, zu Blöcken zusammengefasst und so miteinander verknüpft, sodass die zusammengefassten Blöcke eine lückenlose und fälschungssichere Abfolge von Transaktionsblöcken (sog. Blockchain) ergeben.9 Um diesen technischen Vorgang zu verdeutlichen, wird auf Abbildung 1 im Anhang verwiesen. Die Blockchain enthält ausnahmslos jegliche Transaktionen, die getätigt wurden und kann von jedem Teilnehmer des Netzwerkes eingesehen werden. Anhand eines privaten bzw. geheimen Schlüssels (sog. Private Key) kann jeder Teilnehmer nachweisen, wer welche Positionen oder Güter in seiner Wallet besitzt und verfügungsberechtigt ist.10 Eine Wallet ist in diesem Kontext als eine Art digitale Geldbörse zu verstehen, um die entsprechenden Bestände an Krypto-Assets zu sichern.

Die bekannteste Teilgruppe von Krypto-Assets sind die Kryptowährungen (sog. Zahlungstoken), also digitale Währungen, die einen reinen digitalen Wert innerhalb des Netzwerkes darstellen und als Tauschmittel fungieren.11 Zahlungstoken werden nicht wie klassische Zahlungsmittel in einem Geldschöpfungsprozess durch das Kohärieren von geldpolitischen Instrumenten der Zentralbanken und Geschäftsbanken sowie deren Bankkunden geschaffen.12 Diese müssen durch einen Prozess der Validierung, der als „Mining“ bezeichnet wird, erzeugt werden.13 Dabei müssen die Netzwerkteilnehmer (sog. Miner) durch ein bestimmtes Anreizsystem die Echtheit der getätigten Transaktionen mit Hilfe von mathematischen Algorithmen prüfen. Das ganze System baut somit auf dem Vertrauen der Teilnehmer und auf der Sicherheit eines dezentralen Rechnernetzwerkes auf, anstatt auf der Verlässlichkeit einer Notenbank.14 Die derzeit bekanntesten und anhand ihrer Marktkapitalisierung gemessen größten Zahlungstoken sind Bitcoin (174,9 Mrd. $), Ether (18,3 Mrd. $) und Ripple (10,9 Mrd. $).15 Wobei hier anzumerken ist, dass Ether kein reiner Zahlungstoken ist.

2.2 Initial Coin Offering als Finanzierungsinstrument

Der Initial Coin Offering oder auch „ICO” genannt, hat seit dem Jahre 2014 an Bedeutung gewonnen. Alleine bis zum ersten Quartal 2019 wurden in über 50 Ländern etwa 24,7 Mrd. $ in circa 5000 ICO-Projekten durch Finanzierungsrunden gesammelt. Besonders in Ländern wie Großbritannien, Schweiz und in Deutschland ist diese Art der Unternehmensfinanzierung im Start-Up Bereich weit verbreitet.16 Die Emittierung erfolgt auf Grundlage der Ethereum-Plattform. Wie bereits oben erwähnt, ist der Ether, also die Kryptowährung von Ethereum, nicht ein reiner Zahlungstoken. Ethereum bietet zusätzlich eine Plattform für Distributed Apps (sog. Dapps), die aus Smart Contracts (dt. intelligente Verträge) auf der Blockchain bestehen.17 Für Smart Contracts bietet sich in der Praxis eine Unzahl von betriebswirtschaftlichen und rechtlichen Anwendungen. Sie können beispielsweise als Vertrag dienen, um eine bestimmte festgesetzte Summe in Ether zu überweisen. Diese Möglichkeit erlaubt es einem Unternehmen auf Basis der Blockchain von Ethereum mit dem ERC-20 Standard eine eigene virtuelle Währung (sog. Token) zu schaffen.18 Dieser unternehmensspezifische Token kann dann im Rahmen eines ICO an potentielle Investoren „emittiert“ werden.19

Die Investoren übertragen dabei ihre Zahlungstoken in Form von Bitcoin oder Ether und erhalten im Gegenzug von dem Emittenten die Token, die sie dann für die verbundene Leistung des Emittenten (sog. Nutzungstoken) verwenden oder als Krypto-Asset halten und verkaufen können (vgl. Abbildung 2).20 Die konkreten Möglichkeiten zur Ausgestaltung eines ICO können sehr unterschiedlich sein, sodass eine allgemeine Kategorisierung nicht möglich erscheint.21 Bei ICOs ist stets zu beachten, ob diese möglicherweise lokalen Wertpapiergesetzen unterliegen und dadurch unerlässliche (aufsichts-)rechtliche Überlegungen relevant sind.22

In den vergangenen Monaten war eine Weiterentwicklung im Bereich der Unternehmensfinanzierung zu verzeichnen. Der Grund hierfür waren in der Vergangenheit die zunehmenden Betrugsfälle bei ICOs (sog. ICO-Scams). Das führte zu einem Vertrauensmissbrauch seitens der Investoren. Infolgedessen wurde der Security Token Offering (STO) und der Initial Exchange Offering (IEO) entwickelt. Beide Arten der Finanzierung werden im Jahre 2019 deutlich an Bedeutung gewinnen, da sie verstärkt reguliert sein werden.23

2.3 Unterscheidung zwischen Coins und Tokens

Um die in Betracht kommenden Rechnungslegungsstandards nach IFRS zu analysieren, ist es fundamental, Krypto-Assets anhand ihrer Eigenschaften in bestimmte Teilgruppen zu klassifizieren. Dabei sind diese danach zu differenzieren, welche Werte bzw. Rechte die entsprechende Blockchain digital repräsentiert.24 Ein allgemein anerkanntes Rahmenwerk für die Klassifizierung liegt derzeit nicht vor, deshalb versucht die Literatur eigene Kriterien bzw. Eigenschaften zu definieren. Die wichtigsten Eigenschaften, die für die Rechnungslegung und somit relevant für die Klassifizierung der Krypto-Assets sind, wären zum einen der Zweck des Krypto-Assets und wie dieser seinen inneren Wert ableitet.25

Krypto-Assets lassen sich in Coins und Tokens untergliedern. Es ist in der Praxis schwierig eine klare und eindeutige Abgrenzung zwischen diesen vorzunehmen. Beide Assets basieren auf der Distributed Ledger Technologie (DLT), aber weisen verschiedene Eigenschaften auf.26 Ein Coin, wie beispielsweise der Bitcoin oder Ripple, bezeichnet einen Krypto-Asset, der den Zweck hat, als digitales Tauschmittel bzw. Zahlungsmittel zu fungieren. Außerdem verfügen sie über eine eigene und unabhängige Blockchain.27 Ein Token hingegen verfügt gewöhnlich nicht über eine eigene Blockchain und läuft daher über die Ethereum-Blockchain, da diese zumeist, wie bereits oben im Gliederungspunkt 2.2 beschrieben, aus einem ICO resultiert. Tokens können dem Inhaber demnach verschiedene Rechte einräumen, wie beispielsweise Zugangsrechte zur Plattform des emittierenden Unternehmens, Mitbestimmungsrechte oder das Recht auf eine Erfolgsbeteiligung.28 Um die bilanziellen Rechnungslegungsthematiken in dieser Arbeit so übersichtlich wie möglich zu gestalten, werden bei den Krypto-Assets die Fachbegriffe „Token“ und „Coin“ als Synonyme verwendet. An dieser Stelle wird sich nur auf die Bezeichnung „Token“ beschränkt.

2.4 Überblick und Klassifizierung von Krypto-Assets

2.4.1 Zahlungstoken

Zahlungstoken (eng. payment token) fungieren grundsätzlich als Tauschmittel für den Erwerb von Waren oder Dienstleistungen. Sie begründen für den Inhaber rein rechtlich keinen konkreten Anspruch auf die zugrunde liegende Ware oder Dienstleistung. Um aus einem Krypto-Asset in Form eines Zahlungstoken einen wirtschaftlichen Nutzen ziehen zu können, muss der Käufer bzw. der Inhaber des Zahlungstokens eine vertragswillige Partei finden, die bereit ist, auf Fiatgeld zu verzichten und stattdessen einen Zahlungstoken als Gegenleistung bewilligt.29 Der Begriff „Fiatgeld“ oder auch „Rechengeld“ beschreibt Geld ohne einen intrinsischen Wert. Diese Art des Geldes wird durch den Staat per Befehl oder Erlass als Geld bestimmt. Der Euro stellt beispielsweise Fiatgeld dar, da dieser im Auftrag der Europäischen Zentralbank gedruckt und durch den deutschen Staat als gesetzliches Zahlungsmittel erklärt wurde.30 Einen inneren Wert für Zahlungstoken gibt es nicht, da sich dieser aus Angebot und Nachfrage ableitet.31

In der Vergangenheit kam es zu extremen Kursschwankungen (vgl. Abbildung 3). Dies führte zu einer erhöhten Volatilität in der Tauschmittelfunktion. Um diese zu beheben, wurden sog. stablecoins entwickelt. Diese stellen eine Unterkategorie von Zahlungstoken dar. Ein stablecoin ist durch reale oder virtuelle Vermögenswerte besichert und lässt sich derart differenzieren, ob die Bindung in einem vorgegebenen Verhältnis zu Fiatgeld oder börsengehandelten Rohstoffen wie Gold oder Silber besichert ist.32 Der stablecoin Tether stellt derzeit mit einer Marktkapitalisierung33 von ca. 4,01 Mrd. $ den bekanntesten dar, seine Bindung erfolgt stets in US-Dollar.

2.4.2 Nutzungstoken

Nutzungstoken (eng. utility token) stellen dem Inhaber ein Recht zur digitalen Nutzung von Produkten oder Dienstleistungen zur Verfügung. Sie dienen auf der Blockchain des Emittenten als internes Zahlungsmittel und können gegen die angebotenen Produkte bzw. Dienstleistungen eingetauscht werden.34 Ein Nutzungstoken gewährt dem Inhaber weder ein Mitbestimmungs-/Kontrollrecht noch eine Erfolgsbeteiligung in Form von Dividendenausschüttungen.35 Oftmals werden bei einem ICO Nutzungstoken emittiert, um den Investoren bloße Nutzungsrechte zu gewähren. Dies dient vor allem als Schutzfunktion für die Eigentümer, da hierdurch die potenziellen Investoren keine Kontrolle über das emittierende Unternehmen erlangen können. Aus Sicht des Emittenten bietet ein ICO in dieser Form weitere Vorteile wie beispielsweise die Finanzierung durch zukünftige Kunden und eine kurzfristige Liquidität am Markt.36 Ein Nutzungstoken leitet seinen inneren Wert aus der Nachfrage nach dem eigenen Produkt oder der Dienstleistung des emittierenden Unternehmens ab.37

2.4.3 Anlagetoken

Anlagetoken (eng. asset-backed-token) oder auch Security Token genannt, können einem traditionellen Wertpapier gleichkommen und stellen für den Inhaber eine Art Sicherheit dar.38 Ein Anlagetoken kann vor allem Rechte implizieren, wie die Recht auf einen realen oder digitalen Vermögenswert, die Ausübung von Stimmrechten sowie eine zugesicherte Erfolgsbeteiligung in Form von Dividenden oder Zinsen.39 Der innere Wert leitet sich bei dieser Art von Token aus dem Erfolg des Unternehmens ab, da der Anteil an der entsprechenden Erfolgsbeteiligung abhängig von dem wirtschaftlichen Ergebnis des Unternehmens ist. Umschließt der Token das Recht auf einen Vermögenswert in digitaler oder realer Form, leitet dieser seinen inneren Wert aus dem zugrunde liegenden Vermögenswert ab.40

3. Ansätze von verschiedenen Standardsetter zu Krypto-Assets

Bevor auf eine mögliche Bilanzierung nach IFRS eingegangen wird, sollte ein Blick auf die bereits vorliegenden Stellungnahmen von anderen Standardsettern gemacht werden, um einen Überblick über die möglichen Klassifikationen zu erhalten.

Der australische Standardsetter (AASB) veröffentlichte im Dezember 2016 eine Stellung- nahme zu digitalen Währungen und wie aus seiner Sicht eine mögliche Bilanzierung unter den IFRS erfolgen könnte. Das AASB kam dabei zum Ergebnis, dass ein Zahlungstoken nicht die Definition eins Zahlungsmittels bzw. Zahlungsmitteläquivalenten nach IAS 7 erfüllt und eine Klassifizierung als Finanzinstrument nach IFRS 9 ebenfalls nicht in Be- tracht kommt.41 Nach ihrem Dafürhalten erfüllen Zahlungstoken die Definition eines im- materiellen Vermögenswerts nach IAS 38, führen aber weiterhin aus, dass ihrer Ansicht nach eine solche Bilanzierung keine relevanten und nützlichen Informationen an die Ad- ressaten eines IFRS Abschlusses liefern.42 Ferner erscheint eine Klassifikation als Vor- räte nach IAS 2 sinnvoll, wenn das Unternehmen die Zahlungstoken im normalen Ge- schäftsverlauf zum Verkauf hält.43 Problematisch sei vor allem in Hinblick auf die rich- tige Bilanzierung, ob Zahlungstoken in den Anwendungsbereich des IAS 2 oder des IAS 38 fallen. Werden Zahlungstoken nämlich im Rahmen des normalen Geschäftsbereichs zur Veräußerung gehalten, sind diese von dem Anwendungsbereich des IAS 38 ausge- schlossen und müssen als Vorräte bilanziert und bewertet werden.44 Das AASB vertritt an dieser Stelle die Ansicht, dass eine konkrete Regelung getroffen werden muss und eine entsprechende Bewertung auf Basis des beizulegenden Zeitwerts (eng. fair value) gem. IFRS 13 erfolgen sollte.45

Eine weitere Stellungnahme hat der japanische Standardsetter (ASBJ) am 14. März 2018 veröffentlicht. Als Teil der Japanese GAAP hat der ASBJ einen Standard mit Regelungen für die Bilanzierung von Zahlungstoken bzw. virtuelle Währungen veröffentlicht, der für die Geschäftsjahre ab dem 01.04.2018 anzuwenden ist. Der Standard definiert Zahlungstoken als eine geschützte Werteinheit, die durch ein Netzwerk gegenüber Dritten als Zahlungsmittel und zu Handelszwecken verwendet werden können. Daneben können sie gegen andere digitale Währungen eingetauscht werden. Weiterhin grenzt der ASBJ ein, was nicht unter den Begriff der virtuellen Währungen fällt, wie beispielsweise die japanische Fiatwährung Yen oder eine sonstige ausländische Währung.46 Der ASBJ kommt zu dem Ergebnis, dass Zahlungstoken unter keiner der möglichen Kategorien von Vermögenswerten zu subsumieren sind, obwohl sie aus Sicht der Rechnungslegung als Vermögenswert anzusehen sind. Zahlungstoken sollten demnach als eine eigenständige und unabhängige Kategorie von Vermögenswerten dargestellt werden.47 Wird ein Zahlungstoken für eigene Zwecke gehalten, erfolgt eine Bewertung anhand der Marktpreise am Bilanzstichtag, vorausgesetzt es besteht ein aktiver Markt. Die Definition des aktiven Markts richtet sich nach der Definition des IFRS 13. Sämtliche Differenzen zwischen dem Marktpreis und dem Buchwert sind erfolgswirksam in der Gewinn- und Verlustrechnung im jeweiligen Abschlussstichtag zu erfassen. Sofern ein aktiver Markt zum Abschlussstichtag nicht vorliegt, hat die Zugangsbewertung zu den Anschaffungskosten zu erfolgen. Für die Folgebewertung ist der niedrigere Wert aus dem Nettoveräußerungspreis und den Anschaffungskosten maßgebend.48

Der amerikanische Standardsetter FASB hat bisher noch keine offizielle Verlautbarung veröffentlicht, obwohl eine Notwendigkeit für die Bilanzierung gesehen wird.49

4. Bilanzierung im Jahresabschluss nach IFRS

4.1 Ansatz von Zahlungstoken

4.1.1 Allgemeine Bilanzierungsfähigkeit

Damit ein Ansatz von Zahlungstoken in der Bilanz nach IFRS erfolgt, muss zunächst die Bilanzierungsfähigkeit geprüft werden. Zu diesem Zweck müssen auf der ersten Stufe die Voraussetzungen des Vermögenswertes im Conceptual Framework 4.4 - 4.23 erfüllt sein.50 Ein Vermögenswert ist nach Maßgabe des CF.4.4 (a) eine Ressource, die aufgrund vergangener Ereignisse in der Verfügungsmacht des Unternehmens steht und von der erwartet wird, dass dem Unternehmen ein künftiger wirtschaftlicher Nutzen zufließt. Eine Ressource muss grundsätzlich nicht von materieller Natur sein. Sie kann sich durchaus in immaterieller Form manifestieren.51 Die entsprechende Ressource muss dazu lediglich das Potenzial eines ökonomischen Vorteiles aufweisen.52 Dies ist klar zu bejahen, da der Zahlungstoken als immaterielle Ressource dem Inhaber einen künftigen wirtschaftlichen Nutzen stiften kann.53 Dieser Nutzen könnte bspw. durch die Tauschmittelfunktion begründet werden. Hierdurch könnte der Inhaber die immaterielle Ressource nutzen, um eine andere Ressource für die Produktion oder für die Bereitstellung einer Dienstleistung einzusetzen.54 Weiterhin muss die Ressource aufgrund vergangener Ereignisse in die Verfügungsmacht des Unternehmens gelangt sein. In der Regel sind als solche vergangenen Ereignisse, die Produktion oder der Kauf von Vermögenswerten zu klassifizieren.55 Hierunter fällt auch der Zahlungstoken, da dieser an unterschiedlichen Börsenplätzen gekauft und gehandelt werden kann. Durch den Prozess des „Mining“ werden zudem die Zahlungstoken produziert, was ebenso dazu führen könnte, dass diese im Bestand des bilanzierenden Unternehmens gelangen. Demnach resultiert der Zahlungstoken aus einem vergangenen Ereignis.56 Bei der Darlegung, ob das Unternehmen die Verfügungsmacht über den Vermögenswert hat, ist der Grundsatz „substance over form“ des Conceptual Framework einschlägig. Demzufolge ist bei der Beurteilung und der Bilanzierung von Geschäftsvorfällen nicht die rechtliche, sondern die wirtschaftliche Betrachtungsweise heranzuziehen.57 Die Zahlungstoken werden auf einem digitalem Konto (sog. Wallet) dokumentiert.58 Wie bereits oben in Gliederungspunkt 2.1 beschrieben, berechtigt der Private Key den Zugriff auf die Zahlungstoken in der Blockchain.59 Folglich könnte dadurch die Verfügungsmacht begründet werden. In der Rechtsliteratur ist umstritten, ob der alleinige Besitz des Private Key zu einer rechtlichen Verfügungsmacht führt.60 Rein wirtschaftlich betrachtet, kann das Unternehmen durch den Private Key nachweisen, dass es über eine bestimmte Anzahl an Zahlungstoken verfügt und dadurch berechtigt ist, Transaktionen durchzuführen.61 Demnach ist aufgrund der wirtschaftlichen Betrachtungsweise die wirtschaftliche Verfügungsmacht als gegeben anzusehen. Um nach IFRS einen Vermögenswert zu klassifizieren, muss zudem ein künftiger wirtschaftlicher Nutzen vorliegen. Der Vermögenswert muss nach CF.4.8 zu einem direkten oder indirekten künftigen Zufluss von Zahlungsmitteln oder Zahlungsmitteläquivalenten führen. Der wirtschaftliche Nutzen eines Vermögenswerts kann sich durch unterschiedliche Arten ergeben.62 So kann der Nutzen beispielsweise darin bestehen, dass die betreffende Ressource gegen andere Vermögenswerte getauscht werden kann.63 Da Zahlungstoken primär als Tauschmittel fungiert, kann durch die Konvertierung an einem Börsenplatz ein herkömmliches Zahlungsmittel, wie der Euro, erworben werden. Dadurch können andere Vermögenswerte gekauft werden.64 Insofern ist ein künftiger wirtschaftlicher Nutzen als gegeben anzusehen. Ein Zahlungstoken kann aus diesem Grunde nach IFRS als Vermögenswert klassifiziert werden.

Da ein Zahlungstoken die geforderten Definitionskriterien eines Vermögenswertes erfüllen, ist in der zweiten Stufe zu prüfen, ob die allgemeinen Ansatzkriterien ebenfalls zum Tragen kommen. Ein Vermögenswert ist nach CF.4.38 als Posten im IFRS- Abschluss anzusetzen, wenn es wahrscheinlich ist, dass ein künftiger wirtschaftlicher Nutzen zu- oder abfließt und die Anschaffungs- oder Herstellungskosten verlässlich ermittelt werden können. Das Conceptual Framework bietet keinerlei Angaben zum Wahrscheinlichkeitsbegriff. Es erscheint laut Literatur sachgerecht, dass das Kriterium, basierend auf der Formulierung des IAS 37.23, bei einer Eintrittwahrscheinlichkeit von mehr als 50 % (more likely than not) als erfüllt angesehen werden kann.65 Der künftige wirtschaftliche Nutzen wird durch den Besitz des Private Key begründet. Durch diesen kann das Unternehmen den Zugriff auf seine Wallet gewährleisten und die Token entsprechend verwenden, um einen bestimmten Nutzenfluss zu erzielen. Dass der Private Key durch Diebstahl oder Verlust abhandenkommen kann, steht dem zukünftigen Nutzenfluss nicht entgegen.66 Folglich ist ein künftiger wirtschaftlicher Nutzen zu erwarten.

Für die Beurteilung, ob ein endgültiger Ansatz in der Bilanz erfolgen kann, sind zudem die AHK oder andere Werte nach Maßgabe des CF.4.41 verlässlich zu ermitteln. Wird der Zahlungstoken über eine Börsenplattform erworben, können die Anschaffungskosten im Zeitpunkt des Erwerbs durch den Erwerbspreis ermittelt werden. Wird der Zahlungstoken hingegen als Tauschmittel verwendet, steht diesem der Wert eines Gutes oder Marktpreises gegenüber. Die hohe Volatilität bei Zahlungstoken könnte zu einer Problematik bei der Folgebewertung führen, diese ist jedoch im Zuge der Erstbewertung oder der Ansatzentscheidung zu vernachlässigen.67 Durch die kumulative Erfüllung der Ansatzvoraussetzungen nach dem Conceptual Framework, ist eine allgemeine Bilanzierungsfähigkeit nach IFRS gegeben und als erforderlich anzusehen.

4.1.2 Zahlungsmittel oder Zahlungsmitteläquivalente

Nach Maßgabe des IAS 7.6 sind Barmittel und Sichteinlagen eine Form von Zahlungsmitteln. Hierunter zählen Kassenbestände in Euro oder einer ausländischen Währung, sowie die Sichtguthaben bei Kreditinstituten.68 Der Ausweis von Zahlungstoken als Zahlungsmittel im IFRS-Kontext erscheint äußerst fragwürdig.69 Um zu beurteilen, ob eine Klassifikation sachgerecht erscheint, muss zunächst geklärt werden, welche Funktionen eine Geldeinheit hat. Grundsätzlich haben Geldeinheiten drei Funktionen. Als Tauschmittel führt eine Geldeinheit zu einer hohen Liquidität am Markt und steigert die Effizienz im Handel durch eine Allokation von Gütern und Dienstleistungen.70 In der weiteren Funktion als Recheneinheit bildet sie eine universelle Referenz und dient als Wertmaßstab zwischen Gütern und Dienstleistungen.71 Die Funktion als Wertspeicher ermöglicht die Kaufkraft einer Geldeinheit zu speichern.72

Laut der BaFin stellt rein ökonomisch betrachtet, ein Zahlungstoken wie der Bitcoin oder Ether keine Währung dar. Die Begründung liegt in den bereits oben beschriebenen Eigenschaften von Geld, die nicht im ausreichenden Maß erfüllt werden.73 Grund hierfür könnten die offensichtlichen Wertschwankungen sein, die zu extremen Wertinstabilitäten führen. Eine Wertspeicherungsfunktion wäre somit nicht erkennbar.74 Des Weiteren wäre die unzureichende Bedeutung von Zahlungstoken im Wirtschaftsver- kehr ein plausibler Grund, um die Tauschmittelfunktion als zweifelhaft anzusehen.75 Zah- lungstoken können zudem nach IAS 32.AG3 nicht wie andere Zahlungsmittel bei einer Bank oder einem anderen Finanzinstitut ein- bzw. ausgezahlt werden. Insofern scheidet eine Kategorisierung als Sichteinlagen aus. Daneben erfüllen sie auch nicht die Voraus- setzungen eines gesetzlichen Zahlungsmittels, da weder eine Zentralbank dahinter steht noch der Nennwert gem. § 14 Abs. 1 BbankG auf Euro lautet.76 Insofern werden Zah- lungstoken aus staatlicher Sicht nicht als solche anerkannt.77

[...]


1 Vgl. Focus (2019), https://www.focus.de/finanzen/boerse/bundesbank-warnt-bereits-vor-libra-wie- gefaehrlich-ist-facebooks-neue-weltwaehrung_id_10857709.html, Stand vom 25.06.2019, Abruf am

07.09.2019.

2 Vgl. Kirsch/von Wieding (2018), S. 115.

3 Vgl. Sixt (2017), S. 31.

4 Vgl. Berentsen/Schär (2017), S. 95.

5 Vgl. Berentsen/Schär (2017), S. 95.

6 Vgl. PwC (2019), S. 2.

7 Vgl. Nakamoto (2008), S. 1 ff.

8 Vgl. Brühl (2017), S. 135.

9 Vgl. Brühl (2017), S. 136.

10 Vgl. Sixt (2017), S. 30.

11 Vgl. PwC (2019), S. 3.

12 Vgl. Brühl (2017), S. 136.

13 Vgl. Brühl (2017), S. 136.

14 Vgl. Brühl (2017), S. 136.

15 Vgl. Coinmarketcap, https://coinmarketcap.com/, Stand vom 02.09.2019, Abruf am 02.09.2019.

16 Vgl. EFRAG (2019), S. 3 f.

17 Vgl. Marx/Dallmann (2019), S. 126.

18 Vgl. Marx/Dallmann (2019), S. 126.

19 Vgl. Fisch (2019), S 3.

20 Vgl. Marx/Dallmann (2019), S. 126; Hildner/Danzmann (2017), S. 385.

21 Vgl. Marx/Dallmann (2019), S. 126.

22 Vgl. PwC (2019), S. 4.

23 Vgl. EFRAG (2019), S. 4.

24 Vgl. Marx/Dallmann (2019), S. 126.

25 Vgl. PwC (2019), S. 5.

26 Vgl. Keiling/Romeike (2018), S. 268.

27 Vgl. PwC (2019), S. 5; Keiling/Romeike (2018), S. 268.

28 Vgl. Keiling/Romeike (2018), S. 269.

29 Vgl. EY (2019), S. 1288; EY (2018a), S. 7.

30 Vgl. Mankiw/Taylor (2018), S. 806.

31 Vgl. PwC (2019), S. 5.

32 Vgl. Marx/Dallmann (2019), S. 126.

33 Vgl. Coinmarketcap, https://coinmarketcap.com/, Stand vom 02.09.2019, Abruf am 02.09.2019.

34 Vgl. Keiling/Romeike (2018), S. 269.

35 Vgl. EFRAG (2019), S. 14.

36 Vgl. Howell/Niessner/Yermack (2019), S. 20.

37 Vgl. PwC (2019), S. 5.

38 Vgl. EFRAG (2019), S. 14; PwC (2019), S. 6.

39 Vgl. PwC (2019), S. 6; Marx/Dallmann (2019), S. 126; EFRAG (2019), S. 14.

40 Vgl. PwC (2019), S. 5 f.

41 Vgl. AASB (2016), S. 10 ff.

42 Vgl. AASB (2016), S. 13.

43 Vgl. AASB (2016), S. 13.

44 Vgl. AASB (2016), S. 13.

45 Vgl. AASB (2016), S. 17 f.

46 Vgl. ASBJ (2018), S. 2.

47 Vgl. ASBJ (2018), S. 5 ff.

48 Vgl. ASBJ (2018), S. 3 f.

49 Vgl. EY (2018a), S. 34; Marx/Dallmann (2019), S. 126.

50 Vgl. Kirsch/von Wieding (2018), S. 116; Baetge/Kirsch/Thiele (2017), S. 182.

51 Vgl. Baetge/Kirsch/Thiele (2017), S. 183.

52 Vgl. Lüdenbach/Hoffmann/Freiberg (2018), Haufe IFRS Komm., § 1, Rz. 85.

53 Vgl. CF.4.12.

54 Vgl. Kirsch/von Wieding (2018), S. 116.

55 Vgl. Baetge/Kirsch/Thiele (2017), S. 183; CF.4.13.

56 Vgl. Kirsch/von Wieding (2018), S. 116.

57 Vgl. CF.BC3.26; Lüdenbach/Hoffmann/Freiberg (2019), Haufe IFRS Komm., § 1, Rz. 80.

58 Vgl. Sixt (2017), S. 36; Franco (2015), S. 17 f.

59 Vgl. Sixt (2017), S. 37.

60 Vgl. Weiteres hierzu: Boehm/Bruns (2017), in Bräutigam/Rücker, 13. Teil/E., Rn. 5.; Kütük- Markendorf (2016), S. 765.

62 Vgl. Baetge/Kirsch/Thiele (2017) S. 184.

63 Vgl. Baetge/Kirsch/Thiele (2017) S. 184.

64 Vgl. Kirsch/von Wieding (2018), S. 116.

65 Vgl. Kirsch/von Wieding (2018), S. 117; Coenenberg/Haller/Schultze (2018), S. 91; Lüdenbach/Hoffmann/Freiberg (2019), Haufe IFRS Komm., § 1, Rz. 21 f.; Baetge/Kirsch/Thiele (2017), S. 186.

66 Vgl. Kirsch/von Wieding (2018), S. 117.

67 Vgl. Kirsch/von Wieding (2018), S. 117.

68 Vgl. Pellens et al. (2017), S. 199.

69 Vgl. Kirsch/von Wieding (2018), S. 118.

70 Vgl. Sixt (2017), S. 47; Berentsen/Schär (2017), S. 11.

71 Vgl. Mankiw/Taylor (2018), S. 805; Berentsen/Schär (2017), S. 11.

72 Vgl. Mankiw/Taylor (2018), S. 805; Sixt (2017), S. 47; Berentsen/Schär (2017), S. 11.

73 Vgl. BaFin (2018), Abschn. Payment-Token und sogenannte virtuelle Währungen.

74 Vgl. Thiele/Diehl (2017), S. 6.

75 Vgl. Lüdenbach (2018), S. 103; Thiele/Diehl (2017), S. 6.

76 Vgl. Berger/Fischer (2018), S. 1197.

77 Vgl. EY (2018a), S. 12.

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Bilanzierung von Krypto-Assets nach IFRS
Hochschule
Hochschule RheinMain
Note
2.3
Autor
Jahr
2019
Seiten
47
Katalognummer
V505652
ISBN (eBook)
9783346059932
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bilanzierung, krypto-assets, ifrs
Arbeit zitieren
Ruben Fernandes (Autor), 2019, Bilanzierung von Krypto-Assets nach IFRS, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/505652

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