Wie qualifiziert sind Sozialpädagogen im Umgang mit sexuellem Kindesmissbrauch? Möglichkeiten der Prävention und Intervention


Fachbuch, 2020

73 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Executive Summary

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Sexueller Missbrauch
2.1 Begriffserklärung und begriffliche Abgrenzung
2.2 Formen sexueller Missbrauchshandlungen

3 Mögliche Auswirkungen des sexuellen Kindesmissbrauchs
3.1 Folgen sexueller Gewalt
3.2 Gesellschaftliche Reflexion

4 Möglichkeiten von Prävention und Intervention durch Sozialpädagogen
4.1 Prävention in gesellschaftlichen Einrichtungen
4.2 Interventionsmöglichkeiten

5 Fachliche Qualifikation als Voraussetzung einer gelungenen Prävention und Intervention – Eine aktuelle empirische Studie
5.1 Forschungsdesign
5.2 Befunde
5.3 Auswertung und Interpretation
5.4 Zusammenfassung

6 Fazit

Literaturverzeichnis

Anlagen

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Impressum:

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Executive Summary

Das Ziel dieser Bachelorarbeit ist es, die Möglichkeiten von Prävention und Intervention bei sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Sozialpädagogen darzustellen und den aktuellen Forschungsstand zu erfassen. Außerdem sollen Möglichkeiten gezeigt werden, sexuellen Kindesmissbrauch effektiv zu erkennen. Des Weiteren wird der Umgang der Gesellschaft mit der Thematik untersucht und exemplarisch empirisch überprüft.

Dazu werden die folgenden Forschungsfragen gestellt:

Sind alle Arbeitenden im sozialen Bereich für die Arbeit mit missbrauchten Kindern und Jugendlichen qualifiziert? Sind Sozialpädagogen ausgebildet für die Intervention und Prävention? Sind die Anlaufstellen für die Pädagogen beim Verdacht von sexuellem Kindesmissbrauch präsent? Wie ist das Befinden der Betroffenen Sozialpädagogen beim Verdacht von sexuellem Kindesmissbrauch? Können die Pädagogen ein sexuell missbrauchtes Kind erkennen? Geht die Gesellschaft mit dem Thema „sexueller Kindesmissbrauch“ offen um?

Um die Forschungsfragen beantworten zu können, sind Fragebögen als Forschungsmethode genutzt worden, die sich an die Sozialpädagogen oder andere Arbeitende im sozialen Bereich richteten. Die Probanden wurden in kleinen Teams eines Unternehmens (Caritas – Rostock) befragt. Die Ergebnisse zeigen, dass mehr als 69% der Probanden die Folgen eines Kindesmissbrauchs, also die Merkmale, erkennen. Des Weiteren schätzten sie den Umgang mit dem Thema in der Gesellschaft so ein, dass sexueller Missbrauch nach wie vor ein Tabuthema ist. Immerhin sehen das 77% der Befragten so. Aus den empirischen Befunden lässt sich die Schlussfolgerung ziehen, dass auf der fachlichen Ebene nach wie vor Qualifizierungsbedarf besteht und durch die Medien und den Schulunterricht ebenfalls Aufklärungsanteil geleistet werden muss.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Strafverfolgungsstatistik

Abbildung 2: Themen in der Ausbildung

Abbildung 3: Fortbildungsmöglichkeiten

Abbildung 4: Wahrnehmung der Fortbildung

Abbildung 5: Eigene Erfahrungen

Abbildung 6: Praxiserfahrungen

Abbildung 7: Umgang mit Missbrauch

Abbildung 8: Abläufe

Abbildung 9: Kommunikation mit dem Opfer

Abbildung 10: Mediale Präsenz

Abbildung 11: Tabuisierung des Themas

Abbildung 12: Aufkommen des Themas im Alltag

Abbildung 13: Besprechung des Themas

1 Einleitung

„Das Unerträgliche ist, dass die Kinder, wenn sie sich aus dem Kokon von Schweigen und vermeintlicher Schuld heraus trauen, nicht auf offene Ohren stoßen. Sie suchen nach Hilfe – aber sie bekommen sie nicht.“ (Bergmann 2011).

In dieser Bachelorarbeit befasst sich der Autor1 mit dem Thema „Sexueller Missbrauch von Kindern und die Möglichkeit von Prävention und Intervention durch Sozialpädagogen“. Der Autor beginnt mit der Begriffserklärung und der begrifflichen Abgrenzung „sexueller Missbrauch“ und thematisiert die Formen sexueller Misshandlungen. Des Weiteren führt der Autor die möglichen Auswirkungen des sexuellen Kindesmissbrauchs auf und stellt die Folgen sexueller Gewalt dar und geht auf die Reaktionen der Gesellschaft ein. Daran anschließend erfolgt die Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten der Prävention und Intervention durch Sozialpädagogen.

Der empirische Teil dieser Bachelorarbeit basiert auf den Erkenntnissen einer selbständig durchgeführten Fragebogenerhebung, die bei der Caritas Rostock durchgeführt wurde. Es erfolgt schließlich die Interpretation der Forschungsbefunde und es wird ein Fazit aus den erzielten Erkenntnissen gewonnen.

Im empirischen Teil setzt sich der Autor mit den Schwerpunkten Intervention, Prävention und dem gesellschaftlichen Umgang mit diesem Thema auseinander.

Im Zusammenhang damit steht die Beantwortung folgender Forschungsfragen und die daraus aufgestellten Hypothesen:

Der Schwerpunkt Intervention durch Sozialpädagogen wird durch die Frage strukturiert, ob die Pädagogen ein sexuell missbrauchtes Kind erkennen können. Die dazugehörige Hypothese lautet, dass sie es eventuell erkennen können, sich aber dabei unsicher sind und diesem deshalb nicht nachgehen.

Der Themenbereich Prävention beschäftigt sich mit den Fragen, ob die Anlaufstellen für die Pädagogen beim Verdacht von sexuellem Kindesmissbrauch präsent sind, wie das Befinden der betroffenen Sozialpädagogen beim Verdacht von sexuellem Kindesmissbrauch ist. Der Autor geht davon aus, dass durch die Tabuisierung viele Pädagogen zu wenig Kenntnisse über die Prävention haben.

Unter dem Schwerpunkt Umgang der Gesellschaft mit sexuellem Kindesmissbrauch erforscht der Autor die Frage, ob die Gesellschaft mit dem Thema offen um geht.

Der Autor ist der hypothetischen Ansicht, dass der sexuelle Kindesmissbrauch in der Gesellschaft stark tabuisiert wird.

Aktuelle Vorkommnisse in der Bundesrepublik Deutschland machen deutlich, dass eine wissenschaftliche Untersuchung von Prävention und Intervention dringend erforderlich ist, um die Reaktionszeiten der zuständigen Behörden zu verringern und somit sexuellen Missbrauch von Kindern schnellstmöglich zu unterbrechen beziehungsweise besser gar nicht erst zu ermöglichen.

Eine wichtige Rolle spielt dabei auch der Umgang der Öffentlichkeit mit dieser Thematik. Hier sind Aufklärung, Offenheit und Sensibilität – vor allem im Umgang mit den Opfern – nötig.

Eine besondere Verantwortung tragen Menschen, die sich professionell mit Betreuung, Erziehung und Bildung von Heranwachsenden beschäftigen.

Diese Studie soll einen Beitrag dazu leisten, exemplarisch den erreichten Ist-Stand in puncto Wissen und Handlungsfähigkeit zu ergründen.

2 Sexueller Missbrauch

2.1 Begriffserklärung und begriffliche Abgrenzung

Es werden in der Literatur unterschiedliche Begriffe und Definitionen über den sexuellen Missbrauch verwendet, obwohl für die Diagnostik, Forschung, Behandlung und den öffentlichen Diskurs übereinstimmende und korrekte Definitionen notwendig sind (vgl. Bange, Körner &Lenz 2004: S. 29f.).

Die Bezeichnung „sexueller Missbrauch“ wird hauptsächlich verwendet, dennoch gibt es weitere Begriffe für diesen Problembereich. Sexuelle Gewalt, sexuelle Ausbeutung, sexuelle Misshandlung, Inzest, Seelenmord, realer Inzest, sexualisierte Gewalt, sexueller Übergriff oder sexuelle Belästigung werden unter anderem für die Thematik verwendet (vgl. Bange, Körner &Lenz 2004: S. 30)

Es gibt bis zur heutigen Zeit in jeder Hinsicht keine akzeptierte Definition für den sexuellen Missbrauch von Kindern. Die bestehenden Definitionen lassen sich in unterschiedlichen Anordnungen kategorisieren. Zwischen „engen“ und „weiten“ Definitionen wird unterschieden. Bei der „weiten“ Definition werden in der Regel auch sexuelle Handlungen ohne Körperkontakt wie Exhibitionismus zum sexuellen Missbrauch gezählt. Die „engen“ Definitionen versuchen im Gegensatz nur die bereits identifizierten Misshandlungen bzw. nach einem sozialen Konsens normativ als solche beurteilten Übergriffe einzubeziehen (vgl. Wetzels 1997: S. 62).

Um eine allgemeine Definition zu entwickeln, werden zahlreiche mehr oder weniger strittige Kriterien verwendet. Wissenschaftler sind sich darüber einig, dass alle sexuellen Handlungen durch körperliche Gewalt oder Drohungen ein sexueller Missbrauch sind. Genauso gilt es als sexuelle Gewalt, wenn es zum sexuellen Kontakt mit Kindern kommt. Doch sagen Kinder in solchen Momenten meist, dass sie es selbst auch wollten. Durch dergleichen Aussagen von betroffenen Kindern, ist das eine Strategie, die Situation auszuhalten. Sie wissen um ihre Verletzlichkeit und Machlosigkeit gegenüber dem Täter, deshalb versuchen sie die für sie prekäre Lage umzudeuten (vgl. Herman 1994: S. 142).

Der Gedanke der Kinder kann sein, dass sie den Missbrauch damit verarbeiten, bearbeiten oder unterdrücken, was ihnen widerfahren ist.

Der Begriff „Inzest“ ist durch das Inzesttabu arg emotional belastet. Zudem muss bedacht werden, dass viele Menschen damit automatisch Ekel und Perversität verbinden. Was sich wiederum auf das Opfer auswirkt und die Einstellung gegenüber dem Opfer beeinflusst. Das heißt, dass Opfer wird selbst zum Tabuthema. Mit dem Tabu wird aber auch „automatisch“ etwas Verbotenes, Spannendes und Aufregendes verbunden. Womit die Erlebniswelt vom Opfer beendet und eher das Erleben der Täter definiert wird. Die Verknüpfungen mit solchen Begriffen führt eine Stigmatisierung des Opfers herbei und begünstigt den Täter (vgl. Gahleitner 2000: S. 27).

Deshalb wird für diese Arbeit die Thematik „Inzest“ kaum bis gar nicht benutzt! Inzest rückt im Bereich des sexuellen Missbrauchs juristisch und aus psychologischer Sicht in den Nachrang, weil der Missbrauch an sich Straftatbestand ist.

Grundsätzlich lassen sich grundlegende Merkmale sexuellen Missbrauchs an Kindern zeigen.

Gegenüber den Kindern werden immer die Autoritäts- bzw. Macht- oder Altersgefälle ausgenutzt. Das heißt unter anderem, der sexuelle Missbrauch ist fast nie zufällig oder plötzlich, sondern beabsichtigt und gewollt. Es ist ein langwieriger Prozess und passiert nicht einmalig und hat in jedem Fall Folgen für das Kind. Die betroffenen Kinder sind in allen Altersklassen. Aufgrund ihres emotionalen und kognitiven Entwicklungsstandes sind sie nicht in der Lage, einer sexuellen Handlung eines Erwachsenen zuzustimmen. Deshalb liegt immer die Verantwortung beim Erwachsenen. Sexualität wird in den meisten Fällen auf den Genitalien-Kontakt reduziert. Kinder sind ein Objekt für eine sexuelle Handlung von Erwachsenen. Sie hat einen Surrogatcharakter. Sexueller Missbrauch ist immer eine Überschreitung sozialer Regeln und an ein Geheimhaltungsgebot durch den Täter gebunden. Verurteilt wird dabei das Kind zur Sprachlosigkeit und zu anderen „Störungen“ (vgl. Gahleitner 2000: S. 29).

2.2 Formen sexueller Missbrauchshandlungen

Die sexuellen Übergriffe beginnen schon mit heimlichen, vorsichtigen Berührungen, demütigenden Äußerungen und Blicken. Sie gehen bis zu oralen, vaginalen oder analen Vergewaltigungen und sexuellen Foltertechniken (vgl. Enders 2014: S. 29).

Eine weitere Form der sexuellen Übergriffe ist auch, wenn durch das sozialpädagogische oder medizinische Fachpersonal körperliche Begutachtungen in intimen Körperregionen durchgeführt werden, die nicht notwendig sind oder „Qualitätsurteile“ über den Intimbereich ausgesprochen werden (vgl. Enders 2014: S. 29 f.).

In einigen Konstellationen, zum Beispiel in Familien, ist von außen nicht deutlich zu erkennen, ob die Grenze überschritten wurde oder nicht. In vertrautem Umfeld, wie in der Familie; lässt sich das nicht eindeutig bestimmen, ob eine Grenzverletzung vorliegt. In Familien; in denen es nicht befremdlich für die Kinder ist, die Mutter oder den Vater nackt zu sehen, wird noch nicht von einer sexuellen Belästigung geredet. Wenn die Mutter oder der Vater sich im Badezimmer während des kindlichen Badens aufhalten und das Kind die Mutter oder den Vater herausbittet und darauf nicht reagiert und der Wunsch des Kindes nicht akzeptiert wird, dann beginnt die Erniedrigung des Rechts auf sexuelle Selbstbestimmung des Kindes. Zur Einordnung der exhibitionistischen Handlungen gehört auch das aufmerksame Hinsehen, wenn das Kind sich auszieht oder der Vater/Bruder vermeintlich zufällig sein erregtes Glied zeigt (vgl. Enders 2014: S. 30).

Die Kinder sind auf die Erwachsenen in ihrer besonderen Entwicklungsphase angewiesen, um sie anregen, unterstützen, begleiten und ihre Bedürfnisse nach Schutz, Zärtlichkeit und Liebe zu erfüllen. Sie kommen nicht drum herum; den Erwachsenen zu vertrauen und sich darauf zu verlassen, dass Erwachsene ihren Aufgaben gerecht werden (vgl. Enders 2014: S. 29).

Die Kinder sind abhängig davon, dass die Erwachsenen das Vertrauen nicht missachten und es nicht ausnutzen. Es kann also immer davon ausgegangen werden, dass der Erwachsene oder ältere Jugendliche eine sexuelle Instrumentalisierung des Kindes auf jeden Fall verhindert und erst recht nicht für die eigene Befriedigung ausnutzt (vgl. Enders 2014: S. 29).

In den meisten Fällen wird davon ausgegangen, dass zwischen Täter und Opfer eine bestehende Beziehung vorhanden ist. Dadurch ist das Kind durch das Vertrauen und die Zuneigung vom Täter abhängig (vgl. Enders 2014: S. 29).

„Diese Beziehung bildet dann in der Regel die Ausgangsbasis für die durch den Täter (der Täterinnen) wissentlich und bewusst vorbereitete sexuelle Ausbeutung.“ (Enders 2014: S. 29).

Die sexuelle Belästigung kann durch das Überreden, Zwang und Erpressung geschehen, um an das Ziel zu kommen. Wobei der Täter das Kind oder den Jugendlichen zum Beispiel dazu zwingt, mit ihm zusammen einen Pornofilm anzuschauen und ihn dabei mit der Hand zu befriedigen. Während dessen fasst er ihr/ihm zum Beispiel an den Busen/Penis. Zu den Auswirkungen auf das Kind oder den Jugendlichen kann es gehören, dass sie Selbstmordversuche oder Selbstverletzungen durchführen. Gutachter sprechen davon, dass es zu den gängigsten Reaktionen von Kindern, die eine lange Zeit sexuell missbraucht wurden, gehört, dass diese keine eigene Selbstachtung mehr haben und jede positive Haltung gegenüber dem eigenen Körper verlieren (vgl. Heiliger 2000: S. 103).

Sexuelle Handlungen umfassen Berührungen mit direktem Körperkontakt, wie das Anfassen der Geschlechtsteile, der Leistengegend, des Anus und der Brüste (vgl. Jud 2015: S. 44).

Eine weitere Missbrauchsform ohne direkten Körperkontakt ist, wenn der Täter eigene sexuelle Handlungen vorführt, wie zum Beispiel masturbieren vor den Augen des Kindes oder Jugendlichen (vgl. Jud 2015: S. 44).

Eine weitere Form der sexuellen Misshandlung ist, dass der Täter das Opfer dazu bringt zu schweigen, indem sie den Kindern und Jugendlichen vermitteln, es sei ein Geheimnis zwischen ihnen. Sie bekommen vom Täter das Gefühl, sie seien ansonsten schuld daran, wenn die Beziehung zum anderen Partner dadurch beendet wird. Oft weisen die Täter auch darauf hin, dass ihre Opfer auch sexuell erregt waren und somit Spaß gehabt hätten. Hier spricht man vom Schweigegebot der Täter (vgl. Heiliger 2000: S. 104).

Des Weiteren werden den Kindern und Jugendlichen vom Täter Versprechungen gemacht, wobei die Kinder und Jugendlichen die Hoffnung haben, es sei dann das letzte Mal gewesen oder ihnen Geld angeboten wird (vgl. Heiliger 2000: S. 106).

Die Täter innerhalb der Familie geben den Kindern und Jugendlichen das Gefühl, sie seien mit verantwortlich und versuchen dann, ihnen ein schlechtes Gewissen zu bereiten. Dabei kann es bei den Opfern passieren, dass sie Mitleid mit dem Täter bekommen, wenn sie von ihm erfahren, dass er keinen sexuellen Kontakt mit der eigenen Partnerin hat und sich das Kind deshalb beugt. Die Opfer werden dann so manipuliert, dass der Täter ihm einredet, dass ein Bruch des Schweigegebots unweigerlich zur Trennung der Eltern führen werde. Damit würden sich die Opfer als verantwortlich für die Trennung sehen (vgl. Heiliger 2000: S. 108).

Deegener fasst den Weg zum sexuellen Missbrauch wie folgt zusammen:

„Sexueller Mißbrauch entwickelt sich häufig von den weniger intimen Formen hin zu den intimen Formen des Körperkontaktes sowie eindeutiger sexueller Ausbeutung, zu denken ist z.B. an das nicht nur natürliche sich nackt gegenüber dem Kind zeigen, sondern das mehr exhibitionistische sich nackt zeigen; an die nicht nur natürliche väterliche Zärtlichkeit, sondern das Sexualität stimulierende Streicheln und Liebkosen; an das Zeigen von pornographischen Filmen oder Abbildungen; an genitale Berührungen; an die Masturbation im Beisein des Kindes; an die Aufforderung zur Manipulation am Glied; schließlich an das Eindringen in die Scheide des Kindes mit Finger, Penis oder Fremdkörper sowie an oral-genitalen Verkehr.“ (Deegener 2005: S. 24).

3 Mögliche Auswirkungen des sexuellen Kindesmissbrauchs

Das Erlebte der sexuellen Übergriffe löst bei den Betroffenen unangenehme Gefühle und Gedanken aus. Die meisten sexuell missbrauchten Kinder und Jugendlichen fühlen sich verraten, hilflos und sprachlos. Sie haben dem Menschen Vertrauen geschenkt und nach Geborgenheit und Liebe gesucht. Doch haben die Täter es schamlos ausgenutzt, um ihren eigenen sexuellen Bedürfnissen nachzukommen. Die Opfer haben Angst, dass die sexuellen Überfälle sich wiederholen und Angst vor den Schmerzen. Durch den sexuellen Missbrauch haben sie zusätzliche Angst über die Reaktionen der Umwelt und schämen sich dafür, was ihnen widerfahren ist.

Die Kinder und Jugendlichen fühlen sich automatisch mitschuldig, dass sie den Täter an sich so nah rangelassen haben. Zum Beispiel, dass sie den Täter umarmt haben oder mit zu ihm nach Hause gegangen sind. Die Täter nutzen diese Gefühle und Gedanken der Kinder und Jugendlichen aus, um verstärkt das Sprechen über den sexuellen Missbrauch zu verhindern. Solche Aussagen, wie zum Beispiel: „Du hast es doch selbst so gewollt, sonst wärst du doch nicht mitgekommen“ oder „Es hat dir doch auch Spaß gemacht, sonst wärst du doch nicht so erregt gewesen“, äußern dann die Täter. Durch solche Aussagen der Täter wird die eigene Wahrnehmung der Opfer manipuliert und demgegenüber werden ihre Schuldgefühle durch solche Äußerungen verstärkt. Dadurch sind die Kinder und Jugendlichen oft sprachlos und empfinden sich in der Situation machtlos.

Solche Ereignisse lösen bei den Opfern eine tiefe Trauer aus. Nach einem sexuellen Missbrauch werden auf diese Weise viele charakterliche Eigenschaften und Ansichten vernichtet. So zum Beispiel die Vorstellung von einer gerechten Welt, von Geborgenheit und Sicherheit. Das Vertrauen in sich selbst und andere geht verloren, ebenso die positive Beziehung zum eigenen Körper. Es entsteht auch das Misstrauen in eine positive Bindung (vgl. Bange 2011: S. 21).

Die Erlebnisse von sexuellen Übergriffen werden vom eigenen Entwicklungsstand und der Persönlichkeit des Opfers sowie durch die intensive Bindung zum Täter bestimmt. In allen Berichten missbrauchter Kinder und Jugendlicher wird vom Vertrauensverlust, von Sprachlosigkeit, Schuld- und Schamgefühlen, Ohnmacht, Angst und Zweifel gesprochen (vgl. Enders 2014: S. 129).

3.1 Folgen sexueller Gewalt

Für missbrauchte Kinder und Jugendliche ist es ein grundlegendes Erlebnis mit unmittelbaren und langfristigen Folgen für ihr Leben. Solche Ereignisse können sich auf ihre psychische Verfassung und ihr körperliches Wohlbefinden auswirken. Andere Auswirkungen sind Persönlichkeitsveränderungen und Verhaltensdefizite. Dies hat nicht zu bedeuten, dass die Opfer im späteren Leben zwangsläufig unglücklich oder „eingeschränkte“ Erwachsene werden.

Die Untersuchung der Folgen des sexuellen Missbrauchs ist problematisch. Grundlegend ist es prekär, Dispositionen, Verhalten, Störungen und Erfahrungen der betroffenen Person auf bestimmte Motive in einen Zusammenhang zu bringen. Die Forschung zur Thematik ist grundlegend nur zurückblickend aus der Sicht der Betroffenen möglich, aber in einigen Fällen kann keine Schlussfolgerung zwischen dem Missbrauch und Auswirkungen gezogen werden. Was dazu führen kann, dass die Wahrnehmungen und Einschätzungen der missbrauchten Person durch die Verdrängung und Verleugnung entstellt werden (vgl. Brockhaus & Kolshorn 1993: S. 146).

Es ist notwendig, den Missbrauch an Kindern und Jugendlichen in Kindergarten, Schulen, Elternhaus, Vereinen, psychologischer und ärztlicher Praxis, Jugendhilfeeinrichtungen und Nachbarschaft zu verstehen und abzubrechen. Dafür ist es wichtig, die Folgen des sexuellen Missbrauchs zu kennen.

Mehrmals wurde davon berichtet, dass die Opfer bestimmte „Signale“ ausstrahlen. Die Auswirkungen des Missbrauchs werden von Einschränkungen im Verhalten und Erleben, in Verstummung oder Zurückgezogenheit und Vertrauensverlust deutlich (vgl. Deegener 1998: S. 88).

Auf diese Gefahren soll im weiteren Unterpunkt tiefer eingegangen werden und mögliche Auswirkungen von sexuellem Kindesmissbrauch aufgelistet werden.

3.1.1 Vertrauensverlust und Sprachlosigkeit

Die Vertrautheit des Kindes wird durch die sexuellen Übergriffe in ihrer eigenen Umgebung sehr verletzt. Sie merken, wenn es zwischen ihnen und dem Täter keinen Austausch mehr gibt und dass unerwünschte und befremdliche Dinge geschehen. Viele Opfer denken später, dass sie schuld seien, nichts dagegen getan zu haben, aber doch gerät es in Vergessenheit, dass der Täter ihre Abwehr nicht akzeptierte und das tat, was ihm zugunsten kam. Die misshandelten Kinder und Jugendlichen konnten demnach auch nicht abwägen, ob das richtig ist, was geschah, schließlich haben die Opfer aus ihrer sozialen Umgebung erfahren, dass sie dem Menschen vertrauen können. Sie haben dann die Rücksichtslosigkeit des Täters gespürt und ein grundlegendes Misstrauen gegenüber sexuellen Aktivitäten aktiviert.

Häufig sind die Täter angesehene Personen in der Gesellschaft, dem keiner sexuelle Übergriffe zutraut. Die Kinder und Jugendlichen zeigen auf unterschiedlichen Wegen ihre Verachtung gegen die sexuellen Ausbeutungen.

Der Vertrauensverlust äußert sich auch darin, dass Opfer vollbekleidet schlafen oder von ihrem zu Hause weglaufen. Oft haben die Kinder und Jugendlichen keinen, der ihnen glaubt, was ihnen widerfahren ist.

Sie unterliegen mit dem Redeverbot einer schweren Belastung. Mehrere der Opfer haben meist keinen, dem sie sich anvertrauen können. In der Folge treten sie ihren Mitmenschen mit großem Misstrauen gegenüber.

Sexuell missbrauchte Kinder und Jugendliche entziehen sich ihrem sozialen Netzwerk und ziehen sich zurück. Denn wenn sie allein für sich sind, fühlen sie sich sicher, da sie erfahren haben, dass Zuneigung auch heißen kann, verletzt zu werden. Sie werden ruhig und wollen unsichtbar für die ganze Welt erscheinen. Durch den natürlichen Überlebensmechanismus missachten Opfer nicht nur ihre eigenen Gefühle, sondern auch die von den Menschen mit liebevollen Absichten.

Opfer bekommen schnell den Gedanken, dass nur ihnen das widerfahren ist und kommen aus dem Teufelskreis nicht raus, was mit ihnen nicht stimmt, gerade wenn die sexuellen Übergriffe in einem längeren Zeitraum passiert sind. Vor allem dann, wenn der Täter eine Person in der Gesellschaft ist, die sehr geachtet wird, bekommen die misshandelten Kinder und Jugendlichen das Gefühl der Machtlosigkeit und Wehrlosigkeit. Die Folge ist, dass sie kein Selbstvertrauen mehr haben (vgl. Enders 2014: S. 129 ff.).

Die Autorin Enders formuliert hierfür Folgendes:

„Sexueller Missbrauch, durch dem Opfer nahe stehende Personen, erschüttert grundlegende Ordnungs- und Orientierungssysteme des Kindes: Was ist gut, was böse, was richtig oder falsch? Betroffenen Mädchen und Jungen ist es nicht möglich, das Erlebnis in ihre bisherigen Erfahrungen einzuordnen und mit Sinn zu versehen. Das Bild von sich als guter Mensch und der Welt als sicherer Ort wird bedroht oder zerstört. Die erlebte Hilfslosigkeit (>> Jetzt ist alles aus…niemand hilft mir…ich kann mich nicht wehren…>>) führt zum Verlust von Selbstachtung und Selbstwert.“ (Enders 2014: S .132).

Zum Problem der Sprachlosigkeit von Opfern formuliert Enders das Folgende:

„Mädchen und Jungen sind im wahrsten Sinne des Wortes sprachlos über die sexuelle Ausbeutung, denn oft beginnt diese früh, dass das Kind zunächst gar nicht nachvollzieren kann, was geschieht, und noch keine Sprache hat, um das Erleben sprachlich zu erfassen und mitzuteilen.“ (Enders 2014: S. 132 f).

Die sexuellen Übergriffe können auch im Erwachsenenalter nicht ausgesprochen werden, da eine Blockade im Sprachzentrum vorliegt, über das Erlebte zu reden. Ihnen fällt es schwer, sich an die Gewalttaten zu erinnern und gar darüber zu berichten. Sie schämen sich dafür; was ihnen widerfahren ist, mehr als die Opfer anderer Gewaltformen (vgl. Enders 2014: S. 133).

Die Sprachlosigkeit wird durch den Täter umso mehr gestärkt, wenn das Vergehen zum gemeinsamen Geheimnis wird und die Abhängigkeit und Loyalität der Opfer ausgebeutet wird. Die sexuell missbrauchten Kinder sind durch ihr ambivalentes Verhalten sehr hin und her gerissen, indem sie ihre Gefühlslage von „Angst haben“ bis „nicht mehr benötigt werden“ gegenüber dem Täter richtig zuordnen können. Dadurch sind die Täter für das „Geheim halten“ abgesichert. Wenn die Gewalttaten innerfamiliär sind, ist das Schweigen der Kinder doppelt abgesichert. Denn keiner der Kinder möchte auf Mutter oder Vater verzichten. Oder wenn die älteren Geschwister die Täter sind, fällt den Opfern es genauso schwer mit einer dritten Person darüber zu sprechen. Denn die Realität würde auch den Eltern damit zeigen, dass der eigene Sohn oder die Tochter den sexuellen Missbrauch durchgeführt hat. Somit hätten die Eltern gegenüber dem Täter (Sohn/Tochter) einen Loyalitätskonflikt (vgl. Enders 2014: S. 133).

Bei sexuellem Missbrauch kann auch „nur“ die psychische Gewalt angewendet worden sein, wobei keine körperliche Gewalt erkennbar ist. Meist werden die sexuell missbrauchten Kinder eingeschüchtert, dass sie keinem anderen Menschen vom sexuellen Übergriff erzählen.

Wenn die Täter in der Gesellschaft hoch angesehen sind, zum Beispiel Lehrer, haben die Opfer umso mehr Angst, in der gesamten Schule bloß gestellt zu werden oder schlechtere Schulnoten zu bekommen, wenn sie davon berichten würden.

Durch die Drohungen der Täter verhalten sich die sexuell missbrauchten Kinder unbewusst oder bewusst plötzlich anders. Oder versuchen im Spiel einen Hilferuf auszusprechen, wodurch ersichtlich werden soll, dass die Kinder sexuelle Gewalt erfahren haben. Doch werden ihre Hilferufe oft nicht wahrgenommen.

Wenn die Opfer vom sexuellen Missbrauch erzählen, müssen sie häufig zuerst mehrere erwachsene Personen ansprechen, damit ihnen zugehört wird und sie auch wahrgenommen werden, dass ihnen geglaubt wird, wenn sie sich schon überwinden von ihrem Erlebnis zu erzählen. Wenn der sexuelle Übergriff aus dem eigenen Familienkreis kommt, werden die Erzählungen von Opfern oft überhört oder sie werden als Lügner dargestellt.

„Susi spielte im Kindergarten Vergewaltigungsszenen in der Puppenecke nach. Die Erzieherin bestrafte sie für ihr ‚brutales‘ Spiel. Heike, Schülerin der 8. Klasse, ließ im Unterricht immer wieder Pillenpackungen unter den Tisch fallen und erzählte, dass sie Angst vor ihrem Opa hatte. Ihre Lehrerin verstand sie nicht.“ (Enders 2014: S. 134).

Die Opfer haben verlernt, ihre Empfindungen und Bedenken zu kommunizieren. Also ist es nicht verwunderlich, dass die Kinder in eine Sprachlosigkeit fallen (vgl. Enders 2014: S. 133 ff).

3.1.2 Angst und Ohnmacht

Für misshandelte Kinder und Jugendliche spielt die Angst eine spezielle Rolle im Alltag, nicht nur direkt vor dem gewaltigen Täter, auch vor der Offenbarung ihres Geheimnisses. Ebenso besteht die Angst darin, mit Angehörigen brechen zu müssen und vor den Reaktionen der Umwelt, vor Schwangerschaften und vor dem Verlust von Zuneigung und Nähe. Bei Opfern schränkt und schwächt das die Überzeugung an die eigene Stärke und Resistenz. Auch im Erwachsenenalter spüren sie die Angst, die ihnen im Kindesalter widerfahren ist. Das heißt, es handelt sich um eine Angst, die sie auch im Verhalten geprägt hat.

Opfer bekommen das Gefühl von Panik, wenn sie Menschen begegnen, die dem Täter ähneln oder gleiche Charakterzüge haben. Große Ängste werden bei misshandelten Kindern und Jugendlichen von anderen Autoritätspersonen erneut freigesetzt. Ein Beispiel hierzu wäre, wenn der Täter ein Mann war und ein männlicher Lehrer unterrichtet, sich die Angst blitzartig auf den Lehrer überträgt. Folgen sind Lernverweigerung und daraus ableitend negative Schulnoten bzw. allgemeines Leistungsversagen.

Die negativen Erlebnisse wollen die Opfer nicht nochmals erleben. Dadurch wird automatisch ihr Lebensstil gesteuert und eingeschränkt. Das ist eine natürliche Maßnahme unseres Schutzmechanismus´. Die Angst wird sie häufig bis zum Erwachsenenalter verfolgen. Gerade das jahrelange Verdrängen und Unterdrücken von Gefühlen führt zu dieser langanhaltenden Wirkung. Es ist mühsam für die missbrauchten Kinder und Jugendlichen, diese Gefühle zu „verbannen“. Denn noch sind und werden die Erlebnisse und Erinnerungen eine tickende Zeitbombe sein (vgl. Enders 2014: S. 145 ff.).

Durch die Autorität der Täter gibt es ein Machtgefälle zum Opfer. Dadurch werden die sexuell missbrauchten Kinder emotional gebunden. Die Kinder fallen in Ohnmacht, sofern die Täter ihnen jegliches Recht entziehen auf ihre eigene Selbstbestimmung. Durch den Widerstand der Kinder, indem sie Weinen, Schreien und den Täter bitten, dies nicht zu tun, werden sie überhört und ihre kindlichen Widerstandsformen werden verachtet. Dadurch bekommen sie das Gefühl der Ohnmacht (vgl. Enders 2014: S. 142).

3.1.3 Schamgefühle und Schuldgefühle

Die sexuell missbrauchten Kinder und Jugendlichen werden häufig bloßgestellt und ihre Schamgrenze wird dabei überschritten. Sie schämen sich dafür, was ihnen widerfahren ist und zugleich der eigenen Familie und dem Täter (vgl. Enders 2014: S. 140).

Die Opfer schämen sich dafür, dass sie während des Missbrauchs erregt waren, obwohl sie sich gewehrt haben. Hinsichtlich der Schamgefühle der Kinder und Jugendlichen fällt es ihnen noch schwerer darüber zu sprechen, da sie sich selbst verachten und sich nur noch so betrachten, was der Täter aus ihnen gemacht hat. Sie sehen sich als benutzt, beschmutzt, missbraucht und vergewaltigt. Das hat zur Folge, dass sie meinen, wenn sie sich einer Person anvertrauen, von dieser automatisch anders gemustert und anders behandelt zu werden. Sie haben Angst, von der Gesellschaft isoliert zu werden und unterwerfen sich dem Schweigegebot (vgl. Enders 2014: S. 141 f.).

Meistens besteht vor dem sexuellen Missbrauch eine Vertrautheit, Angewiesenheit und durch die Zuneigung eine Bindung zum Täter. So legen sich die Täter eine Grundlage für den geplanten Machtmissbrauch. Zunächst bekommt das Opfer eine besondere Rolle mit viel Beachtung und Zuneigung. Besonders sind Kinder und Jugendliche gefährdet, wenn sie dies nicht gewohnt sind und die Zuwendung und Aufmerksamkeit dann in vollen Zügen genießen. Durch den schleichenden Prozess von der zärtlichen Zuneigung zu den sexuellen Übergriffen, haben die Opfer Angst, dass, wenn sie sich zu Wehr setzen, die sehnsüchtige Zuwendung nicht mehr bekommen zu können. Da die Kinder nicht merken, dass sie von den Tätern manipuliert wurden und dadurch Schuldgefühle bekommen, dass sie aktiv ein Teil dessen waren, geraten sie in die Falle des Täters und können immer mehr ausgebeutet werden. Es ist natürlich, wenn die Kinder die negativen Ereignisse so aufnehmen, als wären sie schuld daran. Daher befinden sich die sexuell missbrauchten Kinder immer in einer schuldigen Position. Die übliche Aussage von Tätern ist: „Du hast es ja selbst gewollt, es hat dir Spaß gemacht.“

Umso länger eine sexuelle Belästigung geht, desto mehr fühlen sich Opfer mitschuldig. Dadurch, dass sie „nichts“ sagen wird es für sie immer bedeutsamer, dass sie sich das gefallen lassen haben. In solchen Situationen werden die Schulgefühle größer, wenn das Opfer zum Beispiel eine Erektion während der Misshandlung bekam oder andere Lustgefühle zeigte.

Während eines Missbrauchs ist es für die Opfer akzeptierbarer, wenn sie selbst die Verantwortung übernehmen, etwas „Verbotenes“ gemacht zu haben, anstatt ihre Machtlosigkeit gegenüber dem Täter zu empfinden. Sie entwickeln ihre eigene Strategie mit solchen Gedankenzügen, als hätten sie sich auch wehren können. Keineswegs ist das eine Begründung für die Schuldgefühle misshandelter Kinder. Sie sind eher Introjektion der Schuldgefühle von Erwachsenen. Die wirkliche tragende Schuld der Täter wird automatisch auf das Opfer zurückgewiesen, dass unschuldig ist (vgl. Enders 2014: S. 135 f.).

Die Täter manipulieren weitgehend die missbrauchten Opfer soweit, dass diese denken, selbst den Anlass zu den sexuellen Übergriffen gegeben zu haben. Verstärkt wird das durch die Schuldzuweisungen von den Tätern, die die Ereignisse verdrehen. Die Täter drohen damit, dass die Kinder oder Jugendlichen selbst ins Gefängnis müssen und bauen immer mehr Lügen darauf auf, bis dahin, dass die Opfer verwirrt sind und den Tätern glauben. Umso mehr das Opfer sich für die Situation schuldhaft fühlt, desto unwahrscheinlicher ist es, dass eine dritte Person davon erfahren wird (vgl. Enders 2014: S. 136 f.). Wenn der Täter ein Familienmitglied ist, zum Beispiel der ältere Bruder oder Vater und das Opfer die kleine Schwester beziehungsweise die Tochter, ist es wahrscheinlicher, dass dem vergewaltigten Mädchen die Schuld zugesprochen wird, denn es habe sich entsprechend sexuell aufreizend verhalten. Bruder oder Vater hätten gar nicht anders handeln können. Das Mädchen wird dann in der Familie stigmatisiert und fühlt sich ausgestoßen bzw. nicht beachtet. Es bekommt also Schuldgefühle, dass sie die Familie zerstört hat und möglicherweise den Täter ins Gefängnis bringt. Diese Verurteilung durch die Umwelt steigert sich umso mehr die Schuldgefühle des sexuellen missbrauchten Mädchens wachsen (vgl. Enders 2014: S. 139 f.).

3.2 Gesellschaftliche Reflexion

Die elektronischen und Printmedien sind zentraler Bestandteil des gesellschaftlichen Umgangs mit dem sexuellen Missbrauch. Deswegen ist es von zentraler Bedeutung, exemplarisch zu zeigen, wie Medien diese Thematik reflektieren.

Im Jahr 2010 wurde viel über den sexuellen Missbrauch an der Odenwaldschule berichtet. Das war einer der größten Missbrauchsskandale in Deutschland und zu dem Zeitpunkt das hochangesagte Thema, wobei viel diskutiert wurde und bis zu dem Zeitpunkt rund 130 Missbrauchsopfer bekannt geworden waren (vgl. Tagesspiegel o.J.).

Aktuell werden rund 500 bis 900 Opfer geschätzt, die in der Odenwaldschule sexuell missbraucht wurden. Dies zeigen zwei neue Studien. Fakt ist, dass die Dunkelziffer deutlich höher liegt.

Zeitgleich gab es eine Missbrauchskonferenz in Rom, die weltweit die sexuelle und seelische Gewalt an Kindern in katholischen Einrichtungen diskutierte. Eine Verbindung zwischen katholischer Kirche und Odenwaldschule ist immer noch vorhanden.

Bei den Katholiken zeigt sich, dass sie für Veränderungen nicht aufgeschlossen sind und keine Bereitschaft für Veränderungen zeigen. Die Gesellschaft fordert von ihnen, die Sexualmoral zu modernisieren und sich endlich der Realität zu stellen. Doch ist die Frage – Warum sollten sie dies tun? Dadurch würden sie ihre Macht sowie Geld aufgeben (vgl. TAZ 2019).

Schon immer war das Thema „Sexueller Missbrauch“ geschichtlich gesehen ein Tabuthema. Auch in der DDR. Die Grenzüberschreitungen von Erwachsenen gegenüber den Kindern passten nicht in das Bild des sozialistischen Staates. Dadurch schweigen die Opfer häufig bis heute und die Täter kamen schon damals davon.

In den 1960er Jahren war die „schwarze Pädagogik“ immer noch in der DDR präsent, wobei sie den Raum für sexuelle Übergriffe gab. Da es nicht akzeptiert wurde, dass es sexuelle Übergriffe gab, wurden dementsprechend selten Täter bestraft. Eine Studie über diese Zeit, auf die der Sender Deutschlandfunk verweist, zeigt, dass es den Missbrauch offiziell nie gab.

„Diese Tabuisierung, die ist so stark, dass zum Beispiel Kindesmisshandlung, Kindesmissbrauch in der Statistik überhaupt nicht auftaucht. Damit auch nicht existent ist.“ Mit diesen Worten wird Prof. Cornelia Wustmann vom Sender zitiert.

Der zweite Teil der Studie zeigt, dass der Missbrauch innerfamiliär ebenso tabuisiert und durch den Staat befördert wurde. Wer keinem gesellschaftlich anerkannten Familienbild nach außen entsprach galt in der DDR als gefährlich. Deshalb wurde den Kindern immer gesagt, was zu Hause passiert, bleibt zu Hause, denn die Konsequenz wäre sonst Heimeinweisung gewesen. Viele Mädchen und Jungen waren sich dessen bewusst, was für Gefahren ihnen dann dort drohen würden.

Die Autoren der Studie denken, dass die innerfamiliäre Gewalt bis heute noch sehr nachwirkt und immer noch zum Tabuthema gemacht wird (vgl. Deutschlandfunk 2018).

Das Tabu – Thema Kindesmissbrauch führt zu einer großen gesellschaftlichen Debatte. Viele Gesetze änderten sich und wurden zunehmend verschärft. Die Gesellschaft wird angehalten, aufmerksamer gegenüber denen zu werden, die mit Kindern in Kontakt sind. Die Zeitschrift „EMMA“ veröffentlicht erstmals in den 1970er Jahren die Geschichte von Petra, die Zuflucht in einem Frauenhaus suchte, die sexuelle Übergriff erfahren hatte. Unter dem Motto „Mädchen, wie ihr euch wehren könnt!“ einen Aufruf startete – Opfern helfen zu wollen. Doch das Resultat zeigte, dass sich keiner meldete. Der sexuelle Missbrauch war also damals ein komplettes Tabuthema.

In den 1980er Jahren wollten einige Parteien in der Sexualstrafrechtsreform den Pädophilen-Paragraphen ganz streichen. Dies hätte bedeutet, dass der sexuelle Verkehr mit unter 14-jährigen Kindern legal geworden wäre. Die Entscheidung der SPD-Regierung zur Streichung des Paragraphen wurde von vielen Parteien unterstützt, wie zum Beispiel von der FDP sowie von den Grünen.

Das Revoltieren durch die Zeitschrift „EMMA“ in dieser Zeit war die einzige Stimme, die sich dagegenstellte und mit dazu beigetragen hat, mit Erfolg den Paragraphen 176 zu erhalten.

Im Jahr 2010 kam es zu einem Aufschwung des Bekanntwerdens der Missbrauchsfälle durch Priester in katholischen Jungen- und Vorzeigeschulen. Nun redeten auch die Opfer, wodurch das Thema in Deutschland nochmal in ein ganz anderes Licht gerückt wurde (vgl. EMMA 2010).

Fakt ist, dass sexuelle Gewalt an Kindern ein Tabuthema ist und Teile der Gesellschaft aus unterschiedlichen Gründen darüber hinwegsehen. Es kann sich dabei um persönliche oder ideologische, also Glaubensgründe, handeln. Die enge Bindung zur Institution Kirche, Mitgliedschaft oder ehrenamtliches Engagement können ebenfalls Gründe für Verdrängungsmechanismen sein.

Es wird aber auch nicht anerkannt, dass Mütter, Tanten, Nachbarinnen, Babysitterinnen oder Kindergärtnerinnen Täterinnen sind. Oft werden die Frauen gar nicht verdächtigt, weil sie das Bild der treusorgenden Mutter vertreten. Doch zeigen Studien, dass bis zu 20 Prozent Frauen zum Täter werden. Das Ausmaß ist viel größer als es bis jetzt angenommen wurde und die Erkenntnis zeigt, dass Frauen oft weniger angezeigt werden als Männer (vgl. E110 Das Sicherheitsprotal o.J.).

Auch die Psychologin Julia von Weiler vom Kinderschutzverein Innocence in Danger sagt im Interview, dass erheblich mehr Männer im Mittelpunkt der Verdächtigungen stehen als Frauen. Es gibt also viel mehr Frauen als Täterinnen als die Öffentlichkeit sich vorstellen kann. Durch das Tabuisieren werden die Opfer entkräftet, sich dagegen zu wehren und die Täterinnen werden dadurch umso mehr gestärkt.

Der erste Schritt ist, dass die Menschen akzeptieren müssen, dass es sexuelle Übergriffe gibt und das ganz selbstverständlich über das Thema gesprochen wird, um den Opfern von sexueller Gewalt das Gefühl geben zu können, dass sie sich mitteilen dürfen und können. Wenn Mädchen und Jungen das Gefühl bekommen, dass sie über ihre Erlebnisse sprechen dürfen, werden sie nicht mehr das Gefühl haben, dass ihnen keiner glauben wird.

Weil Präventionsworkshops oder Aufklärungsworkshops sexuellen Missbrauch häufig zum Thema machen, wird sich möglicherweise eine Art von Selbstverständnis ergeben und sich die Möglichkeit eröffnen, dass sich Opfer anderen Menschen anvertrauen, stellte der Deutschlandfunk 2019 in einer Sendung fest. (vgl. Deutschlandfunk 2019).

In der Gesellschaft wird sich oft bis gar nicht mit unangenehmen Themen auseinandergesetzt, weil es den Menschen unangenehm erscheint. Die Aussagen von Vertretern der Schulen, Menschen aus „guten Gegenden“ und „höheren“ Gesellschaftsschichten haben sich so etabliert, dass ein Kindesmissbrauch bei ihnen nicht passiert, und im Falle einer Tat eben todgeschwiegen wird. Jedoch ist es nirgendwo auszuschließen, dass sexuelle Übergriffe geschehen. Das heißt, es ist in keinem Fall nur ein Problem der „Unterschicht“ (vgl. Welt 2018).

Die Strafverfolgungsstatistik von 2017 dokumentiert die Anzahl der Personen, die wegen sexuellen Missbrauchs oder Nötigung bzw. Vergewaltigung in Untersuchungshaft sitzen. Weniger schwere Fälle sind nicht dokumentiert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Strafverfolgungsstatistik 2017

(Statistisches Bundesamt 2017)

4 Möglichkeiten von Prävention und Intervention durch Sozialpädagogen

4.1 Prävention in gesellschaftlichen Einrichtungen

Zum aktuellen Stand zur Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch muss festgestellt werden, dass sowohl von privater als auch von professioneller Seite zu wenig wissenschaftsbasiert gearbeitet wird. Es ist noch immer so, dass den Kindern Tipps gegeben werden, die diese eher verunsichern. Äußerungen wie „Zieh dich nicht so aufreizend an!“ oder „Bleib schön in der Nähe.“ verängstigen die Heranwachsenden eher als das sie das Selbstbewusstsein steigern.

Solche unbedarften Hinweise machen Kinder eher von Erwachsenen abhängig und schützen kaum vor Missbrauch. Umso wichtiger ist es in der Prävention, die Fähigkeiten und das Selbstvertrauen der Kinder zu stärken.

Dadurch können die Kinder in brenzlichen Situationen dementsprechend entgegenwirken. Solche Impulse können im alltäglichen Leben durchgeführt werden und den Kindern „unbewusst“ vermittelt werden. Erwachsene sollten auch nicht zuvorkommend sein und den Kindern bei schwierigen Situationen nicht gleich helfen oder eingreifen.

Zum Beispiel, wenn ein Kleinkind einen schweren Stuhl herunterstellt, erfährt das Kind einen Erfolg, etwas geschafft zu haben oder dass es beim ersten Mal nicht gleich klappen muss. Durch unterstützende Worte wie: „Das hast du super gemacht“ stärkt der Erwachsene das Selbstvertrauen der Kinder. So begreifen sie, was sie alles schaffen können und welche Kraft sie entwickeln können. Dafür müssen die Stärken der Kinder aufgebaut werden, ihre Unabhängigkeit unterstützt werden, um ihre Beweglichkeit auszuweiten und dadurch ihre Freiheit zu erweitern (vgl. Besten 1991: S. 80f.).

Welche präventiven Angebote sind nun im Vor- und Grundschulbereich möglich?

Der Erfolg der Prävention ist auch dann gegeben, wenn die Zusammenarbeit mit den Eltern erfolgt. Deshalb ist es wichtig, z.B. zuerst einen Informationsabend für Eltern zu veranlassen, der zum Beispiel den Titel „Sicherheit und Selbstvertrauen“ trägt. Zudem wäre es auch sinnvoll einen Experten zur Thematik an die Seite zu holen. So können die Schwellenängste beseitigt werden und man weist darauf hin, dass auch das Fachpersonal seine fachlichen und persönlichen Grenzen kennt. Durch die Unterstützung von externen Fachpersonal ist auch der Einstieg in die professionelle Netzwerkarbeit gegeben (vgl. Körner & Lenz 2004: S. 451).

Die Präventionsinhalte sind in verschiedene Ebenen eingeteilt. Die erste Ebene ist der Umgang mit seinen eigenen Gefühlen. Die Kinder erleben ihre Gefühle sehr unterschiedlich und merken durch ihre Neugierde und Abenteuerlust das Bedürfnis nach Anerkennung. Die Schlussfolgerung ist, dass sie eine Selbstfindung zu ihren Gefühlen erleben, aber auch gegenüber anderen. Wenn Kinder frühzeitig lernen, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen, zu äußern und bezeichnen zu können, entwickeln sie eine Fähigkeit, ihre Gefühle zu erörtern. Sofern sie auf ihre eigene Wahrnehmung sensibilisiert sind, können sie frühzeitig bemerken, wann ihnen eine Situation unangenehm erscheint (vgl. Körner & Lenz 2004: S. 452 f.).

[...]


1 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichwohl für beiderlei Geschlecht.

Ende der Leseprobe aus 73 Seiten

Details

Titel
Wie qualifiziert sind Sozialpädagogen im Umgang mit sexuellem Kindesmissbrauch? Möglichkeiten der Prävention und Intervention
Autor
Jahr
2020
Seiten
73
Katalognummer
V505655
ISBN (eBook)
9783960958123
ISBN (Buch)
9783960958130
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sexueller Missbrauch, Prävention, Intervention, Möglichkeit, Sozialpädagogen, Missbrauch von Kindern, Kindern, Tabuisierung, Aufklärung, Sensibilisierung, Sprachlosigkeit, Gesellschaftliche Reflexion, Vertrauensverlust
Arbeit zitieren
Özge Köprücü (Autor), 2020, Wie qualifiziert sind Sozialpädagogen im Umgang mit sexuellem Kindesmissbrauch? Möglichkeiten der Prävention und Intervention, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/505655

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