Die Bedeutung der ritterlichen Tugenden für Hartmanns Iwein

Ist Iwein ein tugendhafter Ritter?


Hausarbeit, 2018

25 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ritterliche Tugenden
2.1. Êre

3. Das Konzept der höfischen Tugenden in ‘Iwein’
3.1. Prolog
3.2. As kalon-Aventiure
3.3. Die Jahresfrist
3.4. Iweins Krise und aventiure
3.5 Die Wiedergewinnung Laudines

4. Fazit

5. Literatur

1. Einleitung

In dieser Arbeit soll die Bedeutung der ritterlichen Tugenden für Hartmanns Roman ‘Iwein’ untersucht werden. Iweins ethische Integrität wird dabei betrachtet, wobei ein genaues Augenmerk auf die êre gelegt wird. Bei der Analyse steht der Titelcharakter im Vordergrund.

Es geht hauptsächlich um die Frage, inwiefern die höfischen Tugenden, besonders die êre, den Protagonisten bei seiner Entscheidungsfindung und konkret in seinem Verhalten beeinflussen. Genauer um den Druck, den die Angst des Ehrenverlustes auslöst, die daraus resultierenden Tiefpunkte und die Motivation, die Ehre wiederzuerlangen. Dabei wird betrachtet, ob sich der Titelcharakter ehrenvoll und tugendhaft verhält und ob es womöglich Rechtfertigungsansätze gibt.

Unvermeidbar bei der Frage um Iweins Tugendhaftigkeit ist die Thematik der Schuld. Ist Iwein selbst verantwortlich für seine Taten und dessen Folgen oder begründen äußere Einflüsse die Krise? Anhand der Schuldfrage soll die Tugendhaftigkeit und Charakterqualität Iweins geprüft werden. Mittels ausgewählter Schlüsselszenen in ‘Iwein’, wird das Ganze chronologisch verdeutlicht.

Einleitend gibt es eine allgemeine Schilderung der höfischen Tugenden im Mittelalter und ihrer literarischen Bedeutung als Basis für die genauerer Betrachtung Iweins Tugendhaftigkeit.

Da es auch bei der Analyse zum größten Teil um die êre geht, wird diese am genausten erläutert. An dieser Stelle ist die Darstellung Ehrismann über die zwei Ebenen der êre aufgeführt.

Weiter ist die Handlung im Hauptteil grob in fünf Teile gegliedert. Zu Beginn erfolgt eine Analyse des Prologs auf Hinweise, die auf ein Tugendverständnis Hartmanns und der folgenden Erzählung hindeuten. Thematisch folgt das Brunnenabenteuer, Iweins Krise und aventiure. Dabei liegt der Fokus auf dem Brunnenabenteuer und der daraus resultierenden Krise, sowie grob der aventiure zur Wiedergewinnung von Laudine.

Hauptsächlich werden Interpretationsansätze von Cramer, Voß, Wapnewski und Mertens als Vergleiche herangezogen. Es lassen sich grob zwei Auffassungen bezüglich Iweins Scheitern und Verlust seines Ansehens erkennen: Auf der einen Seite sehen Wapnewski und Cramer Iwein selbst als verantwortlich für sein späteres Unglück, da er sich weder ritterlich tugendhaft noch rechtens verhalte und somit sein eindeutiges Fehlverhalten durch eigenes tugendhaftes Verhalten wieder ausgl eichen müsse. Der Kern der Idee ist, dass die positiven Taten des Protagonisten im zweiten Teil des Romans auf negatives Verschulden im ersten Teil beruhen müssten.

Auf der anderen Seite sprechen sich Mertens und Voß dafür aus, dass Iweins Scheitern äußeren Einflüssen und nicht einem Charakterdefekt zuzuschreiben ist. Trotz seiner Fehlschläge kann nicht die Rede von einem qualitativ schlechten Wesen sein.

Ziel ist es, herauszuarbeiten, inwiefern diese Ansätze in ‘Iwein’ anzuwenden sind und ob sich ein Ansatz als plausibler herausstellt. Außerdem gilt es die Hauptfrage der ethischen Integrität des Protagonisten zu klären.

Als Bezugstext für die Textanalyse fungiert Hartmanns ‘Iwein’, erschienen im Deutscher Klassiker Verlag in Frankfurt am Main in Band 29.

2. Ritterliche Tugenden

Ritterlichkeit fordert eine Reihe tugendhafter Verhaltensweisen, eine Art Morallehre, die zu Ansehen in der mittelalterlichen Gesellschaft führte.

Dichter wie Hartmann von Aue verknüpfen die Helden ihrer Romane mit höchsten ritterlichen Tugenden, darunter êre, triuwe, zuht, oder zilte} Diese schaffen ein literarisches Idealbild, das in mittelalterlicher Literatur durch die sogenannten rlter verkörpert wird.

Durch jene Tugenden gelingt eine Einordnung in die Stände der Gesellschaft. So autorisiert sich der Adel in seiner sehr hohen Position, zusammen mit dem Klerus über den einfachen Bauern gestellt, und klärt somit soziale Beziehungen.

Diese Legitimation der gesellschaftlichen Stellung findet in der Fiktion nicht durch die Geburt in eine adelige Familie, sondern in diesem höfischen, ritterlichen Verhalten, ihre Berechtigung; durch eigene Leistung und vollbrachte Dienste erlangt ein Ritter Anerkennung bei Hofe.1 2

Unhöfisches Verhalten wird hingegen häufig negativ dargestellt. Ein Beispiel dafür findet sich in ‘Iwein’ schon zu Beginn in Form von Keie, dessen Verhalten von Hartmann ablehnend dargestellt wird: Keil legte sich släfen / uf den sal under in, /ze gemache äne êre stuont sïn sin. (V. 74-76).3

Der Umstand, dass Keie die Bequemlichkeit scheinbar seinem Ansehen vorzieht, wirkt an dieser Stelle tadelnd. Bestätigt wird dieser Punkt im Folgenden durch die kritischen Worte der Königin, in denen sie ihn zornig als feindseligen Menschen darstellt, der sich durch seine Art nur selbst Schaden zufüge (Vgl. V 137— 157).

Laut Aristoteles, der mit seiner Ethik eine Basis für die Morallehre des Altertums schaffte, ist die Tugend im Wesentlichen das Einhalten des richtigen Maßes. Dabei können die Tugenden in verschiedene Bereiche unterteilt werden: Zum einen „solche des denkens, die dianoetischen oder interlectuellen, welche die Vernunft [...] zum object haben [...]; und solche welche die beherschung der affecte besorgen, die ethischen oder sittlichen tugenden“.4

Hier wird unterschieden zwischen den durch die Gesellschaft vorgegebenen Tugenden, den Sitten und Lehren, und Tugendhaftigkeit selbst aus dem inneren, als Verständnis für das, was sich „gehört“, die Vernunft also. Diese Unterscheidung spielt bei der Betrachtung des Iwein eine entscheidende Rolle und wird im Folgenden genauer erkäutert.

2.1. Êre

Eine der wichtigsten Tugenden ist die êre. Sie kann als eine Art Norm verstanden werden, die das ideale, wünschenswerte Verhalten der Mitglieder der adeligen Gesellschaft verlangt.5

Übersetzt werden kann der Begriff in vielerlei Weise, abhängig von seiner Verwendung. Im Wörterbuch finden sich eine Vielzahl an neuhochdeutschen Übersetzungsmöglichkeiten, neben Ehre und Anerkennung sind auch Würde, guter Ruf, Gewalt, Pflicht und Recht darunter.6 Anders wird der Begriff als eine „tapfere ritterliche Gesinnung und entsprechende Leistung, Standesvorzug und Standesgefühl, Ehrenhaftigkeit und Ehrgefühl, und die darauf beruhende Ehrenstellung, Achtung, Ansehen und Ruhm“7 beschrieben.

Gustav Ehrismann unterscheidet, ähnlich wie Aristoteles Kategorisierung der Tugenden, zwischen zwei Arten der êre. Auf der einen Seite nennt er die innere, subjektive êre, basierend auf der „ehre als charaktereigenschaft“8 oder „als Willensrichtung oder verhaltungsweise“9, wobei sich diese innere êre durch ehrenhaftes Handeln äußert. In Abgrenzung dazu nennt er die äußere, objektive êre, bei der der gesellschaftliche Wert und die Anerkennung von außen eine zentrale

Rolle spielen. Zu unterscheiden ist hier wiederum die tatsächliche Achtung, Wertschätzung und Verehrung durch Andere von einer hohen gesellschaftlichen Stellung, also Standes- oder Berufswürde.10

Ein Mensch erlangt sonach Ehre, indem er sich der jeweiligen Gesellschaft entsprechend tugendhaft verhält, dafür muss aber auch eine Ehrfurcht gemäß der Tugend, also auch ein Verständnis dafür bestehen, was ehrenhaft ist.

[...]


1 Vgl. Ehrismann, Höfische Wortgeschichte aus dem Mittelalter, S. 172.

2 Vgl. Weddige, Einführung in die germanistische Mediävistik, S. 173.

3 Alle Zitate nach der folgenden Ausgabe: Hartmann von Aue: Iwein. Hg. Von Volker Mertens. Frankfurt a. M. 2004.

4 Ehrismann, Die Grundlagen des ritterlichen Tugendsystems, S. 138.

5 Vgl. Ehrismann, Höfische Wortgeschichten aus dem Mittelalter, S. 66.

6 Vgl. Henning, Kleines Mittelhochdeutsches Wörterbuch, S. 78.

7 Van Stockum, Hartman von Ouwes „Iwein“, S. 4.

8 Ehrismann, Grundlagen des ritterlichen Tugendsystems, S. 155.

9 Ebd.

10 Vgl. Ehrismann, Grundlagen des ritterlichen Tugendsystems, S. 155.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung der ritterlichen Tugenden für Hartmanns Iwein
Untertitel
Ist Iwein ein tugendhafter Ritter?
Hochschule
Universität Bremen
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
25
Katalognummer
V505729
ISBN (eBook)
9783346062390
ISBN (Buch)
9783346062406
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Iwein, Hartmann, Ere, Tugend, Ritter, Mittelalter, Heldenepik
Arbeit zitieren
Jennifer Czok (Autor:in), 2018, Die Bedeutung der ritterlichen Tugenden für Hartmanns Iwein, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/505729

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