Genderkonstellation in Jewgenij Zamjatins "My". Russlands Selbstbild in Dystopien


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

26 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Grundlagen
2.1 Definition Gender
2.2 Historisch-politischer Hintergrund
2.3 Die Frau in der Sowjetunion
2.4 Dystopie

3 Textanalyse
3.1 Konstruktionen des „Einzigen Staats“
3.2 Erzählperspektive – D-
3.3 Frauenfiguren:
3.3.1 I-330
3.3.2 0-90
3.4 Genderkonstellation in der Welt „hinter der Grünen Mauer“

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit einer Zusammenfassung und Überarbeitung der Bachelorarbeit „Genderkonstellation in Zamjatins ´My´ “.

Der im Folgenden analysierte Roman ´My´ des russischen Schriftstellers Jewgenij Zamjatin aus dem Jahre 1924 ist eine fiktionale, in der Zukunft spielende Erzählung vom ´Einzigen Staat´. Dieser Staat wurde nach einem Krieg erbaut. Die Überlebenden leben in diesem gläsernen Staat, welcher von einer Grünen Mauer umgeben wird, die ihn vor der Außenwelt schützen soll. Alle Menschen tragen einheitliche Uniformen und ihr Alltag wird 24 Stunden lang strengstens von der Regierung geregelt und kontrolliert. Sogar die Liebe wird vom Regime reglementiert. In einem Tagebuch schreibt der Protagonist D-503 über das Leben in dem Einzigen Staat. Es besteht keinerlei Privatsphäre und der Einzelne, das „Ich“, das Individuum zählt in dieser Gesellschaft nicht, denn die Gesellschaft bildet ein Kollektiv, das ´Wir´. Der Protagonist führt ein erfülltes Leben, bis er I-330 kennenlernt und sich sein gesamtes geordnetes Leben in ein unerklärliches Gefühlschaos verwandelt. Sie zeigt ihm die verbotene Welt ´ hinter der grünen Mauer´. Dadurch zerbricht auch seine langjährige Beziehung mit der weiblichen O-90.

Um einen tieferen Blick auf die Genderkonstellationen dieses Romans werfen zu können, wird sich die folgende Arbeit mit den Geschlechterkonstruktionen des Einzigen Staates, sowie mit den wichtigsten Romanfiguren und den Geschlechtern hinter der grünen Mauer auseinandersetzen.

Dystopische Romane wie der Roman ´My´ werden heute noch gerne gelesen, geschrieben aber und auch verfilmt. Insofern ist es von wissenschaftlichem Interesse, sich mit Zamjatins Roman zu befassen, denn dieser Roman gilt nicht nur als Vorreiter und Klassiker des dystopischen Genres, sondern dient auch bis heute als Grundlage aller Dystopien, genauso wie zum wissenschaftlichen Basiswissen der slawischen Literaturwissenschaften in Universitäten.

Die wissenschaftliche Motivation für diese Arbeit entstand durch ein Seminar über slawische dystopische Romane an der Albert-Ludwig-Universität. In diesem Seminar wurden verschiedene Themenansätze zur Analyse der Romane bearbeitet, wie das Thema der Genderkonstellation, welches das wissenschaftliche Interesse weckte.

Der Themenschwerpunkt dieser Arbeit liegt somit auf der Analyse der Genderkonstruktionen des Staates und die der gegensätzlichen verbotenen Welt hinter der grünen Mauer, der männlichen Erzählerfigur und der zwei wichtigsten weiblichen Charakterfiguren aus dem Roman ´My´. Es wird erhofft, zum Schluss dieser Arbeit die Genderkonstellationen detailliert darlegen zu können und anschließend ihre Funktionen für den Roman darstellen zu können.

Somit ergeben sich hinsichtlich der zu betrachtenden Thematik folgende Forschungsfragen:

Wie wird die Genderkonstellation in Zamjatins Roman ´My´ dargestellt? Welche Gesellschaftsform wird in diesem entworfen? Daraufhin sollte auch gefragt werden, wie die Geschlechterverhältnisse in dieser Gesellschaftsform konzipiert werden.

Als nächstes sollte auf die Erzählperspektive eingegangen werden und darauf aufbauend wird diskutiert, wie sich diese Erzählerfigur selbst darstellt, wie sie ihre Gesellschaft und die Frauen beschreibt und vor allem welche Funktion in dem Roman hat.

Als nächstes sollte die Frage gestellt werden, wer diese weiblichen Romanfiguren sind und welche Funktionen sie für den Roman haben.

Schlussendlich sollte dann auch gefragt werden, wie die Genderkonstellationen in der verbotenen Welt ´hinter der grünen Mauer dargestellt werden.

Zur Beantwortung der aufgestellten Forschungsfragen wird für die Analyse der Genderkonstellationen für die Primärliteratur die russische Ausgabe von Zamjatin ´My´ aus dem Jahr 19671 verwendet. Zunächst wird der Gesamtinhalt betrachtet, wobei zur genaueren Veranschaulichung auf einzelne Textpassagen aus dem Roman hingewiesen wird. Diese Textausschnitte werden vom Autor dieser Arbeit eigenständig vom Russischen ins Deutsche übersetzt. Des Weiteren wurde für das Thema und der hauptsächlichen Analyse geeignete Sekundärliteratur gesucht und in die Arbeit miteingebracht. Die schlussendlichen Ergebnisse sind somit eigenständige Interpretationen und Analysen der Geschlechter des Romans.

Diese wissenschaftliche Arbeit gliedert sich in die folgenden vier Abschnitte:

Der erste Teil widmet sich der Darstellung der theoretischen Grundlagen und Definitionen zur Analyse der Genderkonstellationen des Romans. Der Begriff Gender wird klargestellt. Zudem wird ein Blick auf den geschichtlich-politischen Hintergrund, sowie eine Darstellung der Frauen in der Sowjetunion zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Romans geworfen. Im vierten Kapitel der theoretischen Grundkenntnisse wird der Begriff des literarischen Genres der Dystopie erklärt.

Im zweiten Teil, und somit im Hauptteil dieser Arbeit, werden zuerst die Konstruktionen des Gesamtbildes des „Einzelnen Staates“ sowie das Leben und die Gesetze des Staates herausgearbeitet und dargestellt. Besonders auf Geschlechterbeziehungen und die Funktionen der Frauen wird hingewiesen.

Daran schließt eine Betrachtung der Erzählperspektive und somit des Protagonisten D-503 an. Dies ist für die darauffolgende Analyse der Genderkonstellationen von großer Bedeutung, da er die Frauen in der gesamten Handlungsentwicklung aus seiner Sichtweise beschreibt, die sich im Verlaufe des Romans deutlich verändert.

Auf diesen genannten Grundlagen werden anschließend die zwei wichtigsten Frauenfiguren des Romans ausgearbeitet: die Rebellin I-330 und die alte Freundin O-90.

Im Folgenden werden nun zunächst die theoretischen Grundlagen betrachtet, die zum Verständnis und zur Durchführung des geplanten methodischen Vorhergehens notwendig sind.

2 Theoretische Grundlagen

2.1 Definition Gender

Der Begriff „Gender“ wurde aus dem amerikanischen Sprachgebrauch übernommen und bedeutet: „die kulturell vorgegebene Geschlechterrolle, die eine Gesellschaft bereitstellt […]“2 oder kurz gesagt, das kulturelle Geschlecht.

In Untersuchungen zu „Gender-Studien“ vertreten Inge Stephan und Christina von Braun folgende These: „Geschlechterforschung/Gender-Studien fragen nach der Bedeutung des Geschlechts für Kultur, Gesellschaft und Wissenschaft. Sie […] untersuchen, wie sich ein solcher Begriff in den verschiedenen Zusammenhängen jeweils herstellt […].“3 Es wird darauf hingewiesen, dass es eine Unterscheidung zwischen dem kulturellen Geschlecht (Gender) und dem biologischen Geschlecht (Sex) gibt und dass somit nicht nur eine bloße Geschlechtszuteilung aufgrund anatomischer Merkmale, wie die Geschlechtsteile oder das Aussehen, erfolgen sollte. Jedoch sollten diese natürlich nicht unbeachtet bleiben.

Für die hauptsächliche Analyse der Genderkonstellationen des Romans ´My´ ist es von Vorteil, sich mit bestimmten Gendermerkmalen auseinanderzusetzen. Diese Gendermerkmale oder Gender-Kategorien, wie sie von Inge Stephan vorgestellt werden, sind für die Literaturwissenschaft und vor allem für die nachfolgende Analyse von großer Bedeutung. Es werden mögliche Arbeitsfelder der Geschlechterforschung benannt4, z.B.: wie werden die Geschlechterfiguren ästhetisiert? Durch Kleidung? Inszenierungen? Durch die Beschreibung ihres Körpers oder bestimmten Gesten?5

Die Imaginationsforschung stellt einen weiteren wichtigen Betrachtungspunkt in dieser Genderanalyse dar und ist damit für diese Arbeit sehr wichtig, da es sich in diesem Roman um eine Dystopie (Kapitel 2.4) handelt und der Autor die Geschlechterkonstruktionen in die Zukunft überträgt und sie somit imaginiert.

Einen wichtigen Beitrag der Merkmale einer Genderidentität liefert auch Eve Kosofsky Sedgwick: Die Zuschreibung eines Geschlechts kann z.B. durch das biologische Geschlecht, durch die Selbstwahrnehmung des eigenen Geschlechts, durch die Zuneigung zum anderen Geschlecht, durch Phantasien, durch kulturelle Einflüsse usw. erfolgen.6.

Seit der Revolution 1917 (Kapitel 2.2) gibt es in der russischen Literatur eine entscheidende Wandlung. Natalja Grjakalova schreibt in ihrer Untersuchung zu „Geschlecht und Revolution“: „Die Literatur dieser Zeit bietet reiches Material, um Sinn und Bedeutungsverschiebungen auf der Achse männlich/weiblich und ihre Darstellungsformen zu analysieren.“7 Umso interessanter ist es somit, sich mit dem Roman ´My´ aus dem Jahre 1920 und somit nach der russischen Revolution zu beschäftigen.

2.2 Historisch-politischer Hintergrund

Wichtige Voraussetzungen für die nachfolgenden Diskurse sind die politischen und gesellschaftlichen Zustände während der Entstehungszeit des Romans von Zamjatin. Denn in den folgenden Kapiteln der Dystopie sind einige dieser zeitgenössischen Phänomene wieder zu erkennen.

Russland war 1914 in dem Ersten Weltkrieg verwickelt, der viele Menschenleben forderte und auch 1916/17 folgte für die Gesellschaft und das russische Militär ein „harter Winter“ mit Folgen von Hungersnöten und gesellschaftlichen Unruhen. 1917 ereignete sich in Russland eine der bedeutendsten Revolutionen des 20. Jahrhunderts, die mit Hilfe von Frauendemonstrationen, an die sich zusätzlich die Arbeiter und das Militär anschlossen, im Februar 1917 erfolgte. Es erfolgte eine Abdankung des letzten russischen Zaren Nikolaus II und die Machtübernahme von dem radikalen Sozialdemokraten Lenin. Er versprach der Gesellschaft Besserung im Lande und die Beendigung des Krieges. Doch weiterhin herrschten in Russland schreckliche Auseinandersetzungen und ein Bürgerkrieg bis Juni 1923, als letztendlich am 30.12.1922 die Sowjetunion gegründet wurde. Die Idee der Bolschewiken war „der neue Mensch“. Er fegt alle Feinde der Revolution weg und will ein neues, besseres Russland schaffen – für den neuen, besseren Menschen. Der „neue Mensch“ sollte ein zivilisierter, gebildeter und aufgeklärter Arbeiter sein. 1924 stirbt Lenin und sein Nachfolger Josef Stalin übernahm die Macht des sowjetischen Reiches. Dieses erlebte zwar einen unglaublichen wirtschaftlichen und industriellen Aufschwung, es wurden massenweise Arbeitsplätze geschaffen, aber die Unterschicht, vor allem die Bauern, starb an Hunger. Auch hier erfolgte eine „Massensäuberung“ der Politikgegner. „Die Gesellschaft wurde vom Staat geformt und war in allen ihren Lebensäußerungen einer totalen staatlichen Kontrolle unterworfen.“8 – so wie es auch im Roman von Zamjatin beschrieben oder sogar vorhergesagt wird.

Das folgende Kapitel konzentriert sich auf die Frauen in der Sowjetunion und soll für die hauptsächliche Analyse des Romans einen groben Überblick geben.

2.3 Die Frau in der Sowjetunion

„In der Literatur der zwanziger Jahre wurde sie – mehr Wunschbild als Abbild –allenthalben propagiert: kämpferisch, autark, befreit von familiärer [A1] und sexueller Unterdrückung.“ [9]

Elsbeth Wolffheim beschäftigt sich in ihrer Untersuchung mit der Frau in der sowjetischen Literatur von 1917 bis 1977 und vertritt die Bewertung, „da[ss] die sowjetische Literatur ein Soziogramm der bestehenden Gesellschaftsordnung liefert.“10 Die damalige sowjetische Literatur diente nicht nur der Bildung, sondern war auch „Identifikationsmodell, Bewu[ss]tseinsbildung und diente der Kommunikation.“11

In diesem Kapitel soll somit ein kurzer Überblick gegeben werden, welche Rolle die Frauen in dem Entstehungszeitraum des Romans hatten, um somit in der Hauptanalyse Schlüsse und Interpretationen ziehen zu können.

Die Revolution von 1917 brachte nicht nur einen Umbruch der allgemeinen politischen Lage, sondern auch der Gesellschaft und vor allem für die Frauen hat sich einiges verändert. Es herrschte ein gesellschaftliches Chaos in Russland: „Alle tradierten Moralvorstellungen werden aufgrund einer veränderten, revolutionären Gesetzgebung und infolge der Kriegswirren völlig auf den Kopf gestellt“, beschreibt Rotmann in ihrer Untersuchung. Der neue Arbeitsstaat hatte das Ziel, die Frauen in das wirtschaftliche und soziale Leben zu integrieren und sie somit gleichzustellen. Es wurde versucht, die geschlechtliche Unterdrückung der Frauen abzuschaffen und auch die Sexualmoral neu zu definieren. So lautet eines der prägendsten Gesetze der UdSSR:

Artikel 122. Der Frau stehen in der UdSSR auf allen Gebieten des wirtschaftlichen, staatlichen, kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Lebens die gleichen Rechte wie dem Manne zu. […], da [ss] sie dem Manne gleichgestellt ist im Recht auf Arbeit, auf Entlohnung, auf Erholung, auf Sozialversicherung und Bildung, ferner durch staatlichen Schutz der Interessen von Mutter und Kind, durch Gewährung eines vollbezahlten Schwangerschaftsurlaubs, durch das umfassende Netz von Entbindungsheimen, Kinderkrippen und -gärten. [12]

Für die Dreifachbelastung der Frauen „Arbeit-Haushalt-Kinder“ versuchte die Regierung deswegen mit der Einführung der Schulpflicht, der Betreuung der Kinder in Kinderkrippen oder Kindergärten, dem bezahlten Mutterschaftsurlaub die Frauen zu entlasten, damit sie sich auf die gesellschaftliche, produktive Arbeit konzentrieren können. So berichtet eine Zeitzeugin aus der sowjetischen Zeit: „Für eine typische sowjetische Vorzeigefrau an der Spitze des beruflichen Erfolges stellte sich also die Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht.“13

Die bolschewistische Regierung verfasste Gesetze über die Eheschließung und die Familie: Nun konnten sich auch die Frauen auf Wunsch scheiden lassen. Die Folge war nicht nur eine Vielzahl an Scheidungen, auch unehelich Kinder wurden gezeugt. Das traditionelle Familienleben wurde somit regerecht erschüttert.

In der Sexualität fordert die russische Revolutionärin, Feministin und Kopf der proletarischen Frauenbewegung Alexandra Kollontaj die freie Liebe, also Polygamie, Enttabuisierung von Sex, Gleichberechtigung und Emanzipation der Frau: „Die freie Entfaltung der Sexualität, […], verfeinere und bereichere die menschliche Psyche“14 und die Sexualität sei nur eine „Ausübung einer Körperfunktion“15. Auf Forderung von Kollontaj wurden Abtreibungen legalisiert. Somit wurde das Ideal der klischeehaften Hausfrau und Mutter völlig verdrängt. Anstelle der Familie standen nun Freiheit und Arbeit für die Frau an erster Stelle, wie auch Wolffheim bestätigt: „[…] die Loslösung der Frau aus der ´Sklaverei´ des Haushalts und des Familienlebens“16. Dieses Modell der freien Arbeiterfrau oder auch der „neuen Frau“ ist in der folgenden Analyse des Romans deutlich zu erkennen.

2.4 Dystopie

Von Seiten der Politik wurde gegen Zamjatins Roman ´My´ gehetzt, sie erhielt Publikations- und Schreibverbot. Der Grund dafür war, dass im Roman laut Politik Kritik am Ideal der „zunehmend mehr zum Totalitarismus übergehenden Politik“17 verübt worden sei.

In einer Dystopie oder dystopischen Erzählungen werden von den Autoren Kritik an der politischen oder gesellschaftlichen Zukunftsentwicklung in eine Schreckensvision gepackt. Diese Thematik ist eines der wichtigsten Merkmale einer Dystopie. Es sollte erwähnt werden, dass es für den Begriff Dystopie Synonyme gibt: Anti-Utopie, schwarze Utopie18, negative Utopie, finstere Welt.19

Das Genre der Dystopie entwickelte sich aus dem Begriff „Utopie“, der aus dem Griechischen stammt und ´ou´, ´nicht´ und ´topos´, Ort, bedeutet, was wörtlich also ´Nicht-Ort´ oder ´Nirgendwo´ bedeutet . Dystopie bedeutet, ebenfalls aus dem Griechischen übersetzt: ´dys´, ´schlecht, und ´topos´ Ort, also wörtlich ´schlechter Ort´, und bildet somit den Gegensatz zu einer positiven Utopie – eine negative, fiktive Modellwelt. In den Forschungen von Thomas Neumann20 wird klargestellt, dass besonders in den 1920er-Jahren und vor allem in Russland die Utopien „immer mehr von dystopischen Werken verdrängt“21 wurden. Nicht mehr die Utopie als Sehnsucht, Glaube und Visionen an eine bessere Welt, sondern als Angst vor der Allmacht „der sich etablierenden kommunistischen Bewegung“22 und der Entwicklung der Technik, welche den Menschen immer mehr ersetzen sollte. Diese Dystopien sollten als Warnung vor einer möglichen negativen Zukunft dienen. So antworten russische Autoren wie Zamjatin in ihrer Literatur mit satirischen und weniger optimistischen Aussagen in ihrer Literatur auf die industrielle Revolution23 und das gesellschaftliche Leben. Wichtige Elemente der dargestellten dystopischen Welt eines Romans sind nach Meyer24 z.B. die Isolation der Welt, der Kollektivismus, die Uniformität, die Eugenik, die Kulturpolitik, die Regierungsform usw.

Das Werk ´My´ von Zamjatin kann als die erste große Dystopie bezeichnet werden, bestätigt auch Leonore Scheffler in ihren Untersuchungen25.

3 Textanalyse

3.1 Konstruktionen des „Einzigen Staats“

Dieses Kapitel befasst sich mit der dargestellten Idee des fiktiven Staates ´ Единое Государство´ [26] /der Einzige Staat aus dem dystopischen Roman ´My´ von Zamjatin. Dabei soll die Fragestellung aufgegriffen werden, welche Gesellschaftsform in diesem Roman vom Autor konzipiert und dargestellt worden ist und auch wie diese Idee dargestellt wird.

Die Welt des ´Einzigen Staates´ ist umgeben von einer grünen Mauer, die den Staat von der Außenwelt abschirmt. „Зеленая Стена становится искусственной границей, отделяющей рационализированное общество от мира природы“27, beschreibt Boris Lanin. Die Geschichte dieses Staats wird vom Protagonisten D-503 in seinen Tagebüchern beschrieben.

Die Gesellschaft wird als ein großes gemeinsames Ganzes dargestellt. Es gibt kein Klassen- oder Rassensystem, es werden keine einzelnen Gruppierungen oder Familien genannt, die Gesellschaft bildet einen Kollektivismus, das ´My´. Zudem tragen alle Bewohner des Staates dieselben Uniformen, müssen alle zur selben Uhrzeit aufstehen und zu Bett gehen, dasselbe Essen gemeinsam zu sich nehmen und dabei gleichzeitig zum Takt eines Metronoms kauen, ´fünfzig Kaubewegungen sind für jeden Bissen gesetzlich vorgeschrieben´28. Es hat für den Leser den Eindruck, als wären die Bewohner des Staates wie hypnotisierte und gesteuerte Maschinen, die alles gleichzeitig durchführen.

Durch die einheitlichen ´blaugrauen Uniformen werden alle Bewohner völlig gleichgestellt. Ein wichtiger Punkt ist also das äußere Erscheinungsbild der Gesellschaft für den Kollektivismus, dabei wird auf Individualismus, wie z.B. Kleider für Frauen und Hüte für Männer, vollkommen verzichtet. Ob männliches oder weibliches Geschlecht spielt für den Einzigen Staat somit keine bedeutende Rolle.

Andererseits aber tragen die uniformierten Menschen alle ein Abzeichen, worauf sich ein Buchstabe und eine Zahl befinden. Es lässt sich somit schlussfolgern, dass alle Vokale dem weiblichen Geschlecht zugeteilt sind und alle Konsonanten dem männlichen Geschlecht. Nach dem Buchstaben folgen bestimmte zugeordnete Zahlen. Abgesehen davon, wie der Personalerzähler die Figuren äußerlich beschreibt und sie charakterisiert (siehe Kapitel 5.2), sind die Bewohner des Staates äußerlich völlig gleichgestellt nur mit Hilfe der Geburtenkontrolle und der Mutternorm, welche später noch ausführlicher erläutert wird, versucht der Einheitsstaat, einen biologisch idealen Menschen zu schaffen mit dem Ziel, auch die körperlichen Merkmale gleich werden zu lassen, ´dass wir alle, wenn auch nicht jetzt, so doch in fünfzig oder hundert Jahren...« » Dass wir dann alle die gleichen Nasen haben...´29

Die Gesetze und Regelungen des Tagesablaufes im Einheitsstaat befinden sich für alle Bewohner in jedem ihrer gläsernen, durchsichtigen Zimmer auf einer sogenannten Gesetzestafel. Diese Gesetze müssen von jedem eingehalten werden. Verstößt jemand gegen eines dieser Gesetze, wird die Person von den Beschützern, den Augen des Gesetzes, mit der Todesstrafe30 bestraft.

[...]


1 Zamjatin, Evgenij I. (1967): My. Roman. Unter Mitarbeit von Evgenija Žiglevič und Vladimir G. Bondarenko. New York: Meždunarodne Lit. Sodruž.

2 Braun, Christina von von; Stephan, Inge (Hg.) (2006): Gender-Studien. Eine Einführung. 2., aktualisierte Aufl. Stuttgart: Metzler. S.10.

3 Braun (2006). S.9.

4 Vgl., Braun (2006). S.294.

5 Ebd. S.110.

6 Vgl. Kosofsky, Eve Sedgwick (1993): Tendencies. Duke University Press, Durham. S. 7.

7 Cheauré, Elisabeth; Heyder, Carolin (Hg.) (2002): Russische Kultur und gender studies. Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde; Tagung der Fachgruppe Slavistik in der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V. (DGO). Berlin: Berlin-Verl. Spitz (Osteuropaforschung, 43). S.202.

8 Vgl. Rotmann, Ulrike (2003): Geschlechterbeziehung im utopischen Roman. Analyse männlicher Entwürfe. Zugl.: Saarbrücken, Univ., Diss., 2002. Würzburg: Königshausen & Neumann (Saarbrücker Beiträge zur vergleichenden Literatur- und Kulturwissenschaft, 21). S.156.

9 Wolffheim (1979). S.5

10 Wolffheim (1979). S.6.

11 Scheffler (1984). S. 172.

12 Ebd., S.185.

13 Köbberling, Anna (1997): Das Klischee der Sowjetfrau. Stereotyp und Selbstverständnis Moskauer Frauen zwischen Stalinära und Perestroika. Zugl.: Tübingen, Univ., Diss. Frankfurt/M.: Campus-Verl. S.83.

14 Möbius, Thomas; Saage, Richard (2015): Russische Sozialutopien von Peter I. bis Stalin. Historische Konstellationen und Bezüge. Teilw. zugl.: Berlin, Humboldt-Univ., Diss., 2012. Berlin: Lit-Verl. (Politica et ars, 25). S.385.

15 Wolffheim (1979). S.20.

16 Ebd., S.21.

17 Rotmann (2003). S.165.

18 Vgl., ebd., S.156.

19 Bemerkung: In dieser Arbeit wird der Begriff „Dystopie“ bevorzugt.

20 Vgl. Neumann, Thomas (2009): Utopia in Dystopia? Untersuchungen zum utopischen Potenzial von Gegenwelten im dystopischen Roman. S.6.

21 Neumann (2009). S.6.

22 Scheffler (1984). S.172.

23 Vgl. Scheffler (1984). S.185.

24 Vgl.,Meyer, Thomas (2001). Die anti-utopische Tradition: Eine ideen- und problemgeschichtliche Darstellung (Europäische Hochschulschriften / European University Studies / Publications Universitaires Européennes) Taschenbuch. Lang, Peter Frankfurt; Auflage: 1.

25 Scheffler (1984). S.155.

26 Alle Zitate aus dem Roman nach dieser Ausgabe: Zamjatin (1967).

27 Lanin, Boris A. (1993): Russkaja literaturnaja antiutopija. Moskva. S.73.

28 Ebd., S.89. / пятьдесят узаконенных жевательных движений на каждый кусок

29 Ebd., S.10. / если не сейчас, так через пятьдесят, сто лет... -- Даже носы у всех...

30 Vgl., Ebd., S.100f.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Genderkonstellation in Jewgenij Zamjatins "My". Russlands Selbstbild in Dystopien
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Veranstaltung
Russlands Selbstbild in Utopien und Dystopien. Von der Romantik (Vladimir Odoevskij) bis zur Gegenwart (Vladimir Sorokin)
Note
1,0
Jahr
2017
Seiten
26
Katalognummer
V505755
ISBN (eBook)
9783346050670
ISBN (Buch)
9783346050687
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zamjatin, My, Wir, Roman, Gender, Genderkonstelation, Frauen, Männer, Dystopie, Science- Fiction, Frauenfiguren, D-503, Russland, Russisch, Samjatin
Arbeit zitieren
Anonym, 2017, Genderkonstellation in Jewgenij Zamjatins "My". Russlands Selbstbild in Dystopien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/505755

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