Qualitative Methoden. Das Leitfadeninterview im Kontext von Privatheit und Internet


Projektarbeit, 2015

22 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Forschungsansätze in der Kommunikationswissenschaft

2. Besonderheiten qualitativer Forschung
2.1 Formen und Prinzipien qualitativer Befragungen
2.2 Das Leitfadeninterview
2.2.1 Merkmale des Leitfadeninterviews
2.2.2 Potentielle Stärken & Schwächen des Leitfadeninterviews

3. Herleitung der eigenen Fragestellung

4. Das Forschungsdesign in seiner Entwicklung

5. Methodisches Vorgehen

6. Reflexion

7. Literatur- und Quellenverzeichnis

8. Anhang
8.1 Ursprünglicher Leitfaden
8.2 Überarbeiteter Leitfaden
8.3 Fragebogen

1. Forschungsansätze in der Kommunikationswissenschaft

„Forschung zielt auf Erkenntnis" (Fahr 2011: 72), das ist unbestritten, doch wie können Forscher ebenjene erlangen? Um diese Frage zu beantworten, gibt es mehrere Ansätze, die je nach Wissenschaft variieren. Die Mathematik und die formale Logik beispielsweise sind Wissenschaften, die deduktiv arbeiten, also ohne Empirie auskommen. Die Kommunikationswissenschaft hingegen ist eine empirische Wissenschaft. Empirisch meint, dass sich Erkenntnis nicht durch logische Schlüsse ableiten lässt, sondern dass induktiv von einigen Fällen auf viele (oder alle) Fälle geschlossen wird. Die so gewonnenen Erkenntnisse sind allerdings immer nur vorläufig; sie verlieren ihre Gültigkeit, wenn neuere Forschung widersprüchliche Ergebnisse liefert (vgl. ebd. 2011: 73). Um zu Ergebnissen zu gelangen, stellt sich die Frage, mit welcher Methode Daten erhoben und ausgewertet werden sollen. Unterschieden wird zwischen qualitativen und quantitativen Methoden, wobei beides Verfahren der empirischen Forschung sind, die regelgeleitetes Handeln vorgeben (vgl. ebd. 2011: 76).

Während bei quantitativen Verfahren „empirische Beobachtungen über wenige, ausgesuchte Merkmale systematisch mit Zahlenwerten belegt und auf einer zahlenmäßig breiten Basis gesammelt werden" (Brosius, Haas & Koschel 2012: 4), sollen qualitative Verfahren komplexe Phänomene in ihrer ganzen Breite erfassen (vgl. ebd. 2012: 4). Quantitative Forschung ist folglich messend und orientiert sich hauptsächlich an den strukturellen Vorgaben der Mathematik und der formalen Logik (Fahr 2011: 81). Qualitative Forschung hingegen strebt das Verstehen an, es sollen auch kontextbezogene Inhalte erfasst werden, die sich nicht allein durch standardisiertes Messen erfassen lassen (vgl. Helfferich 2004: 19).

Welche Methode gewählt wird, ist abhängig von der zu beantwortenden Forschungsfrage. Auf qualitative Methoden wird vor allem zurückgegriffen, wenn der Gegenstandsbereich bisher erst wenig erforscht ist und „man noch nicht genau weiß, wonach man fragen muss". Wenn bereits über ein großes Wissen aus vorheriger Forschung verfügt werden kann, dann bieten sich quantitative Methoden eventuell eher an (vgl. Brosius et al. 2012: 4f.).

Dabei sollte beachtet werden, dass jedes reflektierte Forschungsverfahren seine Berechtigung hat und hilfreich zur Lösung von Fragen sein kann, aber keines allein alle Fragen beantworten kann (vgl. Fahr 2011: 78). Qualitative und quantitative Ansätze sind weder unvereinbar, noch müssen sie in Konkurrenz zueinander stehen. Vielmehr sollten die beiden Forschungsansätze so kombiniert werden, dass sie sich optimal ergänzen und so bestmögliche Ergebnisse erzielt werden können (vgl. Mayer 2013: 26f.).

Nachdem nun die Grundsätze qualitativer und quantitativer Forschung kurz erläutert wurden soll nachfolgend auf die Besonderheiten qualitativer Forschung eingegangen werden. Anschließend wird das Leitfadeninterview als eine Methode qualitativer Forschung näher beschrieben. Nach der theoretischen Einführung wird ihr Einsatz an einem praktischen Beispiel, welches sich mit dem Thema Datenschutz im Internet befasst, erörtert. Das erarbeitete Forschungsdesign soll inklusive seiner Entwicklung dargestellt werden und auch die Durchführung der Methode wird kurz erläutert. Abschließend folgt eine Reflexion, die Potenziale und Probleme des Leitfadeninterviews diskutiert und den Forschungsprozess kritisch auswertet.

2. Besonderheiten qualitativer Forschung

Qualitative Forschung basiert auf den Grundprinzipien der Offenheit und der Kommunikation. Damit ist unter anderem gemeint, dass dem Befragten die Möglichkeit gegeben wird, sein eigenes Relevanzsystem oder sein Deutungsmuster zu entfalten (vgl. Helfferich 2004: 100). Die Offenheit sieht vor, dass in die Tiefe auf einzelne Fälle eingegangen wird, Zusammenhänge menschlichen Denkens und Handelns sollen nachvollzogen werden. Dabei ist das Ziel häufig die Generierung von Hypothesen und nicht deren Überprüfung (vgl. Mikos & Wegener 2005: 254f.) . Grade in der Kommunikationswissenschaft gibt es zahlreiche Fragestellungen, die eine möglichst authentische Erfassung der Sichtweisen und der Lebenswelt der Betroffenen erfordern, dabei kann der offene Zugang qualitativer Forschungsmethoden hilfreich sein (vgl. Mayer 2013: 25). Vor allem Fragen in den Bereichen der Mediennutzungs- und Medienwirkungsforschung lassen sich nur durch Zahlen Ergebnisse schlecht darstellen, es ist erforderlich auch nicht-messbare Zusammenhänge zu berücksichtigen. Ein Beispiel zur Veranschaulichung: die tägliche Dauer der Rezeption bestimmter Fernsehformaten lässt sich problemlos in Stunden und Minuten erfassen, eine quantitative Datenerhebung und -auswertung ist sinnvoll. Sollen darüber hinaus aber auch Gründe für den Konsum, oder Gefühle beim Rezeptionsprozess erforscht werden, dann reicht die Erhebung von Zahlen und deren Darstellungen in Statistiken nicht länger aus. Es ist erforderlich in einem flexiblen Prozess offen auf den Befragten einzugehen, um Erklärungen zu erhalten (vgl. Meyen, Löblich, Pfaff-Rüdiger & Riesmeyer 2011, Quelle: Lamnek 2010: 19-25).

2.1 Formen und Prinzipien qualitativer Befragungen

Das Interview ist die am weitesten verbreitete Methode in der qualitativen Sozialforschung. Sie bietet sich vor allem dann an, wenn es um das Erheben von Einstellungen, Meinungen, Gründen, Gefühlen und Wünschen geht. Von anderen Methoden, wie zum Beispiel der Beobachtung, unterscheidet sie, dass sie es ermöglicht „innere Zustände des Menschen zu messen" (Möhring & Schlütz 2003: 16), die andernfalls nicht erfasst werden könnten.

Interviews lassen sich nach dem Grad ihrer Standardisierung differenzieren: Während das unstrukturierte Interview einem „normalen" Gespräch am ähnlichsten ist, gibt es bei vollstandardisierten Interviews einen fest vorgeschriebenen Ablauf (vgl. ebd. 2003: 16f.). „Zwischen diesen beiden Extremformen liegen halb strukturierte Interviewformen wie das so genannte Leitfadeninterview, das zwar ohne vorgefertigten Fragebogen auskommt, bei dem aber die Fragen vorliegen" (ebd. 2003: 17). Bei solchen Leitfadeninterviews können die Reihenfolge der Fragen und deren Formulierung vom Interviewer an die jeweilige Gesprächssituation angepasst werden.

2.2 Das Leitfadeninterview

Wie zuvor erläutert, stellt das Leitfadeninterview eine Variante qualitativer Befragungsmethoden dar.

2.2.1 Merkmale des Leitfadeninterviews

Das Leitfadeninterview zeichnet sich dadurch aus, dass der Interviewer im Gespräch einen Leitfaden als Wissens-Stütze verwendet. Der Leitfaden ist ein wichtiges Untersuchungsinstrument, das am Erkenntnisinteresse der Forschung orientiert ist und dazu dient die Forschungsfrage(n) zu operationalisieren. Der Leitfaden vermittelt folglich zwischen Theorie und Empirie. Er sollte vollständig alle relevanten Themen enthalten, verständlich formuliert sein und eine sinnvolle Reihenfolge haben. (vgl. Meyen et al. 2011: 91).

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, wie ein Leitfaden aufgebaut sein kann. Verallgemeinernd lässt sich festhalten, dass er in der Regel mehrere offene Fragen und teilweise auch Stichwörter enthält. Die Fragen sollten möglichst kurz, konkret, spannend und nicht suggestiv sein. Es kann von Vorteil sein, wenn sie den Befragten zum Nachdenken anregen, oder vielleicht sogar schockieren (vgl. ebd. 2011: 91). Mit dem Leitfaden soll sichergestellt werden, dass keine wesentlichen Aspekte im Interview vergessen werden. Es wird allerdings keine strikte Reihenfolge vorgegeben, daher muss der Interviewer selbst entscheiden, wann detaillierte Nachfragen angebracht sind (vgl. Mayer 2013: 37).

2.2.2 Potentielle Stärken & Schwächen des Leitfadeninterviews

Leitfadeninterviews haben einige spezifische Vor- und Nachteile, aber auch Chancen und Risiken, die auf alle persönlichen Befragungen zutreffen. Nachfolgend sollen zunächst ausgewählte Stärken und Schwächen von persönlichen Interviews erläutert werden.

In einer Face-to-Face-Befragung wird versucht Kommunikation durch Kommunikation zu messen, was generell als problematisch anzusehen ist, auch wenn die Kommunikation sich zumindest teilweise standardisieren lässt (vgl. Mörhring & Schlütz 2003: 16). Da es zu einer, kaum kontrollierbaren, Interaktion zwischen Befragtem und Interviewer kommt, ist die Methode hoch reaktiv. Das Instrument beeinflusst das Messobjekt. Ebenjener Einfluss kann unterschiedlich stark ausfallen. Besonders bei heiklen Themen wie beispielsweise Drogenkonsum oder Sexualität hat die Methode große Schwächen, da Effekte sozialer Erwünschtheit auftreten können. Befragte antworten dann unter Umständen nicht wahrheitsgetreu, sondern lassen sich von ihrem Gegenüber beeinflussen und stellen eigene Meinungen, Handlungen etc. so dar, wie sie diese für gesellschaftlich anerkannt halten (vgl. ebd. 2003: 155). Solche Beeinflussungen können dafür sorgen, dass die Reliabilität und die Validität der Forschungsergebnisse niedrig ausfallen (vgl. ebd. 2003: 21).

Ein Vorteil persönlicher Befragungen ist, dass auch längere Interviews möglich sind, Verweigerungs- und Abbruchraten sind vergleichsweise niedrig. Da der Interviewer seine Fragen visuell unterstützen kann, ist zudem das Stellen von komplexen Fragen möglich. Bei Unverständnis oder Unsicherheit kann der Interviewer Erklärungen geben und falls nötig auch motivieren (vgl. ebd. 2003: 130).

Es sollte allerdings auch bedacht werden, dass der Interviewer eine sehr wichtige Rolle einnimmt, denn im Gespräch befindet er sich in einem „Prozess permanenter spontaner Operationalisierung" (Wagner 2008: 327). Dementsprechend sind hohe Anforderungen an ihn zu stellen sind. Zudem erfordern persönlich-mündliche Interviews einen hohen finanziellen und zeitlichen Aufwand (vgl. Mörhring & Schlütz 2003: 155). Besonders die Vorbereitung benötigt viel Zeit, da Interviewer gut geschult werden müssen, um im Sinne der Forscher zu agieren.

„Die größte Schwäche der Methode liegt in ihrer zum Teil mangelnden Standardisierbarkeit bedingt durch die Interviewer-Befragten-Interaktion sowie ihre hohe Reaktivität" (ebd. 2003: 16). Um dieser Schwäche persönlicher Befragungen entgegenzuwirken, kann ein Leitfaden genutzt werden. Dieser macht Ergebnisse verschiedener Gespräche besser vergleichbar, indem er zumindest eine grobe Struktur vorgibt. Gleichzeitig lässt er aber einen gewissen Spielraum für Spontanität und Überraschendes, der bei vollstandardisierten Interviews fehlt (vgl. ebd. 2003: 17).

Der Leitfaden soll dem Interviewer zur Orientierung dienen, ohne den Gesprächsverlauf einzuschränken.

Er soll nicht dazu führen, dass es zu einer Blockierung von Informationen kommt. Dies geschieht, wenn der Interviewer sich stark an die im Leitfaden vorgegebenen Themen hält und davon abweichende Aussagen generell als nicht relevant einstuft. In diesem Zusammenhang kann es auch zu dem Problem der sogenannten Leitfadenbürokratie kommen. Der Interviewer arbeitet dann stur eine Leitfadenfrage nach der anderen ab, wodurch das Gespräch gefährdet ist, zu zügig und oberflächlich zu verlaufen. Im Idealfall hingegen sollte die Gesprächsstruktur Vorrang vor der Struktur des Leitfadens haben (vgl. Wagner 2008: 327f.).

3. Herleitung der eigenen Fragestellung

Im Jahr 2014 nutzten 79,1% der Deutsch sprechenden Bevölkerung ab 14 Jahren das Internet zumindest gelegentlich, 58,3% sogar täglich (vgl. Von Eimeren & Frees 2014: 378). Diese hohen Nutzerzahlen verdeutlichen die große Relevanz, die das Internet aktuell für viele Menschen spielt. Die Ergebnisse der ARD/ZDF-Onlinestudie 2014 zeigen außerdem, zu welchem Zweck Onlineanwendungen hauptsächlich verwendet werden: Neben dem Suchen von Informationen und der Kommunikation via E-Mail haben die Nutzung von Apps und Onlinecommunitys eine steigende Bedeutung. Fischermann und Hamann stellen auf Letztere bezogen fest: „Soziale Netzwerke haben die Welt verändert. Millionen Teenager haben entschieden, ihr Medium der Wahl seien nicht mehr Briefe oder Tagebücher. Stattdessen schreiben sie alles ins Netz, fotografieren oder kommentieren per Handykamera in kleinen Videospots" (2011: 101).

Es stellt sich nun die Frage, ob die Datenskandale, die sich in den letzten Jahren ereignet haben, zum Beispiel das Ausspähen von Nutzerdaten oder das Entwenden von Passwörtern, einen Einfluss auf das Internetnutzungsverhalten haben.

Mit diesem Thema beschäftigte sich auch die Acatech Studie im Jahr 2012. In Fokusgruppen-Interviews sollte ermittelt werden, welche Einstellungen, Befürchtungen und Wünsche verschiedene Nutzergruppen mit dem Thema Privatheit im Internet verbinden (vgl. Buchmann 2012: 38). Dabei wurde zwischen Digital Natives, Technikaffinen, Technikdistanzierten und Experten unterschieden. Zu den Digital Natives wurden alle Personen zwischen 18 und 25 Jahren gezählt. Abgesehen von der Einteilung nach dem Alter fand keine weitere Differenzierung innerhalb dieser Gruppe statt. Da aber denkbar ist, dass sich dort sehr heterogene Einstellungen, Motivationen und Ängste ausmachen lassen, soll in der eigenen Forschung ermittelt werden, ob die Digital Natives in Nutzertypologien eingeteilt werden können. Weiterhin soll untersucht werden, welches Verständnis von Privatheit und Öffentlichkeit vorherrscht und inwieweit es ein Problembewusstsein zum Thema Datenschutz im Internet gibt. Es stellen sich die folgenden Forschungsfragen:

1.: Inwiefern sind sichDigital Natives" als Nutzer von Online Diensten des Problems der Datensicherheit bewusst?

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Qualitative Methoden. Das Leitfadeninterview im Kontext von Privatheit und Internet
Hochschule
Universität Erfurt
Note
1,3
Jahr
2015
Seiten
22
Katalognummer
V505758
ISBN (eBook)
9783346058546
ISBN (Buch)
9783346058553
Sprache
Deutsch
Schlagworte
qualitative, methoden, leitfadeninterview, kontext, privatheit, internet
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, Qualitative Methoden. Das Leitfadeninterview im Kontext von Privatheit und Internet, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/505758

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